Part 2
Die Mutter hatte den Besucher, während sie diese Worte sprach, unverwandt angesehen; auf seiner Stirn war die Röthe des Unwillens erschienen, als er aber nach einigen Augenblicken antwortete, war seine Stimme weich, man hörte ihm Mitleid und Schonung für die Mutter an.
»Sie sind durch Ihr freilich herbes Geschick wohl etwas unbillig geworden, hochverehrte Frau; ich fürchtete das, ist es doch kaum anders zu erwarten. Meiner ernsten Ueberzeugung nach befinden Sie sich im Irrthum über den Verlauf der Angelegenheit, einem Irrthum, den ich um so mehr beklage, da er von vornherein Alles, was ich noch sagen könnte, entkräften muß, während ich die Unmöglichkeit einsehe, ihn zu heben.«
Er schwieg nachdenklich. Die Mutter hatte sich inzwischen gefaßt und beherrschte von da ab die nicht mehr lange Unterhaltung mit vollkommener Ruhe, aber in einer Art, die dem Freiherrn peinlich sein mußte, denn geflissentlich lenkte sie stets von dem Gegenstande ab, über welchen er noch Manches auf dem Herzen zu haben schien; er mußte fühlen, daß der Zweck seines Besuchs, insofern derselbe eine Art Verständigung mit der alten Dame hatte bewirken sollen, verfehlt war. Höflich fragte sie ihn nach seinen Reisen, seinen Studien, den Ergebnissen derselben; seine Versuche, einige Worte von Herzen zu ihr zu sprechen, ignorirte sie völlig. So stand er nach kurzer Zeit auf, da in dem für mich beängstigenden Gespräche eine Pause eingetreten war. »Ich muß nochmals um Verzeihung bitten«, sagte er, sich leicht vor der Mutter neigend, »wegen meines Ueberfalls. Daß Ihnen ein Zusammentreffen mit mir nicht angenehm sein würde, fürchtete ich, verehrte Frau, aber ich konnte von meinem Standpunkt aus nicht anders handeln, als indem ich vor Ihnen aussprach, was Sie vorhin von mir gehört haben. Noch eins bleibt mir hinzuzufügen: wüßte ich, daß ein Unrecht vorläge, so würde ich stets bereit sein, dasselbe wieder gut zu machen.«
Die Mutter erwiderte diese Worte durch eine steife Verbeugung. Jetzt erst schien Herr Bardolph mich zu bemerken. »Fräulein von Günthershofen?« fragte er höflich. Meine antwortende Verneigung mochte linkisch ausfallen; noch nie war ich mir meines ärmlichen Anzugs so quälend bewußt gewesen als jetzt, vor dem vornehmen Träger unseres Namens.
»Ja, das ist meine Tochter«, bemerkte die Mutter ihrerseits und fügte mit einer gewissen bittern Genugthuung im Ausdruck hinzu: »Sie verläßt mich morgen, um die Stelle einer Gouvernante in England anzunehmen.«
Was dem Freiherrn das niedrige Zimmer, in welchem er sich befand, die Einrichtung, von der er uns umgeben sah, längst hatten sagen müssen, das sprach die Mutter mit diesen Worten zum Ueberflusse aus; er mochte Alles herausfühlen, was sie an herber Anklage hineinlegte, und daß solchen Verhältnissen gegenüber ein blos höfliches Zueinanderstehen zu den Unmöglichkeiten gehöre. So sagte er mir denn einige Worte der Anerkennung über meinen Entschluß, wobei er meine Hand ergriff, und ging dann. In der Thür aber wendete er sich noch einmal um. »Ich möchte Sie noch bitten, zu glauben«, sagte er, »daß nichts mir größere Freude machen würde, als Ihnen in irgend einer Weise dienlich zu sein. Es könnte ja für Sie, hochverehrte Frau, oder für Sie, mein Fräulein, immerhin ein Fall eintreten, in dem Sie eines männlichen Beistandes bedürften. Ihre Angelegenheiten würden mir dann am Herzen liegen wie meine eigenen.«
»Wo er nur diese bürgerliche Bonhommie her hat?« sagte die Mutter, als die Thür sich hinter dem Besucher geschlossen hatte, mit feindseligem Blick. »Die liegt doch wahrlich nicht in der Familie.« Und dann die bösen Worte: »Weißt Du, was das bedeuten kann, wenn einer von den Räubern so zu dem Beraubten spricht? Hätt' ich noch etwas zu verlieren, so würde ich denken, sie trachteten auch danach; so möchte ich den Schritt anders auslegen. Nun, wir werden sehen.«
Dies waren die einzigen Worte, welche die Mutter über einen Vorfall verlor, der mir viel zu denken gegeben hat. Sie ließ sich, wie ich bemerken konnte, durch den Besuch des Freiherrn von Günthershofen nicht im geringsten in ihrer Ueberzeugung in Betreff der vergangenen Ereignisse, von denen ich noch hören sollte, beirren, ja sie deutete denselben in einer Weise, welche diese Ueberzeugung unterstützte. Ihre Erzählung nahm sie, sobald wir uns zurecht gesetzt hatten wie zuvor, wieder auf, als sei kein Zwischenfall vorgekommen.
»Du wirst Dich erinnern, wo wir stehen geblieben sind. Nun, wir konnten nach dem, was ich vorhin andeutete, uns nicht mehr am Hofe aufhalten. Und bald darauf trug sich bei einer nothwendigen geschäftlichen Zusammenkunft zwischen Deinem Vater und dem Fürsten Einiges zu, was uns sogar den Aufenthalt im Lande unmöglich machte. Kind«, unterbrach sich hier die Mutter und sah mich ernst an, »es heißt, man solle Niemand hassen, die christliche Religion verbietet es. Ich habe ihrer Vorschrift in diesem Punkte nicht nachzuleben vermocht, fast möchte ich sagen, ich verwerfe dieselbe. Denn es gibt Menschen, die man hassen muß, mit all der Kraft, die unser Wille besitzt; wir würden an moralischem Werthe sinken, wenn wir in uns nicht den Haß gegen solche vorfänden. Gott Lob, ich kann hassen, einen Menschen freilich nur, und der eine ist der Fürst. Er ist lange todt, aber wie der höchsten Liebe ihre Gegenstände nicht sterben, wie sie mit gleicher Stärke Lebendige und Todte umfängt, so kennt auch der Haß den Tod nicht. Ich würde nicht sagen können, ich habe jenen Mann gehaßt, sondern nur: ich hasse ihn, hasse ihn in diesem Augenblicke und für alle Zeiten. Auch Du, Margarethe, so hoffe ich, wirst ihn hassen lernen, wenn Du erfahren haben wirst, was wir ihm Alles verdanken. Mir hat er die entsetzlichste Kränkung zugefügt, welche man einer Frau anthun kann, und dann, nach Art der ganz Schlechten, die sich vor den Folgen ihrer Schändlichkeiten nicht anders zu sichern wissen, als daß sie den alten stets neue beifügen, dann hat er Deinen edeln Vater ebenfalls bis auf den Tod beleidigt, ihn aus der Heimat vertrieben, beraubt, um Ehre und guten Namen gebracht, zum Bettler gemacht -- gebrochenen Geistes und Herzens ist einer der reinsten, besten Menschen im Elend gestorben.«
Traurige Erinnerungen mochten die Sprechende hier fast übermannen, sie fuhr erst nach einer Pause in leiserem Tone fort:
»Ich muß Dir das Alles genauer erzählen, meine Tochter, es ist Dir lange genug unbekannt geblieben. Wir gingen nach der Schweiz; in Frankreich hätten wir gern gelebt, aber das Land blutete noch an den Wunden der Revolution; in der Schweiz, am Genfersee, waren wir ferne Zeugen so mancher Bewegungen dort. Wir hatten bisher von den Einkünften unserer verpachteten Grundbesitzungen gelebt -- Dein Vater bezog keinerlei Gehalt mehr vom Fürsten -- nach einiger Zeit aber, kurz vor Deiner Geburt, traten plötzlich Stockungen in den Zahlungen ein. Durch Briefe wurde nichts geändert und Dein Vater entschloß sich, obwohl sehr ungern, selber nach B. zu gehen. Ich fügte mich der Nothwendigkeit der Reise, aber mir war entsetzlich bange dabei, ich hatte eine unerklärliche Furcht vor den Folgen derselben. Während der Abwesenheit Deines Vaters wurdest Du geboren, Margarethe. Kein Wunder, daß Du stets ein ernstblickendes Kind warst, daß Du den Zug der Traurigkeit im Gesicht noch jetzt kaum los werden kannst« -- ich versuchte zu lächeln, um meiner Mutter das Gegentheil zu beweisen, aber es mochte schlecht gelingen, denn sie schüttelte wehmüthig mit dem Kopfe -- »mit der Muttermilch«, sprach sie weiter, »hast Du vielen Jammer eingesogen, Du spätgeborenes armes Kind. Von Deinem Vater erhielt ich zwar häufig Nachricht, er schrieb mir die liebevollsten Briefe, aber sie sagten mir nicht genug, ich fühlte heraus, daß er aus Vorsorge für mich mir Manches verbarg, und dies versetzte mich in die quälendste Unruhe. So verging Woche auf Woche; die Zeit, wo sonst das Kind, das neugeschenkte Leben, der Mutter größte Freude, ihr ernstestes Studium ist, in welchem sich alle ihre Interessen concentriren, diese Zeit verfloß mir in Angst und Sorgen um Deinen Vater. Endlich kündigte er mir in einem kurzen, von Erregung zeugenden Schreiben seine baldige Rückkehr an. Der Tag kam; wir standen auf der Terrasse unseres Hauses, ich und die Wärterin mit Dir -- ach, ich weiß es noch, als wenn es gestern gewesen wäre. Obgleich ich nur zerstreut auf die Landschaft umher schaute, hat sie sich mir doch unverwischbar eingeprägt, gerade wie sie an jenem Tage erschien: der stille, kühle See, nach dessen Tiefe ich oft ein eigenes, wildes Verlangen hatte, die grünen Ufer mit glänzenden Häusern übersät, der Himmel darüber, an dem die duftigsten Wolken zogen, die köstliche Frische des ganzen Bildes. Und nun kam Dein Vater: die Landstraße zog sich am Fuße unseres Gartens hin, die Kutsche hielt, ich sah ihn heraussteigen und stürzte mich ihm entgegen. Auf der untersten Terrasse erreichte ich ihn erst, so langsam war er gestiegen. Er nahm mich in seine Arme und hielt mich lange fest, bis ich fühlte, wie er wankte; wir gingen nach einem Sitze und er fiel schwer darauf nieder, mit schlaffen Gliedern. Jetzt sah ich erst, wie sehr er sich in den wenigen Wochen verändert hatte. Sein Haar war völlig ergraut, seine sonst schönen, klaren und durchdringenden Augen blickten matt und trübe, aus dem Gesichte war die Spannkraft gewichen, das Bewußte, Gefaßte; offen stand für Jeden darauf zu lesen, der Mann war tief unglücklich, gebrochen. Er sprach nicht, sah mich auch nicht an, sondern blickte vor sich hin ins Weite. Mit namenloser Angst hing ich mit den Augen an seinem Antlitz; ich wagte auch nicht zu reden. Endlich legte ich leise meine Hand auf die seine, nannte ihn beim Namen und erwähnte unser Kind. Da fuhr Dein Vater auf. »Ja so«, sagte er mit einem Lächeln, das mir in die Seele schnitt, »unser Kind; komm, Louise, wir wollen zu ihm, es ist ja wohl in der Nähe.« Und wir stiegen zusammen hinauf, indem er sich auf mich stützte; er sei sehr müde von der Reise, sagte er, sehr müde.«
Hier hielt die Mutter inne, erschöpft durch die auf sie eindringenden schmerzlichen Erinnerungen. »Ich werde zu weitläufig«, sagte sie dann, »aber es ist schwer, sich kurz zu fassen bei einer solchen Erzählung. Ein jedes Wort weiß ich noch, was an jenem Tage zwischen uns geredet worden. Dein Vater hatte mir das Unglaublichste zu berichten. Man hatte sein Recht auf seine Erbgüter angetastet, der andere Zweig der Familie war mit Ansprüchen auf dieselben hervorgetreten, heimlich vom Fürsten begünstigt, welcher, wie ich glaube, die Schändlichkeit allein ins Werk gesetzt hatte, um uns für immer aus dem Wege zu räumen, seinem Haß und seiner Rachsucht folgend. So war das größte Unrecht begangen worden, eine schamlose Fälschung vorgenommen. Es war damals freilich noch Alles in der Schwebe, aber Dein Vater sah sich in einem Netze von Bosheiten, gegen dessen Gewirre er sich in seinem edlen Geradsinn vergebens zu wehren suchte. Der Kampf gegen offenes, von oben begünstigtes Unrecht ging über seine Kräfte, er zog sich zurück mit der Aussicht, ein Bettler zu werden. Du denkst vielleicht, Margarethe, er hätte nicht aufgeben dürfen, denkst, das Recht hätte am Ende siegen müssen, Dein Vater hätte standhafter und energischer sein sollen. Sein Alter aber und so manche Verhältnisse wirkten niederdrückend mit. Die Welt war damals in einer Gärungsperiode; die Zeit, in welche unsere Jugend gefallen war, schien durch eine große Kluft von der Gegenwart getrennt. Neue Ideen brachen sich Bahn; sie waren ihm, der sich stets in einem gewissen, scharf gezogenen Kreise bewegt hatte und in diesem mit vollkommener Reinheit und Einheit des Charakters, fremd, unheimlich beinahe; schon die Jahre, welche er in der Schweiz verbracht, so fern vom Langgewohnten, unter Menschen, deren Gesichtskreise so verschieden von dem seinen waren, daß sich fast kein Anknüpfungspunkt fand, schon diese waren Schmerzensjahre gewesen. Nun sollte zum Exil die bittere Noth treten, er sollte sein geliebtes Weib und ein kleines, einziges Kind darben sehen, sollte in seinem Alter noch, anstatt eines heitern Abends zu genießen, das würdige, greise Haupt sanft gebettet, die kleinliche, elende Noth des Lebens, täglichen Mangel kennen lernen -- das war zu viel. Seine Gesundheit litt unter diesen nagenden Gedanken, die Sorge um uns, der Kummer über die Entbehrungen, welchen wir nach seinem Tode preisgegeben sein würden, machten ihn beinahe wahnsinnig. Wir mußten uns einschränken, mußten unsern bisherigen Aufenthaltsort verlassen; es zog uns nach Deutschland zurück und wir ließen uns in C., einer kleinen Stadt unseres Nachbarländchens, nieder; dort verlebtest Du Deine ersten Jahre, Margarethe, zwischen traurigen Gesichtern. Deinem Vater war Dein Anblick stets ein Stich ins Herz, er war überhaupt menschenscheu geworden. Die Bestätigung seiner Befürchtungen erreichte uns bald: wir verloren Alles bis auf eine kleine jährliche Rente, das Legat einer alten Tante Deines Vaters, welches unantastbar war. Bisher hatte er es immer ganz den Armen überwiesen, jetzt bildete es unser einziges Subsistenzmittel, denn ich besitze kein Vermögen, wie es unsere Verwandten, unsere Rechtsfeinde, geglaubt hatten und noch zu glauben scheinen. Niemand wohl als eine Magd, ein Mädchen von unsern Gütern, welche treu zu uns hielt, hat gewußt, wie arm wir geworden waren. Du warst etwas über drei Jahre alt, da Dein Vater starb, der sich seit seiner Reise nach B. nie mehr erholt hatte.«
Die Mutter schwieg nun, sie hatte ihre Erzählung beendet. Ich hatte während derselben einen wahren Sturm von Gefühlen durchgemacht. Bald drangen mir die Thränen in die Augen und zwar nicht nur bei den traurigsten Momenten der Geschichte, ich mußte weinen, wenn die Mutter die frühern Zeiten schilderte, die jetzt so ganz, ganz vorbei waren, so abgeschnitten von uns für immer. Nicht daß der Gedanke an unsere jetzigen Entbehrungen mich traurig gemacht hätte, nein, dieselbe Wehmuth würde mich überkommen haben, wenn ich von aller Eleganz des modernen Lebens umgeben gewesen wäre. Es war nur das Gefühl des Wechsels in allen menschlichen Dingen, dieses Gefühl, welches einem den Boden unter den Füßen fortnimmt, sodaß man sich losgerissen von Allem und heimatlos vorkommt. Und dann stieg mir auch wieder alles Blut ins Antlitz oder drängte sich nach dem Herzen und nahm mir den Athem, wenn ich von dem brennenden Unrecht hörte, welches uns angethan worden war, wenn ich hörte, wie mein Vater und mein Bruder ja eigentlich auch -- so dachte ich wenigstens damals in meiner Bitterkeit -- gemordet worden waren durch jenen fluchwürdigen Hof, wenn ich an die zwanzig Jahre der Entbehrung dachte, die hinter meiner armen Mutter lagen. Aber einige Fragen brannten mir noch auf den Lippen. »Der Hof von B.?« sagte ich. »Ist eingegangen«, erwiderte die Mutter, bitter lächelnd. »Das Fürstenthum wurde, wie Du wissen wirst, mediatisirt und der Fürst, dessen Privatvermögen ziemlich bedeutend war -- er hatte in den letzten Jahren zu sparen angefangen -- zog sich nach Italien zurück, wo er starb. Die Fürstin war schon vor längern Jahren heimgegangen; eine Tochter war unglücklich verheirathet und hatte, wie man sich zuflüsterte, den Verstand verloren über einige Sonderbarkeiten ihres Gemahls; sie hat Jahre lang auf einem einsamen Jagdschlosse in tiefster Abgeschiedenheit gelebt, jetzt ist sie auch todt; die Söhne sind verschollen, wie ich glaube.«
»Und jene Günthershofen, welche sich unsere Güter erschlichen haben?« fragte ich weiter.
»Ei, die essen und trinken, freien und lassen sich freien«, sagte die Mutter bitter. »Es waren mehrere Brüder, Vettern Deines Vaters; einer hat viele Kinder, er wirthschaftet auf Erbrück; die Familie soll etwas verbauert sein. Der andere, ein geiziger, mißtrauischer Mann, welcher sich ein lebenslängliches Unglück in einer schönen, leichtfertigen und verschwenderischen Frau auf den Hals geladen, ist kürzlich gestorben. Bardolph ist sein Sohn, der ist nun Herr auf Günthershofen, dem Stammschlosse, Deinem Erbtheil.«
Also der war es! Ich begriff jetzt das abstoßende Benehmen meiner Mutter gegen den Freiherrn, ich theilte ihren Unwillen. Wie hatte er es wagen können, in unsere Nähe zu kommen, die Augen nur zu meiner edlen Mutter aufzuschlagen, er, der, ein Eindringling und ein Dieb, auf fremdem Erbe saß! War er etwa gekommen, um unsere Armuth sich anzusehen und sie vielleicht nachher in den Salons seiner Freunde zu Bonmots auszubeuten, oder, was noch schlimmer, uns achselzuckend zu bemitleiden, »die eigensinnigen armen Verwandten, die noch nicht einmal mit sich reden lassen wollen«? Ich sagte meiner Mutter, was ich dachte.
»Du weißt noch nicht Alles«, entgegnete sie mir. »Ich kannte ihn ja nicht, als er eintrat, und doch überlief es mich bei seinem Anblick -- er ist das Ebenbild des Fürsten. Seine Aeltern haben auch einmal bei Hofe gelebt; Seine Hoheit hat damals nur versuchen wollen, wie ich die Gunstbezeigungen aufnehmen würde, welche bei einer andern Frau von Günthershofen Anklang gefunden hatten.«
Ich war ein unerfahrenes, einfältiges Mädchen und verstand anfänglich die Mutter kaum, aber das Verständniß für Alles, was sie gesagt hatte, kam mir bald, da ich unaufhörlich im Geiste mir ihre Worte wiederholte und über dieselben brütete, und ich wurde fast plötzlich eine Andere; geistige Reife trat ein und mit ihr das Denken und der Schmerz. Wir saßen nun noch eine lange Zeit schweigend bei einander; meine Mutter hatte meine Hände in die ihrigen genommen und es war, als zöge ein geheimer Strom so von ihr zu mir, mir schien es, als sähe ich jetzt mit ihren Augen und fühlte mit ihrem Herzen, sie war mir näher gerückt als je zuvor. Soweit ich zu denken vermochte, war die Mutter zwar stets liebevoll und auch sorgsam, aber gar so unnahbar gewesen. So hatte ich schon vor Jahren bemerkt, daß von so manchen kleinen Künsten, welche Frauen beim Beschaffen des Nothwendigen oft anwenden müssen, die Mutter weniger verstand als ich. Jene Magd, von der sie gesprochen, ein tüchtiges Mädchen, hatte in meinen ersten Jahren das Hauswesen und meine Garderobe aufs sparsamste besorgt; als sie sich verheirathete und mit Thränen und mancher guten Lehre von mir Abschied nahm, fiel alles das zum größten Theil in meine kleinen Hände und verursachte mir vielerlei Sorge. Nicht daß die Mutter das Nähen und Beschicken unter ihrer Würde gehalten hätte, es fehlte ihr die stete Aufmerksamkeit auf das Geringfügige; sie hatte etwas unbeschreiblich Vornehmes in ihrem Wesen, und fast jede Frau, die mit ihr gelebt, hätte sich wohl stillschweigend in die Rolle einer Kammerjungfer neben ihr finden müssen. So hatten wir uns trotz aller Liebe nicht ganz nahe gestanden; ich fühlte, daß die Mutter in einer andern Welt hauste als ich, in einer Welt, von der meine Vorstellungen nur höchst unklar sein konnten, da die Mutter nie zuvor von der Vergangenheit, in welcher sie lebte, ein Wort zu mir gesprochen hatte. Jetzt schien diese Schranke plötzlich gefallen; ich wußte nun, was die starke Frau Alles ertragen hatte, und liebte sie wenn möglich noch tausendmal mehr als früher. Ich selber aber kam mir auf einmal ganz anders vor: herausgerüttelt war ich aus meiner harmlosen, fast demüthigen Weltanschauung; es war aber nicht etwa der Gedanke an den Rang meiner Familie, sondern die Gewißheit unverschuldeten Unglücks, welcher mir eine erhöhte Stimmung gab und für alle Folge auf meine Charakterbildung eingewirkt hat. Die Menschheit war in der Schuld gegen uns, wir hatten an sie zu fordern, und dies Bewußtsein erfüllte mich mit einer Art Stolz; ich sagte mir, daß ich in diesem Falle weit lieber leidend als handelnd mich verhalten wolle.
Die Mutter hatte lange mit einem finstern Ausdruck auf dem noch immer schönen Gesichte starr und aufrecht dagesessen; jetzt lösten sich ihre Züge, und sie sagte weich: »Es war nöthig, daß Du die Schicksale Deiner Aeltern kanntest, liebe Margarethe, sonst hätte ich Dir gern diesen Blick in das Treiben der bösen, bösen Welt erspart. Ich hoffe, mein Kind ist edel genug, um nicht dadurch den Glauben an die Güte der Menschen zu verlieren; es wäre schlimm«, fügte sie freundlich lächelnd hinzu, »wenn Du Deinen künftigen Zöglingen als Misanthropin gegenübertreten wolltest. Und nun laß uns von Deinem demnächstigen Wirken sprechen.«
Die Mutter hatte sich so weit mit meinem Fortgehen ausgesöhnt, daß sie mir manchen guten Rath, manche liebevolle Warnung mit auf den Weg gab. So verging der letzte Abend, den ich mit ihr zubrachte, uns in beinahe feierlicher Stimmung. Der nächste Morgen kam heran, der Morgen meines Reisetags. Ich ging, um Lebewohl zu sagen, zu den wenigen Familien im Städtchen, mit denen wir einigen Umgang hatten, und ließ mir die üblichen guten Wünsche mit auf den Weg geben. Zu dem Pfarrherrn kam ich zuletzt; auf seinen Segenswunsch freute ich mich, denn mir war weichmüthig zu Sinne. Er ergriff denn auch meine beiden Hände und sagte herzlich, wie er wünsche, daß ich dort in dem neuen Kreise Freunde finden möge. »Und einen Freund haben Sie ja hier«, fuhr er fort, »von dem Sie mir noch nie erzählt hatten; ein Freiherr von und zu Günthershofen« -- er betonte die Titel mit komischer Gravität -- »war heute Morgen bei mir. Er ist lange außer Landes gewesen, wie er mir erzählte, und wollte nun Einiges über Sie und Ihre Mutter wissen; er sei manchen Familienmitgliedern durch die lange Abwesenheit ziemlich fremd geworden, sagte er, wie denn das so gehe. Ein schöner, stattlicher Herr und sehr angenehm. Er sprach davon, daß es ihm hier in der Gegend gefalle und daß er vielleicht für einige Zeit seinen Aufenthalt in der Nähe nehmen werde; aber vorerst wollte er noch einige Monate reisen. Er erwähnte England, und es wäre nicht übel, wenn er Sie dort aufsuchte, liebes Fräulein; eine Gouvernante nimmt oft gleich eine ganz andere Stellung ein im Hause durch den Besuch eines Angehörigen und nun gar eines Barons. Ich sagte das und er bat um Ihre Adresse.«
»Und haben Sie ihm dieselbe gegeben?« brach ich endlich hervor. Ich hatte den alten Herrn bis hierher reden lassen, weil ich nicht wußte, wie ich meinem maßlosen Erstaunen und Zorn über das, was ich zu hören bekam, Worte geben sollte. »Haben Sie ihm die Adresse gegeben, hat er sie?« rief ich noch einmal.
»Ja, mein Kind, ja, und wäre Ihnen dies etwa unangenehm? Warum --«
Der Pfarrer brach ab und sah mich befremdet an, ich mochte sehr erregt aussehen. Sogleich bedachte ich aber auch, daß, wenn ich jetzt all meinem Unwillen und Aerger vor dem unvorbereiteten Freunde Ausdruck geben wollte, ich dadurch unserer guten Sache nur schaden würde. Sehr ruhig setzte ich ihm daher, soweit es sich thun ließ, auseinander, wie zwischen uns und der Familie jenes Herrn alle andern eher als freundschaftliche Beziehungen existirten, und hütete mich, die Entfremdung als eine romantische Familienfehde aus alter Zeit erscheinen zu lassen; ich sagte ihm, wie jene sich eingedrängt hätten in unsern Besitz und uns hinausgeschoben, und ich mußte erleben, daß der alte Herr den Kopf schüttelte und mir die Heftigkeit meiner Redeweise verwies.
»Gemach, gemach; man kennt Sie ja gar nicht wieder, Fräulein Margarethe«, sagte er. »Sehen Sie das Alles auch aus dem richtigen Gesichtspunkte an? Hatten jene Familien auf die fraglichen Besitzthümer gar kein Recht?«
»Nein, gar keins«, sagte ich rasch.