Verstand schafft Leiden: Schauspiel in vier Akten

Part 1

Chapter 13,623 wordsPublic domain

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Verstand schafft Leiden.

[[Kyrillisch: Gore ot` uma.]]

Schauspiel in vier Akten und in Versen nach dem Russischen des Gribojädoff metrisch übertragen von Dr. Bertram.

Den Bühnen gegenüber als Manuscript zu betrachten.

Leipzig, In Commission bei F. A. Brockhaus. 1853.

Personen.

FÁMUSSOFF, Chef einer Kronsbehörde. SOPHIE, dessen Tochter. TSCHÁTZKI, ihr Jugendfreund. MOLTSCHÁLIN, Fámussoff's Sekretair und in dessen Hause wohnend. LISETTE, Sophiens Kammermädchen und Vertraute. Oberst SCALOSÚB. PLATÓN GÓRITSCHEFF. NATALIE, dessen junge Frau. REPETÍLOFF. SAGORÉTZKI. MAD. CHLESTOW, Fámussoff's Schwägerin. Die Gräfin CHRUMIN. Deren Enkelin, eine unverheirathete Dame. Fürst TUGOÚCHOFFSKI. Die Fürstin, dessen Gemahlin. Die erste } zweite } dritte } vierte } Fürstin Tochter. fünfte } sechste } Herr N. Herr D. Gäste beiderlei Geschlechts, Diener, Lakeien &c.

Das Stück spielt in Moscau, im Hause Fámussoff's, etwa zehn Jahre nach dem französischen Kriege.

Requisite bei der Aufführung.

Erster Akt.

Eine Spieluhr; ein Flöten- und Clavierspieler hinter der Scene. Ein Leuchter mit einem brennenden Wachslicht. Eine Mappe (für Moltschálin).

Zweiter Akt.

Ein Ofen mit hoher Spalte und einer kleinen Abstufung (auf welche Fámussoff hinaufsteigen will). Ein Buch (Kalender) für den Diener. Ein Glas Wasser. Ein schwarzes Tuch für Moltschálins Arm.

Dritter Akt.

Ein Theaterbillet für Sagorétzki. Eine Karte für Moltschálin.

Vierter Akt.

Pelze, Überschuhe, allerlei Tücher und Kappen. Brennende Lichter. Laternen.

Erster Akt.

Saal mit einer Mittel- und einer Seitenthür, die zu Sophiens Zimmer führt. Neben der Mittelthür steht eine hohe Wanduhr. Man hört anfänglich die Töne einer Flöte und eines Klaviers. Es ist früher Morgen.

Erste Scene.

LISETTE

(ist mitten im Zimmer auf einem Stuhl eingeschlafen. Sie erwacht, steht auf und sieht sich erstaunt um).

Es tagt? Wie schnell ist doch die Nacht vergangen! Ich wollt zu Bett gehn gestern Abend -- Nein! Es hieß -- Die Augen auf und schlafe ja nicht ein! »_Der Freund kommt her_,« erhalt dich munter, Und fielst du auch vom Stuhl herunter! Nun schlief ich eben ein, da fängt es an zu tagen; -- Ich muß es ihnen gleich nur sagen, Die merken es sonst nie!

(Sie klopft an die Seitenthür.)

Nun meine Gnädigsten?! -- Fräulein Sophie! Ihr Abend dauert bis zum hellen, lichten Tage; Ums Himmelswill'n, so hören Sie doch was ich sage! Mein Fräulein! Herr Moltschálin! Sind Sie taub?

(Sie geht von der Thür weg.)

Die haben jede Furcht vergessen! Nun wartet nur, ich glaube fast Der Alte kommt noch her als ungebetner Gast. _Das_ ist ein Dienst bei Fräulein -- bei verliebten!![1]

[Fußnote 1: Bis dahin muß die Musik immer zu hören sein.]

(Sie geht wieder zur Thür.)

So trennen Sie sich doch! -- Es ist ja Morgens früh! Wie?

SOPHIE (hinter der Scene).

Wie viel Uhr ist's?

LISETTE.

Das ganze Haus erwacht.

SOPHIE (wie oben).

Wie viel Uhr ist's?

LISETTE.

Sechs, sieben, acht!

SOPHIE (wie oben).

Das ist nicht wahr!

LISETTE.

O Amor, du verwünschter Wicht! Es ist doch klar, Sie hören mich und können Noch immer sich nicht trennen! Und warum öffnen sie die Laden nicht?

(Sie wendet sich zur Uhr.)

Ich stell den Zeiger vor; ich weiß, es giebt Verdruß, Allein ich muß! Ich lasse alle Glocken spielen, Denn wer nicht hören will -- muß fühlen!

(Sie steigt auf einen Stuhl und stellt die Wanduhr, die zu spielen anfängt.)

Zweite Scene.

LISETTE und FAMUSSOFF (im Schlafrock, tritt durch die Mittelthür ein, Lisette erschrickt und springt vom Stuhl herunter).

LISETTE.

O je, der Herr!

FAMUSSOFF.

Der Herr, nun ja! Du Naseweis -- was machst Du da?

(Er hält das Glockenspiel an.)

Ich konnte den Spektakel nicht begreifen; Das war ein Klingeln und ein Pfeifen! Sophie -- die konnt's so früh nicht sein; Bald klang's wie ein Klavier und bald wie eine Flöte. Das fiel mir wirklich gar nicht ein, Daß Du es seist, Du kleine Kröte.

LISETTE.

Ich weiß nicht recht, wie es geschehn -- Ich kam daran ganz aus Versehn.

FAMUSSOFF.

Ganz aus Versehn? -- Vor euch nehm' man sich nur in Acht. Du that'st es sicher mit Bedacht.

(Er schäkert mit ihr.)

Du kleiner netter Schelm!

LISETTE.

Ein Schelm sind Sie! Ich will das nicht! Steht Ihnen das wohl zu Gesicht?

FAMUSSOFF.

O Tugendheldin, sei kein Kind! Du hast im Kopf doch nichts als Wind.

LISETTE.

Windbeutel selbst! Sie denken nicht daran, Daß Sie ein alter Mann.

FAMUSSOFF.

Nun, ja, Beinah'!

LISETTE.

Und dann Kommt wer, was fängt man an?

FAMUSSOFF.

Wer denn? Sophie schläft.

LISETTE.

Erst eben schlief sie ein.

FAMUSSOFF.

Erst eben? Und die Nacht?

LISETTE.

Das Fräulein las, und hat gewacht.

FAMUSSOFF.

Nun sieh' mal was das für Manieren!

LISETTE.

Französisch las sie laut bei festgeschlossnen Thüren.

FAMUSSOFF.

Sag ihr, sie soll sich nicht die Augen ruiniren. Vom Lesen, muß ich frei gestehn, Kann ich nicht großen Nutzen sehn: _Ihr_ raubt den Schlummer die _französische_ Lectüre Und mich -- mich schläfert's fürchterlich, Sobald ich nur ein russisch Buch berühre.

LISETTE.

Wenn sie erwacht, sag' ich's Fräulein Sophie, Doch jetzo, bitt' ich, gehen Sie!

FAMUSSOFF.

Warum?

LISETTE.

Sie wecken sie.

FAMUSSOFF.

Wodurch sollt' ich sie wecken? Selbst läutet sie wahrhaftig zum Erschrecken Mit ihrer Uhr, und trommelt aus der Ruh' Die ganze Nachbarschaft mit ihrer Symphonie!

LISETTE (sehr laut).

Ach hören Sie doch auf, ich bitte Sie!

FAMUSSOFF (hält ihr den Mund zu).

Still doch, so schrei nicht, bist Du ganz von Sinnen?

LISETTE.

Ich fürcht', wenn Sie noch länger bleiben, daß --

FAMUSSOFF.

Und was?

LISETTE.

Ach Herr, Sie wissen's doch, Sie sind kein Kind -- Wie leicht erweckt die jungen Mädchen sind, Kaum geht die Thür, kaum flüstert man ein Wort, Gleich ist der süße Morgenschlummer fort. Und Alles hören sie.

FAMUSSOFF.

Ach, Alles dummes Zeug!

SOPHIE (hinter der Scene).

Lisette!

LISETTE.

Gleich, mein Fräulein, gleich.

FAMUSSOFF.

St! (schleicht auf den Zehen fort.)

LISETTE (allein).

Ach Gott, von unsern Herrn Halt' man am besten sich recht fern! In jedem Augenblick ist man gewiß gewärtig, Daß gleich ein neues Unglück fertig; O wenn man doch von diesen beiden Den größten Leiden Verschont nur bliebe: Von Herrenzorn und Herrenliebe!

Dritte Scene.

LISETTE. SOPHIE (tritt mit einem Licht aus ihrem Zimmer) MOLTSCHÁLIN (folgt ihr).

SOPHIE.

Lisette, welch ein Lärm! was fällt Dir ein?

LISETTE.

Die Trennung scheint recht schwer zu sein, Verschlossen bis zum Tag, und doch nicht zur Genüge!

SOPHIE.

Wahrhaftig, es ist Tag!

(Sie löscht das Licht aus) Der Tag Erschien -- und auch der Kummer! -- -- -- ach! Wie doch die Nächte schnell vergehn!

LISETTE.

Nur zu, Sie mögen sich beklagen, Allein, das muß ich Ihnen sagen, Für einen Dritten ists nicht auszustehn! Der alte Herr war da Und ich war einer Ohnmacht nah, Ich wandt' mich hin und her Und log ihm vor die Kreuz und Quer. (Zu Moltschalin) Und Sie, was bleiben Sie denn noch? So machen Sie Ihren Bückling doch Nur schnelle! Das Herz steht nicht an rechter Stelle! So sehn Sie nach der Uhr! Sie glauben, daß ich spaße! Die ganze Welt ist längst schon auf der Straße! Im Haus ist Alles schon erwacht, Man fegt, in Ordnung wird das Haus gebracht, Und Sie, Sie stehn noch da wie angebunden!

SOPHIE.

Ach Glückliche -- -- die zählen nicht die Stunden!

LISETTE.

Nur immer zu! Ei sicherlich Ist's angenehm, die Zeit sich zu versüßen; Allein wer anders wohl als ich Wird noch zuletzt für Alles büßen?

SOPHIE (zu Moltschálin).

So gehen Sie, wir müssen scheiden Und einen ganzen Tag voll Langerweile leiden.

LISETTE.

So lassen Sie die Hände doch nur fahren! (sie trennt sie) Nun endlich, -- laß uns Gott bewahren!

(Moltschálin geht ab; wie er bei der Mittelthür ist, öffnet sie sich und Famussoff tritt angekleidet herein, er bleibt stehn und sieht Moltschálin verwundert an.)

Vierte Scene.

DIE VORIGEN. FAMUSSOFF.

FAMUSSOFF.

Was tausend ist denn das? Sind Sie es wirklich?

MOLTSCHÁLIN (sehr verlegen).

Ja!

FAMUSSOFF.

Zu dieser Stunde hier? (erblickt Sophie) Und auch Sophie? Ei guten Morgen Sophie, Du bist auch da? Was hast Du hier zu sorgen? Wie hat Euch Gott zu dieser Stunde So wunderlich zusammen hier gebracht?

SOPHIE.

Er kam herein in diesem Augenblick --

MOLTSCHÁLIN.

Von einer Promenade erst zurück Trat eben ich ins Haus.

FAMUSSOFF.

Freund, hören Sie, es könnt nicht schaden, Sie suchten sich zu Morgenpromenaden Ein andres Gäßchen aus! -- Ei, Fräulein Tochter, ei, kaum aus dem Bett gesprungen Zusammen gleich mit einem Herrn, Mit einem jungen! Sag, schickt sich das für Mädchen wohl von fern? Des Nachts liest Du Romane und Gedichte, Und das sind nun die saubern Früchte! Das Alles nur kommt von der Schmiedebrücke Und von den ewigen Franzosen her. Da holen wir uns Moden, Musen, Dichter Und ähnliches Gelichter, Und drum ist Herz und Beutel leer! Wann wird der Himmel uns erretten Von ihren Hüten, Hauben, Ketten -- Von ihren Salben und Pomaden Und den Bisquit und Bücherladen!!

SOPHIE.

Verzeihen Sie --! Ich bin schon ganz benommen, Und kann vor Ueberraschung nicht zu Athem kommen. Sie traten ja so rasch und plötzlich ein -- Wie sollt' ich nicht erschrocken sein?

FAMUSSOFF.

Ich danke ganz gehorsamst! -- Ei wie fein! Ich lief, ich hab' erschreckt, ich kam so plötzlich! Nicht wahr, das war von mir entsetzlich? Ich, Fräulein Tochter, hab' den ganzen Tag zu thun, Da ist kein Rasten und kein Ruh'n; Der Kopf ist mir vom Dienste wie benommen, Es ist ein ew'ges Gehn und Kommen, Und ich -- auf dem schon Alles liegt, Konnt ich erwarten, daß man mich betrügt?

SOPHIE (in Thränen).

Wie so mein Vater?

FAMUSSOFF.

Nicht geweint! Gieb Acht, was ich Dir sage; freilich meint Man immer, daß ich ohne Ursach schelte, Doch, hör' mich an, wenn ich Dir noch was gelte; Man that von deiner Wiege an Für Dich, was man nur irgend kann. -- Die Mutter starb; ich hatt' die glückliche Idee Und nahm in der Madame Rosier Dir eine zweite Mutter dann Für eine starke Gage an. Die goldene Alte -- folgte deinen Tritten -- Klug war sie, sanft, von tadellosen Sitten; -- -- Wenn Eins nur nicht gewesen wär'! Eins habe ich ihr sehr verdacht: Durch nur fünfhundert Rubel jährlich mehr Ward sie uns abspenstig gemacht! -- Doch lassen wir Madam' -- an der da lag es nicht. Was brauchst Du anderer Exempel? Mein Haus gleicht einem Tugendtempel, Des Vaters Beispiel lehrt Dir Pflicht! Da -- schau mich einmal an! Ich sage nicht, ich sei ein junger Mann An Jahren, -- Doch bin ich frisch bei meinen grauen Haaren, Dazu bin ich doch Wittwer, bin doch frei, Herr meiner Handlungen dabei! Und dennoch leb' ich so, daß jeder, der mich kennt, Mein Leben exemplarisch nennt.

LISETTE.

Doch dürft' ich fragen, Herr, wie's -- --

FAMUSSOFF.

Schweig'! Ein schreckliches Jahrhundert! -- -- Allein -- was ist man so verwundert, Daß Alles altklug jetzt und weise vor den Jahren, Und unsere Töchter ganz voran, So daß man sie vor Thorheit und Gefahren Mit Müh' und Noth kaum schützen kann. Wir Einfaltspinsel! Wir haben selbst das Unglück uns gebracht, Ja! -- Die Manie zum fränkischen Gewinsel, Die fremden Sprachen haben das gemacht. Landstreicher nimmt man heutzutag ins Haus -- Die Herrchen sollen Alles lehren Dem Töchterchen -- Tanz und Gesang, Mit Seufzern und mit Seelendrang Und Ziererei -- -- Gott steh uns bei! Man möchte schwören, Daß wir sie auferziehen traun! Zu nichts als zu Seiltänzer-Fraun.

(Er wendet sich zu Moltschálin.)

Und nun zu Ihnen, junger Fant: -- So also wird die Güte anerkannt? Ein schöner Dank! Bedenken Sie doch Ihren Lebenslauf! Wer hob Sie aus dem Plebs herauf? Wer schaffte Ihnen den Assessorrang? Wer machte Sie zum Secretair? Wer führte Sie nach Moskau über? Ich war's -- und ohne mich, mein Lieber, Versauert wären Sie in Ihrem Twer!

SOPHIE.

Wozu, mein Vater, zählen Sie das her? Wozu der Streit -- Um eine Kleinigkeit? Moltschálin wohnt im Hause hier -- Er tritt herein und irrt sich in der Thür.

FAMUSSOFF.

Er irrt' sich, oder wollte er sich irren? Wie aber kam'st denn Du zu gleicher Zeit herein? Das kann nicht bloßer Zufall sein.

SOPHIE.

Sie sollen das sogleich erfahren: Als Sie hier erst mit Lisa waren Hat Ihr Gespräch mich aus dem Schlaf erweckt, Und darum rannt' ich her, ganz ungemein erschreckt.

FAMUSSOFF.

Am Ende kommt's heraus, daß mir die Schuld gehört, Ich habe sie, wie's scheint, zur Unzeit hier gestört!

SOPHIE.

Die größte Kleinigkeit, ein Wort -- geflüstert kaum -- Kann aus unruh'gem Schlaf mich wecken; Wenn ich erzählte meinen Traum, Verständen Sie auch meinen Schrecken.

FAMUSSOFF.

Ein neu Histörchen?

SOPHIE.

Was ich sah' Im Traum, soll ich's erzählen?

FAMUSSOFF.

Nun, ja, ja! (er setzt sich.)

SOPHIE.

Ja -- sehen Sie -- ich stand von Blumen rings umblüht Auf einer Flur -- und war bemüht Ein Kraut zu suchen; -- müht' mich sehr -- Doch welch ein Kraut es war, das weiß ich jetzt nicht mehr; Da, -- plötzlich -- tritt ein junger Mann Zu mir heran! Ganz offenbar gehörte er zu Denen, An die wir uns beim ersten Blick gewöhnen, Und so -- als wären wir von Ewigkeit bekannt. Wir wurden ganz vertraut, -- er war gewandt, Einschmeichelnd, und er zeigte viel Verstand, Doch war er schüchtern -- -- wie -- Sie wissen alle sind Die arm geboren.

FAMUSSOFF.

Halt mein Kind, Um's Himmelswill'n geh weiter nicht, Für Dich passt doch kein armer Wicht!

SOPHIE.

Doch schnell war Himmel, so wie Flur verschwunden; Wir haben plötzlich uns In einem dunklen Raum gefunden, Und denken Sie, wie wunderbar! Der Boden öffnet sich -- und Sie mit struppigem Haar, Blaß wie der Tod -- Sie steigen draus empor. Nun riß sich donnernd auf ein Thor, Und Ungeheuer, weder Mensch noch Thier, Ergriffen ihn, der neben mir. Sie quälten ihn, der all mein Lebensglück -- Ich will zu ihm -- sie halten mich zurück -- Geschrei und Röcheln, wie ein Höllenchor Trifft mit Gewalt mein banges Ohr -- Er ruft mir aus der Weite -- fern, Ich will zu ihm so gern, so gern -- -- Da wach' ich auf! man spricht -- es waren Sie! Wie -- denke ich -- der Vater hier so früh? Ich eile her und find' Sie alle beide. --

FAMUSSOFF (nach einer kurzen Pause).

Ja freilich, dieser Traum war schlecht; Da ist so allerlei, betrachtet man ihn recht, Ein bischen Lüge, ohne Zweifel Und Liebe, Blumen, Schreck und Teufel! (Zu Moltschalin) Doch Sie Mosje?

MOLTSCHÁLIN.

Ich hörte Ihre Stimme, -- --

FAMUSSOFF.

Nun das ist gut! -- -- Was doch so eine Stimme thut! Sie haben Alle sie gehört Und sind vor Tagesanbruch aufgestört, Sie suchten also mich? Was kann Sie zu mir führen?

MOLTSCHÁLIN.

Ich komme mit Papieren. --

FAMUSSOFF (springt auf).

Dacht' ich's doch, Das fehlte mir gerade noch! Mein Gott, Sie sind ja wie versessen Mit Einemmal auf Schreiberein?

(Zu Sophie.)

Nun, Töchterchen, wir wollen das vergessen! Zwar können Träume seltsam sein, Doch in der Wirklichkeit hört man von Dingen, Die oft viel seltsamer noch klingen, Als das, was uns im Traum erscheint. Statt eines Kräutleins fand'st Du einen Freund, Doch schlage Dir das dumme Zeug Nur aus dem Sinne gleich. Das Wunderliche hat nur selten Sinn, Drum geh' hinein und leg' Dich wieder hin.

(Zu Moltschálin.)

Wir wollen gehn Um die Papiere durchzusehn.

MOLTSCHÁLIN.

Ich bracht' sie eben dazu her, Denn sie bedürfen dessen sehr: Sie widersprechen sich und sind nicht in der Form.

FAMUSSOFF.

Herr Sekretair -- das nehmen Sie zur Norm: Eins fürcht' ich wie die Pest -- Wenn man sich Schriften häufen läßt. Doch würdet Ihr nur Euren Willen haben, Man säße in Papier begraben. Drum merken Sie sich dieses Wort: Was unterzeichnet ist, muß fort! Ob's richtig, ob es falsch auch sei, Mir einerlei! --

(Gehen ab, an der Thür läßt Famussoff den Moltschálin vorangehen).

Fünfte Scene.

SOPHIE. LISETTE.

LISETTE.

Da haben Sie's! Das sind die Früchte! Nun, eine saubere Geschichte! Doch Scherz bei Seit', das war' nicht gut, Ich bin ganz hin und mir ist schlecht zu Muth. Ein Fehler ist ja doch nicht »alle Welt« -- Doch schlimm ist's, wenn die Leute davon reden.

SOPHIE.

Mir einerlei, frei steht das einem jeden, Und schwatzen mag er, wie es ihm gefällt. Allein, der Vater wird uns was zu schaffen machen; Er ist so heftig und so rauh in solchen Sachen, Und so war's immer, Allein von jetzt an wird's gewiß noch täglich schlimmer.

LISETTE.

Ich seh's ja; es ist Gott zu klagen! Ich urtheil' nicht nach Hörensagen; Drum -- denken wir an alle Fälle: Sperrt er Sie ein und bleib' ich nur zur Stelle, So steht die Sache immer noch ganz gut, Doch, Gott bewahr', wollt' er in seiner Wuth Mich und Moltschálin aus dem Hause jagen Dann wären Sie doch wirklich zu beklagen!

SOPHIE.

Sieh', ist das Schicksal nicht voll Eigensinn! Was Schlimmres geht uns oft so hin, Und schlimm geht's wo wir gar nichts ahnen! Sanft floß die Zeit in dem Genuß der Kunst, Wir standen -- schien's -- beim Schicksal recht in Gunst, Nicht Bangen noch Besorgniß fühlten wir, Und sieh' -- das Unglück saß schon vor der Thür!

LISETTE.

Das kommt davon! -- Sie haben leider nie Auf mich gehört und nun -- nun sehen Sie! -- Was braucht es besserer Propheten? Sie müssen dies Gefühl in Ihrem Herzen tödten. Ich sage Ihnen: hier auf Erden Wird draus in Ewigkeit nichts werden! Ihr Vater ist gerade so gesinnt Wie's Alle hier in Moskau sind: Zum Schwiegersohne hätt' er einen gern Mit hohem Rang und Ordensstern; Doch trotz der Sterne und der Ränge Ist mancher dennoch in der Enge, Drum sucht er Ihnen auch noch einen reichen Mann, Der Aufwand macht und Bälle geben kann; Zum Beispiel: Scalosub gehört zu dieser Zahl -- Ein Sack mit Gold gefüllt und nächstens General.

SOPHIE.

Das wäre schön! Ein solcher fehlt mir g'rade! Er kennt ja nichts als Reih'n und Fronten und Parade. So ein Kamaschenheld! Aus seinem Mund, so lang er auf der Welt Kam nie ein kluges Wort; Geh' mir mit Deinem Oberst fort! Ins Wasser springen -- ihn zum Ehgemahl, Das wär' mir beides gleich fatal.

LISETTE.

Nun ja, er schwatzt und hat das Pulver nicht erfunden, Doch sagen Sie mir unumwunden: Wer hier wohl von Civil und Militair Beredter, witziger und feiner wär Als Tschatzki -- nun -- ich wollte Sie nicht necken -- Das ist nun längst vorbei, Gott weiß, wo er mag stecken -- Doch die Erinnerung -- --

SOPHIE.

Oh, ich erinnere mich: Die Leute zu verspotten wußt' er meisterlich! Er amüsirte mich -- er wußte Spaß zu machen; Mit jedem kann man ja zusammen lachen.

LISETTE.

Nur lachen? Ach, als er hier Abschied nahm, Schwamm er in Thränen ganz, als er von Ihnen kam. Ich sprach ihm zu: Was weinen Sie denn so? Sie reisen doch und sind nicht froh! »Ich weine, Lischen, nicht umsonst« sprach er, »Die Trennung fällt mir, ach, so schwer! »Kehr ich zurück, was steht mir dann bevor, »Wer weiß zu sagen wohl, was ich alsdann verlor!« Der arme Herr, ihm ahnt', daß in drei Jahren -- -- --

SOPHIE.

Du könntest besser Deine Zunge wahren! Ich geb' es zu, daß ich vielleicht Ihn allzuschnell vergessen; Leicht handelt' ich -- indessen Sag mir frei, Wem brach ich je die Treu'? Mit Tschatzki -- freilich -- bin ich auferzogen, Wir waren uns als Kinder recht gewogen, Beisammen stets, zu allen Stunden, Und durch Gewohnheit schon verbunden. Doch später endete der Frieden, Es kam mir vor, als hätt' er uns gemieden. Es schien ihm hier nicht zu behagen, Und selten kam er noch ins Haus -- Dann kam er plötzlich wieder -- führte Klagen Und sah verliebt und melancholisch aus. Er war von Witz und Schwermuth die Vereinung, Und scharf war für die Schwächen Anderer sein Blick; Doch hatt' er in der Freundschaft sehr viel Glück Und drum von sich die höchste Meinung. Und wie veränderlich war nicht sein Sinn! Die Lust zu reisen riß ihn plötzlich hin. Ach, wer uns wirklich liebt, der sucht nicht weiter Geist Und bleibt so lang nicht fort!

LISETTE.

Wo ist er hingereist? In welchem Land, an welchem Ort? Man sagte er curirt sich auf den Wässern; Krank ist er nicht -- Er mögte wohl die Laune sich verbessern.

SOPHIE.

Gewiß, dort ist er froh, wo Lächerliche sind! Der, den ich liebe, ist nicht so gesinnt; Der opfert sich für Andere mit Freuden, Stets artig ist er, stets bescheiden. Respectvoll ist er, niemals kühn -- Verwegen sah ich niemals ihn. Er nimmt die Hand mir, drückt sie dann und wann An's volle Herz; Dann seufzt er, recht aus tiefster Seele -- Allein kein freier Scherz Kommt über seine Lippen. -- Ich erzähle Die Wahrheit Dir; wir sitzen Hand in Hand Und blicken uns ins Auge unverwandt. (Lisette lacht) Du lachst! warum? Sag', welch ein Grund Ist hier, aus vollem Halse so zu lachen?

LISETTE.

Ach Gott, das Lachen ist gesund; Ich lachte über andre Sachen: An Ihre Tante hab' ich grad gedacht, Und über sie hab' ich gelacht: Der Schmerz der Guten war so tief, Als der Franzose von ihr lief; Das Täubchen wollte vor Verzweiflung sterben, Ihr Haar zu färben Vergaß sogar die arme Frau Und in drei Tagen -- war sie grau!

(Sie lacht.)

SOPHIE (verdrießlich).

Solch dummes Zeug wird man von mir auch sagen!

LISETTE.

Verzeihen Sie, das wird wohl Niemand wagen, Ich hatte mir nur vorgenommen Nach so viel ärgerlichen Dingen Zum Lachen etwas Sie zu bringen.

Sechste Scene.

DIE VORIGEN. EIN DIENER.

DIENER.

Herr Tschatzki ist so eben angekommen.

(Ab.)

Siebente Scene.

DIE VORIGEN. TSCHATZKI.

TSCHATZKI.

Kaum tagt's -- und ich bin da und lieg' zu Ihren Füßen!

(Küßt ihr die Hand mit Feuer.)

Was giebt's? Sie wollen mich nicht wieder küssen? -- Sie haben mich erwartet? Nicht? Sind sie erfreut? -- Ach nein! -- Sehn Sie mir ins Gesicht! Sie sind verwirrt! -- Nichts mehr? -- Welch ein Empfang? Als ob die Trennung keine Woche lang! Als ob wir gestern uns zu zweien Auf's schrecklichste gelangweilt hätten. Kein Fünkchen Liebe, wie? Und ich -- der hundert Meilen Durchflog in Sturm und Wetter ohne Weilen -- Ich, voller Sehnsucht und mit Herzensbeben -- Ich stürme her auf Tod und Leben -- Wie oft warf nicht der Schlitten mit mir um -- Nicht schloß mein Auge sich in fünf und vierzig Stunden, Und _die_ Belohnung hat mein Heldenmuth gefunden!

SOPHIE.

Ach Tschatzki, wie mich's freut, Sie wieder hier zu sehn!

TSCHATZKI.

Sie sind erfreut? Ei das ist schön! Doch muß ich aufrichtig gestehn: Die Freude pflegt wohl anders auszusehn! Mir scheint es fast zuletzt, Als ob mein Jagen Und Pferd- und Leute-Plagen Mich wohl nur ganz allein ergötzt!

LISETTE.