Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa

Part 3

Chapter 33,580 wordsPublic domain

Man kennt uns. Wir verkehren im Café F. Wenn meine Frau kommt, meint der ernste Ober: »Herr B., jetzt kommt das Betriebskapital.« Oder: »Gegen Mitternacht steigen die Aktien.« Man macht ringsherum Witze. Ich bin wehrlos. Nur Josef hält mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen. Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf sie. Wenn sie unter die Tür kommt, ganz rot, meint Josef: »_Sie ist eine Flamme . . . es knallt._« Man deutet mit den Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt, frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee, in einer Ecke. Und die deutschen Bürger lagern sich immer ringsumher: sie paffen Ringe durch die Luft, spielen Billard, trinken aus hohen Gläsern Weißbier, tragen Namen wie Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Küchler, haben breite Stiefel, Platt- und Schweißfüße, einen massiven Gang, und lieben es, durch wiederholte Händedrücke sich zärtlich ihren Weibern gegenüber zu erweisen, die, vollgefressenen Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Männer geschmiegt, dahindösen: Schlagrahm weiß in den aufgedunsenen Gesichtern, große Torten verzehrend (--: fett, doppelkinnig, hängebusenhaft . . .). Ihrem Beruf nach Pferdehändler, Salzagenten, Buchhändler, Dichter, Maler: kropfig, dickbäuchig, oft aber auch sehr schön, sonnenhaft, langgebartet, goldblond . . .

Die Instrumente zittern, stöhnen, singen, rülpsen. Es splittert, fließt, knaxt . . . Die Musik: sie ist »dorkan« . . . und die runden Marmortische drehen sich, die Kronleuchter knistern, zertrümmern . . .

Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich, meine frühere Freundin. Sie lächelt sanft. Sie wünscht nicht meine Frau kennen zu lernen.

* * *

Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole mir immer: »ich habe einen Mord begangen! ich habe einen Mord begangen!« Und ich sage es mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch wahnsinnig darüber. Ich verliere den Verstand. Ich denke, Andre habe ich um ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich nicht schon alles um ihretwillen getan. Und doch ich weiß, ich lüge, ich belüge mich, ich habe Andre sehr meinetwegen niedergeknallt. Und denke immer an Andre. _Ich liebe ihn fast_ . . . Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln . . . Mit blauen Augen. Wie ähnlich er mir ist! Er hat den Mund sehr weit geöffnet. Er hat blendend weiße Zähne. Die Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkümmert fast, nach oben gekrümmt. _Und ich bemerke seine blauseidenen Strümpfe._ Und ich denke an das »rote« Haus. _Und ich starre unausgesetzt, Blumen in den Händen, nach oben._

Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht ertragen, daß meine Frau einem anderen gehört hat. Nur einem, nur einem anderen! Es ist furchtbar, daß mir das der Josef ins Gesicht sagen mußte. Er wird immer über mich lachen. Und trostlos: »Wie verkommen, wie haltlos ich bin!« . . . Aber Josef hat auch gesagt: »Hans, aber du wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .«

* * *

Ich begegne der sanften Annie, meiner früheren Freundin, klein, schwarz und bleich. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie sättigt mich. Ich bade.

Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen hinein. Ich kehre fröhlich heim. Meine Frau liebe ich unsäglich wieder. Ich habe alles vergessen.

Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird älter Tag für Tag. Heute ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen mit, heftig prustend, von Doppelkinn und Busen arg beengt. Aber meine Frau muß ihre Stellung aufgeben. Sie kann es nicht mehr leisten. _Das freut mich irgendwie._ Aber zugleich dämmert es allmählich in mir auf: die Türen werden langsam zugemacht. Und kurz vor ihrem Weggehn bemerkt noch wichtig die Wöber: »Moritz Düsterweg hat sich im Gefängnis aufgehängt. An seinen Hosenträgern. Denkt euch nur: er, der Lump hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen . . .« Und ich sehe Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen traurig und sehr aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt hoch, unbewegt, an einer grauen Wand.

Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche.

Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das letzte Geld im Automat verbraucht. Jemand ließ das elektrische Klavier spielen.

Ich bin zu jeder Arbeit unfähig. Ich brauche stundenlang, um aufzustehn. Ich bin schwer belastet.

»Daß sich Andre nicht mehr sehen läßt?«

Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt es keine Rettung? Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin vergraben, sehr dünn: »Arbeite!«

Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere Schneemassen, furchtbar, drohend übereinandergetürmt und ein grüner Bach rieselt vergraben, ganz unten, sehr dünn.

Es geht uns stündlich schlechter. Es ist nichts zum Essen da. Trotzdem hat sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender Dämmerung entfernt sie sich. Sie hat sich sehr auffallend gekleidet, sorgfältig herausgeputzt. Sie ist stark geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht, das Bett zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerückt. Den Waschkrug hat sie mit frischem Wasser aufgefüllt, bei Frau Naßl ein neues, sauberes Handtuch geborgt. Sie ist sehr entschlossen. _Alle Krankheit scheint von ihr gewichen._ Sie steckt die Schlüssel zu sich, betrachtet sich noch einmal im Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weißgewürfelte Rock, ein kleiner brauner Hut, mit roten und weißen Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse . . . und sie zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas schmerzlich lächelnd und »Adio«. Aber es scheint ihr nicht gar so arg hart anzukommen. Und ich sage mir: _meine Frau hat ne feine Fresse._

Mir fällt wieder ein, was Josef gesagt hat: »Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, deine Frau ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- --.« Ich entsinne mich, eines Sonntags, nachts, lernte ich sie auf der Neuhauserstraße kennen. Sie ließ die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest, manchmal drehte sie sich um. Ich denke mir: jetzt will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, daß ich Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und _wir wollen beide recht herrlich untergehn!_ Ich höre die ferne Musik des anziehenden Sturmes. Sie ist sehr süß. Umschlungen versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich bin ein großes Kind, träumerisch, voll törichter Rachegedanken, dem Leben abgewandt.

Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln, mache kein Licht, sperre ab. Ich horche gespannt. Jedes Geräusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten kommt sie mit dem ersten. Sie zündet die Stehlampe an. Es ist ganz rot. Und ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir: auch das ist ein »rotes« Haus.

Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie zu küssen. Man sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt. Ich sehe neugierig durch eine Hitze. Es ist ein großer wütender Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts, verschnupft, schnapsdurchdrängt, von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild, unbarmherzig reißt er sie auf und nieder. Sie ist ganz gleichgültig.

Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen sie mit allen möglichen Namen: Marie, Lina, Püppchen, Schlingel, Lümmelchen, Toppsau, Mensch. So verkehrt man mit meiner Frau.

Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tür. Es ist, als ob sie um Einlaß bitte. Als bettelte sie. »Ich bin sehr müde, Hans, gute Nacht!« Sie händigt mir ein großes Goldstück aus. »Also für fünf Mark . . .« _Und auf dem Tisch stehen viele Blumen_ . . . Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka wimmert laut.

Sie schläft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg. Auch ich gehe weg. Mir ist das, wenn ich mich prüfe, nie so fern gelegen. Ich »geißle« mich. »Arbeiten!« Am Stachus treffe ich einen älteren Herrn, mit goldener Brille, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen, _der jenem Blumenverkäufer sehr ähnlich sieht, den ich vom toten Andre herabkommend, auf der Straße erblickte._ Er schließt sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka denkend, unterziehe ich mich allem gern. Ich demütige, ich erniedrige mich.

Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau auf mich. Wir zählen beide unseren Verdienst. Wir müssen lachen. Wir umarmen uns nach langem wieder, küssen uns herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein jedes von uns sehr traurig. Wir ermüden. Wir vermeiden es ängstlich wieder, uns gegenseitig zu berühren.

Es ist verworren, ölig und dumpf. _Wie lang wir die Sonne nicht gesehen haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, kriechen wir aus._ Wir sind beide sehr gereizt. Wegen einer ganz geringfügigen Ursache entsteht eine Schlägerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich werfe ihr den Stuhl an den Kopf, daß ihr die Stirn weit auseinanderklafft. Sie gibt mir einen Tritt in den Bauch, daß ich rückwärts taumle. Waschkrug, Spiegel, Teller gehen in Scherben. Die Tür zerkracht. Wir prügeln uns auf offener Straße. Eigentlich ganz ohne Haß. Sehr roh und kühl. Sehr mechanisch. Wie Fuhrknechte auf Pferde einhauen. _Nur um uns gegenseitig etwas zu erleichtern._ Auf einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide mit den Fäusten. Die Dorka kratzt und beißt. Sie ist ein böses Raubtier. Die kleinen Augen, meergrün, funkeln. Sie beißt sich in meiner Oberlippe fest, die blutig herunterhängt. Menschen sammeln sich an, halb sich belustigend, halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen, zerbröckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener Brille, langbehaart, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen zählt immer sehr, sehr dünn: »Eins, zwei! Eins, zwei! Eins, zwei!!«

Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße.

* * *

. . . »Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist« Und: »Warum liebe ich sie . . .« aber ich kann mir darüber nicht klar werden. Alles ist verworren, ölig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine schwammige Masse, gelb, trüb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken. Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie fällt mich. Ich bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich muß ihr die Bluse zumachen, die Stiefel zuknöpfen. Ich will mich dagegen auflehnen, die Schamröte steigt mir ins Gesicht. Ich siede. Ich will mich empören; meine Hand zuckt oft nach der Tasche . . . _Sie sagt nur »Pferd« und streichelt mich und ich bin wehrlos._ Wieder ist sie lustig und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu wirken. Das Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen, Italienern. Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie ist vergraben . . . »Oh, ich möchte eine große Rolle spielen, ich werde glänzende Kleider tragen, im englischen Garten jeden Tag früh ausreiten, spazieren fahren, _du kannst immer im Café sitzen . . . Du kannst essen, trinken, schlafen, schlafen . . . Du . . . dann: mein ganz feingemachter Lucki!_« . . . Und sie hätschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler, kost ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort: »Buberl! Buberl!«

»Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist!« Doch diese Worte, immer und immer wieder mich quälend, bedrängend, und ausgesprochen _von einem von oben herab_, sehr blond und in einem langen schwarzen Mantel, sie scheinen mir unermeßlich. Es ist ein Rat unausführbar. Es brennt.

Mein Körper ist voll böser Flecken. Geschwüren, Flechten, Narben, Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen, kratzen wir uns gegenseitig wund. Unsere Körper sind Blutäcker. Wir waschen uns die Rücken. Wasser klatscht. Man scheuert Bänke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit Jod, Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt. Ich renne, während meine Frau sich stöhnend im Bett hin- und herwälzt mit erhobenen Händen gegen die Wände an. Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. »Gib mir etwas Wasser, Hans« . . . bittet sie, sehr dünn . . . »Halt dein Maul, Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet.« Und aufbrausend: »Verreck, du!« . . . Ihre Augen weiten sich. Sie wird sehr ruhig. Es tut mir furchtbar leid, so gesprochen zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem Augenblick, als ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder, schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich. »Hans, mir ist, als sei eben etwas zwischen uns getreten!« Und mit erhobenen Händen, grell: »Jemand hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das tut!« . . .

»So soll alles umsonst gewesen sein?«

Und stürze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die Dorka wimmert.

Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwärme nisten. Ein feuriger Hund läuft über den Himmel. Es bellt.

Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie kann keine Besuche mehr empfangen. Auch müssen wir Obacht auf die Polizei geben, die uns seit einigen Tagen schon gründlich auf der Spur ist. »Wenn man mich erwischt,« meint meine Frau, »werde ich eingeliefert.« Und: »ich habe schon einmal zwei Monate gesessen.« Und: »ich habe auch keine Lust mehr ins Krankenhaus.« Und ich denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das Vorzimmer, in dem die Kranken warten mußten, war dicht gefüllt. Sie kamen aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen, Arme, Beine eingebunden, die Augen fiebrig glänzend oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen das Blut von der Stirn. Ich aber stürzte in den blühenden Garten hinaus, die Hände geballt, der prächtig untergehenden Sonne nach.

In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen Mutter, ein Mädchen noch, voll blühender Anmut, das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die kaumgeöffneten Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar, die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die Wartenden, sie saßen, alle den brechenden Blick flehend emporgewandt.

Die Naßl hat uns heute die Wohnung gekündigt, so leid es ihr tue, aber gestern seien drei Kriminaler da gewesen, die sich auffallend eingehend nach uns erkundigt hätten, auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe überall, wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats sei noch nicht bezahlt, es kämen zu viele Besuche . . .

Ich begegne in den Isaranlagen einem Mädchen, rothändig, mit großen Füßen, dürftig angezogen, kurzhaarig, im Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander auf einer Bank und sie erzählt mir, sie heiße Elly und sei eben erst aus Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal bestraft. Sie ist ganz und gar ausgehungert, seit drei Wochen hat sie nur auf Stroh geschlafen. Ich hole ihr von zu Haus das letzte Stück Brot und gebe ihr den letzten Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu Josef. Er wundert sich, mich mit einem anderen Mädchen zu sehen, doch scheint ihn das irgendwie zu freuen. Er stellt Elly sein Bett zur Verfügung, er selbst übernachtet, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf einer Bank. Ich schlafe bei Elly. Ihr Körper ist hart, sie gräbt sich tief, überglücklich aufschauernd, in die weißen Kissen, schlägt die weiche Decke ganz über uns. Sie ruht, das Gesicht käsig, doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer weit in die Stirn fällt, die Nase platt, eingedrückt, großen Munds, mit kleinen grünen Schusseraugen, ein häßlicher Engel. Da sie friert, lege ich mich auf sie und wir schlafen, Brust an Brust, Mund an Mund. Oft ist es, als ertöne unirdische Musik, die Erde sinkt, die Wände weiten sich, wir schweben.

Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges Tuch. Elly schläft noch. Sie lächelt. Ich drücke ihr einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, ich bemerke, wie ihr Körper entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mißbraucht. Ich gehe weg . . .

Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt ist . . . »Wo habe ich heut geschlafen . . .?« Und ich jage durch Wüsten: Straßen, Straßen, Straßen. Neubauten, wo Kalk dampft, unergründliche Grüfte, Vorstadtwiesen, mit Kindern, Hunden und Fußball, ein Friedhof mit plumpem Geläut und schwarzem Zug, ein Fluß, Brücken; und ich gelange endlich in einen Wald und über Exerzierplätze voll räudiger Winselhunde, Krankenhäuser mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhöfe wieder zurück. »Wo habe ich heut geschlafen . . .« Ich bin zerschmettert. Und ich weiß mich, sehe ich mich nur einem Weib gegenüber, unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich habe meiner kleinen dreizehnjährigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen, sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und meine Mutter sagte immer zu mir, war ich unfolgsam »Du bringst mich noch ins Grab.« Und mein Vater sagte das und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie alle sind tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins Grab gebracht. Und ich komme eben am »roten« Haus vorüber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht, und ich sehe hoch eine große Spinne kleben, unbewegt, an einer grauen Wand, und Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen funkeln, traurig und sehr entfernt. Schlief ich nicht bei Düsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die Türen werden langsam zugemacht.

Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede Nacht. Sie schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich gehe auf der rechten. Ich beobachte sie. Ich traue ihr nicht mehr. Sie läßt die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht oder knüpft ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie sich um.

Wenn sie sich einen anderen anschaffte.

Ich wüte. Ich erwürgte sie.

Ich bin vollständig kaput. Ich versuche loszukommen, ich habe es ja immer schon gewollt, ich war nur zu schwach dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu mir gehabt. Ich habe es mir nur nicht eingestanden. Ich fürchtete mich immer so davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht für mich, für mich auf den »Talon«? Und auf den Knieen rutsche ich durch das Zimmer, taste mich langsam hinaus, schleppe mich zur Treppe. Ich höre Schritte. Eine Tür klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweißbedeckt, am ganzen Körper zitternd, mit Mühe noch am Geländer empor. Es wird Licht. Eine Gestalt beugt sich nieder. Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse! Sie hebt mich auf, trägt mich zurück, ich jammernd an ihrer Brust, streichelt meine Wangen: »Buberl! Buberl!« Dann: »Pferd!« Sie ist zärtlich, als sei ich eben erst zu ihr zurückgekehrt, jahrelang von ihr entfernt.

Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch. Bald sehe ich ein, es ist unmöglich. Und: »Ich muß ja, ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe ich nicht meine Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan« . . . Und ich komme so nicht los von ihr. Es ist unmöglich. Was soll ich auch fliehen? Es erscheint mir kindisch.

Ich finde die Haustür verschlossen. Meine Schlüssel sind fort. In den Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten. Es sind viele Schatten. Will sie mich nicht mehr? Hat sie sich einen andern angeschafft? Und ich höre wüste Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende hellerleuchtete, klirrende Schaukel, in der mir meine Welt ins Dunkel entfliegt. Ich werfe die Fenster ein. Alles bleibt ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rührt sich, niemand kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren wissen. Also, sie hat sich einen anderen angeschafft. Ich warte Stunde um Stunde, in eine Ecke gelehnt. Wenn ich den wenigstens sehen könnte! Die Bogenlampen löschen aus. Der Himmel wird tiefblau. Über den Dächern rötet er sich. Das Gezwitscher der Vögel beginnt. Ich gehe in die Kirche gegenüber. Ich höre die Messe. Ich trete wieder, beruhigt und gestärkt, in den erwachten Tag hinaus. Die Fensterscheiben sind zertrümmert. Ich fahre mit den Händen durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe . . . ich habe die Dorka, die Dorka erwürgt! Ich fühle die Last ihres Körpers in meinen Armen; ich lege sie irgendwo in einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm Äpfel und Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht. Er schaut mich groß an. »Josef, ich habe meine Frau erwürgt, ich habe meine Frau umgebracht! Josef, leb wohl . . . und ich habe auch Andre umgebracht . . . leb wohl . . . und ich habe auch Düsterweg umgebracht . . . leb wohl . . . und meine Mutter habe ich umgebracht . . . und meinen Vater habe ich umgebracht . . .« und brüllend: »alle Menschen habe ich umgebracht . . . leb wohl, Josef, sieh, ich bin ein Mörder . . . leb wohl . . . der auch dich noch . . .«

Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hängen lang herab, ich küsse ihn, ich bin so glücklich: »ich habe meine Frau erwürgt.« Und ich fühle mich seit langem wieder das erstemal frei. Und Josef: »Ob Dorka das wert war, mußt ja du selbst am besten wissen, ich weiß das nicht . . . Ich werde überlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich Dorka nicht . . .« Auf seinem Tische aber liegt eine Zeitung, ganz zergriffen: »Andreas Söraas, stud. ing., wurde heute erschossen in seiner Wohnung, Schellingstraße 62, III. Stock, aufgefunden. Der Mörder ist bis jetzt unbekannt . . .«

Am Abend kehre ich, halb fröhlich, halb niedergedrückt, nach Haus zurück. Es wird dunkel. Es war alles ein Traum. Und ich sage mir, eine Tür nach der anderen wird langsam zugemacht. _Das Haustor steht weit offen._ Meine Frau singt, sie ist sehr munter, sie empfängt mich mit guten Worten, sie streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft: »Du solltest klug genug sein, um das verstehen zu können. Es waren Schlager . . .« Und ich: »Ja! Ja!!« Und ich seh zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles wieder gut machen. Ich habe sie gestern so gewürgt! Sie hat ein warmes Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld. Wir sprechen uns über den gestrigen Vorfall nicht weiter aus, aber ich muß an mich halten, nichts verlauten zu lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre besuchen. Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere heimlich. Wenn sie wüßte. Sie sagt: »Hans, liebe mich.« Sie ist sehr erregt. »Du meinst wohl, ich solle dich . . .?« Sie, aber sehr traurig: »Hans, du bist so roh, bei dir wenigstens möchte ich nichts dergleichen hören, du solltest zart sein gegen mich, ich will nicht mehr deine Apache, deine kleine Dirne sein, ich bin dein >Franzosenweibchen<, du mußt dein kleines Frauchen schonen.« Das ist gewiß sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt es sehr albern vor. Und ich sage nur: »_Du hast ne feine Fresse!_« . . .

Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im Dunkel. Doch die Straße schwimmt im Licht. Wir sind hoch über dieser Welt. Die Glocken läuten.

* * *