Part 5
Er sprach dies, wie es schien, mehr zu sich als zu mir, und als rede er von etwas, das seinen Gedanken nicht fremd sei. Ich aber richtete mich hoch auf, sah ihn fest an und entgegnete ihm: »Ich will Ihnen sagen, gnädiger Herr, wie sie geändert werden können, diese traurigen Verhältnisse; sie können es, indem meine Mutter auf dem Rechtswege wieder zu den Gütern meines Vaters gelangt, die ihm vor zwanzig Jahren -- abhanden gekommen sind«, bezwang ich mich zu schließen; mir hatte etwas Anderes auf der Zunge geschwebt. Da war sie nun, die Kriegserklärung -- mir war, nachdem ich sie ausgesprochen, als schwebe jetzt etwas über mir, was alle Augenblicke auf mich niederstürzen könnte. Auf den Freiherrn jedoch schienen meine Worte nicht den Eindruck zu machen, den ich gefürchtet hatte; er sagte sogleich in ruhigem Tone: »Fahren Sie fort, Fräulein Base! Die Güter gehören zum Theil jetzt mir, das heißt, ich habe sie gegenwärtig in Besitz. Sie wollen einen Process gegen die Erbrücker und mich anhängig machen?«
»Ja, das will ich, sobald ich von rechtskundiger Seite erfahren haben werde, ob irgend eine Chance für uns da ist!«
»Ich verdenke es Ihnen nicht«, sagte er leicht, »aber wissen möchte ich doch, ob dieser landesflüchtige Herr Doctor Ihnen die Idee zuerst in den Kopf gesetzt hat. Verzeihen Sie meine Hypothese, aber Sie scheinen vertraut mit ihm. Ihre Frau Mutter hatte, soviel ich weiß, nie die Absicht --«
»Halten Sie ein, Herr Freiherr!« rief ich entrüstet. »Sie mögen sich sicher dünken auf dem erschlichenen Besitzthum -- wahrscheinlich sind Sie das auch, denn wer die Macht hat, hat gewöhnlich das Recht -- aber meiner spotten sollten Sie doch nicht. Die Idee, wie Sie meine Absicht zu nennen belieben, ist in mir aufgestiegen, als ich eines Abends vor meiner Mutter saß und sie mir ihre Geschichte erzählte, eine Geschichte des Leidens, der entsetzlichsten Kränkungen, der Verfolgung, des Unterliegens. Kennen Sie jene Geschichte, mein Herr? Ihre Aeltern haben darin mitgespielt, Sie selber nicht; kennen Sie den wahren Sachverhalt?«
Ich war so erregt, so ganz aufgegangen in dem Gegenstande unseres Gesprächs, daß ich Zeit und Ort vergessen hatte; wir waren unwillkürlich nach dem fernern Ende der Terrasse hingegangen, weit von uns standen die Uebrigen in einer Gruppe, wir achteten ihrer nicht. Und noch heute, wenn ich jene Scenen überdenke, die mir fest im Gedächtniß geblieben sind, noch heute erschrecke ich fast vor der Art und Weise, in welcher ich zu dem Freiherrn sprach; ich kann nicht begreifen, woher mir der Muth kam, dem hohen, stattlichen, sichern Cavalier gegenüber. Er antwortete auf meine letzte Frage nicht, und während er schwieg und vor sich hin sah, hingen meine Augen begierig an seinem Munde. Endlich richtete er das Antlitz in die Höhe und seine Blicke begegneten den meinen -- er schlug vor denselben die Augen wieder nieder.
»Sie haben sehr harte Worte gegen mich gebraucht, Fräulein«, sagte er dann dumpf, »aber wenn ich mich an Ihre Stelle versetze, kann ich Ihnen nicht Unrecht geben. Sie glauben also, daß das Urtheil, welches uns damals die Güter Ihres Vaters zusprach, ein ungerechtes gewesen?«
»Ja, ich glaube es, fast möchte ich sagen, ich weiß es, obgleich mir nicht bekannt ist, auf welchen Grund hin man die Rechte meines Vaters anzutasten gewagt hat. Meine Mutter hat leider über diesen wichtigen Punkt geschwiegen. Ich habe an sie geschrieben und mir Auskunft erbeten; ein Brief von ihr ist angekommen und durch eine Nachlässigkeit mir vor der Abreise von C. nicht zugestellt worden. Seitdem ich Sie nun hier gesehen, ist mir eingefallen, daß Sie mir auf meine Bitte diese Auskunft gewiß nicht verweigern würden. Die Motive zu dem Verfahren gegen meinen Vater kenne ich wohl, aber nicht den Vorwand, welchen man benutzt hat, um es ins Werk zu setzen.«
»Den Vorwand?« sagte der Freiherr ruhig. »Hat nicht ein Gericht, ein wenn auch nicht unfehlbares, so doch vollständig competentes Gericht die Ansprüche beider Linien geprüft und die unserigen als gültig erkannt?«
Ich war seinem Raisonnement eben nicht zugänglich und entgegnete rasch und unbedacht: »Das beweist gar nichts. Der Fürst hat dem Gerichte den Ausspruch, den es thun sollte, dictirt; er wußte wohl, warum.«
Bei der Nennung des Fürsten hatte der Freiherr eine Bewegung wie unter dem Einfluß physischen Schmerzes gemacht; ich merkte auch, daß ich im Begriffe war, zu weit zu gehen, und wendete mich, um zu den Uebrigen zurückzukehren. Da hob der Freiherr noch einmal an: »Wenn Sie nichts dagegen haben, Fräulein, will ich mit Herrn Forster, der sich zu einer Mittelsperson ganz gut zu eignen scheint, Einiges in der Angelegenheit besprechen und ihm auch die Auskunft, welche Sie verlangten, geben. Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«
Die ersten Worte seiner Bemerkung hatten mich überrascht, ehe ich ihm aber für sein Anerbieten danken konnte, härtete mich wieder der Schluß: »Sie können dann thun, was Ihnen gut dünkt.«
»Das will ich«, sagte ich kurz. »Gute Nacht, mein Herr!« Und damit verließ ich ihn und eilte, nachdem ich mich von den Uebrigen verabschiedet hatte, nach meinem Zimmer, nicht um mich zur Ruhe zu begeben, mir war, als würde ich nie wieder ein Bedürfniß nach Schlaf fühlen können, so kreisten die Gedanken in meinem Kopfe, welche mich beunruhigten und mich jetzt häufig viele Stunden in der Nacht wach hielten. Manchmal kam es mir vor wie ein Traum, wie ein Betrug meiner aufgeregten Phantasie, daß ich den Freiherrn gesprochen haben sollte, ihn selbst, den deutschen Adligen, hier in den schottischen Bergen. Wie sonderbar war doch das Zusammentreffen! Wie sehr aber auch erhob es die Ideen, die mich seit einigen Wochen beherrschten, nun erst recht zu den wichtigsten, die es für mich geben konnte; nun mußte etwas geschehen, das Schicksal hatte selbst die Hand geboten. Und dann wendeten sich die rastlos arbeitenden Gedanken der Person des Freiherrn zu, seinem Betragen, seinen Worten, und da überfiel mich auf einmal eine entsetzliche Unruhe, als habe ich irgend etwas gethan, was sich nie wieder gut machen lasse, an irgend etwas Unnahbares gerührt, irgend etwas ganz, ganz verfehlt. Ich wußte mir dies Gefühl nicht zu erklären: ich rief mir Alles, was ich gesprochen, ins Gedächtniß zurück, ich mußte mir sagen, daß ich harte Worte gebraucht, aber keine, die nicht meine innigen noch bestehenden Ueberzeugungen ausgesprochen hätten. So suchte ich mich denn durch Gründe zu beruhigen, aber es wollte nicht gehen; wie hart, wie rücksichtslos, wie rachsüchtig, ja wie frei in meinen Ausdrücken mußte ich ihm vorgekommen sein! Und wenn auch, dachte ich dagegen, ist es nicht natürlich, daß ich keine freundschaftliche Gesinnung für ihn hege, noch zeigen kann? Er stammt aus jener verhaßten Familie und er muß ein gewissenloser Mann sein, sonst könnte er den Besitz der durch Trug und Tücke an sein Haus gekommenen Güter nicht ruhig genießen. Aber glaubte er an jenen Trug, jene Tücke? Er war ja noch ein Knabe gewesen zur Zeit jenes Processes; vielleicht, ja wahrscheinlich hatte sein Vater ihn nie eingeweiht in das Complot zwischen sich und dem Fürsten. Und dann -- und am quälendsten machte sich der Selbstvorwurf geltend -- wie schonungslos, wie unmädchenhaft hast Du auf den Makel seiner Geburt hingedeutet, an dem er unschuldig ist! So stritten sich die Gedanken in mir, klagten sich an und entschuldigten sich, bis ich mir meine Mutter vergegenwärtigte und ihre Erzählung mir wiederholte, um mich von neuem zu meinem Vorhaben zu stärken. Nun aber, während die stillen Stunden der Nacht an mir vorbeizogen, eine nach der andern, und mit dem nahenden Morgen kam das angstvolle Erwarten der Aufschlüsse, die mir durch Forster zu Theil werden sollten, und machte meine Pulse schneller schlagen, sodaß ich erst nach Sonnenaufgang in einen kurzen Schlaf verfiel, während dessen das arbeitende Gehirn die Gedanken, die es zuvor bewegt, aus ihrer Folge gerissen, in wirren Träumen durcheinander warf und zu sinnlosen Bildern verkettete.
Sechstes Kapitel.
Es erschien mir wie eine Vergünstigung des Schicksals, daß Herr Gray sich vornahm, die Zimmer in dem schöngelegenen Gasthause, welche wir inne hatten, noch für eine Weile zu benutzen und dasselbe zur Basis unserer Operationen in den nachbarlichen Bergen zu machen. Der Freiherr, für den sich gerade noch Raum gefunden hatte, blieb auch auf die herzliche Einladung der Familie, er möge sich ihren Ausflügen in der nächsten Zeit anschließen. Hier war nun auch Gelegenheit, sich die Briefe, welche inzwischen zu Hause angekommen sein mochten, zuschicken zu lassen. Frau Gray schrieb an die alte Köchin, die das Haus hütete, und drei Tage darauf erhielten wir ein ganzes Paquet Briefe.
Wir saßen gerade auf dem Balkon beim Frühstück, als der Postbote mit dem Ränzchen auf dem Rücken und dem Bergstock in der Hand angewandert kam. Herr Gray nahm die Briefe in Empfang; meine Augen hingen an ihm in fiebernder Erwartung, während er dieselben langsam durch die Hände gleiten ließ.
»Setzen Sie lieber Ihre Tasse hin, Fräulein«, sagte Forster neben mir mit leichtem Spott. »Sie zittern zu sehr, als daß Sie Ihre Manipulationen fortsetzen könnten.«
Ich gehorchte mechanisch und in demselben Augenblick streifte mein Blick den Freiherrn. Herausgefordert durch seinen Ausdruck, schaute ich wieder hin, er sah unverwandt auf mich, mit düsterem Gesichte, er wußte, was ich erwartete -- eine Anklage war es, eine Anklage ehrlosen Handelns, gegen seine Familie gerichtet. Aber mich kümmerte sein Aussehen wenig, denn John reichte mir eben mit einer komisch zerknirschten Miene, die nur ich zu deuten vermochte, den Brief meiner Mutter, um welchen er eine besondere Botschaft an die alte Wirthschafterin geschickt hatte. Nun endlich, endlich hielt ich ihn in Händen, nun brauchte ich die Aufschlüsse des Freiherrn glücklicherweise nicht mehr. Ich riß sogleich den äußern Umschlag ab und schaute auf das Couvert mit den theuern Schriftzügen meiner Mutter; liebkosend deckte ich dann wieder die rechte Hand darüber und schaute auf, froh in der Sicherheit des Besitzes. Da begegnete ich zuerst John's lachenden braunen Augen, der liebe Junge nickte mir freundlich zu; und nun mußte ich auch wieder nach dem Freiherrn hinsehen: er hielt die Augen auf meine Hände gerichtet, mit denen ich den Brief wie ein Kleinod umfaßt hielt. Mich beschlich in dem Augenblicke ein Gefühl der Furcht vor ihm, welches ich noch gar nicht gekannt hatte. Wäre er doch weit fort von hier, dachte ich.
Es wurde nun, wie gewöhnlich am Morgen, über die weitere Verwendung des Tages verhandelt und der Punkt gewählt, welchen man in Augenschein nehmen wollte. Da die Entfernung keine geringe war, mußte sofort aufgebrochen werden, meine Unlust zu der Expedition war aber so groß, daß ich Kopfweh vorschützte und um die Freiheit bat, zu Hause bleiben zu dürfen. In einer halben Stunde zog Alles ab und nun war ich endlich allein; ich setzte mich auf dem kleinen Kanapee in meinem Zimmer zurecht, ganz sicher, nicht gestört zu werden, und fing an zu lesen. Wie ich gewollt, hatte die Mutter meine Anfrage als aus einer Art Neugier hervorgegangen betrachtet und beantwortete sie daher erst am Ende des Briefes, nachdem alles Uebrige, was mich irgendwie interessiren konnte, berührt worden war, in folgenden Worten: »Ich dachte mir, liebe Margarethe, als ich Dir die Geschichte unserer Unglücksfälle erzählte, daß dieselben einigen Eindruck auf Dich machen würden. Lange überlegte ich, ob es nicht besser wäre, Dich noch unwissend zu lassen in Bezug auf dieselben, aber es schien mir schließlich nicht das Richtige. Du gingst fort, ich konnte sterben inzwischen, später wäre Dir vielleicht das oder jenes zu Ohren gekommen über die Vergangenheit Deiner Familie und hätte Dich mit Unruhe oder gar mit Zweifeln an unserer Ehre erfüllen müssen; auch war ich Dir eine Erklärung unserer so wenig standesgemäßen Armuth schuldig. Du berührst nun in Deinem Briefe einen Punkt, den ich damals von meinem Berichte ausgeschlossen hatte, aber ich sehe nach reiflicher Ueberlegung auch dafür keinen Grund mehr. Die Wahrheit, sei sie auch noch so herb, ist fast immer wohlthätig, und es ist uns für das Leben ein Muth nöthig, welcher der härtesten Wahrheit ins Gesicht zu sehen vermag. So wisse denn, daß man in jenem verbrecherischen Processe die Ehre der verstorbenen Mutter Deines Vaters angriff; man sagte aus, daß Dein Vater nicht der Sohn des Gemahls der Frau von Günthershofen sei, sondern eines Edelmanns, zu dem sie allerdings, sowie ihr Gemahl, in freundschaftlicher Beziehung gestanden hatte. Diese niedrige Anklage gegen eine längst verstorbene, edle, von ihren Freunden hochgeehrte Frau belegte man mit Beweisen in Form eines Briefwechsels zwischen ihr und jenem Edelmann, angeblich unter den Papieren des letztern nach seinem Tode gefunden, gefälscht aber, ja für die Gelegenheit fabricirt, wie Dein Vater und ich überzeugt waren und ich es noch bin. Es thut sich hier vor Dir eine Tiefe der Bosheit auf, mein armes Kind, die Du wahrscheinlich nicht geahnt hast; Du erhältst auch zugleich Antwort auf Deine Frage, warum ich nie gegen die Besitzer unserer Güter gerichtlich eingeschritten sei. Zur Zeit wurde es, wie Du weißt, von Deinem Vater versäumt. Der Schlag hatte ihn zu hart getroffen und seine Thatkraft gelähmt; es wäre auch da schon fast hoffnungslos gewesen und wurde es im Laufe der Jahre immer mehr, da uns alle Beweise fehlten, daß jene Correspondenz wirklich eine gefälschte sei. Ich habe mit Sachwaltern darüber gesprochen und sie haben die Achseln gezuckt; wer mochte sich unter so ungünstigen Umständen, wo ein Erfolg nur durch die weitläufigsten, kostspieligsten Untersuchungen zu erzielen gewesen wäre, der Sache einer gänzlich verarmten Edelfrau gegen mehrere reiche und angesehene Familien annehmen, wer eine Skandalgeschichte wieder durchgehen, von welcher sich das Gefühl mit Abscheu abwendet. Die, welche durch ihre hohe Meinung Deine Großmutter und ihren Freund in Schutz genommen haben würden, waren längst todt, jener selbst war gestorben, ohne Verwandte zu hinterlassen, denen an der Klärung seiner Ehre gelegen gewesen wäre: unsere Sache war und ist hoffnungslos. Laß Dir daher an dem Bewußtsein genügen, meine Tochter, daß wir Unrecht leiden, aber keins begangen haben, und bedenke, daß es uns nicht zusteht, diejenigen zu beneiden, welche sich durch Meineid an uns bereichert haben.«
So schloß meine Mutter. Ich saß eine lange Zeit ganz still, nachdem ich den Brief zu Ende gelesen, und suchte vergebens meine Gedanken zu sammeln; ich konnte mich nicht fassen, ich war wie betäubt, als habe ich einen Schlag erhalten. War denn das Alles möglich? Konnte die Bosheit mit einer so beispiellosen Frechheit Unschuldige angreifen, Lebendige und Todte? Und konnte und durfte sie so triumphiren? Lange wirbelte es mir im Kopfe und ich hatte nur ein dumpfes Gefühl unleidlichen Schmerzes, dann aber wurde ich ruhiger und merkwürdigerweise so ruhig, daß ich mich an die Stelle meines jetzigen Gegners, des Freiherrn Bardolph von Günthershofen, setzen, gleichsam von seinem Standpunkt aus die Angelegenheit ansehen konnte. Ich hatte ihm doch an jenem Abend und auch zuvor Unrecht gethan; er glaubte gewiß an die Gerechtigkeit seiner Sache, ja das Gericht sogar war vielleicht überzeugt gewesen und hatte redlich verfahren. Diese Ansicht besserte jedoch meine Stimmung keineswegs; noch nie war mir so wirr, so trüb zu Muthe gewesen, nie hatte ich mich so haltlos und elend gefühlt. Während ich, den Kopf in beiden Händen, dasaß, klopfte es an die Thür und Forster trat herein. Ohne im Anfang recht zu wissen warum, so dumpf war mir zu Sinne, fühlte ich Erstaunen bei seinem Anblick; erst als er seine Anwesenheit erklärend entschuldigte, fiel mir ein, daß ich geglaubt hatte, er sei mit den Uebrigen fort. Er habe auch Briefe von Wichtigkeit erhalten, sagte er, und sich deshalb der Partie nicht angeschlossen. Dann fragte er, da ihm mein verstörtes Wesen auffiel: »Schlechte Nachrichten?«
Ich hielt ihm schweigend meinen Brief hin, in dem ich mit dem Finger auf die Stelle deutete, an welcher er anfangen sollte zu lesen. Er setzte sich und las, ein-, zwei-, dreimal, dann sagte er ruhig: »Ich war nach den Aufschlüssen, welche mir der Freiherr gegeben hatte, hierauf vorbereitet; ihm scheint es, beiläufig, nie in den Sinn gekommen zu sein, daß hier ein Unrecht vorliege, und so peinlich es ist, kann ich doch nicht umhin, Ihnen zu sagen --«
»Daß Sie es auch nicht glauben«, unterbrach ich ihn. »O ja, ich weiß schon, weiß Alles, was Sie mir sagen können.«
»Das doch wohl nicht, Fräulein von Günthershofen«, entgegnete er mit unerschütterlicher Ruhe. »Deshalb erlauben Sie mir einige Bemerkungen. Der Anschein ist allerdings nicht zu Ihren Gunsten. Was man in der Sache thun könnte, wäre etwa Folgendes. Wir müßten das Gerichtsverfahren von damals genau prüfen, auf die Voraussetzung hin, daß der Ausspruch ohne genügende Beweise gefällt worden sei; man müßte einem Formfehler nachspüren, dessen Dasein mir nicht ganz unwahrscheinlich vorkommt. Auf diesem Wege aber, wohl dem einzigen, der sich einschlagen ließe, finden sich Schwierigkeiten vor, welche mir unüberwindlich scheinen. Das Fürstenthum ist inzwischen mediatisirt, das oberste Gericht mit dem in W. verschmolzen worden; ob sich die Acten überhaupt wiederfinden würden, ist sehr fraglich, jedenfalls würden die nöthigen Nachforschungen mit großen Kosten verknüpft sein. Sie werden kaum einen Anwalt bewegen können, die Sache zu übernehmen, es müßte es denn ein Freund, der über viel Zeit verfügen kann, aus Liebhaberei thun. Mein wohlüberlegter Rath also ist, mein Fräulein, daß Sie den Gedanken an einen Proceß aufgeben.«
Er schwieg und ich auch; ich war in Nachdenken versunken. Ich dachte an meine Mutter, wie sie nun bis zu ihrem Ende arm bleiben würde, und auch an meine eigene, ziemlich trübe Zukunft. Ich ging die Erzählung der Mutter noch einmal durch, das Bild meines armen Vaters schwebte mir vor, wie er, gebrochen an Geist und Körper, dem Grabe zuwankte und ich sagte mir, daß er nun doch nicht gerächt werden würde. Dabei aber herrschte eine große Ruhe in mir, ich fühlte keine Bitterkeit, sondern nur Trauer; es mochte der Umschlag sein nach der fieberhaft aufgeregten Stimmung der letzten Wochen, daß ich eine Mattigkeit in mir spürte, welche es mir fast wie eine Wohlthat erscheinen ließ, nun ruhen zu müssen, nicht um unser Recht kämpfen zu können. Denn daß unser Recht unterdrückt worden, daran zweifelte ich auch jetzt nicht. Durch alle meine Gedanken aber tönten abgerissen die Worte in mir wieder, welche Forster vor einiger Zeit fallen gelassen: Der Haß ist eine schwere Bürde; sie klangen mir im Ohr, ohne daß ich darauf gehört oder darüber nachgedacht hätte. So hatten wir beide lange Zeit geschwiegen, bis Forster wieder anfing: »Wollen Sie mir folgen, Fräulein?«
»Für jetzt, ja«, antwortete ich ihm, »denn was kann ich thun? Ich bin arm, ich habe keine Freunde, ich sehe die Unmöglichkeit ein, zu handeln, und bin kein Kind, welches mit dem Kopf durch die Wand will.«
»Könnten sich dann nur, während dieses Waffenstillstandes, freundliche Beziehungen zwischen Ihnen und dem Freiherrn bilden«, fuhr er fort. »Ich weiß, bei gewöhnlichen Menschen wäre dies nicht möglich, aber Sie beide müßten sich, meine ich, über Manches hinwegzusetzen vermögen, was Andere beschränkt. Von Ihrer Meinung über den Charakter Ihres Verwandten sind Sie wohl in etwas zurückgekommen, und der Freiherr hat in Bezug auf Sie keine Vorurtheile zu überwinden.«
War es ein gewöhnlicher Widerspruchsgeist, der mich überkam, zugleich mit der Ueberzeugung, daß der Doctor vernünftig rede, oder hatte er, trotz seiner Vernünftigkeit, mein von den Vorwürfen, die ich mir hatte machen müssen, schmerzlich erregtes Selbstbewußtsein zu unsanft berührt, das wüßte ich jetzt nicht zu sagen, so viel weiß ich nur, daß ich ihn höchst unliebenswürdiger Weise fragte: »Sagen Sie dies im Auftrage des Herrn von Günthershofen?«
Forster sah mich erstaunt an. »Nein«, erwiderte er dann; »der Freiherr will Ihnen wohl, aber er hat mir keinerlei Aufträge an Sie gegeben.«
»Nun, so lassen Sie ihn von mir wissen, daß ich sein Wohlwollen nicht brauche«, rief ich trotzig, und Forster, den meine Unart empören mochte, empfahl sich nach wenigen gezwungenen Worten. Ich sah ihn auch den ganzen Tag nicht mehr, und jener Tag, den ich allein und einsam verbrachte, ganz meinen quälenden Gedanken hingegeben, ist einer der traurigsten meines Lebens gewesen.
Siebentes Kapitel.
Unser Aufenthalt in den schönen schottischen Bergen näherte sich seinem Ende. Ich war froh darüber, denn mir war er seit der Dazwischenkunft des Freiherrn ein peinlicher gewesen; ich fühlte das Vergnügen der Freiheit und Ungebundenheit nicht wie die Uebrigen, auf mir ruhte ein schwerer Zwang. Der Frau Gray war mein stilles Wesen aufgefallen; in ihrer mütterlichen Art drang sie in mich, ihr zu sagen, was mir fehle, und trotzdem oder eben weil ich mein vollständiges Wohlsein behauptete, kam sie zu dem Schluß, daß mein Gesundheitszustand kein guter sei, daß mir die Strapazen und Aufregungen einer Reise nicht bekämen, daß ich zu Hause einen Zuschuß zu den Ferien erhalten und mich recht ausruhen müßte. Ich ließ das Alles zuletzt über mich ergehen, weil widersprechen nichts half. Besonders peinlich war es jedoch, wenn sie mir ihre Sorgfalt zu Zeiten angedeihen ließ, wo wir alle zusammen waren; meine beiden Landsleute wußten ja, was mir eigentlich fehlte; ich wagte dann auch stets noch einige schwache Proteste gegen die mir zugetheilte Rolle einer Leidenden. Nach einer solchen Scene war es, wo der Freiherr sich, als wir vom Abendessen aufgestanden waren, zu mir gesellte; ich wußte, daß er am nächsten Morgen abreisen würde, und fühlte Erleichterung bei dem Gedanken daran. Durch Gespräche bei Tische hatte ich erfahren, daß er zunächst nach Norwegen sich wenden wollte, um dort zu fischen, wie er sagte, und dann endlich nach seinen Gütern zurückzukehren gedenke. Herr Bardolph fing die Unterhaltung an, indem er sich nach meinem Befinden erkundigte.
»Sie sehen nicht wohl aus«, sagte er etwas unsicher; »ich fürchte, ich habe Ihnen durch meine Anwesenheit die Ferienreise verdorben.«
Da diese Voraussetzung genau mit der Wahrheit übereinstimmte, konnte ich es nicht über mich gewinnen, sie abzuwehren, wie es die Höflichkeit erfordert hätte; ich suchte nach etwas Unverfänglichem, das ich antworten könnte, und weil mir damals die gewöhnlichen Phrasen nicht recht zur Hand waren, so entstand eine unangenehme Pause. Der Freiherr sprach zuerst wieder; er fragte mich, ob es mir recht sein würde, ein wenig mit ihm den Bergpfad hinaufzugehen, es sei das letzte Mal, daß er mich belästigen wolle. Ich schloß mich ihm schweigend an und wir gingen zusammen in den herrlichen, warmen Sommerabend hinein. Die Luft wehte so lau um uns her, die Bergkräuter dufteten so würzig, das Abendlicht von dem klaren Himmel herab war so mild, daß mir das Alles bis ans Herz drang; ich fühlte meinen Trotz gegen den Freiherrn schwinden, ich schämte mich der kindischen Waffe und beschloß, ihm, der sich stets gütig und einfach gegen mich benommen hatte, nun auch freundlich entgegen zu kommen. Wir stiegen eine Weile schweigend bergan; der Pfad war steil und ich wurde in der letzten Zeit wirklich leichter müde als sonst wohl; so blieb ich endlich stehen, um Athem zu schöpfen. Der Freiherr wandte sich zu mir.
»Ich habe bisher nicht gewagt, Ihnen den Arm zu bieten«, sagte er mit einem ernsten Lächeln; »ich fürchtete, Sie würden mich abweisen.«