Verflossene Stunden: Novelle

Part 7

Chapter 73,455 wordsPublic domain

Wir fuhren dann zusammen fort; ich ergriff die erste Gelegenheit, um ihm zu danken; er erwiderte trübe: »Dies ist ja das Wenigste, was ich für Sie thun kann, und es geschieht gern, sehr gern.« Weiterhin wurde nur noch von gleichgültigen Dingen zwischen uns gesprochen und der Reisenachmittag verging ruhig, während sich Forster allein der Sorge um unser Weiterkommen unterzog. Wir langten mit der Dämmerung in L. an und durchfuhren, um nach der Rhede zu gelangen, die häßliche, lärmvolle Stadt von einem Ende zum andern. Mein Begleiter blickte düster aus dem Fenster des Wagens hinaus auf das wüste, unerquickliche Treiben; er dauerte mich von Herzen. »Sie haben Heimweh, Herr Forster«, redete ich ihn nach einem langen Schweigen an, um im nächsten Augenblick die schonungslose Aeußerung zu bereuen. Er drehte sich rasch um und sah mich mit großen, traurigen Augen an.

»Ja, bei Gott, ich habe Heimweh«, sagte er, als werde ihm das jetzt erst klar, »Heimweh wie ein Kind. Ich versichere Ihnen, ich sehne mich unbändig danach, die braune schmuzige Tapete in der Kinderstube zu Hause einmal wiederzusehen und das hölzerne Schaukelpferd mit den stieren Augen und der schwarzlackirten Mähne -- es ißt bei der Mutter, welche es sehr liebt, das Gnadenbrod. Sie werden mich auslachen, aber auf Ehre -- mag es Andern komisch vorkommen -- weh thut es deshalb doch und unterdrücken und wegvernünfteln kann man es so wenig wie das Zahnweh.«

Ich fühlte keine Neigung zum Lachen, mir waren sogar die Thränen in die Augen gekommen bei seinen Worten. Warum mußte auch dieser gute, so warm und im besten Sinne kindlich fühlende Mensch sich einfallen lassen, ein politischer Verbrecher zu werden? Er hätte das Andern überlassen sollen.

»Haben Sie denn keine Aussicht auf Begnadigung?« fragte ich leise, nachdem ich meine Thränen hinuntergeschluckt hatte. Er verneinte.

»Und Sie wollen nicht in England sich eine Heimat gründen, wie so manche Ihrer Landsleute in ähnlichem Falle?« Er schüttelte mit dem Kopfe. »Sie hören es ja«, sagte er, »an welcher thörichten Schwäche ich laborire; ach, und das ist die thörichtste nicht!«

Er brach ab. Ich fühlte ein so tiefes Mitleid mit ihm, daß ich -- mein eigener Kummer mochte mich weicher gestimmt haben als gewöhnlich -- meine Thränen kaum zurückhalten konnte bei diesen halb unwilligen und spottenden und daher um so rührendern Klagen und nichts sehnlicher wünschte, als endlich allein zu sein, um ungestört weinen zu können.

Nachdem wir, auf der Werfte angelangt, meinen Platz auf dem Dampfboot gesichert und das Gepäck an Bord gesehen hatten, blieb noch fast eine Stunde bis zur Abfahrt des Schiffes. Forster bat um die Erlaubniß, während derselben bei mir bleiben zu dürfen, und wir gingen auf der überbauten Werfte in dem lauen Sommerabend auf und ab. Da sprachen wir nun von diesem und jenem, von den allergleichgültigsten Dingen und fühlten doch beide, daß etwas zwischen uns lag, um das wir absichtlich in großen Kreisen herumgingen, daß wir uns fürchteten, an die eigentliche Stimmung der Stunde zu rühren. Da schlug eine Uhr in der Nähe, es blieb uns nur noch eine Viertelstunde; Forster hatte abgebrochen, um die Glockenschläge zu zählen, er nahm auch das fallengelassene Thema nicht wieder auf. Ich merkte es nicht, ich dachte darüber nach, daß ich diesen Menschen, der mir doch nahe gestanden hatte, noch eine Viertelstunde und dann vielleicht nie mehr sehen würde. »Sonderbar«, sagte ich zu mir selber, »sonderbar und traurig!«

»Fräulein von Günthershofen«, sagte Forster plötzlich, »darf ich fragen, ob Sie, wenn Ihre Mutter sich wieder wohl befindet, zu der Familie Gray zurückkehren werden?«

Ich antwortete, daß ich davon nichts wisse, daß ich aber schon zuweilen gedacht, es wäre besser, wenn ich bei der Mutter bliebe. »Ich kann Stunden geben«, sagte ich gleichsam entschuldigend, »und bringe auch einige Ersparnisse mit.«

»Sie also werden in Deutschland sein und ich muß in England bleiben!« rief er schmerzlich und fuhr, als ich über den plötzlichen Ausbruch betroffen zu ihm aufsah, hastig fort: »Das überrascht Sie, Fräulein, ich kann es mir denken; Ort und Stunde sind gut gewählt, um Geständnisse zu machen, nicht wahr? Aber es mag nun drum sein -- Sie mögen von mir, dem deutschen Bären, denken, was Sie wollen, ich will mir die Buße auferlegen, Ihnen hier zu gestehen, daß ich -- daß ich -- daß ich Sie unvernünftig liebe, Margarethe! Es ist schlecht von mir, Sie hier zu überrumpeln, hier, wo Sie mir nicht entrinnen, mir nicht die Thür weisen können, wie Sie es sonst wohl thäten, aber ich habe absichtlich so lange gewartet, um Sie nur eine Viertelstunde zu quälen; Sie werden mir zugestehen, daß ich mich bis jetzt zusammengenommen habe. Und ich will auch jetzt keine Antwort«, fuhr er fort, die Worte hastig herausstoßend, da ich in die Höhe blickte und sprechen wollte; er war unter dem Einfluß einer Erregung, die peinlich anzusehen war. »Still, ich kann Ihr Nein jetzt nicht ertragen, sagen Sie nichts als nur das Eine, Margarethe: sind Sie versagt, gehört Ihre Liebe einem Andern?«

Ich schüttelte mit dem Kopfe.

»Dann will ich ruhig warten. Gehen Sie, pflegen Sie Ihre kranke Mutter und nehmen Sie die Ueberzeugung mit, daß ein armes, trauriges Herz im Exil Ihr Bild in sich geschlossen hat wie ein Kleinod. Ich weiß, ich habe auf Ihre Zuneigung keinen Anspruch, bin ich Ihnen doch nicht einmal mit den äußern Zeichen von Aufmerksamkeit begegnet, die man in der Gesellschaft gewöhnlich für eine Dame hat. Ich wagte das nicht. Sie schienen mir so fern, so fremd, so kalt, vom ersten Tage an, wo Sie mit der griechischen Jungfrau um die Heimat klagten: »das Land der Griechen mit der Seele suchend« -- ich werde den Ton Ihrer Stimme bei jenen Worten nie vergessen. Und dann später, als Sie mich um Rath fragten, als Sie in Ihrem kindlichen Sinn das Recht wollten um des Rechts willen und so wenig an den Besitz dachten, sogar bei den Ausbrüchen dessen, was Sie für Haß hielten, ach, wie verschieden war Ihr edles Aufglühen von dem niedrigen Haß der Bösen! Als ich Sie immer besser kennen lernte, da verlor ich mich selber immer mehr, und jetzt --«

Er schwieg endlich. In unaussprechlicher Beklommenheit blickte ich nach dem Schiffe, die Bewegung auf demselben deutete auf seine schleunige Abfahrt. Während wir nach der hölzernen Brücke zugingen, welche auf das Verdeck führte, sagte ich hastig, erregt durch die Kürze der Zeit und ohne meine Worte viel zu messen: »Herr Doctor, ich danke Ihnen für Ihre Neigung, sie ist mir nicht gleichgültig; mehr verlangen Sie jetzt nicht. Leben Sie wohl, Gott segne Sie und lasse Sie bald die Heimat wiedersehen.«

Erschüttert beugte er sich tief über meine Hand, welche ich ihm hingereicht hatte. Unsere Zeit war um, die Schiffsleute näherten sich der Brücke, auf welcher wir uns befanden, um sie in die Höhe zu ziehen -- wir schieden. Er eilte fort; ich stand, während sich das Schiff schwerfällig in Bewegung setzte, auf dem Verdeck und schaute ihm nach und wünschte ihm von ganzem Herzen Friede, Freude und alles Gute, was er verdiente. Stundenlang noch, während das Schiff in ruhiger Bewegung den dunkeln Fluß hinabfuhr, blieb ich, auf die Brüstung gelehnt, stehen oder ging auf und ab und blickte zu den Sternen in die Höhe, die ich nun bald über den Wipfeln der heimischen Bäume sehen sollte, und in die Gedanken an meine Mutter und die heiße Sehnsucht nach ihr tönten doch immer die seltsamen Worte, welcher Forster zu mir gesprochen hatte.

Die weitere Reise verlief ruhig und rasch; am Abend des folgenden Tages saß ich am Bette der Mutter.

Achtes Kapitel.

Sie war sehr krank. Ein heftiges Fieber hatte sich zu einem anfangs leichten Unwohlsein gesellt, der Arzt empfahl dringend die allergrößte Ruhe um sie her. Ich war von ihm sorgfältig angemeldet worden, sodaß meine Gegenwart die Mutter nicht überraschte, doch sah sie mich, als sie mich zuerst erblickte, verwirrt an; ich gewahrte, daß sie sich zu sammeln und sich mein Kommen klar zu machen suchte. Ich sollte keine Gemüthsbewegung verrathen, hatte der Arzt dictirt, aber als ich ihre lieben Augen mit so fremdem Blick auf mich gerichtet sah, konnte ich meine Thränen nicht zurückhalten. Um sie zu verbergen, kniete ich am Bett nieder und senkte den Kopf in die Kissen; mir war in dem Augenblicke zu Muth, als sei ich schon jetzt allein in der Welt, als gehöre ich zu Niemand mehr und Niemand zu mir, als habe sich die Mutter während meines Fortseins von mir abgewendet, ganz ihren Todten zu. Ihre Stimme aber löste den Bann.

»Du bist es, liebe Margarethe«, sagte sie schwach; »ich dachte -- ich wußte nicht -- ich dachte, ich sei es selber, mein Jugendbild sei es, welches mir ankündigen wollte, daß ich nun gehen müsse. Aber Du bist es, das ist gut.«

Sie schwieg und schloß die Augen; der Arzt, welcher zugegen gewesen war, nickte zufrieden. »Gut«, sagte er, »und nun, mein Fräulein, seien Sie am Platze!« Damit gab er mir einige Anordnungen für die Nacht. Die Nacht kam und verging, ebenso die folgende, ohne daß sich im Zustand meiner Mutter eine merkliche Veränderung gezeigt hätte; sie lag still und verrieth keine Theilnahme an dem, was um sie vorging. Ich saß meist an ihrem Bette; trotz aller Ermüdung der Reise schlief ich wenig, und in den Stunden der kurzen Rast ließen mich die seltsamsten Träume nicht eigentlich ruhen; alle die Verstorbenen der Familie schienen sich das Wort gegeben zu haben, mich heimzusuchen, um sich selbst untereinander und mit den Lebenden zu vermischen. Und das Wachen war kaum weniger ein Traum: die Pflege der Mutter erheischte nur einfache Dienstleistungen; die Pünktlichkeit und die Ruhe, womit dieselben zu verrichten waren, mußten besonders mein Augenmerk sein. Und wenn ich so mit einer einfachen Arbeit oder häufig mit müßigen Händen in dem großen Lehnstuhl der Mutter an ihrem Lager saß, wenn das Licht nur gedämpft durch die Vorhänge drang und mit ihm die milde Herbstluft durch das oben leichtgeöffnete Fenster, dann mußte ich mich oft zusammennehmen, um mir bewußt zu bleiben, daß ich wache und daß Alles Wirklichkeit sei. Die Sorge war verschwunden, die Aufmerksamkeit auf das Befinden meiner Kranken, auf das kleinste Symptom des Leidens oder der Besserung schloß den Gedanken an ihren möglichen Tod ganz aus: sie war krank -- weiter dachte ich nicht. Mein Leben in den letzten Monaten schien weit hinter mir zu liegen, wie eine bunte Ferne; die Erklärung Forster's hatte, wie eine glänzende Lufterscheinung zuweilen thut, welche zu schnell wieder verschwindet, alle Kraft der Wirklichkeit verloren, ich glaubte kaum, daß ich sie erlebt. Und nun gar mein Streben nach Wiedererlangung unseres Erbgutes, meine bestimmten Pläne, mein Dichten und Trachten nach Genugthuung erschienen mir wie ein Märchen, Schloß Günthershofen wie ein Feenpalast der Tausend und eine Nacht.

Noch einige Tage des Wachens und der sorgsamsten Pflege, und die Mutter war außer Gefahr, einer Gefahr, deren Größe ich jetzt erst erfuhr; die Fiebernebel wichen von ihren Augen und sie schaute mich mit Bewußtsein an. Nun erst begrüßte sie mich auf das liebevollste; sie fragte mit sanfter, leiser Stimme und wurde nicht müde, mir zuzuhören; wenn ich durch das Zimmer ging, folgte sie mir mit den Blicken, sie schien sich über mein Aussehen zu freuen. Ich erzählte ihr meine Erlebnisse in England aufs genaueste; auch von Forster sprach ich und in einer stillen Abendstunde deutete ich der Mutter an, was zwischen uns vorgefallen war. Sie begnügte sich mit den wenigen Worten, die ich darüber sagte, da sie merken konnte, daß ich sein Werben nicht ermuthigt hatte; mir schien es, als sei sie froh über diesen Ausgang der Sache.

Die Mutter erholte sich nur langsam; an ein Wiederfortgehen meinerseits war nicht zu denken, da ihr eine große Schwäche zurückgeblieben war und ich sie kaum auf Augenblicke verlassen mochte. So kam ein stiller Winter heran, dessen ich mich jetzt als fast der eigenthümlichsten Zeit meines Lebens erinnere, der es an einem eigenen, traumhaften Reize nicht gebrach. Der Schnee fiel früh und ungewöhnlich tief; wochenlang leuchtete die seltsame Helle desselben in unsere kleinen Fenster hinein. Und still, wie es draußen war, da die Schuljugend des Städtchens ihre Schneeballkämpfe meist weit von unserm abgelegenen Hause ausfocht, so still war es drinnen bei uns. Die Mutter bevölkerte diese Einsamkeit für mich mit mannichfachen Gestalten; das Eis war gebrochen, welches früher ihre Vergangenheit gleichsam umstarrt hatte; sie sprach jetzt von ihrer Kindheit, ihrem Hofleben und ihrer Ehe und ich versenkte mich mit ganzer Seele in die Zeiten, welche sie heraufbeschwor. Das Haus verließ ich selten und nur wenn mich die Mutter gewissermaßen dazu zwang. »Du siehst bleich aus, Margarethe, und Deine Augen werden immer größer«, sagte sie einmal; »Du wirst zu ernsthaft; eine alte, weltmüde Frau taugt nicht als einziger Umgang für ein junges Mädchen. Geh zu Pfarrers, zu Amtmanns; die Kinder dort musiciren und tanzen zusammen und sehen frisch und vergnügt aus.«

Ich bat die Mutter flehentlich, mich nicht unter die Leute zu schicken; ich sei tausendmal glücklicher und zufriedener zu Hause bei ihr; sie wisse ja, daß ich als Kind schon nicht mit den andern gespielt habe. Sie schüttelte den Kopf und meinte: »Es ist unnatürlich; ich bereue jetzt, Dich früher von den Mädchen Deines Alters hier fern gehalten zu haben, sodaß Du jetzt ihrem Umgang keinen Geschmack abgewinnen kannst. Sie sagten mir freilich damals wenig zu, aber eine oder die andere war doch wohl darunter, die Dir eine liebe Freundin hätte werden können.«

Ich wunderte mich, als ich die Mutter so sprechen hörte, noch mehr aber, da sie fortfuhr: »Es geht mir ans Herz, Kind, daß Du bei einer alten Frau, in einem Landstädtchen verkümmern mußt. Du gehörst in die große Welt; Deine unter Mangel und Kummer verlebte Jugend hat Dir doch das nicht nehmen können, was Dich vor hundert andern auszeichnen würde; ja, mein Kind, Du siehst aus wie eine geborene Freifrau von Günthershofen.«

Ein Todesschreck durchfuhr mich bei den letzten Worten. »Liebe Mutter, was willst Du?« fragte ich verwirrt. Sie beachtete meinen Einwurf nicht. »Du wirst Dich wahrscheinlich nicht verheirathen«, fuhr sie fort, »und das thut mir ebenfalls weh; ich wünsche zwar nicht, daß Du die Gattin eines Bürgerlichen würdest, und auch dazu wirst Du wohl kaum Gelegenheit finden, aber --«

»Aber, liebe Mutter, das thut nichts«, fiel ich ein. »Ich versichere Dir, ich möchte nie anders leben, als wir es jetzt thun, ich kann mir keinen behaglichern, wünschenswerthern Zustand denken und bin ganz zufrieden.«

Die Mutter schüttelte den Kopf, aber sie schwieg; zuweilen bemerkte ich, wie ihre Augen mit Sorge auf mir ruhten, sie mochte an die Zeit denken, wo sie nicht mehr da sein würde. Ich aber lebte nur in der Gegenwart oder vielmehr in der Vergangenheit, welche in dieser stillen Zeit so mächtig über mich geworden war, ich war froh, wenn nichts mich von meinen Träumereien abzog.

Einige Monate mochten nach meiner Rückkehr verflossen sein, als eines Tages die Mutter einen Brief von einem alten Rechtsfreunde erhielt, der mit meinem Vater in Verbindung gestanden hatte. Derselbe theilte ihr mit, es habe sich Jemand bei ihm nach dem jetzigen Aufenthaltsort der Frau von Günthershofen-Erbrück erkundigt, da er eine schon sehr alte Schuld zu tilgen wünsche, wozu ihn seine Verhältnisse erst jetzt ermächtigten. Namen und Wohnort des Mannes waren genannt, ich habe beide vergessen; sie waren damals der Mutter und mir gleich unbekannt. Der letztern fiel die Sache nicht auf, da sie wußte, daß mein Vater durch seine weitläufige Oekonomie in Verbindung mit Landwirthen und Kaufleuten gestanden und manchem wesentliche Dienste geleistet hatte. Der alte Advocat theilte uns ferner mit, daß wir nach Erfüllung einiger Förmlichkeiten das Geld, eine ziemlich bedeutende Summe, in Empfang nehmen könnten, und so traf es denn binnen kurzer Zeit auch ein, mir besonders hoch willkommen, da nun so manches zur Pflege der Mutter Dienliche bequem bestritten werden konnte. Sogar ein Badeaufenthalt für den Sommer wurde geplant und wir sahen dem kommenden Frühling ruhig und friedlich entgegen.

Obgleich in unsern traulichen Plaudereien eine ferne Vergangenheit das Hauptthema bildete, hatte meine Mutter des verhängnißvollen Processes mit keinem Worte wieder gedacht und auch ich hatte über meine Versuche, meine Unterredungen mit Forster, erst wegen der Schwäche der Mutter, später, weil ich sie dadurch zu verstimmen fürchtete, geschwiegen; der Name des Herrn Bardolph war nicht einmal zwischen uns genannt worden. Die Ruhe aber, die wir so gern um uns erhielten und in der wir alles Störende fern zu halten suchten, sollte gar bald unterbrochen werden.

Es war an einem der lauen Tage, wo die Frühlingssonne mit stetiger Milde die schneegetränkte Erde erwärmt. Ich kam von einem kleinen Gange durch die noch braunen Felder zurück, einige grüne Blättchen und frische Halme in der Hand, als Boten an die Mutter von dem Frühling, der nun wirklich da war; den eigenen Geruch der erneuten Erde hatte ich mit Entzücken eingesogen, hatte mir eben gesagt, daß man von der Erde eigentlich kein anderes Glück brauche als das Genießen ihrer Erscheinungen in den verschiedenen Zeiten des Jahres, das köstlich frische Wiedererwachen im Frühling, die Fülle des Lebens, die Macht der Sonne im Sommer, die Klarheit, die Milde, den Früchtesegen eines schönen Herbstes und die heimliche Ruhe im Winter -- da sollte ich mich bald überzeugen, wie das Menschenleben uns doch so leicht nicht losläßt, an wie vielfachen Fäden es uns hält. Da stand das Schicksal an der Thür, in Gestalt des Postboten freilich nur, und ich hielt einen Brief in der Hand, an Fräulein von Günthershofen gerichtet. Ich kannte die Schrift der Adresse nicht; wer mochte an mich schreiben außer den englischen Freunden, von denen der Brief augenscheinlich nicht kam? Eine Vermuthung, die ich sogleich als toll verwarf, zurückdrängend, trat ich in das Gärtchen am Hause, in die kahle Laube, und riß das Couvert auseinander. Ja, doch -- es wahr wirklich wahr! Das Schreiben begann mit »Liebe Cousine!« und war unterschrieben: »Bardolph von Günthershofen.« Er wollte mir also sagen, daß er keine Indicien gefunden, daß Alles beim Alten sei und bleiben werde. Ich hielt inne, nachdem ich die ersten Worte gelesen, mein Herz klopfte stürmisch -- wo war die Ruhe hin, in welche ich mich seit Monaten hineingelebt? Nein, ich wollte nicht zittern vor irgend etwas, das mir noch begegnen konnte, und hier, was fürchtete ich eigentlich? Hatte ich nicht alle Hoffnung längst aufgegeben? Lag nicht auch der Mutter jeder Gedanke an eine Aenderung in unserm Schicksal fern? Wie konnte mich also eine neue Bestätigung des längst Gewußten erregen? Nachdem ich mich beruhigt zu haben glaubte, las ich den Brief und las ihn wieder und wieder und rieb mir die Augen, um mich zu überzeugen, daß ich nicht träume. Dann ging ich hinauf zur Mutter, zeigte ihr meine grünen Blättchen, plauderte mit ihr, las ihr vor und fuhr nur von Zeit zu Zeit mit der Hand über die Stirn, weil mir war, als umziehe sie ein Nebelgebilde. Nachdem die Mutter zur Ruhe gegangen, setzte ich mich aufs Sopha, zog die Lampe dicht vor mich und nahm den Brief aus der Tasche; aber nein, so fiel das Licht zu grell auf denselben, ich stand wieder auf und holte einen Schirm, schob die Lampe fort und legte das Blatt so beschattet vor mich hin. Da fiel mir ein, die Magd könnte mich stören; ich erhob mich von neuem und verriegelte die Thür, dann setzte ich mich, bezwang meine fiebernde Unruhe und las. Der seltsame Brief lautete folgendermaßen:

»Liebe Cousine!

Als wir uns in Schottland trafen, versprach ich Ihnen, nach meiner Rückkehr auf Schloß Günthershofen eine genaue Nachforschung mit Bezug auf irgendwelche Papiere anzustellen, die mit dem Rechtsstreit zwischen unsern Familien in Verbindung ständen, und Ihnen so bald als möglich von meinem Erfolge zu berichten. Diesem Versprechen komme ich hiermit nach. Ich begab mich, sobald ich mich zu Hause oder vielmehr in Günthershofen eingerichtet hatte, an jedem Morgen nach dem Bibliothekzimmer, welches wir, da es alle unsere Familie angehenden Papiere enthält, das Archiv nennen. Hier unterzog ich Alles der genauesten Durchsicht. Ich fand die verschiedenen Urkunden, Bescheinigungen, Erlasse, Correspondenzen alle in guter Ordnung; jedes einzelne Document ging durch meine Hände. Nachdem ich sie alle vergebens durchsucht, wendete ich mich zu den alten Schränken selber, in welchen sie enthalten gewesen, da ich Grund hatte, ein geheimes Fach zu vermuthen; ich ging dann die Bibliothek durch, durchblätterte ein jedes Buch, aber ebenfalls ohne zu finden, was ich suchte. Ihnen muß ich es gestehen, mit der Erfolglosigkeit meiner Bemühungen wurde das Mißtrauen gegen unsere Sache in mir rege. Es war auffallend, daß sich von einem langen Rechtsstreit kein einziges Document, daß sich unter den Quittungen nicht die Kostenberechnung eines Advocaten, noch mehr, daß sich unter den Briefen, die ich alle durchging, kein einziger fand, in dem ein Wort über jene Vorfälle zu lesen gewesen wäre; ich fing an, eine Vernichtung gewisser Papiere zu argwöhnen. Wie die Sache sich aber auch verhielt und wie sehr ich meinet- und Ihrethalben eine Aufklärung gewünscht hätte, ich hatte kein Recht, die Ehre meiner Aeltern Ihnen gegenüber bloßzustellen, indem ich meinem Argwohn Worte gab, und so verschob ich es von Tag zu Tag, Ihnen das unbefriedigende Resultat mitzutheilen.