Part 8
Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich so ganz ohne meine Mutter handelte, doch liegt die Erklärung nahe. War sie nun so fest überzeugt von der Rechtlichkeit unserer Ansprüche wie ich es gewesen war, oder war sie Mitwisserin eines schlimmen Geheimnisses, im einen wie im andern Falle würde sie meine Zweifel als abenteuerliche Ideen verworfen haben. Ich nahm mir jedoch vor, mir von ihr die ganze Sache noch einmal erzählen zu lassen. Den günstigen Augenblick dazu glaubte ich gekommen, als ich mich eines Abends in ihren Zimmern befand; ich stellte einige Fragen, unser Gespräch wurde aber plötzlich durch ein heftiges Unwohlsein meiner Mutter unterbrochen. Die Kammerjungfer eilte in das Nebenzimmer, um aus einer Schatulle der Mutter die Tropfen zu holen, deren sie sich in solchen Fällen bedient; das Mädchen konnte das Fach nicht öffnen, ich eilte ihr zu Hülfe und da hatten wir das Unglück, die Schatulle umzuwerfen. Dadurch war eine in das Holz fest eingefügte Klappe aufgesprungen und verschiedene Paquete mit Papieren zum Vorschein gekommen -- ein eigenthümlicher Zufall, nicht wahr, mein Fräulein? Ein Blick auf eins derselben erfüllte mich mit solchem Interesse, daß ich meiner Mutter, sobald dieselbe einigermaßen wieder zu sich gekommen war, meine Absicht zu erkennen gab, die Sachen auf meinem Zimmer einer genauen Durchsicht zu unterwerfen. Ich will Sie mit weitern Einzelnheiten verschonen, mein Fräulein, und erlaube mir nur noch, Ihnen mitzutheilen, daß Ihre Frau Mutter die rechtmäßige Besitzerin von Günthershofen und Erbrück, meine Familie und ich aber Betrüger sind. Da ich jedoch diesen Charakter bisher ohne mein Wissen, ohne meine Schuld getragen und nicht jetzt als Erbtitel von meinem Vater mit Wissen und Willen überkommen möchte, so verzichte ich meinerseits vollständig auf den Nießbrauch der Ihnen zugehörigen Güter und habe auch meinen Entschluß meiner Mutter und den Herren von Erbrück zu wissen gethan. Bei ihnen nun finde ich dieselbe Bereitwilligkeit, sich des ungerechten Gutes zu entledigen, nicht vor, wie ja auch zu erwarten stand; sie wollen den Preis eines unter der Ehrlosigkeit zugebrachten Lebens nicht leichten Kaufs hergeben. Ihrer Frau Mutter, mein Fräulein, rathe ich aber nun dringend den Rechtsweg an; ausgerüstet mit den Papieren, welche ich gefunden und die ich Ihnen selbst überbringen werde, ist der Erfolg nicht zu bezweifeln. Es wäre jedoch auch möglich, daß Ihre Frau Mutter einen Vergleich wünschte, zu dem sich meine Mutter und die von Erbrück im Bewußtsein der Unhaltbarkeit ihrer Sache gewiß herbeilassen werden, sobald sie sehen, daß es mir mit der Ueberlieferung der Papiere an Sie Ernst ist; sie scheinen es bis jetzt noch nicht zu glauben. -- Was ich bei all diesen Vorgängen fühle, mein Fräulein, brauche ich wohl nicht auszudrücken, meine Handlungsweise mag für mich Zeugniß ablegen. Versichern Sie Ihre edle Mutter meiner tiefsten Ehrerbietung, welche sie aber, wie ich leider fürchten muß, als von dem Mitglied einer ruchlosen und ihr verhaßten Familie kommend, mit Verachtung von sich weisen wird. Verzeihen Sie, mein Fräulein, daß ich Sie am Anfang des Briefes meine Cousine genannt habe; ich hätte eine ohnedies sehr entfernte Verwandtschaft im Augenblicke solcher Enthüllungen nicht betonen sollen.«
So schrieb der Freiherr. Es wäre vergeblich, schildern zu wollen, was ich bei diesen Aufschlüssen empfand; soviel nur ist mir noch jetzt klar, daß ich die Tragweite derselben in Bezug auf uns, die Veränderung, die uns bevorstand, nicht fassen konnte und wenig bedachte; ich beschäftigte mich vorzugsweise mit der Handlungsweise des Freiherrn, seinem Opfer, seinem Zustande dabei. Süße Thränen weinte ich darüber, daß ein Mensch so großartig uneigennützig denken und handeln konnte; daß dieser Mensch jetzt lebte, daß ich ihn kannte, daß das Alles nicht eine kalte That der Vergangenheit, ein Vorfall aus Büchern, sondern Wirklichkeit war, entzückte mich.
Die Lampe war trübe geworden; ich schloß die Augen, ein jedes Wort des Briefes war meinem Gedächtniß gegenwärtig, ich sah sogar die Schriftzüge im Geiste vor mir. Wie schnitt mir der herbe Ton der letzten Worte ins Herz, wie jammerte mich der stolze Edelmann, an dem jetzt das Gefühl der Schande nagte, welcher er sein Haupt beugte. Ich kannte ihn, so sehr ich mich bemüht hatte, ihn zu verkennen, ich wußte, wie ihn die Entdeckung niedergeschmettert haben mußte. Und was ließ sich Alles zwischen den Zeilen lesen, welche widerliche Scenen mit der Mutter, mit dem bösen, herzlosen Weibe mochten stattgefunden, welcher Festigkeit mochte er bedurft haben, um seine Absicht aufrecht zu erhalten. Aber was sollte nun geschehen? Jetzt erst dachte ich an die nächsten Maßregeln, dachte ich mir aus, wie ich der Mutter morgen vorbereitend mein Zusammentreffen mit dem Freiherrn erzählen oder vielmehr gestehen wollte und ich mußte fürchten, die bisherige Verheimlichung desselben würde sie schmerzen. Die Nacht, während welcher kein Schlaf in meine Augen kam, wollte nicht enden; ich sehnte den Morgen herbei, vor dem ich doch zitterte, und sagte mir hundertmal die Worte vor, mit denen ich mein Geständniß bei der Mutter beginnen wollte.
Neuntes Kapitel.
Die Mutter wußte nun Alles. Ich hatte ihr alle meine innern und äußern Erlebnisse in England dargelegt, sie hatte gesehen, wie durch ihre Erzählung der Funken geworfen worden war, welcher jetzt zur Flamme neuen bittern Streites sich entfachen sollte, sie konnte mir, da sie die ganze Wahrheit erfuhr, nicht zürnen. Dann hatte ich ihr, als eine Folge des vom Freiherrn gegebenen Versprechens, seinen Brief vorgelegt. Derselbe machte weniger Eindruck auf sie, als ich erwartet hatte; sie schien kaum zu glauben, daß eine günstige Wendung der Dinge jetzt noch eintreten könnte, schien die ganze Sachlage kaum zu begreifen.
»Das wäre er zu thun fähig, der Sohn des elendesten der Menschen und eines feilen Weibes? Er wäre so ganz aus der Art geschlagen, daß er seine betrügerische Sippschaft selber an den Pranger stellen wollte, ohne Aussicht auf Gewinn, ja mit bedeutendem Verluste auch für sich? Und wäre er's -- soll ich mein Eigenthum gleichsam als ein Geschenk annehmen, welches ich seiner Großmuth verdanke? -- Nein, Margarethe, ich vermag dies Alles nicht zu fassen«, sagte sie dann wieder. »Wie hätte er gegen seine Mutter aufkommen können, wie will er es noch? Wie eine Tigerin den Raub, wird sie Alles festhalten wollen, was ihr den Besitz sichern kann. Und was sind es für Documente, die er gefunden? Werden sie vor Gericht genügen, um das ganze, niederträchtige Gewebe von Fälschungen aufdecken zu können? Es muß eine Correspondenz zwischen dem alten Freiherrn und seinen vertrautesten Helfershelfern sein, und warum wäre die nicht sogleich vernichtet worden? Ist es denkbar, daß Jemand die schlagendsten Beweise einer entehrenden Schuld sorgfältig aufbewahrt für seine Ankläger? Nein, Kind, der Brief kommt mir wie ein Blendwerk oder wie eine grausame Spielerei vor.«
So erging sich die Mutter in Zweifeln und Fragen, die immer mehr zu bittern Anklagen gegen die Familie des Freiherrn wurden. Ich stellte ihr vergebens meine Ansichten, meine Auslegungen und Erklärungen entgegen, und was konnte ich auch sagen? Ich konnte den Stand der Dinge nur aus einer Quelle, aus der fremdartigen Hochherzigkeit unseres Verwandten herleiten, und zu meinem Glauben schüttelte die Mutter bitter den Kopf; sie war alt und kummergehärtet, sie hoffte und glaubte nicht leicht mehr.
»Aber was soll geschehen, liebe Mutter?« fragte ich endlich. »Das ist doch immerhin eine Art Geschäftsbrief, welcher wenigstens eine Antwort erfordert.«
»Schreibe Du«, entgegnete sie; »danke ihm für seine Handlungsweise, wenn Du willst, sage aber auch, wie sehr ich über dieselbe betroffen gewesen, und bitte um nähere Auseinandersetzung. Was es für Papiere sind, die er gefunden hat, möchte ich wissen, ehe ich mich zu weitern Schritten entschließe.«
Ich schrieb und las der Mutter meine Antwort vor. »Nein, Margarethe«, rief sie, »zerreiße das! Welcher Ton der unbegrenzten Dankbarkeit! Was fällt Dir ein, Kind? Will er wirklich wieder gut machen, was seine Aeltern verbrochen, nun, was thut er da mehr, als was jeder Ehrenmann an seiner Stelle thun würde? Erzeigt er uns etwa eine Wohlthat? Sind wir Bettler, die er unverdient beschenkt? Nein, meine Tochter, Du bist noch zu jung, um die Welt zu verstehen; ich hoffe wenigstens, daß er Deiner Jugend zuzuschreiben ist, dieser Mangel, den Du noch oft zeigst, an dem, was den Adel auszeichnen sollte und auszuzeichnen pflegte, die innere und äußere Ruhe gegenüber selbst dem Unerwarteten, das kühle Herankommenlassen der Dinge, der durch Leidenschaft unbeirrte Blick!«
War er der guten Mutter wohl geblieben, dieser durch Haß wie durch Liebe, durch Furcht wie durch Dankbarkeit unbeirrte Blick? So dachte ich, zum ersten Mal in meinem Leben mich innerlich gegen meine treuste Freundin auflehnend. Sie sah mir an, daß ich bei mir selbst widersprach, und mit einem flüchtigen Lächeln sagte sie in einem leichten Tone, der aber keinen Widerspruch mehr aufkommen ließ, wie sie ihn zuweilen annehmen konnte:
»Komm, =ma fille=, schreibe, ich will dictiren.«
»In Deinem Namen, liebe Mutter?« fragte ich scheu.
»Ja, wenn Du nicht für meine Worte einstehen magst, schreibe nur meinen Namen darunter.«
So schrieb ich denn eine kühle, geschäftlich klingende Antwort auf den Brief des Freiherrn, in welcher die Mutter mit wenigen Worten ihre Verpflichtung gegen ihn anerkannte, falls er wirklich gesonnen sei, das Unrecht, welches seine Verwandten begangen, wieder gut zu machen, aber auch nicht verfehlte, ihre, wie mich dünkte, beleidigende Verwunderung über seinen Entschluß zu betonen, und dann um genauere Auskunft über den Fund bat.
Ich konnte das Schreiben nicht so gehen lassen. Heimlich verschaffte ich mir Gelegenheit, ein paar Worte hinzuzufügen. »Verzeihen Sie meiner Mutter ihre Kälte«, schrieb ich; »bedenken Sie, wie lange sie unglücklich gewesen ist! Sie glaubt Ihnen noch nicht, ich aber glaube Ihnen Alles und habe Ihnen schon tausendmal im Stillen abgebeten, daß ich Sie früher verkannt habe. Wenn sich auch unüberwindliche Schwierigkeiten dem Siege unserer Sache entgegenstellen -- und die ahne ich fast, ich kann an keinen guten Ausgang glauben -- so will ich Ihnen doch bis an mein Lebensende danken für das, was Sie thun wollten und schon gethan haben. Verzeihen Sie mir!«
Der Brief ging ab, meine Nachschrift blieb unentdeckt, aber sie beschwerte mir das Gewissen; ich brauchte meiner Mutter so selten etwas zu verheimlichen und fühlte mich, wenn ich es that, stets dadurch erniedrigt. Es hatte sich bei mir eine Art Cavalierehrgefühl ausgebildet, dessen moralischer Werth zweifelhaft sein mochte.
Wir erwarteten nun von Tag zu Tage Antwort vom Freiherrn. Je länger sie ausblieb, desto mehr fühlte sich die Mutter in ihren Zweifeln gerechtfertigt. »Vielleicht hat unser edler Vetter gedacht, wir würden ihn an Großmuth übertreffen und sein Anerbieten zurückweisen«, sagte sie. »Wir beiden mitleidigen Frauen mochten denken, er würde durch seine beispiellose Aufopferung an den Bettelstab gebracht, und das nicht übers Herz bringen können, wir konnten uns erbieten, in unserer Dürftigkeit, die uns durch lange Gewohnheit doch hätte lieb und theuer werden müssen, zu verbleiben. So hat er vielleicht calculirt. Aber ich weiß, daß er in Lievland bedeutend begütert ist, er hat dort den Oheim beerbt, von dem er uns sprach; die Einkünfte von Günthershofen bezieht, glaub' ich, seine Mutter allein.«
Je länger das Schweigen unseres Verwandten währte, desto weniger konnte ich den Beschuldigungen meiner Mutter entgegensetzen; sie erbitterten mich aber, ich war weit entfernt, ihr Glauben zu schenken, ich hielt die alte Frau für ungerecht und unmäßig hart. Sie hatte auch wirklich die Weichheit, die nach ihrer Krankheit über sie gekommen schien, jetzt ganz wieder abgestreift unter den Erinnerungen, welche der Brief des Freiherrn in ihr wach rief. Und ich, zum ersten Male in meinem Leben machte ich jetzt an mir die Erfahrung, daß ich mit vollem Bewußtsein von den Ansichten der Mutter abwich. Im Stillen widersprach ich ihr heftig, im Gespräch wurde dieser Widerspruch freilich nur zur schüchternen Einwendung, aber ich hielt ihn doch aufrecht. Mit mir war überhaupt, wie ich mit Schrecken bemerkte, Vieles ganz anders geworden; ich dachte und dachte und kam dabei oft zu nahezu wunderlichen Resultaten. So fiel es mir einmal ein, darüber zu speculiren, wie ich mich wohl verhalten würde, wenn -- es konnte ja dergleichen einmal später sich ereignen -- wenn meine Neigung auf Jemand fiele, der vor den Augen meiner strengen Mutter keine Gnade fände. Würde ich mich ihr unterwerfen, entsagen und leiden? Ich konnte zu keinem Ergebniß kommen, vielleicht hatte ich nicht den Muth, meine Schlüsse mit der gehörigen Consequenz zu ziehen, und hinterher tadelte ich mich bitter über diese rebellischen Gedanken.
Der Frühling, welcher sich so lieblich angekündigt hatte, kam mit Stürmen; der laue Wind brauste über die noch kahlen Felder, der Himmel war trübe und tief verhangen, es war alles Andere eher als schönes Wetter bei uns. Ich aber liebte diese Zeit, ich hatte meine Freude an dem feuchten Lebensathem, an dem Ungestüm im Werden, ich fühlte auf einmal die größte Sehnsucht nach draußen und wäre gern weit und breit herumgestreift, wenn mich die Sorge um die Mutter nicht an das Haus gebannt hätte. Aber von Zeit zu Zeit, gewöhnlich in der Dämmerung, schlüpfte ich hinaus. Unser Häuschen lehnte sich an die Stadtmauer; auf der andern Seite desselben floß ein Bach, von Weiden eingefaßt, deren eine Reihe zwischen dem Wässerchen und der alten grünbewachsenen Mauer eine Art bedeckten Gang bildete. Jetzt waren sie freilich noch fast kahl, der Boden war feucht und schlüpfrig, das Wasser regentrübe, aber ich gewann dem heimlichen Plätzchen auf einmal großen Geschmack ab, ich sog mit Entzücken die feuchte Luft desselben ein, ich ließ mir den warmen, ungestümen Wind, der unter den Weidenzweigen herfuhr, um die Stirn wehen und schaute, an die Mauer gelehnt, durch die Stämmchen nach dem Horizont, wo sich die schweren Wolkenschichten die den übrigen Himmel bedeckten, wie Coulissen weggeschoben und einen blendenden weißgrauen Streifen freigelassen hatten, auf den die dunkle Decke von oben hineinhing, wie Haar auf eine niedrige Stirn. So wenigstens sah es aus an einem Abend im März. Ich hatte lange ruhig gestanden und mit einer Art von schwermüthigem Behagen auf das von der fernen Helle seltsam beleuchtete flache Land geblickt; nun bog ich um die Mauer herum, zum Stadtthore hinein und ging nach dem Hause. Ehe ich wieder in das enge Zimmer zurückkehrte, wollte ich noch einmal einen tiefen Athemzug aus der Frühlingluft thun; ich öffnete die niedrige hölzerne Gitterthür und trat in das Gärtchen am Hause, auf einen Hügel zu, der sich fast bis zur Höhe der Stadtmauer erhob und um den diese eine niedere Brustwehr bildete. Während ich da stand, tönten Schritte auf dem Kies, mit Befremden sah ich im Umwenden eine hohe, dunkle Gestalt auf mich zu kommen. Der Mann trat dicht zu mir und grüßte -- es war der Freiherr. »Sie hier?« rief ich erstaunt, indem ich ihm die Hand reichte. Er hielt die meine fest und küßte sie.
»Sie wünschen meine Mutter zu sehen?« fragte ich nach einigen Augenblicken, da er schwieg und noch immer meine Hand hielt; dabei wollte ich mich losmachen und ihm vorangehen. Er hielt mich zurück.
»Nein, Margarethe«, sagte er hastig -- ich fuhr zusammen, da er mich beim Namen nannte -- »nein, ich kann nicht vor Ihrer Mutter stehen, wenigstens in diesem Augenblicke nicht. Sie hat Recht gehabt -- ich habe Sie mit falscher Hoffnung erfüllt, habe Sie schnöde betrogen!«
Ich sah ihn entsetzt an, ich wollte auf seinem Gesicht die Bestätigung seiner Worte lesen. Er war bleich, seine Augen, die ich sonst für hell gehalten hatte, schienen fast schwarz und mir war, als fühle ich sie auf meiner Stirn brennen.
»Lassen Sie uns einige Augenblicke hier bleiben«, bat er; »ich will Ihnen Alles erzählen, Sie haben gesagt, daß Sie mir glauben.«
»Und ich werde Ihnen immer glauben, in Allem, was Sie mir sagen«, entgegnete ich ihm.
»Gott segne Sie dafür, Margarethe; aber woher kommt Ihnen dies Vertrauen zu mir? Wer sagt Ihnen, daß ich Sie nicht betrüge?«
»Sie betrügen!« rief ich unwillkürlich. »Nein, ich bin überzeugt, daß Sie es gut meinen, o, mehr als gut meinen, daß Sie Recht und Wahrheit mehr lieben als Besitz; ich habe nun einmal diese Gewißheit und sie scheint um so fester, je mehr ich mich früher bemüht habe, Ihnen zu mißtrauen.«
»Sie sind ein Kind, Margarethe -- aber ein Kind, das ich anbeten könnte«, fügte er leiser hinzu, »und dann haben Sie wieder die Klugheit und Energie eines Mannes. Aber hören Sie! O, ich hätte nicht gedacht«, unterbrach er sich schmerzlich, »daß ich so wie ein geständiger Verbrecher je würde dazustehen haben!«
»Aber Sie haben kein Unrecht begangen«, nahm ich ungeduldig das Wort. »Reden Sie! Hatten Sie sich getäuscht über jene Papiere, waren dieselben doch nicht so wichtig, wie Sie geglaubt hatten? Nein? Nun, dann hat man Sie Ihnen entwendet. Ihre Mutter --«
»Ha, Sie kennen die vortreffliche Frau, wie ich merke«, sagte er bitter. »Ja, ich, in verbrecherischem Leichtsinn, in elender Leichtgläubigkeit, hatte mich wieder, zum hundertsten Male, von ihr täuschen lassen. Als sie sah, daß ich nicht von meiner thörichten Restitutionsidee, wie sie's nannte, abzubringen war, ergab sie sich mit wehmüthiger Resignation darein, Schloß Günthershofen zu verlassen. Aber damit bestach sie mich noch nicht. Sie hatte gehofft, ich werde mich erweichen lassen; als ich fest blieb, wurde sie krank. Mit schwacher Stimme bat sie mich, sie wenigstens auf dem Schlosse sterben zu lassen; lange werde sie den neuen Besitzern ja nicht im Wege sein. Ich zuckte die Achseln -- ja, Kind, das that ich -- und fuhr unbeirrt mit meinen Vorbereitungen zu unserer Uebersiedlung nach Lievland fort. Ich hatte dabei natürlich viel in der nahen Stadt zu thun und ritt oft hinein; einmal blieb ich sogar über Nacht dort. Alles war nachgerade so weit geordnet, daß ich den Tag meiner Reise zu Ihnen festsetzen konnte; es drängte mich, die entscheidenden Papiere in Ihre Hände zu legen. Ich bewahrte dieselben in meinem Schreibtisch unter doppeltem Verschluß, in meinem Zimmer, welches nur mein mir ergebener Diener zu betreten pflegte und zu dem ich den Schlüssel in jener Zeit stets bei mir trug. Lächerlich nutzlose Vorsicht! Ich hätte bedenken sollen, daß im Schlosse Günthershofen von jeher auf Schloß und Riegel nicht zu bauen gewesen! Als ich am Abend vor dem Tage, der zur Abreise bestimmt war, vor meinem Schreibtisch sitzend und mit einem Gefühl der Erleichterung Fach für Fach öffnend, an das innerste gekommen war, in dem ich die Documente verborgen hatte, fand ich dieselben nicht vor. Soll ich Ihnen mein fieberhaftes Suchen, die Wuth und Angst, die mich befiel, schildern? Erlassen Sie es mir. Ich ging zur Mutter, die an jenem Tage zuerst wieder das Bett verlassen hatte; sie mochte mich erwarten. Ich wollte die Thür hinter mir verschließen, der Schlüssel fehlte, der Riegel bewegte sich nicht, Alles war vorgesehen. Als ich vor sie hintrat, blitzte der Triumph aus ihren Augen, zum ersten Mal zeigte sie sich mir wahrhaft dämonisch. Sie mögen ermessen, was ich bei der schrecklichen Scene litt, wenn ich Ihnen sage, daß sie mir zu verstehen gab, sie wisse wohl, daß sie auch nach meinem innersten Wunsch gehandelt, indem sie jene Papiere verbrannt habe -- ja armes Kind, sie waren vernichtet -- ich könne nun wieder aufhören, den Tugendhaften zu spielen, meinte sie. Ich hätte sie tödten können, ich faßte ihr Handgelenk, als sie nach dem Kamin zeigte, in dem ich noch das verkohlte Papier zu sehen glaubte, und preßte es, daß sie aufschrie, aber als ich losließ, lachte sie höhnisch, nannte mich einen Thoren und sagte mir noch einige Wahrheiten, für die ich ihr Dank weiß. Und nun lassen Sie mich wissen, was Sie von mir halten.«
Mir war unheimlich geworden bei seinem hastigen Sprechen, seinem schlimmen Lachen, zugleich aber fühlte ich das innigste Mitleid mit ihm. Der Verlust, von welchem er sprach, machte in jenem Augenblicke wenig Eindruck auf mich, hatte ich doch den Besitz mir noch nie recht vergegenwärtigen können. Ich sagte ihm das mit einfachen Worten, weil ich ihn beruhigen wollte. »Der Vorfall ist nicht so schlimm, als Sie ihn auffassen, Herr Freiherr«, sprach ich zu ihm. »Sie müssen bedenken, daß wir uns eigentlich wenig Rechnung auf eine günstige Wendung der Dinge gemacht hatten; weder die Mutter, das glaube ich behaupten zu dürfen, noch auch ich werden daher das, was Sie mir erzählt haben, als ein Unglück fühlen. Ihre edle Absicht bleibt uns zu einer Art Beruhigung; ich für meinen Theil lasse mir für jetzt gern damit genügen, daß unser Recht von dem Hauptrepräsentanten der Gegner anerkannt wird und daß dieser, ich bin es überzeugt, seine Anerkennung desselben bethätigen wird, sobald er dazu die Freiheit hat.«
Der Freiherr stand mit untergeschlagenen Armen vor mir und sah mich an, ich glaube aber kaum, daß er mir zuhörte; erst als ich schwieg, schien er zu merken, daß ich gesprochen hatte. Ich wiederholte daher meine Gründe für das Unnöthige seiner Selbstanklage. Er schüttelte den Kopf.
»Sie sind unerfahren, Margarethe, bescheiden, genügsam, vergebend, ach, Sie sind zu gut! Ihre Mutter wird anders über mich denken. Aber das muß ich einstweilen ertragen, ich weiß, daß ich einen guten Anwalt an Ihnen habe. Ich gehe jetzt außer Landes, sobald ich die Abtretungsurkunde von Schloß Günthershofen mit seinen liegenden Gründen an Sie in aller Form ausgefertigt und bei einem Notar, den ich Ihnen bezeichnen werde, niedergelegt habe, für den Fall, daß mir etwas zustieße. Sie werden dann nach dem Tode meiner Mutter das Schloß sogleich in Besitz nehmen können. Sie könnten dies schon jetzt, in wenigen Wochen, aber ich bezweifle, daß Ihre Frau Mutter sich dazu verstehen würde, auch möchte ich Sie, ich muß es gestehen, nicht in der Nähe der jetzigen Bewohnerin wissen. Erbrück bleibt Ihnen natürlich durch meine Schuld verloren.«
»Aber wessen klagen Sie sich eigentlich an?« fragte ich. »Wie konnten Sie die Papiere besser verwahren als in einem verschlossenen Schreibpult in Ihrem Zimmer?«
»Ich hätte sie gleich einem Rechtskundigen überliefern oder Ihnen zukommen lassen sollen«, entgegnete er; »ich unterließ es während einiger vorbereitenden Geschäfte meinerseits, weil ich mich selber in gewisser Hinsicht als Ihren Anwalt, Ihren Stellvertreter ansah.«
»Noch eine Frage, der Mutter wegen, welche dieselbe zu stellen wünschte: was waren es eigentlich für Papiere, die Sie gefunden hatten?«
Der Freiherr athmete schwer, es kostete ihm Anstrengung, mir zu antworten. »Es befanden sich darunter«, sagte er endlich leise, »Briefe des Fürsten an meine Mutter, welche die Umrisse des ganzen Plans, Sie von Ihren Gütern und aus dem Lande zu treiben, enthielten. Bei der Vertraulichkeit, welche zwischen beiden herrschte, kam da Allerlei zur Sprache, was vollständig genügt haben würde, Ihre Sache zu retten. Aber das war nicht Alles. Die Duplicate der gefälschten Correspondenz zwischen Ihrer Großmutter und dem Baron d'Elange, jenes Hauptbeweises gegen Sie, waren da, vielleicht als Curiosum aufbewahrt; meine Mutter muß aus einer Art teuflischer Freude an dem ganzen Handel die compromittirenden Papiere vor der Vernichtung bewahrt haben, anders kann ich mir ihre Existenz nicht erklären. Wir haben hier angenehme Familienangelegenheiten durchzusprechen, nicht wahr, Cousine?«
Er brach ab und wir schwiegen einige Augenblicke. Es war ganz dunkel geworden; jetzt erst dachte ich mit Schrecken daran, wie unruhig die Mutter mich erwarten mochte. »Kommen Sie mit zu meiner Mutter«, sagte ich, »sie wird sich um mich ängstigen.«