Verflossene Stunden: Novelle

Part 6

Chapter 63,678 wordsPublic domain

»Warum sollte ich das«, entgegnete ich ihm und wollte unbefangen erscheinen und sprechen, aber die Rolle, die ich mir zugetheilt hatte, schien mir schwerer werden zu wollen, als ich geglaubt. Ich legte meinen Arm in den seinen und wir gingen weiter; da dachte ich plötzlich: Wenn mich die Mutter so sähe! und hätte mich am liebsten losgemacht und wäre fortgeeilt. An der Stelle, wo mich vor einiger Zeit Forster getroffen, hielten wir, die moosigen Sitze waren so einladend, die Stille und Geschütztheit des Plätzchens so lockend. Ich saß mit dem Rücken gegen das Thal, vor mir den weiten Himmel, an dem die Sterne zu erscheinen begannen, Herr Bardolph mir gegenüber im tiefen Schatten.

»Ich gehe morgen, wie Sie wissen werden«, hob er an, »und möchte vorher noch einmal auf die Angelegenheit, von welcher wir neulich sprachen und welche Sie so beschäftigt hat, zurückkommen. Durch Forster habe ich gehört, daß die gewünschte Auskunft von Frau von Günthershofen in Ihre Hände gelangt ist, auch daß Sie durch die Aufschlüsse Ihrer Frau Mutter bestimmt worden sind, den Gedanken an einen Rechtsstreit mit Ihren Verwandten aufzugeben. Sie zweifeln nicht an der Gerechtigkeit Ihrer Sache, aber die Schwierigkeiten sind Ihnen zu groß --«

»Ja, im Augenblick unüberwindlich«, schaltete ich ein.

Der Freiherr nickte. »Ich bedauere diese Hindernisse«, fuhr er fort, »und da mir wie Ihnen daran liegt, die Umstände des damaligen traurigen Processes aufgeklärt zu sehen, will ich mich nach meiner Rückkunft sofort zu unserm Familienarchiv wenden und suchen, ob ich dort irgendwelche Indicien finde, die zur Beleuchtung der Sache dienen können. Ich brauche wohl kaum hinzuzufügen, daß ich Ihnen auch dann sofort Nachricht von dem Erfolge zukommen lassen werde, wenn die entdeckten Aufschlüsse nicht zu unsern Gunsten sind.«

Der Freiherr hatte im Geschäftston, kalt und glatt, gesprochen, daher mochte es kommen, daß mir in jenem Augenblicke die Uneigennützigkeit, der Edelmuth seines Anerbietens nicht in dem Maße klar wurden wie später, als ich darüber nachdachte. Ich dankte ihm mit wenigen höflichen Worten -- wir waren in ein ganz bequemes Fahrwasser der Geschäftlichkeit gerathen.

»Bitten möchte ich Sie aber zu glauben«, fuhr mein Begleiter fort, »daß ich bisher nie eine Ahnung davon gehabt habe, die Rechtmäßigkeit unseres Besitzes könne angezweifelt werden.«

»Sie wird es auch, glaube ich, nur von mir und meiner Mutter«, fühlte ich mich gedrungen zu bemerken; »vor der Welt sind Sie ganz im Rechte und uns hat man überhaupt auch vergessen.«

»Ich fürchte, Sie sagen die Wahrheit«, entgegnete er trübe. »Ich habe erst vor kurzer Zeit von den Umständen Ihrer Frau Mutter Kunde erhalten, bis dahin hatte ich nichts gewußt, als daß damals zwischen den verschiedenen Zweigen unserer Familie ein Bruch stattgefunden habe. Ich war zur Zeit des Processes bei einem Bruder meiner Mutter in Lievland, wo ich mehrere Jahre meiner Knabenzeit zugebracht habe. Als ich zurückkam, waren meine Aeltern nach Günthershofen gezogen; das Gut gefiel mir und ich fragte nicht viel, wer früher dort gewohnt habe.«

Der Freiherr war also, wie es schien, zu uns gekommen, sobald er von der Dürftigkeit seiner Verwandten gehört hatte, und wie konnten seine Absichten andere als wohlwollende gewesen sein? Warum hätte er sich sonst überhaupt um uns bekümmert? Gleichgültigkeit und Uebelwollen seinerseits hätten gewiß die Kluft bestehen lassen, welche sich zwischen den Verwandten und uns befand. Es wurde mir immer mehr klar, daß zu Feindseligkeit oder Mißtrauen gegen den Freiherrn absolut kein Grund vorhanden sei, ich war mir meines abstoßenden Wesens beim Zusammentreffen mit ihm jetzt schmerzlich bewußt und es drängte mich, dies auszusprechen. Ehe ich aber dazu den rechten Anfang fand, gab eine Aeußerung des Freiherrn unserm Gespräche eine ganz andere Wendung. Er schien den etwas peinlichen eigentlichen Gegenstand desselben als erledigt zu betrachten und fing in einem ganz andern Tone an, während wir uns auf den Heimweg machten:

»Sie haben einen guten Freund an Herrn Forster, mein Fräulein -- kannten Sie denselben schon in Deutschland?«

Ich antwortete der Wahrheit gemäß und erzählte überhaupt von dem deutschen Juristen, was ich wußte; es war eine Wohlthat, sich einmal auf neutralem Gebiete bewegen zu können, ohne die Bitterkeit, welche aus dem Bewußtsein des nun einmal zwischen uns stehenden Unrechts entsprang. Der Freiherr hörte mir ruhig zu, während ich den Charakter, die Kenntnisse, das Benehmen Forster's rühmte; als ich endlich schwieg, sagte er leise: »Ihr Landsmann müßte in Ihren Augen noch ein ganz besonderes Verdienst haben -- er liebt Sie.«

Ich blieb voller Erstaunen stehen und wartete auf einige erklärende Worte. Da mein Begleiter schwieg, schritt ich beklommen neben ihm her; ich konnte nichts Passendes zu antworten finden, bis er von neuem anhob:

»Nun, Fräulein von Günthershofen, haben Sie mir darauf nichts zu sagen? Ach, gewiß war Ihnen die Thatsache längst bekannt, da Sie eine junge Dame sind.«

»Nein«, rief ich nun lebhaft, froh, einen Anknüpfungspunkt gefunden zu haben, »nein, ich hatte keine Ahnung davon. Herr Forster ist mir immer als ein bloßer Bekannter mit der gewöhnlichen Höflichkeit und ziemlich zurückhaltend begegnet; nach unserer letzten Unterredung ist er sogar, wie ich glauben muß, unwillig von mir gegangen. Aber«, rief ich, plötzlich in eine meiner unglücklichen impulsiven Fragen ausbrechend, »wissen Sie, was Sie mir da mittheilen, gewiß? Und warum sagen Sie es mir überhaupt?«

»Ihre erste Frage ist leicht zu beantworten«, erwiderte Herr von Günthershofen. »Durch die Rechtsangelegenheit sind wir, wie Sie sich denken können, dahin geführt worden, über Ihre Umstände und über Sie selber zu reden; da ist mir Manches klar geworden. Ein Wort hat das andere gegeben und zuletzt hat mir Forster mit der ihm zu Zeiten eigenen, fast kindlichen Offenheit aus seinen Gefühlen kein Hehl gemacht. Sie können sich nur durch dieselben geehrt fühlen, Fräulein.«

Das war mir denn doch in dem Augenblicke zu viel. Vom Anfang an hatte die Eröffnung des Freiherrn einen vorzugsweise peinlichen Eindruck auf mich gemacht. War auch für Momente das Gefühl befriedigter Eitelkeit in mir aufgestiegen, dessen sich wohl selten ein Mädchen erwehren wird, wenn sie von dem Interesse oder gar der Liebe hört, die sie einem Manne einflößt, so war dies Gefühl doch gar schnell in den Hintergrund gedrängt worden durch die Aussicht auf den Zwang, welcher jetzt in den bisher so angenehmen Beziehungen zwischen dem Juristen und mir eintreten mußte. Hierzu nun gesellte sich der Gedanke, daß ich mit meinen Vorzügen und Fehlern das Gesprächsthema jener beiden gewesen sei, und das brachte mich vollends um allen Gleichmuth.

»Wer gibt Ihnen das Recht, so zu mir zu sprechen, Herr Freiherr?« fuhr ich heraus. »Ob ich mich geehrt fühle durch die mir sehr unerwartete Neigung des Herrn Forster oder nicht, das ist jedenfalls meine Sache. Sehr peinlich muß es mich aber berühren, daß dergleichen überhaupt zwischen Ihnen verhandelt worden ist; Herrn Forster kann es, wie mich dünkt, ebenfalls nur unangenehm sein, durch Sie mir mitgetheilt zu wissen, was ihm allein zu sagen zukommt, wenn es überhaupt gesagt werden soll.«

Das Gesicht des Freiherrn konnte ich in der tiefen Dämmerung kaum sehen, den Ausdruck desselben durchaus nicht erkennen; um so mehr überraschte mich seine Stimme, als er wieder sprach; sie klang dumpf, wie von unterdrückter Erregung.

»Ich habe keinen Vertrauensbruch begangen, als ich Ihnen von der sehr ernsten, innigen Neigung Forster's sprach und sie beim rechten Namen nannte. Eines Verstoßes mag ich mich freilich damit schuldig gemacht haben; ich weiß nicht, was in solchen interessanten Fällen die Etikette den Wissenden gebietet, ich bin unerfahren darin. Und so will ich, auf die Gefahr hin, weiter zu sündigen, noch eine Frage thun«, fuhr er, plötzlich in seinen leichten Ton übergehend, fort: »Fräulein von Günthershofen, erwidern Sie die Gefühle des Herrn Doctors?«

»Nein, durchaus nicht«, rief ich, ehe ich wußte, was ich sagte, ehe ich erwogen hatte, daß, wie er allerdings andeutete, diese Frage dem Freiherrn durchaus nicht zustand.

»Er ist nicht adlig«, sagte Herr von Günthershofen darauf, wie zur Antwort.

Allerdings, aber ich hatte noch nie darüber nachgedacht, ob ich mir als Gatten nur einen Ebenbürtigen wünschte, hatte überhaupt dem Gedanken an meine Verheirathung noch gar nicht nachgehangen und fand daher, wie mir das häufig ging, auf die Aeußerung des Freiherrn nicht gleich eine Antwort. »Ich weiß nicht, ob mich dieser Mangel bei Jemand abhalten würde, ihn zu lieben«, sagte ich endlich, nachdem ich mich besonnen hatte.

»Kind!« erwiderte der Freiherr hierauf, und das war Alles; ich hätte übrigens trotz der Dunkelheit darauf schwören mögen, daß er lächelte. »Kind!« Was konnte er mit der Aeußerung meinen? Sollte sie Tadel, Entschuldigung, Geringschätzung ausdrücken? Ich zerbrach mir vergebens den Kopf darüber. Uebrigens lag es in der Eigenthümlichkeit meines Strebens und meiner Wünsche zu jener Zeit, daß ich eine besondere Gefahr darin sah, für ein Kind, ein unerfahrenes, unreifes Mädchen gehalten zu werden; ich war daher äußerst empfindlich in dieser Beziehung und habe dem Freiherrn das Wort lange nicht verziehen.

Wir waren, zuletzt schweigend, in die Nähe des Hauses gelangt, meine Zöglinge eilten auf mich zu und nahmen mich in Beschlag und ich war froh, daß unser seltsames Gespräch sein Ende erreicht hatte. Forster sah ich an jenem Abend gar nicht mehr; auch das war mir lieb, ich gewann Zeit, mir mein Benehmen gegen ihn ein wenig vorzuzeichnen. Nicht umhin konnte ich, ein gewisses Wohlwollen gegen ihn zu hegen dafür, daß er mir seine Neigung geschenkt hatte, ich war ihm dankbar, ich achtete das Geschenk, wenn ich es auch nicht zu erwidern vermochte. Mir war das Alles so neu, mein Umgang mit Männern war bisher so beschränkt gewesen. Zum ersten Mal in meinem Leben blickte ich an jenem Abend mit Aufmerksamkeit in den Spiegel; mir kam es vor, als müsse ich neben den hellen, freundlichen, reizenden Gestalten meiner Zöglinge unendlich verlieren, um so mehr empfand ich mit einer Art Rührung die deutsche Anspruchslosigkeit meines gelehrten Landsmannes, welcher, unbeirrt durch den Glanz der fremden Blumen, sich so treu der schlichten Heimatpflanze zugewendet hatte. Ich beschloß mit ihm zu verkehren wie bisher; er würde, das wußte ich, mir die freundliche Gleichgültigkeit unserer Beziehungen nicht unmöglich machen.

Am nächsten Morgen verabschiedete sich der Freiherr. Ihm war ich dankbar dafür, daß er ging, zudem hatte ich über seine gestrigen Worte nachgedacht und fühlte ganz die Uneigennützigkeit, aus der sie hervorgegangen waren. So gestaltete sich unser letztes Zusammentreffen freundlicher als alle bisherigen. Ich wünschte Herrn Bardolph Glück auf die Reise und für den Fischfang, dankte ihm auch nochmals und fand sogar den Muth, mich zum ersten Male nach seiner in Deutschland lebenden Familie zu erkundigen. »Wie befindet sich Frau von Günthershofen«, fragte ich, »und wie erträgt sie Ihre lange Abwesenheit?«

»Meine Mutter? Ich hoffe, daß es ihr gut geht; sie ist leider dem Briefschreiben abgeneigt, und ich erhalte nicht oft directe Nachrichten von ihr.«

Seine Mutter, jene böse Frau, welche recht eigentlich an all unserm Unglück schuld war -- nach der hatte ich nicht fragen wollen. »Ich meinte Ihre Frau Gemahlin«, sagte ich auch geradezu. Er sah mich erstaunt an und lächelte dann, indem er seinerseits fragte: »Haben Sie mich für verheirathet gehalten?«

»Ja, Herr Freiherr.«

»Ich bin es nicht; ich lebe, wenn ich in Deutschland verweile, bei meiner Mutter, welche nach des Vaters Tode auf Günthershofen geblieben ist. Ich bin bisher viel herumgereist und der Gedanke an einen eignen Hausstand ist mir noch selten gekommen. In der letzten Zeit freilich mehr als zuvor«, fügte er hinzu, indem er gedankenvoll auf die nicht ferne höchst anziehende Gruppe der Gray'schen Familie blickte, welche auch wirklich das Familienleben von seiner schönsten Seite darstellte.

Die Zeit seiner Abreise war nun herbeigekommen; das Pferd, welches er bis zur nächsten Eisenbahnstation benutzen wollte, wurde eben vorgeführt, wir gingen zu den Uebrigen zurück, die ihn alle umringten und von denen er sich aufs herzlichste verabschiedete. Ich war neugierig auf das Lebewohl zwischen meinen beiden Landsleuten und sah deshalb scharf hin, als der Freiherr sich dem Juristen näherte. Sie schüttelten sich die Hände, dabei sahen sie sich einen Moment lang ernsthaft in die Augen und der Freiherr nickte Forster leicht zu, wie in Bejahung einer Frage, die jener mit den Blicken gestellt hatte. Auch mir reichte der Freiherr mit wohlwollendem Ausdruck die Hand. »Leben Sie wohl, Fräulein Margarethe«, sagte er freundlich und dann ritt er davon.

Es entstand eine Lücke durch sein Fortgehen, das verhehlte sich keiner der Zurückbleibenden; alle bedauerten offen, daß man nicht länger hatte zusammenbleiben können, und freuten sich zugleich der angenehmen Bekanntschaft, auf deren Fortsetzung sie hofften, denn der Freiherr hatte für das nächste Jahr einen Besuch in Goldwell-House, dem Wohnsitze der Familie, in Aussicht gestellt. Auch ich, zu meiner eignen Verwunderung, vermißte den Freiherrn, dessen Abreise ich doch herbeigewünscht hatte; Niemand konnte sich ganz dem Einfluß seiner edlen, bedeutenden Persönlichkeit entziehen, ich hatte es, wie ich jetzt merkte, auch nicht gekonnt; die Ruhe und Sicherheit seines Benehmens verfehlten nie ein wohlthätiges Gefühl in seiner Nähe hervorzubringen, gegen welches ich mich freilich anfangs absichtlich verhärtet hatte. Ich dachte über seine letzten Worte nach und konnte nicht umhin, im Innersten die Frau für sehr glücklich zu halten, welcher es vergönnt wäre, an seiner Seite durch das Leben zu gehen. Begierig war ich darauf, wen er einmal wählen würde; ich hoffte mit seiner Gemahlin befreundet zu werden, ich wollte dann von dem Anerbieten der Freundschaft Gebrauch machen, welches er uns, meiner Mutter und mir, hatte zu Theil werden lassen. Während ich mich diesen Gedanken hingab, zwischen den Andern sitzend und ziemlich einsilbig an der Unterhaltung Theil nehmend, fielen mir plötzlich die jungen Grays ein in Verbindung mit der Aeußerung des Freiherrn, und bei diesem Gedanken zog sich mein Herz schmerzlich zusammen. Die reizende, jugendliche, flatterhafte Lucy, die ältere der beiden -- denn von der fünfzehnjährigen Blanche konnte wohl kaum die Rede sein -- als Gattin des ernsten deutschen Edelmanns -- ich sagte mir, daß das ja gar nicht passe, daß es ganz unnatürlich sein würde, aber doch mußte ich mir wieder eingestehen, es sei nicht unmöglich, ja, je mehr ich darüber nachdachte und mir alle die kleinen Scenen, welche sich während des Hierseins des Freiherrn zugetragen hatten, im Geiste wiederholte, desto wahrscheinlicher kam es mir vor, daß er sich zu dem von ihm so himmelweit verschiedenen jungen Mädchen hingezogen gefühlt habe. Mit Vorliebe war er auf ihr heiteres Geplauder eingegangen, oft hatte er, wie mir jetzt einfiel, mit unverhohlener Bewunderung der schlanken, elastischen, jugendkräftigen Gestalt nachgeblickt, wenn sie auf unsern Ausflügen mit den Brüdern um die Wette uns übermüthig vorangeeilt war, noch öfter hatte er sich ihr vorsorglich angeschlossen, ihrer Wagehalsigkeit Einhalt gethan, sie beim Klettern gestützt und bewacht wie ein Kind. Ja, wie ein Kind, und so war sie mir auch dann immer vorgekommen; ich dachte damals nie anders, als daß er sie wie ein wildes Kind betrachte -- war sie doch erst sechzehnjährig -- aber jetzt, beim Zurückblicken, kam mir das Alles ganz anders vor. Und Lucy konnte auch zeigen, daß sie wußte, was sie wollte, daß sie einmal eine tüchtige, energische Frau abgeben würde; in ihr wohnte der fröhliche Muth des Glücks und der Gesundheit und ein heller Verstand. Und dazu -- wie schön war sie! Wie eine Göttin der Jugend erschien sie mir oft, mit den lebensprühenden blauen Augen, dem kräftigen, prächtigen Blondhaar, den feinen, reizenden Zügen. Es wurde in der Familie stillschweigend, mit sorglichem Stolz anerkannt, daß Lucy eine Schönheit »zu werden versprach«; wer konnte so blind sein, nicht einzusehen, daß sie es längst sei! Und warum sollte ich mich nicht freuen, wenn sie die Gattin meines stattlichen Vetters wurde? Sie war freilich eine Ausländerin, und es gab in Deutschland hochgeborene Mädchen genug, die ihr nicht nachstanden an Schönheit und sie übertrafen an aristokratischem Aussehen und Wesen und denen ich, wie mich dünkte, die Herrschaft auf meinem Schlosse -- so sagte ich mir in solchen Augenblicken mit doppelter Bitterkeit -- lieber gegönnt hätte als der Fremden, dem Kinde. Aber wenn sie dem Freiherrn gefiel, wenn sie ihn glücklich machen konnte, und daß dies ihrer heitern, glücklichen Natur gelingen würde, bezweifelte ich nicht, so kam es mir zu, ohne Neid -- Neid, das häßliche, gemeine Wort, ich zuckte davor zusammen und doch sagte ich mir dasselbe schonungslos vor -- ja, ohne Neid die Verbindung der Beiden mit anzusehen. Ueberhaupt, wie hatte ich mich hinreißen lassen von meiner Frauenschwäche, über Heirathen zu speculiren; was ging es mich an, wenn der Freiherr eine Kaffernprinzessin heimführte nach Günthershofen! Was war er mir eigentlich, was war er mir noch vor wenigen Monaten gewesen? Nicht existirt hatte er für mich, dann hatte ich ihn kennen gelernt als den Sohn meiner Feinde, ihn mit Abneigung, mit Mißtrauen betrachtet, und nun, nun war ich ganz aus meinem gewöhnlichen Gleise herausgezogen worden durch den Zauber seiner Nähe -- als vorsorgliche Base war ich eben gar daran, ihn mit einer Frau zu versorgen. Aber das sollte anders werden. Meine Sorge gehörte meiner Mutter, war doch sie zu stützen, zu hegen mein Lebenszweck. Auf einen Augenblick kam mir der Gedanke, ob ich nicht jetzt schon am besten zu ihr zurückkehre; gewiß trug sie die Einsamkeit schwer, wenn sie es mir auch nicht gestehen wollte, da sie mich glücklich glaubte. Die mancherlei Eindrücke und die Unruhe der nun folgenden Reise verhinderten mich für den Augenblick, meine künftigen Maßregeln durchzudenken; in Goldwell-House angekommen, fand ich einen mehrere Tage alten Brief an mich vor, welcher mir die Krankheit meiner Mutter meldete und mich aufforderte, schleunigst nach Hause zu kommen. Ich war wie vom Blitze getroffen; wie eine Strafe kam mir dies Ereigniß vor für die Gedanken und Pläne der letzten Wochen. Aber es hieß sich zusammenraffen. Ganz verstört theilte ich sogleich der Frau Gray den Inhalt des Briefes und meine Absicht, sofort abzureisen, mit. Sie sowie die ganze Familie bewiesen mir die lebhafteste Theilnahme. In wenigen Stunden war Alles mir Zugehörige gepackt; ein Jeder legte hülfreiche Hand an. Herr Gray hatte sich sogleich daran gemacht, aus den ihm zu Gebote stehenden Tabellen meine Reiseroute aufzustellen; er besaß eine große Virtuosität im Reisen und machte gern Andere auf die Kunstgriffe und Vortheile aufmerksam, die ihnen, wenn sie es nur richtig anfingen, zu gute kommen mußten. In meinem Falle, wo sich nur darum handelte, rasch an Ort und Stelle zu kommen, bewährte er sich mit seinen Ermittelungen vortrefflich, auch konnte er nicht unterlassen, mir, trotz meiner gedrückten Stimmung, allerlei Warnungen gegen Uebervortheilung und unnütze Ausgaben ans Herz zu legen. In seiner heitern, wohlwollenden Weise wußte er sich eigentlich mit denen, welche ein besonderer Kummer drückte, nicht wohl zurecht zu finden.

»Nur ruhig, liebes Kind«, sagte er zu mir, »nicht den Kopf verloren! Sie müssen sich nicht das Schlimmste denken; ich hoffe, wir sehen Sie in wenigen Wochen fröhlich wieder. Die Mädchen werden ja wohl ihre Ferien über die Zeit Ihrer Abwesenheit hinausdehnen, bleiben Sie also nicht zu lange, damit Sie in den Köpfen noch etwas von dem vorfinden, was Sie so gewissenhaft hineingebracht.«

Seine Gattin war mütterlich um mich beschäftigt, die Mädchen trieben sich mit verweinten Augen zwischen Koffern und Schachteln herum und thaten alle möglichen unnöthigen Handleistungen. John machte sich mit seinen kräftigen Muskeln beim Heben, Tragen und Zuschnüren der Koffer nützlich, seine treuherzigen Augen und der ungewohnte Ausdruck des Ernstes auf dem offenen, heitern Gesicht, welchen, wie ich fürchte, festzuhalten ihm schwer wurde, machten besondern Eindruck auf mich. Es ging endlich an das Abschiednehmen. Mir war schwer ums Herz. Ich habe mich in meinem Leben nie leicht der Hoffnung hingegeben; auch hier schien mir das Traurigste das Wahrscheinliche, ich fürchtete die lieben, guten Menschen nicht wiederzusehen. Forster erblickte ich unter all den herbeigeeilten Hausgenossen nicht, ich fragte nach ihm. »Wie, wissen Sie denn nicht?« hieß es da. »Er ist nach der Stadt voraus und erwartet Sie am Bahnhofe. Er will Sie ja nach dem Hafen begleiten.«

Das war eine große Freundlichkeit von ihm, da ich fast eine Tagereise und keine von den bequemsten bis nach L. vor mir hatte, wo ich spät am Nachmittage ankommen sollte und mich abends auf das Dampfschiff begeben mußte; ein Begleiter, der sich mancher Besorgung unterziehen würde, war eine Wohlthat für Jemand, dem der Kopf schmerzte und das Herz weh that.

Ich sagte nun traurig Lebewohl. Lucy schien besonders erregt; schluchzend hing sie an meinem Halse und küßte mich mit mehr Innigkeit, als ich sonst bei dem leichtlebigen Mädchen gewohnt war. Ist da wohl mein Vetter im Spiel? dachte ich und mußte trotz meiner trüben Stimmung in mich hineinlächeln; nicht unmöglich, daß sie einen Theil der Zuneigung, welche sie für den Freiherrn empfinden mochte, auf mich übertrug, dank der wenn auch entfernten verwandtschaftlichen Beziehung, in welcher ich zu ihm stand. »Gott erhalte Ihnen Ihre Mutter«, sagte Frau Gray leise, indem sie mich umarmte, »und lasse Sie froh zu uns zurückkehren.«

So schied ich. Während der anderthalb Stunden, welche ich im Wagen auf dem Wege nach der Station zubrachte, ließ ich, müde zurückgelehnt in die Kissen, die Ereignisse der letzten Monate an meinem Geiste vorübergehen. Sie waren bedeutsam gewesen, aber ich konnte in meinem Innern noch keinen rechten Abschluß zu denselben finden, obgleich mir der zurückgelegte Abschnitt in meinem Leben fertig vorkam wie ein Aufzug eines Dramas, nach welchem man mit einiger Spannung auf das in die Höhe Gehen des Vorhangs zu den folgenden harrt. Was mochte mich erwarten? Nur Trauriges, so schien es mir damals, konnte mir begegnen; mit einer Art bitterer Genugthuung über mein unbestreitbares Unglück quälte ich mich mit dem Gedanken, daß meine Mutter mir nun genommen werden würde, daß sie sterben würde in Armuth und Kummer um mich. Dann machte ich mir wieder Vorwürfe über dies »Schmerzbehagen« und suchte zu hoffen. So schwankte es in mir und ich fand keine Ruhe.

Ich näherte mich nun der Station; aus der Ferne hörte ich den Pfiff der Locomotive und dann, weiterhin, all den unerquicklichen Lärm eines Bahnhofs. Und jetzt fiel mir erst Forster ein, den ich ganz vergessen hatte, und ich fing an, mich vor der bevorstehenden Reise mit ihm ein wenig zu fürchten. Aber er war so gut und ehrenhaft, er konnte doch gewiß diese Gelegenheit nicht benutzen wollen zu einer Erklärung, vor welcher ich eine wahre Todesangst hatte.

Der Wagen hielt und nun kam er auch schon herzu und half mir heraus und gleich hatte ich Gelegenheit, die Vortheile seiner Begleitung zu empfinden. Er führte mich, ohne eine Wort über sein Mitgehen zu verlieren und als ob sich das Alles so von selbst verstände, sogleich zum Wartesaal, wo er mich zu verweilen bat, während er zurückging, das Gepäck besorgte und Billets nahm.