Part 9
»Ja, und ich habe Sie hier in Dunkelheit und Kälte und Nässe zurückgehalten! Sie werden krank werden. Ich habe Ihnen noch nie Anderes als Uebles zugefügt. Gehen Sie, erzählen Sie Ihrer Mutter Alles, Sie wird Ihnen oder vielmehr mir nicht glauben; sagen Sie ihr dann, daß sie sich bei« -- er nannte einen Notar in einer benachbarten größern Stadt -- »erkundigen möge. Vielleicht auch wird sie niemals das ihr Angehörige unter einer Form in Besitz nehmen wollen, welche für eine Schenkung angesehen werden könnte. Nun, =nous verrons=! Vertrauen wir dem Glück ein ganz klein wenig, Margarethe! Leben Sie wohl!«
»Sie wollen fort?« rief ich ängstlich.
»Ja, und ich werde Sie nun in Jahr und Tag nicht wiedersehen, =ma petite cousine=!« Er faßte meine beiden Hände; ich konnte seinen plötzlich leichten Ton, indem er sich über sich selber lustig zu machen schien, nicht begreifen. »Sie sind eine kleine Zaubrerin. Sie haben die Last von mir genommen, mit der ich vor Sie hintrat, mir ist jetzt, als werde sich noch Alles zum Guten lösen; Ihnen muß man beichten, wenn einem die Absolution nützen soll.«
Er blieb noch immer stehen; mit meinen Händen in den seinen drehte er sich jetzt um und sah nach dem Hause, nach den kleinen erleuchteten Fenstern des Wohnzimmers.
»Dort hinten hausen Sie -- schon Jahre lang? Nun, Schloß Günthershofen hat etwas höhere Fenster und Sie werden im Park ein wenig mehr Raum haben, sich zu ergehen, als in diesem Irrgarten. Aber ich muß nun fort, kommen Sie.«
Er geleitete mich bis zur Hausthür; ich fand nichts mehr zu erwidern. »=Adieu, ma cousine=«, sagte er endlich, neigte den Kopf und küßte mich auf die Stirn, dann ging er.
Ich aber -- da stand ich in der dunkeln Hausflur und Alles, was ich in dieser Unterredung, die für mein eintöniges Leben ein Ereigniß war, gehört und erfahren, stürmte verwirrend auf mich ein; ich empfand eine tiefe Traurigkeit, die unerklärliche Laune des Freiherrn bei seinen letzten Worten hatte verfehlt, mich anzustecken. Rathlos und niedergeschlagen setzte ich mich auf die Treppenstufen -- wie sollte ich vor die Mutter treten und ihr das Alles erzählen? Ich fühlte, daß ich es nicht konnte. Da hörte ich oben ihre Schritte, sie hatte die Hausthür schließen hören und wollte in ihrer Angst um mich herabkommen. Ich sprang in die Höhe und eilte hinauf; in der Thür stand die Mutter und empfing mich in ihren Armen, so erfreut war sie, mich wieder zu haben, ich aber, überwältigt durch diesen seltenen Ausbruch mütterlicher Sorge und bedrückt durch ein unbestimmtes Gefühl, daß ich dieselbe in diesem Augenblicke gar nicht verdiene, lehnte den Kopf an ihre Schulter und brach in heiße Thränen aus. Die Mutter gerieth darüber in die größte Bestürzung.
»Um Gotteswillen, Margarethe, mein Kind, was fehlt Dir, was ist Dir widerfahren? Sprich doch, was kann Dir begegnet sein?«
Ich sah die Nothwendigkeit ein, meine noch immer leidende Mutter sogleich zu beruhigen, und so entledigte ich mich denn so rasch wie möglich meiner seltsamen Erzählung. Ich sagte der Mutter, wie ich den Freiherrn vor dem Hause getroffen, wie er lieber mir als ihr die unglückliche Wendung der Dinge habe mittheilen wollen, ich legte dieselbe dar, so gut ich vermochte, und wiederholte die Selbstanklagen des Herrn von Günthershofen, ich sprach von der uns zugedachten Wiedererstattung. Auch diesmal hatte ich mich getäuscht mit meiner Voraussetzung darüber, wie die Mutter dies Alles aufnehmen würde; sie schien kaum überrascht, ja fast wie befriedigt und schenkte der Erzählung des Freiherrn unbedingten Glauben.
»Ja, das ist sie, daran erkenne ich sie«, warf sie ein, während ich sprach; sie lächelte, als ich geendet. »Das klingt wie ein Kapitel aus einem Roman, nicht wahr?« sagte sie. »Aber ich fühle die Wahrheit heraus. Der arme Vetter! Besser hätte er von unserm Rechte nicht überzeugt werden können, auch wenn er jene Briefe nie gelesen hätte, als durch dies charakteristische Vorgehen seiner vortrefflichen Mutter.«
Auch in Bezug auf die Abtretung des Besitzes sprach die Mutter anders, als ich erwartet hatte. »Ich werde nicht mehr lange bei Dir sein, mein Kind«, sagte sie, »und es ist gut, daß Du nicht allein und zugleich bettelarm in der Welt dastehen wirst. Das Schloß ist allerdings nur ein Theil des uns zukommenden Besitzes, aber wenn es dem Freiherrn Ernst ist mit der Restitution, so nimm sie an. Er ist ja ohne dasselbe reich genug; wir wollen es als ein Geschenk von Gott ansehen, dem es einst gefiel, uns Alles zu nehmen, und dem es jetzt gefällt, uns einen Theil wiederzuerstatten.«
Weiter wurde zwischen uns von der gewaltigen Veränderung, die nun in unserm Leben eintreten konnte, nicht geredet, und auch unsern Gedanken vermochte sie keine neue Richtung zu geben. Ich wenigstens empfand keinerlei Genugthuung darüber; noch nie war ich so niedergeschlagen, so hoffnungslos traurig gewesen, als ich es nach jenem Abend wurde. Von den wenigen Bekannten, die ich im Städtchen besaß, zog ich mich infolge dieser Stimmung ganz zurück; Tage und Wochen lang sah ich kaum einen Menschen außer meiner Mutter und der Magd. Ich pflegte gegen Abend erst hinauszugehen, am liebsten unter die Weiden bei der Stadtmauer, und dann allemal, ehe ich ins Zimmer zurückkehrte, erst auf jenen erhöhten Platz im Garten. Dort stand ich eine Weile, nahm den Hut ab und ließ mir die laue Abendluft durch das Haar wehen. Tönten einmal draußen auf der Straße Schritte, so schrak ich zusammen und konnte mein Zittern eine Zeit lang kaum bemeistern.
Blicke ich jetzt, nach Jahren, auf jenen Zustand zurück, so muß ich allemal meinem Geschick danken, daß es die Keime, welche sich damals in mir zeigten, nicht zur Reife kommen ließ. Meinen geistigen Thätigkeiten fehlte das Gleichgewicht, und hätten die Umstände fortgefahren, einige so sehr auf Kosten der andern zu begünstigen, so wäre ich eine excentrische, trübsinnige Einsiedlerin geworden. Fürs erste zerriß das Schicksal das Gewebe meiner müßigen Träumereien, indem es den Gedanken einen wirklichen Gegenstand unterschob, und zwar durch einen Brief von Lucy. Ich hatte deren schon viele gehabt; sie schrieb mir mit der größten Regelmäßigkeit und ich antwortete ebenso. Bedeutenden Inhalts pflegten diese Documente im Ganzen nicht zu sein; es waren Berichte über beiderseitiges Befinden und stets fand sich darin der Wunsch nach einem baldigen Wiedersehen ausgesprochen. Diesmal war Lucy's Schreiben länger als gewöhnlich und die erste Nachricht, die sie mir mit lebhaften Worten mittheilte, war, daß der Freiherr sich im Hause ihrer Aeltern befinde. Sie erzählte dann, wie gut man sich amüsire, wie viele Land- und Wasserfahrten man mache, daß bei schlechtem Wetter im Hause deutsch gelesen werde, und wie sehr sie mich zu dem Allem herbeiwünsche, obgleich ich, wie sie sich erinnere, meinem Vetter damals nicht besonders hold gewesen sei. »Wären Sie aber jetzt hier«, meinte sie weiter, »so würde die Fehde zwischen Ihnen wohl aufhören, so liebenswürdig ist der Freiherr; Sie würden ihm nicht widerstehen können. Uns alle erhält er in guter Laune, sogar der Bär Forster -- dies Epitheton führte der Jurist bei dem lustigen Mädchen schon lange -- sogar er, der seit Ihrer Abreise, um mit John zu reden, stets ein Gesicht wie ein Leichenstein gemacht hat, fängt langsam an aufzuthauen. Was uns ärgert, ist, daß er lange, geheimnißvolle Privatunterredungen mit dem Freiherrn hält, während welcher wir uns langweilen müssen; es wird dabei, wie man allgemein behauptet, von Ihnen gesprochen. Sie müssen kommen, unsere Minerva, Miß Mentor, wie Papa Sie nennt, und Ihrem Landsmann den verlorenen Seelenfrieden wiederbringen, denn wir alle sind darin einig, daß er denselben in Ihrer Verwahrung gelassen hat.«
Jetzt wußte ich plötzlich, warum ich unglücklich war; durch diesen Brief mit seinem schonungslosen Uebermuth errang ich mir eine Klarheit, von der ich damals glaubte, sie sei das einzige Gut, auf welches ich im Leben noch Anspruch zu machen habe. Ich gewann den Muth, mir einzugestehen, daß der Freiherr längst alle meine Gedanken erfüllte, und philosophirte sehr weise darüber, ob dies wohl die Liebe sei, von der die Dichter seit alten Zeiten singen, von deren Kunde die Weltgeschichte voll ist. Fast zweifelte ich daran, denn jene Liebe, das hatte ich in Büchern gelesen, verlangte ungestüm nach Besitz, und ich bildete mir ein, daß ich mich darauf freue, Herrn Bardolph als Gemahl Lucy's zu sehen, weil er dann glücklich sein würde. Das erstickende Gefühl, was mich allemal überkam, wenn ich mir dachte, wie er sie in seine Arme nehmen und ihr schöner blonder Kopf an seiner Brust ruhen würde, nannte ich Schwäche und hoffte es mit der Zeit zu überwinden. Nachdem ich einigermaßen mit mir selber fertig geworden war, blieb mir noch eine Pflicht zu erfüllen: ich schrieb an Forster und bat ihn um Verzeihung, daß ich ihm damals nicht gleich mit Bestimmtheit geantwortet habe. »Sie ließen mir freilich wenig Zeit dazu«, sagte ich ihm; »Sie wollten keine Antwort, aber ich würde Ihnen dennoch eine gegeben haben, wenn ich schon damals mit mir selbst im Klaren gewesen wäre, wie ich es jetzt bin. Und warum sollte ich Ihnen nicht den Grund meiner Ablehnung Ihres ehrenden Antrags sagen? Mich dünkt, Sie haben ein Recht darauf, ihn zu wissen. Besonders aber drängt es mich zu dem Geständniß, was ich Ihnen machen will, weil es mir scheint, als müßten Sie aus demselben eine Art Trost schöpfen können, wenn anders ich wirklich das Unglück habe, Ihnen Schmerz zu bereiten. Ich liebe einen edlen, vortrefflichen Mann, der von meiner Neigung nichts weiß und nie davon erfahren wird. Es kostet mich keine Scheu, keine Verlegenheit, Ihnen dies zu sagen; jenes Gefühl ist ohne mein Zuthun in mir entstanden, es wird mich nicht hindern, der Verbindung des so sehr Geliebten mit einer Andern mit dem einzigen Wunsche zuzusehen, daß beide glücklich werden mögen. Und das Letztere wünsche ich Ihnen auch und bin überzeugt, Sie werden noch finden, was Sie suchen.«
Auch Lucy antwortete ich; wider meinen Willen wurde der Brief gegen den ihrigen etwas kalt und karg. Wochen vergingen, ohne daß ich Antwort erhielt; die Grays waren jetzt auf ihrer Herbstreise und wahrscheinlich hatten meine Briefe ihre Adressen noch gar nicht erreicht. Ich liebte es, mit einer Art trauriger Genugthuung mir die fröhlichen Scenen auf jener Reise, die Gruppen glücklicher Menschen auszumalen; an dem Abglanz jenes Glückes wollte ich mich auch erwärmen, an den schrägen, matten Strahlen, die von weither zu mir herüberschossen; aber sie gaben ein gar kaltes Licht.
Mit dem scheidenden Sommer verschlimmerte sich der Zustand meiner Mutter auch wieder, das Leiden, von dem sie lange schon nie ganz frei gewesen, trat heftiger auf und machte sie immer mehr mit dem Gedanken an einen baldigen Tod vertraut. Sie fürchtete ihn nicht, sie hatte sich jahrelang das Sterben, in dem sie eine Wiedervereinigung mit ihren geliebten Todten sah, leise herbeigesehnt; sie trauerte aber um mich, die so ganz allein zurückbleiben sollte. Wir hatten jetzt oft, wenn es der Zustand der Mutter zuließ, lange Gespräche mit einander; zuerst eigentlich in meinem Leben gab sie mir Gelegenheit, meine Ideen und Meinungen über so Manches auszusprechen, wovon ich früher vor ihr nicht zu reden gewagt. Sie hörte mich dabei mit einer fast ängstlichen, forschenden Aufmerksamkeit an, die ich mir nicht recht erklären konnte. Ich sprach aber gern, meine Hand auf ihren Knieen und ihr von Zeit zu Zeit in das liebe Antlitz mit den noch immer schönen Augen blickend, während sie die Worte von meinen Lippen zu trinken schien. »Gott sei Dank, Margarethe«, sagte sie einst, während eines solchen Zwiegesprächs, tief aufathmend, »daß Du geworden bist, wie ich Dich jetzt kennen lerne. Mir verdankst Du es nicht -- ich habe Dich vernachlässigt, habe in meinem egoistischen Kummer das arme Kind sich selbst überlassen; nein, versuche nicht, mir zu widersprechen, ich weiß, wie schwer ich gefehlt habe. Jahre sind vergangen, während welcher ich Dich kaum kannte, mich nicht um Dich kümmerte, da Du stündlich um mich warest, jetzt werd' ich gewahr, was ich für eine Tochter habe, aber Gott straft mich gerecht, indem er mich nicht ernten läßt, wo ich nicht säete; Du bist aufgewachsen zur Freude und ich muß fort.«
»Mutter, sprich nicht so!« bat ich. »Du hast noch gar Vieles zu erleben; Du sollst in Schloß Günthershofen einziehen und die Margarethe als Schloßfräulein sehen.«
Die Mutter schüttelte ernst mit dem Kopfe.
»Ich kann nicht glauben, daß mir das zu Theil werden sollte; ich könnte es auch nur um Deinetwillen wünschen. Ich mag nicht noch einmal Reichthum und Rang auf meinen Schultern fühlen, sie sind zu schwach dazu. Als ich vor so vielen Jahren das Schloß verließ -- es gehörte uns damals noch -- da wurde es mir einen Moment lang ganz klar, daß ich es nie wieder betreten würde. Es gibt Menschen, denen ein solches -- Hellsehen möchte ich es nicht nennen, es ist eine kurze Ueberzeugung, die man sich später gehabt zu haben erinnert, ohne sie noch zu besitzen -- ein- oder zweimal im Leben zu Theil wird; die seltsame Gabe ist mehreren Gliedern meiner Familie eigen gewesen.«
Die Mutter schwieg sinnend und in mir ging in jenem Augenblick etwas Seltsames vor; auch ich wußte plötzlich ganz genau, daß ich -- aber nein, die Gewißheit, die mir wie etwas Fremdes, nicht in mir Entstandenes ans Herz trat, war sicher nur eine blendende Lüge. Die Mutter hob nun an, mir die Sensation jener momentanen Prophetengabe, die gleich nach ihrem Verschwinden auch zu nichte werde, da man selber nicht an sie glaube, zu beschreiben; mir wurde bange, ich bat sie, sich nicht aufzuregen; die leuchtenden Augen, mit denen sie wie in eine weite Ferne zu schauen schien, schnitten mir ins Herz; sie sah schon jetzt zuweilen aus, als gehöre sie nicht mehr der Erde an. -- Zu andern Zeiten aber plauderten wir traulich; ich erzählte ihr von so manchem Eindruck, den ich, besonders während meines Draußenseins, empfangen, und die Mutter neckte mich sogar scherzend und meinte, so altjüngferlich ich mich stelle, so wisse sie besser, wie es eigentlich mit mir stehe. Ich erschrak dann und fragte mich, ob sie mein Geheimniß mit mütterlichem Scharfblick errathen habe, ich wollte ihr Alles gestehen, aber stets hielt mich eine gewisse Bangigkeit ab. Wenn ich mich irrte, wenn das Geständniß meiner Abtrünnigkeit sie traf wie ein Donnerschlag, wenn sie mir vielleicht von neuem gebot zu hassen! Was wußte ich, inwieweit das furchtbar starke Gefühl in ihr sich durch die letzten Ereignisse zu Gunsten des Freiherrn abgestumpft hatte! Und wäre es anders, billigte sie, begriff sie auch nur meine Neigung, wozu sie ihr gestehen, da sie unerwidert war; sie mußte im besten Falle ihren regen Stolz verwunden. So schwieg ich, bis es zu spät war, und es ist lange Jahre ein bitterer Schmerz für mich gewesen, zu der Neigung meines Herzens nicht den Segen meiner Mutter empfangen zu haben.
Zehntes Kapitel.
Eines Tages hatte uns der gute Pfarrer besucht, wie er es von Zeit zu Zeit und seit der zunehmenden Schwäche der Mutter häufiger zu thun pflegte. Ich begleitete ihn nach meiner Gewohnheit hinaus vor die Thür. »Kommen Sie doch einmal mit in den Garten«, sagte er, noch ehe dieselbe geschlossen war, laut zu mir; »Sie haben da eine Rose, von der ich mir einen Ableger ausbitten möchte.« Als wir vor den Rosenbäumchen standen, meinte er lächelnd: »Eine Kriegslist wie diese hätten Sie mir wohl nicht zugetraut, aber ich mußte Sie auf einige Minuten allein sprechen; Sie müssen mir dieselbe verzeihen.«
Auf meine verwunderte Frage berichtete er rasch: »Herr von Günthershofen hat an mich geschrieben; er hat mir auseinandergesetzt, wie Schloß Günthershofen und mit der Zeit factisch in Ihren Besitz übergehen werde. Es drückt ihn, Sie in Verhältnissen zu wissen, die Ihrem Range und Vermögen so wenig angemessen sind; er schreibt mir, der Gedanke sei ihm von Tag zu Tage unerträglicher geworden, daß Sie hier Beschränkung leiden, während seine Mutter auf und von Ihrem Eigenthum lebe. Und er beschwört mich, Sie zu bewegen, etwas von dem Ihren anzunehmen.« Ich schüttelte heftig mit dem Kopfe. »Um Ihrer Mutter willen soll ich Sie bitten, welcher jede Stärkung, jede Bequemlichkeit zu verschaffen ja Ihre Pflicht sei.« Der Pfarrer sprach noch Manches, sprach wärmer, je mehr er sah, wie ich in meinem Widerstande unsicher wurde, da ich daran dachte, wie oft mir das Herz weh gethan hatte, wenn ich für die Mutter dies oder jenes nicht erlangen konnte, weil ich zu arm war. Welches falsche Zartgefühl konnte mich abhalten, anzunehmen, was von dem besten Manne geboten wurde und was doch auch wirklich uns zukam? Ich schwieg in diesen Gedanken und der gute Pfarrer wollte fortfahren, mich mit neuen Gründen zu überreden, da unterbrach ich ihn. »Ja, ich will, Herr Pfarrer«, sagte ich abgewendet; »der Freiherr hat Recht, um der Mutter willen darf ich mich nicht weigern.«
»Recht so, mein Kind«, sagte er und nahm meine beiden Hände; »aber lassen Sie die Mutter nichts merken; sie möchte die Sache anders auffassen und sich gekränkt fühlen. Ich komme bald und stelle Ihnen die Sendung zu.«
Auch in seinem Glücke dachte er also an uns! Ach ja, er war gut und edel durch und durch; er verdiente alle Liebe, ein Jeder mußte ihm gut sein, der ihn kannte. Dies war auch mit mir der Fall; daß er nichts davon wußte, was lag daran? Ich liebte ihn und schämte mich dessen nicht.
All mein Denken war nun bald nur meiner Mutter zugewendet, deren Zustand sich täglich verschlimmerte. Daß sie bald sterben würde, wußte sie; ich wehrte mich innerlich gegen die Hoffnungslosigkeit, die auch mich nach und nach überkam; wenn mich die liebe Kranke schonend und zärtlich vorbereiten wollte, suchte ich dem gefürchteten Thema mit krankhafter Angst auszuweichen. Eines Abends saß ich am Bett, während draußen ein kalter Mondschein über der herbstlichen Welt lag; die Mutter hatte den Tag über große Schmerzen und von fiebernder Unruhe gelitten und war in der Dämmerung eingeschlummert. Jetzt schlug sie die Augen auf und sah mich klar und voll an, ja sie lächelte sogar.
»Es geht Dir besser, liebste Mutter?« fragte ich, indem ich mich über sie beugte.
»Ja, mein Kind, die Schmerzen sind vorüber; ich glaube nicht, daß sie wiederkommen werden bis -- nein, komm Margarethe, nicht mehr dies thörichte Zusammenzucken; was nützt es, sich der Wahrheit verschließen zu wollen? Ich muß meine Zeit benutzen, sie ist gar kostbar für mich geworden.«
Sie hielt, schon erschöpft, inne; ich reichte ihr, indem ich die Thränen mühsam unterdrückte, auf ihren Wink zu trinken; dann fuhr sie, häufig ermattet stockend, mit stetigem Entschlusse fort, während ich sie nicht zu unterbrechen wagte, und sprach von der Zeit, wo ich allein sein würde.
»Es ist besser, wir besprechen zusammen, was Dir nach meinem Tode geziemen wird zu thun, liebe Tochter«, sagte sie; »Du wirst ohne Verwandte, ohne Schutz dastehen unter eigenthümlichen Verhältnissen. Der Freiherr wird Dir nach dem, was vorgefallen ist, gewiß Schloß Günthershofen zur Wohnung anbieten; ich möchte von Dir hören, wie Du über Deine Zukunft zu entscheiden gedenkst. Sei stark, meine Tochter! Ich weiß, ich verlange viel, aber Du bist Deiner sterbenden Mutter den Kampf mit diesen Thränen schuldig; laß mich wissen, soweit dies Menschen vorherbestimmen können, was aus Dir werden wird, damit ich beruhigt hinübergehen kann.«
Ja, die Mutter verlangte viel; noch in ihren letzten Stunden schien in ihrem Wesen jene Vornehmheit, jenes ruhig, selbstverständlich Gebietende durch, was sie stets ausgezeichnet hatte. Ich sollte meinen unsaglich bittern Jammer hinunterschlucken, sollte mich des Gefühls, daß ich sie besaß, daß sie doch noch bei mir war, berauben, in den letzten Augenblicken vielleicht, in denen es mich noch auf Erden beglücken konnte. Ich that es, ich dachte an die Zeit, die so trostlos öde vor mir lag, die Zeit, in der ich, gleichsam mit allen Wurzeln aus dem Boden gerissen, heimatlos und ganz, ganz allein sein würde. Die Mutter fragte wieder:
»Willst Du mit seiner Mutter auf Schloß Günthershofen wohnen?«
»Nein«, rief ich heftig, »nein, nein! Ach Mutter, kann ich denn nicht hier bleiben, in diesen Zimmern, wo Du und ich zusammen waren --«
»Hier bleiben, ganz allein? Nein, mein Kind; versprich mir, das nicht zu thun -- ich bitte Dich, ich befehle es Dir, auch wenn Dir die Mittel dazu geboten würden. Ich habe Dich in der letzten Zeit beobachtet, das Alleinsein hat Gefahr für Dich. Höre meinen Rath, meinen Wunsch! Gehe nach England zurück; ich bin gewiß, man wird Dich liebevoll aufnehmen. Es ist ja auch nur für einige Jahre; glättet sich später die Angelegenheit mit dem Freiherrn, wird Günthershofen einmal durch den Tod seiner Mutter frei, so bist Du in den Stand gesetzt, zu leben, wo und wie es Dir gefällt, Du wirst unabhängig sein. Ich danke Gott, mein Kind, daß es so gekommen ist.«
Wir sprachen danach wenig mehr; die Mutter nahm meine Hand, ich blieb lange unbeweglich, während es endlich todtenstill im Zimmer geworden war. Noch einmal gelang es mir, alles Andere zu vergessen und nur zu wissen, daß ich bei meiner Mutter sei und ihre warme Hand die meine halte. Am nächsten Morgen war ich allein, die theure Gestalt lag noch da, aber sie gehörte mir nicht mehr -- geheimnißvoll hatte sich in der Stille der Nacht etwas derselben entwunden, war mir entflohen -- ich kam mir wie betrogen, wie hintergangen vor. Thränen fand ich da nicht, ich saß ganz still; einmal berührte ich das Kopfkissen, um es noch mechanisch zu glätten, ich fuhr zurück, es war eiskalt. Ich konnte, was vorgegangen war, nicht fassen: gestern Abend hatten von diesem Munde noch Worte an mein Ohr geklungen, jetzt war er unbewegt. Erst leise, dann immer heftiger sagte ich wiederholt: »Mutter, sprich, sprich, Mutter, noch einmal, noch ein Wort!« Ich küßte ihre Hand, hauchte darauf, hielt sie zwischen meinen Händen und rieb sie sanft; einmal schien mir's, als sei sie wieder warm, in erstickender Bewegung schaute ich nach dem Antlitz und erkannte meinen Irrthum. Da fiel mir ein, daß man Todten die Augen schließe; mit zitternden Fingern berührte ich ihre kalten, schweren Lider, und damit, mit dem Bewußtsein, daß ich der Mutter nun den letzten Dienst erwiesen, kam erst Leben in meinen Schmerz -- mit einem Jammerruf warf ich mich neben dem stillen Lager nieder.
Elftes Kapitel.
»Herbst ist es nun, Stürme des Meeres, die wollen nicht ruhn!« So hatten wir in der rührenden Klage der schönen Ingeborg gelesen. Jetzt wurden wir still, die beiden jungen Mädchen, denen ich die Frithjofssage zum ersten Male vorführte, waren ergriffen von den eben gehörten Worten und schauten beide sinnend ins Feuer, welches vor uns im Kamine brannte. Alles stimmte zu behaglicher Ruhe in meinem Zimmer, wo ich jetzt, nicht mehr wie früher in der »Schulstube«, meinen nun erwachsenen Schülerinnen ihre deutschen Stunden gab. Die Sessel und das niedrige Kanapee, Teppiche, Vorhänge und die Tapeten der Wände waren dunkelfarbig, durch die Glasthür und über die Veranda hinaus sah man auf den winterlichen Park und blickte von dem grauen, windgefegten Himmel nur um so lieber zurück auf die warmen Farben des kleinen Raums und in die prächtig glühenden Kohlen. Lucy stand jetzt von ihrem niedrigen Sitze auf und schaute, die hohe Gestalt leicht nach hinten gebogen, aus dem Fenster, während sie vor dem Feuer stehen blieb. Wie oft sah ich sie jetzt still bewundernd an, sie war gar so schön; in diesem Augenblicke verkörperte sie mir Ingeborg, ein Maler hätte sich kein edleres und lieblicheres Vorbild für die königliche nordische Jungfrau denken können. Und nun richtete sich neben Lucy eine Andere auf, umfaßte sie leicht und blickte in den Spiegel, der dicht vor den beiden über dem Kaminsims sich erhob. Da sah sie, wenig kleiner als die Lucy's, eine dunkle Gestalt und ein bleiches Gesicht, welches, wie es ihr schien, die Jugendfrische der Gefährtin nur mehr hervorhob, und wendete sich leise seufzend ab.