Verstand schafft Leiden: Schauspiel in vier Akten
Part 4
Zu äußerst ungelegner Zeit!
TSCHATZKI.
Mich suchten Sie zwar nicht?!
SOPHIE.
O nein!
TSCHATZKI.
Und freilich mag es nicht ganz passend sein, Doch -- einerlei -- ich muß Sie drum befragen: Wen lieben Sie? -- Ich bitt' es mir zu sagen!
SOPHIE.
Ach Gott! die ganze Welt!
TSCHATZKI.
Doch wer am besten Ihnen drin gefällt Das sagen Sie.
SOPHIE.
Gar viele, -- die mit mir verwandt -- --
TSCHATZKI.
Und Alle mehr als ich?
SOPHIE.
Ja -- einige! -- --
TSCHATZKI.
Entschieden also ist's! Was ist dabei zu machen -- Mich bringt's zum Rasen -- Sie zum Lachen!
SOPHIE.
Versteh'n Sie Wahrheit zu ertragen? -- Ich möchte Ihnen nur zwei Worte sagen: Warum ist Ihre Lust so groß Giebt sich ein andrer etwas bloß? Ist etwas lächerlich -- Sie werden's gleich gewahr, Und selbst --
TSCHATZKI.
Ich selbst bin lächerlich? Nicht wahr?
SOPHIE.
Ja -- dieser böse Blick -- der scharfe Ton, In jedem Worte bittrer Hohn, -- Und -- Sie besitzen Unzähl'ge Eigenheiten noch, Und Strenge gegen sich -- die könnte Ihnen nützen.
TSCHATZKI.
Ich eigen? Gut! So sagen Sie mir doch Wer keine Eigenheiten zeigt? Moltschálin wohl, der einem Dummkopf gleicht So wie ein Ei dem andern? -- Wie?
SOPHIE.
Die alten Beispiele! Ich kenne sie! Klar ist's, Sie sind gestimmt, auf Alle Zu gießen Ihre schwarze Galle. Ich -- stör' Sie ungern drin.
(Will fort.)
TSCHATZKI (hält sie auf).
Sie wollen fort? O hören Sie nur noch ein einz'ges Wort!
(Bei Seite.)
Einmal will heucheln ich -- und mich bezwingen.
(Laut.)
Den Streit -- den lassen wir -- vor allen Dingen -- Sie haben Recht! Es thut mir Leid, Und gegen ihn, Moltschálin, ging ich wohl zu weit. Es sind verflossen fast drei Jahr, Er ist vielleicht ein andrer, als er war. Auf Erden sieht man vieles sich verändern, Verfassungen und Sitten und Verstand, Das Clima selbst von ganzen Ländern! Gar wicht'ge Leute, wohlbekannt, Die wurden früher Dummköpfe genannt, Schlecht als Soldaten und Poeten; Noch andre -- nun, ich fürcht' mich sie zu nennen Sie werden sie -- wie alle Welt -- ja kennen -- Von diesen hat man nun erfahren, Daß in den letzten Jahren Sie ganz gewaltig wurden klug. Mag sein, Moltschálin ist -- ein solches Kraftgenie, Doch frag' ich eins, versteht er Sie? Und brennt in ihm ein solches Feuer, Daß ihm auf Erden nichts so theuer Und nichts so heilig ist, als Sie? Sein Herz -- wird es mit schnellern Schlägen Bei Ihrem Anblick sich bewegen? Sind Sie die Seele seines Strebens? Sind Sie der Endzweck seines Lebens? Und so fühl' ich -- doch kann ich's nicht beschreiben. Allein die stumpfe Wuth, die bittren Schmerzen In meinem wundzerriss'nen Herzen, Die wünsch' ich meinem Todfeind nicht! -- -- -- Und er? -- Er schweigt Und neigt Das Köpfchen auf die Seite, Natürlich ist er zahm, denn solche Leute Die kennen edle Hitze nicht! Gott weiß, was für ein Schatz in ihm verborgen liegt! Gott weiß, mit was für Eigenschaft, Mit welcher hohen Geisteskraft Sie ihn geschmückt! -- Er dachte nicht daran. Sie haben alles das aus ihm gemacht Was Ihre Phantasie sich liebend ausgedacht; Er ist an gar nichts schuld -- Sie sind's allein. Nein, nein! Ich gebe zu, was man auf Erden Nur irgend kann. Mag er doch klug sein, stündlich klüger werden; Doch ist er Ihrer werth? Das muß ich Sie nur fragen, Um den Verlust mit kaltem Blut zu tragen. -- Hierüber geben Sie mir Licht, Als einem Bruder, einem Freund, Der's immer ehrlich doch mit Ihnen hat gemeint. Der einst mit Ihnen auferzogen Und dem Sie doch als Kind gewogen; Sobald ich überzeugt von Ihrem künft'gen Glück, So zieh' ich mich sogleich zurück. Dann will ich mich bemüh'n Dem Wahnsinn zu entflieh'n. Dann eil' ich in die Welt hinein Um zu vergessen, um mich zu zerstreun Und nie will ich mehr an die Liebe denken.
SOPHIE (bei Seite).
Da hab' ich einen toll gemacht Und ohne daß ich dran gedacht.
(Laut.)
Was soll ich's läugnen? Es konnte sich was Schreckliches ereignen -- Moltschálin konnt' um seinen Arm erst kommen, Und lebhaft hab' ich Antheil dran genommen; Doch Sie vergaßen etwas zu bedenken: Kann man nicht jedem Antheil schenken Und ohne Ansehn der Person? Doch könnte schon In dem -- was Sie vermuthen -- Wahrheit sein, Und eifrig will ich seinem Schutz mich weih'n. Sie nehmen ihrer Zunge wenig wahr, Sie achten niemand -- offenbar! Und selbst der sanfteste -- kann's nicht vermeiden. Er muß von Ihrem Zorne leiden Und wird mit Spott von Ihnen überhäuft: Wenn man ihn nennt -- wenn ihn Ihr Blick nur streift -- So werden Sie gleich bitter Und hageln ein Gewitter Von Witz und Bosheit auf ihn los! Ist wirklich der Genuß so groß? Nur Scherz und immer Scherz! Welch ein Vergnügen! Kann solches Ihrem Geiste wohl genügen?
TSCHATZKI.
Mein Gott -- gehör' ich wirklich zu den Schwachen, Die nichts im Leben thun, als lachen? Ich lache -- ja -- Wenn ich recht lächerliche Leute sah, Doch öfter noch sind sie mir ennuyant.
SOPHIE.
Vergeblich weisen Sie den Vorwurf von der Hand, Und schieben andern zu, was Ihnen selbst gebührt; Moltschálin hat Sie sicher niemals ennuyirt, Denn wer, wie ich, ihn oft und näher sah --
TSCHATZKI (bitter).
Wie traten Sie ihm denn so nah?
SOPHIE.
Ich sucht' ihn nicht, der Himmel hat's gewollt Und hier im Hause ist ihm jeder hold. Bei meinem Vater dient er nun drei Jahr, Oft schilt der ihn, denn es ist wahr -- Das Alter macht so eigen, Doch stets entwaffnet er ihn durch sein Schweigen; Verzeiht ihm alles -- weil er seelengut; -- Er könnte doch, wie mancher andre thut Auf Lustbarkeiten sich zerstreun Doch nein! Nie geht er aus. Beim Alten bleibt er stets zu Haus Und wenn wir andern lachen Und scherzen, Possen machen, Sitzt er beim Vater oft zu ganzen Tagen, Es mag ihm -- oder mag ihm nicht behagen, Und spielt mit ihm. --
TSCHATZKI.
Er spielt, und wenn man schilt So bleibt er ewig sanft und mild?
(Bei Seite.)
Nein, einen solchen Wicht Den liebt sie nicht!
SOPHIE.
Zwar jenen Geist wird man in ihm nicht finden können, Den einige Genie -- doch andre Pest benennen, Und den nach kurzem Glanz wir überdrüssig werden, Der tadelt was geschieht -- im Himmel und auf Erden, Damit die Welt ihn nennt auf einen Augenblick; Doch gründet solch ein Geist Familienglück?
TSCHATZKI.
Soll das Moral -- soll das Satyre sein?
(Bei Seite.)
Sie liebt ihn nicht, nein, nein!
SOPHIE.
Man kann Bewunderung ihm nicht versagen: Wie nachgiebig, wie fein ist sein Betragen! Nie hat sich seine Stirn in Falten je gelegt, Selbst ruhig, läßt er andre auch in Ruh' Und schlägt nicht gleich die Kreuz und Quere zu. Und grade das, daß er so viel erträgt, Das macht es, daß ich ihm gewogen.
TSCHATZKI (bei Seite).
Sie scherzt -- sie liebt ihn nicht -- sie hat mich nur betrogen!
(Laut.)
Ich kenn' Moltschálin; sparen Sie Sein Bild zu malen sich die Müh' -- -- Doch Scalosúb -- das ist ein Mann Bei dessen Anblick schon man sich vergessen kann. Für unser Heer Steht wie ein Felsen er, Und ist durch seines Basses Allgewalt Durch seine Taille und Gestalt Ein Held --
SOPHIE (schnell).
Nicht im Romane meines Lebens.
TSCHATZKI.
Sie zu errathen ist vergebens.
Zweite Scene.
Die VORIGEN. LISETTE.
LISETTE (leise zu Sophie).
Mein Fräulein, kommen Sie herein, Moltschálin wird sogleich bei Ihnen sein.
SOPHIE (leise zu Tschatzki).
Verzeihen Sie, wenn ich von Ihnen eile.
TSCHATZKI.
Wohin denn?
SOPHIE.
Zum Friseur.
TSCHATZKI.
Ei, das hat gute Weile!
SOPHIE.
Die Lockeneisen würden kalt.
TSCHATZKI.
Ei, immerhin!
SOPHIE.
Die Gäste kommen bald.
TSCHATZKI.
Nun Gott verzeih's! Sie lassen mich zurück Mit einem Räthsel! -- Doch auf einen Augenblick Erlauben Sie, daß ich in Ihr Zimmer gehe, Damit ich jene Räume wiedersehe -- Wo alles mir so lieb! -- Erwärmen möcht' ich mich, Aufathmen möchte ich Nur einmal wieder, Der Zeit gedenkend, die dahin! Ich bleib' nur zwei Minuten drin. Und dann -- bedenken Sie -- Mitglied bin ich vom Clubb -- Zum Dank will ich, zu aller Welt Erstaunen Tagtäglich ausposaunen, Daß klug Moltschálin ist, und geistreich Scalosúb.
(Sophie zuckt mit den Achseln, geht ab und schließt die Thür hinter sich. Lisette ist ihr gefolgt.)
Dritte Scene.
TSCHATZKI, bald darauf MOLTSCHÁLIN.
TSCHATZKI.
Sophie! Ist wirklich dir bestimmt ein solcher Tropf? -- -- -- Und warum nicht? -- Er hat nicht viel im Kopf, Allein zur Vaterschaft Wem fehlt es da an Geisteskraft! Gefällig ist er -- artig -- und hat rothe Wangen.
(Moltschálin schleicht herein und nähert sich zuerst Sophiens Thür, als er aber Tschatzki bemerkt bleibt er stehn und macht sich was zu schaffen.)
Da ist er -- auf den Zeh'n! Und stumm, -- wie hat er's angefangen Sich in Sophiens Herz zu stehlen? Wie war es möglich den zu wählen?
(Zu Moltschálin.)
Sieh' da! Herr Sekretair! Wie geht's denn Ihnen? Wir konnten uns noch nicht zwei Worte sagen. Es geht doch gut? -- Ich brauch' Sie kaum zu fragen.
MOLTSCHÁLIN (näher tretend).
Ganz nach dem Alten stets -- zu dienen.
TSCHATZKI.
Das heißt?
MOLTSCHÁLIN.
Nun heut' wie gestern -- Tag für Tag.
TSCHATZKI.
Und immer pünktlich mit dem Schlag? Am Tag die Feder, Abends die Parthie, Gleich Fluth und Ebbe? -- Wie?
MOLTSCHÁLIN.
Ich bin hier beim Archiv drei Jahr im Dienst Und für etwaiges Verdienst, Und meinen Eifer zu belohnen Erhielt ich dreimal Gratificationen.
TSCHATZKI.
Sie lockt der Glanz der Ehrenstellen?
MOLTSCHÁLIN.
Nein! Allein -- Da jeder Mensch so sein Talentchen hat --
TSCHATZKI.
Sie haben -- --?
MOLTSCHÁLIN.
Zwei! Ich bin bescheiden und bin accurat.
TSCHATZKI.
Nun, meiner Treu! Das sind Talente wunderbar! -- -- Doch -- es ist wahr -- Sie wiegen all' die unsern auf.
MOLTSCHÁLIN.
Sie hatten nicht viel Glück in Ihres Dienstes Lauf?
TSCHATZKI.
Nicht jeder dienet sich herauf. Durch Menschen wird der Rang erreicht, Und Menschen täuschen sich so leicht.
MOLTSCHÁLIN.
Wir wunderten uns sehr! Wie konnte das geschehn?
TSCHATZKI.
Ich kann hierin nichts wunderbares sehn!
MOLTSCHÁLIN.
Bedauert wurden Sie.
TSCHATZKI.
Sie konnten sparen diese Müh'.
MOLTSCHÁLIN.
Tatjána Júrjewna, die Excellenz Erzählt' bei ihrer Rückkehr aus der Residenz, Sie wären gut von wicht'gen Männern aufgenommen, Doch plötzlich sei dazwischen was gekommen.
TSCHATZKI.
Geschwätz von Frauenzimmern! Was hat sich doch die Alte drum zu kümmern?
MOLTSCHÁLIN.
Tatjána Júrjewna, die Excellenz?
TSCHATZKI.
Ich kenn' sie nicht!
MOLTSCHÁLIN.
Tatjána Júrjewna?! Die Excellenz?
TSCHATZKI.
Daß wir uns nicht gesehn, ist ewig lange her. Doch hörte ich, daß abgeschmackt sie wär'.
MOLTSCHÁLIN.
Die Excellenz? Um's Himmelswillen -- nein -- Das muß wohl eine andre sein. Die Excellenz ist ja befreundet und verwandt Mit allen, die in Moskau dienen, Ich rathe Ihnen Ihr einmal die Visite doch zu machen.
TSCHATZKI.
Ich dächte gar! Es wär' zum Lachen!
MOLTSCHÁLIN.
Wir finden Gönner oft Wo wir es kaum gehofft.
TSCHATZKI.
Ich schätze, glauben Sie's, die Damen nicht geringe, Und mache gern den Hof -- allein um andre Dinge.
MOLTSCHÁLIN.
Wie ist sie gut und wie gefällig, Wie ist ihr Haus gesellig! Den ganzen Winter giebt sie Bälle Man kann nichts prachtvolleres sehn.
TSCHATZKI.
Ich werde über ihre Schwelle Gewiß nicht gehn!
MOLTSCHÁLIN.
Im Sommer giebt sie Gartenfeste.
TSCHATZKI.
Ich bin nicht von der Zahl der Gäste.
MOLTSCHÁLIN.
Bedenken Sie, -- es kann doch dazu führen Hier froh zu leben und zu avanciren!
TSCHATZKI.
Mein Herr, bin ich im Dienst, so bin ich ganz dabei, Und trenne streng davon jedwede Narrethei. Zwar giebt's gescheute Leute -- hier zumal -- Die beides zu vereinigen verstehn, Doch wie Sie sehn, -- Gehör' ich nicht zu ihrer Zahl.
MOLTSCHÁLIN.
Verzeihen Sie -- ich seh' darin noch kein Verbrechen; Sie werden, denk' ich, einst gewiß noch anders sprechen. Phomá Phomítsch, zum Beispiel, den Sie kennen --
TSCHATZKI.
Nun was?
MOLTSCHÁLIN.
Bei drei Ministern dient' er schon Und stets als Chef bei einer Section, -- Und jetzt -- -- Ist er aus Petersburg hierher versetzt.
TSCHATZKI.
Nun das ist mir ein Mann von Kopf! Ein Mensch, ganz ohne Geist -- ein leerer Tropf!
MOLTSCHÁLIN.
Erlauben Sie, von aller Welt Wird hier sein Styl als Muster aufgestellt. Sie haben ganz gewiß noch nichts von ihm gelesen?
TSCHATZKI.
So närrisch bin ich nie gewesen; Nie las ich dummes Zeug und Musterdummheit gar!
MOLTSCHÁLIN.
Was ich so las schien mir vorzüglich -- zwar Schriftsteller bin ich nicht --
TSCHATZKI.
Ja, das ist klar, An allem merkt man es.
MOLTSCHÁLIN.
Nie würd' ich mich erfrechen Ein eignes Urtheil auszusprechen.
TSCHATZKI.
Warum denn so geheim?
MOLTSCHÁLIN.
Gott mög' in meinen Jahren Vor eigner Meinung mich bewahren!
TSCHATZKI.
Mein Gott, Sie sprechen ja, als wären Sie noch Kind! Als ob nur Meinungen von andern heilig sind!
MOLTSCHÁLIN.
Abhängig muß man doch einmal von andern sein.
TSCHATZKI.
Und weßhalb muß man's sein?
MOLTSCHÁLIN.
Ei nun -- mein Rang ist klein.
TSCHATZKI (halb laut).
Mit solcher Denkungsart, mit solchem Geist ihn lieben, Sie hat mich nur getäuscht und ihren Scherz getrieben!
Vierte Scene.
Im Grunde öffnen sich mehrere Thüren auf einen zweiten Saal, alles ist erleuchtet, Diener treten auf. Moltschálin geht ab. Tschatzki bleibt im Vordergrunde.
EIN ÄLTERER DIENER.
He Philipp, Thomas, rührt euch, frisch! Hierher noch einen Kartentisch, Bringt Lichte, Bürsten her und Kreide!
(Er klopft an Sophiens Thür.)
Mamsell _Lisette_, hören Sie, Sie können nur dem Fräulein sagen: _Natalie Dmítrewna_ ist hier Mit ihrem Mann, und vor der Thür Hält schon ein zweiter Wagen.
(Ab.)
Fünfte Scene.
TSCHATZKI. NATALIE DMÍTREWNA. GORITSCHEFF.
NATALIE DMÍTREWNA.
Wie, seh' ich recht -- ja -- es sind seine Züge! Herr _Tschatzki_, wenn ich mich nicht trüge?
TSCHATZKI.
Sie seh'n mich zweifelnd an, vom Kopf bis zu den Füßen. Es wär' doch wunderbar, Daß mich verändert so drei Jahr!
NATALIE DMÍTREWNA.
Ich dacht' mir alles andre ehr Als Sie in Moskau zu begrüßen. Nun woher? Wann sind Sie angelangt?
TSCHATZKI.
So eben.
NATALIE DMÍTREWNA.
Das ist schön! Und auf wie lang?
TSCHATZKI.
Ich werde sehn! Doch Sie? Ich kann nicht zu mir vor Erstaunen kommen. Sie haben unbegreiflich zugenommen. Was haben Sie nur angefangen? Welch Gliederspiel und welche rothe Wangen! Verjüngt, voll Geist, im Blicke welche Laune? Was ist geschehen? Ich erstaune!
NATALIE DMÍTREWNA.
Ich habe mich vermählt.
TSCHATZKI.
Das mußten längst Sie sagen!
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Mann, ein einz'ger Mann -- ich darf mich nicht beklagen -- Gleich ist er hier. -- Nicht wahr -- ich mache Sie bekannt?
TSCHATZKI.
Ich bitt' Sie drum!
NATALIE DMÍTREWNA.
Gewiß, Sie finden ihn charmant. Ein Blick genügt.
TSCHATZKI.
Ich glaub's! Es ist Ihr _Mann_.
NATALIE DMÍTREWNA.
O deßhalb nicht allein, Man kann nicht liebenswürd'ger sein. Durch eignen Werth, durch Geist und durch Verstand Ist mein Platon als ganz vorzüglich anerkannt. Er ist jetzt Civilist, war früher Militair, Er dient nicht mehr, und alle Welt bedauert dieses sehr. Denn dient' er weiter -- sehen Sie -- Bei solcher Tapferkeit und dem Genie So meinen alle -- die ihn früher kannten -- Er hätt's in Moskau hier gebracht Ganz sicher bis zum Commandanten.
Sechste Scene.
DIE VORIGEN. PLATON GORITSCHEFF.
NATALIE DMÍTREWNA.
Da ist er, mein _Platon Michailowitsch_!
TSCHATZKI.
Was, der? Mein alter Freund! Nun sieh', welch Ungefähr!
PLATON.
Ah! -- -- -- Willkommen Bruder, bist _Du_ wieder da!
TSCHATZKI.
_Platon_ mein Freund -- es macht Dir Ehre, Du führst Dich ja vorzüglich, wie ich höre!
PLATON.
Ja -- sieh -- was alles noch aus einem werden kann. In Moskau leb' ich jetzt und bin ein Ehemann.
TSCHATZKI.
Und jene Zeit, wo Du im Felde standst Und höchste Lust im Lärm des Lagers fandst -- Der Trommel und Trompete Ton -- Vergessen also alles schon? Ich glaub' Du liegst jetzt auf der faulen Bank, Und trankst in vollen Zügen Lethe?
PLATON.
O nein, ich übe jetzt auf meiner Flöte Ein großes Duo in _A-moll_.
TSCHATZKI.
Nun, das ist toll, Das übtest Du bereits in deiner Jugend! Indeß bei einem Ehemann Ist's gut -- wenn man doch rühmen kann Beständigkeit als seine erste Tugend.
PLATON.
Freund -- denke an mein Wort: Wird Dir einst eine Frau zu Theile, Du pfeifst gewiß vor Langerweile Ein und dasselbe immerfort.
TSCHATZKI.
Wie Langeweile -- ei, das ist nicht gut! Zahlst Du ihr wirklich schon Tribut?
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Mann war früher an Beschäftigung gewöhnt, Das fällt jetzt weg. -- Revue'n und die Parade, Und dann die Reitbahn fehlt ihm Morgens nachgerade.
TSCHATZKI.
Was hält Dich ab, mein Freund? Zum Regiment mit Dir, Such eine Eskadron -- Du bist wohl Stabsoff'zier?
NATALIE DMÍTREWNA.
Ach nein, zu kränklich ist mein armer Mann!
TSCHATZKI.
Ist's möglich, wie, Du kränklich und seit wann?
NATALIE DMÍTREWNA.
Er leidet an rheumatischen Beschwerden Und auch am Kopf.
TSCHATZKI.
Hier wird's nicht besser werden. Beweg' Dich, reite mehr, zieh' in den Süden hin. Die Landluft ist allein schon ein Gewinn.
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Mann liebt Moskau gar zu sehr! Er muß genießen doch sein Leben -- Was soll er in die Wildniß sich begeben!
TSCHATZKI.
Du liebst die Stadt? Wer hätte das gedacht! Entsinne Dich, wie oft hast Du sie nicht verlacht.
PLATON.
Ach Freund, die alten Zeiten sind nicht mehr.
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Männchen, komm recht fort! Hier ist's so frisch -- hör' doch ein Wort -- Dein Rock ist aufgeknöpft und auch die Weste --
PLATON.
Ich bin nicht was ich war!
NATALIE DMÍTREWNA.
Komm, knöpf' sie feste! Hör' doch, mein Engelchen --
PLATON (ruhig).
Ja, ja!
NATALIE DMÍTREWNA.
Komm von der Thüre doch hierher, Hier zieht der Wind.
PLATON.
Ja Bruder, ich bin nicht der alte mehr.
NATALIE DMÍTREWNA.
So höre doch ein Wort, Um's Himmelswillen komm von der Thüre fort!
PLATON.
Ach liebes Kind!
TSCHATZKI.
Nun das geht weit! Verwandelt in so kurzer Zeit? Bei'm Regiment im vor'gen Jahr Warst Du ja noch der wackerste Husar! Bei Tagesanbruch schon zu Pferde Verspottetest Du jegliche Beschwerde. -- Wie oft -- mit ungestümer Lust Sah man auf wildem Hengst, mit offner Brust Dem Herbst-Sturm Dich entgegenreiten!
PLATON.
Ach Camerad', das waren schöne Zeiten!
Siebente Scene.
DIE VORIGEN. FÜRST TUGOÚCHOFFSKI nebst GEMAHLIN und SECHS TÖCHTERN.
NATALIE DMÍTREWNA (aufkreischend).
Fürst Peter Illjitsch, ah' die liebe Fürstin! Und _ah mon Dieu_ -- Sisi, Mimi, die Lieben!
(Geräuschvolle Begrüßung, auch Tschatzki verbeugt sich. Die Damen setzen sich links in einen Halbkreis und betrachten einander von oben bis unten.)
ERSTE FÜRSTIN (zu Natalie).
Wie allerliebst ist die Façon von Ihrem Kleide!
ZWEITE FÜRSTIN.
Mit Garnitur besetzt --
ERSTE FÜRSTIN.
Und welche schöne Seide!
NATALIE DMÍTREWNA.
Mein Atlastürluru -- das sollten Sie erst seh'n!
DRITTE FÜRSTIN.
Es hat mir eine Schärpe der Cousin gebracht, Nein, -- die ist wunderschön!
VIERTE FÜRSTIN.
Ach ja, -- und von _barège_, eine Pracht!
FÜNFTE FÜRSTIN.
Ganz köstlich ist sie.
SECHSTE FÜRSTIN.
Herrlich, ja!
DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie).
Wer ist der junge Mann im Winkel da, Er grüßte uns, als wir in's Zimmer traten? Ich hab' schon hin und her gerathen.
NATALIE DMÍTREWNA.
Ein Angereister -- Tschatzki.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Ah! Hat er den Dienst verlassen?
NATALIE DMÍTREWNA.
Ja, Vom Ausland kehrt er eben erst zurück.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Ist ledig er?
NATALIE DMÍTREWNA.
Ja, noch _garçon_.
DIE ALTE FÜRSTIN (zum Mann).
Erlaucht, Erlaucht, -- auf einen Augenblick! Geschwinder.
DER FÜRST (nähert sich mit seinem Hörrohr).
O! -- hm? --
DIE ALTE FÜRSTIN.
Den jungen Herrn dort Natalie Dmítrewna's Bekannten -- den da -- Lad' ein zu unserm Ball, am Dienstag -- mach' nur fort!
DER FÜRST.
I--hm!
(Er schleicht um Tschatzki herum und hustet.)
DIE ALTE FÜRSTIN.
So geht es, wenn man Kinder hat! Ein Ball ist einmal ihr Vergnügen; Man quält sich müd', man quält sich matt, Und weiß oft Tänzer nicht zu kriegen! -- Er ist doch Kammerjunker?
NATALIE DMÍTREWNA.
Nein.
DIE ALTE FÜRSTIN.
Doch reich?
NATALIE DMÍTREWNA.
O, nein!
DIE ALTE FÜRSTIN (so laut als möglich).
Erlaucht, Erlaucht, zurück, zurück sogleich!
Achte Scene.
DIE VORIGEN. Die GRÄFIN CHRUMIN und ihre GROSSTOCHTER.
DIE JUNGE GRÄFIN.
Ah! _grand-maman!_ Wer kommt denn auch so früh! Wir sind die ersten hier!
(Beide entfernen sich in einen andern Saal.)
DIE ALTE FÜRSTIN (zu Natalie).
Nun hören Sie! Sehr artig das! Die ersten hier! Uns zählt sie nicht; ei welch ein Vornehmthun! Ein boshaftes Geschöpf; und alte Jungfer nun Schon eine Ewigkeit! Nun Gott verzeihe ihr!
DIE JUNGE GRÄFIN
(kommt zurück und nähert sich lorgnettirend Tschatzki).
Ah! Monsieur Tschatzki hier? Wer hätte das gedacht! Und noch der alte stets?
TSCHATZKI.
Warum sollt' ich mich ändern?
DIE JUNGE GRÄFIN.
Sie sind ja doch gereist in vielen fremden Ländern Und haben keine Frau vom Ausland mitgebracht!
TSCHATZKI.
Vom Ausland?
DIE JUNGE GRÄFIN.
Ja! Bei diesen fremden Damen, Da fragt man nicht nach Herkunft, Stand und Namen, Und unsre jungen Herrn, wenn sie nach Hause kehren, Die pflegen uns gewöhnlich zu bescheren Mit Schwägerinnen und Cousinen Aus Modemagazinen.
TSCHATZKI.
Die Unglücksel'gen -- ja! -- Von Damen, Die sich Modistinnen zum Muster nahmen, Da werden sie nun ausgeschmählt, Daß sie, statt der Copien -- Originale sich gewählt!
Neunte Scene.
DIE VORIGEN. MEHRERE NEUE GÄSTE, darunter SAGORÉTZKI. Die Herren scharren, grüßen und gehen weiter oder auf und ab. SOPHIE kommt aus ihrem Zimmer, Alle ihr entgegen.
DIE JUNGE GRÄFIN (zu ihr).
_Eh bonsoir, vous voilà! Jamais trop diligente,_ _Vous nous donnez toujours le plaisir de l'attente._
SAGORÉTZKI (zu Sophien).
Zu morgen -- haben Sie Schon ein Billet zur Komödie?
SOPHIE.
Ach nein!
SAGORÉTZKI.
Hier ist eins -- wenn Sie mir erlauben! Allein Sie können es mir glauben Vergeblich hätte Ihnen Ein anderer versucht darin zu dienen; Wie bin ich aber deshalb auch gelaufen! Erst wollt' ich's an der Kasse kaufen -- Doch -- auf mein Ehrenwort -- Es war schon alles fort. Nun fuhr ich zum Direktor hin, Da ich sein guter Freund ja bin -- Umsonst! -- Was glauben Sie! Am Abend schon vorher konnt' niemand mehr was kriegen! Zu dem -- zu jenem ging es nun in Einem Lauf -- Ich hetzte Alle auf! Um dieses endlich mußt' ich einen Freund betrügen, Ich nahm es gradzu mit Gewalt. Es ist ein Stubenhocker, schwach und alt, Was konnt's ihm nützen Er mag zu Hause ruhig sitzen.
SOPHIE.
Ich danke Ihnen für's Billet recht sehr, Für Ihre Mühe aber noch viel mehr.
(Es kommen NEUE GÄSTE. SAGORÉTZKI geht zu den Herren rechts.)
SAGORÉTZKI (zu Platon).
Ah, guten Abend!
PLATON.
Scher' Dich fort! Geh pack' Dich dort Zu deinen Damen, Um deine Lügen auszukramen! Wenn ich Dich schildre wie Du bist, So kann von Dir ich manche Wahrheit sagen, Die schlimmer wohl als jede Lüge ist. --
(Zu Tschatzki.)