Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa

Part 4

Chapter 43,655 wordsPublic domain

Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir haben nun alles Geld wieder verbraucht. Wir haben alles versetzt. Man bekommt nur sehr wenig. Übermorgen sollen wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist! Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner Frau groß ins Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen, sind weit: »Weib . . .« Ich nenn sie das erste Mal so. Es durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem Weib ins Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie kann ihre Notdurft nicht mehr außerhalb verrichten. Alles ist voll. Ich stöhne: »Ach Dorka, du hast ja das ganze Bett . . .« Sie dreht nur den Kopf: »Ach, Hans, du lügst . . .« Noch einmal schlägt sie zu mir die Augen auf: »Ach Hans, mein Hans, mach mich tot!« Und ich denke bei mir: soll das heißen . . . will sie etwa damit sagen . . . ich solle sie jetzt . . . in diesem Zustande . . .?! Ich lache wild auf. Ich schäme mich. Wie sie mir leid tut! Sie ist ein elendes Geschöpf, das sich nicht rühren kann. Ihr Gesicht ist ganz schmal, spitz, zermürbt und zermalmt, die Lippen weiß. Sie bedeutet durch eine schwache Handbewegung, daß ich den Papierofenschirm ans Bett heranrücken soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen bildet sich ein Lächeln. Ich küsse sie heiß und zart, beides, und am ganzen Körper. Es kostet mich gar keine Überwindung. Ich bin gar nicht angeekelt. Sie phantasiert. Sie spricht Unverständliches im Traum, doch manchmal klar und eindringlich: »Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt, Herr Mies, ach Herr Wurm . . . geh, Schatz sei nicht so fad. Ach, seid ihr schlechte Gäste . . . Also, wie du willst, Onkel . . . Ne Flasche Feist, Frau Wöber! . . .« Und sie nennt einen Namen: »Isaak«. Ich weiß, das ist der erste Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: »Lieber Gott, so nennt sie ihn, wo hast du mein Buberl« . . . Dann schreiend: »Andre! Andre!« Und mit ihren Händen wild in meine Haare: »Isaak! Isaak!« Und mich inbrünstig küssend: »Liebster!« Und weiter: »Das andere waren ja -- ach! -- nur schlechte Gäste . . . Du bist der beste Gast . . . Doch nein, ach nein: du bist ja was viel anderes als ein Gast . . . Du bist der Wirt aller Wirte . . . Ich habe tüchtig geklaut für dich . . . alle geneppt . . . ich habe viel aufgespart für dich . . . ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten . . . auf dich war ich immer am meisten scharf . . . wie heiß ich bin! . . . auf dich . . . Ich bin krank geworden für dich . . . Das ich so verkommen bin . . . _Das Leben ist beschissen_ . . . Aber, ach, du weißt ja, alle Wege gehen über das Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen . . .«

Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berühren und zart umfassen will, furchtbar, entsetzlich, drohend: »Laß mich! Du laß mich! Du fremder Mann . . .« Die Welt liegt ihr zu Füßen; sie dient ihr. Sie spendet allen. Um ihre Gunst bemühen sich alle . . .

Sie lächelt wieder und ihre Lippen formen immer den einen, sehr sorgfältig, den geliebten Namen: »Isaak! Isaak! . . .«

_Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrümmt._ Ich sinke in einen Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie klein, schwarz und bleich, kommt mir entgegen, sanft: »mein großer Junge!« Wie ähnlich sie Dorka wird! Warum Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die Dorka nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufällig erscheint sie mir. Ich schließe die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen. Ich kann es nicht. Sie ist nicht mehr gegenwärtig. Und schmerzlich: »O Dorka, daß ich dich bald vergessen werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos suchen müssen. In allem, was mir begegnet: im Café, auf der einsamen Landstraße des Nachts, unter den Gestirnen am Himmel, im Geklimper der Schreibmaschinen, auf der Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen Büchern, im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde ich dir quälend nachbeten müssen, Seele, wenn du entschwunden bist! O Dorka! . . .«

Wie ich ihre Hand berühre, merke ich, daß sie sehr kalt ist. »Friert dich nicht, Dorka.« Sie aber antwortet nicht mehr. Ich hülle sie in die Decke ein, daß sie ja nicht friert. »Kann ich sie nicht erwärmen?« Und ich denke an Elly. Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund. Doch sie bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle Türen zu.

Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert im Zimmer. Aber wie ich näher hinschaue, ist es ein Streif der Morgensonne, der über dem Papierofenschirm liegt. Der Himmel ist sehr blau und die Vögel alle machen eine herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich waschen und den Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu der Frau Wöber ins Geschäft gehn und ihr mitteilen, daß Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig überdenken. Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals, als ich Andre niedergeschossen hatte und später, als ich fest daran glaubte, meine Frau erwürgt zu haben. Ich bin sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht mich immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig. Und es erfaßt mich ein süßer Taumel und ich fühle mich an Dorkas Seite entschweben, hoch ins Licht gehoben, die grauen Wände weiten sich, die Nebel heben sich, die Erde sinkt, ein Rosenregen fällt, Wolken wehen, Halleluja, Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor, von allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendenden Gloriole umgeben . . . »Madonna Madonna!« und mit dem Wesen, das furchtbar und gütig über allem waltet, dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht . . .

Ich breite die Arme aus und meine Hände greifen im Halbschlummer, den jene himmlischen Wonnen selig durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere Vormieter hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der Zimmer. Ich träume weiter.

Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender Duft strömt daraus; himmlische Musik erklingt. Das Tor, das eherne Portal springen auf, öffnen sich. Den Dahinschreitenden umfängt mit sanft bezaubernder Gewalt der schwüle Geruch blühender Hecken. Der betäubende Duft glühender Rosenbeete erfüllt ihn. Schmale Pfade senken sich tief hernieder, breite Wege, rosenbestreut, leiten empor, stürzen wieder jäh ab in die dunkle, zittrige Glut schwüler Gärten oder münden in die glänzige Goldluft, als führten sie in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, überdacht von rauschenden Zweigen, reich behangen und überschwellend von vielgearteten Früchten, kugelrunden, spitzgestalteten und eierförmigen, zieht sich herab auf eine weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt, friedlich tummelt: violette Zebras, weiß gestreift, die glühenden Köpfe stolz erhoben, liegen im Gras, schwarze Hasen rotäugig, grüne Pferde, weiße Elefanten, die Rüssel, wie Äste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen Fangzähne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur Seite, silberne Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bären, langgeschweifte Goldfüchse und graue Hunde, gelbe, buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die beiden steinernen Löwen vor dem Schloßtor, meine ersten und meine besten Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden Schwänzen, ein Zeichen freudiger Erregung, sie schmiegen zutraulich ihre ungeheuren Tierköpfe an mein blaues, lose herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in der Mitte, glücklich heiter und schön. Flatternde Kolonnen singender Fische ziehen hoch über uns durch die weiße Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert, durchschneidet mit scharfem Flügelschlag den blassen Äther, einen spitzen Schrei ausstoßend, als erscheine ihm das Glück -- wie auch mir, der ich ununterbrochen jauchze oder überselig schweige -- unfaßlich und märchenhaft, so hell, so inbrünstig jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der Sonne deckt fast den ganzen Himmel, ihr flüssiges Goldlicht tropft nieder, honigschwer. Ein Regenbogen wölbt sich, er strahlt in allen Farben. Kristallene Schlösser, rubinrote Paläste, blau aufflammende Burgen, verwitterte Ruinen, paradiesische Gebirge, hängende Wundergärten steigen zur Rechten und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin körperlos, in alles restlos aufgelöst, ein vielfaches Echo von allem, ganz voll, gesättigt, vollkommen. Es ist wunderschön. Und mir ist, als verstünde ich nun auch die Sprache der Wesen, die ja sonst dem Menschen unverständlich und verschlossen, das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugänglich ist. »Wie glücklich bin ich,« brüllt Hai, »wie wohl ich mich fühle,« entgegnet, freundlich brummend, der Kamerad. »Meinen Gruß! Meinen Gruß!« zwitschert hoch in den sich wiegenden und leise von einem goldenen Windstrom bewegten Zweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! »Wo habt ihr das große Kind hergebracht?« Und: »Es geht wohl zum Silbersee?« erkundigte sich eiligen Laufs die flüchtige Gazelle, die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den Riesenbäumen, deren Stämme schwarz wie dunkler Marmor glänzen, doch deren Wipfel lauter wie Gold leuchten, blendende Dolche ins Blaue gezückt. Auf einer Anhöhe angelangt, bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten schillert der See, eine sanft bewegte Silberfläche, am Ufer, auf einem smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein schönes Mädchen und flicht mit spitzen Händen die goldenen Zöpfe, die von flüssigem Purpurgold überquillen, das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rührender Sehnsucht die weißen dünnen Arme aus, sie schmerzhaft und voll Seufzer an die volle Brust pressend, streckt sich einer weißen, leicht im Windhauch sich neigenden Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser entlang, dessen klare Wellen heranspülen, den Körper benetzend. --

* * *

»Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! . . .« Ich erwache. Alles ist spinnig. Man ruft. Man klopft an die Tür. Und ich, laut und fest: »Gleich, Frau Naßl . . .« Ich erhebe mich. Ich drücke Dorka sanft zur Seite, schließe ihr die Augen zu, lege ihr ein Tuch über das Gesicht, gelange die Treppen hinunter, unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich schon auf der Straße. Es ist sehr kühl. Es regnet . . . »Dort oben ist die Höhle, in der wir gehaust haben . . .« Und es ist ölig, verworren und dumpf. Und die Quellenstraße ist eine »Aschen«--Straße . . . Ich denke, die Zimmer waren bös wie Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtückisch, geduckt . . . Mir kommt es vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnäßt. Ein Auto, vorübersausend, halte ich mit geschwungenen Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen, frage ich nach Dorka. Die Dorka --: »eine Dame hellen gewürfelten Rocks, roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzähnen?!« Man schüttelt die Köpfe. »Was stehe ich im Regen hier, laß mich die Gosse hinunterspülen: in den Fluß, durch den See -- (und bei See denke ich immer an Dorkas starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht . . . also ist es doch eingetroffen!) -- durch den See, wieder durch den großen Fluß zum stillen Meer.« Und wie ich so oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse führt in den Fluß, der wohl in das Meer mündet, dort steigt das Wasser als Dunst auf, verdichtet sich, bildet die Wolken und fällt wieder, dem Gesetz ewigen Kreislaufes folgend, als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben. »Soll ich hinweggespült werden, verwaschen werden, glatt wie Stein werden, daß die Nase hinschwindet, das Kinn.« Ich trete von einem Bein auf das andere. Ich pfeife. Das tue ich immer aus Verlegenheit. Ein altes Kinderlied fällt mir ein. Der Regen singt es. Nun müssen mich doch schon Leute bemerkt haben!

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße, in seinen großen schwarzen Regenmantel gehüllt; die Helmspitze blinkt. Und plötzlich gewahre ich, daß es der rothaarige Lehrer Goll ist. »Herr Lehrer, ich habe wirklich die Schule geschwänzt . . . Ja, ja, auch das hab ich . . . Ich träume immer von weißen Windeln, Wolkenfetzen und schwermütigen Molken . . . das alles auf blauem Grund . . .« Und er: »Gut, daß du wenigstens den Mut hattest, das einzugestehen . . . du weißt: das ist sehr gesundheitsschädlich . . . Tritt näher! . . . Müller, halt ihn . . .« Und haut mir eine mit dem Stock über . . .

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße . . . Es ist aber mein Vater: »Vater, du Arger, mir graut vor dir. Habe ich dich wirklich ins Grab gebracht? . . . Laß mich heut. Sei nicht so streng . . . Bitte . . .« Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an die Kranken, denen in purpurnen Traufen Blut von der Stirn tropft . . . und es verbreitet sich in ungezählten Rinnsalen wie rote Fäden auf dem Fußboden, es bleibt an Decken, Tischen und allem Hausgerät haften, es färbt die Wände rot, es erfüllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren süßlichen Blutgeruch.

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam . . . Es ist aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr langsam durch eine von rotem Duft erfüllte Landschaft einem märchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den ununterbrochen große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln lautschreiend ziehen. Und ich breche in die Kniee, stammelnd, versuchend mich zu rechtfertigen: »Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weißt du . . . Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan habe . . . Düsterweg . . . du weißt es . . . Meine dreizehnjährige Kusine . . . du weißt es . . . Habe ich nicht auch Annie Unrecht getan . . . Und die Dorka habe ich geschlagen . . . Und bei Elly geschlafen . . . Andre habe ich erschossen . . . Ich habe meine Frau erwürgt . . .« Das aber brülle ich Schaum um den Mund . . . Und ausatmend: »_Nimm alle Schuld von mir_ . . .«

Ich trete wieder von einem Bein auf das andere . . . Nein, bei Gott, wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich muß mich unbedingt versichern, daß ich noch auf festen Füßen stehe, und trete wieder von einem Bein auf das andere. So stampfe ich mich förmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt nach Luft. Ich versinke. Ich stöhne: »Luft Luft!« Mir schwindelt. Ich werfe die Arme empor, ich zerre, ich reiße, aber ich bin wie an Armen und Beinen gefesselt. Doch ich stehe wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich plötzlich, und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und daß ich den rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den lieben Gott gesehen habe, muß wohl auch ein Irrtum gewesen sein. Der Regen klatscht. Der Wind reißt an den Dächern. »Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein? Man weiß das ja nie so genau.« Mein Kopf schlägt knallend auf das Pflaster. Ich zucke zusammen, auseinander schnelle ich, die Hände gekreuzt, die Arme gerungen, die Beine empor, doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich fühle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein dumpfer Druck. Als sei ein Meer über mich hinweggeschritten. Alle Einzelheiten habe ich vergessen. Josef kommt auf mich zu, in einen großen schwarzen Regenmantel gehüllt, sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht. »Guten Morgen, Hans, ich suche dich schon lang, du stehst scheinbar schon lang hier. Du bist ganz durchnäßt!« Das alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und ich: »Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein Engel zu sein, also führen Sie mich zu Gott.« Er nimmt mich unter den Arm. Ich folge ihm willenlos. Wir gelangen zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er führt mich zu Gott. Und er kurz: »In zehn Minuten geht unser Zug nach Berlin.«

Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe so Angst. Ich bin ganz eingeschüchtert. »Ich fahre zu Gott.« Josef schaut mich fest an. Ich presse mich dicht an ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird mir plötzlich wieder alles bewußt. »Das ist kein Engel.« Und aufkreischend: »Josef! Josef!«. So muß doch alles ein Irrtum gewesen sein und nur das Böse bleibt wahr. Und ausbrechend: »Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du bist die Stadt von roten Meeren ganz verschwemmt, krank und schwül. Du verschlingst alles. Wie rot du bist.« Und aufgelöst, in Tränen: »Überall ist dein Name im Flattern grüner Bäume, im Gedröhn der Automobilhupen, im Tanz der Alleen, in allen meinen Bewegungen: Dorka! An allen Haltestellen stehst du, an allen Straßenecken wartest du, du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine Heimkehr in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg, das einsame Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist du und Eislaufbahn, Militärmusik, glitzernde Abendpromenade und Geplätscher der Springbrunnen, du wächst empor, du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Alles bedeckst du. _Du tauchst des Nachts empor hinter den grauen einförmigen Mauern der Kasernen, über den blitzenden Kuppen der Paläste stehst du, hinter den fernsten Gebirgen erwachst du, des Abends, auf Säulen, Statuen, Kirchturmspitzen thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du hockst, du schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der Sonne, mit den Sternen fliegst du. Dein Mantel sind die Wolken, der Aether dein Leib._«

Ich höre, ganz fern, unwirklich und von oben herab: »Sie hat Andre geliebt, sie hat Düsterweg geliebt, sie hat Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm geliebt, Bruno Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat sie geliebt, sie hat alle geliebt.«

Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie ist schuldlos, sie ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind! Und ich sehe mich mit zwei Gesichtern, das eine halb verwest, das andere voll Müdigkeit. Ich sage mir, »ich fahre doch zu Gott«. Und: »Ich war ein Büßer«. Ich fühle mich ganz voll. Ich könnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf. Oh, geschähe es! Etwas reißt in mir, und es ist so schmerzlich, daß es nicht zerreißt. Das tut furchtbar weh. Wir entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind: »Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen.« Und sie schlägt immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende Revolution. Sie kreist in meinem Blut.

Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu, obwohl ich wache, denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar, versendet einen magischen Glanz, der stark blendet. Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich aufgelöst stammle ich: »Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka!« und ich erinnere mich an alles wieder, kühl und sehr entfernt.

Und ausbrechend: »Alles ist Rückzug, Verfall, Flucht. Kanonen am Weg. Brust, Bauch, Hirn durchschossen. Brennende Horizonte. Äcker von Geschossen zerwühlt. Geheul der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. Überlebte Staatsverfassungen. Zerbröckelte Leiber, Verrat, Mißbrauch der Persönlichkeit. Enttäuschung ist alles, Ekel bleibt. Was will man mehr?! _Aber ich werde wiederkommen, die Augen klar, die Muskeln Stahl, die Brust ein Panzer, der Körper gebräunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen gewachsen, die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein fabelhaftes, ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester._ Ich werde sechsfacher Träger euerer Nobelpreise sein. Sätze werde ich bauen, unendlich kompliziert, rasend gefügt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrückbar, im brausenden Rhythmus wimmelnder Cafés, toller Kapellen. (O Scigo: Primas: Tönemäher!) --: euch alle berauschend. Ich werde glänzende politische Reden halten. Meine Plakate, grell, exzentrisch, superb, werden euch zur größten aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten Aeroplan, das phänomenalste Auto werde ich ausdenken. Diplomatisieren. Splendide Verträge abschließen, Frieden zwischen den Völkern stiften, Pole werde ich entdecken, den fermatschen Satz lösen, die Unzulänglichkeit alter Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragödien, gekinntopt, werden zu Millionen sprechen, werden Millionen bewegen. Negerstämme, Fieber, tuberkulöse-venerische Epidemien, intellektuelle-psychische Defekte werde ich bekämpfen, bezwingen. Die große physische Abstinenz werde ich euch lehren. Verkünder des intellektuellen Koitus, des enorm sublimierten Geschlechts.«

Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist voller Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hügeln vorbei, auf denen Windmühlen stehn, deren Flügel sich rasch drehen. Ein kühler Luftzug geht davon aus. Das erfrischt. Die Landschaft ist von einem weißen Duft erfüllt. Ein alter weißhaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein blonder Knabe holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mädchen plätschert in einem Weiher, der leicht vom Wind bewegt ist. Ich möchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein Weib sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht, dunkel wie ein Vogelschwarm, über den Wald. Und eine Frauenstimme, sehr dünn, erhebt sich, schwillt an zu einem klaren Gesang.

Der Dragoner

Vor ihr her lief immer, wie ein Licht, ein weißer Spitz.

Der hieß Kony.

Sie hieß Beate.

Und Beate bewegte sich prustend, unermüdlich den Mauern der Infanteriekaserne entlang. (. . . vom »General Finkenkeller« bis »Zu unserem lieben Kronprinz« . . .) Hier standen sie, Wally und Mizzl, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis endlich zwei aus der Masse losbröckelten. Die übrigen trollten sich schreiend weiter.

Die Werthergasse war entleert. Sie war staubig, ein ausgetrocknetes Flußbett. Trotzdem es Samstag war. --

Und Wally und Mizzl standen, das zweitemal, beim »Zu unserem lieben Kronprinz«, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis zwei aus der Masse losbröckelten.

Die Laternen wurden gelöscht. Die einzige Helligkeit verbreiteten Leucht-Wolken am Himmel, und Kony, der wie ein Licht vor Beate herlief. Und das Dunkel stürzte sich wie ein böses Raubtier, plötzlich, laut gähnend, offenen Rachens über den »General Finkenkeller« und »Zu unserem lieben Kronprinz« und fraß die. Das polterte, tobte, schrie, flackerte rot und feucht, hier einige Male, dort einige Male, dann war auf einmal Schluß.

Da mußte Beate heiß an ihren Kony denken. Der war Athlet. Drei Preise hatte er errungen, zwei zweite, einen ersten, Eichenkränze, ganz grün, mit schwarz-weißen Seidenschleifen und Goldschrift. Und alles schrie »Hoch!« und laut »Hurra!«, und die Musik blies furchtbar, als der Vorstand der »Stämmigen Brüder«, der Gerichtssekretär Huber (der graue, der mit dem Bismarck auf dem Bauch! ) sie ihm aufs Haupt setzte. Und Kony war ganz rot vor Freude, sein großer aufgedrehter Schnurrbart glänzte. Und er betrank sich diesen Abend, den Siegeskranz um das Haupt.

Und sie entsann sich, wie ihm jene glänzende Medaille angesteckt ward (-- und das war auf der Siegesfeier des »Freideutschen Stemmklubs von 1893« --) und sie ihm der Schiller, der Oberbaurat Schiller, höchst eigenhändig auf die Brust heftete. Und alles schrie »Hoch!« und laut »Hurra!«

Und die Musik blies furchtbar. Und Kony, vor Freude ganz rot, aufgedrehten, glänzenden Schnurrbarts, kam an ihren Tisch, setzte sich zu ihr und er tätschelte ihr (-- die Medaille auf der Brust! --) auf den Hintern.

Und sie lächelte. Ihr Spitz hieß Kony.

Der schnupperte.

Beim »General Finkenkeller« aber stand stramm, hochaufgerichtet ein Soldat, ein Riesenkerl. Der stieß den langen Schleppsäbel immer eigensinnig klirrend auf das Pflaster. Er sang dazu und kommandierte laut. Plötzlich war er an Beatens Seite, hatte den Arm um sie gelegt, der kalt war und eisern, wie eine Klammer. Und Kony, der Spitz, lief ganz unbeirrt den beiden wie ein Licht voran, doch immer, wenn der Säbel klirrend ins Pflaster fuhr, ruckte er aufgeschreckt, mechanisch vor.

Es war ein Dragoner.

Und beim »Zu unserem lieben Kronprinz« standen sie, Wally und Mizzl, zum drittenmal, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Und sie stiegen daher, Arm in Arm, die Beate heiß, unermüdlich, prustend, gereckt, der Dragoner enorm, ganz gelb, eine ungeheuere Zigarre mitten ins Gesicht gesteckt, glänzenden, aufgedrehten Schnurrbarts, von Rauchwolken umhüllt. Und Wally: »Nacht, Beate . . .«

Doch die Mizzl: »Nacht, Frau Major . . .«

Und die Beate ganz glücklich bei sich: »So ghört sichs.«