Versöhnung, Gesänge und Psalmen
Part 2
Wo ist ein Leid, so tief, daß es mich hülle! Wo quillt ein Schicksal, das mich unterjocht! Uns zwingt ein Drang aus übermächtiger Fülle auf Höhen, wo der Gott im Rausche pocht. Die Himmel öffnend, stürzt er uns entgegen. Trieb Jubel oder Not uns auf den Grat? Wir fragen nicht. Wir schlürfen seinen Segen und warten demutvoll auf unsre Tat.
Denn irgendwo ist sie dem Mann beschieden; gespiegelt schon aus Höhlen seiner Not, formloser Traum befreiter Karyatiden, weitoffen dem unendlichen Gebot! O magisch Wirken, das sie heimlich bindet, die Schwestern Eigennot und Tatenglück: Not lischt, die sich in Taten sicher gründet, und Tat schmilzt mündend in die Not zurück.
Wir kennen nicht des Leidens bange Süße, des Trauerns Säumnis ist uns nicht vergönnt. Und wo wir Lust mit stolz Entsagen büßen, wir dulden keinen Zug, der es euch nennt. Und schreiten herben Augs die steilen Pfade. Gewölke Lächelns blühn zu Seiten auf. Schon winkt in Fernen Opfers reinste Gnade zu bändigen des Chaos rasenden Lauf. Wir tragen dieses Erdenseins Empörung. Donnernd stürzt Weltennot in eigne Qual. Zerstampfe sie und lache der Zerstörung: Auf reißt uns Wollen immer höh'rer Wahl. Wie sich Gewalten in uns stemmen, bauschen! Wir Trunkene des grenzenlosen Falls, ballten wir Wehr aus dem Vernichtungsrausche? Ah! Retter sind wir des bedrohten Alls!
Orphischer Psalm
Treibender Du, den alles Wesen verkündet, Geburt und alle Gebärde jubelt und noch jauchzt das Vergehn, zu groß sind, ach! Deine Welten meinem Umklammern, zu groß noch -- daß ich Hingerissener wagte mich ganz Dir zu nahn: -- meinem rasenden Zerstören.
Siehe, Deiner Tage sind viel und bunt sind ihre Gewänder und flattern im Sturm. -- und lockt doch in ihrem verschlungenen Reigen verborgen ein Spiel! Laß es mich künden, Erhabener! Tiefer sind Deine Nächte und ihre Weihn schlingen wie Brücken von Tag zu Tage sich hin, -- doch ihren letzten Gesang Du läßt ihn mich schweigen. Dumpf aus den Gründen verhöhnen mich Fetzen Antworts.
Träume ewigen Beginnens wüten um endliche Gestalt. Traumstümpfe züngeln hinauf in den dunkeln Raum, aber in meinen gierigen Händen zerbrechen alle Bilder, zerbrechen an Deinem Allsein, das uns verschmäht.
Berstend von Deinem Rufen entfloh ich, -- mühselige Gedankenflucht! -- Immer doch warst Du über mir und ich erkannte Dich nicht. Entfernt Dich nur immer weiter mein dunkles Sehnen? Wie härmt ich mich, Vater! Bis mich dein Sinn in tiefes Träumen rief. O lockend süßer Grund! Weg über Moore! Wie sank ich gern ins ewige Zurück. Und goldne Kreise schwingend mit mir sanken. Tiefblaue Räume perlten klares Taun, Goldkreise zogen milddurchstrahlten Reigen, Glanzschächte brachen auf, in ihrem Blaun flammende Pfeile sah ich sinken, steigen.
Wie brach ich wunschlos ganz in mir zusammen! War frohe Beute grenzenlosem Spiel. O Bad in violetten Wolkenflammen, hier ist mein Wesen klar geschautes Ziel. Hier quillt kein Fragen: Deutung alles Werden; im Gleichklang strömen volle Welten hin, und ewig wechselnd tauschen sich Gebärden; doch über allem: Lächeln ist ihr Sinn. So schweb ich in der Gunst der Harmonien, aus tief verborgenem Grund ein Singen quillt, schon rhythmen sich die Spiele, Kreise sprühen: Aus dem Gewoge taucht der Leier Bild, wächst höher, strebt hinauf in mein Erwachen, Spätabend tönt ihr süßen Willkomm dar. Jetzt gib mir eine liebe Welt zum Spiele. Der mich im Traum erhört, Du sei mein Tag, daß ich die Leier, Deiner Träume Gabe, den Welten, Deinem Spiegel schlagen mag. Du laß mich lieben, bis ich wunderbar in meinem Rausch das All umschlungen habe.
Was schmerzt dich, Bruder Mensch? O, traue, sage! Haßt du mich noch, da ich dir singend nah? Gib her dein Leid, ich will es mit dir tragen und will dir künden, was ich träumend sah. Ihr lieben Tiere, daß ihr noch müßt toben! Noch habt ihr solches Singen nicht gehört. In Dumpfheit Arme, kommt, auch ihr dürft loben, wenn euch der wilde Schreck nicht mehr umstört. Ihr Blumen, duldende! Ihr kühlen Steine! Hier ist ein Trank, der alle hüpfen macht. Ihr Hügel, lernt nun endlich euer Weinen, in goldnen Spielen sei es euch gebracht. Ihr Welten, stürzt zusammen solcher Einung! Ein Stern in eure armen Seelen fällt. Frohlocken heißt die göttliche Beweinung! Erlösung blutet immer durch die Welt. Was durft ich schauen! O, was durft ich singen! Geh ich nicht, Rasender, am Rand des Nichts? Lauert nicht Schwäche hinter meinem Schreiten, stößt mich ein böser Blick hinab, hinab! Ach, werden nicht die Dinge sich empören? Wütende Dinge, die ich in Liebe gebannt! Wird nicht ein Zauber ausbrechen, dem ich das Siegel entwand? Ach, einmal werden mich alle Bilder hassen, zurück mich schleudern aus ihrem sichern Verband! Nichts wird mehr mein sein, nichts auf der grünen Erde! Verstoßen wird sein, wer das All zu früh erkannt. Dämonen werden sich auf mich stürzen. Bestien geknechteten Leids. Rache der Zeichen! Schlotternd werde ich hingehn und nicht mehr wissen mein Lied. Träume hetzen mich, Fieber züngeln um meinen brennenden Leib. Mänaden! Mänaden über mir! O, blaues Meer wird mich nicht retten, wird dampfen von meinem Blut! Schreien werde ich, schreien und Dich nicht mehr kennen, mein Vater!
Dann bleib mir nah! O walte Du in meinem irren Traum! Du schwebe mild in meinem irren Lächeln, Du sei die Glut, die noch im Fieber loht! Mit Deiner milden Hand nimm auf mein Rasen und friede es gütig zu einem Beten in Deinem mildlösenden Busen.
Gotischer Psalm
Gebirge stemmtest du auf, fühlloser Stein! Und trotzige Felsen in lichtdurchwühlte Himmel, daß Stürme an dir zerbrachen, die heulenden wilden, und furchtbar dich umschatteten die bleichen Hände der großen ewigen Nacht. Bis endlich in neue Sonnen sich entfaltete dein morscher Trotz, bis unter Menschenhand ausbrachen in Blüten und wiegende Rosen deine Gemäuer, und ragende wildgeschleuderte Arme dich boten, die wehenden Türme der Kathedralen dich boten dem Gott! Lächelnder Geist sank in die offenen Kelche, loderndes Blütenfeld! O ihr Türme über den fliehenden Landen, ihr Arme der Menschheit! Ragendes Menschenblut plötzlich all dies Getürme! Göttliche Winde harfen darinnen ihr Lied.
In Spiele lindet schon der Symbole schaurig Tanzen; Mein nothaft Stöhnen rhythmet sich zum Sang. Deutung des Tags erlischt -- Urdeutung jubelt; Aus seinen Trümmern steigt der ewige Tag, nagt sich empor an selbsterdachten Welten, aus Untergängen hehr verjüngter Geist. Was gilt Getanes noch, wo Tun doch alles! In schwingenden Kreisen stirbt der alte Tod.
O Tore Lebens, denen wir genesen! So schleudert Sterben uns in reinern Drang! Wo ist noch Finsternis? Wo lauern Schrecken? Hier ist der Tag, den Gott in Händen hält. Stürzt neubeseligt uns in solch Vergeuden: O, nehmt mich hin! o, nehmt doch -- ich halte mich nicht! Brech hin, Geripp, wie ich mich taumelnd verschütte, rotleuchtendes Meer von Wollen und Gewähr!
Schon rennen Tiere neu uns zu vertrauen, geheime Sphäre wölkt um unsern Sinn. O Bruder Mensch! Kristall, den ich durchleuchte! Dumpf schauert zwischen Mensch und Mensch der Gott! Brech durch zum andern! Zwing die letzten Tode: durchgottet ist der weite Sinn des Alls! Und wie du dich bewegst, du wirst ihn raffen. Erlös ihn, daß er wachsend dich erlös. Stürz auf in deine offenen Geschicke! O erster Schrei aus dumpfer Lagernacht in rote Frühn, o ewiges Entscheiden in blitzenden Momenten! Werdetanz!
So münd ich hin, aus dem ich einst gebrochen, ins wild entbundne All. Stern rast um Stern. Zuckt Ewigkeitsbeginnen solcher Einung? O Kreatur! zurück in zeitlos Sein! Aus gierer Lust, die dich dem Gott entrissen, kehrst du nun heim zu deiner höchsten Lust. Durch bunte Welten hast du dich gelitten, bis Sühne dich entband zum Jubel: »Gott! Ich deine Welt! Pokal und trunkner Zecher! Und Sonnen reifen mich zum süßen Trank!«
Schon stäubt wie Sand, was mir Dein Bild verschleiert. Aufbricht der Sinn. In Schächte blaugehöhlt stürzt schmetternd in sein Flammen alles Wesen und Ruhen lächelnd birgst Ruhlosen Du!
Du lichter Schatten sinnenlos umwunden. Lebendiger außer allem Leben! Geist im Leib! Wie weil ich lind in Deinem Lächeln, Vater! Hier flicht sich ewiger Kranz. -- Leib faßt Dich nicht. Zurück ins Branden muß ich Dich zu halten, zurück in bunter Sinne Wechselspiel.
Wie rag ich noch? In Dir doch so entworden. Welt spült und leckt an meinem neuen Strand. Du gib mir strenge Form den Wunsch zu straffen, züchte die Sinne, walte Du als Maß! Musik in hartem Takt, doch schwingend Triumphe! So Dich zu baun aus Leben, dulde Du!
O Bild, du Schrei der tiefverborgenen Sinne! O Sturz ins Wort, du Reife ins Gebet! In mir erst wirst Du, steigender Gott! mein Wollen schürft Dich aus dumpfer Ruh in meinen Sturm -- Und formt in mir die stammelnden Gesichte, an denen ich mich höher ranken mag. Und Sünde lauert, wo mein Drang ermüdet Dir, Rufender, zu folgen Tor um Tor! Du lockst zu immer neuen Wanderfahrten, Du Insel überm dunkelblauen Meer. Und irr ich weit -- ich habe Dich umworben, in meine Not taut Trost aus Deiner Ruh. Du Schwingender zwischen den engen Sphären Du treibst aus mir, Du guter Drang, zu Dir! Und überwölbst uns groß zu keimenden Domen und Türme schießen aus gestauter Brunst. Gestein blüht auf, wo sie Dein klargetürmtes Echo rühren, wiegende Rose singt in Deinem Sturm: singt allen Lebens ewig sich neuende Schöpfung im brüderlichen Tausch des werdenden Gotts.
Inhalt
Seite Armes Wort 5 Winterritt mit weißen Hunden 7 Nacht im Februar 1917 8 Märzpsalm 9 Seht, wie Tod bereite Schale hebt 12 Einer doch wandelt 13 Ein Menschentag I-IV 15 Flucht und Zuflucht I-IV 21 Nacht 26 Frühling (Eine Trilogie) 28 Orphischer Psalm 36 Gotischer Psalm 41
Von Oskar Schürer erschienen ferner:
Kleine Lieder (Sammlung »Die Pforte«)
Dreiländerverlag
»1917« (Fragment eines Kriegs in Gesängen)
Dreiländerverlag
Drohender Frühling, Gesänge und Stanzen
Roland-Verlag, München
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 41]: ... Aus seinen Trümmern steigt der ewige Tag. ... ... Aus seinen Trümmern steigt der ewige Tag, ...