Part 2
In Dresden, Pirna, Wehlen, Schandau, Hirniskretschen, Tetschen und aufwärts bis Aussig, findet man immer Gondeln bereit, wenn man einen Theil der Reise auf der Elbe machen will. Im Sommer geht an jedem Sonntage Nachmittags, wenn nicht heftige Winde die Fahrt hindern, von +Rathen+ am Fuße der +Bastei+ eine Gondel nach +Dresden+ ab, wo sie gegen Abend ankommt. Eine auf der Bastei sichtbare weiße Flagge kündigt die Abfahrt an. Auch von +Pirna+ und +Schandau+ fahren wöchentlich Schiffe nach Dresden. Eine Postkutsche geht von +Dresden+ täglich nach +Pirna+, und kommt an jedem Tage Vormittags von dort in Dresden an, und eine andere fährt Dienstags und Sonnabends von Dresden über +Stolpen+ nach +Neustadt+. Wegkundige Führer, die man sowohl für die ganze Reise, als auf Tage dingen kann, findet man gewöhnlich in allen besuchten Orten, besonders in +Schandau+. Die seit 1820 auch hier, wie überall in Sachsen, an Scheidewegen, selbst mitten in Wäldern, aufgestellten Wegweiser erleichtern überdieß die Wanderung, und nur hier und da vermißt man noch solche willkommene Fingerzeige. Für den beschwerlichsten Theil der Reise kann man Tragsessel haben, die in der Kuhstallhöhle, oder auch schon am Fuße des Hausberges warten, und über die Winterberge und das Prebischthor bis Hirniskretschen bringen. In einigen Mühlen des Kirnitschthales findet man auch wohl Esel zur Bergreise, doch noch nicht so häufig, als es zu wünschen wäre. Mehre früher nicht ohne Gefahr, oder große Beschwerden ersteigbare Höhen und unzugängliche Thäler sind seit einigen Jahren, theils durch die preiswürdige Sorgfalt der sächsischen Behörden, theils durch die Betriebsamkeit der Bewohner, zugänglich und bequem gemacht worden. Möge man nur nie mit schonungloser Hand den natürlichen Schmuck der Landschaften antasten, aber mit Bedauern hat man neuerlich hier und da Anlaß gefunden, die Spuren der grausamen Holzaxt zu beklagen, die selbst besuchte Schattengänge gelichtet hat.
Erster Abschnitt.
Reise von Dresden über Pillnitz oder Pirna nach Schandau, und durch den Kirnitschgrund über den Kuhstall und die Winterberge nach dem Prebischthor und Hirniskretschen.
Die meisten Reisenden begnügen sich, auf ihrer Wanderung durch die sächsische Schweiz der, in der Ueberschrift angedeuteten Linie zu folgen, so viele reizende Gegenden auch weiter hinaus auf beiden Seiten derselben liegen, und wenn sie, wie es gewöhnlich geschieht, nur drei bis vier Tage in ihrer Reise bestimmen, so können sie auch nur wenige Abschweifungen machen. Der achtstündige Weg von +Dresden+ nach +Schandau+, entweder über +Pirna+, oder auf dem belohnenden Umwege über +Pillnitz+, +Lohmen+ und +Rathewalde+ gibt die erste Tagereise. Im ersten Falle reiset man, wenn die geradeste Richtung und der bequemere Fahrweg gewählt werden sollen, über +Königstein+, oder fährt von +Pirna+ nach +Lohmen+, oder geht von Pirna zu Fuße über +Wehlen+ und durch den +Ottowalder Grund+ auf die +Bastei+, und von hier über +Rathen+, oder auf dem Fahrwege über +Rathewalde+, den +Ziegenrück+ und +Porschdorf+ nach +Schandau+. Im zweiten Falle besuchen wir von +Pillnitz+ aus den +Liebethaler Grund+, +Lohmen+, den +Ottowaldergrund+, die +Bastei+, vielleicht auch den +Amselgrund+, und kommen auf dem angegebenen Fahrwege zum Ziele der Tagereise. Der zweite Tag ist der Wanderung durch das +Kirnitschthal+ über den +Kuhstall+, die +Winterberge+, das +Prebischthor+ nach +Hirniskretschen+ gewidmet, wo eine Gondel uns aufnimmt, um uns nach +Schandau+ zurück zu bringen. Wollen wir nicht schon am dritten Tage heim kehren, so besuchen wir die Umgegend von +Schandau+, oder machen eine von den, im +zweiten+ Abschnitte angegebenen Wanderungen, oder gehen auf das jenseitige Elbufer über, besuchen den +Zschirnstein+, und wandern von hier nach +Königstein+, wo wir am Morgen des vierten Tages aufbrechen, um auf dem Rückwege nach Dresden vielleicht noch den +Lilienstein+ zu besuchen. Wie die angegebene Reiselinie, der wir nun zunächst folgen wollen, durch Abschweifungen zu beiden Seiten sich verlängern lasse, wollen wir künftig andeuten. Wir theilen diese Linie zur bequemen Uebersicht in drei Abschnitte.
I. +Reise zur Bastei.+
Wir reisen über +Pillnitz+. Der gewöhnliche Weg von Dresden führt uns über die Dörfer +Strießen+ und +Tolkewitz+, +Laubegast+ vorbei in 2 Stunden zu einer fliegenden Brücke, die uns während des Sommeraufenthalts der königlichen Familie in +Pillnitz+, zu diesem Lustschlosse hinüber bringt. Wer zu einer andern Jahrzeit auf dem linken Ufer seinen Weg nimmt, muß sich, wenn er zu Wagen, oder zu Pferde reiset, in +Blasewitz+ oder +Laubegast+ übersetzen lassen, oder sich der Kahnfähren in +Hosterwitz+ und +Söbrigen+ bedienen; Fußgänger aber finden in jedem Elbdorfe bequeme Ueberfahrt.
Auf dem rechten Elbufer folgt der Fahrweg jenseit des +Mordgrundes+ der, über +Loschwitz+ führenden Pillnitzer Bergstraße, wo sich aber nur selten Aussichten in das reizende Stromthal öffnen. Der Fußpfad bringt uns gleich jenseit des +Prießnitzbaches+, am Linkeschen Bade vorbei, durch eine anmuthige Landschaft längs dem Elbufer zu dem freundlichen +Loschwitz+, dessen große Kirche außerhalb des Dorfes an der Straße liegt. Oberhalb +Loschwitz+ führt uns ein Wiesenpfad nach +Wachwitz+, und fast immer an Gebäuden und Gärten hinwandernd, kommen wir, +Nieder-Poyritz+ und +Hosterwitz+ vorbei, in ungefähr anderthalb Stunden nach +Pillnitz+, wenn nicht die anmuthigen Seitenthäler, die aus dem Rebengebirge herabfallen, der schattige +Ziegengrund+ bei +Loschwitz+, der +Helfenbergergrund+ bei +Nieder-Poyritz+ und der +Keppgrund+ bei +Hosterwitz+ aus zu einer Abschweifung einladen. Aus dem +Keppgrunde+ können wir über den +Zuckerhut+ auf einem kurzen Umwege in die, zu dem Lustschlosse führende Kastanienallee gelangen.
+Pillnitz+, seit dem Anfange des funfzehnten Jahrhunderts das Eigenthum verschiedener adeligen Geschlechter, und schon zu Ende des siebzehnten auf kurze Zeit in landesherrlichem Besitze, ist seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts ununterbrochen fürstliches Eigenthum gewesen, und seit 1763 der beständige Sommeraufenthalt des Hofes. Die älteren Gebäude, die bereits Friedrich August I. verschönert hatte, wurden unter des jetzigen Königs Regierung theils abgetragen, theils verändert, und erhielten in den Jahren 1788 bis 1792 eine neue Gestalt. Der einzige Ueberrest des alten, 1616 erbauten Schlosses, dessen Speisesaal in frühern Zeiten Venustempel hieß, brannte 1818 ab, worauf in demselben Jahre nach dem Plane und unter der Aufsicht des Oberlandbaumeisters Schuricht der Bau eines neuen Schlosses begann, das weiter als das alte, nach Morgen verlegt wurde. Wir treten in den, durch das ganze Gebäude gehenden Speisesaal, der mit einer Kuppel bedeckt ist, die auf zwanzig freistehenden Säulen ruht, und theils von oben, theils durch hohe Seitenfenster erleuchtet wird. Zwischen der Kuppel und dem Gebälke befinden sich vier Dreiecke, sogenannte Pendentifs, und vier halbrunde Felder (Tympans), welche Professor Vogel mit Frescogemählden ziert. Für diese Felder sind die allegorischen Darstellungen der Mahlerei, Bildhauerkunst, Baukunst und Musik bestimmt; in den Dreiecken aber die zu jenen gehörenden allegorischen Figuren der Dichtkunst, der Liebe, der Philosophie und der Grazien auf blauem Hintergrunde in hoher Vollendung und heiterer Farbenpracht bereits ausgeführt. Die hellblau mit weißen Arabesken verzierten Wände des Saales enthalten zwischen den Säulen noch Füllungen, die späterhin gleichfalls mit Gemählden geschmückt werden sollen. -- Die andern, den Schloßhof einschließenden Gebäude bestehen aus vier großen, einzeln stehenden Pavillons, die zwar nicht hoch, aber im Ebenmaaß gebaut, und mit Säulenreihen und sinesischen Kupferdächern verziert sind. Zwischen den nördlichen Pavillons steht das Bergpalais, zwischen den südlichen das Wasserpalais. Diese, ein großes Viereck bildenden, und im Innern geschmackvoll eingerichteten älteren Gebäude enthalten die Wohnungen der königlichen Familie. Hinter dem Bergpalais und dem anstoßenden Pavillon liegt der, schon 1769 angelegte, aber seit 1804 sehr erweiterte und verschönerte Garten, wo man eine reiche Sammlung ausländischer Gewächse findet. Eine Vestale aus carrarischem Marmor, von Trippel’s Meisterhand, ziert diese Anlagen, und ein geschmackvolles Gartengebäude enthält ansehnliche Sammlungen von Sämereien, trefflich gemahlten Pflanzen und seltenen Schmetterlingen.
Die umliegenden Berge, und die Thäler, welche sie durchschneiden, hat die Natur mit mannigfaltigen Reizen geschmückt, die feiner Kunstsinn erhöhte. Der Friedrichsweg am Eingange des Pillnitzer Grundes bringt uns zuerst zu einem wohlerhaltenen Weinberge und einer schön angelegten Eisgrube, und den Windungen des Pfades folgend, kommen wir zu dem +Raubschlosse+, künstlichen Trümmern, die geschmackvolle Zimmer enthalten, wo man die Umgegend von +Pillnitz+ und das lachende Elbthal überschaut. Ein anmuthiger Waldpfad führt uns dann über eine dicht beschattete Brücke zu einem Wasserfalle im einsamen Friedrichsthale, der 138 Fuß hoch herabstürzt. Den schattigen Pfad verfolgend, kommen wir in einer Stunde auf den mit Fichten und Birken bewachsenen Gipfel des +Borsberges+, eine Granitkuppe, die 811 Pariser Fuß über der Elbfläche bei Dresden und 1161 Paris. Fuß über dem Meere liegt. Im nahen Dorfe +Borsberg+ finden wir einen Führer, der uns die +Eremitage+ öffnet, eine künstliche Felsenmasse, die eine Grotte und ein freundliches Zimmer enthält. Eine, in den Trümmern verborgene Treppe führt uns auf den Altan über der Grotte, wo wir eine entzückende Aussicht genießen, die den Lauf der Elbe von +Königstein+ bis +Meißen+ und die Felsenberge des meißnischen Hochlandes umfaßt, über welche in der Ferne die waldigen Bergrücken des Erzgebirges, der Rosenberg in Böhmen und die Höhen bei Zittau hervorragen.
In der Nähe dieses Gebäudes führen steinerne Stufen in das Thal hinab, wo uns ein neu angelegter Jagdweg nach +Klein-Graupe+ bringt. Auf dem gewöhnlichen Fahrwege von +Pillnitz+ aber führt uns ein langer Baumgang längs dem Dorfe +Ober-Poyritz+, durch +Graupe+ und ein Wäldchen zu der +Grundmühle+, wohin sich unweit der Schäferei in +Groß-Graupe+ auch ein Fußpfad über +Hinter-Jessen+ wendet. Wir lassen unsern Wagen von +Graupe+ nach +Liebethal+ fahren, und treten oberhalb jener Mühle in den
Liebethaler Grund,
über dessen steile zerrissene Wände das +Dorf Liebethal+ auf der Höhe hervorblickt. Auf beiden Seiten der +Wesenitz+, die das Thal durchströmt, ziehen sich die schroffen, bis zu 60 Ellen emporsteigenden mächtigen Felsengestalten gegen Morgen hinan, und erheben sich immer höher, je weiter wir wandern. Das Thal ist seit mehren Jahrhunderten bis in die Hälfte seiner Ausdehnung durch Sandsteinbrüche nach und nach erweitert worden. Weiter aufwärts drängen sich die Felsenwände so nahe zusammen, daß der Pfad am Ufer des rauschenden Baches verschwindet. Reissende Fluten, welche Felsenmassen fortwälzten und Steinhaufen aufschwemmten, haben überdies die Wanderung durch das Thal beschwerlicher gemacht. Die Steinbrüche gehören zu den ältesten des Landes, und liefern einen vesten und grobkörnigen Sandstein, wovon die weichern Massen zu Mühlsteinen, die mit Eisenadern durchzogenen aber nur zu geringerm Gebrauche taugen. Von den in frühern Zeiten gangbaren funfzig Brüchen wird kaum noch ein Fünftheil bearbeitet. Wir verweilen bei dem Bruche, von dessen hoch ansteigenden Wänden der Thurm von +Liebethal+ und einige Häuser des Dorfes herabblicken, und finden wir die Arbeiter gerade beschäftigt, so wird uns die Kühnheit und Betriebsamkeit, womit sie ihr Gewerbe treiben, auf einige Augenblicke Unterhaltung gewähren. Ein großer Block, ein sogenannter Satz, wird allmählig von dem Hauptfelsen gelöset, was oft die Arbeit eines halben Jahres, ja noch mehr Zeit kostet. Täglich arbeiten die Steinbrecher verwegen unter der drohend überhangenden Masse, ist aber endlich der Block herabgestürzt, so beginnt ein fröhliches Gelage, und mit leichterer Mühe wird dann das Stück in kleinere getrennt. Der Reisende muß auf die Warnung achten, die eine Inschrift über der Thür des letzten Hauses in +Hinter-Jessen+ ihm zuruft, denn wenn er eines der eisernen Werkzeuge der Steinbrecher aufhöbe, oder den Ruf: +Lauf+ zu! hören ließe, so müßte er büßen. Dieser Ruf ist die Losung, womit die Arbeiter in Lebensgefahren ihre entfernteren Gefährten zum Beistande auffodern, und hätte ein Wanderer, aus Unkunde oder Muthwillen, sie verleitet, von ihrer Arbeit zu eilen, so dürften sie, wofern der Fliehende innerhalb einer bestimmten Gränze eingehohlt wird, ihn zu einer Geldstrafe nöthigen.
Aus dem Thale führt uns ein beschatteter Weg am +Kemnitzbache+, oder ein rauherer Pfad durch die Steinbrüche zu dem Dorfe +Liebethal+ hinauf, das vor Zeiten ein vestes Schloß hatte, welches gegen Anfang des sechzehnten Jahrhunderts zerstört wurde. Wir gehen durch das Dorf, an der Kirche vorbei, auf einem anmuthigen Wege am Rande des Felsenthales zu dem nahen +Mühlsdorf+, und verweilen bei einer Oeffnung des Gesträuches auf der vorspringenden Wand, um einen Blick in die furchtbare Tiefe zu werfen, wo die +Lochmühle+ an der schäumenden +Wesenitz+ zwischen Felsen eingeklemmt liegt. Bei den ersten Häusern von +Mühlsdorf+ führt ein Weg zu der Mühle hinab. Wir gehen durch die Mühle, und finden auf der schmalen Brücke hinter derselben, wo der Bach über das Wehr stürmt, den günstigsten Standpunkt zur Ansicht der wilden Landschaft. Die Stelle, wo die Felsen so nahe zusammenrücken, daß kein Pfad am Ufer bleibt, heißt die +Rabenteufe+.
Der Mühle gegenüber steigt eine, zwischen den Felsen angelegte Treppe auf die jenseitige Höhe zu dem Dorfe +Daube+ hinan. Oben am Ausgange der Treppe führt ein Pfad durch das Gebüsche auf eine vorspringende Felsenwand, die uns einen neuen Standpunkt zur Ansicht der wilden Felsenschlucht darbietet und Ueberreste von altem Gemäuer zeigt. Ein angenehmer Weg bringt uns von da gerade nach +Lohmen+, wenn wir nicht auf einem bequemern Pfade zur +Daumühle+ im Wesenitz-Thale hinabsteigen und dann aufwärts nach +Mühlsdorf+ wandern wollen, dessen Häuser, von Gärtchen umgeben, die dem Felsen abgewonnen wurden, auf dem Rande der steilen Höhe sich zeigen. Wählen wir diesen Umweg, so gehen wir durch +Mühlsdorf+ an den Rand des +Liebethaler Wäldchens+, wo wir ein Landschaftbild überschauen, das +Lohmen+ und dessen anmuthige nächste Umgebungen, die Gegend von +Dohna+ bis +Dresden+, den +Königstein+ und +Lilienstein+ umfaßt, und in der blauen Ferne von Böhmens und Sachsens Gränzgebirgen umschlossen wird. Bei +Mühlsdorf+ steigen wir dann einen felsigen Weg hinab, und kommen bald zu einer Brücke über die +Wesenitz+, die uns nach
Lohmen
führt. Dieser Flecken von ungefähr 800 Einwohnern, der im 17ten Jahrhundert Städtlein hieß, und noch im Besitze mehrer städtischen Gerechtsame ist, hat seinen Nahmen vielleicht von den Edlen von Chlumen oder Chlomen, welche auch das alte Schloß erbaut haben mögen. Die Geschichte dieses Geschlechts, das in dieser Gegend früh ansässig gewesen zu sein scheint, ist jedoch sehr dunkel, und es läßt sich nicht mit Gewißheit bestimmen, daß die Burg +Lohmen+ ihm zugehört habe, die selbst zu der Zeit, als ein Edler von Chlomen in der letzten Hälfte des 15ten Jahrhunderts die ganze Herrschaft +Wehlen+ besaß, einen andern Besitzer aus dem alten meißnischen Geschlechte von Köckeritz hatte, dessen Vorfahren +Wehlen+ lange eigen gewesen war, und der später jene Herrschaft wieder erwarb, wozu +Lohmen+ seit den ältesten Zeiten als Beisitz oder Nebengut gehört zu haben scheint. Nach mehren Besitzveränderungen kam die Herrschaft an die Herren von Schönburg, von welchen dieselbe mit Lohmen und Hohnstein um die Mitte des 16ten Jahrhunderts an den Herzog Moritz von Sachsen überging. Später kam das Schloß +Lohmen+ wieder in den Besitz von Privatpersonen, bis es 1620 fürstliches Eigenthum ward. Seit dem Tode der Gemahlinn des Kurfürsten Johann Georg II, deren Witwensitz es war, und die hier 1687 starb, blieb es landesherrliches Kammergut. Wir sehen es in seiner kühnen und mahlerischen Lage auf dem Gipfel eines überhangenden, in der Mitte zerklüfteten Sandsteinfelsens, wenn wir, von +Mühlsdorf+ kommend, jenseit der Brücke am Ufer der +Wesenitz+ hingehen. Folgen wir dem Wege aufwärts an der +Wesenitz+, der durch die verheerende Ueberschwemmung im Sommer 1822 sehr gelitten hat, so kommen wir bald zur +Hintermühle+. In der Nähe derselben öffnet sich der +Lohmner Grund+, dessen Felsenumgebungen in seltsamen Gestalten empor steigen, bis sie endlich zusammen rücken und den Weg sperren. Wir kehren zu der Mühle zurück, und es öffnet sich uns bald ein Weg in die anmuthigen Gartenanlagen, die sich zu dem Schlosse hinan ziehen und uns überall angenehme Ruheplätze darbieten. Einen der günstigsten Standpunkte finden wir hier auf dem Felsenvorsprunge über der Hintermühle, wo wir einen Blick in das Thal der +Wesenitz+ werfen. Das Schloß besteht aus zwei Hauptgebäuden, die durch einen Altan zusammen hangen, der auf einer Felsenspitze angelegt ist. Nur an der Hinterseite sieht man noch in den kleinen Erkern und Fenstern Ueberreste des Alterthums. Das Schloß ist jetzt der Sitz einer bedeutenden Landwirthschaft, mit welcher eine Schäferei verbunden ist. Wir verweilen einige Augenblicke auf dem Altan, wo wir eine reizende Aussicht genießen. Vor ungefähr 40 Jahren stürzte ein junger Landmann, der arbeitmüde auf diesem Altan eingeschlummert war, als er mitten in der dunklen Nacht aus dem Schlafe auffuhr, von dem 76 Fuß hohen Felsen in die Tiefe und wurde dennoch glücklich geheilt. Eine gereimte Inschrift auf einer hier eingemauerten Tafel erzählt diese Lebensrettung.
Unweit des Schlosses sehen wir die freundliche Kirche, eine der schönsten ländlichen Kirchen Sachsens. Das Pfarrhaus und die Försterwohnung sind mit wohlfeilen, aus Blechstreifen gemachten Blitzableitern versehen; eine Erfindung des vormahligen Pfarrers Nicolai in Lohmen, dessen Wegweiser durch die sächsische Schweiz[1], als eine der ersten Beschreibungen des meißnischen Hochlandes, viel beigetragen hat, diese Gegenden bekannt zu machen.
Folgen wir oberhalb der Kirche der, nach +Stolpen+ führenden Straße, so kommen wir in den obern Theil des +Lohmner Grundes+, welchen uns, auf dem Wege von der +Hintermühle+, die Felsenwände versperrten. Diese enge wilde Schlucht, durch welche die schäumende +Wesenitz+ hinab stürzt, heißt die +Brausenitz+. Auf beiden Seiten steigen die prächtigen Felsenwände in seltsamen Gestalten hinan. Es gibt hier mehre Steinbrüche, die sich bis gegen +Porschendorf+ hinauf ziehen, wo das Wesenitz-Thal sich erweitert. Der Sandstein dieser Brüche ist feinkörniger, aber auch weicher als im Liebethaler Grunde, und mit vielen dunkelbraunen eisenschüssigen Adern durchzogen. Es werden hier große Schleifsteine gebrochen, die bis nach Dänemark ausgeführt werden.
Im Gasthofe zu +Lohmen+, wo man gute Bewirthung findet, und gewöhnlich, wenn man bei Tagesanbruche die +Bastei+ besuchen will, das Nachtlager nimmt, treffen wir mit Reisenden zusammen, die aus andern Gegenden kommen. Wer aus der Gegend von +Radeberg+, oder +Stolpen+ die sächsische Schweiz bereiset, kommt über +Porschendorf+ und +Liebethal+ dahin. Von +Pirna+ führt eine gute Fahrstraße über die Anhöhe von +Doberzeit+, wo sich eine reiche Aussicht nach Dresden, Pillnitz, Pirna und Königstein vor uns öffnet, und selbst die Felsengruppen um Schandau in der Ferne hervor ragen. In der Umgegend von +Doberzeit+, ungefähr 3 Viertelstunden von +Lohmen+, findet man viele Geschiebe von Kalzedon, Jaspis, Avanturin und schöne Versteinerungen. Hat man Zeit, hier zu verweilen, so lasse man sich zu den Felsenwänden am linken Ufer der +Wesenitz+ hinab führen, wo man nach einem halbstündigen Wege, dem Dorfe +Hinter-Jessen+ gegenüber, eine Sandsteinwand erblickt, worein viele Steinkohlentrümmer gemengt sind, welche, wie man glaubt, das Dasein eines Kohlenflötzes verrathen. Nicht weit davon entspringt eine Quelle, die im Winter nie zufriert, im Sommer aber sehr kalt ist, und viele kleine Kohlentrümmer auswirft. Als im Jahre 1770 nach anhaltendem Regen die Oeffnung der Quelle zu klein war, die Wassermasse auszuströmen, öffnete sich der Ueberfluß weiter aufwärts am Fuße jener Sandsteinwand einen andern Weg, floß einige Jahre lang, und warf auch hier Steinkohlentrümmer aus, welche zum Brennen gebraucht, den eigenen Kohlengeruch gaben.
Unweit +Doberzeit+ führt ein Fußpfad zu einem Felsenthale, von dessen jenseitiger Höhe das Dorf +Mockethal+ herab blickt. Unten am Eingange eines andern Thales liegt ein einzelnes Wirthshaus, der +graue Storch+, und gegenüber unter den Felsenwänden das Dörfchen +Zatzschka+. Eine Vertiefung in einem Felsen, wird der +Riesenfuß+ genannt, weil nach der Sage ein Riese hier den Abdruck seines Fußes hinterlassen hat. Der nächste Weg von +Pillnitz+ über +Ober-Poyritz+ und die +Dietzmühle+ nach +Wehlen+ geht über diese Höhe. Unweit des Riesenfußes öffnet sich ein Felsenthal, welches von dem am Elbufer, +Pirna+ gegenüber liegenden Dorfe +Posta+ den Nahmen +Alte Poste+ erhalten hat. Vom grauen Storche senkt sich ein enges Felsenthal zur Elbe hinab. Die +alte Poste+ zieht sich zwischen Sandsteinfelsen hinan und führt auf die Hochebene von +Lohmen+, wo eine sanft ansteigende Höhe, der +Kohlberg+, sich erhebt, auf dessen Spitze, die ein einzelner Baum bezeichnet, eine ungemein anziehende Aussicht vor uns liegt, welche die Umgegend von +Lohmen+, die Felsen von +Rathen+, den +Lilienstein+, +Königstein+, +Pfaffenstein+ und +Quirl+ und in der Ferne den dämmernden Gipfel des +Schneebergs+, die Gebirge um +Altenberg+ und die Höhen von Dresden bis Meißen einschließt.
Wer zu Wagen reiset, fährt von +Lohmen+ über +Rathewalde+ auf einem bequemen Wege bis nahe vor den Felsenvorsprung der +Bastei+, oder läßt, wenn er vorher den Ottowalder Grund besuchen will, den Wagen nach +Rathewalde+ fahren. Wir lassen uns von +Lohmen+, oder wenn wir auf dem +Kohlberge+ verweilten, gleich von hier in den
Ottowalder Grund