Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens

Part 4

Chapter 43,424 wordsPublic domain

Reisende, die der Linie folgen, welche wir in diesem Abschnitte beschreiben, würden nur im Falle eines längern Aufenthalts in +Rathen+ noch einige Seitenwanderungen in die Gegenden machen können, die wir nach unserm Plane erst auf künftigen Reisen besuchen. Für diejenigen, die nicht so eilig sind, ihr nächstes Ziel +Schandau+, zu erreichen, können wir hier nur Andeutungen geben. Die anziehendsten Punkte, die noch von +Rathen+ besucht werden können, sind der +Lilienstein+ und +Hohnstein+, und über beide könnte, wenn man den Umweg nicht scheut, die Reise nach +Schandau+ fortgesetzt werden. Der nächste Weg von +Rathen+ zum +Lilienstein+ führt vom Ufer der Elbe auf den, durch das Gebüsch die Höhe hinan steigenden +Lottersteig+, der zu dem Dorf +Ebenheit+ am Fuße des Felsens uns bringt. Die Fahrstraße von diesem Dorfe geht über +Walthersdorf+, und von hier über den +Ziegenrück+ nach +Rathewalde+, oder nach +Hohnstein+, wohin Fußgänger durch den steilen +Neuweg+, eine enge und furchtbare Felsenschlucht, auf einem beschwerlichen Pfade hinan steigen. Ueber +Porschdorf+ geht der Weg von +Walthersdorf+ nach Schandau. Wollen wir den Besuch des +Königsteins+ mit der Reise zum +Lilienstein+ verbinden, so lassen wir uns in +Rathen+ auf das linke Elbufer übersetzen und geben über +Petzscha+ und längs den +Bärsteinen+ über +Weissig+, oder über den +Diebskeller+ nach +Königstein+, und von hier nach +Ebenheit+ auf dem jenseitigen Elbufer. Wer von +Rathen+ nach +Hohnstein+ gehen will, wandert entweder auf dem oben beschriebenen Wege durch den +Amselgrund+ nach +Rathewalde+, und geht dann auf der von +Lohmen+ kommenden Straße über den +Wartenberg+ nach +Hohnstein+, oder wendet sich von +Rathen+ gleich auf die Straße über den +Ziegenrück+. Von +Hohnstein+ führt der Weg durch den +tiefen Grund+ in 3 Stunden nach +Schandau+; Fußwanderer aber werden vielleicht den Umweg über den +Brand+, den +Kikelsberg+, den +Waizdorfer Berg+, den +tiefen Grund+ und den +Ochelgrund+ wählen. Alle diese Gegenden beschreiben wir im folgenden Abschnitte, wenn unsre Wanderungen von +Schandau+ aus uns dahin bringen.

Die Reisenden, welche auf den Abschweifungen, die wir nach der Rückkehr von der +Bastei+ gemacht haben, uns nicht begleiten, sondern ihren Weg nach +Schandau+ fortsetzen wollten, finden wir in +Rathewalde+ wieder. Hier besteigen wir mit ihnen die oben erwähnte Anhöhe bei dem nahen +Hohburkersdorf+, wo wir einer Aussicht uns erfreuen, welche nördlich bis über +Neustadt+ und +Stolpen+ reicht, und besonders über +Lohmen+ und +Pirna+ bis nach +Dresden+ ein herrliches Landschaftgemählde umfaßt, über dessen Rand die Höhen des Erzgebirges bis Altenberg und Böhmens blaue Bergrücken hervor blicken.

Der Fahrweg von +Rathewalde+ zieht sich über eine steinige Anhöhe, den +Ziegenrück+, längs den mächtigen Felsenwänden, die über dem +Hohnsteiner Grunde+ sich erheben. Wir blicken zuweilen in das Thal, an dessen hohem Rande der Weg läuft, und sehen es bald von Waldschatten verdüstert, bald von anmuthigen Wiesenmatten erheitert, durch welche die +Polenz+ sich windet. Steil abwärts senkt sich die Straße nach +Porschdorf+, wo eine bedeckte Brücke über den +Lachsbach+ führt, welcher aus der Vereinigung der +Polenz+ und der +Sebnitz+ entsteht. Jenseit der Brücke verweilen wir auf einem schönen Standpunkte, wo die Wände des +Ochelgrundes+, aus welchem die +Sebnitz+ hervor strömt, sich an die Felsenreihen des +tiefen Grundes+ schließen. Der Weg zieht sich am +Lachsbach+ hinab, der bei +Wendischfähre+ in die Elbe fließt, und wenn wir hier um den Bergvorsprung uns gewendet haben, sehen wir

Schandau

vor uns. Das freundliche Städtchen von 170 Häusern und 1000 Einwohnern liegt, am Ausflusse des +Kirnitschbaches+, längs der Elbe, östlich und westlich von hohen Bergen und Sandsteinfelsen umgeben, deren Gipfel mit Nadelholz bekleidet sind, aus dessen dunkeln Wipfeln nur zuweilen heitres Laubholz hervor blickt. Der westliche Theil, der sich nach +Wendischfähre+ zieht, heißt die +Zauke+ und wird von Einigen für die älteste Anlage des Ortes gehalten, dessen Nahme auf sorbischen Ursprung deutet. Auf dem +Kiefericht+, einem nördlich sich erhebenden Berge, findet man die Trümmer des alten Schlosses, um welches sich allmählig die Stadt gebildet haben mag, die schon 1467 im Besitze städtischer Gerechtsame war. Im dreißigjährigen Kriege, besonders in dem für die Umgegend so furchtbaren Jahre 1639, erlitt sie große Drangsale, wurde 1704 nach einem verwüstenden Brande fast ganz neu aufgebaut und häufig, zumahl 1784 und 1799, durch Ueberschwemmungen beschädigt, welchen sie durch ihre Lage stets ausgesetzt ist. Die beßten Häuser, deren mehre zur Aufnahme von Fremden eingerichtet sind, stehen am Markte, wo auch Ullrichs Gasthof liegt. Im +Bade+ findet der Fremde sehr gute Aufnahme. In der Nähe desselben gibt es auch einige freundliche Wohnungen, und überhaupt hat in den letzten Jahren die Betriebsamkeit der Bewohner des Städtchens sich bemüht, den zahlreichen Gästen, welche die Sommermonate hier zubringen, einen angenehmen Aufenthalt zu bereiten.

Die Bewohner nähren sich vorzüglich durch den Elbhandel. Die nahen Sandsteinbrüche liefern den Schiffern Steine, womit sie den Strom hinabfahren, und besonders die böhmischen Wälder Holz für das Ausland, da das inländische nicht ausgeführt werden darf. Mit dem Getreide, das sie die Elbe hinaufbringen, oder aus Böhmen einführen, wird ein ansehnlicher Handel getrieben. In frühern Zeiten war der Elbhandel von hier abwärts sehr ausgebreitet, bis die hohen preußischen Durchgangzölle, die fast 50 vom 100 betrugen, ihn beschränkten. Die Schifffahrt ist jedoch wegen der Nähe von Böhmen und der günstigen Lage der Stadt, noch immer beträchtlich, und die Vortheile, die der frei gewordene Strom darbietet, werden die Nachwehen des letzten Krieges, dessen Zerstörungen im J. 1813 besonders gegen die Schiffe wütheten, auch hier immer mehr heilen. Schon früher war hier wegen des lebhaften Schiffverkehrs mit Böhmen der erste sächsische Elbzoll, den die Elbschifffahrt-Akte (1821) bestätigt und zu einem der verfassungmäßigen 14 Elbzollämter gemacht hat. Zur Beförderung der Gewerbsamkeit dient auch die +Kirnitschflöße+, die um 1568 angelegt wurde. Es werden jährlich gegen 6000 Klaftern hartes und weiches Scheitholz aus den Forsten des Amtes +Hohnstein+ auf der +Kirnitsch+ bis +Schandau+ geflößt, wo sie in Flosse gebunden und auf der Elbe weiter nach Dresden und Meißen geschafft werden.

Mit einer gesunden Gebirgluft empfing +Schandau+ aus der Hand der Natur das wohlthätigste Geschenk in einer kräftigen +Heilquelle+, die kaum eine Viertelstunde von der Stadt am Eingange des Kirnitschthales auf einer Wiese am Fuße eines Sandsteinfelsens entspringt. Man fand beim Nachgraben, daß unter diesem Sandsteine eine, gegen 6 Zoll starke Schale Granit durch den Sandstein setzt, der dem, eine Viertelstunde oberhalb des Bades mit dem Sandstein gränzenden Granit ganz ähnlich, aus röthlich weißem Feldspath, grauem Quarz und grauem Glimmer besteht, und fein eingesprengten Schwefelkies enthält. Schon gegen Anfang des vorigen Jahrhunderts kannte man die Quellen, deren Wässer sich auf der sumpfigen Wiese sammelten, und die der Gesundbrunnen hießen. Im Jahre 1730 wurden die Quellen, um die Wiesen trocken zu legen, in eine Cisterne gefaßt, und schon die ersten, damahl vorgenommenen unvollkommenen Untersuchungen ihres Gehalts[2] brachten sie so sehr in Ruf, daß das Wasser häufig zum Trinken und Baden gebraucht und sogar auf der Elbe abwärts versandt wurde. Die Quelle bewies sich zwar seitdem gegen manche Krankheiten wirksam, blieb aber mangelhaft gefaßt und wurde auffallend vernachlässigt, selbst als sie im Besitze eines Arztes war, bis endlich der neue Besitzer der Wiese, der Kaufmann Hering, mit bedeutendem Aufwande und rühmlicher Thätigkeit seit 1799 das Bad empor zu bringen wußte. Er veranlaßte in jenem Jahre eine neue chemische Prüfung des Wassers, ließ mehre Quellen im Felsen selbst auffassen, und statt des alten mangelhaften Behältnisses auf der Wiese ein neues Brunnengebäude bauen, wo sie, von wilden Wässern befreit, gereinigt wurden. Später wurden neben dem Brunnenhause auch Wohnungen für Badegäste angelegt. Im Jahre 1803 wurde eine neue Quelle entdeckt, die sich vor den ältern durch Gehalt an Schwefelwasserstoffluft auszeichnet, und es sind jetzt überhaupt +neun+ Quellen gefaßt. Die neu entdeckte gehaltreichste enthält nach den 1803 vorgenommenen Untersuchungen des Professors Lampadius in Freiberg[3] in 100 Pariser Kubikzoll, oder 4 Pfund, 6 Loth 1 Quentchen, 20 Gr. kölln. Gewicht des Wassers: Salzsaure Talkerde 8¾, schwefelsaure Kalkerde 5¼, Kieselerde 1⅛, Eisenoxyd 18¼ Gran, kohlensaure Luft und Schwefelwasserstoffluft 11⅓ Par. Kub. Zoll.

Das Wasser ist sehr hell, wird aber durch Kochen getrübt, hat einen zusammenziehenden Geschmack und erregt Aufstoßen. In der Wärme entwickelt es Luftblasen und wird trübe. Es setzt Eisenoker ab und färbt die metallenen Hähne in den Badestuben schwarz. Der Geruch der Schwefelwasserstoffluft ist auffallend, wenn das Wasser in einer halb gefüllten Flasche geschüttelt wird. Bei 18-22 Grad Luftwärme hat das Wasser im Schatten 10 Grad Reaumur. Die Quelle hat sich vorzüglich bei Nervenschwäche, Hämorrhoidalleiden, geschwächter Verdauung, Gicht, Krämpfen und bei Störungen des weiblichen Organismus wirksam bewiesen.

Die Quellen geben, seit der verbesserten Fassung, in jeder Stunde 180 Kubikfuß Wasser. Der steinerne Behälter, welcher die Quelle aufnimmt, faßt 640 Kubikfuß, wie denn die Quelle überhaupt während der täglichen Badezeit weit über den Bedarf liefert. Das Badehaus enthält 8 einfache und 3 Doppelbäder, die mit allen Bequemlichkeiten versehen sind. Das Wasser kommt unmittelbar aus der Quelle in die 12 Zoll tief versenkten Badewannen. Das zur Erwärmung der Bäder nöthige Wasser wird durch eine Pumpe gleichfalls aus dem Behälter gehohlt und stets in Siedehitze erhalten, damit nur wenig heißes Wasser zu dem kräftigern kalten gemischt zu werden brauche. Der Preis jedes Bades ist 4 Groschen. Für das Trinken des Wassers wird nichts bezahlt. Das für Badegäste und Reisende bestimmte Gebäude enthält mehre bequeme Wohnungen, ein Gesellschaftzimmer und einen großen Saal, der im Sommer zu Bällen gebraucht wird. Die Vorderseite des Hauses ist nach der, mit freundlichen Anlagen geschmückten Wiese gewendet. Nicht weit davon ließ der Besitzer des Bades 1823 ein neues Gebäude aufführen, das bloß Wohnungen für Badegäste enthalten soll.

Die gewöhnlichen Lebensmittel liefert die Umgegend. Obst kommt aus den benachbarten Dörfern, vorzüglich aber aus Böhmen. Treffliche Forellen und Lachskunzen geben die nahen Bäche, Wildpret die umliegenden Wälder. Bei dem Speisewirth im Bade findet man im Sommer eine gesellige Wirthstafel, gute Weine und fremde Mineralwässer, und auch in Ullrichs Gasthofe ähnliche Befriedigung.

Ein Schiff geht im Sommer wöchentlich nach Dresden. Der Besitzer des Bades hält 5 Gondeln zur Bequemlichkeit der Gäste, und auch bei andern Bewohnern des Ortes findet man Kähne zu Lustfahrten. Briefe besorgt ein Postbote von Pirna.

Die Genüsse, welche die Reize der Natur darbieten, müssen die gewöhnlichen Badezerstreuungen ersetzen, die man hier nicht suchen darf; sie geben aber dem Aufenthalte eigne Annehmlichkeiten, die nicht nur den wohlthätigen Einfluß der Heilquelle erhöhen, sondern auch dazu beitragen mögen, eine freundliche Geselligkeit zu erwecken und jene schroffen Absonderungen zu verhüten, die in andern Bädern so störend sind. Während den rüstigen Wanderer nahe und ferne Thäler in ihre Schatten und die Felsen auf ihre hohen Gipfel rufen, findet auch der schwächere Badegast sanftere Pfade in der nächsten Umgegend. Gleich links vom Badehause zieht sich ein viel besuchter Weg zur Berghöhe hinan. In einer Felsenblende sehen wir +Luthers+ Büste, mit der Inschrift: „+Eine veste Burg ist unser Gott. Den 31. October 1817+;“ ein Andenken an die Jubelfeier der Reformation. Ein Pfad, den man leider alles Schattens beraubt hat, bringt uns auf einen Felsenvorsprung über der Mündung der +Kirnitsch+, die +Karlsruhe+ genannt, und unser Auge schweift über die anmuthige Landschaft, wo der +Lilienstein+, von Bergfernen überragt, in ernster Pracht hinab schaut, während +Schandau+, +Postelwitz+ und +Krippen+, und die Ufer des Stromes, von der Thätigkeit der Schiffer und der Arbeiter in den Steinbrüchen belebt, unten im Thale in dem anmuthigsten Bilde sich verbinden. Verfolgen wir den Weg auf dem hohen Ufer der Elbe, so stehen wir bald auf der Höhe über +Postelwitz+, wo wir +Schandau+ von einem der günstigsten Standpunkte erblicken. Steigen wir von der +Karlsruhe+ aufwärts, und in einer Viertelstunde haben wir die Höhe bei dem, über dem Bade auf dem Uferrande der +Kirnitsch+ liegenden Dorfe +Ostrau+, die sogenannte +Ostrauer Scheibe+, erreicht. Wir übersehen hier einen großen Theil des mahlerischen Felsenlandes, das über dem heitern Vorgrunde sich erhebt, und uns über dreißig Gipfel zeigt. Gegen Morgen blicken über die, aus dem +Zahngrunde+ aufsteigenden Tannenwipfel der Felsenkegel des +Falkensteins+ und die +Schrammsteinwände+, hinter welchen der grüne Rücken des +Winterberges+ hervor ragt. Gegen Mittag erheben sich der +Kahlstein+, der +Zirkelstein+, und in blauer Ferne der +Rosenberg+. Ueber die Fluren von +Schönau+ und +Reinhardsdorf+ am jenseitigen Elbufer herrscht der mächtige +Zschirnstein+. Zwischen den +Kuppelbergen+ schaut das Dörfchen +Klein-Gießhübel+ hervor, und im Hintergrunde winkt die Kirche von +Papstdorf+. Der +Papststein+, der +Gorischstein+, der +Quirl+, die +Bärsteine+, der +Rauenstein+ und der +Gamrichstein+ bilden einen Felsenring, der die Ferne deckt, und nur hinter dem +Lilienstein+ blicken die Anhöhen von +Pillnitz+ hervor. Seitwärts vom +Gamrichstein+ ragen die +Hohnsteiner Wände+ empor, woran die Felsen des +Ochelgrundes+ sich lehnen, über welche der +Waizdorfer Berg+ und der +Kikelsberg+ sich erheben. Ueber +Ulbersdorf+, +Altendorf+ und +Mittelndorf+ schauen der +Unger+ und der +Buchberg+ bei Sebnitz hervor, und schließen das prachtvolle Rundgemählde.

Von hier führt uns ein Weg über Feld und Wiesen nach dem Walde, und es öffnet sich ein Felsenthal, das uns in den +Zahngrund+ bringt, vor dessen Ausgange an der Elbe das Dorf +Postelwitz+ unter Baumschatten am felsigen Abhange liegt. Die Sandsteinbrüche, die sich von diesem Dorfe am Strome gegen +Schmilka+ hinaufziehen, gehören zu den vorzüglichsten des Sandsteingebirges und liefern einen feinkörnigen vesten Stein. Der Naturforscher findet in einer, hier vorkommenden Sandstein-Breccie viele merkwürdige Versteinerungen.

An der Ecke dieser Steinbrüche erblickt man ein vorspringendes Felsenstück, das die +Königsnase+ genannt wird. Rechts vom Eingange des +Zahngrundes+ ziehen sich die Gärten den Dorfes +Postelwitz+ nach +Schandau+. Durch die anmuthige Landschaft, die das mahlerische +Krippen+ am jenseitigen Ufer verschönert, wandern wir am Strome hin, bis wir vor einem Garten, den ein ehemahliger reicher Bewohner von Schandau auf der nackten Felsenwand mit großem Kostenaufwande und eigensinniger Beharrlichkeit angelegt hat, einen Augenblick verweilen.

Eben so belohnend sind Wanderungen abwärts an der Elbe nach +Wendischfähre+, oder in die freundliche Umgegend des Dorfes +Prossen+, oder bis zu den ersten Mühlen in dem reizenden +Kirnitschthale+, wo wir gleich oberhalb des Bades links einen Freiplatz unter einer Felsenwand sehen, der im Jahre 1818 zum Andenken der Jubelfeier des Königs den Nahmen +Friedrich Augusts Platz+ erhielt. Links vom Eingange des Thales steigt ein Pfad den Bergabhang hinan, der uns zunächst zu einem Standpunkte leitet, wo wir das Bad und die Oeffnung des anmuthigen Thals überschauen, und dann weiter auf die nach +Altendorf+ und +Lichtenhain+ führende Fahrstraße bringt.

[2] S. das Schandauer Gesundheitsbad, beschrieben von +K. F. Montag+. Pirna (1799) 8. 6.

[3] S. dessen Beiträge zur Erweiterung der Chemie, Band 1. (Freiberg 1804) S. 318. +John+ bemerkt dagegen (Wörterbuch der Chemie, IV, 126) wenn das Wasser kein schwefelsaures Eisen enthalte, sei der Eisengehalt zu beträchtlich angegeben. Von neuern Untersuchungen der Quelle ist, so viel ich weiß, wenigstens öffentlich nichts bekannt geworden. Billig sollten Heilquellen von Zeit zu Zeit wiederhohlten Prüfungen unterworfen werden.

III. Reise durch den +Kirnitschgrund+ über den +Kuhstall+, die +Winterberge+ und das +Prebischthor+ nach +Hirniskretschen+.

Wir brauchen einen vollen Tag zu dieser Reise, wenn wir von +Hirniskretschen+ nach +Schandau+ zurück kehren wollen, und müssen sie, den kurzen Weg bis zu +Heidemühle+ im Kirnitschthale abgerechnet, in der angenommenen Richtung ganz zu Fuße machen. Wer bis zum +Kuhstall+ fahren will, wählt die Straße über +Altendorf+, +Mittelndorf+ und +Lichtenhain+, wo ein Weg zur +Lichtenhainer Mühle+ abwärts, und dann der +Münzweg+ bis zum Eingange der Felsenhalle führt.

Wir treten gleich hinter den Gebäuden des Bades in das Thal, und wandern auf dem linken Ufer der +Kirnitsch+, die uns entgegen rauscht. Das Thal wird bei jedem Schritte reizender. Rechts schließen es die hohen +Ostrauwände+ ein, über deren waldige Felsengipfel einige Häuser des Dorfes +Ostrau+ herabsehen. Links begränzt den Weg die felsige Uferwand, über deren Höhe sich die eben erwähnte Straße nach +Lichtenhain+ zieht. Während der Fahrweg im Thale bis zur +Heidemühle+ fort läuft, führt uns der Fußpfad bald über einen Steg auf das jenseitige Ufer, wo wir die Gränze zwischen dem Sandstein und dem links von der Höhe herab einfallenden Granit bemerken, der wahrscheinlich weit in die Tiefe unter dem Sandstein einschießt. Wir wandern auf einem Wiesenpfade, bis wir bei den waldigen Umgebungen der +Ostraumühle+ wieder auf das rechte Ufer des Baches kommen. Die +Mittelndorfer Mühle+, wo man Bewirthung und im Nothfall ein Nachtlager findet, umgibt ein Kranz von Obstbäumen, unter dem Schatten des dunklen Waldes. Unweit dieser Mühle läuft der Weg an dem Stollen eines Kupferbergwerks hin, das der neue Segen Gottes hieß, um die Zeit des siebenjährigen Krieges aber in Verfall gerieth, und auch nach einem spätern Versuche zu einem neuen Bau ganz aufgegeben wurde. Wald und Wiesen laufen am linken Ufer des Baches fort, während am jenseitigen eine nackte Granitwand sich erhebt, bis bald auch hier wieder Sandsteinfelsen vorspringen. Jenseit des Baches öffnen sich die kahlen Felsenwände der +Kroatenschlüchte+, und bald kommen wir um eine vorspringende Felsenwand in ein breites heiteres Wiesenthal, das ein üppiger Wald umgibt, aus welchem graue Sandsteinfelsen hervor blicken. Die höher emporragenden Felsen, von Fichten und Tannen gekrönt, drängen sich bald wieder an die Wiesenufer des Baches, aber die Thätigkeit in den Steinbrüchen auf beiden Seiten, wo der Naturforscher viele Muschelversteinerungen findet, belebt die Landschaft.

An der linken Bergwand sehen wir bald einen Waldbach, das +Beuthenwasser+, herab eilen, der zwischen dicht beschatteten Felsenblöcken einen Fall bildet, und uns vielleicht anlockt, in der Schlucht hinauf zu gehen, die uns nach +Lichtenhain+ bringt. Dem Falle gegenüber führt ein Steg über den Bach in den +Dietrichsgrund+, der zwischen hohen Felsenwänden zum +kleinen Winterberge+ sich zieht, und aus welchem südlich die +nassen Schlüchte+ zu den beiden +Speichenhörnern+ laufen.

Ohne uns zu diesen Abschweifungen verlocken zu lassen, setzen wir die Wanderung im +Kirnitschthale+ fort, wo links am Wege eine Höhle, durch welche wir gehen können, die +Metze+ genannt wird. Wir kommen nach wenigen Schritten zu der anmuthigen +Heidemühle+. Wer in dieser Mühle, der letzten, die wir auf unserm Wege finden, und die uns mit wohlschmeckender Milch bewirthet, ausruhen will, kann die, eine Viertelstunde von hier entfernte Höhle am +Wildenstein+ besuchen, und geht dann vielleicht durch den +Habichtsgrund+ auf den +Kuhstall+.

Von der +Heidemühle+ führt der Weg wieder auf das jenseitige Ufer und steigt dann am vorspringenden Felsen aufwärts, bis wir zum Fall des +Lichtenhainer+ Baches kommen, der bei einer Grotte, der +hohle Stein+ genannt, zwischen hohen, von Flechten, Moosen und andern Pflanzen mahlerisch bekleideten Felsenwänden herab stürzt, und dann über Wiesen zur +Kirnitsch+ rinnt.

Unweit der Grotte fällt ein Fußpfad herab, der von +Lichtenhain+ zum Kuhstall führt. Wer von +Schandau+ zum +Kleinstein+ und +Arnstein+ geht, verfolgt hier den Weg aufwärts an der Kirnitsch, die ihn zur +Lichtenhainer+ Mühle bringt. Wir werden künftig auf diesen Weg zurück kommen, und gehen jetzt auf das linke Ufer der +Kirnitsch+ hinüber, wo wir am Abhange des Berges ansteigend, auf den oben erwähnten +Münzweg+ kommen, der in einen, um den Fuß des +Hausberges+ sich ziehenden Weg in den +großen Zschand+ fällt. An der +Münze+, wo die gleichnahmige Pflanze häufig wild wächst, bietet uns der +Münzborn+ ein treffliches Quellwasser, und wir ersteigen dann auf einem Pfade, den ein Geländer bequemer macht, den +Hausberg+. Ein auf beiden Seiten von Nadelholz eingefaßter Weg öffnet sich uns, und bald ragt die prächtige Felsenhalle, der

Kuhstall

empor, durch dessen weiten Bogen eine waldige Felsenlandschaft schaut. Gebüsch und Farrenkraut umgrünen das, 20 Fuß hohe und 28 Fuß breite Eingangsthor. Das Innere der Halle wölbt sich weiter und höher; an der jenseitigen Oeffnung aber, die 80 Fuß hoch und 70 Fuß breit ist, steigt die schroffe Wand aus einer tiefen waldigen Felsenschlucht empor, über welche die zackigen Gipfel des +kleinen Winterbergs+ hervor ragen. Die merkwürdige Bildung dieser Felsenhalle ist ohne Zweifel das Werk der Naturgewalt; ob aber hier, wie man vermuthet hat, die Burg +Neu-Wildenstein+ gestanden, ist sehr ungewiß, da sich selbst das Dasein dieser Burg keineswegs erweisen läßt. Während der Schrecknisse des dreißigjährigen Krieges, die seit dem Jahre 1631 über ein Jahrzehend lang diese Gegend verheerten,[4] war das ganze Felsengebiet oberhalb +Schandau+ bis an die böhmische Gränze oft der Zufluchtort der vertriebenen Bewohner, und wie die Ueberlieferung erzählt, erhielt die Halle, wo das gerettete Vieh Sicherheit fand, in jener Zeit ihren Nahmen.

Aus der innern Wölbung treten wir links in einen Gang, wo uns ein schmaler Weg um die schroffe Wand des Felsens führt. Große Falze, die wir hier im Felsen erkennen, scheinen Spuren alter Bevestigungen zu sein, wenn auch nicht aus frühern Zeiten, doch aus der Zeit, wo die Halle Zufluchtort war. Links trennt die Felsenwand ein enger Spalt, der Weg, der auf den Gipfel des Felsens führt. Nicht weit von hier öffnet sich eine Höhle, woran ein Felsengewölbe stößt, welches das +Wochenbett+ heißt, weil hier in der Kriegszeit unglückliche Mütter geboren haben sollen.

Der früher sehr beschwerliche Weg durch die enge Felsenschlucht ist seit mehren Jahren durch Balkenstufen bequem gemacht worden, und nach kurzer Anstrengung haben wir den Gipfel erstiegen, der 965 Par. Fuß über dem Meere und 615 Par. Fuß über dem Elbspiegel bei Dresden liegt. Wir finden hier ein verfallenes Wasserbehältniß, einen Keller und andere Spuren ehemaliger Bewohnung. Diese Zeugnisse früherer Ansiedelung scheinen auch durch einige Groschen aus dem 14ten Jahrhunderte, die man vor mehren Jahren auf dem Gipfel ausgrub, bestätigt zu werden.