Verflossene Stunden: Novelle

Part 1

Chapter 13,707 wordsPublic domain

Album.

Bibliothek deutscher Original-Romane.

Unter Betheiligung

der ersten deutschen Schriftsteller

herausgegeben

von

Alfred Meißner.

XXVI. Jahrgang. 6. Band.

Leipzig, | New-York, Ernst Julius Günther. | L. W. Schmidt.

1871.

Verflossene Stunden.

Novelle

von

S. Junghans.

Leipzig, | New-York, Ernst Julius Günther. | L. W. Schmidt.

1871.

Erstes Kapitel.

»Ja, mein Kind«, sagte die Mutter eines Tages zu mir, »es wird doch am besten sein, daß Du dem Rathe des Herrn Pfarrers folgst und die Stelle annimmst, von der er mit uns sprach; ich sehe wohl, für eine junge Dame Deines Standes, wenn sie mittellos ist, sind hier nur Demüthigungen zu erwarten.« Und nachdem sie diese Worte rasch und in einem Tone gesprochen, welcher trotz seiner Kälte ihre Gereiztheit merken ließ, schloß meine Mutter ihre Lippen fest und fuhr eifrig zu stricken fort. Ich hatte daher Zeit, über eine geeignete Antwort nachzudenken, denn erstens mußte ich der Mutter klar machen, daß etwas mehr als das bloße Annehmen jener Stelle meinerseits nöthig sei, und dann wünschte ich auch zu erfahren, welche Unhöflichkeit oder Unzartheit der Leute des Städtchens sie um den ihr natürlichen vornehmen Gleichmuth gebracht hatte. In beiden Angelegenheiten mußte ich schonend zu Werke gehen. »Ich denke, liebe Mutter«, sagte ich vorsichtig, »daß ich dann wohl am besten sogleich an jene Mrs. Gray schreibe, um ihr zu sagen --« »Daß Du gesonnen bist, die Stelle einer Erzieherin ihrer Kinder, einer Untergebenen in ihrem Hause anzunehmen, Du, ein Fräulein von Günthershofen!« unterbrach mich meine Mutter mit scharfer Stimme und fuhr bitter fort: »Ach, wenn das Dein Vater wüßte!« -- »Um ihr vorerst auseinanderzusetzen, in welchen Fächern ich unterrichten kann«, sagte ich und lenkte ein, da ich meiner Mutter Stirnrunzeln bemerkte: »damit sie weiß, was ich zu unternehmen gedenke und was nicht.« -- »Thue das, Kind«, entgegnete Frau von Günthershofen streng, »doch vorerst laß uns Thee trinken.« Ich legte das Tischtuch auf den Tisch, wobei ich Sorge trug, daß die gestopften Stellen desselben unter das Theebret kamen, brachte Tassen, Brod und Butter herbei, und zwar mit einem gewissen wehmüthigen Genießen dieser kleinen Dienste; sah ich doch voraus, daß ich sie nun, da meine Mutter endlich ihre Zustimmung zu meinem Fortgehen gegeben hatte, nicht mehr lange würde zu verrichten haben. Und wem fielen dieselben dann zu? Dem kleinen Dienstmädchen aus einem benachbarten Dorfe, welches wir nach seiner Confirmation ins Haus genommen und welches meine Mutter seiner hastigen, ungeschickten Bewegungen halber kaum um sich dulden konnte. Wenn ich daran dachte, daß die stattliche alte Dame, welche in frühern Jahren über die correcte Bedienung von Lakaien verfügt hatte, nun bald den unbeholfenen Versuchen unseres Lieschen allein anheim gegeben sein sollte, so erfaßte mich ein wahres Entsetzen und der Gedanke an ein Fortgehen von hier erschien mir schrecklich. Aber aufgegeben konnte er nicht werden, das verhinderte die bittere Noth; es ging eben so nicht länger. »Margarethe, Du ißt nicht«, sagte meine Mutter scharf nach einiger Zeit des Schweigens. Es war gar so wenig Butter in der Glasschale auf dem Tische -- ich versicherte der Mutter, daß ich durchaus keinen Hunger habe und es höchstens über mich gewinnen könne, ein Stückchen Brodrinde zu essen, und darauf verfielen wir beide von neuem in Schweigen, bis ich infolge meines Gedankengangs mich hinüberbeugte und meiner Mutter die Hand küßte, indem ich ihr dankte für ihre Erlaubniß zur Ausführung eines lange gehegten Plans. »Es kommt mir schwer an, Dich gehen zu lassen, mein Kind«, sagte sie weich, indem sie mit ihrer schmalen Hand leise über mein Haar strich, »sehr schwer, aber --« Hier unterbrach sie sich und fuhr erst nach einer Weile in ganz verändertem Tone fort, in dem hochfahrenden, bittern Tone, den ihr das Unglück erst angewöhnt hatte: »Die Frau eines Krämers hier, eines Victualienhändlers, der sich vom Geschäft zurückgezogen, wie ich höre, hat anfragen lassen, ob Du, meine Tochter, eine gewisse Stickerei anfertigen wolltest, ich glaube, zur Aussteuer ihrer Tochter bestimmt. Es ist mir ganz unerklärlich, wie die Person dazu kommt, uns diesen Affront zuzufügen. Kannst Du es begreifen, Margarethe?« Ich begriff den Zusammenhang wohl und hätte ihn meiner gekränkten Mutter leicht erklären können, ich wäre aber lieber gestorben, als daß ich es gethan hätte. So gut ich konnte, lenkte ich daher das Gespräch auf andere Gegenstände und bat zuletzt in unbefangenem Tone, daß meine Mutter ihren Spaziergang heute allein machen möchte, da ich jenen Brief sogleich zu schreiben wünschte. Sie sah mich einen Augenblick scharf an und sagte dann lächelnd: »Du willst mich aus dem Wege haben; nun gut, ich will Dich allein lassen. Ich hoffe, Du wirst so schreiben, wie es einer Günthershofen zukommt.« Ich richtete mich hoch in die Höhe und warf den Kopf zurück, eine Bewegung, durch die ich meine Mutter eher beruhigen konnte als durch viele Worte. »Du wirst Deinem Großvater immer ähnlicher, Margarethe«, sagte sie noch nachdenklich, als ich meine effectvolle Stellung längst verlassen hatte, um ihr den alten, noch immer eleganten Spitzenshawl um die Schultern zu hängen, in welchem sie, wenn sie langsam und aufrecht durch die Straße ins Freie hinausschritt, so prächtig aussah, daß es die Frauen des Städtchens der »alten Adligen« gar nicht verzeihen konnten.

Ich war allein und richtete nun in bescheidenen Ausdrücken einen Brief an jene Mrs. Gray, deren Wunsch, eine Erzieherin für ihre Kinder direct aus Deutschland zu engagiren, ich durch unsern freundlichen Pfarrherrn erfahren hatte. Der Pfarrer war vor Jahren Hauslehrer in England gewesen und hatte seine Verbindungen mit einigen Familien dort mit Vorliebe aufrecht erhalten.

Mit klopfendem Herzen bot ich meiner Mutter bei ihrer Zurückkunft den Brief zum Lesen und fühlte eine große Erleichterung, als sie abwehrend mit dem Kopfe schüttelte, da ich wußte, daß sie, wenn sie das unglückliche Document gelesen hätte, dasselbe unfehlbar zerrissen haben würde.

Die gute Mutter -- sie begab sich bald zur Ruhe und ich trug nun mit leisen Schritten aus einem dunkeln Kämmerchen neben der Küche, wo er ängstlich verborgen gehalten wurde, einen Korb mit verschiedenen Wollsorten und Perlenschnüren herbei und begann zu sticken. Hatte ich doch auf diese Weise schon Monate lang, im Complot mit der freundlichen Gattin des Kaufmanns, welcher diese Arbeiten verwerthete, der Mutter manche Erleichterung verschaffen können, mit einer Genugthuung, die freilich getrübt wurde durch das leidige, so nothwendige Geheimhalten des kleinen Erwerbszweigs.

Jetzt regte sich's in der Schlafkammer der Mutter; ich horchte ängstlich und wagte nicht einmal den Faden vollends auszuziehen. »Margarethe!« rief die Mutter plötzlich; ich sprang auf, so hastig, daß ich dabei die Schachtel mit den Glasperlen umwarf, die zu Thautropfen auf meinen wollenen Rosen bestimmt waren. Mit einem Geräusch, welches mir alles Blut nach dem Herzen trieb, rollten die garstigen kleinen Dinger auf den Fußboden, ein nicht endenwollender Regen. »Margarethe, mein Kind«, sagte die Mutter, »Du hast Dir in der letzten Zeit angewöhnt, gar zu lange zu lesen; ich hoffe, Deine Lectüre ist wenigstens eine gediegene; es wird Dir von Nutzen sein, wenn Du Racine und Corneille wieder einmal vornimmst; Du kannst --«

»Liebe Mutter«, wagte ich zu unterbrechen, obwohl mit unsicherer Stimme, »ich las eben nicht, ich war mit Nähen beschäftigt.« Diese Lüge schien mir in dem Augenblick ein geringeres Unrecht als die Unredlichkeit, meine Mutter in ihrem Irrthum zu belassen. »Ich -- ich bessere Einiges aus -- unsere Tafelleinwand«, fuhr ich in Verzweiflung heraus, da die Mutter in unwilligem Schweigen verharrte. »So«, sagte sie, etwas versöhnt durch meine letzte Wendung. »Strenge Deine Augen nicht zu sehr an, liebes Kind; geh bald schlafen. Gott segne Dich!«

Diese liebreichen Worte brachten mich vollends außer Fassung. Die Scham über meine Lüge und Zorn über die bittere Nothwendigkeit, welche mich zu derselben gebracht, Alles zusammen war zu viel; ich eilte in das Zimmer zurück und brach in heftiges Weinen aus, welches durch die Anstrengung, mein Schluchzen zu unterdrücken und von meiner Mutter ungehört zu bleiben, beinahe krampfhaft wurde. Aber dieser erleichternde Ausbruch durfte nicht lange währen; ich trocknete mir schließlich die Augen und machte mich entschlossen daran, die unseligen Glasperlen aufzulesen, eine jede einzelne, auf daß keine verrätherischen Spuren meines nächtlichen Treibens zurückblieben.

Zweites Kapitel.

Nach einigem Hin- und Herschreiben und auf eine warme Empfehlung unseres Pfarrherrn hin hatte sich Mrs. Gray dahin entschieden, mir das Amt einer Erzieherin ihrer Kinder anzuvertrauen. Meine nicht sehr umfangreiche Garderobe war gepackt und ich hatte mich entschlossen, nun Abschied zu nehmen von den wenigen Familien, mit welchen wir verkehrten. Dazu hatte ich mir den letzten Tag ausersehen, an dessen Nachmittag ich abreisen sollte. Bis dahin hatte ich mich selten und auf Augenblicke nur von meiner Mutter getrennt, von unbeschreiblicher Traurigkeit erfüllt bei dem Gedanken, sie bald verlassen zu müssen. Auch ihr gehaltenes und ernstes Wesen war zu rührender Zärtlichkeit gegen mich erwarmt. Am Abend vor dem letzten Tage rief sie mich, die ich nur wenige Schritte von ihr entfernt die Blumen besorgte.

»Margarethe«, sagte sie, »ehe Du mich verläßt, will ich Dir einige Aufschlüsse über unsere Familienverhältnisse geben, welche Dir, als einem erwachsenen Mädchen, zu wissen gebührt.«

Mein Herz klopfte; auf ähnliche Worte meiner Mutter hatte ich schon lange gewartet. Ich zog einen niedrigen Schemel neben sie; sie saß in ihrem Lehnstuhl, aufrecht, die noch immer schönen, schlanken Hände übereinandergelegt, und schaute gerade vor sich hin.

»Du wirst Dich Deines Vaters kaum erinnern«, begann sie nach einer Weile, »ach, und ich habe Dir wenig von ihm erzählt. Es reut mich jetzt; sein edles Bild hätte in Dir belebt werden sollen, er wäre mit Dir gegangen ins Leben als eine Stütze, ein steter Hort, in allen Zweifeln hättest Du Dich an ihn wenden können, er würde Dich immer das Gute, das einzig Rechte haben wählen lassen. So ist er mit mir gegangen, im Geiste, diese siebzehn Jahre; täglich hat er mir gerathen, aber ich behielt diesen trostreichen Verkehr für mich wie ein Heiligthum, von dem man kaum reden mag, aus Furcht, es zu entweihen.«

Hier schwieg die Mutter wieder einige Minuten lang und fuhr dann in verändertem Tone fort: »Der Vater war Oberjägermeister beim Fürsten von ..., der damals seinen kleinen, aber prächtigen Hof in B. hielt. Ich lebte dort als Hofdame der Fürstin, einer schönen, vortrefflichen Frau, die mich sehr liebte. Mein Vater, der Freiherr von Ardenberg, hatte bis zu seinem Tode auf unserm Gute, Schloß Ardenberg, mit großem Aufwand gehaust. Als er gestorben, fanden wir Frauen uns beinahe arm; das Majorat fiel natürlich meinem Bruder zu. Meine Mutter blieb bei ihm, ich kam an den Hof und sah von da an meine Angehörigen nur noch selten. Einmal wurde ich plötzlich nach Schloß Ardenberg gerufen -- die Mutter lag im Sterben, ich drückte ihr wenige Stunden nach meiner Ankunft die Augen zu. Bei dem Bruder fühlte ich mich nicht wohl, seine Gemahlin war nicht ebenbürtig, ich konnte mich nie an ihre Art und Weise gewöhnen, bald kehrte ich nach B. zurück. Du wunderst Dich wohl, mein Kind«, unterbrach sich hier die Mutter, »daß ich so kalt von meiner Familie spreche; es ist wahr, viel Liebe ist nie zwischen uns verschwendet worden. Wir waren, mein Bruder und ich, im französischen Stil, von einer Hofmeisterin, erzogen, die Aeltern sahen wir als Kinder nur zu bestimmten Stunden des Tages. Meine Mutter war eine kalte Frau von höchst aristokratischem Wesen; der Vater liebte rauschende, kostbare Zerstreuungen und widmete sich seiner Familie selten; nie habe ich, dem äußern Anstande nach, einen vollendetern, liebenswürdigern Cavalier gesehen. Du siehst ihm ähnlich, liebe Margarethe, Du hast seine Augen und seine Stirn und bist schlank wie er, auch erinnert mich Dein Wesen an ihn, bei Deinen kleinen Dienstleistungen, die Du mir mit wahrhaft ritterlicher Galanterie zu Theil werden läßt.«

Ich fühlte mich roth werden vor Vergnügen; die Mutter in ihrer ernsten, beinahe strengen Art lobte mich so selten.

»Aber ich werde geschwätzig, recht wie eine alte Frau«, fuhr sie jetzt fort, »ich muß mich zusammennehmen. Deinen Vater, den Herrn von Günthershofen, kannte ich am Hofe von B. mehrere Jahre lang; er war um Vieles älter als ich, ein herrlicher, ernster, edler Mann, der dastand wie ein Fels der Ehre in den Strudeln des leichtfertigen Hoflebens. Ich hatte ihn stets verehrt; die ausgezeichnete Achtung, mit der er mich vor andern Frauen behandelte, that mir unendlich wohl. Aber als er eines Tages zu mir kam und mich um meine Hand bat, mich selber, in schlichten Worten -- als ich den hohen, schönen Mann vor innerer Bewegung zittern und erblassen sah, da verlor ich fast das Bewußtsein, vor Schrecken anfangs, der langsam einem überwältigenden Entzücken wich. Er legte mein Schweigen und meine Gemüthsbewegung falsch aus, aber obwohl er meinte, seine Hoffnung aufgeben zu müssen, schien er an sich selber kaum zu denken in der Sorge um mich.«

Die Mutter schwieg hier; ich merkte es kaum, so sehr war mein Geist erfüllt von den Gestalten, welche sie mit ihrer einfachen Erzählung heraufbeschworen hatte. Ich spann den Faden weiter, ich malte mir die Scene zwischen dem schönen Hoffräulein und dem werbenden Cavalier bis ins Kleinste aus. Wie glücklich hatten sich die zwei gefunden, die so innerlich wahr, so geradeaus und edel waren in einer Welt der steifen Form, der hohlen, anspruchsvollen Etikette. Aber ich fand bald, daß ich mich geirrt hatte mit dem leidenschaftlichen Schlußact, den ich mir ausgedacht. Der Freiherr von Günthershofen hatte, nachdem ihm doch endlich klar geworden, was das Erbleichen und die Verwirrung des Fräuleins von Ardenberg zu bedeuten gehabt, derselben beim Gehen ehrfurchtsvoll die Hand geküßt, als seiner »liebwerthen Braut«, weiter nichts -- so fest hatten sich die Formen der Gesellschaft jener Tage auch um die Beiden gelegt.

»Die Fürstin entließ mich ungern, aber mit vielen Beweisen ihrer Huld«, fuhr meine Mutter fort. »Wir blieben am Hofe, wo Deinen Vater seine Stellung festhielt, und waren sehr glücklich in unserm Kinde, einem herrlichen Knaben. Du hast mich von Deinem Bruder sprechen hören -- er war ein unvergleichliches Kind. Auffallend schön war er, wie sein Großvater, mein Vater gewesen. Von seinem Vater hatte er die im Knabenalter schon stattliche Höhe, die Kraft, den Muth und die Wahrheitsliebe, welche oft Eigenthum der Starken sind. Nie ist über seine Lippen die geringste Unwahrheit gekommen, er hätte es verachtet, auch nur den Schein einer Lüge auf sich zu laden durch Wort oder Handlungsweise. Wir lebten ganz in ihm -- Dein Vater und ich. -- Es war während einer kurzen Abwesenheit meines Gemahls, daß das Schicksal uns traf. Unser Sohn, unser Hugo, war am Morgen fröhlich fortgeritten mit einigen jungen Edelleuten, die zum Haushalte des Fürsten gehörten; obgleich er weit jünger war als sie, machten seine Größe, seine Stärke und Gewandtheit und sein durchdringender Verstand ihn zum passendern Gefährten für diese jungen Leute als für seine Altersgenossen. Wie oft habe ich seitdem bereut, daß ich ihn fortgelassen!« Meine Mutter preßte die Hände gegen die Stirn in einer Art hülflosen Sichgehenlassens, wie ich es nie an ihr gesehen. »Ich war stolz darauf, daß sie ihn zum Genossen begehrten, ich sah ihm nach und freute mich an seinem gewandten und sichern Reiten. Am Abend wurde er mir sterbend ins Haus gebracht; er konnte nicht mehr sprechen, aber ich verstand seine Augen wohl, seine schönen, beredten Augen, aus denen er mich ansah mit unendlicher Liebe und Sorge, er bat mich mit ihnen um Verzeihung für das Herzeleid, welches er mir bereitete durch sein Sterben. Todesmatt suchte er noch nach meiner Hand, ohne die Augen von mir abzuwenden, seine großen, flehenden Augen, er versuchte zu lächeln, mich anzulächeln -- so starb er.«

Die Mutter schwieg, aber sie hatte keine Thränen; nach einer Pause fuhr sie in hartem Tone fort: »Sein Pferd war gestürzt und er über den Hals des Thieres fortgeschleudert worden. Man hatte ihn für todt aufgehoben, aber während des Nachhausetragens belebte ihn die scharfe Nachtluft noch einmal, seine kräftige Natur wehrte sich gegen den Tod. -- Dein Vater war niedergeschmettert durch den schweren Verlust, aber er richtete sich auf an der Aufgabe, mich zu trösten, da mich der Schmerz um meinen Sohn fast wahnsinnig machte. Nach Monaten erst legte sich meine heftige Verzweiflung, ich wurde ruhig, aber Lebensmuth und Energie wollten nicht wiederkehren. Ich saß still vor mich hin, wenn ich allein war -- und Deinen Vater riefen Dienstpflichten leider häufig von mir fort -- ich lehnte alle Besuche ab und bewegte mich stets in ein und demselben Gedankenkreise; ich dachte das ganze Leben meines Kindes durch, von dem Augenblicke an, wo es geboren worden, bis zu dem seines Todes; jedes Wortes und seiner Miene dabei suchte ich mich zu erinnern; manchmal überfiel mich eine Todesangst bei dem Gedanken, ich könnte irgend etwas von ihm vergessen und es so ganz verlieren. Als ich mich in diesem Zustande befand, welcher gefährlich zu werden drohte, schien in unserm Fürst große Theilnahme für mich zu erwachen. Ich habe von ihm noch nicht zu Dir gesprochen und es kostet mich einige Ueberwindung, es jetzt zu thun.«

Die Mutter schwieg hier, als müsse sie ihre Gedanken sammeln, meinem verwunderten Blick aber begegnete sie mit so abweisender und strenger Miene, daß ich die Frage, welche ich schon auf den Lippen hatte, zurückdrängte. Nach einigen Augenblicken fuhr sie dann fort und man merkte ihrer Stimme den Zwang an:

»Er war uns immer ein gnädiger Herr gewesen. Aus der alten französischen Schule, liebte er die raffinirtesten Genüsse und bereitete seiner edeln Gemahlin viele Kränkungen, ohne jedoch je das, was er ihr äußerlich schuldig war, aus den Augen zu verlieren. Du wirst mich kaum verstehen, mein Kind -- genug, er war im Lande gefürchtet und wenig geliebt; er ordnete das Wohl des Volkes seinen Vergnügungen unter. Uns aber, wie gesagt, Deinem Vater und mir, war er stets beinahe ein Freund gewesen; wir hegten nur Empfindungen der Dankbarkeit und Anhänglichkeit gegen ihn, indem wir das, was in seiner Lebensweise zurückstoßend erschien, der Zeit und der Anschauungsweise, in welcher er groß geworden, zuschoben. Als er sich daher bei mir melden ließ, einige Monate nach Hugo's Tod, empfing ich ihn voll dankbarer Ueberraschung in tiefster Ehrerbietung. Er hatte sonst etwas sehr Herbes und Hartes in seinem Wesen; das streifte er so ganz ab, sprach in so liebenswürdiger Weise, erst vorsichtig, dann herzlich und voll Antheil, über meinen Verlust, daß ich es ertrug, ihn reden zu hören, und Deinem Vater, während dessen Abwesenheit der Besuch gemacht worden war, denselben mit mehr Lebhaftigkeit erzählte, als ich seit langem gezeigt hatte. Er war erfreut, besonders über den guten Eindruck, welchen die Gnadenbezeigung des Fürsten auf mich gemacht zu haben schien. Nach einigen Tagen wurde dieselbe wiederholt, und von da ab kam der Fürst häufiger; er kam, bis ich ihm die Thür weisen mußte«, sagte die Mutter mit unbeschreiblicher Bitterkeit in Miene und Ton. Sie wollte fortfahren, als sie durch unsere kleine Magd unterbrochen wurde, welche, in der Thür stehen bleibend, der Mutter sagte, es sei ein Herr draußen, der sie zu sprechen wünsche. Ungeduldig winkte die Mutter mit der Hand, sie war noch so sehr in den Gedanken befangen, welche ihre Erzählung in ihr wachgerufen hatte, daß sie in dem Besuche nur eine Störung auf wenige Augenblicke zu erwarten schien, nach welchen sie fortfahren könne. Sonst hätte sie auch nach dem Namen des Besuchers gefragt, ehe er angenommen worden wäre. So trat der Herr nun gleich hinter Lieschen herein, die ihm mit dem Kopfe eine einladende Bewegung zu machen sich begnügt hatte.

Ich war aufgestanden und zur Seite gegangen. Der Fremde trat einige Schritte ins Zimmer und blieb dann stehen, von meiner Mutter zu mir und von mir wieder zu meiner Mutter blickend. Die saß am Fenster, durch welches der Abendhimmel so hell glänzte, daß der Eintretende geblendet ihr Gesicht gar nicht sehen konnte. So entstand eine Pause von einigen Augenblicken, welche peinlich zu werden begann. Ich konnte nicht begreifen, warum meine Mutter, sonst die höflichste Wirthin, nicht aufstand und dem Herrn entgegentrat. Jetzt erst sah ich nach ihr hin und erschrak; sie war todtenbleich geworden und starrte mit einer Art Entsetzen auf das Gesicht des Fremden hin.

»Mutter«, sagte ich endlich, indem ich näher trat und meine Hand leise auf ihren Arm legte, »Mutter, der Herr wünscht Dich zu sprechen.« -- »Ja, mein Kind?« erwiderte die Mutter fragend und zerstreut, dann aber, sich ermannend, stand sie auf, und mit der ihr eigenen stattlichen Höflichkeit nöthigte sie den Gast, auf dem Sopha Platz zu nehmen, auf dem kleinen, ärmlichen braunen Sopha -- es war mit Heu gestopft, und mir stieg immer thörichterweise das Blut ins Gesicht, wenn sich unter einem Niedersitzenden das verrätherische Knistern der zusammengedrückten Halme hören ließ. Die Mutter aber lud zum Sitzen darauf mit derselben unnachahmlichen Handbewegung ein, mit der sie ehemals die Höchsten des Landes auf seidene Causeusen eingeladen hatte.

Der Fremde hatte noch nichts gesprochen, aber in seinem Wesen nicht etwa Befangenheit oder gar Verlegenheit, sondern die überlegene Ruhe eines weltgewohnten Mannes und dazu ein gewisses freundliches Sichgehenlassen gezeigt, welches ihn als einen Grandseigneur erscheinen ließ.

»Sie kennen mich nicht, Frau von Günthershofen«, sagte er endlich lächelnd, »und das wundert mich nicht; es ist sehr lange her, daß wir uns nicht gesehen haben.«

Er schwieg wieder und schien zu erwarten, daß die Mutter etwas sagen würde. Auf deren Zügen aber malte sich jetzt von neuem das ängstlich Forschende von vorhin, sie ahnte offenbar, wen sie vor sich habe.

»Ich bin Bardolph von Günthershofen«, sagte er endlich -- die Mutter bewegte sich auf ihrem Sitze -- »und komme nach langer Abwesenheit von Deutschland, um unter meinen Verwandten auch Sie zu begrüßen. Ich fühle, verehrteste Frau, daß der Schritt, welchen ich wage, der Bitte um Entschuldigung bedarf; vielleicht werden Sie mir verzeihen, daß ich Sie mit meiner Gegenwart belästige, wenn Sie gehört haben werden, was mich zu Ihnen trieb. Es war der Wunsch, hier auszusprechen, daß ich jetzt, als Mann, mich von dem Vorgehen meiner Familie während meiner Knabenzeit in Betreff jenes beklagenswerthen Processes lossage, daß ich Ihnen, als einzige Sühne, die zur Zeit in meiner Macht steht, meine Mißbilligung einer Handlungsweise ausdrücke, welche vom Standpunkte des Rechts vielleicht nicht anzutasten ist, sich aber schwerlich von dem der Humanität aus vertheidigen läßt.«

Die Mutter, welche bisher mit unbewegter Miene geradeaus geblickt hatte, wendete jetzt den Kopf und sah den Freiherrn groß an.

»Recht, Humanität? Das sind sonderbare Worte von Ihrer Seite«, sagte sie dabei in einem Tone, bei dem mir das Blut heiß in die Wangen stieg. »Sie müssen mir erlauben, den einen wie den andern Ausdruck als unstatthaft zu bezeichnen in Verbindung mit Allem, was jene Angelegenheit betrifft. Ich will mich deutlicher erklären, mein Herr, es wird das jedem Versuche Ihrerseits vorbeugen, mir ein weiteres Urtheil über die Sache abzunöthigen: ich habe noch keinen Augenblick geglaubt, daß bei der Entscheidung des Processes zwischen Ihnen und meinem Gemahl das Recht irgendwie mitgesprochen habe.«