Verstand schafft Leiden: Schauspiel in vier Akten

Part 2

Chapter 23,605 wordsPublic domain

Wenn Sie gelauscht doch an der Thür -- Bei Gott, vor fünf Minuten sprachen wir Von Ihnen noch! Das Fräulein wird es sagen! Nicht wahr? Hier sprachen wir, in diesem Zimmer?

SOPHIE (ironisch).

Und nicht nur jetzt, nein -- immer! Sie haben keinen Grund zu klagen, Denn Niemand konnt' vom Ausland kommen, Den ich um Nachricht nicht befragt: Ob er von Ihnen nichts vernommen? Doch Niemand hat mir was gesagt. Wer nur besuchte unser Haus, Selbst Weltumsegler fragt' ich aus, Ob man Sie nicht gesehen hätte In -- irgend einer Postcarette!

TSCHATZKI.

Schon gut, es mag drum sein! Beglückt wer glaubt, ihm geht es wohl auf Erden! -- Mein Gott! So ist es wahr, daß ich zurück! Daß ich durchflog so weite Räume! Daß ich Sie fand, doch nicht den alten Blick Aus jener Zeit der Jugendträume? Wo sind die Stunden hin, wo wir noch spielten Und nichts als Lust im Busen fühlten!! Hier pflegten wir uns zu verstecken, Das war ein Lärmen, war ein Necken; Wir sprangen über Stuhl und Bett -- Ihr Vater spielte dort Piquet Mit Ihrer alten, guten Bonne, Und in dem dunkeln Winkel -- hier -- Da saßen oft als frohe Kinder wir, Und schreckten auf beim Knarren jeder Thür; O Kinderzeit, o Zeit der Wonne!

SOPHIE.

Ja -- Kinderei'n!

TSCHATZKI.

Ja, Zeiten die da waren! Sie wuchsen auf! -- Mit siebzehn Jahren Sind Sie jetzt unvergleichlich schön, Und wissen es, das müssen Sie gestehn, Und darum schau'n Sie sittsam Niemand an. Sind Sie verliebt? Und wär's mein Tod, O, sagen Sie es schnell! Sie werden roth?!

SOPHIE.

Wer würde nicht verlegen werden Bei solchen Fragen und Geberden?

TSCHATZKI.

So bitt' ich Sie, mir doch zu sagen: Wonach sollt' ich in Moskau sonst wohl fragen? Es herrscht doch stets das alte Einerlei; Ein Ball ist heute, morgen zwei. Der feiert Hochzeit, einem ist's gelungen -- Ein andrer hat sich einen Korb errungen. Die alte, ewige Geschichte, Und in den Stammbüchern die nämlichen Gedichte! --

SOPHIE.

Das arme Moskau! Ja, das kommt vom Reisen her! Wo ist das Wunderland, wo es denn besser wär?

TSCHATZKI.

Wo wir _nicht_ sind! -- Ach sagen Sie mir doch: Was macht Ihr Vater? Ist er noch Dem Clubb, dem Englischen nach hies'gem Brauch Stets treu ergeben bis zum letzten Hauch? Und dann Ihr Ohm, sieht man ihn stets auf Bällen schweben? Wie? Oder hat er endlich ausgetanzt? Und Jener, nun, mit dem Zigeunerteint? Ein Türke oder Griech' -- Sie wissen, wen ich meine -- Er hatte wie ein Storch, so schrecklich lange Beine -- Er war allüberall zu sehen Auf Bällen und auf Assemblee'n, Und ganz besonders immer In jedem Speisezimmer? -- Und dann die drei Lion's vom Boulevard? Die jungen Herrn seit funfzig Jahr! Die Ueberreichen -- an Verwandten; Ich glaube sicherlich, Daß an der Million nur wen'ge fehlten, Da sie, durch ihrer Schwestern Hülfe, sich Verwandt mit ganz Europa zählten. -- Nun dann -- und unsere Theatersonne! Der edle Mann, der keine höhere Wonne Als Maskarad' und Schauspiel hat! _Die_ Worte standen stets auf seiner Stirn geschrieben; Wo ist der Treffliche geblieben? Sein Haus war grün gemalt, wie ein Zigeunerlager, Er war der größte Fettwanst in der Stadt, Doch seine Künstler waren -- mager! Auf einem Ball bei ihm, da stand, Erinnern Sie's? verborgen hinter einer Wand Ein Kerl dem er befohlen Zu trillern und zu johlen Wie eine Nachtigall; Er sollt' uns von dem Ball Wohl in den Lenz versetzen; Ein herrliches Ergötzen! Die Nachtigall, die Sängerin der Haine, Auf einem Ball beim Lampenscheine! Und Ihr schwindsücht'ger Vetter da, der Bücherfeind, Der einst in dem gelehrten Comité erscheint Und mit Geschrei und Eidschwur wollte, Daß niemand lesen oder schreiben lernen sollte. Die Alle soll ich wiedersehn!! Die Plage ist kaum auszustehn. -- Doch Fehl und Flecken Kann man bei jedem wohl entdecken, Und wer nach Hause kehret, dem Ist auch Der Rauch Der Heimath süß und angenehm.

SOPHIE.

Ich säh' Sie einmal gern mit meiner Tante Um durchzuhecheln sämmtliche Bekannte.

TSCHATZKI.

Das Hoffräulein, noch aus Cathrina's Zeit, Die ganz Minerva's Dienste sich geweiht! Ich glaub' sie war in ihrem ganzen Leben Von kleinen Mädchen nur und Möpsen rings umgeben. Doch _à propos_! Wie ist denn jetzt die Lehrmethode? Ist es noch immer Mode Ein Regiment von Lehrern aufzuweisen, An Zahl vollauf, doch billigst in den Preisen? Und nicht, als ob sie viel grad' brauchten zu versteh'n: Befohlen ist's -- bei hohen Strafen Historiker und Geographen In jedem hergelauf'nen Wicht zu sehn. Erinnern Sie sich jenes Alten Der unser Mentor war? Er pflegte so zu halten Den Zeigefinger ausgereckt -- Fast einem Wegeweiser zu vergleichen, und Rock und Käppchen der Gelahrtheit Zeichen! Wie oft hat er als Kinder uns erschreckt! Wie haben wir das oft vernommen, Nur von dem Ausland könnt' das Heil uns kommen. Wie sind wir überzeugt, wir armen Thoren, Daß ohne Deutsche wir ganz rettungslos verloren! Und der Franzose Guillaumé Ganz Luft und Wind, Knüpft er noch nicht das Band der Eh' Mit irgend einem schönen Kind?

SOPHIE.

Mit wem?

TSCHATZKI.

Nun jede Fürstin, zum Exempel Die gute Fürstin Julia Ging' gern mit ihm in Hymens Tempel.

SOPHIE.

Tanzmeister ist er ja!

TSCHATZKI.

Und _Ritter_! Ja! -- Von uns verlangt die Welt Geburt, Erziehung, Rang und Geld -- Doch Guillaumé ........ Wie ist der Ton denn heut zu Tage? Herrscht noch das Sprachgewirr, die alte Ohrenplage? Wird noch -- selbst auf der kleinsten Assemblee Und von den Gästen Bei Kirchweih-Festen Französisch stets in Brocken aufgetischt?

SOPHIE (zerstreut).

Ein Sprachgewirr?

TSCHATZKI.

Zwei werden wenigstens gemischt.

LISETTE.

Nun, nun, es wär' doch schwer Aus allen beiden Sprachen Etwas zu machen, Was Ihrer Sprache ähnlich wär'.

TSCHATZKI.

Ei, schwülstig spreche ich doch nie? -- Da haben wir's -- da sehen Sie, Ich nutze die Minuten! Durch Ihren Anblick ganz in Gluthen Kam ich in's tausendste hinein, Und gleich läßt man mich schwatzhaft sein. Doch weiß ich, daß es Zeiten gab Wo ich verschlossen wie ein Grab, Wo ich noch ärmer schien an Geist, Als Ihres Vaters Secretair, Moltschálin -- oder wie er heißt -- Das stille Männchen da aus Twer, Der stets so artig und geschniegelt! Hat er sein Schweigen endlich jetzt entsiegelt? Wo er ein Heft mit neuen Liedchen fand, War er gleich höflich bei der Hand -- Bat um Erlaubniß sie sich abzuschreiben; Doch steigen freilich jetzt auch solcherlei Naturen, Denn heut zu Tage liebt man stumme Creaturen.

SOPHIE (bei Seite).

O, diese Schlange! (laut und gereizt) Ach, ich wollt' Sie fragen: Ist's Ihnen wohl passirt, im Ernste oder Scherz Von Jemand -- im Versehn -- was Gutes wohl zu sagen? Wenn auch nicht jetzt, vielleicht in Ihrer Jugend?

TSCHATZKI.

Was weiß man da von Lastern und von Tugend? Wozu so weit zurück? Ist es ein schlechter Zug, Daß ich durch Sturm und Steppen, Tag und Nacht, Selbst mit Gefahr des Lebens, Zu Ihnen her den weiten Weg gemacht? Und Alles, ach, vergebens! -- Wie sind Sie stolz und kalt! Ich schau' Sie an seit einer halben Stunde -- Verloren in die liebliche Gestalt -- Und ach, nur stärker blutet meine Wunde!

(Kleine Pause.)

Erlauben Sie mir diese Frage: Ist wirklich Alles beißend was ich sage? Und können Sie den Vorwurf auf mich laden, Als wollt' ich jemand dadurch schaden? Wahrhaftig, wenn mein Mund vielleicht auch so gesprochen, So hat mein Herz doch nichts verbrochen, Das Wunderliche pfleg' ich zu belachen, Doch werd' ich ein Geschäft daraus mir niemals machen! Gebieten Sie ins Feuer mir zu gehn Für Sie, -- mit Freuden soll's geschehn.

SOPHIE.

Nun gut, -- verbrennen Sie! Doch wenn's mißlänge? -- wie?

Achte Scene.

DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.

FAMUSSOFF (in der Thür).

Da haben wir's, da steht der Zweite!

SOPHIE.

Ach Väterchen, der Traum von heute!

(Geht ab, Lisette folgt.)

FAMUSSOFF (bei Seite).

Verdammter Traum!

Neunte Scene.

FAMUSSOFF. TSCHATZKI (sieht Sophien nach).

FAMUSSOFF.

Nun sag', was hast Du denn getrieben? Wie, in drei Jahren nicht ein Wort geschrieben, Und plötzlich fällst Du wie vom Himmel nieder!

(Umarmt ihn.)

Nun, sei willkommen Freund, willkommen! Du alter Junge, Du! Jetzt haben wir Dich wieder! Nun, Abentheuer konnten Dir nicht fehlen, Da setze Dich, und nun mußt Du erzählen.

(Sie setzen sich.)

TSCHATZKI (nachdenklich).

Wie ist doch Ihre Tochter schön!

FAMUSSOFF.

Ihr junges Volk wißt auf nichts anderes zu sehn, Als darauf, ob die Mädchen schön. Da hat sie etwas obenhin gesagt, Was Deiner Eigenliebe gleich behagt; Doch Hoffnung hat schon oft betrogen!

TSCHATZKI.

Mich hat sie wahrlich nicht verzogen.

FAMUSSOFF.

Der Traum von heute -- sagte sie -- Und Du, Du grübelst nach, ich wette, Was denn Sophie Geträumt wohl hätte?

TSCHATZKI.

Ich grüble nicht, es fiel mir niemals ein, Den Sinn von Träumen auszulegen.

FAMUSSOFF.

Freund, traue nicht den Frauen!

TSCHATZKI.

Nur meinen Augen will ich trauen, Und das muß offenherzig ich gestehn, Das Fräulein ist ganz unvergleichlich schön!

FAMUSSOFF (bei Seite).

Er ist davon nicht abzubringen! (laut) Doch sage mir vor allen Dingen: Wo warst Du denn die ganze Zeit? Drei Jahre fort, das will was heißen!

TSCHATZKI.

Unmöglich kann ich jetzt erzählen! Die ganze Welt wollt' ich durchreisen Und kam nicht tausend Stunden weit.

(Steht schnell auf.)

Ich muß jetzt fort -- durchaus -- Ich eilte her und war noch nicht zu Haus. Nach einer Stunde komm' ich wieder, Dann setzen wir uns traulich nieder, An Abentheuern soll es dann nicht fehlen -- Sie können sie dann aller Welt erzählen.

(Im Abgehen zu Sophiens Zimmer gewendet:)

Wie ist sie schön!

(Ab.)

Zehnte Scene.

FAMUSSOFF (allein).

Wer ist's nun von den Zwei'n? »Ach Väterchen, der Traum trifft ein,« Und sagt's mir laut! Ei, ei, ich muß gestehn Ich habe mich versehn! Ich habe einen Bock geschossen, Und auf Moltschálin meine Galle erst ergossen, Doch jetzt heißt's: Aus dem Regen in die Traufe! -- _Der_ ist ein Bettler, _der_ als Seladon bekannt Und als ein Muthwill und Verschwender Bei Jung und Alt im ganzen Land! -- -- -- Was machen uns -- Herr du Gerechter! -- Für Plagen doch erwachs'ne Töchter!

(Bleibt nachdenklich stehn. Der Vorhang fällt.)

Ende des ersten Akts.

Zweiter Akt.

Ein Empfangzimmer mit mehreren Thüren, links ein Fenster.

Erste Scene.

FAMUSSOFF. EIN DIENER.

(Die Mittelthür wird von einem vorangehenden Diener rasch geöffnet und Famussoff tritt, elegant gekleidet, herein; an der Thür bleibt er etwas stehen, um den Diener zu mustern.)

FAMUSSOFF.

Hör'! Peter, hör'! An Dir ist stets was neu! Nun ist am _Ellenbogen_ wieder was entzwei! (Setzt sich) Nimm den Kalender. -- Doch den liest er Gerade wie ein alter Küster! Lies mit Gefühl, Verstand, und dann und wann Bei Punct und Komma halte an. -- Doch schreib erst lieber Auf jenem leeren Blatte da, Der nächsten Woche gegenüber: »Am Dienstag zur Baronin Fladen »Bin auf Forellen ich geladen!« -- Wie ist die Welt doch wunderbar creirt! Wenn man darüber erst philosophirt, So schwindelt der Verstand. -- O je, o je! Da nimmt man sich in Acht, und dann kommt ein Dinér! Drei volle Stunden muß man kauen, Und in drei Tagen kann man's kaum verdauen! Bemerk' am selben Tag -- ach nein, Am Donnerstag wird das Begräbniß sein! O Menschenvolk -- mit deinem leichten Sinn! -- Wir müssen Alle doch dahin! -- -- -- In jenen Kasten kommt doch jedermann, In dem man weder stehn noch sitzen kann. Doch will sich jemand Lob und Ruhm erwerben: Hier nehm' ein Beispiel er! Der Sel'ge war ein achtungswerther Kammerherr -- Er hatte hinten ja den Schlüssel, Schafft' auch den Schlüssel seinem Sohn; Selbst reich, ich weiß das ganz genau, Vermählt' er sich mit einer reichen Frau, Und fand Parthie'n für alle seine Töchter. Nun ist er todt! Als Frommer und Gerechter Ist er aus dieser Welt geschieden, Und -- ruht in Frieden! Und wird beweint von Kind und Kindeskind -- Die all das schöne Gut nun von ihm erben. -- Was doch in unserm Moskau hier Für wicht'ge Männer sind Und leben hier und -- sterben! -- Am Donnerstag, schreib eins zum andern, Peter -- Doch könnt's auch Freitag sein, Wer weiß, vielleicht auch später, Muß ich zur Doktorswittwe gehn Gevatter stehn; Zwar habe ich noch nichts vernommen, Allein mir däucht es muß so kommen Wenn meine Rechnung richtig --

Zweite Scene.

DIE VORIGEN. TSCHATZKI.

FAMUSSOFF.

Ah! -- Alexander, Du bist da! Nun -- setze Dich.

TSCHATZKI.

Es scheint mir, Sie beschäft'gen sich --

FAMUSSOFF (zum Diener).

Geh, Peterchen.

(Der Diener geht ab.)

Ich merkt' Geschäfte an, Die, Gott behüt's, man leicht vergessen kann.

(Pause.)

TSCHATZKI.

Hab' ich die Stunde etwa schlecht gewählt? Ich hoffe nicht, daß Ihrer Tochter etwas fehlt! -- Ja, Sie sind mißvergnügt! Nicht wahr? Ich seh' es am Gesicht, an Ihren Mienen, Was fehlet Ihnen?

FAMUSSOFF.

Ach, bester Freund, was ist da sonderbar? In meinem Alter -- ei es ist zum lachen! -- Soll ich noch Capriolen machen?

TSCHATZKI.

Davon ist nicht die Rede, -- sagen Sie Mir nur -- was macht Fräulein Sophie? --

FAMUSSOFF.

Daß Dich! -- -- Nun Gott verzeih! Fünftausend mal Dasselbe Lied zu meiner Qual Und stets das alte Einerlei: Bald von dem schönen Fräulein Tochter Bald von dem kranken Fräulein Tochter Und nichts im Kopf, als meine Fräulein Tochter! Sag mir, -- Du hast Dich lang herumgetrieben, Und jetzt, so scheint mir's -- willst Du Dich verlieben, Und angelst gar nach meiner Tochter Hand?

TSCHATZKI.

Wozu die Frage?

FAMUSSOFF.

Ei, mir scheint sie passlich! Denn sieh', ich bin ein Bischen doch mit ihr verwandt! Man hat zum Vater mich -- das ist doch fasslich, Nicht grad' ins Blaue so hinein ernannt.

TSCHATZKI.

Und wollt' ich um die Tochter frein, Was würd' des Vaters Antwort sein?

FAMUSSOFF.

Ich sagte Dir zuerst: sei kein Phantast! Verwalte besser, was Du hast; Allein vor allen Dingen Mußt Du's im Dienste weiter bringen.

TSCHATZKI.

Dem Staate dient' ich gern -- allein Ich möcht' Nicht Knecht Nicht Diener darum sein.

FAMUSSOFF.

Na! Da haben wir den lieben Hochmuth ja! Du solltest lieber fragen Wie unsre Väter es gemacht, Und mancher da in alten Tagen Es so erstaunlich weit gebracht. Wie kann man sich zu dienen schämen? Ein Beispiel solltest Du am sel'gen Oheim nehmen: Ja sieh' -- das war ein Mann, Den man zum Muster nehmen kann! Er speiste nicht auf Silber -- nein auf Gold! Es wimmelte bei ihm von Dienern und Lakei'n, Es mochten wohl an hundert sein! Mit Orden ganz bedeckt kam er zu Hof gerollt. Wenn man so sah -- wie ihn im langen Zug Zum Pallast die Carosse trug, Man wurde in Bewunderung versetzt. Er lebte stets bei Hof -- und das war nicht wie jetzt -- Das war vor Zeiten noch, ja ja! Das war ein Hof -- wie nie die Welt ihn sah! Und Männer gab's zu jener Zeit Von centnerschwerer Wichtigkeit. Du hättest Dich, wer weiß, wie tief gebückt, Sie hätten kaum mit dem Toupé genickt, Und war's ein Günstling, ein Bojar, So ist's gewiß, daß es noch ärger war; Sie aßen, tranken -- ganz von uns verschieden, Nicht so, wie andre Sterbliche hienieden. Der Ohm? Was sind jetzt Fürst und Graf dagegen! Ein ernster Blick, ein stolzes Wesen War stets auf seiner Stirn zu lesen. Doch hätt' ich den wohl sehen mögen Der, wenn es Noth that sich zu schmiegen, So wußte sein Genick zu biegen! -- An einem Gallatag, vor allen Leuten Hatt' er das Unglück auszugleiten, Und so -- daß er sich fast den Hals gebrochen. Der Alte ächzt und krächzt -- Und wie er endlich aufgekrochen, Hat Ihre Majestät zu lächeln ihm geruht; Ein Allerhöchstes Lächeln!! -- Und was thut Der Schlaukopf nun! er macht's noch bunter Und fällt zum zweitenmal und ärger noch herunter. Man lacht noch mehr, es schallt der Saal, Und er steht auf und fällt zum drittenmal! Nun, wie gefällt das Euch? Wir nennen's einen klugen Streich! Krank fiel er hin, stand aber auf gesund. Denn seit der Frist Wen lud man öfter ein zum Whist? -- Und wer hat schmeichelhafteres gehört? Wer wurde so wie er geehrt? Der Onkel! Und das nennt ihr Kleinigkeit! Wer wußte so wie er mit Rängen zu belohnen? Der Onkel, ja! Wer schaffte so wie er Pensionen? Der Onkel! Ah? -- Und nu! Ihr da, von heute, was sagt _Ihr_ dazu?

TSCHATZKI.

Ja, in der That, Sie können seufzend sagen: Die Menschheit sei verdummt in unsern neusten Tagen. Wie kann man auch -- nach solchen Streichen Die neue mit der alten Zeit vergleichen! Zwar frisch ist noch die Kunde: Doch klingt sie glaublich nicht im Munde: Daß der zu Würden kam, Der nur die meisten Bücklinge geschnitten, Der nicht des Kriegs ruhmvolle Narbe trug, Nein, am Parquette sich die Stirn zerschlug! Der jedem Niederen -- und lag' er auf den Knieen, Begegnet' unerträglich stolz, Doch wo ein Mächtiger erschien, In Artigkeiten fast zerschmolz! -- -- Man kann mit Recht bezeichnen jene Zeit Als die der Furcht und Niedrigkeit: Die niedrigsten und die gemeinsten Triebe Maskirten sich als Unterthanenliebe; -- Ich rechne Ihrem Onkel dies nicht zu, Und lasse seine Asche gern in Ruh' -- Doch sagen Sie, wer wohl in unsern Tagen -- Und möcht' ihm Kriecherei auch noch so sehr behagen -- Wer würd' es wagen Auf's Spiel zu setzen sein Genick Für einen gnäd'gen Lächelblick? Allein in jener Zeit Erregt' ein solcher Purzelbaum noch Neid, Und mancher alte Herr hat still bei sich gedacht: O hätt' ich's doch so klug gemacht! Ja, Kriecherseelen giebt's auch jetzt auf Erden Doch fürchtet jeder lächerlich zu werden; Und nicht umsonst wird jetzt, da sie nun wen'ger kühn, Von oben solchen Herrn auch weniger verlieh'n.

FAMUSSOFF (bei Seite).

Du großer Gott, er muß ein Carbonari sein!

TSCHATZKI.

Von solchen Flecken ist die heut'ge Welt wohl rein.

FAMUSSOFF.

Gefährlich ist der Mensch!

TSCHATZKI.

Jetzt athmet man doch frei, Und Niemand drängt zum Heer der Narren sich herbei.

FAMUSSOFF.

Was spricht er da -- und redet wie gedruckt!

TSCHATZKI.

Beim Gönner dann die Decke anzugähnen! Geduldig warten, höflichst schweigen. Kratzfüsseln und den Rücken beugen, Dann, fiel ein Schnupftuch zu den Füssen Begierig los drauf schießen, Nach Stühlen laufen, um am Gönnertisch zu speisen! --

FAMUSSOFF.

Das also holt' er sich von seinen Reisen? Die Freiheit predigt er! Nun eine saubre Führung! --

TSCHATZKI.

Wer auf den Gütern lebt, wer in das Ausland reist --

FAMUSSOFF.

Mein Gott, was ist doch Deine Zunge dreist, Du sprichst ja gegen die Regierung!

TSCHATZKI.

Und wer sich gar erkühnt, Daß er dem Chef nicht, nur der Sache dient!

FAMUSSOFF.

Wär' ich Monarch, ich hielte solche Herrn Von meiner Hauptstadt fern Auf einen Büchsenschuß.

TSCHATZKI.

Ich lasse Sie zufrieden endlich.

FAMUSSOFF.

Nicht auszuhalten ist es -- schändlich!

TSCHATZKI.

Ich schalt erbarmungslos auf Ihre Zeit, Auf die Vergangenheit; Doch hören Sie, wir wollen uns vergleichen; Sie können einen Theil von all dem Tadel streichen Und unsrer Zeit als Ueberschuß verleih'n, Ich würde nicht darüber schrei'n.

FAMUSSOFF.

Ich habe nichts mit Ihnen mehr zu schaffen, Irrlehren sind's, und solche leid' ich nicht.

(Er hält sich die Ohren zu.)

TSCHATZKI.

Ich streckt' ja schon die Waffen, Und niemand widerspricht.

FAMUSSOFF.

Gut, gut, ich halt' die Ohren zu!

TSCHATZKI.

Weshalb? Ich lass' Sie ja in Ruh'.

FAMUSSOFF (heftig).

Durchschnüffeln da den ganzen Erdenball, Maulaffen überall -- Dann geht's nach Haus, nun sag' mir einer offen, Von solchen soll man was solides hoffen!

TSCHATZKI.

Ich hörte auf.

FAMUSSOFF.

Um Gotteswill'n lass' Dich bedeuten!

TSCHATZKI.

Ich wünsch' nicht weiter mehr zu streiten.

FAMUSSOFF.

Erbarme Dich, lass' mich in Ruh'!

Dritte Scene.

DIE VORIGEN. EIN DIENER.

DIENER.

Der Oberst Scalosúb.

FAMUSSOFF (ohne zu hören).

Nur zu, nur immer zu! Du kommst noch unter's Halsgericht! Das ist gewiß, wie zwei mal zwei macht vier.

TSCHATZKI.

Es ist da jemand angekommen.

FAMUSSOFF.

Ich höre nichts! Vor's Halsgericht!

TSCHATZKI.

Sie haben falsch vernommen: Es ist ein Fremder vor der Thür.

FAMUSSOFF.

Vor's Halsgericht, vor's Halsgericht mit Dir!

TSCHATZKI.

So kehren Sie sich um, Sie kriegten einen Gast.

FAMUSSOFF (dreht sich um).

Was? Krieg? Rebellion? Auf Sodoms Schicksal bin ich längst gefasst.

DIENER.

Der Oberst Scalosúb hält vor der Thür, Befehlen Sie ihn zu empfangen?

FAMUSSOFF.

Schaafskopf! Natürlich! sagt' ich's Dir Nicht hundert mal schon? Schneller, lauf -- Bitt' ihn ergebenst gleich herauf, Sag', daß ich hocherfreut, sag' Wort für Wort, Sag', daß ich ihn erwarte, -- pack Dich fort! --

(Diener ab.)

(Zu Tschatzki.)

Ich bitte Dich Mosje, folg' einmal mir: Es ist ein angeseh'ner Offizier Hat, für sein Alter unerhört -- Schon einen Rang beneidenswerth, Hat Orden ohne Zahl, Ist heute oder morgen General, Dazu ist er solid in seiner Denkungsart; Ich bitt' Dich, nimm Dich jetzt zusammen.

(Kopfschüttelnd.)

Ach, lieber Tschatzki, -- nein! Nicht alles ist mit Dir -- so wie es sollte sein! -- -- Er ist recht oft und gerne hier -- Du weißt empfangen wird ja jedermann von mir. Die Leute hier vergrößern alles gleich; Da spricht man in der ganzen Stadt, Daß er ein Aug' geworfen hat Auf mein Sophiechen -- dummes Zeug --! Nun -- möglich wär's -- Sophie ist frisch und roth, Allein sie ist noch jung; -- ich sehe keine Noth So bald die Tochter aus dem Haus zu geben. Er mag sie wohl -- wenn mich nicht alles trügt, Doch übrigens, wie es der Himmel fügt. Ich bitt' Dich, kommt er her, So streite nicht die Kreuz und Quer. Erwäge doch ein jedes Wort Und wirf die albernen Ideen fort. Indeß wo bleibt er denn? Was kann das sein? Er ging gewiß zu mir, auf jene Seit', hinein.

(Geht eiligst ab.)

Vierte Scene.

TSCHATZKI (allein).

Was kommt ihm an! Warum wohl so in Feuer! Und wie steht's mit Sophie? Das ist bestimmt ein Freier. Wann that sie je so fremd mit mir, Und warum ist sie noch nicht hier? Wer ist der Scalosub? Dem Vater scheint er ja gewaltig theuer, Doch ach, es könnte sein Dem Vater nicht allein! ... Ja, bleibt drei Jahre nur von Haus, Dann ist's mit Lieb' und Treue aus.

Fünfte Scene.

FAMUSSOFF. SCALOSÚB. TSCHATZKI (im Hintergrunde).

FAMUSSOFF.

Herr Oberster hierher, zu uns, hierher! Hier ist es wärmer, bitte sehr! Friert Sie? -- Die Wärme kann man gleich vermehren, Ich öffne schnell die Ofenröhren.

SCALOSÚB (im Bass).

Was, selbst zu klettern, nein, das gebe ich nicht zu! Auf Offiziersparol, das kann ich nicht erlauben.

FAMUSSOFF.

Sie wollen nicht, daß ich für Sie was thu'! Mein theurer Freund, Sie können glauben Für Sie, für einen Freund ist alles angenehm. Nun -- machen Sie's sich recht bequem, Den Hut hierher, fort mit dem Degen! Wir wollen ihn bei Seite legen; Hier ist ein Sopha, federweich.

SCALOSÚB.

Wo Sie befehlen -- mir ist's gleich.

(Sie setzen sich.)

FAMUSSOFF.