Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens

Part 7

Chapter 73,461 wordsPublic domain

sich erhebt, den wir sogleich besteigen, wenn wir nicht in +Sebnitz+ übernachten, und die erste Morgenstunde auf dem Berge genießen wollen. Es entzückt uns auf dem Gipfel, 1448 Par. Fuß über dem Meere, eine der reichsten Aussichten. Wir übersehen die südlichen Felsenzüge, die böhmischen Gebirge, die sich um den +Rosenberg+ und +Schneeberg+ aufthürmen, und die anstoßenden sächsischen Gebirge, einen großen Theil des jenseitigen Elbufers bis unterhalb +Dresden+, während unser Blick nördlich bis +Stolpen+ reicht. Am Fuße des Berges, gegen Nordost, breiten sich die böhmischen Dörfer +Einsiedel+, +Lobendau+ und +Hilgersdorf+ in einem schönen Thale aus, über welche der Kirchthurm von +Hainsbach+ hervor blickt. Die Gebirge von +Arnsdorf+, +Wilthen+ und +Hochkirch+ in der Lausitz schließen den Hintergrund. Gegen Mitternacht blickt aus einem tiefen Thale, das die +Ruhebänke+, der +Hufenberg+ und der +Buchberg+ bilden,

Sebnitz

herauf, wohin wir durch eine, an den +Buchberg+ sich lehnende Gasse hinab steigen. Die Stadt, 3 Stunden von Schandau entfernt, ist sorbischen Ursprungs der größte Ort im Amte Hohnstein mit 2500 Einwohnern, und eine der bedeutendsten Fabrikstädte des Landes, wo verschiedene leinene und halbseidene, oder halbbaumwollene, zum Theil auch gedruckte Gewebe, die sogenannten Sebnitzer Zeuge, verfertigt werden. In den günstigsten Handelszeiten, als gegen 900 Stühle im Gange waren, schickte die Stadt ihre Waaren unmittelbar ins Ausland, selbst nach Amerika, in den neusten Zeiten aber hat sich der Gewerbfleiß, besonders durch die Thätigkeit des Fabrikeigenthümers Hesse, der mit glücklichem Erfolge manche neue Gewebe versuchte, wieder sehr gehoben.

Der Fahrweg von +Sebnitz+ nach +Neustadt+ geht über +Schönbach+ und +Crumhermsdorf+, der weit nähere und angenehmere Fußweg aber läuft zwischen dem +Finkenberg+ und +Hasenberg+ über die hohen +Ruhebänke+, eine Hochebene, 1524 Par. Fuß über dem Meere, die uns einen sehr günstigen Standpunkt zur Uebersicht des südlichen Elbufers darbietet. Wir lassen den +Unger+, dessen Rücken wir bei dem Gränzdorfe +Rugiswalde+ nahe sind, seitwärts liegen, und kommen auf einem kurzen Wege, den der Blick in die nahen Thäler Böhmens erheitert, nach

Neustadt,

einem Städtchen mit ungefähr 2000 Einwohnern, das unter dem +Hochwalde+, in einem anmuthigen Thale am +Polenzbache+, 4 Meilen von Dresden und vierthalb Stunden von Schandau entfernt, an der Straße nach +Schluckenau+ liegt. Die Stadt ist sehr alt, und wurde wahrscheinlich von dem Rittergeschlecht Berk von Duba, dessen Wappen, zwei kreuzweise gelegte Eichenäste, sie noch führt, vielleicht im 13ten Jahrhundert erbaut. Vor dem dreißigjährigen Kriege, der ihr sehr verderblich wurde, war sie der größte und volkreichste Ort des Amtes Hohnstein. Leinweberei ist der Haupterwerbzweig des Ortes. Man verfertigt hier und in der Umgegend ungefähr dieselben Gewebe, die +Sebnitz+ liefert, und macht davon beträchtlichen Absatz ins Ausland. Der Waarenzug von +Pirna+ über +Stolpen+ nach +Rumburg+ und der Schleichhandel mit Böhmen erhöhen die Gewerbsamkeit. Wir haben von hier bis zum

Falkenberg,

einem der höchsten Berge des meißnischen Kreises, an der Gränze der Lausitz, ungefähr 1 Meile zu wandern. Der Fahrweg geht über +Berthelsdorf+, +Nieder-Ottendorf+ und das Försterhaus im +Klunker+; der Fußpfad hingegen läuft seitwärts des erstgenannten Dorfes, längs dem +Schönbachsberge+. In einem am Wege sich hinab senkenden kleinen Thale wird Granit gebrochen, und in Säulen, Portalen und ähnlichem Gebrauche nach dem Winkel bearbeitet und sehr fein geglättet. Die beßten Arbeiten liefert eine vorzüglich harte, aus bläulich weißem Feldspath, weißem Quarz und braunschwarzem Glimmer bestehende Art. Wir setzen den Weg zum Försterhause im +Klunker+ fort, wo wir Bewirthung und einen Führer finden, und kommen durch einen Theil des +Putzkauer+ Waldes, in 3 Viertelstunden auf den Gipfel des Berges, der 1808 Par. Fuß über dem Meere liegt. Der ganze Wald, durch welchen wir wandern, ist mit Granitblöcken besäet, die zuweilen mit großen Kuppen und Klippen abwechseln, und hier und da Höhlen bilden, worunter die Wolfshöhle die größte ist. Gegen den Gipfel ansteigend, findet man viel Flötzgrünstein, und Grünsteinporphir, der zuweilen die Magnetnadel in Bewegung setzt. Merkwürdig ist, am westlichen Abhange, ein durch den Granit setzender, 9 Zoll breiter Gang von basaltischem +Grünstein+, der in Basalt übergeht. Die Aussicht vom Gipfel ist unermeßlich. Wir übersehen das weite Gebiet vom +Riesengebirge+ bis zum +Kolmberge+. Wenden wir uns auf der Abendseite zu einigen Bänken unter Granittrümmern, so fliegt unser Blick über eine schöne Landschaft in die Gegend von +Dresden+ bis zum +Kolmberge+, während in Nordwesten die Berge unter +Königsbrück+ und +Hoyerswerda+ den Gesichtskreis schließen. Auf der nördlichen Seite sehen wir über eine Waldblöße einen großen Theil der Oberlausitz von +Camenz+ bis gegen die schlesische Gränze; am Fuße des Berges liegt das lange Dorf +Neukirch+ in einem schönen Thale, und +Bauzen+, von zahllosen Dörfern umgeben, breitet sich in der Ferne aus, welche die Gebirge von +Arnsdorf+ und +Wilthen+ schließen.

Auf der Nordseite des Berges ist altes Gemäuer zu sehen, und auch auf dem nahen +Ruprechtsberge+ sieht man Trümmer. Die Geschichte weiß zwar nichts von Burgen auf diesen Höhen, die Sage aber erzählt, von zwei Brüdern, Valentin und Ruprecht, die einst nach der Theilung ihres Erbes, des Rittersitzes Neukirch, auf jenen beiden Bergen Schlösser gebaut, aber bald sich entzweit hätten, worauf nun in einer blutigen Fehde die Burg auf dem +Falkenberg+ wäre zerstört worden.

Wer von +Bauzen+ in die sächsische Schweiz reiset, wird uns hier begegnen, wenn er über +Neukirch+ auf den +Falkenberg+ und weiter über +Neustadt+ und +Hohnstein+ oder über +Sebnitz+ nach +Schandau+ geht.

Wir wenden uns wieder nach +Neustadt+, um den Rückweg anzutreten. Nehmen wir den Weg über +Hohnstein+, das dritthalb Stunden von hier entfernt ist, so besteigen wir den +Polenzer-+ oder +Richtersberg+, der nicht weit von der Stadt rechts an der Straße nach +Hohnstein+ liegt, und freuen uns einer reichen Aussicht über das reizende Thal von +Neustadt+ und den Felsenzug von +Hinterhermsdorf+ bis zu dem +Schrammstein+, über welchen die hohen Kuppen des +Rosenbergs+, und +Winterbergs+ und der +Königstein+ sich erheben, und in der Ferne die böhmischen Gränzgebirge nach dem Erzgebirge sich ziehen. Haben wir Zeit uns in +Neustadt+ aufzuhalten, und unsre Reiselinie zu verlängern, so würde eine Abschweifung in das nahe böhmische Gränzgebiet eine ungemein belohnende Wanderung sein. Wir kommen durch +Langburkersdorf+, und wenn wir in 1 Stunde die böhmische Gränze überschritten haben, besteigen wir den +Raubeberg+, auf dessen Gipfel wir das anmuthige Thal, durch welches unser Weg gegangen ist, und die heitre Landschaft, die sich weit ins Gränzland ausbreitet, überschauen. Eine Viertelstunde weiter südöstlich bei +Neudörfel+, erhebt sich der +Spitzberg+, auf dessen Kuppe, die ein eisernes Kreuz bezeichnet, der Basalt säulenförmig zu Tage ausgeht. Bei +Lobendau+, dem ersten Gränzdorfe, liegt eine Kapelle, die an manchen Festtagen von vielen Wallfahrern besucht wird. Der Weg zu dem schönen gewerbsamen Dorfe +Hainsbach+, mit einem Schlosse des Grafen von Salm, zieht sich durch das freundliche Thal und wir erreichen bald den Porzen, einen mächtigen Basaltberg, an dessen Fuße der Weg zu dem Städtchen +Schluckenau+ läuft. Wollen wir die Wanderung durch den einspringenden Winkel Böhmens nach der Lausitz fortsetzen, so kommen wir über das gewerbfleißige +Rumburg+ und +Ruppersdorf+ nach +Herrnhut+, oder über das schöne +Warnsdorf+ nach +Großschönau+ und +Zittau+, oder über +Georgenthal+ zu den Trümmern der Burg +Tollenstein+. Die nächste bequeme Straße von +Schluckenau+ aber nach +Herrnhut+ geht entweder über +Friedersdorf+, +Kotmanndorf+ und +Strahwalde+, oder auf einem noch geradern, und mannigfaltig anziehenden Wege über das freundliche böhmische Gränzdorf +Georgswalde+, in dessen Nähe bei dem sächsischen +Gersdorf+ wir die Quelle der Spree, den +Spreebrunnen+, besuchen und über das ansehnliche Weberdorf +Eybau+, eines der größten Dörfer Sachsens.

Es genügt uns, diese weite Abschweifung, wenn auch nur für wenige Reisende, angedeutet zu haben, und wir kehren nach +Schluckenau+ zurück, um von hier entweder über +Nixdorf+ durch ein anmuthiges Thal nach +Sebnitz+ zu wandern, oder über +Einsiedel+ oder +Neudörfel+ nach +Rugiswalde+ zu gehen, wo der

Unger

vor uns liegt, über dessen hohen Gipfel wir den Rückweg nach +Schandau+ machen wollen. Das Prachtgemählde, das hier vor unsern Blicken aufgerollt liegt, steht an Umfang und Reichthum nur den Aussichten vom großen +Winterberg+ und +Zschirnstein+ nach. Auf dem nächsten Standpunkte gegen Mitternacht und Abend ist die Aussicht in die Gegenden von +Dresden+, +Königsbrück+ und auf die Lausitzer Gebirge jenseit +Stolpen+, zum Theil durch Bäume verdeckt. Auf der Morgenseite, am Rande eines Kiefernwäldchens, auf einer mit Granitblöcken bedeckten Erhöhung, überblicken wir eine Landschaft, welche die Gebirge von +Zittau+ bis +Altenberg+ in blauer Ferne begränzen. Ueber +Sebnitz+ und den +Buchberg+ hin, folgt unser Blick dem Bergzuge, den die +Lausche+ bei Zittau, der +Nestelberg+, der +Tanneberg+, der +Kaltenberg+, und die +Kemnitzer Berge+ bilden. Hinter dem mahlerischen Felsenkranze von +Hinterhermsdorf+ bis +Schandau+, woran das jenseitige Uferland sich knüpft, blicken der +Rosenberg+, und aus blauerem Hintergrunde der +Gräber+ und der +Göltsch+ hervor, und beginnen einen neuen Gebirgrücken, über welchen wir das Schloß +Blankenstein+ bei Aussig schimmern sehen. Vom +Schneeberg+ zieht sich eine Bergferne, wo wir das böhmische Dorf +Schönewalde+, den +Sattelberg+, den +Geiersberg+, und endlich den +Kahlenberg+ und +Geisingberg+ erblicken. Gehen wir durch das Gebüsch auf die höchste offene Kuppe des Berges, so schließen sich auch die östlichen Fernen an das unermeßliche Landschaftbild, und über dem +Porzen+ sehen wir die +Tafelfichte+, das +Friedländergebirge+ und einen matten Streif des +Riesengebirges+ dämmern.

Den Berg hinab steigend, kehren wir über +Ulbersdorf+ und +Altendorf+ auf dem bekannten Wege nach +Schandau+ zurück.

IV. Reise in die Felsengegenden, östlich von Schandau, auf die hohe Liebe, zum Schrammstein, Reischenstein und Falkenstein.

Wir gehen über die +Ostrauer Scheibe+ (s. S. 51.) oder auf dem, hinter dem Bade am linken Ufer der +Kirnitsch+ am Bergabhange ansteigenden Wege zu dem Dorfe +Ostrau+. Auf dem Feldwege, im Angesichte des prächtigen +Schrammsteins+ und des schroff emporragenden +Falkensteins+, nähern wir uns dem Saume des Waldes, der den, mitten aus wilden Felsenumgebungen sich erhebenden Berg,

die hohe Liebe

vom Fuße bis zum Gipfel deckt. In einer halben Stunde erreichen wir auf einem bequemen, selbst fahrbaren Wege die Höhe, wo die steilere nackte Felsenkuppe, die kaum 30 Schritte lang und äußerst schmal ist, sich erhebt. Anmuth und Wildheit wechseln mannigfaltig in dem Gemählde, das sich hier vor uns ausbreitet. Vom +Unger+ senkt sich ein Bergzug, der sich gegen Abend über +Ostrau+ und +Altendorf+ bis in das Thal verliert, wo bei heiterm Himmel selbst Dresden sichtbar ist. Zwischen den Felsen von +Königstein+ und +Rathen+ blicken anmuthige Landschaftbilder hervor, und ziehen sich im Elbthale hinab bis zu dem Hintergrunde, den die blauen Höhen des Erzgebirges einschließen. Gegen Mittag erblicken wir einen Theil des jenseitigen Elbufers, wo Dörfer und heitere Feldfluren zwischen dunkeln Wäldern lachen, über welchen der +Zschirnstein+ und +Schneeberg+ hervor ragen. Gegen Morgen blickt die hohe Spitze des +Rosenberges+ über den Rücken des +Winterberges+, an dessen Fuße von den +Speichenhörnern+ an, eine furchtbar wilde Felsenwelt, durch finstere Waldschluchten verbunden, sich ausbreitet. Am Fuße des Berges liegt eine, von hohen Felsen umschlossene Wildniß, der +Gemsgarten+, wo man in früherer Zeit schweizerische Gemsen einheimisch zu machen versuchte, die aber bald über die Felsen entflohen, bis auf einen Bock, der sich noch lange hier aufhielt.

Wir steigen herab, und wandern, am Fuße des +Falkensteins+ hin, zum +Zahngrund+, wo der +große Backofen+, ein überhangender, mit starken Eisenadern durchzogener Sandsteinfelsen, uns anzieht. Der Weg theilt sich bald in vier Arme, wovon der erste links zur +Heidemühle+ im Kirnitschthale, der andere zum +Kuhstall+ und in den +großen Zschand+, der dritte zum +vordern Winkel+ und der vierte durch das +Schrammthor+ nach +Schmilka+ bringt. Wie folgen dem dritten zum

Schrammstein,

einer schroffen Wand, die mit dem anstoßenden Einsprunge, welcher der +vordere Winkel+ heißt, eine prächtige Felsengruppe bildet. Wie die Trümmer einer zerstörten Burg, zieht sie sich zu einer, auf der östlichen Seite angränzenden Wand, auf welcher ein einzelnes Felsenhorn hervor ragt. Hinter dem +vordern Winkel+ läuft eine Schlucht, durch welche man auf einem beschwerlichen Pfade die Höhe erreicht; den +Schrammstein+ selbst aber kann man nur mittels hoher Leitern ersteigen. Die niedrigern Wände, die von den aus- und einspringenden Felsen den Nahmen der +drei Winkel+ führen, ziehen sich weiter südöstlich. Ein steiler Waldweg führt zu dem +mittlern Winkel+, den man auf eingehauenen Stufen ersteigt. Längs den Wänden des +Gemsgartens+, und am +Buchhübel+ hin, kommen wir endlich zu dem +hintern Winkel+, wo die Felsenwand abgeschnitten ist. Auf der Südseite dieser Wand bringt uns ein schmaler Weg, die +Lehne+, an den Rand eines tiefen Abgrundes, die +breite Kluft+ genannt. Sehen wir von dem Felsenzuge der +Winkel+ zurück, so kommen wir in die tiefe Kluft des +Falkenheger Grundes+, in welchen sich ein steiler Pfad senkt, der nach +Schmilka+ hinab führt. Ein Weg über eine sumpfige Waldebene, bringt uns vom +Falkenheger Grund+ zu einer tiefen Schlucht, das +Heringsloch+ genannt, in welcher die +heilige Stiege+ hinab geht, eine Felsentreppe, die gegen Morgen auf einen, zum +kleinen Winterberg+ führenden Pfad stößt.

Aus dem +Heringsloch+ kommen wir in den +Reischengrund+, der von ungeheuren Felsen eingeschlossen ist, die bald als kühne Mauern empor ragen, bald in steilen Klippen aus den dunkeln Waldwipfeln hervor schauen. Zwei hohe Wände, die sich gegen einander neigen, bilden eine Wölbung, das +Reischenthor+ genannt, und alsbald stehen wir vor dem

Reischenstein,

oder +Reischenschloß+, einem mächtigen Felsenbau, der sich gegen 300 Fuß hoch erhebt, von Sträuchern begrünt, die aus den Spalten hervor wachsen. In der Mittagseite führt ein Weg aufwärts, und wir stehen bald vor einem Spalt, durch welchen wir auf die Höhe des Felsens klimmen. Auch dieser Felsen war, wie mehre Spuren anzudeuten scheinen, welche die Ueberlieferung bestätigen, vor Zeiten bewohnt, wenn auch die Bevestigung nicht aus Mauerwerk, sondern nur aus einem hölzernen Blockhause bestanden haben mag. Auf der Felsenhöhe öffnet sich uns gegen Mittag eine reiche Aussicht, die von den Dörfern +Schönau+ und +Reinhardsdorf+ auf dem jenseitigen Elbufer, über +Königstein+ bis in die Gegend von Dresden reicht, während gegen Mitternacht und Morgen eine Felsenwildniß aus der Tiefe herauf blickt. Sind wir vom +Reischenstein+ herab gestiegen, so suchen wir an der Morgenseite desselben einen günstigen Standpunkt zur Ansicht der Felsenwände des +Reischengrundes+, welche, wie wir hier deutlich sehen, in drei verschieden geschichteten Absätzen aufgethürmt sind. Ein starkes fünffaches Echo macht diesen Standpunkt doppelt anziehend.

Vom +Reischenstein+ kommt man durch den Felsengrund, die +Gostge+, in südlicher Richtung an die Elbe. Wir gehen aus diesem Thale rechts durch den +langen Grund+ zu den +Bierwänden+, einer Felsenreihe, die mit den +Winkeln+ und der Elbe in gleicher Richtung läuft. Die +Postelwitzer+ Steinbrüche (s. S. 52.) liegen unter diesen hohen, merkwürdig geschichteten Wänden. Ein vorspringender mächtiger Felsenkegel, der +Butterweck+, dient den Bewohnern des jenseitigen Elbufers als Sonnenweiser, da seine Spalten und Ritzen ihnen die Tageszeit anzeigen.

Wie gehen in dem +langen Grunde+ hinab. Am Wege verweilen wir bei einem großen Sandsteinblocke, der viele Vertiefungen, deren Ränder meist von Eisen braun gefärbt sind, und auf der Nordseite eingesprengte Eisennieren hat. Nach einem kurzen Wege erreichen wir die +Schrammthorwände+, und steigen auf einem Seitenpfade auf den hohen Rand über den Steinbrüchen, wo eine herrliche Aussicht ins Elbthal uns überrascht. Wir gehen von hier durch das +Schrammthor+, einen schmalen Durchgang zwischen hohen Wänden, und stehen bald vor dem

Falkenstein,

welcher, aus ungeheuren Schichten aufgethürmt und abgesondert von den benachbarten Felsengestalten, empor steigt, und rings umgangen werden kann. In einem Spalt finden wir Falze und Stufen, welche auf den Gipfel führen, wo wir Jahrzahlen eingehauen finden, die andeuten, das auch hier während des dreißigjährigen Kriegs Flüchtlinge Zuflucht gefunden haben. Gegen Abend öffnet sich eine schöne Aussicht nach +Schandau+ und +Königstein+.

Wir gehen von hier über +Ostrau+ an die +Kirnitsch+ hinab, oder durch den +Zahngrund+ nach +Schandau+ zurück, wo wir, wenn wir bei Tagesanbruch abgereiset sind, in den ersten Nachmittagstunden ankommen.

V. Reise nach dem Arnstein, Kleinstein und Heilenberg.

Wir brauchen, den Rückweg mitgerechnet, zu dieser Wanderung ungefähr 10 Stunden. Es öffnen sich uns verschiedene, gleich angenehme Wege. Wir können auf der hohen Straße nach +Lichtenhain+ gehen, und von hier herab zur +Lichtenhainer Mühle+ (s. S. 90.) wo wir mit den Wanderern zusammen treffen, welche vom +hohlen Stein+ (s. oben S. 56.) aufwärts an der Kirnitsch zur Mühle gekommen sind. Der Weg läuft von hier über Wiesen und weiter auf einem, jetzt sehr gangbaren Pfade am Fuße des hohen +Kühnbergs+ durch ein wildes Thal zu +Keßlers Mühle+. Hier treffen wir diejenigen Reisenden, die vom +Kuhstall+ über +Reinertshau+ und durch einen Theil des +kleinen Zschands+ kommen, der sich nahe bei der Mühle öffnet. Gemeinschaftlich setzen wir nun unsre Wanderung fort, und kommen bald zu einer andern Mühle, wo eine Brücke über die +Kirnitsch+ in den +großen Zschand+ führt. An dem Bach aufwärts wandernd, erreichen wir +Neumann’s+ (sonst +Puttrichs+) Mühle, deren reizende Umgebungen uns einen Augenblick vest halten, ehe wir zur +Buschmühle+ hinan gehen. Wir finden in einer dieser Mühlen, wenn wir ausruhen wollen, freundliche und dienstfertige Wirthe, die uns immer Milch und wohlschmeckende Butter reichen, und zuweilen gar Forellen auftischen können. Auch werden wir hier gewöhnlich einen Führer finden.

Bei der +Buschmühle+ verlassen wir das Ufer der +Kirnitsch+, und dem Wege folgend, der am +Ottendorfer Bach+ hinauf führt, kommen wir bald an den Abhang des Berges, der die steile Felsenkuppe, den

Arnstein

trägt, dessen prächtige, in einer Breite von mehren hundert Ellen sich hinziehende Wände an ihrem Fuße von vielen Höhlen durchbrochen sind, welche man, wie es scheint, früher zu Kellern benutzte. In der Mitte der Felsenwand führen kleine Stufen durch einen engen Spalt auf den ersten Absatz des Felsens, von hier bringt uns eine hölzerne Treppe auf den 2ten, dann eine Felsentreppe auf den 3ten und endlich ein enger Felsenweg auf den letzten Absatz, einen ebenen Platz, wo wir manche Spuren früherer Ansiedelung sehen. Die merkwürdigste darunter ist ein vierseitiger, senkrecht in den Felsen gehauener Brunnen, welchen die Sage bis zur Fläche der +Kirnitsch+ hinab gehen läßt. Einige Landleute, die vor mehren Jahren den Brunnen von Streu und Schutt bis auf zwanzig Ellen reinigten, um Schätze zu suchen, sollen mit einer langen Stange, die sie hinab stießen, keinen Grund gefunden haben. Andre Schatzgräber gruben an andern Stellen eiserne Pfeile und Bolzen aus. Die Aussicht von der Kuppe ist auf die nahen Felsenumgebungen beschränkt, da die umliegenden Höhen den Blick in die Ferne hemmen. Wir steigen auf demselben Wege hinab, welcher der einzige Zugang auf die Felsenplatte ist, und westlich an der hohen Wand fortwandernd, erblicken wir wieder viele Höhlen, worin man gleichfalls Spuren früherer Benutzung bemerken kann. An der hintersten Seite, wo die Wände sich spalten und viele eingehauene Falze sichtbar sind, will die Sage den Platz der ehemahligen Burgkapelle finden. Einer der alten Burgherren, erzählt die Ueberlieferung, entführte einst ein Fräulein von einem Schlosse in der Umgegend, und ließ darauf einen Geistlichen mit Gewalt aus seiner Wohnung in der Nachbarschaft hohlen und auf die Felsenburg bringen, der ihn hier mit der geraubten Braut trauen mußte, und eine Zeitlang vest gehalten wurde, um den Gottesdienst zu besorgen. Alles aber, was man von dieser Felsenburg auf dem +Arnstein+ erzählt, gründet sich bloß auf dürftige Ueberlieferung, die von den angegebenen Spuren ehemahliger Ansiedelung nur schwach unterstützt wird, und es möchte wohl nicht jeder in den Umrissen von drei Blättern mit einer dolchartigen Figur, die man unten am Fuße der Felsenwand, wo ein Thor gestanden haben soll, eingehauen sieht, gleich ein altes Wappen erkennen.[10] Bei aller Unfruchtbarkeit der ältern Geschichte, ist es doch auffallend, gar keine urkundlichen Spuren von den Burgen zu finden, womit man so viele Felsen in diesem Gebirglande freigebig bebaut hat. Niemand wird bei mehren derselben die frühere Bewohnung abläugnen wollen; selbst in ältern Zeiten aber haben sie kaum lange zu Wohnsitzen, sondern wohl nur als augenblickliche Zuflucht gedient, und leicht möchten sich in den meisten Fällen alle Spuren ehemahliger Ansiedelung oder Bevestigung auf die Zeit zurück führen lassen, wo während des dreißigjährigen Krieges Flüchtlinge hier Rettung suchten. Aus diesem Umstande, aus dem Mangel einer alten Geschichte, möchte denn auch der Mangel eigenthümlicher, das Gebiet der Vorzeit sinnig schmückenden Ueberlieferungen zu erklären sein. Die Sage wurzelt im Boden der Geschichte. Auch andre Reisende haben, so viel wir wissen, vergebens nach solchen, +noch unter dem Volke lebenden+ Sagen geforscht, womit die Fantasie, sollte man meinen, die wunderbare Felsenwelt hier beleben müßte, wenn diese wirklich einmahl belebt gewesen wäre. Alles der Art, was man eingesammelt hat, ist entweder dürftig und ohne heimisches Leben, ohne örtliche Eigenheit, oder aus neuerer Zeit, z. B. die anziehendste dieser Sagen, die bekannte Erzählung von dem Ursprung des Nahmens +hohe Liebe+, wie sie im Munde des Volkes lebt. Wer glücklicher im Sammeln sein sollte, möge seinen Fund mittheilen.

Auch auf den gegenüber liegenden Felsen, den +Lorenzstein+, wo früher ein alter Pfeil gefunden wurde, versetzt man eine Burg, deren Bewohner mit den Rittern auf dem +Arnstein+ in langer Fehde gelebt haben sollen. Die von dem Felsen getrennte Kuppe von gleicher Höhe, die rechts vom Eingange sich erhebt, wird gleichfalls zum +Arnstein+ gerechnet, und das Volk gibt diesen Nahmen der ganzen umliegenden Felsengruppe. Vom +Arnstein+ führt ein, vor einigen Jahren gebahnter Pfad durch den waldigen Wiesengrund, den der +Weißbach+ belebt, zu dem

Kleinstein,

in dessen hohen Wänden wir schon vom Thale aus, wo der Weg an seinem Fuße hinläuft, eine scheinbar unbedeutende Oeffnung erblicken. Hinter Felsenblöcken zieht sich der Weg auf den Gipfel, und wir treten in die Oeffnung einer breiten Höhle, die sich zwischen zusammengeschobenen Sandsteinfelsen spitzig wölbt, und oben einen schmalen Spalt hat. Die Aussicht aus dem Eingange ist beschränkt, aber die Betrachtung des wunderbaren Baues dieser Wölbung belohnt den Wanderer.