Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa
Part 6
Da drehte sich der Kleine um. Weiße Weste mit Goldkette, rinnend über Kugelbauch. Man sah --: der trug einen Ordensstern auf der linken Brustseite. »Vielleicht ist das der berühmte Komponist Richard Wagner selber«, überfuhr es Marterer plötzlich. Da streichelte sie dem Kleinen die Wursthand, flüsternd: »Wie schön, Dickerl!«
Und er: »Wahrhaft erhebend, Erna!«
Da wandte auch sie sich um. Ihr Blick brach in ihn. Ein Vorhang rauschte. Schlug ihm Kopf ab. Prasselten: Regen, Schwerter, Hufe, Peitschenhiebe. Er war aufgestanden, aber wieder setzte er sich, gebückt, nein, halb nur . . . tastete vor sich hin . . . suchte . . . (heller, als ob er schon fände) . . . an sich hinunter . . . etwas . . . beschaute sich: »Weiße Weste? Goldkette? Kugelbauch? Ordensstern? . . .«
Hans Marterer vergaß weißes Rauschkleid, Kaiserjubiläum, Große Oper. Er schrie: »_Ich will das Leben haben!_«
Er zerrte, er stieß alles von sich. Er irrte. Traf wo eine. Die nahm ihn mit. Geknister über ihm, nahm zwei Stufen auf einmal. Oben.
Fragte den Namen. Weshalb? Kenne ihn. Erna. Weißes Rauschkleid, Kaiserjubiläum, Große Oper. Ihm schwindelte. Ob man ihn für Narren halte? Sie beteuerte. Er packte sie: »Weg! Weg!«
Und aufschreiend: »Ich will das Leben haben!«
Sie hakte sich in ihn.
Er schlug ihr ins Gesicht.
Sie wehrte ihm nicht. Sank nur hin, ermattet aufs Bett. Er schlug sie wieder. Diesmal mit dem Handrücken. Sie wehrte ihm nicht. Dann wieder mit der Handfläche. _Aber ein jedesmal schob sich die Schlagfläche rasch vor, durchschnitt ihn . . ._ Sie wimmerte. Er schlug sie von oben herab, mechanisch, zählte leis, zuerst die Nase, bis Blut sprang, hart über die Stirn.
Sie wehrte ihm nicht.
Brach herab ins Knie.
Er trat: »Weg! Weg!«
Sie erfüllte ihn ganz. Umkrallte ihn. Er rang mit ihr.
Er tastete sich, gebrochen, hinunter. Lichtstümpfchen verlosch. Da sah er sich im Dunkel, wie in einem tieferen Spiegel, sehr weiß von Gesicht, die Augen kohlschwarz umrändert, die Lippen dunkelrot geschminkt, mit in die Stirn fallenden Franshaaren, die Hände schmal und vorgestreckt, mit blauem Ring im Harlekinanzug, als Knabe (. . . und eine Gouvernante zwitscherte: »Hans Tolpatsch, du wirst nie dem Riesen das Haupt abschlagen . . .«).
Er wehrte, beschwor: »Nichts! Nichts! Alles in Ordnung.«
Der Schatten wich.
Als er aber das Haustor öffnete, _ertappte er sich bei einer Bewegung, die er bei seinem Vater kannte._
Er schlug sich verzweifelt vor die Stirn: »Gott! O Gott!«
Es roch nach Bäckereien, Brauereien. Arbeiter schritten rüstig. Er deckte mit beiden Händen das Gesicht. Schluchzte:
»Abtöten, abtöten . . . Abreißen, ausreißen: Arme, Beine, den Kopf. Alle Glieder . . . Abtöten, abtöten . . . Bauch aufschlitzen, Brust aufreißen! Wühlen, wühlen . . . Fleisch! Das Fleisch! Das Tier . . . Einsam werden, rein. Ganz Geist. Selig sein! Heilig . . .«
Haine rauschten. Lerchen sangen.
So ward es Morgen.
Marterer setzte sich einen Augenblick. Wusch sich an einem Brunnen. Strich sich die Haare glatt. Richtete sich auf. Bog in die Krausenstraße. Der Gastwirtschaft und Metzgerei »Zum grünen Hof, ausgeübt von Alois Lüttich« gegenüber. Alois Lüttich aber stand in der Tür, gelben Schnurrbarts, aufgeblasen, in einem weiß-blau gestreiften Trikot, die weiße blutbespritzte Schürze über, mit Hängebauch, schwarzer Soldatenhose.
Vor ihm ein Feld roten Trottoirs.
Auf anderer Seite Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen, Henkelkörbe unter Hakenarmen, schnarrend, dürre Hennenhälse ausgerenkt nach oben.
Herr Lüttich begann schon sein Gespräch: »Schöner Tag« usw.
Doch plötzlich Hans Marterer: »Wen haben Sie denn da abgeschlachtet?«, auf das Feld roten Trottoirs vor sich deutend, und bemerkte, daß Blut in der Straßenrinne handhoch stand. Ablaufkanal verstopft --
Und der Lüttich: »Tjaja, drei Tag verheiratet.«
Und schon fiel die Lüttich ein, lebhaft gestikulierend, die Hände immer über den Bauch zusammenschlagend, wobei der Schlüsselbund ein jedesmal hell aufklirrte:
»Schad, schad . . . So a hübsch Weiberl, erst ihre achtzehne alt, drei Tag erst verheirat, a Kreuz is, wenn is sag, und springt die eim zum Fenster nunter, heut früh, um halb siebene . . .«
Es verfinsterte sich.
Doch gleich wieder sprang Licht auf.
Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen in breiter Front über den Fahrdamm . . . der Schlüsselbund der Frau Lüttich klirrte. Eine tiefe Stimme (und ein Polizeimann warf die Hand): »Sie, Herr, gebens acht, daß net neintretn.«
Es qualmte, klingelte, rauschte weiß. Eine Masse teilte sich, wich zurück, in die Knie --: Kreuz, Weihrauchkessel, Priester, Trauerwagen, gefranstes Wieherpferd . . .
Schwenkte und schwand. --
Als Hans Marterer aus der Betäubung erwachte, las er: Grubenstraße. Eine Glocke schlug, mittel und bestimmt. Die Schule war aus. Kinder wälzten sich, farbige Würfelströme. Das überschlug sich kreischend, zerflutete. Zuletzt kam der Schulinspektor, blickte nach allen Seiten um, grüßte wen in der Ferne, stieg in die Tram.
Hans Marterer fuhr weiter:
»Ist der ihr nachgelaufen? In der ersten Nacht, in der zweiten Nacht und wieder in der dritten? Keuchend? Nackt? Fürchtete sie sich vor ihm? Glaubte sie wohl, von ihm ermordet zu werden? Sie wußte ja wahrscheinlich gar nichts von alledem . . . _Hat er sie geschlagen?_ Zu Boden geworfen? Brutal? Doch untergekriegt? . . . Aber auf jeden Fall: sie ist um halb sieben heute früh -- jetzt ist es dreiviertel fünf! (schaute auf die Uhr) -- zum Fenster hinuntergesprungen, war achtzehn Jahre alt -- hört ihr! -- und drei Tage verheiratet.« Und das in einem anklägerischen Ton, als drängten viele um ihn.
An einem Instrumentenladen, einer Tischlerwerkstatt, einer Vogelhandlung kam er vorüber. Grüne, rote, silbern schillernde Vögel saßen auf weißgestrichenen Stäben in goldenen Käfigen. Ein Papagei sprach. Weiße Mäuse rannten durcheinander. Wie irrsinnig. Die hatten blutunterlaufene Äuglein.
Er erinnerte sich wieder des Jagdgehilfen. Jene Wirtschaft aber hieß: »Die frohe Welt«.
»Das ist der Unterschied«, bei sich.
Doch aufschreckend:
»Die gehen nun vielleicht Arm in Arm miteinander. An einem Tag, der schön ist. Einem Sonntag vielleicht. Die treffen sich irgendwo in der Stadt, vor einem Café, unter einem Torbogen, am Bahnhof oder er holt sie ab oder auch umgekehrt. Sicher trägt sie einen großen weißen, runden Strohhut mit Flatterbändern. Doch die Bluse, die ist noch nicht ganz zu -- sie hat ja so Eile gehabt! --, und so richtet sie an sich, zieht an sich herum, die erste Strecke des Wegs . . . und dann erst ist alles in Ordnung. Er hat aber immer noch etwas an ihr auszusetzen, Hut zu tief im Gesicht, Rock zu weit, Gürtel zu locker, nicht in der Mitte . . . und so frozzelt er sie, bis die sich endlich losreißt:
»Du Frechling!« und schmollt.
Er aber greift sie wieder, sagt irgendein böses Wort, da aber hält sie ihm lachend den Mund zu --: und dann küssen sich die beiden herzlich, wenn niemand herschaut. Man trinkt sich satt aneinander, bleibt ganz für sich, unter Bürgermenschen, Tanzmusik, Karussellorgeln, Dampfergewimmel, vaterländischen Vereinen.
So war wohl jeder schon einmal fröhlich, jubelte, hatte er seine Liebste heimgebracht: »O du, du meine liebe Kleine!«
Wie koste ich meine eigene Jugend aus! Die ist ein schwingendes Plateau hoch auf schlanken Zedernsäulen unter einem freundlichen Blinkstern. Das alles, das eines Tages verschwunden war. _Und die neue Landschaft war da, die endlose Öde unter Brennsonne und verwunschenem Mond . . ._
Wie sich die beiden haben! Wie sie miteinander tanzen!
Von jeder Art Körperlichkeit ist abgesehen. Lichter sind sie, den Bergen entlang. Flammen in feuchtem Grund.
Es ist ja bei derartigen Dingen gewöhnlich weit anders, als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist . . .«
Diesen Tag verbrachte er im Bett. Nahm Morphium. Er flog buntgewirkte Teppiche hoch.
Der Abend aber machte sein Zimmer leuchtend hell.
Hans Marterer ging hinab.
Grüne Kränze die gelben Bogenlampen umschwebten.
Café »Dom«.
Er duckte sich in seine Ecke. Rauchte stumpf. Entschwebende Ringe. Dann stieg es wieder klarer auf, -- etwas jubelte! -- mühte sich hoch in ihm, in Windungen.
Er dachte an einen Sommeraufenthalt, sehr fern in der Schweiz, in der Kindheit, irgendwo, an eine Bergbesteigung.
Musik stieg in Spiralen.
Er sann: »Es gibt zwei Welten. Die eine heißt: K. Akademieprofessor Crispin Adolf Ritter von Beermann, Kapellmeister Maximilian Stössinger, grüne Sportmütze und »Hochhoch!«, entfalteter Kavalleriemantel, Richard Wagner, Bauchherr, Familie Lüttich. Die andere aber: Jagdgehilfe, Maronimädchen, Feuerschein bei Nacht, die späte Nachhausekehr im Morgen, die Zerstürzte . . . Nie werden die beiden zueinander kommen. _Der mittelnde Geist aber sei verdammt! Er werde gesteinigt! Man kreuzige ihn! . . ._ Zwei Welten. Aber es ist schon viel getan, wenn ein jeder zu der seinen kommt . . .«
Breit prallte das Orchester gegen die vier Wände; die Spiegel zitterten, die Aufsätze klirrten, die Tassen auf den Tischen . . . prallte zurück, prallte wider, wider.
Die Instrumente stiegen herab, Flöte, Violine, Cello, Zymbal.
»Sie sind eine aufgelegte Lügnerin, Sie Violine. Sie sind eine ganz gemeine Flöte.«
»Wie meinen Sie?« machte die Flöte, sah von unten auf, blähte die Pausbacken.
Er war mißtrauisch geworden. Man hatte ihn täuschen wollen. Offenbar. _Er aber hatte die Schwindlerin entlarvt._
Da rauschte es grün auf. Kühl wie aus unermeßlichen Waldgründen kam es. Und sentimental:
»Länder, wohin unser Fuß nie tritt.«
Und sie saß nur zwei Tische von ihm: ragend, strahlend (die grüne Pleureuse wippte), und neben ihr -- den kannte er -- ein Stadtreisender, kahlgeschoren, im Gehrock, schlank, elegant, dünnen Strohbart aufgedreht, Arme in die Hüften gestemmt. Er gab sich gern als Korpsstudenten aus, trug Bierzipfel, dreifarbenes Band.
Sie sog aus einem Halm.
Und um ihn.
»Weizenbier, Herr Köpke, ich sage Ihnen: glänzend!« --
»Wenn Sie mit mir sprechen, dann tuen Sie gefälligst den Hut ab!« --
»Der Platz ist frei. Allerdings . . .« --
»Der Stoff, der mich alleine seine fünfzig kostet . . .« --
»Sie scheinen eine große anzügliche Intimität zu besitzen, mein Herr . . .« --
»Ach ja, der Chiemsee! Der Chiemsee . . .«
Ein älterer Herr mißbilligte die Wehrvorlage, soziale Fürsorge, Ausbau der Eisenbahnlinien, Heilstätten für Tuberkulöse, Mesothorium. Ein Einjähriger widersprach ihm. Notwendigkeit der Grenzbefestigungen, neuer Regimenter, Nutzen militärischer Organisation, Volkserziehung usw. Die Hinrichtung des Raubmörders Sternickel, das verunglückte Festspiel Hauptmanns, eine drohende Bierpreiserhöhung im selben Ton, in einem Zug.
Kellner schoben. Weißbier schäumte.
Da lachte sie ihm glatt ins Gesicht. Auch der Stadtreisende lächelte.
Marterer errötete. Besah seinen Anzug.
Jenes Gesicht aber zerschlagen. Bisse, Ausschläge, Striemen; überpudert; unter Schleier.
Man sang sich an, trank sich zu. In nächster Nähe aber: »Der guckt wie aus einer anderen Welt.«
Marterer zuckte hoch.
Mußte sich festhalten. Doch gleich wieder versank er:
»Nun, wann werde ich über dies alles getröstet sein: euere einsamen Sonntage, euere suchenden Promenaden im Stadtpark, die Schwermut euerer Singspielhallen . . . _Die Gitter euerer Gefängnisse aber werden zu Strahlen der Sonne werden. Ihr werdet durch sie hindurchschreiten, erleuchtet und gewärmt._«
Er flehte.
Dessen Blicke durchirrten Gänge, Gewölbe. Fanden keinen Ausweg.
. . . Eine weiße Gestalt . . .
Nahte gebeugt ihr. Tastet sich an sie.
Bemerkte noch: der Stadtreisende maß ihn streng . . . schon in nächster Nähe . . . wollte aufbrechen . . . sie aber nahm dessen Hand: es belustigte sie so . . . bat ihn . . . _Marterer kroch_ . . . der Stadtreisende mahnte, erhob sich halb . . . sie aber wollte noch die Musik abwarten, die aber fing immer wieder von neuem an . . . auf allen Vieren schon (die platzten vor Lachen! ): »Den Saum nur deines Gewandes!« Jemand reichte einen großen gelben Überzieher, der verhüllte sie auf einen Augenblick. Sie tauchte wieder empor. In Schönheit.
Zerspringender Triller.
Da --: er berührte sie.
Sie hob die Hand nur ein ganz klein wenig, die kleine flache Hand. Lächelte, streckte, verzog das Gesicht, das kleine Gesicht (wie maß ihn der Stadtreisende streng!) . . . aufbrauste sie . . . Stöcke, Gläser, Tassen, Schirme, Kannen, Stühle und über allem, hoch über allem:
»_I--d--i--o--t!_«
Das kotzte sie.
Man trat ihn durch den Saal. Puffte, bespie ihn. Tür schon offen . . . -- er kollerte im Bogen. Einige ergriffen die Partei des Idioten. Eine allgemeine Schlägerei entstand. Massen wälzten sich. Gekreisch. Hüte flogen. Zuletzt erschien, groß und gehäbig, der Türsteher, ein Neger in blauer, goldbetreßter Uniform; blendend. Brüllte. Der Idiot aber übersann noch:
»Werde ich aus der Schule gejagt?«
Schutzleute drückten sich. Tumult schwoll. Bis wer schoß.
Nebel ballte sich.
Der Idiot aber flüchtete aufwärts, immer aufwärts, hochgespült, wie in einem Schacht, -- oben glänzte etwas blau -- um- und umgewirbelt, wie in einem Strudel. Stieß immer an Wände. Riß es in sich, würgte ihn mühsam hinunter, diesen Brocken, hartkantig, kristallen:
»I--d--i--o--t!«
Das aber schallte auch hell und weit.
Nebel ballte sich.
Er schob diese graue Wand immer vor sich her, mit beiden Händen. Endlich teilte er sie auseinander, zu beiden Seiten: Häuserreihen, Fenster-Bleiaugen, Balkone sprangen, Gebisse, vor. Stadt, Vorstadt, das Ende. Ein rotes Wolkenfeld am Himmel:
»Steh ich auf dem Kopf?«
Hügel.
»Eine Palme?«
Aber ein großer grüner Vogel flog auf.
»Es gibt also Vögel, die Blumen, Vögel, die Bäumen gleichen . . .«
Er sank erschöpft auf einen Stein nieder.
»_Verfall ist. Aber schon spielet Abglanz neuer Welten auf zerwirkten Gesichtern. Sie fallen unter aufsprühenden Lichtbündeln und unter Siegesposaunen, die der Zukunft Geweihten . . ._«
Aus Grauen tauchte die Stadt. Feuerschein und Waffenlärm. --
Der Idiot aber saß auf seinem Stein. Seine Augen ruckten in den Boden. Er ließ sich los, versank im blühenden Chaos der Zeiten. (. . . rote Zipfelmützen, bunte Lager, fratzenhafte Schiffsschnäbel . . . bis endlich jener Knabe dem Riesen das Haupt abschlägt . . .) Und dann --: eine Sonne! Fernste Dinge erkannten sich. Er fühlte sich schwächer werden, schwächer. Der Fels aber flammte. Gekrönte Stirn. Die Welt wuchs.
Er breitete die Arme an ein imaginäres Kreuz. Verrann . . .
Das Meer aber bäumte sich, erstarrte schimmernd im Gebirg. Die Ebene streckte sich. Ihre Wasser gähnten, ihre Wiesen schäumten, ihre Wälder atmeten. Die Stadt erklang. Tausend silberne Glocken, Trompeten schmetterten, Gesänge strömten. Ein Glanz lag auf wehenden Fahnen und Menschenzügen.
Um Dagny heulen wir Gespenster . . .
Studie zu einem Roman
_Wie ein sterbendes Tier Lieg' ich in deinen Armen . . ._
_Dagny._
_Mais de toi je n'implore, ange, que tes prières . . ._
_Baudelaire._
I Die grüne Nacht
Er saß, mitternächtlich, an einem der kleinen Marmortische des »Urania-Cafés« -- (. . . da die ungarische Magnaten-Kapelle phantastische Lawinenflügel hochspannte, von zagem Anflug, ekstatisch-blendender Kulmination, sentimentalisch-jämmerlichem Hinfall . . . wiederum mit tödlichem Attacken-Elan gegen dunsenes Himmelsgemäuer aufprallend, . . .) -- der junge deutsche Mann, normal gebaut, bürgerlich aussehend, die dunklen Haare geordnet -- weit in die Stirn gekämmt --: Jean Bousset.
Ein schmächtiger Herr, ein Vierziger, trat zu ihm, fragte höflichst, ob wohl ein Stuhl noch frei sei, setzte sich umständlich ihm gegenüber und bestellte einen heißen Tee (mit Zitrone).
Jean Bousset achtete seiner kaum, fuhr fort in der Betrachtung der niederschmetternden Wucht einer ferngelegenen Großstadt, jenes B . . ., in dem Dagny weilen mußte, Dagny, seit deren geheimnisvollen Flucht von M . . . . . . Jean Bousset, feminin-schändlich, wie er war, einen Untergang forcierte. Hatte er sich doch geradezu, im Verlauf zweier Wochen schon, ein System des Verfalls zurechtgebildet, indem er häufig Hemmungen in den allgemeinen Abrutsch einschob, -- so _markierte_ er den raffinierten Dekadent, den zersetzungseitlen Genußmenschen! -- umfangreiche Verzweiflungskomplexe plötzlich willkürlich abbrach, gewisse »Kunst«-Pausen zwischenschaltete, darin er sich allen Symptomen der Verwesung restlos zu entziehen vermochte, bürgerlich-gesittet und beamtenhaft früh am blauen Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein Rowdy, ausgehungert und fieberig in den Zertrümmerungstrichter giftiger Nächte stürzte, heulend an einer niedrigen Nebelatmosphäre zerschellend, (ein elendes Wrack), von elektrischen Monden beaudelaire-trüb zerschwiert.
Da riß ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dünner Luftzug wach. Es waren die funkelnden Augen seines Gegenüber (eines seltsamen Ungetüms, wie Jean Bousset auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein scharfer Verwesungsgeruch -- wie wunderbar! -- strich. Die grauen struppigen Haare des Fremden (wenn man von schimmeligen Moosflechten also sprechen darf) knisterten jäh auf in einem grünlichen Schein, der intensiv durch die wehenden Vorhänge von außen, wo ein wimmernder Tumult erscholl, eindrang. Transparent gloste im schmalen hageren Gesicht die Backenhaut, die zerfressene Nase schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich geheimnisvoll schief, die knöchernen Finger hoben und senkten, spreizten und querten sich unter magischem Zeichen.
Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser wohlverleichte Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!) rief mit pfeifender Stimme den Kellner, zahlte klirrend, stand unbeholfen auf (so, daß der Stuhl umklappte), ließ sich in einen dünnen schäbigen Überrock helfen, nahm den großen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad glich, verbeugte sich tief vor Jean Bousset und zischelte, schon halb in der Tür, noch rasch in einem gebrochenen Deutsch:
»Gestatten Sie mir, mein junger Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle: ich bin Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie ungestört mit!), zurückgekehrt, zu spazieren durch die grüne Nacht!« --
-- -- Die Nacht war grün, verworren-grün, katholisch-grün, eine betäubende Mischung von Chloroform, Blüten und heißem Fleisch. Die Häuserkais, triefend und alt, wölbten hoch imaginäre Spitzbogen, schwelende Kerzen starrten rings qualmende Fabrikschlöte (die auch finsteren hintergründlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar wären). Sturmzerschlagene Masten, abgehackte Baumarme streckten sich: Kreuzstämme, an verhüllten Horizonten hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel der Straßenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte.
O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom! . . .
Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander, schweigsam, Arm in Arm. Wortlos hatten sich die beiden angefreundet, war der Fremde doch ein Jean Boussets längst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgöttisch umschwärmte er ihn, er verehrte ihn kniefällig: Charles-Luis Philippe, den Franzosen, diesen geharnischten Apostel öliger und dumpfer Nächte, diesen unentwegten Durchforscher menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen gewissenhaftesten Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt und kühn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und berstenden Vorhöllen.
Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstürzte . . .
Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen. Eine Kasernenmauer stand schräg zu einem Kehrichtstrom mit Flössen, Tonnen und Petroleumflecken, die bunt schillernd obenauf schwammen.
Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond war sie, die Kleine, die den beiden, als sie eben im Begriff waren in eine Unterfahrt herabzubrechen, begegnete. Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem schwarzen Kleid mit weißem Spitzenkragen.
Was für ein Mädchen!
Ein Schrei!
Jean Bousset griff sich an die Stirn, die heftig blutete . . .
Da schwebte unter vieler Glocken Gezymbel, dem Siegesgeschrill zahlloser Vogelchöre, dem Triumphgeschmetter erregter Straßenläufe des Lebens Nährmutter und Fürsprecherin, _unser aller Sonne_, in heiliger Frühe . . .
II Jean Bousset
Nicht zu leugnen --: seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . . (bei der, wie sich immer mehr und mehr herausstellte, Georg Forstner die Hauptrolle spielte, Georg Forstner, der einzige unter den jungen Leuten, diesen Romains und Adolphes, der den Mut hatte, sich als Deutschen zu bekennen . . . denn auch Jean Bousset hieß ursprünglich Hans Witting) seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . . war Jean Bousset vollständig zusammengebrochen.
Ja, Dagny war der geeignete Angriffspunkt, eine uneinnehmbare Stellung, wie sich bald herausstellte, ein sturmsicheres Objekt, auf das Jean Bousset unermüdlich und verachtungsvollst seine von vornherein nutzlosen Attacken konzentrierte, an Dagny zerhetzte er seine Kräfte. Wie herrlich war es, sich zu vernichten, wie reizvoll dieser Rückzug, diese Auflösung einer glänzenden Armee!
_Nun tauten aus Schwäche und Ohnmacht, Gefühlsruinen und Zusammenstürzen klingende Himmelfahrten und jubelnde Aufbrüche!_
Die Abreise Dagnys von M . . . lag vier Wochen zurück.
Dagny, das kleine blonde Tier, hatte ein Todesurteil gesprochen.
Jean Boussets Blut, gepeischt und berauscht, revolutionierte.
»Fetzen«, zischelte er, erfüllt von maßloser Empörung, aber er ergab sich, blaß, demütig und fromm (. . . beseligend: sich so wegwerfen zu müssen . . . tiefer, immer tiefer, wenn ich bitten darf . . . haben Sie vielleicht nicht noch eine etwas unfreundlichere Kammer, Madame, ein Kellerloch, das genügte, sehr feucht, rechteckig und hölzern? . . .)
Jean Bousset zog sich auf sein Zimmer zurück, früh am Abend, legte sich zu Bett und begann, die Hände wie zum Gebet gefaltet (. . . derweil seine Augen Distanzen durchstachen, tief einmündend in jenes morbide Hyazinthenwunder . . .):
»Erhöre mich, ich flehe zu dir, großer, allmächtiger, ewiger Gott! Ich bin niedrig und voller Qual, widerlich und unausstehlich, ein elendes, vor dir winselndes Vieh, das -- o wolltest du! -- bald Frieden finde, zusammengekauert, zu deinen heiligen Füßen liegend, in einem kleinen einsamen und stillen Winkel.«
»Meine Herrlichkeiten, die die Menschen nennen, heißen im Grunde Betrug und Verrat und sind ohne Bestand, und ich danke Dir, Dir Linderer meiner Schmerzen, daß Du mir Deinen Trost schicktest, Dein süßes Gift, das ich, so er sich wild aufstürzt und empört, dem armen Leib eingebe.«
»Ich danke Dir für den Tag, ich sage Dir Dank für die Nacht. Ich preise Dich ob der Wunder und der durchströmenden Wärme des Sonnenlichtes, für die Wohltat des Schlafes benedeie ich Dich dreifach.«
»Ich lobe Dich, der Du mich schlägst mit Marter, der mich wirft in Gefängnis und Krankenhaus, mich züchtigt mit Jammer und Trübsal, ich lobe Dich, Dich Peiniger, der Du die Tritte der Menschen ob meinem Haupte sammelst.«
»Siehe, ich bin Dein ekles Tier, eine vernutzte Sache, ein verbrauchter und abgegriffener Gegenstand, ein abgelegter Rock, den man zum Trödler schenkt, ein Spülicht, ein Kehricht, ein Abfall . . .«
III Die Große Stunde
Von Dagny kamen noch zwei Briefe.
Der eine lautete:
»Lieber Jean! Bis heute habe ich es ausgehalten, Dir nicht zu schreiben. Ich dachte auch, Du würdest kommen. Ich bin von einer Unruhe, die mich fast tötet. Meine Schwester ist im Irrenhaus. Ich habe gespielt in einem Film und mach nur noch nächste Woche eine Aufnahme im Freien mit, dann komme ich nach M . . . . ., obwohl ich hier meine eigene kleine Wohnung habe. Ich bin sehr verzweifelt und denke an Dich, habe immer an Dich gedacht. Ach, ich bin verrückt! Mein Herz ist voll und ich kann nicht sprechen. Leb wohl, ich wollte so viel schreiben. Wenn ich in mein Bett gehe, treibt mich etwas zu Dir, und ich habe mich gewehrt, aber es geht nicht. Vielleicht komme ich an und falle tot zu Deinen Füßen. Deine Dagny.«
Der andere: