Verflossene Stunden: Novelle

Part 4

Chapter 43,583 wordsPublic domain

John spielte mit dem Gaste Ballschlag und ritt mit ihm zur Fuchshetze, welche die jungen Männer, es muß gesagt sein, trotz ihrer Barbarei, mit all der Freude der Jugend und Kraft am sich Austoben, am Wagen und Stürmen genossen, ruderte und turnte mit ihm und ließ sich zuweilen mit lustigem Augenzwinkern herab, sich beifällig über die Anstelligkeit des Doctors zu dergleichen auszusprechen. Die Mädchen endlich betrachteten ihn als eine ziemlich indifferente Acquisition, da es ihm an Aufmerksamkeit gegen die kleinen Bedürfnisse der Damen fehlte. Wenn wir zusammensaßen und es machte sich der Mangel einer Fußbank etwa geltend, so entdeckte er diesen Umstand erst, nachdem einer der andern Herrn aufgestanden war, den betreffenden Gegenstand zu holen. Dann sprang auch er auf, in verzweiflungsvoller Hast, lief eifrig suchend umher, gelangte dabei aber immer an den Ort zuletzt, wo, der Wahrscheinlichkeit nach, der fehlende Artikel sich finden mochte, und brachte endlich, nach langem Suchen, triumphirend drei oder vier herbei, während wir, längst im Besitz der kleinen Bequemlichkeit, ihm boshaft dankten.

Roger theilte mir übrigens auch mit, daß Herr Forster aus sehr guter Familie und wohlhabend genug sei, um eine Anstellung im Staate ganz entbehren zu können, daß er aber nichtsdestoweniger juristische Beschäftigung und eine gemeinnützige Wirksamkeit schmerzlich vermisse und sehnlich auf einen Umschwung der Dinge harre, der ihm die Rückkehr in das Vaterland ermögliche.

Viertes Kapitel.

Der Tag für unsere Abreise nach Schottland war herangekommen und noch hatte ich keine Antwort von meiner Mutter auf meine dringenden Anfragen erhalten. Meine Ungeduld und Pein waren fortwährend gestiegen; jeden Tag erlebte ich mehrmals, bei der Ankunft des Postboten, eine bittere Enttäuschung und mit jedem Tage wurde die Verzögerung der Antwort unerklärlicher und beunruhigender. Ich hatte nun einmal fast für nichts Anderes Raum mehr in meinem Kopfe, als für jene Angelegenheit; mir schien, als sei schon so viel versäumt worden, als dürfe man jetzt nicht länger zögern mit dem Versuche, sich Recht zu verschaffen. Daß meine Mutter mir ernstliche Hindernisse in den Weg legen würde, daran dachte ich kaum, und wenn mir der Gedanke einmal kam, wies ich ihn sofort zurück. Aber was bedeutete ihr Schweigen? War sie krank? Eine neue verzehrende Sorge zu den innern Aufregungen der letzten Wochen. Eine Post war noch übrig; kam damit kein Brief, so mußte ich für einige Zeit alle Hoffnung aufgeben, da Herr Gray so zu reisen beabsichtigte, daß für den Anfang keine Adresse angegeben werden konnte, unter welcher uns Briefe erreicht hätten.

Es war gegen neun Uhr Morgens; um zehn reisten wir. Ich war in meinem Zimmer, wo ich einige Kleinigkeiten an meinem Gepäck besorgte; so oft die Klingel der Hausthür sich hören ließ, mußte ich einige Sekunden aufhören, weil ich heftig zitterte. Ich horchte dann angestrengt; war ein Brief für mich gekommen, so mußten sich alsbald Schritte meinem Zimmer nähern. Drei-, viermal hörte ich nichts; endlich, nachdem wieder geklingelt worden war, kam man die Treppe herauf. Ich riß meine Zimmerthür auf und lauschte den sich nähernden Schritten; es war das Kammermädchen; sie kam in den Gang und machte Miene, an mir vorüberzugehen, erschreckt aber durch mein verstörtes Gesicht, blieb sie stehen und fragte mich theilnehmend, was mir fehle. »Kein Brief für mich, Burbett?« fragte ich leise; die Aufregung der Erwartung schnürte mir fast die Kehle zu. »Die Post ist noch nicht da, Fräulein«, sagte sie etwas befremdet. Ich athmete auf und ging in mein Zimmer zurück, noch war Hoffnung da. Und nun, da ich fürs erste beruhigt war, fing ich an einzusehen, daß meine Aufregung, in welche ich mich selber nach und nach hineingearbeitet hatte, eigentlich eine sehr thörichte und grundlose sei. Am Ende kam es ja so sehr auf Eile in dieser Angelegenheit nicht an, und wie Vieles und welche geringfügigen Ursachen konnten die Mutter vom Schreiben abgehalten haben! Wußte sie doch nichts von meiner Absicht bei der Frage an sie, dieselbe mochte ihr wie eine natürliche Neugierde vorkommen, angeregt durch ihre Erzählung. Sie liebte es nicht, wenn ich ihr zweimal hintereinander schrieb, ohne ihre Antwort abzuwarten. Dies sei unnöthig, hatte sie gesagt; werde sie wirklich einmal ernstlich krank, so sei auf diesen Fall die Magd schon angewiesen, es mich sogleich wissen zu lassen, ein adressirtes Couvert liege zu diesem Zweck immer bereit. So beschloß ich denn, mich zu gedulden, mir mittlerweile alle Eventualitäten auszudenken und mir klar zu machen, was ich in jedem Falle thun müsse.

Wir stiegen in die Wagen, welche uns zur Station bringen sollten, Herr und Frau Gray mit den größern der »Kleinen« in einen, die beiden Wärterinnen mit den jüngsten Kindern in einen zweiten und in den dritten meine beiden Zöglinge, Herr Forster und ich, während Roger auf dem Bocke Platz nahm und John neben uns ritt. In ähnlicher Weise war unsere Karavane immer vertheilt, wenn wir uns zu Wagen fortbewegten, nur daß die Herren fast immer alle ritten, sobald Pferde zu haben waren. Unterwegs beugte sich Herr Forster vor und sagte lakonisch: »Noch keine Nachricht?« Ich schüttelte mit dem Kopfe. John, welcher eben dicht neben uns ritt, hatte die Worte gehört und rief plötzlich: »Ach, Fräulein, verurtheilen Sie mich, den ganzen Weg auf einem Esel hinter Ihnen herzureiten, oder zu etwas Schlimmerem, wenn's möglich ist. Gestern Abend, ja, es muß gesagt sein, gestern Abend kam ein Brief an Sie; die Mutter gab ihn mir, weil ich sonst, wie Jedermann weiß, die Zuverlässigkeit selber bin. Sie waren nicht zu Hause, nachher ritt ich noch einmal fort --«

»Aber wo ist er jetzt? Haben Sie ihn hier?« rief ich heftig.

»Er ist -- wahrhaftig, es thut mir entsetzlich leid -- er ist in der Tasche meines alten Jagdrocks. Aber vielleicht ist es noch Zeit, ihn zu holen!« rief der gutmüthige Junge, da er gewahrte, wie ich plötzlich ganz vernichtet aussah. Er sprengte sogleich davon, zum Wagen seines Vaters.

»Papa, kann ich noch einmal nach Hause reiten? Ich habe etwas vergessen.«

»Die zwei Meilen! Unsinn, John! Da läutet es schon zum ersten Male; komm, hole Deine Schwestern heraus. Du hättest nichts vergessen sollen.«

Wir stiegen aus. John kam sogleich ganz zerknirscht wieder zu mir; ich gab ihm die Hand, zu sagen fand ich nichts. Dieser Umstand erschien mir in meinem damaligen erregten Zustande wie ein Wink, das Sträuben gegen das Schicksal, welches uns nun einmal zur Armuth und Unterdrücktheit verurtheilte, aufzugeben; er entmuthigte mich mehr, als es seine eigentliche Wichtigkeit mit sich brachte, und ich verlebte die ersten Tage der Reise in großer Niedergeschlagenheit. Erst als der Anblick von Edinburg plötzlich mit zauberischer Schönheit auf uns hereinbrach, wurde ich von meinen trüben Gedanken einigermaßen abgezogen.

Fünftes Kapitel.

Wir befanden uns im schottischen Hochlande. Eines Nachmittags machten wir, das heißt die rüstigen Fußgänger der Gesellschaft, uns noch spät aus unserm Bergwirthshause auf, um eine naheliegende steile Höhe zu erklettern, von welcher aus wir den Untergang der Sonne beobachten wollten. Der Weg war äußerst beschwerlich, sogar gefährlich. Die jungen Herren befanden sich in ihrem Elemente. Wir kamen endlich auf dem erstrebten Punkte an, welcher übrigens nicht der Gipfel der Felspartie war, sondern eine weite Felsplatte, mit Moos, sogar mit spärlichem Grase bedeckt, unter der das todte, zerklüftete Gestein gewaltig ausgedehnt dalag, während im Rücken derselben die Felsen sich noch hoch, aber unersteiglich steil aufthürmten. Auf der Fläche fanden wir mehrere Gruppen und einzelne Reisende vor, welche sich ringsum aus den Thälern zu diesem bekannten Punkte hinaufgearbeitet hatten. Wir standen und saßen bald ungezwungen umher, uns dem herrlichen Schauspiel des Abendhimmels hingebend. Herr Forster fand sich, wie jetzt häufig, zu mir, auch John war bei uns, bis er unter den Touristen einige Mitschüler erkannte, denen er sich anschloß. Mein Landsmann und ich betrachteten nun in aller Muße die Naturschönheiten der Scene nicht nur, sondern auch was sich von Menschen in dieser Oede zusammengefunden hatte. Die Menschen waren meist Engländer, behäbige Spießbürger und übermüthige Studirende, ein ganzes Pensionat junger Damen, ein Geistlicher mit seiner zahlreichen Familie, außerdem auch einige Franzosen und andere Touristen, deren Nationalität festzustellen wir uns nicht getrauten.

»Haben Sie sich jetzt getröstet über John's Nachlässigkeit?« fragte mich Herr Forster, nachdem wir eine Weile zusammengestanden hatten. Ich drehte mich rasch nach ihm um, um zu sehen, ob er etwa seine spöttische Miene angenommen und mich mit dem Mangel an Selbstbeherrschung, den ich bei jener Gelegenheit gezeigt, necken wolle. Es schien nicht so, er sah ganz ernsthaft aus.

»Ich war außerordentlich ärgerlich darüber«, antwortete ich ihm, eine directe Antwort vermeidend.

»Ja, das konnte man sehen, das hätten Sie mir nicht zu sagen gebraucht; aber es kommt doch auf Verzögerung jener Antwort so gar viel nicht an. Setzen wir jedoch den Fall, Sie hätten dieselbe, wir fänden die Mittheilungen Ihrer Frau Mutter wichtig, ich sagte Ihnen nach meiner Ueberzeugung, daß der Stand der Angelegenheiten Sie nicht hindere, Ihre Verwandten vor Gericht zu ziehen, wollten Sie es denn wirklich zu einem Processe kommen lassen?«

Ich sah ihn verwundert an, ich verstand ihn gar nicht.

»Ich meine«, fuhr er fort, und seine Stimme hatte etwas Strenges bei den folgenden Worten, »wollen Sie versuchen, Ihre Verwandten von den Gütern zu vertreiben und sich an ihre Stelle zu versetzen?«

»An _ihre_ Stelle!« sagte ich jetzt in einiger Aufregung, in der es mir nicht darauf ankam, mit seinen Worten zu spielen. »Ich verstehe Sie nicht, Herr Forster! Die Leute sind gar nicht an ihrer Stelle! Was in aller Welt, welche Rücksicht, welche lächerliche Schwäche sollte mich abhalten, mir Recht zu verschaffen, Recht, Recht! Ich dürste danach, diese Eindringlinge zu vertreiben; wohin, ist mir gleich und wäre es ins Elend, in welchem wir so lange leben mußten!«

»Fräulein von Günthershofen!« sagte er beschwichtigend in einem Schulmeisterton.

»Was wollen Sie!« rief ich jetzt, immer erregter werdend und indem ich in der erhöhten Stimmung des Augenblicks unbewußt eine Hypothese aufstellte, die sich nachher als Wahrheit erwies. »Soll auf der Ehre meines Vaters, vielleicht der Mutter meines Vaters ein Makel bleiben? Soll meine Mutter, meine verehrungswürdige Mutter ferner in Dürftigkeit ihre Tage verbringen, weil mir der Muth fehlt, eine Schmach aufzudecken, über die eine Reihe von Jahren dahingegangen ist? Nein, Alles will ich daran setzen, daß wir Recht erhalten, nur Recht, weiter nichts!«

Er sah mich verwundert an. »Das altadlige Blut hat bei Ihnen noch nichts von seiner Hitze eingebüßt«, sagte er dann und lächelte. »Aber lassen wir das! Sehen Sie nur, wer ist denn das, der sich dort so lebhaft mit Ihren Zöglingen unterhält?«

Mich berührte der rasche Uebergang in seiner Rede sehr unangenehm; es kam mir vor, als habe er nur mit meiner Erregbarkeit experimentiren wollen; ich konnte nicht sprechen und wandte mich ab, anstatt der von ihm bezeichneten Richtung mit den Augen zu folgen. Herr Forster schwieg nun eine Weile und schien selbst die Gruppe, auf welche er meine Aufmerksamkeit hatte lenken wollen, zu beobachten; endlich berührte er mich leicht am Arm und sagte freundlich: »Kommen Sie, liebes Fräulein, verderben Sie sich den schönen Abend nicht. Der Haß ist ein schlimmer Gast im Herzen; dasselbe kann, während es ihn beherbergt, nicht glücklich sein.«

Diese wohlfeile Weisheit dünkte mir ganz unerträglich, die Thränen stiegen mir auf, ich wollte mich nicht so meistern lassen. Nach einigen Augenblicken jedoch gewann die Ueberzeugung die Oberhand in mir, daß ich es eigentlich nicht besser verdiene; meine Reizbarkeit und Erregtheit kamen mir geradezu kindisch vor, ich bezwang mich mit einiger Anstrengung, drehte mich herum und wollte versuchen, unbefangen zu den Uebrigen hinzugehen. Aber was war das? Wer, um Gotteswillen, wer stand einige Schritte von mir bei den jungen Grays? Sollte mir denn die Selbstbeherrschung gar so schwer gemacht werden? Welche sonderbare Aehnlichkeit hatte jener große stattliche Herr mit einem Andern, den ich freilich nur einmal in meinem Leben gesehen, dessen Bild sich aber meinem Gedächtniß unauslöschlich eingeprägt hatte? In mir kämpften Neugierde und Angst sogar vor dem Scheinbild jener Gestalt, bis Herr Forster scherzend sagte: »Kommen Sie, Ihre Gouvernantenpflichten schon rufen Sie dorthin. Sind Sie nicht hier als Beschützerin jener jungen Damen?«

So schritten wir denn zusammen auf die in einiger Entfernung stehende Gruppe zu. Sie bestand aus meinen beiden Zöglingen, die sich in ihren hellen hübschen Kleidern, mit den leichten, blaubebänderten Strohhüten, welche so gut zu den rosigen Gesichtern und den schönen blonden Haaren paßten, gar anmuthig ausnahmen, ihrem Bruder Roger und einem vornehm aussehenden Fremden, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Er stand halb abgewendet von mir, im Gespräche auf die Tiefe vor uns deutend; jetzt drehte er sich herum, ich konnte ihm in das Gesicht sehen und nun war mir's, als müßte _ich_ mich fortwenden und davoneilen, ehe er mich erkennen konnte, die Felsen hinab, in die Einöde hinein, nur fort aus seiner verhaßten Nähe. Aber zum Fortlaufen, wenn es auch die Umstände erlaubt hätten, war es zu spät, der Freiherr hatte mich gesehen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, eine Bewegung, die ich ihm so übel wie möglich auslegte -- er wollte sich gewiß nur fassen zu einer Förmlichkeit, wie sie sich der armen Verwandten gegenüber schickte, die so unbequem vor ihm aufgetaucht war; vielleicht verleugnet er mich gar, dachte ich, aber ich hatte mich getäuscht. Sehr freundlich -- sogar mir konnte sein Benehmen nicht anders als freundlich vorkommen -- that er mir ein paar Schritte entgegen und streckte seine Hand nach der meinigen aus; ich reichte ihm dieselbe nicht, sondern verbeugte mich nur. Seine leichte Höflichkeit glitt über diesen kleinen Zwischenfall hinweg; mit den herzlichsten Ausdrücken begrüßte er mich als seine Cousine -- welches Vorgehen ich ihm nur als Heuchelei auslegte -- und erwies sich, während mein Benehmen den Uebrigen bis zur Ungeschliffenheit zurückhaltend erscheinen mußte, so liebenswürdig, daß sich alle, Herr Gray, welcher inzwischen auch auf dem Plateau angelangt war, nicht ausgenommen, von ihm bezaubert fanden. Ein Gespräch, anfänglich nur von ihm und Roger geführt, hatte sich, wie ich nachher erfuhr, durch die Umgebung angeregt fesselnd weitergesponnen, bis alle hineingezogen waren; auf Reisen wird man leicht bekannt und die Grays gehörten überdies zu den liebenswürdigsten, zugänglichsten Menschen. So stieg denn der Freiherr von und zu Günthershofen mit in den Gasthof hinab, wo er der Mutter vorgestellt wurde und auch sie durch seine ritterliche Galanterie sehr zu seinen Gunsten stimmte. Er speiste mit uns zu Abend und befestigte bei allen den durchaus angenehmen Eindruck, welchen er gemacht hatte; an mich richtete er nur von Zeit zu Zeit ein Wort und dann in einer gewissen schonenden Weise, als wisse er nach meinem vorherigen Benehmen nicht, wessen er sich von mir zu versehen habe, und fürchte eine Probe Günthershofen'scher Rücksichtslosigkeit.

Alle waren in der heitersten Laune außer mir. Ich eilte nach Tische schnell fort, aber wohin sollte ich mich wenden, um die Einsamkeit zu finden, nach der es mich so sehr verlangte? Wir waren in den obern Zimmern für wenige Tage eng zusammengepackt; dort hielten sich jetzt die Kinder und das Dienstpersonal auf. Hinter dem Hause befand sich ein Gärtchen, auf dasselbe gingen aber die Fenster des Speisesaals, in welchem unsere Gesellschaft noch beisammen saß, und man hätte mich sehen können. So setzte ich denn meinen großen Strohhut auf und eilte aus der vordern Thür den Weg hinauf, den wir vor kurzem herabgestiegen waren. Noch währte die lange Dämmerung des Sommertags; es war ziemlich hell und ich schritt rasch fort, fliehend eigentlich vor den peinlichen Empfindungen, die mich in der Nähe des Gastes unten bestürmten.

An einer lieblichen Stelle des Pfades, wo moosüberzogene Steinblöcke gelagert waren, über welche blühender Flieder herabhing, setzte ich mich, und hier überkam mich das Gefühl der Einsamkeit so sehr, während ich an die Uebrigen dachte, welche unter fröhlichen Scherzen zusammenweilten, und ich fühlte plötzlich ein so heißes Verlangen nach meiner Mutter, die in ihrem ärmlichen Stübchen auch einsam saß, daß ich die Arme vor mir auf einen Felsblock legte, das Gesicht hineindrückte und den Thränen freien Lauf ließ, die ich seit Wochen schon so oft zurückgedrängt hatte. Aber auch diese Erleichterung sollte mir verkümmert werden; ich hörte Schritte sich nahen und richtete mich schnell in die Höhe, der einzelne Fußgänger wurde sichtbar und ich erkannte aufathmend den Doctor. Erst schritt er an meinem Zufluchtsorte vorüber, dann wandte er sich plötzlich, wie von einem Einfall getrieben, um und stand im nächsten Augenblicke vor mir. Sowie er mich gewahr wurde, erhob er drohend den Finger: »Sie werden sich erkälten, Fräulein.« Statt aller Antwort begnügte ich mich meinerseits zu bemerken, als spiele ich auf ein uns beiden bekanntes Thema an und es brauche keiner Einleitung:

»Das ist der Freiherr!«

»Ihr Feind«, ergänzte er, »den Sie von Haus und Hof vertreiben wollen.«

Ich nickte. »Hassen Sie ihn noch?« fragte darauf der Doctor mit einer so eigenthümlichen Betonung, daß mir plötzlich der Gedanke aufstieg, Herr Forster halte mich für und behandle mich wie ein Kind, dessen Launen man nachgeben müsse, um heftige Scenen zu vermeiden; eine Angst überfiel mich bei dieser Idee, die mir die Kehle zuschnürte. Ich mußte ihm beweisen, daß er sich irre, daß ich wisse, was ich wolle, und vor den Folgen meiner Handlungsweise nicht zurückschrecke. Deshalb sagte ich sehr ruhig, indem ich mich erhob: »Ich habe den Freiherrn vermieden, weil es mir peinlich war, mich von ihm in einer Weise behandeln zu lassen, die auf freundschaftliches Einvernehmen deutet.«

»Er weiß also nicht, wie Sie gegen ihn fühlen?« fragte Forster.

»Ich glaube nicht; er soll es aber wissen, ich werde mit ihm reden, von ihm erfahre ich auch vielleicht, was ich von meiner Mutter zu hören wünschte.«

»Hoffen Sie gar nicht auf einen gütlichen Vergleich?« warf Forster dazwischen. Die Idee war mir ganz neu und ich antwortete demgemäß.

»Nun, es ist dergleichen schon öfter dagewesen«, meinte er. »Der Freiherr scheint nicht so übel; es muß Ihnen wirklich schwer fallen, seiner einnehmenden Persönlichkeit gegenüber Ihre feindseligen Absichten fest zu halten.«

»Das wüßte ich nicht«, erwiderte ich. »Das Gefühl des schmählichsten Unrechts, das einem zugefügt worden ist, frißt tiefer, als Sie zu glauben scheinen. Der Freiherr ist ein Cavalier und ein angenehmer Gesellschafter, das beweist noch nichts für seine Grundsätze. Jedenfalls will ich, da er hier ist, eine Unterredung mit ihm suchen.«

Mein Landsmann sagte hierauf nichts weiter, bis er mich nach einer Weile darauf aufmerksam machte, daß es immer dunkler werde und das Herabsteigen am Tage sogar nicht ungefährlich sei. So wendeten wir uns denn dem Thale zu. Der Weg war allerdings sehr beschwerlich und ohne des Doctors stützende Hand würde ich ihn kaum ohne Unfall passirt haben. Ich war aber so erfüllt von meinen Gedanken und Plänen, die sich jetzt besonders darum drehten, auf nicht allzu auffallende Weise eine Unterredung mit dem Freiherrn herbeizuführen, daß ich ihm kaum für seine Hülfe dankte und es mir auch gar nicht einfallen ließ, darüber nachzudenken, wie er eigentlich auf dieselbe abenteuerliche Idee hatte verfallen können wie ich, den Bergpfad am Abend noch aufzusuchen. Ueber unser Zusammentreffen erhielt ich jedoch bald Aufklärung. Vor dem Hause auf einer Art Balkon, der in der Höhe von einigen Stufen an der Fronte desselben hinlief, promenirten die Herren, indem sie ihre Cigarren rauchten. Als wir uns näherten, schritt uns der Freiherr entgegen.

»Meine Landsleute haben wohl als echte Deutsche den Aufgang des Mondes von jener Felsplatte aus beobachtet?« sagte er lächelnd. Forster nahm es auf sich, zu antworten.

»Fräulein von Günthershofen mag dergleichen Gelüste gehabt haben, ich fürchtete es wenigstens und stolperte die Felsen hinauf, hinter ihr drein, um sie womöglich unversehrt zurückzugeleiten, und hier sind wir nun, merkwürdigerweise, ohne den Hals gebrochen zu haben.«

»Ich habe bis jetzt versäumt, Ihnen für Ihre Dienste zu danken«, beeilte ich mich zu sagen und fügte hinzu: »Ich wußte gar nicht, daß Sie mit so guten Absichten oder daß Sie überhaupt mir nachgekommen waren.«

»O bitte, es ist gern geschehn«, erwiderte er hastig und ging dann mit einer etwas linkischen Verbeugung plötzlich von uns; ich blieb mit meinem Verwandten allein. Das Herz klopfte mir während des nun für einige Momente eintretenden Schweigens so stark, daß ich fürchtete, er möchte den Schlag desselben hören; jetzt war mir Gelegenheit gegeben zu der Unterredung, die ich so sehr herbeigewünscht hatte. Der Freiherr begann endlich -- er hatte galant seine Cigarre weggeworfen, als ob er auf eine verwandtschaftliche Plauderei rechne:

»Sie leben mit einer liebenswürdigen Familie, mein Fräulein, wenigstens scheint es mir so nach kurzer Bekanntschaft. Sind Sie zufrieden?«

Gereizt wie ich gegen ihn war, empörte mich diese einfache Frage; wie konnte er denken, daß ich zufrieden zu sein vermöchte, fern von meiner fast in Dürftigkeit lebenden Mutter, unter Fremden das Brod der Abhängigkeit essend!

»Ich kann, von meiner Mutter durch die Noth getrennt, wohl kaum zufrieden sein, Herr Freiherr«, antwortete ich ihm denn auch etwas gezwungen. »Ich sehne mich nach ihr, sie ist alt und bedarf meiner, man hat ihr weiter nichts gelassen als mich.«

Der Freiherr sah mich an, das fühlte ich, obwohl ich vor mich hin und nicht zu ihm in die Höhe schaute; ich mochte ihm ganz anders vorkommen als vor einigen Monaten im Stübchen der Mutter -- das arme Fräulein mit den edlen Entschlüssen und dem zu kurz gewordenen Kleide. Aber was lag auch Alles zwischen jenem Abend und diesem! An dem Abend noch hatte ich eine wahre Geschichte erzählen hören, die mich innerlich ganz umwandelte -- nicht zum Bessern, wie ich mir später wohl gesagt habe, die den Stolz weckte und den Haß einbürgerte in einem bis dahin gar einfältigen, guten Herzen. Auch äußerlich hatte ich mich verändert; die Mutter würde ihre Freude an mir gehabt haben, wenn sie mich gesehen hätte in den langen, weiten, schweren Kleidern, die ich jetzt trug, der damaligen Mode gemäß, und durch welche ich mir eine ganz andere Haltung angewöhnt hatte, als meine frühere gewesen.

Diesmal war die Pause länger als vorhin; offenbar wußte der Freiherr nicht, was er mir erwidern sollte, endlich sagte er leise: »Ja, es sind traurige Verhältnisse, sehr traurige, aber wie können sie geändert werden?«