Verfall und Triumph, Zweiter Teil: Versuche in Prosa
Part 2
»Nein, Dorka, ich werde dich nie verlassen. Zwei Tage werden wir noch aushalten. Dann . . . man verzichtet ja auf das Leben leicht. Nicht? Zwei Tage, Dorka, sind sehr lang. Unser Glück kann noch sehr groß werden . . .«
Und mir fällt ein: auf der Neuhauserstraße lernte ich sie eines Sonntags, nachts, kennen. Sie ließ die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn, richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest. Manchmal drehte sie sich um. Wir haben uns eigentlich nie darüber näher ausgesprochen, ich habe immer so Angst davor gehabt.
»Nun bist du acht Tage lang nicht im Geschäft gewesen. Du, Dorka, vielleicht geht es doch noch. Versuch es einmal.«
Abends besuchen wir das Kino. Alles sitzt da in diesem Raum, umschlungen. Wir legen friedlich die Hände ineinander, unsere Kniee berühren sich mit zärtlichem Druck, ihr Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie schön das ist! Es ist ruhig und andächtig wie in einer Kirche. Dorka schluchzt oft und auch ich muß mich bezwingen, meine Tränen zurückzuhalten. Eine Liebestragödie wird gespielt. Die Leinwand ist aufs äußerste bewegt. Sie erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere Vormieter hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik: zittrige Geige, schwaches Klavier, ist sehr süß. Wir sind tief erschüttert. Es ist, als gehe ein Sturm durchs Haus, es braust, und wir befinden uns auf untergehendem Schiff, auf hoher See. Umschlungen versinken wir.
Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus blendender Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere in unser Dunkel wieder, verworren, ölig und dumpf. Die Nacht beschert seltsame Träume, gute und böse. Oft ist es hell, wie es nur am lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie es nur unter der Erde sein kann.
Meine Frau geht wieder ins Geschäft. Sie besäuft sich jede Nacht, sie muß sich besaufen jede Nacht. Die Herren geben ihr ziemlich viel Geld, dafür muß sie ihnen schön tun, zärtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich streicheln lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen und oft bis spät in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie tanzt einen Apachentanz, tanzt Twostep, kann Cancan. Sie stellt sich auf einen Stuhl, führt unter allgemeinem Beifall unanständige Gespräche, hält große Reden. Lacht unnatürlich, sehr gezwungen, hell. Hebt die Röcke hoch, dreht sich, nach allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel. Sie ist ein Karussell. Ich sitze dabei. Das Blut schließt mir die Faust.
Einige Ausländer, neun Schweden, gehören zu ihrem nächsten Verehrerkreis. Sie sind sehr für sie interessiert. Der eine, Andreas Söraas mit Namen, liebt sie. Er ist ein kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen Augen. Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant für sie verschwendet, indem er sie häufig zu Automobilfahrten, fast täglich zum Abendbrod einlädt. Sie hat immer Blumen von ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was sie nur will. Begleitet sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie vor allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermüdlich, herzlich interessiert über alle Strümpfe, Unterwäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke. Ich kann das nicht.
* * *
Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschäftsschluß, auf meine Frau. Versteckt, im Schatten, an einer Ecke. Ein Haufen Studenten kommt angeheitert, den Dessauer pfeifend, ausspeiend und johlend, sehr langsam daher.
»Bei der ist heute nichts zu wollen,« flüstert einer, etwas beklommen, im Vorübergehn, »ihr Zuhälter wartet auf sie.«
Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so oft bin, freut mich das.
Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend über die Treppe heraufkommt. Höre sie schon, schwer das Haustor aufschließend, sich verabschiedend von ihrer Begleitung, das leichtere Geräusch der Türschlüssel, das Öffnen der Außentür . . . Gleiten über den Gang . . . und sie tritt zu mir, läßt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet sich rasch, umschlingt mich heiß. Wir wälzen uns wie Tiere. Sie rülpst. Sie stinkt immer nach Wein, Tabak, sehr aufdringlichem Parfüm und Sekt. Sie klebt.
Den Tag verbringe ich untätig, meist schlafend im Bett. Oder sehr verträumt. Was soll man auch tun? Und nichts geschieht. Nur die Zeit vergeht, sehr langsam. Wir langweilen uns.
»Man kann ja schließlich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen leben, das wird einem am Ende auch fad. Laß mich in Ruh!«
»_Es muß etwas geschehen._ Was Aufregendes, Aufpeitschendes, Aufreizendes. Man benötigt Sensationen.«
Wir mimen der Öffentlichkeit gegenüber Ausländer, Russen. Wir sprechen fließend, obwohl wir nur,[**] vielleicht fünf Worte können. Wir halten die deutschen Bürger zu Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang. Meine Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trägt sehr sentimentale Lieder vor, tanzt russische Tänze. Aber auch das wird fad. Auch fehlt es immer an Geld.
Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer müder und gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist stark angewidert. Sie flieht das Leben. Sie ist ganz pathogen konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie ist satt. Ich bemühe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die Hände. Ich verzweifle.
* * *
Moritz Düsterweg, Magistratsbeamter, hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen. Mit zweitausend Mark war er für die Schulden der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden internationalen Transformationstänzerin Lila Lieblich aufgekommen, fünfhundert Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs Schönste verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland angelegt, eintausendundfünfhundert Mark für Straßendirnen verausgabt, den Rest bringt er, auf mein Anraten -- ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will, völlig betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz -- eintausend Mark bringt er in das Weinlokal S. Früh sieben Uhr beginnt man. Der Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird gerufen, meine Frau aus dem Bett gerissen, ich bin zur Stelle . . . Der Phonograph schnarrt. Und vor einem Glas Bier und einem Paar Weißwürsten, träumerisch zurückgelehnt, genießt der Moritz Düsterweg jenen Anblick: wie sie seinen Sekt versaufen: Dorka, rasch, klirrend, Madame, schläfrig, leicht nippend; die »Kapelle« vornehmlich, mit langen Fingern, den Kopf taktmäßig, hervorgequollenen Augs, überfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgültig, schlecht amüsiert. Und während man draußen durch den erwachten Morgen eilt: schnatternde Scharen farbiger Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander gewürfelter Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Männer mit kleinen roten Kugelköpfen, wehklagende Hunde, traurige Pferde, freche Automobile, verträumte Lastfuhrwerke, böse Radler . . . (und Busenmädchen flattern freundlich, heilige Studenten kreisen singend) . . . während man hereindringt, einen Imbiß zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure, grimmige Dienstmänner, während am Fenster Frau Marie Wöbers Kinder die Suppe klirrend auslöffeln, stricken --: tanzt man: der Moritz Düsterweg und die Dorka, deren Haare sich auflösen, deren Locken wild fliegen, die sich plötzlich in die Knie läßt, die Hüften beugt, wild vorwärts drängt, stampft, aufbraust, hingebend sich zurückbeugt, schiebt: _die böse Dorka!_ Doch der sich so ganz vergißt in diesem rollenden Taumel: Moritz Düsterweg: er weint plötzlich. Man bäumt. Der Tanz stockt. Man dreht noch einmal, eine halbe Wendung . . . einige Schritte . . . vorwärts, zurück . . . noch einmal . . . eine viertel Wendung . . . mit Mühe . . . gerade noch --: und Düsterweg -: er sinkt um.
Man müht sich: Dorka erweicht, voll zärtlicher Fürsorge, als gelte es einem verschüchterten, einem verstockten Kind, ich, ganz uninteressiert, peinlich berührt, verlegen, Madame, von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig prustend und: indem sie die Vorhänge dichter vor die Fenster zieht: »_der Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal geschlossen worden . . ._«; die »Kapelle«, zurückgebeugt, traurig, verhalten über das Klavier hinplätschernd . . .
Düsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf in Dorkas Schoß gelegt, die unermüdlich ihn mit Worten streichelt. Ein Lächeln gleitet über sein Gesicht . . .
Er erwacht, springt empor, schlägt wild, heftig die »Kapelle« vom Stuhl drängend, die einleitenden Takte eines furiosen Walzers an, gibt das Zeichen zum Beginn des Tanzes. Alle reißt er mit sich empor. Und man tanzt. Bricht wieder zusammen. Tanzt von neuem wieder: und alles, immer dasselbe wiederholt sich . . .
Um zwölf Uhr ißt man zu Mittag. Die Speisen werden über die Straße gebracht. Die Zahl der zwar ungeladenen, aber doch herzlich bewillkommten Gäste ist inzwischen auf ein Dutzend angewachsen. Immer neue kommen hinzu. Ein jeder bestellt sich, was er nur will. Heut ist ein Festtag. Was einem jeden zusagt, wird ihm gebracht, eines jeden Wunsch geht heute restlos in Erfüllung. Was braucht man sparen?
Würste dampfen. In Schüsseln werden sie herbeigebracht, aufgerollt gleich dicken weißen Ketten, in lustigem Streit auseinandergerissen. Braunes Bier fließt. Man ist verschwenderisch. Sektflaschen knallen. Dunkler Wein rollt. Tabakgeruch schwängert die Luft. Rauch wie von einem ausgehenden Brand lagert unwirklich und schwer. Musik tönt ununterbrochen. Der Phonograph abwechselnd und die »Kapelle«.
Man betäubt sich. Man schläft wach. Träumt vor sich hin, summend. Sitzt dumpf mit halbgeschlossenen Augen. Es brütet. Fip, die schwarze Katze, auf dem roten Tischtuch dick ausgebreitet, schnurrt. _Ein Schnapsglas daneben steigt wie eine silberne Blume blühend aus rotem Klee._
Gegen drei Uhr nachmittags trinkt man schwarzen Kaffee. Um sechs Uhr gibt es Tee. Bei einbrechender Dämmerung ißt man zu Abend. Der Geruch aller Getränke, aller Speisen haftet, da weder Fenster, noch die Tür geöffnet wird. Fünfzig Personen nehmen schon an den Gelagen teil. Sie glucksen glücklich. Dröhnend verdauen sie. Kreischen. Man gebärdet sich wie toll. Man ist ausgelassen, voll sprühender Lust.
Düsterweg hat, ganz durchhitzt, den Rock abgelegt. Die Hemdärmel aufgestülpt, hochgeröteten Kopfs hastet er wie wahnsinnig umher, den Appetit seiner Gästeschar anfeuernd, eifrig besorgt, daß alle genug bekämen. Eigenhändig gießt er Wein ein, zerschmettert unter hellem Geschrei, lang grinsend, Gläser und Sektflaschen, kindisch sich daran erfreuend; stopft Fleisch, Brot, Gemüse den Fressern ins Maul, die aufbrüllen, ihm ins Gesicht speien.
Gegen zehn Uhr kommen Alois Wurm, der Pferdehändler: groß, aufgedrehten Schnurrbarts, gelb, schnapsdurchtränkt, verschnupft, von Sonne durchsotten, ein wenig später Moses Mies, sein Freund, der Salzagent: klein, dick, rothändig. Beide Stammgäste. Sie reichen Moritz Düsterweg die Hand, sehr gnädig und herablassend von ihm begrüßt.
Düsterweg --: _herrscht er nicht über alle?_ Ist er nicht maßgebend? Herrscht er nicht unumschränkt, königlich, maßlos? Er ist in bester Stimmung. Weiß nicht wohin vor Glück. Fängt, vor Kraft überquillend, mit allen spaßhalber Händel an. Man pufft und boxt sich. Ein Wettrennen über Stühle wird inszeniert. Ein Ringkampf aufgeführt: man stürzt, wälzt sich, steht wieder auf, taumelt, wankt, sinkt um. (Und Moses Mies reibt sich an Alois Wurm.) Man lacht, belustigt sich dabei allgemein.
Gegen Mitternacht zieht der Düsterweg meine Frau näher zu sich, die, schwer benommen, inständig nach frischer Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt er breiigen Munds, mit grünen funkelnden Schusseraugen, käsigen Plattfingern seine Anträge; er erklärt wiederholt und flehentlich seine Absichten, nötigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt strahlend Dorka das seine hin, spricht lang und erregt von naher Verlobung, baldiger Hochzeit, und ist tief beglückt und süß durchronnen, als Dorka endlich, nicht ohne zu zögern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein händigt er ihr sofort ein.
Inzwischen rechnet die Wöber ab. Die Schuld beträgt fünfhundertundzehn Mark, von Düsterweg sofort bereinigt. Das Fest setzt sich fort. Und Dorka, Düsterweg zärtlich umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze, die auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich schnurre. Sie nennt ihn Onkel. Und plötzlich, mitleidig, mit großen Augen:
»Onkel, wo hast du das viele Geld her?«
Die Frage, unangenehm, beengt. Man überhört sie.
Ich werde gerufen. Düsterweg drückt mir einen Kuß auf die Stirn, dankbar, daß ich ihn geführt habe. Und selig lächelnd auf meine Frau weisend: zum Glück geführt habe! Ich müsse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht; müsse ihm versprechen, Dorka immer zu behüten, während seiner Abwesenheit: Dorka, die sein sei. Und heiter angeregt gedenkt der Düsterweg der allgemeinen Beliebtheit sich erfreuenden Transformationstänzerin Lila Lieblich, für deren Schulden in der Höhe von zweitausend Mark er aufgekommen war. Und renommierend: »Sie ist faul. Nach fünf Nummern schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar. Ungenügend!« Schallendes Gelächter folgt.
Doch plötzlich ernüchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen habe ich meinen Gehalt empfangen: einhundertundfünfzig Mark. Und lächelnd versucht er: »ein . . . hundert . . . und . . . fünf . . . zig . . . Mark«.
Es wird ihm kühl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft. Und sein Messer ziehend, springt er auf: »Meint ihr, ich bin euere Wurzen? Windige Bagage. Ich laß mich nicht neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!«
Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verändert, fremd, vor Wut entstellt, lächerlich . . . Man versucht ihn zu halten. Er schreit, flüchtet . . . Doch seine goldene Uhr zerschlägt er, indem er sie mitten in das Glas schleudert, das zerklirrt . . . _Sein Gesicht platzt entzwei._ Ein großes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor Schreck verstummt, gespannt aufhorcht: »Sich erschießen? Sich in den Mund schießen? Oder etwa, etwas rückwärts, die Pistole angesetzt, fünf Kugeln durch die Schläfe? Einen Tag, eine Nacht . . . nein, zwei Tage, zwei Nächte geherrscht zu haben, maßgebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles auf, ist das nicht alles wert? _Man muß sich doch einmal Luft machen!_« . . . Und »es ist schön«, weiß er: Und »Dorka, Dorka mein!«
Man macht Schluß, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich. Frau Marie Wöber drückt dem Düsterweg die Hand, lang, Madame, deren Brust sich um diese späte Zeit immer schwer aus der Bluse zwängt . . . und mir vertraulich zublinzelnd: »das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein artiges Fest gemacht. Auf Wiedersehen.« Von Bruno Maria Wagner, der »Kapelle«, nimmt man Abschied, der, betrunken, mit Händen und Füßen durch die Luft fährt. Von Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tür sein Geld zählt. Von Moses Mies, dem Salzagent, der pfauchend in die Nacht entweicht. Und nimmt Abschied mit einem letzten Blick von den unzähligen Sumpfkumpanen, die fluchend unter Stühlen, Tischen, vom Schlaf aufgestört, hinter Bänken, unter Vorhängen und Decken, hervorkriechen, wie aus einer Höhle zum Lokal hinaus, gebeugt, mit schlotternden Knieen in die Finsternis sinkend.
Man fährt zum Bahnhof, Dorka den Kopf müde an meine Schulter gelehnt, der Moritz Düsterweg uns beiden gegenüber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft ist anders. Man spricht wenig. Nur der Düsterweg einmal überselig: »Ich besitze . . .« _Er sieht alt und häßlich dabei aus._ Sein Gesicht verzerrt sich idiotisch. Die kleinen, grünen Schusseraugen funkeln, die platten Käsfinger spreizen sich . . . Man macht eine Biegung. Man fliegt förmlich. Der Düsterweg zählt die Stunden bis zum kommenden Morgen, sorgfältig, immer wieder. Daß er sich nicht verrechne: drei Stunden! . . . Durchsucht seine Taschen: dreißig Mark! Bis zum folgenden Abend: zwölf Stunden! . . . Ich werde geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen bemerkt haben. Man wird die Unterschlagung entdeckt haben, ich werde nichts dagegen, nichts dazu tun, ich lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich verhaften . . .
Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel Fünf. Ich gehe mit Düsterweg zu Fuß voran. Lasse das Auto halten, etwas vom Lokal entfernt. Dorka will es. Man müsse nachsehen, ob X. drin sei. Sie könne X. nicht leiden. Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da . . . Es beginnt zu regnen. Man kehrt um --: Dorka holen. Dorka --: wartete sie nicht hier? Sie ist nicht mehr da. Doch Düsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich etwas unschlüssig, höflich grüßend, entferne mich . . .
Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner Dorka nachstürmend, rufe ich, schallend: »Dorka, die Dorka suche ich . . .«
* * *
Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr erstaunt, mich wiederzusehen: »Ja, Hans, wo treibst denn du dich herum?« Aber ich merke gleich, daß er alles schon weiß. »Hans, du siehst sehr angegriffen aus.« Und er erkundigt sich sehr eingehend, merkwürdig interessiert, nach meinen Verhältnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt, nach meiner Frau. Mir ist das sehr unangenehm, wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe immer irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden . . .
Es ist sehr schön und wir machen einen großen Spaziergang durch den englischen Garten. Ich trinke tief die warme Luft ein, ich fühle mich glücklich wieder, sorglos und heiter, und vollkommen gekräftigt. Die Menschen gehen sehr entfernt. Sie scheinen durch blühende Luftgärten zu wandeln, über der grünen Landschaft gleichwie auf samtenen Teppichen friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der Kleinhesselohersee glänzt, unbewegt und starr, er sieht wie Blei aus . . .
Ich weiß, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. »Vorgestern nacht, Hans, hat deine Frau bei Andreas Söraas geschlafen. Und sie hat es aus Liebe getan« . . .
Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich muß zugeben, vorgestern nacht war meine Frau nicht bei mir. Hat sie also wirklich bei Andre geschlafen? Aber, so tröste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe getan, denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die Tränen mühsam unterdrückend, mit brechender Stimme: »Josef, bitte, sei ruhig, ich weiß es . . .«
»Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .«
Und ich, die Fäuste geballt, verhaltenen Zorns: »Josef, bitte sei ruhig, ich weiß alles, ich weiß es.« Ich zittere am ganzen Körper. Ich hatte immer so Angst davor gehabt. Aber es hat mich doch irgendwie befreit. Es ist heraus . . .
* * *
Doch nachdem wir uns verabschiedet haben, mache ich mich langsam auf zu Andre. Andreas Söraas, stud. ing., Schellingstraße 62, III. Ich treffe ihn bei der Arbeit. Mitten in Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln. Ja, er ist ein kleiner, blonder Junge, zwanzig Jahre alt, sehr kräftig, mit sehr blauen Augen.
»Sie entschuldigen, B. ist mein Name, aber Sie scheinen näher für diese Dame interessiert . . .« auf das Bild hindeutend, das unmittelbar vor ihm auf seinem Schreibtisch steht . . .
Und er sofort: »Ja, sie hat vorgestern nacht bei mir geschlafen.«
»Verstehen Sie: sie ist meine Frau.«
Und gesteigert: »Sie werden wissen, was das heißt: meine Frau, Herr Söraas . . . haben Sie ihr Geld gegeben? . . .«
»Was denken Sie, nein« . . . Einfach. Ohne mit den Augen zu zwinkern.
Und mein Blick fällt auf das Bett, das links in der Ecke steht. _Es ist sehr breit._ Das beunruhigt mich . . . Er scheint sehr zufrieden zu sein. Es ist sehr sauber bei ihm. Er ist sehr gut eingerichtet. Ich denke an unsere Wohnung in der Quellenstraße 16. Und wie wir jeden Abend aus jener blendenden Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere immer wieder ganz ergeben in unser Dunkel tauchen, verworren, ölig und dumpf . . .
Er ist auch gar nicht aufgeregt. Er lächelt.
Warf sie mir nicht als vor: »Sieh, Hans, Andre tut mir alles, was ich nur will.« Und: »Er begleitet mich oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo wir vor allen Schaufenstern stehen bleiben, uns unermüdlich unterhalten über Strümpfe, Wäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke . . . du kannst das nicht.« Und: »_Er hat gesagt, er würde mich, wenn ich nur wollte, gleich von dir nehmen, auf immer zu sich, mich heiraten . . ._«
Ich siede. Und obwohl ich deutlich fühle: ich habe kein Recht dazu, es ist eine Gemeinheit, ja, sogar ein Verbrechen, zucke ich nach meiner Tasche, meiner Pistole, hebe sie, ziele, drücke, knalle ihn nieder. Ich bin eiskalt . . .
Und ich frage mich, nachdem ich das getan habe: habe ich es denn auch wirklich getan? Und mir scheint die Welt auf einmal verändert. Ja, ich habe es getan, denn ich hörte den dumpfen Knall und dann den Schlag, als sein Körper den Stuhl langsam herunterglitt. Ich habe die Pistole noch in der Hand, in dieser, in dieser rechten Hand. Und ich stecke sie wieder ein . . . Aber wie, wie bin ich dazu gekommen? Aber ich kann mir mit bestem Willen jetzt, im Augenblick, keine Rechenschaft darüber geben. Es wird später geschehen. Und ich muß mich immer wieder davon überzeugen, daß ich Andreas Söraas wirklich niedergeschossen habe. Ja. Es ist eine Tatsache. _Es ist eine Tat. Wie wohl das tut_, wie reinigend das wirkt: eine Tat. Sei froh! Nein! Es ist keine Einbildung. Man kann nicht daran zweifeln. Man wird daran glauben müssen. Und die Blutlache über dem hellgelben Parkettboden sieht aus wie eine große braunrote, aufgeschwollene Sonne, die spritzt kleine zitterige Strahlen aus nach allen Seiten. Und ich bemerke: _Andre hat blauseidene Strümpfe an!_ Die heiße Scheibe glüht wild auf hinter Andres blondem Jungenkopf, der unaufhörlich rinnt. Sie brennt, sie schreit. Und Glocken gellen, Kanonen knallen, Trompeten, Trommeln, das Anmarschieren von Infanterieregimentern, glänzende Kavallerieattacken, Barrikaden, Kommandos, Stille, Schnellfeuer, Sturmlauf aufgepflanzten Bajonetts gegen Bastillen, Explosionen, Pulverwolken: und ich erlebe die ratternde Symphonie des Aufruhrs.
Nun erst bin ich meiner Tat gewiß.
Und ich gehe sehr beruhigt, erleichtert die Treppe herunter. Wie ich das Haustor öffne, _erblicke ich einen älteren Mann, einen Blumenverkäufer, und ich habe das Empfinden, ich müsse ihm was recht Gutes tun._ Die Sonne scheint. Und plötzlich fällt mir heiß ein: »Ich habe einen Mord begangen! Ich habe einen Mord begangen!« Und ich sage es mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. _Und ich will es dem Alten eingestehn_, er wird ja schweigen, und nichts verlauten lassen. Mich aber erleichterte das. Doch ich fürchte, vielleicht könne er mich doch verraten. Und ich sage mir, das kann auch später noch geschehen . . . _Aber ich kaufe ihm alle seine Blumen ab._ Und ich sage mir: das ist ein »rotes« Haus. Und ich starre unausgesetzt, die Blumen in den Händen, nach oben.
_Und ich brauche lange Zeit, bis ich endlich von diesem Haus fortkomme._
* * *
Meine Frau trägt zwei goldene Vorderzähne. Man sagt mir: »Deine Frau ist eine Dirne, die sich bei der Prostitution beide Vorderzähne eingeschlagen hat.« Ich springe dem Schuft an die Kehle.
Man sagt mir: »Deine Frau ist eine Abortgrube.« Ich speie dem Schwein ins Gesicht.
Man spöttelt weiter: »Deine Frau: 'n prächtiges Weib, ne schöne Hur' . . . wer hat diese olle Spinatwachtel nicht schon alles . . .?« Ich kann mich nicht mehr rühren. Ich bin kraftlos. Ich höre alles mit an, aber ich heule im Innern auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen.