Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens

Part 8

Chapter 83,312 wordsPublic domain

Wer nicht sogleich den Rückweg antreten will, kann an diese Wanderung andere Reiselinien knüpfen. Den nächsten Ruheplatz bietet uns +Saupsdorf+, nur eine halbe Stunde vom +Kleinstein+ entfernt, und von hier würde man nach +Hinterhermsdorf+ gehen, wenn man die +obere Schleuse+ an der +Kirnitsch+ besuchen wollte, die wir in der Folge beschreiben werden. Wollen wir nach +Schandau+ zurückkehren, so lassen wir uns, wenn geognostische Merkwürdigkeiten uns anziehen, vom +Kleinstein+, am Abhange des +Hirschwaldes+ hin, durch das +Kirnitschthal+ auf den +Heilenberg+ führen, aus dessen Sandsteinkuppen in einem sehr beschränkten Umfange, regelmäßige Basaltsäulen, die drei-, vier- und fünfseitig und oft 8 bis 10 Fuß lang sind, hervor brechen, und zum Theil in großen Haufen umher liegen. Das Gestein ist von grauschwarzer Farbe, und enthält häufig eingesprengte Magneteisensandkörner, die sich darin rundlich und stark glänzend zeigen, als ob sie geschmolzen wären. Auf dem Gipfel öffnen sich durch einige Waldblößen Aussichten in die Nähe und Ferne. Am Fuße des Berges sehen wir das Mundloch eines alten Stollns, deren man in der Umgegend, wo früher auf Magneteisenstein gebaut wurde, noch mehre findet.

Sind wir durch das +Kirnitschthal+ hinaufgereiset, so werden wir den Rückweg über +Ottendorf+, oder über die +Lichtenhainer+ Mühle (s. S. 90.) und die hohe Straße wählen. Wer früh von +Schandau+ aufgebrochen ist, könnte seine Wanderung verlängern, und sich vom +Heilenberg+ über die +drei Stege+ zum +Zeughause+ im +großen Zschand+ bringen lassen. Von hier würde er entweder auf den nächsten Wegen durch +Dietrichs Grund+ und das +Kirnitschthal+, oder auch am Fuße des +Falkensteins+ (s. S. 103.) nach +Schandau+ gehen, oder sich über den +Roßsteig+, oder durch die anziehenden +Richters Schlüchte+ -- die wir künftig besuchen werden -- auf den +großen Winterberg+ führen lassen und von hier über +Schmilka+, wo die reizend liegende Mühle einen Ruheplatz darbietet, zurück kehren.

[10] S. +Götzingers+ Schandau, S. 530.

VI. Reise in den großen Zschand, Hiekels Schlüchte, Richters Schlüchte, und zurück über den Raubstein und Wildenstein.

Auch zu dieser Wanderung, wenn wir sie nicht an eine Verlängerung der vorhergehenden Reiselinie knüpfen wollen, brauchen wir ungefähr 10 Stunden. Der Fahrweg in den +großen Zschand+ geht über +Ottendorf+; den Fußweg über die +Lichtenhainer+ und +Keßlers+ Mühle haben wir auf einer andern Wanderung (S. 104.) kennen gelernt. Wir wandern vom Bade an der +Kirnitsch+ hinauf, bis sich, dem Fall des +Beuthenwassers+ (s. S. 55.) gegenüber, der +Dietrichsgrund+ auf dem linken Ufer öffnet. Wir folgen diesem Seitenthale, das die Felsen und Höhen durchschneidet, und bis zum Fuße des +kleinen Winterberges+ sich fortzieht. Hat man die früher (S. 56.) erwähnte +Höhle+ am +Wildenstein+, die wir auf dem Rückwege sehen werden, von der +Heidemühle+ aus besucht, so kann man, wenn man nicht gleich durch den +Habichtsgrund+ (s. S. 59.) weiter gehen will, auch in den +Dietrichsgrund+ kommen. Aus diesem Thale führt durch die +nasse Schlüchte+ ein Weg zu den beiden +Speichenhörnern+. Die höchste dieser Felsengestalten, die wie Burgen empor ragen, heißt das +vordere Raubschloß+, wo eine Burg gewesen sein soll. Man findet auch auf dem Gipfel des schwer ersteiglichen Felsens manche Spuren ehemahliger Bevestigungen und unter andern eine, wie es scheint, durch Menschenhände erweiterte Höhle, die eine der größten in dieser Felsengegend ist. Das +Bauerloch+, eine tiefe enge Felsenschlucht, läuft zwischen dem +Speichenhorn+ und dem +langen Horn+, dessen Wände in verschiedenen Absätzen sich aufthürmen, von welchen der obere, mit dem untern nicht verbunden, auf Felsenstücken ruht, und von vielen Höhlen durchbrochen ist. Von diesem merkwürdigen Felsenbau ist der nahe +Affenstein+ durch eine Schlucht abgesondert.

Wir können durch das +Bauerloch+ auf einem steilen Pfade in den +Dietrichsgrund+ zurück kehren, und gehen dann längs dem Fuße des +kleinen Winterberges+ und unter dem +Raubstein+ weg durch die +Wieselschlüchte+ in den

großen Zschand,

wo wir im +Zeughause+, einem königlichen Jagdgebäude, Obdach finden. Das Felsengebiet östlich von +Schandau+ wird in seiner ganzen Breite von diesem Thale durchschnitten, durch welches die Hauptstraße aus dem, östlich von +Sebnitz+ liegenden Theil +Böhmens+ über +Ottendorf+ nach +Hirniskretschen+ führt. Auf beiden Seiten des Thales laufen bis gegen das +Zeughaus+ hohe, in mannigfaltigen Gestalten empor ragende Felsenwände, die bald mit jungem Gehölz bekleidet, bald mit Moos, Farrenwedeln, oder wildem Efeu mahlerisch geschmückt, oft auch von wildem Rosmarin umschlungen sind, dessen würziger Duft den Wanderer an warmen Sommertagen erquickt. In der Nähe des +Zeughauses+ findet man Magneteisensand, womit der Boden in frühern Zeiten so reichlich bedeckt war, daß man ihn im Anfange des vorigen Jahrhunderts bergmännisch gewann. Die Gesellschaft, welche diesen Bau, zugleich mit dem oben erwähnten Versuchbau am +Heilenberg+, betrieb, hieß die Granatengewerkschaft, weil man den Eisensand Granaten nannte, und 1723 ward eine Münze von dem gewonnenen Metalle geprägt.

Auf beiden Seiten senken sich von den Höhen Felsenthäler in den +großen Zschand+ hinab. Wir gehen zuerst längs der östlichen Wand hin, und kommen in 3 Viertelstunden in

Hiekels Schlüchte,

die sich am Ende der +Thorwalder Wände+ öffnet. Wir steigen hinan und stehen vor dem Eingange der merkwürdigen +großen Höhle+. Im Hintergrunde dieser ungeheuren Wölbung quillt aus dem Felsen eine klare Quelle, die sich erst in einem natürlichen Becken sammelt und dann in einem verborgenen Abflusse sich verliert.

Wir gehen durch die Schlucht in den +Zschand+ zurück, und erreichen nach einer Viertelstunde die, an der westlichen Wand des +Zschands+ sich öffnende +Webers Schlüchte+, die sich, von üppigem Pflanzenwuchse begrünt, an den +Polischhörnern+ zwischen prächtig empor steigenden Felsenwänden breit hinan zieht. Wer dem Zuge dieses Thales folgen will, kann über den +Jordan+ (s. S. 64-65) bald zum +Prebischthor+ kommen, oder über den Schlüssel gerade nach +Hirniskretschen+ hinab gehen. Wir kehren in den +Zschand+ zurück, und stehen bald vor dem Eingange eines andern Felsenthales,

Richters Schlüchte

genannt, das gleichfalls aus der westlichen Wand hinab fällt. Dieses mahlerische Thal verdient vor allen einen Besuch. In wunderbaren Gestalten erheben sich die Sandsteinfelsen auf beiden Seiten, bald wie die Mauern alter Burgen, bald wie Basteien und Thürme aus den Waldwipfeln hervor ragend, bis wir endlich, am Ausgange der Schlucht, unter dunkeln Schatten vor einem Felsenbau stehen, dessen Wände, prächtigen Tempeltrümmern ähnlich, über 100 Fuß hoch aufsteigen, und in einer kühnen Wölbung sich schließen. Von diesem Dom fällt immer Wasser in großen Tropfen an der hintern Wand in eine, von Felsenblöcken verdeckte Tiefe hinab, das im Frühlinge, oder nach langer Regenzeit zu einem rauschenden Fall anschwillt. Nicht weit von diesem Felsen, welchen man den +Tempel in Richters Schlüchte+ nennt, führt ein, zum Theil steiler Pfad in 3 Viertelstunden auf den +großen Winterberg+, und links ein südwestlich laufender Weg in ungefähr gleicher Zeit zum +Prebischthor+.

Wir kehren wieder in den +großen Zschand+ zurück und wandern längs der westlichen Wand zum +Zeughause+ hinauf. In der Nähe des Hauses, an einer vom +Heilenberg+ abfallenden Schlucht, erhebt sich der schroffe +Teichstein+, der seinen Nahmen von einem nahen Teiche hat, wo in frühern Zeiten große Wasserschlangen lebten. An der jenseitigen Thalwand hinter dem Jagdhause läuft durch eine, sich hier öffnende Schlucht der +Roßsteig+ hinan, ein enger steiler Felsenweg, der uns zu dem, an der +Pechschlüchte+ emporragenden +Goldstein+ führt, dessen schroffe Wände gelbes Moos bekleidet. Von der Höhe blicken wir über die vorliegenden Felsenthäler in die Gegend von +Hinterhermsdorf+, über welche die sächsischen und böhmischen Gränzgebirge und der Bergzug des fernen Hintergrundes hervor ragen. Der +Roßsteig+ führt weiter in südwestlicher Richtung über den +Lehmhübel+ zum +großen Winterberge+, und über den +Schlüssel+ zum +Prebischthor+. Wir aber folgen einem rechts ablaufenden Pfade, der uns zu den +Bärfangwänden+ führt, wo wir in eine, dem +Kuhstall+ ähnliche Höhle treten. Ein steiler Pfad läuft hier in die +nasse Schlüchte+ hinab, und wo diese in den +kleinen Zschand+ fällt, sehen wie eine +Pechhütte+ dampfen.

Unweit der +Bärfangwände+, nahe an der +Queene+, erhebt sich auf einem hohen Berge der

Raubstein,

ein mächtiger Sandsteinfelsen, durch dessen Wölbungen und gespaltene Wände der beschwerliche Weg auf den Gipfel führt, wo sich manche Spuren ehemahliger Bewohnung, ein Wasserbehältniß, Keller und altes Gemäuer finden und eine belohnende Aussicht über die umliegende Felsenwildniß sich öffnet.

Wir gehen in den +Habichtsgrund+ (s. S. 59 und 109.) hinab und folgen dem Pfad, der uns zum

Wildenstein

hinan führt, wo wir am Fuße des Felsens den Eingang einer tief einlaufenden finstern Höhle erblicken. Auf der Kuppe öffnet sich eine reiche Aussicht auf den prächtigen Felsenkranz, der sich über dem, das Thal bedeckenden dunkeln +Wildensteiner Walde+ vom +kleinen Winterberge+ bis zu dem +langen Horn+, dem +Affenstein+ und den +Speichenhörnern+ ausdehnt. Der +Schrammstein+, der +Falkenstein+ und die +hohe Liebe+ blicken hinter dem +Affenstein+ hervor, und in der Ferne sieht man den +Papststein+ und die +Bärsteine+, während sich auf der nördlichen Höhe die Dörfer an der hohen Straße bis +Lichtenhain+ zeigen. Zwischen dem +Winterberge+ und dem +Kuhstallfelsen+ entdecken wir gegen Morgen den +Lorenzstein+, den +Raubstein+ und den +Arnstein+ und im Hintergrunde die +Thorwalder Wände+. Man hat auch auf diese Felsenkuppe eine Burg versetzen und darin das gleichnahmige Schloß finden wollen, dessen eine Urkunde aus dem 15ten Jahrhundert gedenkt, obgleich sich auf dem Gipfel nicht die mindeste Spur ehemahliger Bewohnung findet.

In einer Viertelstunde kommen wir vom +Wildenstein+ zur +Heidemühle+ (s. S. 55.) und wandern an der +Kirnitsch+ nach +Schandau+ hinab.

VII. Reise über Hinterhermsdorf zur obern Schleuse, und zu den Thorwalder Wänden.

Diese Wanderung wird, den Rückweg nach +Schandau+ mitgerechnet, zwar nicht mehr als eine Tagereise fodern, da sich aber auch hier manche Versuchungen zu anziehenden Abschweifungen darbieten, so werden wir uns freilich einen erhöhten Genuß und mehr Bequemlichkeit bereiten, wenn wir längere Zeit dazu bestimmen, und wenigstens am ersten Tage den vierstündigen Weg von +Schandau+ nach +Hinterhermsdorf+ zurück legen. Wir gehen am bequemsten auf der hohen Straße bis +Lichtenhain+, und von hier über +Ottendorf+ nach +Saupsdorf+, wo es ansehnliche Garnbleichen gibt. Auf dem nahen +Wachberge+ ladet ein freundliches Obdach zum Verweilen ein, und wir genießen die reiche Aussicht über das ganze Felsengebiet von den +Thorwalder Wänden+ bis zum +Schrammstein+. Der +Winterberg+ und die nahen und fernen Gebirge Böhmens steigen im Hintergrunde empor, während unser Auge gegen Abend dem Zuge der Berge und Thäler bis in die blaue Ferne folgt, wo wir bei hellem Himmel selbst Dresden sehen. Auf einem anmuthigen Wege, den die Aussicht in eine schöne Bergferne erheitert, kommen wir in 1 Stunde nach

Hinterhermsdorf,

einem ansehnlichen und gewerbsamen Dorfe, wo wir im Lehngerichte gute Bewirthung finden. Gegen Mitternacht, eine halbe Stunde vom Dorfe, erhebt sich der +Weifberg+, und eine Viertelstunde weiter, jenseit der böhmischen Gränze, der höhere +Hantschberg+, an dessen Fuße das schöne und gewerbsame Dorf +Nixdorf+ sich ausbreitet. Wie besteigen beide Berge, oder wenigstens den +Hantschberg+, wo ein herrliches Landschaftbild vor uns liegt, das an die Aussicht vom +Winterberge+ erinnert. Wollen wir die Wanderung zur +obern Schleuse+ auf einem angenehmen Umwege machen, so gehen wir von +Hinterhermsdorf+ in östlicher Richtung an den +Steinbergen+ bis zur +Heidelbachmühle+. Unterhalb dieser Mühle fließt der +Heidelbach+ in die +Kirnitsch+, die nun, ungefähr 1 Meile weit, die Gränze zwischen Sachsen und Böhmen bildet. Wir werden den Weg durch das ungemein reizende Thal, in welchem die +Kirnitsch+ von dem böhmischen Städtchen +Schönlinde+ hinab fließt, künftig kennen lernen, und gehen vom Ausfluße des +Heidelbachs+, wo die +Mittelmühle+ unter einer Berghöhe, +Toffel im Fleckel+ genannt, jenseit der +Kirnitsch+ im böhmischen Gebiete liegt, auf einem anmuthigen Wege zur +Niedermühle+. Längs dem rauschenden Bache kommen wir bald zu +Reißers Höhle+, die uns unter einem hohen, weit überhangenden Felsen einen kühlen Ruheplatz darbietet. Wir verlassen hier das Ufer des Baches, steigen in +Reißers Grund+ zu den Steinbrüchen hinan, die einen harten und feinen Sandstein liefern, und kommen über den +Hauberg+ zum +Schleusenberg+. Wer den beschriebenen Umweg nicht machen will, geht von +Hinterhermsdorf+ auf einem weit nähern und bequemen, im Jahre 1820 geebneten Wege über die +Grünstelle+, einen hohen Felsen, wo wir das gebirgige Gränzgebiet Böhmens überschauen, zum +Schleusenberg+, unter welchem die

obere Schleuse

liegt. Ein steiler Pfad führt von dem hohen Bergrande in diesen Felsenspalt, dessen schroffe Wände mit Farrenwedeln, Moosen und vielfarbigen Flechten bekleidet, über 300 Fuß hinab stürzen. Die +Kirnitsch+ rauscht ungestüm durch ihr enges Felsenbett über die, im Jahre 1816 von dem Floßmeister Hering in Schandau neu gebaute Schleuse, und läßt hier, wo die schroffen Wände, der Krümmung des Baches folgend, den finstern Schlund ganz zu verschließen scheinen, nur einen schmalen Uferrand, auf welchem ein Hüttchen für die Floßarbeiter an den Felsen sich lehnt. Die Wände rücken oben so nahe zusammen, daß nur ein schmaler Streif des Himmelslichts den furchtbaren Abgrund erhellet. Diese Schleuse ward, nebst einer andern unter dem +hohen Holzig+, östlich von den +Thorwalder Wänden+, zuerst im Anfange des 17ten Jahrhunderts für die, im 16ten Jahrhunderte angelegte, wichtige +Kirnitschflöße+ erbaut. Die Arbeiten des Flößens fangen im Herbst an. Das Scheitholz wird während des Winters an den Bach, oder auf hohe Uferränder gefahren, wo es hinab gestürzt werden kann. Solche Stellen, die aus einem Kanal von Stangenholz bestehen, nennt man +Bloßen+, oder +Huschen+. Können die Schlitten der Landleute, wie es gewöhnlich der Fall ist, das gefällte Holz nicht weiter als auf Höhen bringen, die von den Uferwänden der +Kirnitsch+ durch Felsenschluchten getrennt sind, so werfen die Floßknechte über die Klüfte große Baumstämme, die mit kleinern Stämmen und vielen Zweigen belegt werden, und über diese kühnen Brücken schaffen sie das Holz auf Schlitten an die Bloßen. Die herabgestürzten Scheite bilden am Bache einen hohen Haufen, der im Winter vest friert, und im nächsten Frühlinge von den Floßknechten in den angeschwollenen Bach hinab gestürzt wird, der das Holz nach +Schandau+ trägt.

Wir steigen wieder auf den +Schleusenberg+, und kommen vom nahen +Seufzengründel+ -- wo wir im Sandboden viele Mineralien, z. B. braunen kristallisirten Hyacinth, Augit, selten nur edlen Granat, aber Magneteisensand in großer Menge finden -- in einer halben Stunde zum großen +Darnstein+, an dessen Fuße, jenseit der +Kirnitsch+, ein böhmisches Wirthshaus liegt. Hier zieht sich durch einen langen und engen Grund, +Kühzahl am Hühnerkropf+ genannt, und durch den +Höllengrund+ eine Felsenstraße von +Hinterhermsdorf+, auf welcher Möllendorf im Julius 1778 einen Heerhaufen mit Geschütz nach Böhmen führte. Wir verlassen nun bald das Ufer der +Kirnitsch+, die bei der vorspringenden Höhe, das +Kirnitschhorn+ genannt, ihren Lauf nördlich richtet, und gehen abwärts in den +Ziegengrund+, welcher die Landesgränze bildet, und auf der böhmischen Seite von wunderbaren Felsenbildungen eingeschlossen ist. In einem großen Steine ist das Bild eines Luchses ausgehauen, zum Andenken, daß hier im Jahre 1743 das letzte der Raubthiere, die einst in diesen Felsenwildnissen wohnten, durch einen Selbstschuß erlegt wurde. Nach einer halben Stunde kommen wir zu dem +Altarstein+, wo die eingehauenen Jahrzahlen 1639 und 1640 die Ueberlieferung bestätigen, daß die, den Kriegsgräueln entflohenen Landleute sich hier zu Andachtübungen versammelt haben. Wir nähern uns nun der mächtigen Felsengruppe der

Thorwalder Wände,

auf deren Höhen uns ein beschwerlicher und für furchtsame, oder unvorsichtige Wanderer zuweilen gefahrvoller Weg über den +Hänelsberg+ bringt. Die Aussicht über die Wildniß, die uns hier in prächtigen, einen weiten Halbkreis einschließenden Felsengestalten umgibt, ist überraschend, und zeigt uns eines der großartigsten Naturbilder, welche das Hochland darbietet.

Wir können auch von hier, aber gleichfalls nur auf sehr beschwerlichen Pfaden, über die +Daunenstellge+ zur Höhle in +Hiekels Schlüchte+ (s. S. 111.) kommen.

Den größten Theil des beschriebenen Felsengebiets kann man auch zu Wagen bereisen, wenn man von +Schandau+ nach +Hinterhermsdorf+ fährt, und während man über die +Grünstelle+ zur +obern Schleuse+ wandert, den Wagen durch den +Höllengrund+ in den +Ziegengrund+ fahren und dann im +Zeughause+ (s. S. 110.) warten läßt, wofern man etwa +Hiekels Schlüchte+, oder +Richters Schlüchte+ besuchen will. Mit dieser Reise würde sich dann von hier aus (s. S. 112.) der Besuch des +Prebischthores+, dem man auf keinem andern Fahrwege so nahe kommen kann, verbinden lassen. Vom +Zeughause+ wird man auf dem bekannten Fahrwege (s. S. 109.) nach +Schandau+ zurück kehren. Wir aber endigen unsere Tagereise auf einem nähern und angenehmern Wege, wenn wir durch den +Prebischgrund+ (s. S. 66.) nach +Hirniskretschen+ wandern, wo eine Gondel uns aufnimmt, wenn wir nicht etwa von hier nach +Tetschen+ reisen, oder unsre Wanderung auf das jenseitige Elbufer antreten wollen.

VIII. Reise nach dem Zschirnstein.

Die Wanderung durch die reizenden Gegenden auf dem südwestlichen Ufer der Elbe wird am beßten auch von +Schandau+ aus gemacht. Wir fahren nach +Krippen+ über, und wenn wir zunächst den +Zschirnstein+ besuchen wollen, wenden wir uns hinter dem Lehngerichte auf den Kirchweg nach +Reinhardsdorf+, wo wir uns der schönsten Ansicht des Elbthales bei +Schandau+ und der anmuthigen umliegenden Landschaft erfreuen.

Wir aber folgen zuerst dem Wiesenpfade, der uns von +Krippen+ längs der Elbe in einer Stunde zur +Hirschmühle+ führt, die am Ausflusse des +Zschiepbaches+ unter einem überhangenden Felsen den +Schrammsteinwänden+ gegenüber liegt. Ein Fußweg hinter der Mühle bringt uns zur +Hundskirche+ und am Mühlbach hinauf, der in vielen Fällen im Thale hinab stürzt, nach +Schönau+. Unter diesem Dorfe liegen an der Elbe die +Teichsteinbrüche+, und nicht weit davon kommen wir zu der +Zschiepmühle+, der letzten Wohnung auf sächsischem Boden. Bei +Schönau+ erhebt sich der +Kahlstein+ (gewöhnlich +Gallstein+), oder +Kronenberg+, ein Sandsteinfelsen, auf dessen Gipfel wir ein reiches Landschaftbild überschauen, worin besonders der +Winterberg+ in seinen großartigen Umrissen hervortritt. Südwestlich liegt der +Zirkelstein+, der aus unzähligen, in zwei Absätzen aufgethürmten Schichten besteht, wovon die unterste so weit vorspringt, daß man den ganzen Felsen umgehen kann. Durch eine enge Schlucht ersteigen wir den Gipfel, wo wir fast dieselbe Landschaft überschauen, die wir vom +Kahlstein+ erblickten, aber die Gegend um den +Rosenberg+ näher sehen. Am Fuße des Felsens sieht man viele Fuchs- und Dachshöhlen, die in weiten Irrgängen durch den Felsen zu laufen scheinen. Vor mehren Jahren folgte ein Hund einem Dachse in eine dieser Oeffnungen, und kam zur Verwunderung seines Herrn, des Bezirkförsters, erst am neunten Tage heraus.

Wer auf der oben angedeuteten Abschweifung, die über 3 Stunden Zeit fodern würde, uns nicht begleiten kann, weil er wenigstens in den Morgenstunden auf den

Zschirnstein

steigen will, wird gleich von +Reinhardsdorf+ die Wanderung antreten, sei es, daß er von +Schandau+ mit Tagesanbruche abgereiset ist, oder die Nacht im Dorfe zugebracht hat, um das herrliche Schauspiel der aufgehenden Sonne auf dem Berge zu genießen. Man kann von hier fast bis auf den Gipfel des Berges fahren, während von andern Seiten der Weg steil und beschwerlich ist. In einer Stunde ist die Höhe erstiegen, die nach neuen barometrischen Messungen 1761 Par. Fuß über dem Meere liegt. Aus dem Schatten des Waldes tretend, der uns bis zum Gipfel begleitet, überschauen wir das reiche Gemählde, das zu den herrlichsten gehört, welche das Bergland uns darbietet, und selbst die Aussicht vom +Winterberge+ an Umfang übertrifft, da hier unserm Blicke weit weniger verdeckt wird. Vom fernen +Schneeberge+ breitet sich eine Waldlandschaft bis zum Thal der Elbe aus, deren Lauf eine Sandsteinwand bezeichnet, während der Spiegel des Stromes, dessen Windungen wir vom Gipfel des +Winterberges+ verfolgen können, hier nur zuweilen aus dem Dunkel des Waldes hervor blickt. Der +Schneeberg+ deckt uns nur einen Theil Böhmens, aber eine unermeßliche Landschaft liegt vor uns, die von +Lowositz+ bis zum +Riesengebirge+ sich ausbreitet, wovon wir in blauer Ferne das +große Rad+, oder wie Andre glauben, die +Schneekoppe+ dämmern sehen. Aus dem böhmischen Mittelgebirge heben sich deutlich der +Kletscher+ und die +Paszokopole+. Seitwärts vom +Rosenberge+ blickt der +Schloßberg+ bei dem böhmischen +Kemnitz+ mit den Trümmern seiner Burg hervor, und der +Jeschkenberg+ aus dem Nebel der Ferne. Ueber dem Buchenkranz des +Winterbergs+ ragen die +Zittauer+ Gebirge, der +Hochwald+, der +Oderwitzer Spitzberg+, die +Landeskrone+ bei +Görlitz+ und die +Tafelfichte+ hervor. Steigen wir auf das +Rabenbad+, einen von der Bergkuppe sich erhebenden Felsen, so erweitert sich die Aussicht, und von dem, in Norden aufsteigenden +Falkenberge+ zieht sich eine Bergferne über die Höhen um +Königsbrück+, +Meißen+, +Kesselsdorf+, +Kreischa+ und über den +Kahlenberg+ und +Geiersberg+ bis zum +Schneeberge+, während die nähern Berge und Thäler von +Stolpen+, +Hohnstein+, +Lohmen+, +Königstein+ und +Pirna+ sich zu dem breiten, heitern Thale senken, worin unser Auge, hier und da von einem glänzenden Bogen der Elbe geleitet, +Pillnitz+, +Dresden+ und die nach +Meißen+ sich ziehenden Rebengebirge erblickt, und bei heiterm Himmel selbst den +Colmberg+ bei Oschatz dämmern sieht.

Der +Zschirnstein+ ist aus Sandsteinblöcken zusammengesetzt. Am Fuße des Berges, und noch häufiger auf der mitternächtlichen Seite desselben, nach dem +kleinen Zschirnstein+ hinab, findet man häufig säulenförmige Basaltgeschiebe. Ein Lager von Brauneisenstein, der früher bergmännisch gewonnen wurde, unterbricht den Basaltzug. Auch der letztgenannte Berg, den vom +großen Zschirnstein+ ein Thal trennt, ist mit Basalttrümmern bedeckt.