Vergißmeinnicht Ein Taschenbuch für den Besuch der sächsischen Schweiz und der angränzenden Theile Böhmens

Part 3

Chapter 33,286 wordsPublic domain

führen. Es öffnen sich uns zwei Wege in dieses Felsenthal. Der eine läuft längs dem Dorfe +Ottowalde+, das eine Viertelstunde von +Lohmen+, auf der südlichen Felsenwand liegt, über eine von Gebüschen eingeschlossene Wiese, zu einer Treppe von 114 Stufen, welche mit vielen Wendungen in die Tiefe hinab führt; der andere aber bringt uns quer durch das Dorf in einen Arm des Thales, der die +Kluft+ genannt wird. Wir folgen diesem Wege und stehen bald zwischen steilen Wänden, die auf beiden Seiten, oft wunderbar gestaltet, und senkrecht zerklüftet, über 110 Fuß empor ragen. Gruppen von Sträuchern und Bäumen, Farrenkräuter und goldfarbiges Moos bedecken mahlerisch diese Felsenwände. Ein Bach fließt durch die Tiefe. Die engen geschlossenen Wände, worein oft nur ein schmaler Bogen des Himmels hinab blickt, treten bald auf beiden Seiten aus einander und bilden ein breiteres Thal. Links zieht sich eine Felsenschlucht, der +Schleifgrund+ nach +Lohmen+. Dem Laufe des Hauptthales folgend, sehen wir nicht weit von jenem Grunde die oben erwähnten Stufen, die nach +Ottowalde+ hinan führen. Hier und an einigen andern Stellen, wo das Thal sehr schmal ist, hohlen die Bewohner von +Ottowalde+ vom jenseitigen Ufer Holz und Steine, auf großen Handschlitten, +Rappern+ genannt, die man an einem, um zwei Bäume diesseit und jenseit geschlungenen, schräg über den Grund laufenden Seite hinüber und zurück gleiten läßt. Durch die zusammenrückenden Felsenwände windet sich nur ein schmaler Durchgang, über welchem drei herab gestürzte Blöcke wie ein Thor sich wölben. Jenseit dieses Thores wird das Thal breiter, bald aber wieder verengt. Das +steinerne Haus+ nennt man einige, wie Dächer gelegte Steinblöcke, welche Höhlen decken, wo die Bewohner der umliegenden Gegend in Kriegeszeiten ihre geflüchtete Habe bargen. Nicht weit von hier finden wir eine Höhle, die sich durch zusammen gefallene Felsen zieht, welche eine schornsteinartige Oeffnung haben. Sie wird die +Teufelsküche+ genannt. Ein anmuthiges Thal, von einem kleinen Felsenbache +Zschirregrund+ genannt, öffnet sich nicht weit von hier, und zieht sich zwischen Felsenwänden hinan, die mit Farrenkräutern und Moosen bekleidet sind.

Wir sind hier auf dem nächsten und bequemsten Wege zur +Bastei+, und gelangen an eine Felsenecke, wo sich der +Zschirregrund+ in zwei Arme spaltet. Ein links auslaufendes Thal, der +Holzengrund+, führt nach +Rathewalde+. Unser Weg läuft rechts durch ein sehr rauhes, von feuchten Wänden eingeschlossenes Thal, das die +Hölle+ genannt wird. Ehe wir es betreten, zeigt uns der Führer die Stelle, wo der +Königstein+, der +Lilienstein+ und der +Pfaffenstein+ durch eine Waldblöße sichtbar sind, und auf einem Thalrande sehen wir die +große+ und +kleine Gans+. Nach dem kurzen Wege durch die +Hölle+, kommen wir auf eine große Wiese, die +Wehle+, wo wir unter Bäumen an der Felsenwand einen steinernen Tisch mit Bänken finden, der im Anfange des vorigen Jahrhunderts bei Gelegenheit eines Jagdfestes gesetzt wurde. Hier liegt der Pfad vor uns, der uns bald auf die +Bastei+ und nach +Rathen+ bringt.

Die bereits erwähnte, durch einen Wolkenbruch erzeugte Flut im September 1822 hat in diesem Thale, besonders in dem Hauptthale, das sich nach der Elbe hinab senkt, große Verheerungen angerichtet. Dieses Hauptthal, der +Raingrund+ genannt, theilt sich in drei Arme. Rechts zieht sich der +Teufelsgrund+, dessen obere Ecke die +Bärecke+ heißt, auf eine Anhöhe, über welche der Weg nach +Lohmen+, und zum Dorfe +Wehlen+ geht. Der mittle Grund bringt uns zu diesem Dorfe und zum Städtchen +Wehlen+. Der dritte, links hinauf laufende Arm öffnet sich in ein breites freundliches Thal, das uns bald in dieses Städtchen führt.

Reisende, die sich von +Pirna+ auf das rechte Elbufer übersetzen lassen, um von hier die +Bastei+ und +Rathen+ zu besuchen, gehen auf anmuthigen Wiesenpfaden, unter stets wechselnden Ansichten einer reich geschmückten Landschaft, aufwärts über die Dörfer +Nieder-Posta+, +Ober-Posta+ und +Zeichen+ nach +Wehlen+, das von Obstpflanzungen und Hopfengärten umgeben, am Ausgange des Ottowalder Thales unter hohen Felsenwänden längs der Elbe liegt, deren schöner Spiegel sich in sanften Krümmungen zwischen den felsigen, jenseit dicht bewaldeten Ufern hinab zieht. Ueber dem Städtchen, wo 700 Einwohner sich von Leinweberei, Baumwollespinnen, Obst- und Hopfenbau und besonders auch vom Korn- und Steinhandel nähren, ragen die ansehnlichen Trümmer des alten Schlosses hervor. Die Geschichte dieser Burg ist dunkel. Ursprünglich wurde sie vielleicht schon von den Sorben angelegt, später aber, als die Ansiedelung der Teutschen jene verdrängt hatten, wahrscheinlich in eine Burgwarte verwandelt, und in der Folgezeit der Hauptsitz der Herrschaft Wehlen. Diese gehörte bereits im 13ten Jahrhundert zum Markgrafthum Meißen, ward aber später böhmisches Lehen, bis sie zu Anfange des 15ten Jahrhunderts mit Pirna vom König Wenzel an Meißen verpfändet wurde. Schon im 16ten Jahrhundert, als die damahligen Besitzer dieser Herrschaft, die Herren von Schönburg, das Schloß +Lohmen+ neu erbauten und es zu ihrem Wohnsitze machten, scheint das Schloß verfallen gewesen zu sein, und wurde seitdem so ganz verödet, daß 1788 eine Mauer einstürzte und ein Haus von der Stelle schob.

Von +Wehlen+ führt ein sehr anmuthiger, aber nur für Fußwanderer gangbarer Weg längs der Elbe am Fuße der hohen Felsenwand in 3 Viertelstunden nach +Rathen+, wenn man sich nicht auf das jenseitige Ufer übersetzen lassen, und auf einem angenehmern Wege, im Angesichte der Felsen von Rathen, bis +Ober-Rathen+ wandern will, wo man wieder auf’s rechte Ufer hinüber fährt. Die Reisenden, die von +Pirna+ nach +Wehlen+ gekommen sind, gehen nun entweder durch das +Ottowalder Thal+ und den +Zschirregrund+ auf dem bereits beschriebenen Wege, oder über +Rathen+ auf die +Bastei+. Jener ist vorzuziehen, da sich uns hier die überraschende Aussicht von dem hohen Felsenvorsprunge auf einmahl öffnet, die wir auf dem letzten Wege theilweise von mehren Standpunkten betrachten. Wer aber diesen Weg wählt, wandert von +Rathen+ in dem anmuthigen +Grünbachthale+ hinauf, wendet sich dann in den felsigen +Wehlergrund+ und kommt aus diesem auf den, in neuern Zeiten bequemer gewordenen Pfad, der durch die +Vogeltelle+ zwischen hohen Felsen hinan führt.

Endlich stehen wir auf dem, kaum 10 Fuß breiten Gipfel des vorspringenden, gegen 600 Fuß über die Elbfläche und 973 Par. Fuß über das Meer sich erhebenden Felsenhornes, das wegen der Aehnlichkeit mit Bevestigungen den Nahmen

Bastei

erhalten hat. Ein reiches Landschaftbild liegt vor unsern Blicken. Die Elbe zieht sich im Thale zwischen Wiesenufern und Saatfeldern, am Fuße der Sandsteinwände hinab. +Rathen+, +Wehlen+, und jenseit eine Reihe von Dörfern, liegen längs ihrem Gestade. An den beiden Bogen, die der Strom hier bildet, ragen die +Bärsteine+, der +Königstein+ und der +Lilienstein+ empor, und über ihre Felsenstirnen blicken der +Pfaffenstein+, die +Kuppelberge+, der +Zschirnstein+ und aus blauer Ferne der +Schneeberg+ und der +Sattelberg+ in Böhmen, und der +Geisingsberg+ im Erzgebirge. Hinter dem +großen Winterberge+ und dem +Zirkelstein+ wölbt sich der mächtige Rücken des böhmischen +Rosenberges+. Ueber +Rathen+ hinaus nach Morgen und Mitternacht erheben sich die Felsenwände des Hohnsteiner Forstes, das Schloß +Hohnstein+ und in der Ferne die Berge bei +Neustadt+. Kehrt unser Blick zu den nächsten Felsenumgebungen zurück, so sehen wir den +Neu-Rathen+ empor ragen, den ein tiefer Abgrund, die +Mardertelle+ von uns trennt, aus welchem wir einen aufgemauerten Pfeiler hervor ragen sehen, der die Brücke trug, die vor Zeiten das Felsenschloß mit der +Bastei+ verband, und auf den Weg nach +Rathewalde+ führte. Von den nächsten Felsen erblicken wir vor uns: die +große+ und +kleine Gans+, das +Blankhorn+, den +Amselstein+ und den +Gamrichstein+.

Wer die Reise nach der +Bastei+ zu Wagen über +Rathewalde+ gemacht hat, wird vielleicht, wenn er an demselben Tage wieder zurück nach Dresden geht, den Rückweg durch den +Zschirregrund+ nehmen und weiter nach +Ottowalde+ wandern, wo sein Wagen ihn erwartet. Geht er wieder über +Rathewalde+, so verweilt er hier, um die, 1 Viertelstunde entfernte +Hohburkersdorfer Linde+ zu besuchen, welche eine Höhe krönt, wo sich eine der reichsten und reizendsten Aussichten öffnet.

[1] Zuerst Pirna 1803. und in der 4ten Aufl. Dresden 1821.

II. Reise von +Rathen+ nach +Schandau+.

Wollen wir von der +Bastei+ unsre Reise weiter östlich fortsetzen, so bieten sich uns verschiedene Wege dar. An einem günstigen Sommertage haben wir vielleicht Zeit, mit der Reise zur +Bastei+ eine Wanderung zu den nächsten Felsengestalten zu verbinden, wohin von hier am Rande des Abgrundes ein Weg führt. Wir kommen zuerst zur +großen Gans+, die sich an dem, von hohen Felsengruppen umgebenen +Wehlergrund+ erhebt. Die Aussicht von dieser Felsenhöhe zeigt uns eine wilde Landschaft, aber am Ausgange jenes Grundes werfen wir einen Blick in das anmuthige Grünbachthal und auf die Häuser von Rathen, über welche der +Königstein+ und +Lilienstein+ hervorragen. Unweit der großen Gans erhebt sich eine zerrissene, orgelförmig gestaltete Felsenwand, die +kleine Gans+, welche gleichfalls ersteigbar ist. Wir sehen uns hier von dem +Blankhorne+, dem +Amselstein+, +Honigstein+, +Feldstein+, +Neu-Rathen+ und der +Bastei+ umgeben, während in der Tiefe der +Tümpelgrund+, der +Rabengrund+, und die furchtbaren +Schwedenlöcher+, die in dem dreißigjährigen Kriege den Umwohnern eine Zuflucht gewährt haben mögen, sich öffnen. Ueber diese Felsenwildniß hinaus sehen wir +Rathewalde+, +Hohnstein+, und rechts das Dorf +Walthersdorf+, worüber die böhmischen Gebirge hervor ragen.

Wer so weit gegangen ist, geht durch den +Wehlergrund+ zurück, um sich nach +Rathen+ zu wenden, und erblickt auf diesem Wege die früher gesehenen Felsen in veränderten Gestalten. Man nähert sich bald der furchtbaren +Mardertelle+, worein man früher auf dem Wege von +Rathen+ nach der +Bastei+ einen Blick warf. In dieser wilden Schlucht stoßen die Wände des +Neu-Rathen+ mit den höhern Wänden der +Bastei+ zusammen; und außer dem aufgemauerten Pfeiler, den wir bereits von oben herab bemerkten, erblicken wir noch mehre ähnliche, welche die früher erwähnte Brücke trugen. Man soll hier, wie eine alte Ueberlieferung erzählt, einst Menschengebeine ausgegraben haben, welche man den Sorben zuschreiben wollte, die bei der Eroberung des +Neu-Rathen+ in den Grund hinab stürzten.

Treten wir aus dem +Wehlergrunde+ in das freundliche Thal, wo der +Grünbach+ hinab fließt, so sehen wir auf der jenseitigen Höhe den +Feldstein+ empor ragen, eine, vom Wald umgebene Felsenwand, welche Burgtrümmern ähnlich und von einer natürlichen Höhle durchbrochen ist, wo man auf vorspringenden Felsenspitzen ruhend, die umliegende Landschaft überschaut, die das nahe +Rathen+ mit seinen Trümmern, die Elbe, den +Königstein+ und +Lilienstein+ umfaßt. Gegenüber erheben sich die zerrissenen Pfeiler der +kleinen Gans+. An den +Feldstein+ gränzt der +Honigstein+, der auf allen Seiten von tiefen Schluchten umgeben, und am bequemsten vom +nassen Gründel+ bestiegen wird, wenn man die, besonders gegen Ost und Südost reiche Aussicht von seinem Gipfel genießen will, die uns ein beinahe so herrliches Landschaftgemählde zeigt, als wir auf dem Felsenhorne der +Bastei+ gesehen haben. Lassen wir den Blick über die furchtbare Schlucht des +nassen Grundes+, die sich vor uns öffnet, hinweg gleiten, so blickt uns vom jenseitigen Rande des Abgrunds die freundliche Landschaft von +Hohnstein+ und +Rathewalde+ entgegen. Ueber +Hohnstein+ ragen die Wände des tiefen Grundes hervor, und über diese schaut der +große Winterberg+ mit seinen böhmischen Nachbarn. Die beiden Gränzhüter des Elbthals, der +Königstein+ und +Lilienstein+, erheben sich gegen Mittag und die Höhen des Erzgebirges dämmern im Hintergrunde.

Der Rückweg vom +Honigstein+ geht durch den +Saugrund+, der uns wieder in das +Grünbachthal+ bringt, wo wir mit den Wanderern zusammen treffen, die auf dem nächsten Wege von der +Bastei+ durch die +Vogeltelle+ (s. oben S. 31.) herabkommen, um mit uns nach

Rathen

zu gehen. Dieses Dorf, wo wir im Lehngerichte, Bewirthung und Nachtlager finden, liegt auf beiden Ufern der Elbe, der kleinere Theil, +Ober-Rathen+, auf dem linken, der größere aber, +Nieder-Rathen+, zieht sich auf dem rechten in den Felsengrund hinauf. In der Umgegend wächst sehr guter Hopfen, den man dem böhmischen gleich setzen, und dem bei +Wehlen+ erbauten vorziehen will. Wir verweilen zuerst vor dem freundlichen Wirthshause an der Elbe, des herrlichen Landschaftgemähldes uns zu erfreuen, das die Ufer des Stromes, in welchem links der +Lilienstein+ seine Felsenkrone spiegelt, vor uns entfalten.

Wer den Besuch der schönen Umgegend von +Rathen+ mit der Reise nach +Schandau+ verbinden will, kann den bereits beschriebenen Weg zur +Bastei+ und die noch rückständige Wanderung nicht in +einem+ Tage zurücklegen, sondern muß am ersten Reisetage entweder in +Lohmen+, oder in +Rathen+ sein Nachtlager nehmen, und die Frühstunden des zweiten Tages der neuen Bergwanderung widmen. Ein Führer, den wir im Wirthshause finden können, bringt uns in den, sich gleich hinter dem Hause öffnenden +Rathner Grund+, wo diejenigen, welche zuerst die oben beschriebenen Felsen am +Wehler-Grund+ besehen wollen, sich bald von uns trennen. Auf die Trümmer der Burg von +Alt-Rathen+, die sich über dem Dorfe auf einem vorspringenden Felsen erheben, werfen wir nur einen Blick. Es ist nichts als ein runder Thurm mit kaum zugänglichen Kellern davon übrig. Die Burg wurde wahrscheinlich schon von den Sorben angelegt, und später, nach teutscher Art bevestigt, in eine Burgwarte umgewandelt. Nach den ältesten geschichtlichen Spuren stand +Rathen+ gegen Ende des 13ten Jahrhunderts unter Raubold von Niemancz, welcher vom König von Böhmen abhängig, Burggraf des Schlosses Königstein war, später aber kam es vielleicht mit dem Königstein an die Burggrafen von Dohna. Im 15ten Jahrhunderte, bald nach Vertreibung dieses mächtigen Rittergeschlechts, finden wir Rathen im Besitze der Edlen von Oelsnitz, die in eine, von Glaubenshaß entzündeten Fehde, mit ihrem Nachbar, dem hussitisch gesinnten Hinko Berk von Duba auf Hohnstein verwickelt waren. Dieser Krieg machte es den Landesherrn, dem Kurfürsten Ernst und dem Herzog Albert nicht schwer, sich endlich 1468 der Burg Rathen zu bemächtigen.

Wir besuchen zuerst den +Neu-Rathen+, die Ueberreste einer Felsenburg, welche vielleicht schon im 12ten Jahrhundert angelegt wurde, als der Raum in +Alt-Rathen+ zu beschränkt geworden war, und die mit dieser nach der Eroberung gleiches Schicksal hatte. Wenn wir eine kurze Strecke am +Grünbach+ hinauf gegangen sind, bringt uns ein steil ansteigender Pfad zu dem +Wachhäusel+, einer in den Felsen gearbeiteten vierseitigen Höhle, die vielleicht einst einem Wächter zum Aufenthalte diente. In der Oeffnung der Felsen, durch welche der Weg dahin führt, verrathen uns Falze am Eingange, daß sie einst durch ein Thor verschlossen war. Am Abhange des Berges läuft der Weg im Gehölze fort, wo links die Elbe aus der Tiefe herauf blickt, und ein Vorsprung, der +Rosengarten+, oder das +Rosenbett+ genannt, einen günstigen Standpunkt zur Aussicht in’s Thal darbietet. An dem hohen +Mönchstein+ vorbei wandernd, kommen wir bald zum Eingange des +Neu-Rathen+, der als eine, von zwei senkrecht stehenden Felsenkegeln gebildete, gegen 6 Fuß breite Kluft erscheint, wo man die Falze und Löcher ehemahliger Fallgitter und Riegel deutlich erkennt. Haben wir dieses Felsenthor hinter uns, so führt uns ein angenehmer Weg zwischen hohen Felsenwänden aufwärts, und wir erblicken bald am Abhange des Berges die Trümmer alter, erst im siebenjährigen Kriege zerstörten Mauern, welche die Sage zu dem Ueberreste der Burgkapelle macht. Von hier ersteigen wir den Gipfel des Berges. Ein Felsenstück, wahrscheinlich von Menschenhänden in eine Bank verwandelt, das +Kanapee+, bietet uns einen Ruheplatz, wo wir die Aussicht über den Strom genießen, der sich in der Tiefe zwischen seinen Felsenufern fortwindet, ungefähr dasselbe Landschaftgemählde, das sich auf der +Bastei+ vor uns ausbreitet, nur minder umfassend, und gegen Nordwest durch vorspringende Berge und Wälder beschränkt. Wir sehen hier die Trümmer von +Alt-Rathen+ in der Nähe, und über uns erhebt sich der steil ansteigende, über 140 Fuß hohe +Mönchstein+ mit dem +Mönchsloche+, einer selbst vom Elbufer sichtbaren, gegen 5 Fuß breiten Höhle, die vor Zeiten vielleicht zur Burgwarte diente. Man hat diesen Felsen auch in neuern Zeiten mit Leitern erstiegen, die auf den vier Absätzen, woraus er besteht, angelegt wurden.

Auf dem Gipfel des +Neu-Rathen+ erblicken wir ein von Felsenwänden spitzig gewölbtes Thor, das den Haupteingang der alten Burg bildet, und finden deutliche Spuren ehemahliger Gemächer, einen von Menschenhänden angelegten Brunnen und mehre Ueberreste alter Bevestigungen. Am Ausgange des Felsenthores schauen wir in den Abgrund der +Mardertelle+ hinab. Betrachten wir hier die ganz nahen, auf Felsenspitzen gemauerten Brückenpfeiler, die aus der Tiefe hervor ragen, so scheint vom Thore zum ersten Pfeiler eine Zugbrücke gegangen zu sein, über die entferntern Pfeiler aber bis zur jenseitigen Wand zog sich vermuthlich eine hölzerne Brücke. Unweit der Brückenpfeiler zieht sich queer über den Grund eine Felsenerhöhung, die +alte Schanze+ genannt, auf welcher in der Länge hier eine Vertiefung läuft; wahrscheinlich auch eine Spur ehemahliger Bevestigungen. -- In neuern Zeiten hat man die halb verschütteten Stufen wieder aufgegraben, die unweit des Thores auf die höchste Felsenwand führen. Oben auf der Fläche lagen mehre große steinerne Kugeln, und da einige Spuren die Vermuthung zu begründen scheinen, daß man diese Kugeln von hier mittels einer Schleuder auf die Feinde geworfen, so nannte man den Felsen die +Steinschleuder+.

Die Trümmer der Burg +Neu-Rathen+, wovon nach der Zerstörung im Jahre 1468 nichts als die Felsenmauer übrig blieben, dienten im dreißigjährigen Kriege, besonders im Jahre 1639, als Banner mit seinen Kriegsvölkern +Pirna+ und den +Sonnenstein+ belagerte, den verzagten Bewohnern der Umgegend als vester Zufluchtort, und eine Inschrift im Felsen verräth, daß auch bei dem schwedischen Einfall im Jahre 1706 Flüchtlinge hier Schutz gesucht haben, die vielleicht zu jener Zeit einige neue Bevestigungen zu ihrer Sicherheit anlegten.

Wer Zeit hat, sich in der Gegend von +Rathen+ aufzuhalten, oder auch über +Rathewalde+ nach +Hohnstein+ zu wandern, kann von dem +Neu-Rathen+ gleich in den nahen

Amselgrund

gehen. Der Weg dahin von +Rathen+ am +Grünbach+ hinauf, ist leicht zu finden. Auf einem steilen Pfade ansteigend, sehen wir rechts den +Gamrichstein+ und den +Feldstein+, links die +Bastei+ und die Felsenwände des +Neu-Rathen+ empor ragen. Wir gehen an einer engen Schlucht vorüber, die +Dachsenhälter+ genannt, aus welcher ein Waldbach (+dürre Bach+) hervor strömt, und stehen bald vor dem +Amselstein+, wo der +Grünbach+ über eine, gegen 30 Fuß hohe Wand hinab stürzt. Im Felsen wölbt sich eine Grotte, über deren Decke der Bach rauscht. Diese 10 Fuß hohe und 5 Fuß breite Höhle heißt das +Amselloch+. Der Wasserfall ist bei trocknem Wetter unbedeutend, wenn nicht der Müller in der Lohmühle bei +Rathewalde+ bewogen wird, die Schlucht seines Teiches zu öffnen, um den Fall zu verstärken. Ein ansteigender Pfad zur Linken führt uns über das +Amselloch+ hinaus, und wir kommen bald zu einem neuen Fall, wo der Bach sich bis zum +Amselstein+ über Felsenblöcke fortwälzt. Den anmuthigen Weg am +Grünbach+ verfolgend, treten wir nun aus der Felsenschlucht in ein breites waldiges Thal und sehen jenseit der +Lochmühle+ das Dorf +Rathewalde+ auf dem Rande der steilen Felsenwand.

Wir verlassen die Wanderer, die von hier den +Hockstein+ besteigen und nach +Hohnstein+ gehen, oder die Reise nach +Schandau+ auf der Fahrstraße fortsetzen wollen, und kehren nach +Rathen+ zurück, um andere Reiseplane zu besprechen. Am Eingange des +Rathner Grundes+ folgen wir dem Pfade, der uns am jenseitigen Ufer des Grünbaches zwischen den Häusern des Dorfes +Rathen+ hinan führt, ehe wir die Anhöhe erstiegen haben, fesseln unsern Blick reizende Aussichten. Die Felsen, die wir auf unserer frühern Wanderung sahen, die +große+ und +kleine Gans+, der +Neu-Rathen+, die +Bastei+, der +Feldstein+ und +Honigstein+, erscheinen von diesem Standpunkte gleichsam in ein Ganzes zusammen gedrängt. Zwischen dem +Feldstein+ und dem rechts emporragenden +Gamrichstein+ treten die hohen Wände des +Ziegenrücks+ hervor, über welche die höhern Felsen der +Hohnsteinwände+, die das +Polenzthal+ einfassen, herab schauen. Auf dem Rücken der Anhöhe stehen wir endlich vor dem sogenannten

Backofen,

einem, aus ungeheuren Blöcken tempelartig erbauten, mit einem platten Dache bedeckten Felsen, durch welchen eine, auf beiden Seiten offne, rund gewölbte Höhle geht, auf deren Hinterseite man in die furchtbare Tiefe des Abgrunds blickt. Am Eingange der Halle überschauen wir eines der reizendsten Landschaftbilder, durch welches sich die Elbe, zwischen waldigen Ufern von +Königstein+ herabströmend, in einem sanften Bogen zieht. Jenseit auf dem hohen östlichen Uferrande liegt anmuthig das Dorf +Weissig+, hinter welchem die +Bärsteine+ und der +Rauenstein+ empor ragen. Wald und Gebüsch, Berge und Thäler, Kornfelder, Wiesen und Obstbaumpflanzungen ziehen sich auf jenem Uferrande in reizender Abwechselung hinab, während am Fuße des Gebirges einzelne Häuser aus Baumschatten hervor blicken. Auf dem diesseitigen Ufer lachen Wiesen am Fuße nackter Felsenwände und Waldhöhen, die in einem Halbkreise bis +Wehlen+ laufen, und links blicken über den Strom und sein bunt geschmücktes Ufer die Felsengipfel des Liliensteins und Königsteins.

Vom +Backofen+ zurückkehrend, kommen wir auf einem kurzen Wege an der Elbe, wo wir jene Halle von einem andern Standpunkte sehen, zu einem vorspringenden Felsenhorn, dem man +Ludwigs XVI+ Nahmen gegeben hat, weil man in dem Umriß des Felsens eine Aehnlichkeit mit des Königs Kopfe auf Münzen finden will.