Part 5
Haben wir von diesem Standpunkte das umliegende Felsengebiet überschaut, so kehren wir nicht durch den Spalt, sondern auf einem, in neuern Zeiten bequemer gemachten Weg durch eine westliche Schlucht zurück, der uns zu andern Felsengewölben und zu günstigen Standpunkten führt. Wir gehen auf einer Felsenbank bis an den Rand des Abgrundes, wo zwischen den hohen Wänden eine schöne Ferne durchblickt, die uns den +Lilienstein+, die +Bärsteine+ und den +Pfaffenstein+ zeigt. Eine tiefe Schlucht trennt den +Kuhstall+ von einem andern hohen Felsen, wo wir eine Oeffnung mit einer angemahlten Schere erblicken, die das +Schneiderloch+ genannt wird, wie die Sage erzählt, vor Zeiten die Zuflucht eines geächteten Räubers. Wir verweilen hier einige Augenblicke, um ein starkes, vielfach nachhallendes Echo zu hören. In einer ähnlichen Höhle, nicht weit davon, die das +Pfaffenloch+ heißt, fand, wie die Sage will, im 15ten Jahrhundert ein Priester aus Lichtenhain Schutz gegen die Verfolgungen seiner hussitisch gesinnten Gemeine, bis man ihn entdeckte, und in die nahe Kluft, die noch jetzt +Pfaffenklunst+ heißt, hinab stürzte. Am Rande dieser tiefen Kluft verweilen wir einige Augenblicke, den Anblick der Landschaft zu genießen, die sich hier vor unsern Augen ausbreitet. Auf dem Rückwege finden wir einen vorspringenden Felsen, welcher die +Kanzel+ heißt, weil man hier im dreißigjährigen Kriege gepredigt haben soll. Ein bequemer Pfad führt uns bald zum Eingange der Halle.
Links vom Eingange senkt sich ein steiler, durch Stufen bequem gemachter Weg in eine Schlucht, die in den +Habichtsgrund+ führt. Wir verweilen an einer klaren Quelle und blicken zum Kuhstallfelsen hinauf, der hier, über 700 Fuß hoch, prächtig sich erhebt. Links aber wendet sich der Weg, der über das +Reinertshau+ zum +Arnstein+ und +Kleinstein+ bringt, und den wir später beschreiben werden. Wir folgen dem rechts laufenden Pfade und in einer Viertelstunde liegt der
kleine Winterberg
vor uns. Vom Fuße des Berges steigen wir nun auf einem, in neuern Zeiten bequem gemachten Wege, der im Zickzack auf die steile Felsenkuppe führt, durch Nadelholzwaldung aufwärts und auf einigen Ruhesitzen, die für den Wanderer hier angebracht wurden, genießen wir schöne Aussichten auf die entfernten Felsen. Der mit Basalttrümmern besäete Weg führt uns zu dem +Winterhause+, das auf einem Felsenvorsprunge unter dem Gipfel liegt, und seine ursprüngliche Entstehung einem Jagdabenteuer verdankte. Kurfürst August von Sachsen, von seinem Sohne Christian begleitet, verfolgte im Jahre 1553 einen mächtigen Hirsch bis auf die steilste Kuppe. Er stand hier auf einem schmalen Felsenpfade am Rande des Abgrundes, und über ihm, auf der höheren Wand, der von Hunden gehetzte Hirsch, im Begriff auf den Fürsten herab zu springen. Mit den Worten: „Entweder treff’ ich dich, oder du bringst mich um“ er legte an, und der glückliche Schuß stürzte den Hirsch in die Tiefe. Sein Sohn ließ späterhin zum Andenken dieser Rettung einen, seit längerer Zeit herab gestürzten Denkstein errichten, und auf der, 30 Fuß höhern Felsenfläche ein Jagdhaus erbauen, auf dessen Dach man das Geweih des erlegten Hirsches setzte. Auf der Stelle des verfallenen alten Gebäudes wurde 1818 ein neues errichtet, wo über dem Eingange von außen eine lateinische, inwendig eine teutsche Inschrift an das Jagdabenteuer erinnert. Die Aussicht aus den Fenstern des Hauses ist so reich und weit, daß wir einige Augenblicke hier ausruhen, ehe wir den Gipfel vollends ersteigen, der nach neuern Messungen 1556 Par. Fuß über dem Meere liegt. In südlicher Richtung setzen wir unsern Weg fort, der erst über Basaltstücke sanft ansteigt, und dann ebener durch schattige Pflanzungen fortläuft, bis wir endlich unter die hohen Buchen treten, die der
große Winterberg
auf seinem Rücken trägt. Der Weg zieht sich bis zu dieser Waldhöhe über üppige Wiesen, die von Quellen getränkt werden, unter welchen eine, die am südlichen Abhange entspringt, dem Wanderer die angenehmste Erquickung spendet. Auf der offnen Kuppe, die nach neuern Messungen 1416 Par. Fuß über der Elbfläche bei Dresden, oder 1766 Par. Fuß über dem Meere liegt, stehen nur noch an der östlichen Seite Ueberreste der Buchen, die einst den ganzen Gipfel beschatteten. Eine Landschaft von unbeschreiblicher Herrlichkeit liegt hier vor unsern Blicken, aber besonders reich ist die Aussicht gegen Süden und Südost nach Böhmen, dessen Gränze am Fuße des Berges hinläuft. Gegen Abend senkt sich der Bergabhang in einen tiefen waldigen Abgrund, wo die Elbe zwischen Felsenwänden hervorbricht, um ihren Lauf durch ein fröhlich geschmücktes Gelände fortzusetzen, das rechts, vom Fuße des +Winterberges+ an, die mächtigen +Goskenwände+, der +Reischenstein+ und die +Schrammsteine+ begränzen. Dringt der Blick in die Ferne, so wird der Gesichtskreis gegen Mitternacht vom +Falkenberge+, den Gebirgen bei +Arnsdorf+ und +Wilthen+ und dem +Augustusberge+ bei Königsbrück geschlossen. Ueber +Hohnstein+ ragen bei heiterm Himmel die Zinnen des Schlosses +Moritzburg+ hervor. Gegen Nordwest verfolgen wir den Lauf der Elbe über +Pillnitz+ bis +Dresden+, und sehen die Höhen um +Meißen+ hervor ragen, über welchen der +Colmberg+ bei Oschatz, 11 Meilen von unserm Standpunkte, in blauer Ferne dämmert. Ueber die Felsengestalten auf dem jenseitigen Ufer des Stromes sehen wir links vom +Nonnenstein+ die Höhen bei +Kesselsdorf+ und die Berge um +Tharand+. Hinter Königstein blickt der +Tharander+ Wald hervor, an welchen sich hinter +Maxen+ die Gebirge bei +Kreischa+ schließen, bis der +Luchberg+ den Gesichtskreis begränzt. Der +Geißingberg+ bei Altenberg sieht über die +Kuppelberge+ herab; über den nahen +Zschirnstein+ ragt der +Kahlenberg+, und über den +Kahlstein+ der +Sattelberg+ hervor. Vom +Schneeberg+, der sich links vom Sattelberge erhebt, zieht sich nach Süden und Südost eine Gebirgskette, in welcher die +Paszokopole+, der +Donnersberg+ bei Bilin, der +Hasenberg+ über Theresienstadt, der +Göltsch+ bei Ausche, der +Gräber+, welcher hinter dem nahen +Rosenberg+ hervor blickt, und der +Forstberg+ mit dem Schlosse +Kemnitz+ sich auszeichnen. Südöstlich erhebt sich der +Kaltenberg+, und über dem Rücken des +Kreybitzer+ Gebirges der +Kleisberg+ bei Zwickau in Böhmen, der +Falkenberg+ bei Gabel, und in blauer Ferne der +Jeschkenberg+ im Bunzlauer Kreise. Der +Tollenstein+, der +Nesselberg+ und die +Lausche+ ragen gegen Nordosten hervor und links blickt über einen waldigen Bergrücken der +Spitzberg+ bei +Oderwitz+. Im Nebel der Ferne endlich dämmert ein Theil des +Riesengebirges+. Die längste Durchschnittlinie des Kreises, den man hier überschaut, vom +Riesengebirge+ bis zum +Colmberg+, hat man zu beinahe 24 Meilen gerechnet.
Die ganze Kuppe des Winterberges besteht aus Basalt, dessen schwarzgraue Massen in einem langen Rücken gegen Mitternacht zu Tage ausgehen. Auf mehren Seiten am Abhange des Berges, wie nach dem +kleinen Winterberge+, nach dem +Zeughause+ im großen +Zschand+, und nach +Hirniskretschen+ und +Schmilka+, liegt der Basalt in großen Haufen aufgethürmt. Häufig findet man ihn in Säulen, wie in dem gegen Mitternacht sich hinziehenden Rücken, die jedoch nicht die regelmäßige Gestalt des Basalts von +Stolpen+ haben, meist 4 bis 6 Zoll stark und gewöhnlich fünfseitig sind. Er zeichnet sich durch starkes Polarisiren aus.
Auf dem Gipfel des Berges wurde vor einigen Jahren, als Obdach für Reisende, ein einfaches hölzernes Gebäude angelegt, wo während der Sommermonate ein Wirth wohnte. In den ersten Frühlingswochen des Jahres 1821 ward es boshaft in Brand gesteckt. Seitdem wurde es durch zwei schnell erbaute Hütten ersetzt, man ist aber jetzt im Begriff, ein neues steinernes Gebäude aufzuführen. Vielleicht wird dann auch der Wunsch erfüllt, auf der Brustlehne eines, oben um das Haus laufenden Altans eine Tafel zu finden, welche alle Punkte des reichen Rundgemähldes bezeichnete.
Wer die Reise zum +Prebischthor+, das eine Stunde vom +Winterberge+ entfernt ist, nicht machen will, kann entweder durch das +Heidelbeergründel+, oder den steileren +Heuweg+ nach +Hirniskretschen+, oder auf einem nähern Wege nach +Schmilka+ hinab steigen, um in 2 Stunden nach +Schandau+ zu kommen. Wer vom +Winterberge+ zum +Reischenstein+ wandern will, geht durch die +Zwiesel+ und den +Reischengrund+. Ueber den +Roßsteig+, oder durch +Richters Schlüchte+ (s. den IIten Abschnitt), kommen wir vom +Winterberg+ in den +großen Zschand+.
Wir wenden uns von dem Standpunkt bei den, zu Tage ausgehenden Basaltmassen südöstlich. Der Fußpfad läuft durch den Wald an einer klaren Quelle vorbei, über die böhmische Gränze auf den +Brand+, eine Felsenfläche, wo einst ein Waldbrand wüthete. Wählen wir hier den rechts durch eine öde Schlucht sich hinziehenden Pfad, der mahlerischer ist, als der Weg über die nackte Fläche. Durch einen dunklen Wald kommen wir bald an den +Jordan+, wo sich links ein Seitenweg durch Heidelbeerkraut zu dem Rande des dunkeln +Prebischgrundes+ wendet, der über 1200 Fuß hinab fällt. Aus der Tiefe erhebt sich, von der steilen Wand im Hintergrunde abgesondert, und mehre hundert Ellen hoch, ein ungeheurer Felsenkegel, der +Prebischkegel+, der oben rund zuläuft, nach der viereckigen Grundfläche hin, aber abnimmt. Wir kehren auf demselben Pfade zurück, und verfolgen den, vom +Jordan rechts+ ablaufenden Hauptweg, der uns auf eine Felsenzunge führt, die links in den eben so tiefen +Hirschgrund+ sich hinab senkt. Die gegenüber liegende Wand des Prebischgrundes, die +Stimmersdorfer Wand+ genannt, trägt eine vom Hauptfelsen getrennte, einer Warte ähnliche Felsengestalt, das +Prebischhorn+. Wir überschauen von diesem Standpunkt eine reizende Landschaft, die sich jenseit des Prebischgrundes nach Böhmen bis zum Elbthale bei +Tetschen+ zieht. Die böhmische Gebirge ragen in der Ferne bis zur +Paszokopole+ empor.
Endlich treten wir aus dem Gebüsche auf den Rand des Abgrunds, und finden einen Standpunkt, wo wir die, 120 Fuß hohe und eben so breite Wölbung in der Felsenwand über die Tiefe hinaus ragen sehen. Es ist das
Prebischthor.
Ein bequem gemachter Weg führt uns auf die Decke der Wölbung, die ein 60 Fuß langer Schlußstein bildet. Wir sind hier 1402 Par. Fuß über dem Meere. Ueber den tiefen, waldigen +Thorgrund+ blicken wir auf eine schöne Gebirglandschaft, die vom Kaltenberge anfängt und sich über die Gebirge bei Kreybitz, Hohenleipa und den Kamnitzer Schloßberg zum nahen Rosenberg fortzieht, an dessen Fuße ein herrlich angebautes Gelände sich ausbreitet, über dessen ansteigenden Hintergrund die Berge bei Aussig in blauer Ferne hervor ragen. Die Elbe zieht sich unsichtbar in der Tiefe durch ihr waldiges Felsenthal hinab. Auf ihrem linken Ufer sehen wir rechts den Kahlstein und den Zirkelstein, über welche der Zschirnstein hervor ragt, und von diesem steigt der Bergzug bis zum Schneeberg und zu dem Rücken des Erzgebirges.
Wir steigen zu der innern Wölbung des Thores hinab, und ruhen unter dem Felsenbogen, wo wir einen reizenden Abschnitt des von der Wölbung gesehenen Landschaftbildes überblicken. Auf einem jetzt minder beschwerlichen Pfade ersteigen wir die, der Wölbung gegenüber sich erhebende Felsenwand, das +Böchhorn+, wo wir das Thor von einem sehr günstigen Standpunkte betrachten.
Der Weg läuft nun anfänglich ziemlich steil abwärts durch das +Harzgründel+. Am Fuße des Berges wollen wir einige Augenblicke verweilen und in das prächtige Felsenamphitheater, das über himmelhohe Tannen sich erhebt, zurück sehen. Diese anziehende Stelle hat man die +heiligen Hallen+ genannt. Nach einer halben Stunde kommen wir auf die, aus dem +großen Zschand+ nach +Hirniskretschen+ führende Straße. Nicht weit von hier öffnet sich links der +Prebischgrund+, wo wir, wenn Zeit zu einer Abschweifung von etwa fünf Viertelstunden übrig ist, das +Prebischthor+ auf der Zinne der Thalwand, und den +Prebischkegel+ sehen können.
Das vom +Bielbach+ durchströmte Hauptthal, worin wir den Weg fortsetzen, heißt der +Bielgrund+, und unter freundlichen Landschaftbildern fortwandernd, kommen wir an den +Kamnitzbach+, der den Bielbach aufnimmt, und bald in das böhmische Gränzdorf
Hirniskretschen,
das sich vom Ausgange des Kamnitzthales nach dem Ufer der Elbe hinabzieht. Das Dorf, das lebhaften Holz- und Steinhandel treibt, liegt in der, dem Fürsten Clary gehörenden Herrschaft Binsdorf. Wollen wir länger hier verweilen, so wandern wir aufwärts am rechten Ufer der Elbe, und kommen in einer Viertelstunde zu dem +Belvedere+, einem Standpunkte, wo eine reizende Landschaft vor uns liegt.
Wir verlassen die Reisenden, die uns so weit begleitet haben, werden aber künftig zu ihnen zurück kehren, wenn wir, von Schandau aus, die östlichen Felsengebiete, oder die angränzenden Gegenden von Böhmen besuchen, und sie endlich hier abhohlen, um eine Wanderung auf das jenseitige Elbufer mit ihnen zu machen. Eine Gondel, die wir gewöhnlich hier finden, soll uns durch ein reizendes Uferland, das die Strahlen der sinkenden Sonne herrlich schmücken, nach +Schandau+ zurück bringen.
[4] Mehr darüber in +Götzingers+ Geschichte und Beschreibung des Amtes Hohnstein (Freiberg 1786) S. 233 ff.
Zweiter Abschnitt.
Reisen von Schandau nach verschiedenen Gegenden der sächsischen Schweiz und der Gränzgebiete.
Nach dem Plane, dem dieser Wegweiser folgt, vereinigen wir nun die Beschreibungen derjenigen Gegenden des Gebirglandes, welche bei einem längern Aufenthalte in +Schandau+ bequem auf einzelnen Wanderungen von hier besucht werden können. Wenn auch die Mehrzahl der Reisenden diese Gegenden seltner berührt, so können doch diejenigen, welche der, im vorigen Abschnitte vorgezeichneten Hauptrichtung folgen, die meisten der anzugebenden Reisen, mit Ausnahme einiger nach dem Gränzlande gerichteten, an jene Linie knüpfen, wenn ihre Wanderung das +ganze+ Bergland umfassen soll. Wir werden dazu in der Folge, wie in der vorhergehenden Uebersicht geschehen ist, Anleitung geben, so oft sich Gelegenheit findet. Die vorgeschlagenen Wanderungen sind so gewählt, daß die meisten, den Rückweg nach +Schandau+ mit gerechnet, höchstens eine Tagereise fodern.
I. Reise durch den tiefen Grund nach dem Brand, Hohnstein und Stolpen.
Wir gehen abwärts an der Elbe nach +Wendischfähre+, das seine Entstehung und seinen Nahmen der Fähre verdankt, die hier vor Zeiten angelegt wurde, um die Wallfahrten der oberlausitzischen Wenden zu einem Wunderbilde in der Kirche zu +Papstdorf+ zu erleichtern. Am +Lachsbach+ (s. oben S. 44.) hinauf wandernd, folgen wir eine Zeitlang dem Wege, den wir auf der Reise von +Rathewalde+ nach +Schandau+ berührt haben, bis zur +Porschdorfer+ Mühle, oberhalb welcher ein Lachsfang angelegt ist. Die Lachse, die aus der Elbe in die Bäche hinauf gehen, stoßen hier auf ein hohes, mit spitzigen Hölzern umzäuntes Wehr, von welchem sie, bei dem Versuche es zu überspringen, zurück prallen, worauf sie dann an einer unbewaffneten Stelle in ein am Wehr angebrachtes Behältniß gehen. Die jungen Lachskunzen bleiben drei bis vier Jahre in den Bächen, und gehen dann die Elbe hinab. Von den, in den Bächen zuweilen bis +Hohnstein+ und +Sebnitz+ hinaufsteigenden Lachsen werden im Herbste mehre in den Mühlgraben bei +Hohnstein+ gesetzt, während des Laichens bewacht, und nachher mit Gabeln heraus gestochen. Seit der Anlage des Lachsfangs bei Dessau sind jedoch die Lachse in dem sächsischen Theile des Elbgebietes seltner geworden.
Nicht weit von dem Lachsfange öffnet sich rechts der grüne +Ochelgrund+, aus welchem die +Sebnitz+ herab kommt, während wir links einen Blick in das heitere Thal werfen, aus welchem die +Polenz+ hervor strömt, um sich mit jenem Bache zu vereinigen. Nach einer kurzen Wanderung stehen wie an dem Eingange eines Felsenthales, welches der
tiefe Grund
genannt wird, eines der schönsten Thäler des Gebirglandes, das seine wilden Reize eben so herrlich entfaltet, wenn wir von +Hohnstein+ hinab, als von +Schandau+ hinauf wandern. Bald erhebt sich links von der Fahrstraße der +Frynsberg+, auf welchem sich eine große Höhle öffnet. Der Weg läuft längs dem hohen Uferrande eines Baches, der meist unter dunkeln Baumgruppen verborgen, oder zwischen bemoosten Felsenstücken fortrauscht. Das Thal wird enger, und die nackten Felsenmassen zeigen sich, wenn sie bei den Windungen des Thales uns bald auf allen Seiten einschließen, in ihrer ernsten Pracht, bald furchtbar überhangend, bald in seltsamen Gestalten mauerartig empor steigend, oder Trümmern alter Vesten und Warten ähnlich, aus den Wolken herabschauend. Ueberall sind die grauen Sandsteinklippen mit zerstreuten Fichten, Tannen, Buchen und Birken bekleidet, die aus Spalten hervor wachsen, oder von den Zinnen der Felsen herab winken, deren Stirne oft mit gelbem Moos, Waldwinden und den Wedeln der Farrenkräuter mahlerisch geschmückt ist. -- Eine Sense, in eine Felsenwand eingehauen, deutet die Ueberlieferung als das Andenken eines Zweikampfes, wozu zwei junge Landleute, die beide um +ein+ Mädchen warben, sich herausfoderten, und auf einer Stelle in der Nähe, die ein Kreuz und die Jahrzahl 1699 bezeichnen, soll der gefallene Nebenbuhler begraben liegen. Nicht weit von hier stürzt der +Waizdorfer+ Bach aus einer, von Felsenblöcken gebildeten finstern Höhle, über eine moosige Wand herab und eilt dem +Grundbach+ entgegen, der hier gleichfalls einen Wasserfall bildet.
Links vom Wege fällt in den tiefen Grund, vom steilen Forstberge eine Straße, die uns auf den
Brand
führt, der 3 Viertelstunden von +Hohnstein+ liegt. Näher aber ist ein neuerlich angelegter Weg, der sich unmittelbar vom +Brand+ zwischen hohen Felsenwänden in den tiefen Grund hinab windet, und für kundige Wanderer, selbst für Frauen bequem ist. Das südlich ausspringende Felsenhorn auf dem steilen Rande des +Polenzthales+, worauf wir stehen, hat seinen Nahmen von einem ehemahligen Waldbrande. Der Reichthum der Landschaft, die wir hier überschauen, macht diesen Standpunkt zu einem der anziehendsten in dem Berglande. Unser Blick schweift über die benachbarten Felsengestalten, zu dem +Königstein+ und seinen Nachbarn hinüber. +Pirna+ und +Wehlen+ blicken aus dem Kranze einer fröhlichen Landschaft herauf. Der +Rosenberg+, über den +Schrammstein+ hervor ragend, schließt den Kreis. Die blauen Rücken des Erzgebirges dämmern am Himmelsrande. Den +Zschirnstein+ erblicken wir kaum von irgend einem andern Standpunkte so herrlich als von dieser Höhe. Der +Polenzbach+ zieht sich durch das tiefe Thal, die Elbe aber zeigt uns nur hier und da einen glänzenden Bogen, zumahl auf einem der günstigsten Standpunkte, wo wir die Felsen bei +Rathen+ erblicken, und das freundliche +Wehlen+ hervor schaut. Ueber +Königstein+ und +Pirna+ zieht ein, mit zahllosen Dörfern bedecktes Gelände sich nach dem Hintergrunde, wo die Höhen des Erzgebirges an die böhmischen Gebirge sich anschließen, welche, obgleich weit von einander getrennt, von diesem Standpunkte wie eine zusammenhangende Kette erscheinen.
Mehre Bänke und ein Obdach in einer Rindenhütte machen diesen Ruheplatz seit einigen Jahren noch angenehmer, und man hat sogar die Höhlung eines Felsens in eine Küche umgewandelt, um den Reisenden Gelegenheit zu geben, sich eine Erfrischung zu bereiten.
Wir gehen von hier über die Hochebene des +Vorder-+ und +Hinterforstes+ nach
Hohnstein,
wohin diejenigen Reisenden, die den +Brand+ nicht besucht haben, aus der Fortsetzung des Weges durch den +tiefen Grund+ über die +Grundmühle+ gekommen sind. Das Städtchen liegt mit seinem Felsenschlosse auf einem Bergrücken östlich von der +Polenz+, und hat gegen 800 Einwohner, die sich von Weberei, Flachsspinnen und Landwirthschaft nähren. Das Schloß, das auf einem abgesonderten Felsen liegt, ist mit der Stadt durch eine steinerne Brücke verbunden. Die Veste, gewiß so alt, als die Burg Rathen, und vielleicht gegen Ende des 11ten Jahrhunderts zuerst angelegt, war wenigstens schon im 14ten Jahrhunderte der Sitz der mächtigen Edlen +Birk+ oder +Berk von Duba+. Dieses Geschlecht erwarb seit dem 11ten Jahrhunderte ansehnliche Besitzungen in Böhmen, von der Elbe bis zum Riesengebirge. Die mächtigste Linie besaß auch das Schloß Leipa in Böhmen, wovon sie den Beinahmen führte, und dieser gehörte nach urkundlichen Beweisen schon 1353 auch +Hohnstein+. Um das Jahr 1444 kam +Hohnstein+ unter die Obergewalt des Kurfürsten von Sachsen, Friedrichs des Sanftmüthigen, und noch vor Ende des 15ten Jahrhunderts hörte die Herrschaft des Hauses Birk von Duba auf, ob durch Kauf oder Tausch ist ungewiß. Das meißnische Geschlecht von Schleinitz, dem auch die benachbarten böhmischen Herrschaften +Tollenstein+, +Schluckenau+ und +Hainsbach+ und viele Güter in den Lausitzen gehörten, besaß +Hohnstein+, bis es 1523 an die Besitzer der Herrschaft Wehlen, die Herren von Schönburg, kam, die endlich 1543 beide Besitzungen an den Herzog Moritz von Sachsen vertauschten, der ihnen einen Theil der jetzigen Schönburgischen Herrschaften dafür überließ. +Hohnstein+ wurde der Hauptort eines landesherrlichen Amtes, mit welchem +Lohmen+ vereinigt ward.[5]
Das Schloß ist auf allen Seiten von sehr tiefen Abgründen umgeben, auf deren Wänden die Burg sich erhebt, deren veste Mauern im dreißigjährigen Kriege allen Angriffen der Kaiserlichen und der Schweden trotzten. Das erste Gebäude, worein wir treten, ist das mittle Schloß, das im Jahre 1620 durch einen Blitzstrahl größtentheils zerstört wurde, und nur noch einige bewohnte Räume enthält. Im Thurme ist ein altes Staatsgefängniß. Wir verweilen in einem, auf dem nahen Felsen angelegten Gärtchen, wo wir in die Tiefe des Bärgartens und der angränzenden Felsenschluchten hinab sehen. Dem mittlen Schlosse gegenüber liegt das neue, das der Justizamtmann bewohnt. Ein langer und breiter Felsengang führt uns in einen, mit alten Wirthschaftgebäuden, Gefängnissen und Trümmern umgebenen Hof. Durch eine verfallene Burgmauer treten wir auf einen Felsenvorsprung, der ein freundliches Gärtchen trägt, das eine schöne Aussicht auf das Städtchen und über das Thal gewährt, durch welches die 1813 vom Fuße des +Liliensteins+ nach +Stolpen+ geführte +Napoleonstraße+ läuft. Längs verfallner Mauern kommen wir zu einem eisernen Gitterthor, das uns in die noch übrigen Gemächer des, im 17ten Jahrhundert durch den Blitz zerstörten Schlosses führt. In einem alten Gemache zeigt man ein, aus kurzgehacktem Stroh mühsam geflochtenes Seil, an welchem gegen Anfang des 18ten Jahrhunderts ein Gefangener sich aus dem Fenster seines Kerkers herablassen wollte, ein Versuch, der aber verunglückte, weil das sonst veste Strohseil zu kurz war. In der ehemahligen Schloßkapelle ist jetzt das Amtsarchiv; die schön gearbeitete Kanzel von durchbrochener Arbeit aber, die früher hier noch zu sehen war, ist seit mehren Jahren in der Kirche zu Röhrsdorf bei Dresden. In einem engen Hofe, worein wir aus diesem Theile des alten Schlosses treten, sehen wir die Ueberreste eines Kerkergewölbes. Es führt den Nahmen des Freiherrn von Klettenberg, eines betrügerischen Goldmachers, der im Anfange des 18ten Jahrhunderts den Herzog Ernst von Weimar und den König August II. hinterging und einige Zeit hier gefangen saß, ehe er auf dem Königstein enthauptet ward.[6] Dieser scheußliche Kerker ist seit 1770 nicht mehr zur Aufbewahrung von Gefangenen gebraucht worden. Die Gefängnisse auf der Burg waren vor Zeiten so furchtbar, daß das Sprichwort sagte: „+Wer da kommt nach dem Hohnstein, der kommt selten wieder heim.+“ Von der ältesten Burg, in deren Trümmern wir aus jenem Hof gelangen, ist nichts als altes Gemäuer und ein Theil eines Thurmes übrig, der jedoch nicht mehr ohne Gefahr zu ersteigen ist.