Versuch einer Ethnographie der Philippinen
Part 10
Die Reichen schliessen auf diese Weise 15 bis 20 Ehen nacheinander; bei den Armen finden Ehescheidungen selten oder gar nicht Statt, indem sie nicht im Stande sind, jene unumgängliche Geldbusse zu zahlen. Es ereignet sich mitunter, dass ein Mann drei, vier Mal eine und dieselbe Frau heirathet und sich wieder scheiden lässt.
Wird ein Tinguiane krank, so erhält er so gut wie keine Pflege; sobald die Krankheit einen derartigen Verlauf nimmt, dass keine Hoffnung auf Genesung vorhanden ist, so wird der Kranke von den Seinen lieblos verlassen, und muss ähnlich wie der Eskimo sein Leben beschliessen. Kaum hat der Sterbende den letzten Athemzug gethan, so wird auch schon seine Leiche aus der Wohnstätte herausgeschafft und dicht unter der Hütte vergraben. Über dem Grabe werden grosse Steine aufgehäuft. An gewissen Tagen des Jahres werden auf diese eigenthümlichen Grabmonumente Lebensmittel gelegt, damit die Seelen der Verstorbenen ihren Hunger stillen könnten.
Die Namen der Verstorbenen werden von deren Hinterbliebenen nicht mehr genannt, so dass, wenn man einen Tinguianen nach dem Namen eines seiner Ahnen fragt, dieser den Fragesteller an einen Kameraden weist, da er selbst die Antwort nicht ertheilen dürfe. Diese Sitte ist für die spanischen Beamten keine Erleichterung in ihrem Dienste.
Im Jahre 1624 begannen die ersten unglücklichen Versuche der Spanier, die Tinguianen zu unterwerfen, erst seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts drang die spanische Herrschaft immer mehr in die Berge und Thäler jenes intelligenten Stammes vor, bereits 1848 zählte man, nach Diaz Arenas, 8717 Tinguianen, welche die spanische Hoheit anerkannten, während heute nur ein geringer Theil noch seine Unabhängigkeit bewahrt hat. In diesem Theile Luzons breitet sich das spanische Hoheitsgebiet sehr rasch und unblutig aus.
28. Adangs.
Der Name der Adangs hat zahlreiche Variationen und Lesearten aufzuweisen: Adangtas, Adanginos, Adanes, Adamitas. Sie wohnen im nordwestlichen Winkel Luzons, um den Pueblo Adan(g) und den gleichnamigen Berg [22]. Ihre Zahl ist keine grosse, trotzdem bilden sie eine Nation für sich, indem ihre Sprache keine Ähnlichkeit mit jener ihrer Nachbarn (der Ilocanen, Tinguianen, Apoyaos, Cagayanen) besitzt (Buzeta y Bravo I, 271). In ihren Sitten haben sie vieles, was an die Apayaos erinnert (Ilustr. 1860, n. 17, p. 200). Seit 1720 begann ihre Christianisirung, und bald erfolgte auch die Gründung des christlichen Pueblos Adan(g) (Mozo 73). Das Christenthum wird auch hier tagalisirend einwirken.
29. Apayaos.
Der gefürchtete Kriegerstamm der Apayaos wohnt in den Bergregionen des Stromgebietes des Rio Apayao, ferner in dem nördlichen Theile der Ostabhänge jenes Gebirges, welches die Provinzen Cagayán und Ilócos Norte scheidet. Im Süden reichen sie bis zur Stadt Malaueg (oder Malauec) im Stromgebiet des Rio Chico de Cagayán. Sie werden auch Apayos oder Apoyaos genannt.
Ihre Hütten sind aus Balken einer Cedergattung "Danigga" erbaut, sie ruhen auf sehr hohen Pfeilern, während die Dachbedeckung durch Rohr ähnlich wie in Ilócos hergestellt wird (Mas, pobl. 28). Der Grundriss ist stets viereckig und an den vier Ecken stehen mächtige grosse Pfeiler. Der Fussboden besteht aus glatt zugehauenen Cederdielen, die Zwischenwände sind aus Palmblättern verfertigt. Der Feuerherd ist in einer Ecke der Hauptwohnung angebracht. Wodurch sie sich aber vor allen übrigen Bewohnern Luzons auszeichnen, ist die Sorgfalt, mit der sie das Innere ihrer Hütten ausschmücken, besonders beliebt sind chinesische Krüge und Vasen (Buzeta I, 57). Sie bauen auch Getreide, insbesondere Mais (Buzeta, l. c.). Auch Tabak wird, und zwar im grossen Stile, angepflanzt und damit ein schwunghafter Schmuggel getrieben (l. c.). Sie pflanzen auch einen vorzüglichen Cacao, den sie nach Ilócos exportiren (Mas, pobl. 28; Buzeta, l. c.).
Ein Theil der Apayaos ist bereits christlich geworden (Buzeta I, 306), die übrigen hängen fest an ihrem alten Glauben, der in einem intensiven Ahnencultus besteht. Die Waffen und Schmuckgegenstände der verstorbenen Ahnen werden an den Wänden der Hütten aufgehängt, und um diese Trophäen herum rothgefärbte Bejuco-Stäbe, zu verschiedenen Figuren zusammengestellt, an der Wand befestigt (Buzeta I, 60), oder es wird die Lanze [23] des Ahnen in die Wand gebohrt und mit rothgefärbtem Bejuco-Geflecht oder den aus bessern Zeugen bestehenden Lendenschürzen [24] des Verstorbenen behängt (Mas, pobl. 16). Zu den Seiten dieser Trophäen werden Matten, verfertigt aus der Rinde des Afutag-Baumes, aufgespannt oder befestigt (Buzeta, l. c.). Dabei fehlt nie ein eigenthümlich geformtes irdenes Trinkgeschirr, aus welchem sie bei ihren Festgelagen den Anitos, d. h. den Seelen ihrer Vorfahren, Libationen darbringen (Mas, pobl. 16; Buzeta I, 60). Diese Trophäen werden von ihnen ängstlich gehütet und sind ihnen auch zu keinem Preise feil.
Auch sie sind Kopfjäger. Starb einer, insbesondere ein Vornehmer, so machten sich seine Verwandten auf, um auf die Kopfjagd auszugehen. Je höher im Ansehen der Verstorbene stand, desto mehr Köpfe sollten zum Todtenopfer fallen (Mozo 69; Buzeta I, 306). Sie legen sich dann in einen Hinterhalt, um dann plötzlich den arglosen Reisenden zu überfallen und mit Lanzenstichen zu tödten, worauf sie den Kopf abschneiden, den übrigen Leichnam aber am Orte der Blutthat zurücklassen. Die erbeuteten Schädel werden dann um den Todten aufgestellt, worauf ein Schmaus und Trinkgelage Statt findet, bei welchem viehisch gegessen und getrunken wird. Ist diese lärmende Festlichkeit vorüber, so wird dann erst der Leichnam bestattet, und zwar werden ihm in das Grab Speisen, Getränke und jene Feindesschädel mit hineingegeben (Mozo 69). Heute ist diese grausame Sitte im Abnehmen begriffen, nur die im Quellgebiete des Rio Apayao lebenden Apayaos wollen davon nicht lassen. Viele Apayaos sind bereits spanische Unterthanen geworden.
30. Catalanganen.
Die Catalanganen sind nur ein Zweig der Irayas, verdienen aber eine Sonderstellung, weil sie in ihren Sitten, Bräuchen und Anschauungen von den letzteren gänzlich abweichen. Ihren Namen erhielten sie von dem Rio Catalangan, einem rechten Zuflusse des Rio Grande de Cagayán, an dessen Ufern ihre Hauptsitze zu suchen sind (Provinz Isabela).
Prof. Semper hält sie für stark mit chinesischem Blute gemischt und bemerkt hierüber: "Die Abstammung von der mongolischen Rasse liess sich auf den ersten Blick erkennen, an dem hohen Körperbau der Leute, dem länglichen schmalen Gesichte mit stark zurücktretendem Kinn und der hohen, von Haarwuchs freien, aber sehr nach hinten gekrümmten Stirn, an den starken Backenknochen und den kleinen Augen" (Erdk. X, 257). Innere historische Gründe sprechen gegen eine starke Beimischung chinesischen Blutes. Semper nimmt auch Mengung mit Japanen oder wenigstens starken japanischen Einfluss an (Semper, Erdk. X, 265, und Skizzen 55). Unter den Catalanganen leben friedlich Negritos (Semper, Erdk. X, 260; Cavada I, 81). Was die günstigen Seiten ihres Charakters anbelangt, so werden ihre Friedfertigkeit, welche aber nur ihrer grossen Feigheit zu verdanken ist, ihre Ordnungsliebe, Subordination, Nüchternheit und Frugalität gerühmt, ihnen dagegen aber Habsucht, Geiz, Indolenz, Ungastlichkeit &c. vorgeworfen (Semper, Erdk. X, 261). In Bezug auf letzteres hebt Cavada gerade das Gegentheil hervor, vielleicht im Irrthume begriffen, indem er die Irayas meinte, oder es hat seit Semper's Besuch ein Umschwung Statt gefunden.
Sie tätowiren sich, die Muster sind chinesischen oder japanischen Ursprunges (Semper, Erdk. X, 265, u. Skizzen 55), nach einer anderen Stelle (Semper, Erdk. X, 254) aber von derselben Art, wie sie bei den Negritos üblich ist. Die Männer und Weiber tragen eine ähnliche Kleidung wie die "Indier", d. h. die christlichen Malaien. Um den Leib über Hüften und Nabel werden buntgefärbte geflochtene Bänder und Messingstreifen getragen (Semper, Erdk. X, 260). Ausserdem tragen Männer und Weiber einen Gürtel mit einer dicken Patronentasche, welche rückwärts hängt und in welcher der Buyo, der von ihnen auch mit Leidenschaft gekaut wird, sich befindet (l. c.). Diese Tasche dient auch als Stützpunkt für die kleinen Kinder, welche mittelst eines Zeuges von der Mutter auf dem Rücken nach Zigeunerart getragen werden (l. c.).
Ihre Schmucksachen gleichen denen der Negritos (Semper, Erdk. X, 260). Am Arme und in den Ohren tragen sie Messingringe, in einem Ohre mitunter 6 Ringe, wodurch die Ohrlappen eine unnatürliche Verlängerung erleiden (l. c.). Auch Glasperlen, Ohrgehänge aus Silber oder schlecht vergoldetem Kupfer kaufen sie gern von christlichen und chinesischen Krämern ein (Semper, Erdk. X, 259). Ihre Waffen sind Bogen und Pfeile (l. c. 261).
Ihre Rancherías bestehen nur aus wenigen Hütten, und diese selbst liegen weit auseinander, so dass selbst die grössten Dörfer nicht mehr als 20 bis 30 Hütten zählen (Semper, Erdk. X, 258). Die Hütten stehen auf Pfählen, so dass man nur auf einer Leiter in das Innere gelangen kann; in der Nacht wird die Leiter aufgezogen. Die Dächer sind sehr dicht und solid aus Gras oder Rohr über dem Gebälke hergestellt (Semper, Erdk. X, 260, u. Skizzen 54). Das Innere der Hütte wird nur durch eine Schwelle in Küche und Wohnzimmer geschieden, der Rauch muss sich durch die Thüre und durch die Fensterluken (selten mehr als zwei) den Ausweg suchen (Erdk. X, 259). Oft ist an das übrigens kleine und niedrige Haus eine ebenso armselige Scheune angebaut (l. c.), und wenige Hütten giebt es, welche ohne eine Schmiede wären, die stets den Ahnen, den Anitos, geheiligt ist (l. c. 262). Neben dem Hause liegen gewöhnlich zwei Scheunen, eine für den Reis, die andere für den Mais (l. c. 257), ebenso sind auch in der nächsten Nähe kleine Götterhäuschen angebracht (l. c.). Die Hütten selbst liegen auf freien, sorgfältig reingehaltenen (man denke an den Igorrotenschmutz!) Plätzen (l. c. 256), selbst der unter dem Hause befindliche freie Raum wird sauber gefegt (Semper, Skizzen 55).
Die Catalanganen sind Ackerbauer, und zwar sind wie bei den Apayaos Mais und Reis diejenigen Feldfrüchte, welche nahezu ausschliesslich cultivirt werden (Semper, Erdk. X, 257). Ausserdem bauen sie Zuckerrohr, einen trefflichen Tabak, die Wurzeln: Samate, Ubi, Gabe oder Gabi (l. c. 258), letztere ist uns schon bekannt, überdiess wird noch ein Strauch "Tubá" gezogen, dessen gepulverte Frucht zum Betäuben der Fische verwendet wird (l. c. 259). Sie zeichnen sich durch die Sorgfalt aus, mit der sie ihre Äcker von Baumstümpfen, Steinen und Unkraut reinigen (l. c. 257; Semper, Skizzen 54). Ihr Fleiss ist schon dadurch gekennzeichnet, dass sie--wenigstens vor zwanzig Jahren--nur in einer einzigen Ranchería Büffel besassen und zur Feldarbeit benutzen konnten, während in allen übrigen Dörfern nur Menschenhände zur Verfügung standen (Semper, Erdk. X, 258, Skizzen 54). Da sie keine Werkzeuge zum Säen und Ernten besitzen, so müssen sie bei der Ernte mühsam jeden Halm mit einem kleinen Messer abschneiden (Semper, Skizzen 54). Durch Anlage von Dämmen suchen sie ihre Felder vor Überschwemmungen zu sichern (Semper, Skizzen 56). Durch Aufspeichern grosser Getreidevorräthe haben sie sich für die Zeiten der Hungersnoth, der Missernte &c. geschützt, werden aber durch diese weise Vorsicht geizig und ungastlich, sie weigern sich sogar, etwas von ihren Vorräthen zu verkaufen (Semper, Erdk. X, 257, u. Skizzen 55). Ausser den Früchten ihrer Felder bildet Honig auch einen Hauptbestandtheil ihrer Nahrung, während sie das Wachs wie alle Bergstämme an die Christen verkaufen (Semper, Erdk. X, 258). Da ihre Flüsse und Bäche von Fischen wimmeln, so liefert das Fleisch derselben nicht nur ihre wichtigste animalische Kost, sie sind vielmehr in der Lage, selbst von ihrem Überflusse an die Christen etwas zu verkaufen und zwar sind es meist gesalzene Fische, welche der Gegenstand dieses regen Handelsverkehrs sind (Semper, Erdk. l. c.). Der Fischfang selbst findet auf alle mögliche Weise Statt: das Betäuben der Fische durch die Tuba-Frucht, das Ausspannen von Grundnetzen, die Benutzung von Angeln, Fischreusen, das Sperren, alle diese Methoden werden nebeneinander angewendet (Semper, Erdk. 258 n. f.; Skizzen 57).
Ihre Religion kennt zwei Götterpaare, welchen zu Ehren grosse hölzerne Tafeln unter dem Dache der Thür gegenüber schräg befestigt werden, auf den Tafeln sind Schriftzeichen angebracht, "die sehr an chinesische erinnerten" (Semper, Erdk. X, 261). Die Namen dieser Götterpaare sind: Tschiehónau [25] mit einer Frau Bebenángan und Sialó mit seinem Weibe Binalínga. Sie scheinen auch Götteridole zu besitzen, wenigstens erwähnt Semper, er hätte in einem Hause das geschnitzte Bild eines Gottes gesehen (Semper, Erdk. l. c.). Im Juni wird diesen Götterpaaren zu Ehren in einem ihrer Dörfer ein Fest gefeiert, in jener Ranchería ist ihnen nämlich ein Haus geweiht, "worin der letzte Priester Hantasan und sein Weib Talamajäu [26] gewohnt haben"; seit dem Tode dieses Priesterpaares kennen die Catalanganen keine Priester mehr (Semper, Erdk. X, 261). Es wäre sehr interessant, wenn wir über diese Sage mehr in Erfahrung brächten.
Wie bei allen Malaien der Philippinen wird auch hier den Seelen der Ahnen, den Anitos, eine grössere Verehrung erwiesen, als den eigentlichen Göttern. Anito wird die Seele eines jeden Todten, der zu seinen Lebzeiten Grossvaterfreuden erlebte (Semper, Erdk. X, 262). Der Anito behält auch als solcher den Namen, den er einst als Mensch getragen. Vor den Hütten werden den ältesten Anitos der Familie rohe Hausmodelle von 1-1/2 bis 2 Fuss Höhe als Wohnsitz angewiesen, dem ältesten Anito aber ist "der kleine freie Platz vor der Leiter, auf dem der Pilan (Reismörser) steht, geweiht; er darf weder durch Feuer noch durch Essen entweiht werden" (Semper, Erdk. X, 262). Jüngeren Anitos sind eigenthümlich geformte Bänke, auf denen dem Chinesischen ähnliche Schriftzeichen eingeritzt sind (Semper, Erdk. l. c.), geweiht. Anderen Anitos sind als Sitze Töpfe in irgend einer Ecke aufgestellt (Semper, Erdk. l. c. u. Skizzen 56). Die Catalanganen heben die Perlenschnüre und Schmucksachen ihrer Verstorbenen als wunderthätige Reliquien auf und verkaufen sie, ähnlich den Apayaos, um keinen Preis (Erdk. l. c.). Von jeder Schüssel wird beim Speisen den Anitos ein Theil geopfert, während aber bei einigen Stämmen Luzons ein kleiner Rest zu dieser Art Libation verwendet wird, pflegen die Catalanganen diess Opfer zu bringen, bevor sie zu essen beginnen (Semper, Erdk. X, 263). Ähnlich den anderen Bergstämmen feiern sie den Anitos zu Ehren zur Saat- und Erntezeit allgemeine Feste (l. c.).
Ihre religiösen und nationalen Feste richten sich nach dem Laufe der Sonne (Semper, Skizzen 57). Bei diesen Festlichkeiten bildet Tanzen einen wichtigen Programmpunkt. Ihre Tänze sind pantomimische Darstellungen der Liebe, und so tritt immer nur ein Paar auf: die Tänzerin dreht sich mit unbeweglich ausgestreckten Armen um sich selbst, während der Mann wie rasend mit den Armen herumfuchtelt und das Weib stampfend umkreist. Sinkt der Tänzer erschöpft zur Erde, so tritt sofort ein anderer für ihn ein. Ihre nationalen Musikinstrumente sind Gongs, welche mit flachen Händen bearbeitet werden. Ausser diesen Liebestänzen besitzen sie auch einen Kriegstanz (Semper, Erdk. X, 263).
Die ehelichen Bande sind leicht zu lösen: sind Eheleute gegenseitig unzufrieden, so gehen die Gatten ohne jeden Ceremonienkram auseinander und schliessen neue Ehen; trotz dieser Leichtigkeit der Ehescheidung kommen solche Fälle nur selten vor (Semper, Erdk. X, 264).
Die Särge sind an beiden Enden offen; die Todten werden in ihren Kleidern und Schmucksachen in diese Särge gelegt, auch Habseligkeiten werden mit hineingegeben. Unter grossem Heulen und Wehklagen der Hinterbliebenen wird der Sarg unter dem Hause in die Erde gesenkt, bemerkenswerth ist, dass bei dieser Gelegenheit die Trauernden um das Grab herum knieen (Semper, Erdk. X, 263). Die Leichenfeier wird mit einem Festschmause geschlossen (l. c. 264).
Prof. C. Semper rühmt ihnen Achtung vor dem Eigenthume nach: Diebstahl wird mit dem Feuertode bestraft (Semper l. c. 261).
Sehen wir von dem Flechten von Matten ab, so ist der wichtigste Zweig ihrer Industrie die Verfertigung von Booten, welche sie an Christen und chinesische Händler in Ilagán um einen geringen Preis verkaufen (Semper, Erdk. X, 259).
Seit 30 Jahren sind sie der spanischen Regierung unterthan, doch begnügt sich diese mit der Einhebung einer kleinen Kopfsteuer (dem "Reconocimiento"), welche ein Commissär jährlich einhebt. Die Spanier haben in jedem Dorfe einen Gemeindevorsteher, den Gobernadorcillo, durch Scheinwahl eingesetzt; diese Gobernadorcillos haben aber in ihrem Dorfe weder Ansehen noch Macht, nur ihre Eitelkeit kann sich durch das Tragen des silberbeschlagenen Amtsstockes und einer dunklen Jacke befriedigt fühlen und sie so für die Lasten und Verantwortlichkeiten entschädigen, die sie den spanischen Behörden gegenüber übernehmen (Semper, Erdk. X, 264).
31. Irayas.
Die Irayas wohnen südlich von den Catalanganen, hauptsächlich an der Westseite der Cordillere von Palanan. Auch über sie berichtet, wie über den Bruderstamm der Catalanganen Prof. Semper auf das Ausführlichste. In ihren Adern rollt eine starke Dosis Negritoblut (Semper, Skizzen 51 u. 54), was kein Wunder ist, da unter ihnen "zu einer Familie verbunden" Negritos leben und Mischlinge beider Rassen vorhanden sind (Semper, Erdk. X, 255 u. 264). Obwohl sie nun zum Theile stark mit Negritoblut inficirt sind, so fand doch Semper Anklänge an eine "Abstammung von einem mongolischen Stamm", man sieht aber trotzdem "unter ihnen mehr Leute, die sich dem tagalischen Typus nähern" (Semper, Erdk. X, 264). Ihre aus geraden und krummen [27] Linien bestehenden Tätowirungsmuster, ferner Schmucksachen und Verzierungen sind dieselben, wie wir sie bei den Negritos jener Gegend vorgefunden haben (Semper, Erdk. X, 254 u. Skizzen 55).
Ihre Hütten sind unsolid und schleuderhaft gebaut, vor Wind und Wetter schlecht verwahrt (Semper, Skizzen 54), ganz im Gegentheil zu der Reinlichkeitsliebe der Catalanganen wird aller Unrath unmittelbar vor das Haus geworfen (Semper, Erdk. X, 264). Sie bauen Zuckerrohr und Reis (Erdk. X, 265), bei ihrer Trägheit werden aber die Felder schlecht bestellt, liefern daher im Vergleiche zu denen der Catalanganen einen geringen Ertrag (Semper, Erdk. X, 264, u. Skizzen 54), trotzdem speichern auch sie Vorräthe für schlimme Zeiten auf (Semper, Skizzen 57). Als Hausthier und Mitarbeiter für die Reisfelder wird allgemein der Büffel gehalten (Semper, Erdk. X, 264, u. Skizzen 54). Wie bei den Catalanganen, liefern auch ihnen Flüsse und Bäche reichliche Fischkost.
Ihre Religion beschränkt sich auf den Anitocultus allein (Semper, Erdk. X, 265), die Götterpaare der Catalanganen fehlen ihnen (l. c.). Ob sie sonst andere Götter besitzen, ist nicht auszuschliessen, die Bemerkung, welche Semper an einer anderen Stelle (Erdk. XIII, 94) macht, dass nämlich die Religion der Irayas jener der Igorroten ähnlich sei, lässt diese Deutung zu.
Im Gegensatze zu den düsteren und ungastlichen Catalanganen sind die Irayas ein fröhliches heiteres Völkchen, dessen Gastfreundlichkeit nicht nur Negritos, sondern auch jene flüchtige Christen ("Remontados") und entlaufene Verbrecher freundlich aufnimmt (Semper, Erdk. X, 265, u. Skizzen 54 u. 55). Die Zahl der Christen, welche unter ihnen lebte, schätzte Semper vor zwanzig Jahren auf 200 Köpfe (Semper, Erdk. X, 256). Die unter ihnen lebenden Negritos hatten Ackerbau, Religion und Kleidung der Irayas angenommen (l. c.).
Die Irayas stehen in demselben losen Abhängigkeitsverhältniss zur spanischen Regierung, wie die Catalanganen, wie sie denn auch das Institut der Gobernadorcillos besitzen (Semper, Erdk. X, 266).
32. Catabanganen (Catabanganes).
Die Catubanganen sind ein wilder Bergstamm in den Gebirgswildnissen von Guinayangan in der Provinz Tayabas. Sie werden, so viel mir bekannt ist, nur von Cavada I, 198, erwähnt, welcher von ihnen nichts Anderes berichtet, als dass ihre Sitten jenen der Negritos (welche ebenfalls in jenen Bergen hausen) gleichen, und dass sie die christlichen Ortschaften beständig überfallen, um Vieh und Getreide zu rauben. Die dürftige Notiz ist Alles, und es lässt sich unmöglich darnach entscheiden, ob wir hier die Trümmer eines grösseren selbständigen Stammes oder verwilderte Abkömmlinge von Remontados mit Negritoblut gemengt vor uns haben. Vielleicht dürfte das letztere das Wahrscheinlichere sein.
33. Vicols [28].
Die Vicols bewohnen den südlichsten Theil Luzons, im Norden beginnt die Sprachgrenze an der Ostküste bei Paracáli und Mambuláo in der Provinz Camarínes Norte, an der Westküste aber schon bei den östlichen Gestaden der Provinz Tayabas, so dass die Vicols in Camarínes Norte die Hauptmasse, in Tayabas aber nur einen Bruchtheil der Bevölkerung ausmachen. Camarínes Sur, Albay, ferner die Inseln Masbate, Ticáo, Burías und die Inselgruppe der Catanduanes werden von ihnen ausschliesslich bewohnt.
Die Vicols gehören wie die Tagalen, Pampangos &c. zu jenen Malaienstämmen Luzons, welche schon in den Tagen der Conquista eine gewisse Civilisation aufzuweisen hatten, sie sind auch die ersten Bewohner Luzons, welche (in Albay zunächst) sich, und zwar im Jahre 1569, den Spaniern unterwarfen. Von den wenigen "wilden" Stämmen, welche in den Bergen von Camarínes hausen, will ich am Schlusse dieses Artikels Näheres mittheilen und mich vorerst mit den civilisirten christlichen Vicol-Malaien beschäftigen.
Obwohl von kräftigem Körperbau (Buzeta I, 281), stehen sie dennoch physisch wie geistig den Tagalen nach (Jagor, Reisen 120). Sie besitzen nicht den stolzen kriegerischen Geist der Bewohner Nord-Luzons, sie sind vielmehr friedfertig und demüthig (Cavada I, 213 u. 221). Obwohl im Allgemeinen arbeitsam, so besitzen sie dennoch nicht jene ausgebreitete Hausindustrie, welche wir bei den Tagalen vorgefunden haben. Insbesondere unterscheiden sie sich von letzteren durch ihre grosse Unreinlichkeit, die vorzüglich im Süden in die Augen fällt, zumal, wenn in den betreffenden Orten kein weisser Pfarrer stationirt ist (Jagor, Reisen 105). Hautkrankheiten und Krätze sind deshalb sehr verbreitet (Jagor, Reisen 130). Dr. Jagor schreibt (Reisen 145): "Ich glaube kaum, hier (Mambulao) eine Indierin ohne Krätzflecke gesehen zu haben".
Ihre Hütten weichen in ihrer Bauart nicht von denen der Tagalen ab, doch wird gewöhnlich das leichteste Rohrmaterial zum Bau vorgezogen, was in der Häufigkeit und Intensität, mit der hier die Erdbeben auftreten, seine Erklärung findet. Der Bau eines Hauses in Camarínes incl. Material kostet nicht mehr als vier bis fünf Dollar (Jagor, Reisen 125). Die Möbel beschränken sich wie bei den anderen Malaien meist nur auf Matten. Das Innere der Häuser wird bei den Vicols bei Armen durch Harzfackeln erleuchtet, während Reichere zu diesem Zwecke sich jener Lampen bedienen, welche auch den Tagalen bekannt sind und aus einer grossen Schnecke mit eingelegtem Binsendochte bestehen (Jagor, Reisen 127).