Part 10
Solche Anwandlungen gekränkter Eitelkeit hatte ich je zuweilen neben der immer prächtiger erblühenden Lucy, nicht ohne daß ich mich ihrer stets geschämt hätte, und das um so mehr, je enger ich in herzlicher Liebe und Anhänglichkeit mit der Familie Gray verbunden wurde. Sie hatten mich empfangen wie eine Tochter, die man längst erwartet; mit dem Takte der Herzensgüte richtete Frau Gray Alles wie für einen beständigen Aufenthalt um mich ein, ich sollte das Haus wie meine Heimat betrachten lernen. Von meinen Verhältnissen hatte ich Einiges fallen lassen, mehr schien die Dame, wie ich mir dachte, von dem Freiherrn erfahren zu haben; es war mir klar, daß man mich zwar für heimatlos, aber nicht für arm und von meiner Arbeit abhängig halte. Es kam mir vor, als überlasse man mir die wenigen Gouvernantenpflichten, welche der Unterricht der Töchter etwa noch forderte, nur um zu verhindern, daß ich mich für unnütz und überflüssig im Hause halte; als ich aber nach einiger Zeit der Mutter meine Scrupel, länger als Erzieherin bei ihr zu fungiren, eröffnete, da die jüngern Kinder eine Gouvernante hatten, bat sie mich so inständig zu bleiben, wußte so viel von dem guten Einfluß zu sagen, den ich auf die Mädchen haben sollte, von ihrer aller Gewöhnung an mich und dergleichen, daß ich mich auf eine Zeit lang wieder beruhigte.
Ich hatte das Haus ziemlich still gefunden bei meiner Rückkehr. John war in seinem ersten Semester zu O., wo er mit Forster, der an der Universitätsbibliothek eine ehrende Anstellung erhalten hatte, zusammen hauste; Roger war auf Reisen. Uns wurde indessen die Zeit nicht lang, wir gingen, ritten und fuhren umher, nähten und lasen und thaten, was jeder Tag verlangte; dabei wurde jedoch viel von den Abwesenden gesprochen und die Zeit leise herbeigesehnt, da man wieder einmal zusammensein würde wie »damals«, das hieß, den ersten Herbst nach meiner Ankunft.
Auch an jenem Nachmittage, da wir der zunehmenden Dunkelheit wegen unser Buch zugeklappt hatten, kam die Rede auf jene Zeit; wir sprachen von Forster, rühmten ihn und tauschten unsere Muthmaßungen über seine künftige Carrière aus, ob er sich ganz in England einleben, einen englischen Hausstand gründen und dazu ein englisches Weib nehmen, oder ob er, wenn eine Amnestie, welche halb und halb erwartet wurde, eintreten sollte, sich der Heimat zuwenden würde. Mit dem den Engländern häufig eigenen Ernst in kleinen Dingen wurden diese Möglichkeiten von den beiden jungen Geschöpfen neben mir gründlich erörtert. Darüber, daß man wisse, er habe von mir eine Zurückweisung erfahren und wie bleich und grämlich er danach umhergegangen sei, hatte ich schon früher vertrauliche Mittheilungen entgegennehmen müssen, jetzt meinte die kleine Blanche wieder: »Ach, wie haben Sie es auch nur thun können, Miß Margareth! Ein so guter Mensch! Ich würde es nicht übers Herz bringen, nein zu einem zu sagen, wenn ich sehen könnte, daß es ihn so sehr kränken würde.«
Ich war nicht aufgelegt, die Sache ernst zu nehmen und dem Kinde auseinander zu setzen, wie dieses Nein unter Umständen die heilige Pflicht eines ehrlichen Mädchens sei, wußte ich doch auch, daß sie nicht so einfältig sei, wie sie sich oft zu stellen liebte. Von der Schwester wurde sie wegen ihrer etwas weitgehenden Gutherzigkeit geneckt, und vielleicht um eine kleine Rache auszuüben, sagte sie leichthin: »Und wann kommt der Freiherr, Lucy? Hat er es Dir im letzten Briefe nicht mitgetheilt?«
Ich fühlte plötzlich die Nothwendigkeit, mich niederzusetzen; die Schwäche, welche ich weder vor noch nachher empfunden zu haben mich erinnere, mochte in den jüngsten traurigen Vorgängen zum Theil ihren Grund haben. Doch bemerkten die Mädchen nicht, daß Blanche, gegen ihren Willen, die Schwester mit ihrer kleinen Malice weit weniger getroffen hatte als mich; Lucy hob den schönen blonden Kopf langsam in die Höhe und sagte gleichmüthig: »Herr von Günthershofen schrieb mir, wie Du weißt, vor einem Monat zuletzt aus Südfrankreich und meinte, es wäre möglich, daß er Weihnachten bei uns zubrächte.«
»Und Du hast ihn in Deiner Antwort gebeten, sich durch nichts abhalten zu lassen«, fuhr die ungezogene Jüngere beharrlich fort.
»Nein«, sagte Lucy, die nicht aus der Fassung zu bringen war, mit einem schalkhaften Ernst, der sie zum Entzücken kleidete, »nein, das würde sich schlecht schicken; aber er weiß, daß wir uns alle freuen, wenn er kommt. Auch Sie haben Frieden gemacht, nicht wahr?« fragte sie mich, indem sie sich zu mir neigte und meine Hände zwischen ihre schlanken Finger nahm. »Gewiß«, erwiderte ich. »Und so ist es Ihnen nicht unangenehm, hier mit ihm zusammenzutreffen?« Ich antwortete, indem sich mir das Herz schmerzlich zusammenzog, mir wurde bang bei der Aussicht auf eine Zeit, da ich jeden Tag bittere Schmerzen zu leiden haben würde, ich fürchtete mich davor, wie man sich vor dem Zahnweh fürchtet.
Noch spät, als ich mich nach dem Abendessen auf mein Zimmer zurückgezogen hatte, saß ich vor dem Feuer und suchte mir klar zu werden, ob es nicht zu feig für eine Günthershofen sein würde, denn mein Geschlecht legte mir, wie ich damals glaubte, noch ganz besondere Verpflichtungen der Selbstzucht auf, wenn ich all der Pein, die mir bevorstand, auf gute Art zu entkommen suchte. Die Aeltern von Frau Gray, zwei liebenswürdige, sehr alte Leute, hatten mich wiederholt zu sich eingeladen, ich konnte den durch meinen Verlust sehr gerechtfertigten Wunsch nach einer Ruhe aussprechen, die für die kommenden Wochen im Hause nicht zu erwarten stand, und dort, fern im Norden Englands, eine stille Festzeit verleben. Aber eins ließ ich bei diesem Plane außer Acht, meine große Sehnsucht, den Freiherrn zu sehen, und wäre es auch nur auf wenige Augenblicke jeden Tag, und seine liebe Stimme zu hören. Das Verlangen nach ihm wurde denn auch immer mächtiger, je näher die Zeit heranrückte, in welcher wir seine Ankunft erwarten durften, die er inzwischen mit Bestimmtheit angesagt hatte; nach meiner damaligen verschrobenen Art zu denken aber wurde gerade dies Verlangen der Beweggrund für mich, meinen Fluchtplan immer ernstlicher ins Auge zu fassen. »Es ist eine Schwäche« -- das war der Name, den ich gern jeder natürlichen Regung beilegte -- »und ihr nicht nachzugeben bist du dir schuldig«; so sagte ich zu mir selber, und bedachte ich nun erst, wie ich auch das fröhliche Gesicht John's und Roger's freundlichen Ernst entbehren sollte und all die vielen behaglichen Scenen des köstlichen weihnachtlichen Familienlebens, so erschien mir die Reise erst recht als ein verdienstlicher Act der Selbstüberwindung.
Ich klopfte denn auch eines Tages an das Zimmer der Frau Gray, in der Absicht, ihr meinen Wunsch mitzutheilen. Die liebe Frau saß am Schreibtisch, beschäftigt mit der Expedition einer Anzahl jener Billets haushaltlichen Inhalts, deren die englische Hausfrau so viele schreibt, da der nothwendige Verkehr mit dem Fleischer, Krämer und Gemüsehändler größtentheils ein schriftlicher ist. Ihre anmuthige Erscheinung ist mir gerade von jenem Tage besonders im Gedächtniß geblieben. Die stattliche Höhe, das noch immer schöne und reiche, von vielen Silberfäden durchzogene Haar um ein liebenswürdiges, etwas scharfes Gesicht, dem man die frühere Schönheit ansah, die sichern, ruhigen Bewegungen, die gewinnende Art zu sprechen, alles das machte sie würdig und geschickt, an der Spitze einer so harmonisch entwickelten Familie zu stehen, als Gattin eines echten Gentlemans, als Mutter schöner, kräftiger und braver Söhne und Töchter. Sie sah mir an, daß ich eine Unterredung wünschte, und stand daher sogleich auf, um sich behaglich, auf Alles gefaßt, wie sie lächelnd sagte, am Feuer niederzulassen.
»Nun, mein Kind, was haben Sie vor? Nichts Geringes, das kann man Ihnen abmerken.«
Als ich mein Anliegen vorgebracht und begründet hatte, schüttelte sie den Kopf.
»Jetzt, in dieser Jahreszeit dahinauf -- Sie werden krank werden, und dann, gesetzt Sie kämen leidlich hin, dann die Weihnachtszeit in dem einsamen Hause verbringen, bei den Aeltern, die keine Einladungen mehr annehmen und zu denen gewiß in diesem Winterwetter auch kein Mensch kommt, da muß ja eine junge Seele wie Sie melancholisch werden. Und nun erst die Kinder hier! Was sollen die Mädchen ohne Sie anfangen? Und die Jungen, die werden es mir nie verzeihen, wenn ich Sie fortlasse. Sagt doch John in jedem Briefe, wie sehr er sich auf Sie freue, und Roger, der so große Stücke auf Sie hält!«
Sie war lebhaft geworden, jetzt hielt sie nach ihrer Art eine Weile inne und beschränkte dann selber ihre Gründe gegen meine Absicht.
»Ich darf freilich nicht nur an uns denken; wir würden Sie alle sehr vermissen, aber das ist Nebensache. Auch sind ja Blanche und Lucy alt genug, um im Hause selbstständig figuriren zu können, und in Gesellschaft zu Andern kann ich sie begleiten. John würde seine Enttäuschung mit Würde tragen müssen und Roger ist vernünftig genug, um Ihre Gründe zu ehren. Aber Sie selbst, liebe Maggie, sind Sie auch sicher, daß Sie das Rechte wählen? Denken Sie darüber nach, ob es im Sinne Ihrer Mutter gehandelt ist, wenn Sie sich von Freunden, von unschuldigen Familienfesten zurückziehen, um nur Ihren traurigen Erinnerungen zu leben.«
In dem liebevollsten Tone fuhr sie fort mir abzurathen, während ich schwieg und meine Lüge immer peinlicher, immer entwürdigender empfand. Ich konnte es zuletzt nicht mehr ertragen, stumm dazusitzen und mit sanftem Vorwurf, dem sich eine gewisse Anerkennung beimischte, mich von meinem Vorhaben abmahnen zu lassen, ich war auf dem Punkte, der mütterlichen Freundin Alles zu gestehen, ihr zu sagen, daß, so viel und so sehnlich ich auch immer an meine Mutter denke, der Schmerz um ihren Verlust nicht der Grund sei, weshalb ich das Leben hier für die kommenden Wochen so sehr fürchte, da störte uns irgend ein geringfügiger Vorfall, ein Dienstbote mit einer Frage, soviel ich mich erinnere, und als wir wieder allein waren, konnte ich die Worte nicht finden, die mir zuvor auf der Zunge geschwebt hatten. Wir verharrten eine Weile schweigend, bis Frau Gray sagte: »Wenn Sie bei Ihrem Wunsche bleiben, Maggie, so steht es mir nicht an, Sie zurückhalten zu wollen, nur werde ich Ihnen keinen sehr langen Urlaub bewilligen, denn ich halte mich für Ihre leibliche und geistige Gesundheit doch einigermaßen verantwortlich, obgleich unser Gesetz Sie für mündig erklärt. Einer von den Jungen soll Sie gleich nach Neujahr wieder hierher holen; Sie versprechen mir dann zu kommen.« Ich schlug zögernd ein, sie zog mich an sich und küßte mich. »Kind«, sagte sie, wieder Kind, wie der Freiherr schon damals mich genannt hatte. Mich peinigte das, so sehr mich die Güte der liebenswürdigen Frau rührte; fast wie der thörichte Tannenbaum im Andersen'schen Märchen, der nur wachsen will, sehnte ich mich danach, alt zu werden, um endlich einmal in der Welt für voll zu gelten.
Der Widerstand der Dame meinem Vorhaben gegenüber war Kinderspiel gewesen gegen den Sturm, den Lucy und Blanche dagegen erhoben; für nicht viel abenteuerlicher und absonderlicher als die projectirte Reise hätten sie es gehalten, wenn ich einen Zug nach Island gegen die Nebelriesen hätte unternehmen wollen. Uebrigens waren sie wirklich betrübt darüber, daß ich sie verlassen wollte, und das dauerte mich; ich kam mir zuletzt recht selbstsüchtig vor bei dem eigensinnigen Durchführen einer Maßregel, mit der ich doch nur mir selber Schmerzen ersparen wollte, welche schon so Viele haben ertragen müssen. Aber ich mußte fort, die leise Reue half nichts; traurig sagte ich dem Hause, dessen Fenster wohnlich schimmerten, um das die immergrünen Stechpalmenhecken freundlich standen, sagte dem leeren Park, der trauten Gegend auf einige Wochen Lebewohl.
Lucy fuhr mich selber nach dem Bahnhofe, obwohl sie noch ein wenig mit mir schmollte. »Wissen Sie«, sagte sie, nachdem wir einen Theil des Weges schweigend zurückgelegt hatten, plötzlich, »wissen Sie, daß ich die ganze Zeit bei mir gedacht habe, Sie gehen doch nur Ihrem Vetter aus dem Wege?« Sie sah mich dabei mit den großen Augen forschend an; zum Glück hatte die scharfe Luft, wie ich hoffen durfte, mein Gesicht schon geröthet, so mochte das Blut, was ich mir in die Wangen steigen fühlte, sich nicht weiter bemerklich machen. Im beruhigenden Bewußtsein dieses günstigen Umstandes vermochte ich denn auch bald gleichgültig zu fragen, wie sie darauf komme.
»Das will ich Ihnen sagen«, entgegnete sie und entwickelte nun ihre Gründe mit der Klarheit, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte. »Einen Mann wie Ihren Vetter kann man nicht so einfach nicht leiden können; entweder man hat ihn, an Ihrer Stelle natürlich, gern, schon weil er ein Verwandter, und hat ihn sehr gern, weil er ein überlegener, besonderer Mann ist, oder man sieht ihn ganz und gar mit feindlichen Augen an, denn nur so kann er einem mißfallen, und dazu gehört ein sehr triftiger Grund. Es steht etwas zwischen Ihnen beiden, das hab' ich damals gemerkt, darum ist Ihnen seine Nähe unangenehm.«
Ja, Lucy mit ihrer Annahme, die für eine junge Dame recht scharfsinnig war, hatte einmal Recht gehabt, aber jetzt, wie anders war es jetzt!
»Sie wollen es nicht eingestehen«, meinte sie, als ich nachdenklich schwieg.
»Nein«, sagte ich mit einiger Hast, »ich habe nichts zu verhehlen. Früher waren Familienverhältnisse die Ursache, daß ich dem Vetter, der übrigens eigentlich gar nicht mit mir verwandt ist und den ich nur der Bequemlichkeit halber so nenne, allerdings nicht freundlich gesinnt war, jetzt hat sich Alles aufgeklärt und wir stehen so gut mit einander, wie man es verlangen kann. Es freut mich, daß Dir der Freiherr so gut gefällt, Lucy« -- hier machte ich eine Kunstpause -- »daran kannst Du sehen, daß ich ihm wohlwill.«
»Was kann es für ihn ausmachen, ob er mir gefällt oder nicht«, sagte sie gleichmüthig; sie hatte sich entweder sehr in der Gewalt oder sie empfand bei der Nennung seines Namens nicht das, was ich meiner überklugen Hypothese nach erwartete.
»Leben Sie wohl, Sie deutsche Wassernixe«, sagte sie, als ich schon im Coupé saß und sie mich leicht und mit Grazie küßte.
»Was soll das nun wieder heißen, Lucy?«
»Nun, Sie sind wie die Frauen im Märchen, die hatten unter ihren Kleidern einen Fischschwanz und außerdem kein Herz.«
»Ich danke für den Vergleich, schöne Ingeborg.«
Sie lachte und gab mir die Hand. »Aber so eine Undine kann unter Umständen ein Herz bekommen«, flüsterte sie noch. »Sie haben die Geschichte gelesen und gehen der Gefahr aus dem Wege.«
Damit ging das seltsame Mädchen und ließ mich in der nicht eben beneidenswerthen Stimmung derjenigen, welchen eben eine Ahnung aufgeht, daß sie in einem recht dummen Streich begriffen sind, während sie meinten, einen erhabenen Sieg über sich selbst davonzutragen.
Zwölftes Kapitel.
Der erfahrene Leser wird, wenn er meiner Geschichte bis hierher freundlich und geduldig gefolgt ist, sich nun nachgerade bei derselben des beruhigenden Gefühls erfreuen: es muß jetzt bald zu Ende gehen, wir werden nun bald erfahren, ob -- immer vorausgesetzt natürlich, daß er nicht schon längst, nach wohl zu entschuldigender Gewohnheit, das letzte Blatt des letzten Kapitels vorweg gelesen hat und das, was sich nun noch ereignen mag, mit behaglicher Ruhe an sich herankommen läßt. Wie weit aber sind die handelnden Personen der kleinen Welt, in die ihm der Autor den Blick eröffnet, gerade zu der Zeit, wo sich ihnen unbewußt die Krisis herannaht, von jener köstlichen Ruhe entfernt, die der Leser besonders dann genießt, wenn er sich durch den eben angedeuteten kleinen Kunstgriff zur Höhe der Vorsehung jenes Weltfragments erhoben hat! Ich dachte damals, als ich in den trüben, kurzen Wintertag hineinfuhr, an alles Andere eher, als daß nun bald eine Wendung und gar eine glückliche in meinem Schicksale eintreten müsse. Mir war es im Gegentheil, als stehe ich am Anfange eines langen, geraden, trübseligen Weges, auf welchem mir rauhe Winde ins Antlitz wehen würden, gegen die ich mich keines Schutzes zu gewärtigen hätte. Du wirst es tragen müssen, sagte ich zu mir selber, daß von vielen nun kommenden Tagen dir ein jeder des Morgens seine Last von Weh aufbürdet, die bis zum Abend getragen sein will, und es ist nur gut, daß die Zeit -- denn so klug oder so altklug war ich damals schon, der Zeit auch etwas zuzutrauen -- daß die Zeit diese Bürde allmälig leichter machen wird. Uebrigens verhinderte dieser Ansatz zu einer philosophischen Anschauung meines Schicksals mich durchaus nicht, viele Thränen in mein Taschentuch hinein zu weinen, sodaß ich mich gegen Ende des Weges nur schwer zu einer ruhigen Miene fassen konnte. Der Zwang dauerte aber nicht länger, als bis ich, hinter dem alten Diener sitzend, der mich von der letzten Station abgeholt hatte, durch die Wiesengelände der Besitzung und zuletzt auf Kieswegen in den eigentlichen Garten eingefahren war. Hier war Alles so abgeschlossen, so friedlich, fast traurig anzusehen, daß mir die Last vom Herzen gleichsam wegthaute; ich empfand den Genuß -- er wird einem nicht eben häufig zu Theil -- mich in einer mit meiner Stimmung harmonirenden Umgebung zu befinden, freilich ohne mir, wie ich es jetzt bin, über den Grund dieses melancholischen Behagens klar zu sein. Es war Anfang December und die Luft auffallend mild und frühlingsartig; die immergrünen Sträucher im Garten, die hohen Tannengruppen, welche der bleiche Mond dann und wann, wenn ihn die rasch dahinziehenden Wolken auf Augenblicke frei ließen, matt beleuchtete, verhinderten den Anstrich winterlicher Oede, welchen die freien Felder draußen hatten; wie gefeit erschien die nächste Umgebung des Hauses und das Haus selbst wie der Sitz der gütigen Wundermächte. Im Stil des Zeitalters der Elisabeth gebaut, spitz und vielgieblig, mit schmalen Fenstern in der langen Mauerfläche, war es auf einer Seite ganz mit Epheu überzogen; aus dem Bogen des mittlern Eingangs fiel gastliches Licht auf den Rasen draußen. So steht es mir noch immer, wie Kindern ein Märchenschloß, von eigenem Zauber umweht, im Gedächtniß.
Spät am Abend noch, ganz ausnahmsweise spät für sie, wie mir die alte Dame freundlich sagte, saß ich zwischen den lieben Leuten am Feuer und erzählte, erzählte alles Mögliche von Goldwell-House, von dem Befinden eines Jeden, von Menschen und Thieren bis zu den Katzen hinab und bewunderte das rege, gern eingreifende Interesse, mit welchem besonders die Großmutter dem Leben dort folgte, das vortreffliche Gedächtniß und die scharfe Beobachtungsgabe, welche sie dabei unterstützten. Bis auf vierzehn Tage vor meiner Abreise wußte sie so ziemlich Alles, was sich dort von wichtigen und unwichtigen Dingen zugetragen, da sie von Tochter und Enkeln regelmäßig und in kurzen Zwischenräumen Briefe erhielt. Aber es sei doch einmal etwas ganz Anderes, erzählt zu bekommen, und ich erzähle so hübsch, meinte sie. Uebrigens wechselten wir nachgehends die Rollen und dabei stand ich mich besonders gut; der alte Herr war der Repräsentant einer in ihrer Reinheit immer mehr verschwindenden ehrenwerthen Gattung des altenglischen, auf dem Lande lebenden Grundbesitzers, innig verwachsen mit den Angelegenheiten der Landschaft, die er seit Jahren im Parlament vertrat, wohl bewandert in den oft romantischen Geschichten der in der Nähe begüterten Adelsgeschlechter und sonstigen Honoratioren, dazu unerschöpflich an Jagdanekdoten und nebenbei treu anhänglich den literarischen Koryphäen der Periode, in welche seine Jugend gefallen, im Ganzen tüchtig gebildet und weit freisinniger, als es die Klasse, zu der er gehörte, zu sein pflegt -- man konnte sich keinen bessern Gesellschafter in langen Winterabenden wünschen. Es ist mir erst in spätern Jahren, als der gute Herr lange todt war, ja, als ich selber anfing, mich für eine alternde Frau zu halten, klar geworden, was seine Lebensanschauung auszeichnete, was ihr eine erquickende, beruhigende Klarheit verlieh, was das warme Licht über all die Scenen ausgoß, welche er schilderte, sodaß sie zu köstlich vollendeten Bildern wurden -- es war ein Strahl von Humor, von dem echten Humor, der einige seiner Landsleute groß gemacht, von der Weisheit, welche die Welt liebevoll nimmt, wie sie ist, ohne sie etwa für vortrefflich zu halten, etwas von dem Bewußtsein des nicht zu lösenden Widerspruchs, der in den Erscheinungen zu Tage kommt. Seiner sonst so praktischen Gattin fehlten diese Gaben gänzlich; sie hatte große Reformationsgelüste und hielt dafür, daß es einigen klugen Leuten vorbehalten sei, die Welt von Grund aus zu verbessern. Beide aber hatten sich, trotz bedenklicher Verschiedenheiten in den Charakteren, so in einander gelebt, daß es eine Lust war, sie zu beobachten.
Fast dünkt mich, als hätte ich hier in meiner Erzählung einen Fehler begangen, indem ich durch diese objective Beurtheilung meiner beiden liebenswürdigen Wirthe von vornherein beim Leser jeden Hauch der Stimmung verscheucht habe, die mich doch während meines Aufenthalts in Eldhall fast durchgängig beherrschte und welche ich durch den Vergleich des Hauses mit einem verzauberten Schlosse anzudeuten gesucht. Mein ungestörtes Zusammensein mit dem Herrn und der Frau vom Hause beschränkte sich nämlich, die Hauptmahlzeit etwa noch ausgenommen, auf die Abende, welche freilich einen ansehnlichen Theil der trüben Wintertage einnahmen; am Morgen und frühen Nachmittag war ich meist allein, wie ich es mir wünschte, und diesen Stunden schrankenloser Träumerei hielt die Zeit des heitern Zusammenseins um so weniger das Gleichgewicht, als die Geschichten des alten Herrn gar oft dazu angethan waren, meine Stimmung zu nähren. Ich versenkte mich gern in das Gefühl der Abgeschiedenheit des Ortes, an dem ich mich befand, und hätte gewünscht mir einbilden zu dürfen, es würde stets so bleiben und wir von allem Verkehr auf immer abgeschnitten sein. In dem altmodischen Garten zwischen hohen Hecken ging ich umher, auch wohl ein Stück in die Wiesen hinein, welche uns rings umgaben, hier und da von Gehölz, den Resten eines alten, großen Waldes, unterbrochen, wo sich Brombeerranken um die Stämme zogen, an denen braungrüne, scheinbar lebende Blätter noch hingen, und wo es üppiges Moos und feuchtglänzende Epheublätter in Menge gab. Das Alles hatte freilich ein Ende, als nach plötzlichem Umschlag des lauen Wetters zu scharfem Froste ein heftiger Schneefall eintrat, der das Hinausgehen unmöglich machte. Da saß ich denn viel für mich und es fehlte mir zu dem trauernden, einsamen Fräulein der Märchen nicht einmal das Thurmgemach. Das Gebäude erfreute sich nämlich eines hervorspringenden Erkers gerade an der Seite, wo der Garten sich terrassenartig hinabsenkte, sodaß man unterhalb in eine Art Tiefe blickte, und mir hatte man das Erkerzimmer eingeräumt, zu dem nur leider keine Wendeltreppe führte. Jetzt nach Jahren kann ich über das Schmerzbehagen lächeln, mit welchem ich damals hinaus in den Schnee nach den Krähen blickte, welche um die meinem Fenster nahen Spitzen der aus der Tiefe ragenden Föhren flogen, kann darüber lächeln, daß mir dies Zimmer für eine wehmüthig resignirte Stimmung, in die ich mich gern versetzte, fast unentbehrlich war; jetzt vermag ich aber auch diese wunderlichen Arabesken von dem wirklichen Grame, der leise nagenden Sehnsucht, die sie hervorbrachte, zu sondern, darf mir das Zeugniß geben, daß ich wirklich und ehrlich litt, nicht nur phantastisch mit dem Gefühle spielte.