Verstand schafft Leiden: Schauspiel in vier Akten

Part 5

Chapter 53,499 wordsPublic domain

Hier präsentir' ich Dir den Herrn Antón Antónitsch Sagorétzki. -- Ich wüßte gern, Wie man, doch ohne grob zu sein, Dergleichen Leute fein Und dennoch wahr bezeichnen könnte! Er ist ein Weltmann und gewandt -- Als Schelm von allen anerkannt --! Nimm Dich in Acht vor ihm, denn was Du sagst Das hört er mit besondern Ohren; Und wenn Du gar zu spielen mit ihm wagst, So bist Du ganz und gar verloren.

SAGORÉTZKI.

Origineller Murrkopf Du! Nun -- schimpf' nur zu, Kein Tröpfchen Galle ist in Deinen Scherzen.

TSCHATZKI.

Drum nehmen Sie sich's nicht zu Herzen! Auch außer Ehrlichsein giebt es der Freuden viel, Hier schimpft man, dort erreichet man das Ziel.

PLATON.

Ach Bester, nein Man schimpft bei uns Und -- ladet dennoch ein.

(Sagorétzki verliert sich im Hintergrunde.)

Zehnte Scene.

DIE VORIGEN. MADAME CHLESTOW.

MADAME CHLESTOW (zu Sophien).

Na! Leicht ist's nicht mit fünf und sechzig Jahren So weit zu Deinem Ball zu fahren. Ich brauchte eine ganze Stunde von Pokrow.

(Setzt sich links in den Vorgrund neben Sophie.)

Ich kann nicht mehr! -- Ach Nichtchen, welche Plage -- Und dunkel ist's wie einst am jüngsten Tage. Aus Langerweile nahm ich mit Mein Mohrenmädchen und den Spitz -- ich bitt' Befiehl, man soll sie heut' beim Abendessen Zu füttern nicht vergessen. -- Gott grüß' Sie, Fürstin! -- Ja, Sophie, ich sage Dir Die Mohrin ist ein Wunderthier. Ein Krauskopf -- krumm das Schulterblatt und Tatze -- Voll Zorn und Bosheit -- ganz Manieren einer Katze. Und ach wie schwarz und ach wie häßlich -- Was hat doch alles Gott der Herr erschaffen! Ich sag' Dir gräßlich! Frappant der Satanas! -- Willst Du sie sehn?

SOPHIE.

Es kann ein andermal geschehn.

MADAME CHLESTOW.

Und stell' Dir vor, wie wilde Thiere So führt man sie herum, um sie zu zeigen. Man hat mir das erzählt, da ist so eine Stadt In der Türkei, der Name klingt so eigen -- Und rath' wer mir sie zum Präsent gemacht? -- -- Der Sagorétzki hat sie mir gebracht.

(Sagorétzki horcht auf und kommt näher.)

Er lügt ein bischen, spielt auch falsch und ist ein Dieb --

(Sagorétzki geht eilig fort.)

Allein er thut doch einem viel zu lieb. Ich hatte mir schon ausgebeten Er sollt' nicht über meine Schwelle treten, Da bringt vom Jahrmarkt er die Mohrin mir -- Er sagte zwar, daß er gekauft sie hätte, Ich glaub' es aber nicht, -- ich wette Er hat gewonnen sie Im Kartenspiele irgendwie! Gott schenk' Gesundheit ihm dafür.

TSCHATZKI (zu Platon lachend).

Von solchem Lob pflegt man nicht zu gesunden! Selbst Sagorétzki hielt's nicht aus und ist verschwunden.

MADAME CHLESTOW.

Wer ist der lust'ge Mann, der dort so laut gelacht? Weß Stand's?

SOPHIE.

Der Tschatzki ist's --

MADAME CHLESTOW.

Das hab' ich gleich gedacht! Was kann der Narr denn da zu lachen finden? Es ist gewiß die größte aller Sünden Sich über alte Leute lustig machen Und graue Haare auszulachen. Ich weiß, mit ihm hast Du als Kind getanzt, -- Ich hab' ihn oft curanzt Ich zupft' ihn an den Ohren tüchtig, Allein noch viel zu wenig, das ist richtig!

Elfte Scene.

DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.

FAMUSSOFF (sehr laut).

Sieh' da, Erlaucht -- und Sie sind hier? Und im Portraitsaal warten wir! Ist denn der Oberst Scalosúb nicht hier, Sergeí Sergéitsch? Wie? In aller Welt Es ist ja doch ein Mann, der in die Augen fällt, Der Oberst Scalosúb!

MADAME CHLESTOW.

Gott helfe mir! Er hat mich ganz betäubt und schreit ja Zeter, Und lärmt ja ärger noch als ein Trompeter!

Zwölfte Scene.

DIE VORIGEN. SCALOSÚB. Später MOLTSCHÁLIN.

FAMUSSOFF.

Ah, ah, ah, ah! Herr Oberster, zu spät! -- Nach zehn!? Wir warteten und warteten! -- Nun das ist schön! Erlauben Sie -- hier meine Schwägerin -- Die Sie dem Rufe nach schon lange kennt.

MADAME CHLESTOW.

Sie dienten -- glaub' ich -- hier -- beim Regiment -- Wie heißt es gleich? Da bei den Grenadiren?

SCALOSÚB.

Sie meinen Seiner Hoheit Regiment Von Neuland -- bei den Musketiren.

MADAME CHLESTOW.

Ich hab' es nicht zur Meisterschaft gebracht Um all' die Unterschiede zu begreifen.

SCALOSÚB.

Dazu sind formgemäße Streifen; Die Litzen, Latzen und Lampassen An den Monturen muß Man ganz zuerst ins Auge fassen.

FAMUSSOFF.

Sergeí Sergéitsch, kommen Sie! Wir wollen gleich ein Whistchen machen; Ich sage Ihnen, die Parthie Ist wirklich um sich todt zu lachen.

(Zum Fürsten.)

Erlaucht, ich bitte, folgen Sie!

MADAME CHLESTOW (zu Sophie).

Nun, Gott sei Dank -- fast wäre ich erstickt! Dein Vater ist ja rein verrückt, Und scheint bezaubert von dem Goliath zu sein. So, mir nichts, Dir nichts, macht er uns bekannt, Und fragt nicht ob's mir lieb, ob es mir ennuyant.

MOLTSCHÁLIN (mit einer Karte).

Madame, ich bracht' für Sie Zusammen Ihre Whistparthie. _Phomá Phomítsch_ und Monsieur _Kock_ und -- ich.

MADAME CHLESTOW.

Ach, tausend Dank, mein Lieber!

(Steht auf und nimmt Moltschálin's Arm.)

MOLTSCHALIN.

Ihr Spitz ist doch ein einz'ger Spitz! Er ist ja wie ein Fingerhütchen klein Ich streichelt' ihn, sein Fellchen ist so fein Wie das von einem Biber. --

MADAME CHLESTOW.

Ach, tausend Dank, mein Lieber.

(Sie gehen ab, mehrere Gäste folgen ihnen.)

Dreizehnte Scene.

TSCHATZKI. SOPHIE. -- Im Hintergrunde EINIGE GÄSTE.

TSCHATZKI.

Bravissimo! Die Wolke ist zerstoben!

SOPHIE.

Ich bitte --

TSCHATZKI.

Ei, was fürchten Sie? Den Zorn der Alten hat er ja gewendet, Ich wollte ihn gerad' drum loben!

SOPHIE.

Mit einer Bosheit hätt' es doch geendet.

TSCHATZKI.

Soll ich jetzt sagen, was ich dachte? Die alten Weiber sind verdrießlich, Und darum ist's ersprießlich Wenn man recht einen dienstbefliss'nen Mann An ihre Seite stellen kann. Moltschálin der erschien ja plötzlich Dem Blitzableiter gleich. Es war ergötzlich! Wer sänftigte wie er, so friedlich Zank und Streit? Wer streichelt', so wie er, den Mops zu rechter Zeit? Wer präsentirt' mit Scharfsinn und Geschick Das Kärtchen in dem rechten Augenblick? Nein, auf mein Wort, In ihm lebt Sagorétzki einstmals fort. -- Sie haben Mir alle seine Gaben Erst hergezählt; Doch glaub' ich, daß noch vieles fehlt.

(Ab.)

Vierzehnte Scene.

SOPHIE allein, dann HERR N. N.

SOPHIE.

Ach dieser Mensch, wie er mich stets verstimmt, Wie beißend ist er, wie ergrimmt, Wie voller Neid Und Bosheit und Hochmüthigkeit!

N. N.

So in Gedanken! Wie?

SOPHIE.

Ich dacht' an Tschatzki.

N. N.

Wie finden Sie ihn denn nach seiner Reise?

SOPHIE.

Ich finde ihn verrückt!

N. N.

Verrückt, wahrhaftig? Ist es möglich?

SOPHIE (nach einer kleinen Pause).

Nun toll -- das grade nicht!

N. N.

Doch merkt man etwas, wenn er spricht?

SOPHIE.

Mir scheint es so.

(Sieht nach der Thür wo Tschatzki abging.)

N. N.

In seinen jungen Jahren Wie konnt' ihm solch' ein Unglück widerfahren?

SOPHIE.

Ja, es ist schlimm! -- (bei Seite) Er glaubt daran! Ah Tschatzki --! And're stets zu necken Das lieben wir! -- Nun mag er's selber schmecken!

(Ab.)

Fünfzehnte Scene.

HERR N. N. HERR D.

N. N.

Verrückt -- so scheint es ihr! Sehr möglich dünkt die Sache mir, Wie wär' sie sonst auch drauf gekommen!

(Zu D.)

Ah, hast Du schon vernommen?

HERR D.

Und was?

N. N.

Von Tschatzki.

HERR D.

Nein, kein Wort!

N. N.

Er ist verrückt.

Herr D.

So geh' doch fort!

N. N.

Ich sag' es nicht, ich hab' es nur gehört.

HERR D.

Und bist nur froh, es weiter gleich zu tragen.

N. N.

Es wäre doch der Mühe werth Auch noch bei andern nachzufragen.

(Ab.)

Sechzehnte Scene.

HERR D. allein, dann SAGORÉTZKI.

HERR D.

Ja, glaubt den Schwätzern nur! Da hören sie das dümmste Zeug Und wiederholen es sogleich.

(Zu Sagorétzki.)

Hast Du von Tschatzki was gehört?

SAGORÉTZKI.

Was denn?

HERR D.

Daß er gestört?

SAGORÉTZKI.

Ich weiß, ich weiß, wie sollt' ich das nicht wissen! Wie oft schon hab' ich's hören müssen! Es ging ja ganz besonders dabei her: Dem pfiffigen Oheim ward's nicht schwer Im Narrenhause ihn zu betten; Sie banden ihn und nun sitzt er in Ketten.

HERR D.

Erbarme Dich, er war ja eben hier, Vor einem Augenblick sah ich ihn neben Dir.

SAGORÉTZKI.

Dann ist's gewiß Daß er sich los von seiner Kette riß.

HERR D.

Nun, liebster Freund -- mit Dir Ist weiter keine Zeitung nöthig; Doch will ich gleich und ohne Säumniß Die andern dort befragen. Doch darfst Du es beileibe niemand sagen -- Noch ist es ein Geheimniß.

(Ab.)

Siebzehnte Scene.

SAGORÉTZKI, dann NATALIE DMÍTREWNA.

SAGORÉTZKI.

Was kann das für ein Tschatzki sein? Verbreitet ist der Name -- Mit einem Tschatzki war ich einst bekannt --

(Zu Natalie Dmítrewna.)

Sie wissen's doch Madame?

NATALIE DMÍTREWNA.

Was denn?

SAGORÉTZKI.

Von Tschatzki, nun, er stand noch eben hier.

NATALIE DMÍTREWNA.

Ich weiß -- er sprach mit mir.

SAGORÉTZKI.

So gratulir' ich Ihnen -- er ist toll!

NATALIE DMÍTREWNA.

Was?

SAGORÉTZKI.

Ja; man sagt mir er verlor So eben den Verstand.

NATALIE DMÍTREWNA.

Nun stellen Sie sich vor! Ich merkt' es auch schon und was gilt die Wette, Daß gleich das nämliche gesagt ich hätte.

Achtzehnte Scene.

DIE VORIGEN. DIE ALTE GRÄFIN.

NATALIE DMÍTREWNA.

Nein das ist wunderbar, das ist was neues! Gestört? Frau Gräfin haben Sie gehört Von dem _malheur_, das hier gescheh'n -- Das ist doch einzig -- das ist schön!

DIE ALTE GRÄFIN.

Mein Schatz, es liegt mir in den Ohren heut', Du mußt mir's etwas lauter sagen.

NATALIE DMÍTREWNA.

Ich hab' dazu durchaus nicht Zeit, Ich muß die andern ja befragen. _Il vous dira toute l'histoire._

(Ab.)

Neunzehnte Scene.

DIE ALTE GRÄFIN. SAGORÉTZKI.

DIE ALTE GRÄFIN.

Wie, -- was, es ist hier doch nicht Feuer ausgebrochen?

SAGORÉTZKI.

Nein -- Tschatzki hat den Sturm erregt.

DIE ALTE GRÄFIN.

Was? Tschatzki hat man in den Thurm gelegt?

SAGORÉTZKI.

In der Türkei ist er verwundet worden Beim Aug' und wurde davon toll.

DIE ALTE GRÄFIN.

Freimaurerorden? Was, oder ist er Türk' geworden?

SAGORÉTZKI.

Der bringt man es nicht bei!

(Ab.)

DIE ALTE GRÄFIN.

Antón Antónowitsch! Auch er läuft fort! Erschreckt und außer sich scheint alles dort Zu sein --

Zwanzigste Scene.

DIE ALTE GRÄFIN. DER FÜRST.

DIE ALTE GRÄFIN.

Erlaucht, Erlaucht! Ach Gott --! der alte Mann Auf Bällen, wenn man kaum noch kriechen kann! Na, haben Sie gehört?

DER FÜRST.

A? hm? --

DIE ALTE GRÄFIN.

Er hört auch gar nichts mehr! Vielleicht hat er's gesehn, Was hier gescheh'n -- War nicht die Polizei im Haus?

DER FÜRST.

E? hm? --

DIE ALTE GRÄFIN.

Wer brachte Tschatzki hier hinaus?

DER FÜRST.

I! hm? --

DIE ALTE GRÄFIN.

Ja, Tschatzki wird Soldat -- Ist das ein Spaß? Er ist ein Renegat. Er wurde ja Mahomedaner! So ein verdammter Voltairianer! Was? -- ah? -- Taub Alterchen? -- Sie hören schwer? So geben Sie Ihr Rohrchen her. Ach nein! Es ist doch arg so taub zu sein!

Einundzwanzigste Scene.

DIE GANZE GESELLSCHAFT, später FAMUSSOFF, zuletzt TSCHATZKI.

MAD. CHLESTOW.

Verrückt? Nun bitt' ich Sie! Wie ist das so ganz plötzlich denn gekommen. Sophie -- Hast Du es schon vernommen?

PLATON.

Wer bracht' nur das Gerede aus?

NATALIE DMÍTREWNA.

Ach, liebes Männchen -- Alle!

PLATON.

Nun freilich in dem Falle Da muß ich hier Wohl schweigen; Doch zweifelhaft erscheint es mir.

FAMUSSOFF (kommt rasch hinzu).

Wie? Was? Von Tschatzki ist die Rede? Und jemand zweifelt noch? Ich hab's zuerst entdeckt, Und wunderte mich längst, daß er nicht eingesteckt. Probier' es einer nur den Rücken Vor irgend jemand tief zu bücken Und sei der Mann auch noch so groß und mächtig -- Ja, wär' es der Monarch -- Gleich nennt er's niederträchtig.

MAD. CHLESTOW.

Ein Spötter ist er noch dabei: Ich sagte erstlich was, da fing er an zu lachen.

DIE JUNGE GRÄFIN.

Mich wollt' er zur Modistin machen!

MOLTSCHÁLIN.

Mir sagte er -- ich rathe Ihnen In Moskau beim Archive nicht zu dienen.

NATALIE DMÍTREWNA.

Und meinem Mann rieth er in Moskau nicht zu leben, Er sollte fort und sich auf's Land begeben.

SAGORÉTZKI.

Aus allem klar: -- verrückt -- verrückt!

DIE JUNGE GRÄFIN.

Ich hab' es gleich in seinem Aug' erblickt.

FAMUSSOFF.

Er schlägt der Mutter nach. -- Es ist bekannt Achtmal verlor die Sel'ge den Verstand.

MAD. CHLESTOW.

Was fällt nicht alles vor auf Erden! In seinem Alter toll zu werden! Er trank gewiß Nicht im Verhältniß seiner Jahre.

DIE ALTE FÜRSTIN.

Gewiß!

DIE JUNGE GRÄFIN.

Das muß es sein!

MAD. CHLESTOW.

Champagner goß er gläserweis hinein.

NATALIE DMÍTREWNA.

Oh, nein, -- ich kann's betheuern In Flaschen und dazu in ungeheuern!

SAGORÉTZKI (eifrig).

Was Flaschen, nein, ich weiß es besser Er trank, Gott straf' mich, ganze Fässer.

FAMUSSOFF.

Ach geht mir doch -- ein großes Unglück das, Guckt eine Mannsperson auch etwas tief in's Glas, Nein, nein -- der Unterricht -- das ist die wahre Seuche, Gelehrsamkeit die macht's, daß jetzt in unserm Reiche Der Wahnsinn um sich greift und solche Schändlichkeiten Und arge Meinungen sich mehr und mehr verbreiten.

MAD. CHLESTOW.

Und grad' heraus -- wie könnt' es anders sein? Verrückt wird man schon ganz allein Von dieser ungeheuren Zahl Von Schulen und Pensionen und -- Geschichten, Lyceen und _Landkartenschulen_ allzumal Wo sie sich wechselseitig unterrichten.

DIE ALTE FÜRSTIN.

Ach nein! Mir ist ein Institut in Petersburg bekannt, Das Pä--da--go--gische, so, glaub' ich, wird's genannt, Die Professoren legen sich dort recht auf Ketzerei'n! Ein junger Mann, verwandt mit unserm Haus, Studirte dort und kam vor kurzem erst heraus. Was glauben Sie? Er könnte auf der Stelle In jeder Apotheke sein Geselle! Er flieht die Damen -- mich sogar -- der Spötter --! Die Ränge haßt er, denken Sie! Und treibt Botanik und Chymie -- Fürst Theodor, mein Vetter!

SCALOSÚB.

Ich will Sie allgesammt erfreun Mit einer Neuigkeit: Ganz allgemein Sagt man, wie es im Werke sei, Daß mit Gymnasien und Schulen und Lyceen Ein großer Fortschritt soll geschehn: Man wird dort lehren jetzt auf unsre Art: -- eins -- zwei! Die Bücher aber hebt man auf Für feierliche Fälle.

FAMUSSOFF.

Nein, Feuer drunter auf der Stelle! Will man vom Bösen sich befrein, So muß es mit der Wurzel sein.

SAGORÉTZKI (mit affectirter Bescheidenheit).

Bitt' um Vergebung sehr, Die Bücher muß man unterscheiden. Wenn ich, zum Beispiel, Censor wär', Die Fabeln würde ich nicht leiden! O Gott, die sind mein Tod! die ew'gen Witzelein Auf Löw' und Adler da -- wie sie nach Raube dürsten -- Man sage, was man will, es sind doch immer Fürsten.

MAD. CHLESTOW.

Ach meine Herrn, mir scheint es wirklich einerlei, Wenn man verrückt wird, -- ob Gelehrsamkeit, Ob Trinken Schuld dran sei! Um Tschatzki thut's mir leid, Aus Christenpflicht muß man ihn schon bedauern Er hatte Mutterwitz und -- hat dreihundert Bauern.

FAMUSSOFF.

Vierhundert!

MAD. CHLESTOW.

Nein, mein Bester, drei!

FAMUSSOFF.

Vierhundert hat er.

MAD. CHLESTOW.

Drei!

FAMUSSOFF.

In dem Kalender steht's --

MAD. CHLESTOW.

Ach die Kalender lügen!

FAMUSSOFF.

Vierhundert auf ein Haar -- Das Schrei'n und Streiten ist nun Ihr Vergnügen.

MAD. CHLESTOW.

Es ist nicht wahr! Dreihundert sind es -- drei -- Als ob ich das nicht weiß, was andre Menschen haben.

FAMUSSOFF.

Begreifen Sie denn nicht! Vierhundert sind's.

MAD. CHLESTOW.

Nein, drei, drei, drei!

Zweiundzwanzigste Scene.

DIE VORIGEN. TSCHATZKI.

NATALIE DMÍTREWNA.

Da kommt er selbst herbei!

DIE JUNGE GRÄFIN.

Scht!

ALLE.

Scht!

(Ziehen sich zurück.)

MAD. CHLESTOW.

Nun, wenn er seinen Raptus kriegt, So kommen wir noch alle vor's Gericht.

FAMUSSOFF (bei Seite).

Ach! Gott sei mir jetzt gnädig!

(Laut.)

Mein liebster Freund -- Es scheint -- Du bist nicht recht bei Laune. Nach einer Reise braucht man Ruh'. Zeig' deinen Puls -- ich glaube Du Bist nicht ganz wohl? Geh' recht nach Haus.

TSCHATZKI.

Ich halt's auch nicht mehr aus! Ich hab' so viel umarmen heut' gemußt, Mir schmerzt davon die Brust; Die Füße sind erlahmt vom Scharren und vom Bücken, Die Ohren thun mir weh vom Schreien und Entzücken. Und ach der Kopf ist fast Verrückt von all dem dummen Zeuge!

(Er nähert sich Sophien.)

Mein Geist erliegt des Kummers Last; Ich bin in dieser Menge wie verloren. Warum ging ich nach Moskau hin, Wo ich nicht mehr ich selber bin!

MAD. CHLESTOW.

Ei, hört doch an! Nun ist gar Moskau Schuld daran.

FAMUSSOFF (giebt Sophien Winke).

Geh' nicht so nah' Sophie! --

(Bei Seite.)

Sie hört nicht, was ich sage!

SOPHIE (zu Tschatzki).

Was hatten Sie denn nun für eine neue Plage?

TSCHATZKI.

Ach, eine Kleinigkeit! Ein wind'ger Franzmann aus Bordeaux Erzählt' dort ein'gen Damen froh, Wie er sich früher unser Land gedacht, Und was er für Ideen sich gemacht, Und wie er fest geglaubt, daß wir Barbaren wären. Doch alle Angst sei nun vorbei, Man sollte, sagt' er, wirklich schwören, Daß Moskau noch in Frankreich sei; Denn Sitte, Sprache, so wie Moden Versetzten ihn auf vaterländ'schen Boden. Ihn freut' es ohne Gleichen, -- Uns kann's zur Freude nicht gereichen. Kaum endete der kleine Mann, Als alle Welt zu seufzen laut begann: Ah, Frankreich, einzig Land, ach göttliches Paris, Ja Frankreich ist das ird'sche Paradies! So stöhnten zwei geschminkte Damen, Die mir so vor wie Papageien kamen, Zwei Fürstinnen, die ihre Lection Herplapperten aus der Pension. Wo sollt' ich hin vor diesen Fürstinnen! Ich stand unweit und äußerte bescheiden, Doch laut genug, daß sie's gehört, Gott möge diesen Geist, von dem wir so bethört, Der blinden, knechtischen Nachahmung Sitte, Ausrotten bald aus unserer Mitte. -- Er mögte doch in irgend eine Brust, Die selbstbewußt, Ergießen Muth und Kraft, Durch Beispiel und durch Wort Zu zügeln unsere Leidenschaft, Dies Schmachten nach der Fremde! Und möcht' man einen Finsterling mich schelten, Altgläubig möcht' ich ihnen gelten, Mir schiene es -- der Geist in unserm Norden Sei von der Zeit an schlecht geworden Seitdem wir unserer Sprache Herrlichkeit Und unsre alten herrlichen Gebräuche Vertauscht mit dieser neuen Seuche. Die schöne Volkstracht wurde abgelegt, Damit nun jeder wie ein Narr sich trägt; Sind wir mit diesem Schwalbenschweif Nicht gradezu für's Tollhaus reif? Ein lächerlicher Ausschnitt in der Mitten, Und kaum kann man sich frei bewegen. Und dann die Haare kurz verschnitten, Vernunft und Klima gleich entgegen! Wie lächerlich erscheint ein Graubart nicht, Der sich rasirt das Greisenangesicht! Kurzum -- ich mußt' gestehn, -- ich fand So Haar als Kleider kurz, wie den Verstand. Und müßt' es sein -- und sind wir einmal schon geschaffen Zu fremder Völker Affen, O möchten wir denn doch von den Chinesen lernen Die fremden Sitten zu entfernen! Ach, machen wir uns je wohl frei Von fremder Moden Tyrannei, Daß unser Volk, das bravste in der Welt Uns unsrer Sprache nach nicht mehr für Fremde hält! »Allein wie kann man denn Europas Sitten,« Brummt' einer da aus ihrer Mitten, »Mit Nationalgebräuchen Und Volksgewohnheit wohl vergleichen! Nun übersetzen Sie mir schnell Madame oder Mademoiselle? Sie werden doch nicht »»Herrin«« sagen? Und haha! -- Herrin --! ach wie häßlich! Und haha! -- Herrin! -- ach wie gräßlich!« So wurd' auf meine Kosten nun gelacht; Natürlich hat mich das doch aufgebracht, Und eben -- auf mein Wort -- Wollt' ich die derbste Antwort geben, Da liefen alle fort --! Das ist begegnet mir, Und so was sehen täglich wir, In Moskau und in Petersburg Und in dem ganzen Reich geht das so durch -- Kommt so ein Männlein aus Bordeaux So drängt sich Alles um ihn froh, Und alle Damen in der Runde, Die hängen wie an seinem Munde. -- Die Fürstinnen vor allen Die haben dran ein Wohlgefallen. Doch wer in unsern Residenzen Es nicht versteht durch allerlei Gezierte Redensart und Narrethei Zu glänzen -- Wer die verschriebenen Gesichter Nicht leiden kann, Und wer zum Unglück fünf bis sechs Gedanken, Wodurch er aus der Menge ragt, Frei auszusprechen wagt -- Der sehe zu!

(Er sieht sich um, die Tänze haben begonnen, die älteren Personen haben sich zu den Kartentischen gesetzt -- er zieht sich zurück. -- Zum Schluß eine französische Quadrille und Mazurka mit Grotesktouren aus der Zeit des französischen Krieges. -- Der Vorhang fällt.)

Ende des dritten Akts.

Vierter Akt.

Schwach erleuchtete Hausflur im Erdgeschoß. Im Hintergrunde eine Paradentreppe zu Famussoff's Wohnung. Links im Vorgrunde Moltschálins Zimmerthür, -- rechts vorn die Thüre zum Portier, weiter hin die Hausthür. Viele Bediente mit Mänteln und Pelzen auf dem Arm, sitzen oder schlafen auf Stühlen und Bänken, man hört noch Ballmusik.

Erste Scene.

DIE ALTE und JUNGE GRÄFIN (kommen die Treppe herab.)

DIENER (ruft zur Hausthür hinaus).

Der Gräfin Chrumin Wagen!

DIE JUNGE GRÄFIN.

Das muß ich sagen, Das war ein saub'rer Ball! Wo Famussoff nur hergekriegt Die Mißgeburten all'? Ich wußt' wahrhaftig nicht Mit wem ich sprechen oder tanzen sollte, So gern ich beides wollte.

DIE ALTE GRÄFIN.

Ach, Liebchen, komm; ich bin recht mitgenommen, Ich werde schwächer doch mit jedem Jahr; Es wird gewiß noch einmal dazu kommen, Daß ich vom Ball grad auf den Kirchhof fahr'!

(Man hat ihnen die Pelze umgelegt, sie gehen ab.)

Zweite Scene.

NATALIE DMÍTREWNA und PLATON GORITSCHEFF.

DIENER (an der Hausthür).

Der Goritscheff'sche Wagen!

NATALIE DMÍTREWNA.

Mein Engelsmann, ich will Dich etwas fragen: Mein Herzchen, meine Seele, Erzähle: --

(Küßt ihn auf die Stirn.)

Was fehlt' Dir heute, Wo alle Welt sich doch so freute?

PLATON.

Ach, liebe Frau, ich kann mich nicht verstellen; Ich -- schlafe auf den Bällen. Du weißt, ich kann sie für den Tod nicht leiden, Doch ist's nicht zu vermeiden, Ich muß ja schon die Nächte dejouriren, Für Dich ist ja ein Ball -- Genuß, -- Allein wer auf Kommando tanzen muß, Wie soll sich der nicht ennüyiren!

NATALIE DMÍTREWNA.

Du stellst Dich an! O, ich durchschau' den Herrn; Er möcht' den alten Mann Schon spielen für sein Leben gern.

(Geht ab, der Diener folgt.)

PLATON (kaltblütig).

Besieht die Sache man bei Licht, So ist ein Ball so übel nicht, Ich kann mich nur nicht in den Zwang bequemen; Wer hieß ein Weib mich nehmen! Ja -- manchem kann man's an der Wiege sagen --

DIENER (kommt zurück).

Die Gnäd'ge sitzen schon im Wagen, Und haben zu »verzürnen« sich geruht.

PLATON (seufzend).

Schon gut, schon gut!

(Ab.)

Dritte Scene.

TSCHATZKI.

(Zum Diener.) Geh' -- such' den Wagen -- mach' geschwind! --

(Der Diener läuft hinaus.)