Verfall und Triumph, Erster Teil: Gedichte

Part 4

Chapter 43,547 wordsPublic domain

Ein Vogelheer, das sich zusammenscharet Und kommet plötzlich überm Berg in Sicht, Ein Wolkenschiff, das durch die Lüfte fahret . . .

Dich überglänzet grün Laternenlicht, Dich überstimmen Ruf und Orgelpfeifen . . . Doch weiß ich, daß du schlafest nicht.

Du steigst empor in langen Achterschleifen, Du tropfest nieder als der Kerzen Flaum, Du fließest hin am Weg als heller Streifen,

Dich hängend an der schönen Kleider Saum . . . Palast mit Tanzmusik in Wüstenei -- Und stellst dich ein in böser Fratzen Traum.

Wir fahren auf, ganz Schweiß, mit Schlafgeschrei.

IV

Die Katzen schreien aus der Höfe Fluchten, Naß unterm Tore glotzt des Heiligen Bild. Wir atmen heiß nach ewiger Liebe Frucht . . .

Du nahest wieder als die Mutter mild, Mit Hängebrust und gelbem Suppennapf. Gekreisch der ausgedörrten Kehlen quillt.

Die Windeln steigen aus dem Wasserschaff. Du legst den Bruder noch im Bett zurecht. -- Nun bist du Mensch, das Puppe herzt im Schlaf.

Zum Ausgehn ist das Wetter dir zu schlecht, Auch hast du frei heut, brauchst nicht aufzutreten. Bös irrt ein Glanz durch schwarzen Baums Geflecht.

Es schwirren Pfeile wild verzweigter Reden Und einer nimmt dich, kaum mehr auszudenken, So fern schon: Tränengüsse der Erflehten . . .

Wir aber schliefen oft auf diesen Bänken.

V

Nun niemand mehr in dem Bezirke hungert, Der, seidener Teppich, zwischen Monden hängt Und niemand hutlos an den Ecken lungert

Und keiner bös sich in die Züge mengt -- Da flüchtet Priester mit der Klingel leis, Die Dome blühen, Jahre arg beengt,

Und schlagen auf die Dächeraugen weiß, Die Glocken dröhnend, bunte Blasen, schweben Und singen im Verein des Höchsten Preis,

Derweil die Flüsse Silberarme heben Und wirre Landschaft jubelt und zerrinnt, Doch wir, erwacht von seligen Räuschen, beben

Und bleiben Tastende, verwahrlost, blind Und suchen dich, die gleichet ewigem Wald, Da wechseln Höhlen feucht mit Höhen lind.

Wir finden uns heraus als Wanderer alt.

Kleist

Schakale winseln Dächer in den Öden. Der Abend dünn in aschene Nacht zerrinnselt. Aus blindem Hafen die Sirene flötet. Leuchtfeuer matt wie grüne Sterne blinzeln.

Er stehet auf und schlägt den Mantel um, Der sich im finsteren Regen klatschend ballet. Durch öliges Tor er schiebt den Buckel krumm, Die Fingernägel er im Sturm verkrallet.

Um seine Paukenfüße wirbeln Lehme. Petroleum schillernd um das Haupt ihm spritzet, Aus dem, scharlachenes Rund, das Auge blitzet.

Verdüstert von der Schattenhäuser Fehme . . . Es platschen Gäule durch des Mondes Pfütze . . . Er auf dem Bock der Kohlenfuhre sitzet.

Die Stadt der Qual

Erscheinen des Engels

Dem Doktor Otto Groß gewidmet

I

Schon färbet Nacht uns. -- Sieh, als heiliger Würger Stolziert er durch die Nacht mit Wohlbehagen. Er spucket Kugelköpfe, rote Bürger Und Gäule stürzt er, sanfte Trambahn-Wagen.

Er schmettert seine rauschenden Fanfaren, Er rufet Pest und Fieber, die Dämonen. Er zerret Weiber in den Fluß an Strickehaaren. Er balancieret auf bedenklichen Balkonen.

Sein Mantel hänget Haut herab in Fetzen. Die dunkle Luft ist irgendwie erschüttert. Schon dünne Nonnen durch die Straßen hetzen.

Im Arsenal die Bogenlampe zittert. Das Flammenschwert er schwinget, sich ergötzend. Es dröhnet Orgel weit das himmlische Gewitter.

II

Nun ruhend über, ach, gefallenen Säulen, Zerborstenen Theatern und Konzerten . . . Er füget Glieder an zerbrochene Leiber Und streicht mit Erde Wunden aus.

Wo Dunst aufbricht verwelkter Seuchen Und Flüsse spülen endlos blaue Leichen . . . Und jammernd kindlich über offenen Gräbern Und stößet Seufzer hell durch Blätterruß.

Sich streckend, daß dies Leid er fasse, Bis jene Ewigkeit ins Aug ihm wächst.

Abend

Verschüttet unterm Strahle des Planeten Lag ich, war Ort, Vergangenheit und manch Gesicht, Ich stöhnte in der Klage des Propheten, War Hundelaut und Stimme im Gericht.

Der Tag vergehet wieder und schon ankert Im Hohen fern des weißen Mondes Boot, Bald sich ein Schein um meine Stirne ranket Und großer Zukunft Ruhm mich heiß umdroht.

Ich hab genug dich harte Zeit erlitten, Da ich Empfängnis war, feig und befleckt, Wir über Land auf hellen Schienen glitten. Wir Ziele euch. Wie Scheiben aufgesteckt.

Da nun aus schwacher Brust, durchwühlt von Toben, Schon warmer Hauch in kühles Dämmer schied, So will ich gern den mächtigen Herren loben, Der mit der Sonne rot im Westen zieht.

Er treibet heim das blutgeschwollene Tier, Das schlang die Städte über Tag und fraß Sich satt an Hirnen und mit böser Gier Riß es den Boden auf, bis Büschelgras,

Bis Wiesen flammten, spitz die Wälder schrieen, Die Dächer barsten und der Flüsse Schaum Aufkochte, an verträumter Hügel Kniee Hinquoll, die konnten atmen kaum.

Nun kriecht es zwinkernd und voll wahrer Reue, Nicht murrend in der grauen Berge Stall. Schon glänzet auf der Stern in heiliger Bläue Als jenes Stabes Spitze und der Wall

Von Wolken, jenes Kleides Falten, Er schimmert und zerfließet, wird verweht. Noch zuckt ein Streif aus rauher Türe Spalte. Es grollet dumpf er, der auf Wache steht.

Gesang zur Nacht

Auf hellen Wagenstraßen Päderasten stelzen. Verblaßte Mädchen streifen an mit buntem Kleid. Der Lichtreklame Teufel farbenes Feuer speit. Ein trüber Kehrichtstrom im breiten Mond sich wälzet.

Verzweifelt werden wir noch diesen Leib umfassen, Darein Laternen kollern wie in finstere Kluft. Mit knöchernen Händen wollen wir ein Weib zerfasern, Derweil das kichernd unseren schwarzen Bart zerzupft.

Es müssen Messer schreiend aus den Taschen springen! Zerstochene und Säufer poltern im Lokal! Bordelle sollen bluten und Klaviere klingen! Exzesse rasen furchtbar bei der Reichstagswahl!

Vom roten Forum aber tackt ein Trauermarsch. Ein König wird in die Familiengruft getragen. Ein feiner Graf besieht sich einen vollen Arsch. Es liegen Puppenjungen rund bei Lustgelagen.

Ein kleines Leben däucht jetzt bleichem Fant beschissen Und möcht den neuen Browning an die Schläfe setzen. Sich Meuchelmörder schminken. Diebe Feilen wetzen. Zuhälter strolchen auf dem Boulevard jagdbeflissen.

Mit Schlafes giftigem Strauße in der narbigen Hand Des Todes Engel hocket bei des Marktes Halle. Wir Armen werden müde am verlassenen Strand Vor Morgens blauem Meere auf die Knie fallen.

Die Stadt der Qual

I

Stadt du der Qual: -- in Höllenschlunde eingeschlossen Von eherner Gebirge Ring und Festungswalle . . . Dein Dulder-Körper blüht, rinnenden Lichts begossen, Azurene Meere sprengen deiner Grüfte Halle!

Stadt der Qual: -- die Toten atmen in den Gängen, Ein Marsch beginnt mit Trommelkrach und buntem Spiel. An schmalen Schultern lehnen Hyazinthenstengel. Aus silbernen Kesseln wirbeln Düfte Weihrauch schwül.

Stadt du der Qual: -- erbaut an des Verfalles Ende Raget dein Dom, die dürre Knospe des Jahrhunderts. Wir mit den Tüchern schwenkend uns zum Morgen wenden. Wir gehn, verfaulte Wracks, in Abends Schatten unter. --

Sie speiet aus ihr schwarzes Blut und im Geschirre Der hageren Flüsse brüllet auf sie wie ein Stier. Die Sonnenheilige durch Dächerwildnis irret Und hauchet aus in Todes rosigem Geschwür.

Sie winket mit den Türmen nach der goldenen Schwester, Die sterbend träufelt Öl auf ihre eisernen Locken. Ein zorniger Sturm beruft das himmlische Orchester, Das stöhnet auf mit Flammenschrei und Donners Glocken.

Ein Kind zuckt knallend hin, das spielet Ball im Hofe. Des Dämmers Schwall würgt keuchend Giebel und Balkone. Es prasseln Scheiter aus der Stube kleinem Ofen. Der nackte König wandelt mit der Dornenkrone.

Es prallen Salven ihm vom Marktplatz gell entgegen. Kasernen, die in Reihenmassen aufgebrochen, Sie überkreuzen ihn mit wirren Säbelschlägen. Geschütze heiser von dem Stachelhügel pochen.

Es flammen weit im Rund der Räume Baldachine. Man hetzet Minen auf die Blöden, die wie Hasen Aufflüchten, stürzend in die dampfenden Latrinen, In Grubenteich, wo träge Schlangenkröten grasen.

Die Schimmelwände der Gefängnisse zerbröckeln. Als Seliger Brücke glänzt der Purpurwunde Streifen. Wie Fackeln starren hoch der Lanzen rostige Nägel. Zertrümmerte Gerüste schleiert Winters Reife.

Der König ward als Fraß den Hunden vorgeworfen, Die kotzten ihn verreckend an den Ecken wieder. Des Königs welker Leib stinkt wie von Pest verdorben, Doch gelber Strahlen Bündel sprüht sein Haargefieder.

Der König ist versoffen in der Huren Gosse. Der König schwemmet langsam durch die Kotkanäle. Sein Bauch erdröhnt im Tunnel. In der Hände Flossen Hält er das Schilfrohr-Zepter, ewiger Nacht vermählet.

Der König sickerte in gieriger Poren Schächte, Die stoßen dumpfen Dunst, der Marterängste Schweiß. Der Mond blitzt krumm. Ihn schwingt als Beil der Schlächter, Ein Engel schwarz in blendender Orifeuer Kreis.

Die weißen Betten schweben durch der Zimmer Decken Und gondeln, Schiffe, durch die Lüfte mit Gebraus. Zementene Uferdämme Wogenstrom belecket Und Straßen steigen finster in die Welt hinaus.

Wie Ziegen meckernd hopsern schief die Invaliden. Die braunen Kuttenmönche schwirren mit Geflüster, Es wallen aus den Toren Fahnenzüge düster. Es stehen Sieche auf. Es kommen Jungfraun nieder.

Die Nonnen winzelnd an den Kreuzaltären bangen Mit Lila-Augen brennend unter Spitzenhauben. Kalk spritzet über die verrannzten Butterwangen. Wild scheuchen Fledermäuse auf, die Schar belaubend.

Der süße Wein, der in der Priester Kelche quoll, Zerschliß die Magendärme ruckweis an den Hüften. Geheul Vergifteter an Wasserbrunnen scholl. Signale trillern auf. Ein Brand ward angestiftet.

Sprungkünstler hüpfen über Dach der Irren Horten. Mit Peitschen produzieren sich die Flagellanten. Es züngeln grüne Gase pfauchend aus Aborten. Es platzen rauschend vor den Häusern die Hydranten.

Da reißet auf des Wolkenschlammes zähes Siegel. Es fahren Schwäne auf dem Seee ruhig-glatt. Hoch wölbet sich der zarten Bläue flacher Spiegel, Der Armen Klagetöne klopfen traurig-matt.

». . . Ich bin die Stadt der Qual . . . Die Schmerzen anderer Städte Sind in den Zellen meines Kerkers eingezogen. In meinem tiefsten Bau ringt alles Leid verkettet. Aus meinen Kuppeln widerstrahlt der Gnade Bogen.

Ich bin die Stadt der Qual . . . Die irdische Kreatur Zerstäubt in mir, wie Fliegenschwarm in Schwefel. Ich bin zerfetzet ganz von der Verdammung Schwur. Ohnmachten mich in kurzer Lieder Träume schläfern.

Ich bin die Stadt der Qual . . . Fluch klebt an meiner Stirne, _Doch werd ich einst auf Flammenteller hochgereichet_ _Zu Gottes Speise_ . . . der gefallenem Gestirne Mit Lilienhand die Furche aus dem Antlitz streichet.«

II

Weh euch! Weh euch! Die ihr den König ausgespeiet, Besudelt mit der Finger Dreck den Hermelin. Er tummelt sich im trüben Teich mit Wimmelschleien Und Molchenbrut in fleckigen Schwerterschilfen dünn.

Weh euch! Denn er erwacht mit silberner Zymbel Schellen Und schroffem Blitz, der eueren morschen Fels zerhaut, Er wird sich nackt im Traum vor euere Weiber stellen, Ein Adler, rasselnd mit den ehernen Flügeln laut.

Weh euch! So tragt wie Büßer euer Haupt gesenkt Und schleicht die Mauern lang, die wie ein Alb euch drücken, Der Rosenkränze Stricke um das Handgelenk, Erfrorener Sterne Haufen in den Augenlücken.

. . . Da Bettelweiber auf der Kirchen Stufen hocken Und ums Portal, das klafft, sich kreischend raufen. Ein härener Sack hängt das Gestirn in Wolkenflocken, Durch die der Abendengel düstere Schatten laufen.

Laternen schlingen gierig auf der Nebel Grunde, Aus denen fahler Pferde Vier, sich bäumend, steigen. Raketen sprühen aus der Reiter heulendem Munde. Verbrannte Blätter sich die Horizonte neigen.

. . . Wir warten, während rings die Autobusse sausen, Geduldig. Hupen bohren durch uns scharlach-schrill. Wo sich die Wunden kratzen, sich die Armen lausen Und Buden jammern unter herbstlichem Geknüll.

Kommt eine schwarze Fahne nicht herabgewehet? Bedecket uns mit schleimiger Blässe finsterem Grind? Nah hinter uns der Morde böse Schatten stehen. Wer bricht ins Knie? Ein heißer Blutquell rinnt.

O Regen! Deiner grünen Wassermassen Stürze Verwaschen Haus und Wald. Es bröckelt mein Gesicht. . . . Und stampfen platschend durch der Straßen gelbe Pfützen. Uns schützt kein sicherer Unterstand. Uns hellt kein Licht . . .

O Regen! Färbest Wände aschenfahl uns: Tinte Und grauer Trauer Schleier über uns gezogen, Bewegt leicht von unerforschter Pohle Winde. Ein blonder Star hat uns zu irrer Fahrt bewogen . . .

O Regen! Leise schluchzend schied der Tag verweinet, Da webet bleiche Laken dichtes Schneegefäll. In Kneipenlöchern dumpf der Hunde Völker greinen, Und Clowne kreiseln winzelnd um ein Zirkuszelt.

Die Vorstellungen werden jählings abgebrochen. Der Primadonnen Phantasiekostüme -- Feuer! Wirr krümmen sich der Rennmotore Eisenknochen. Tragflächen reißen mittendurch und Höhensteuer.

Wo sind wir hin auf brüchiger Gassen Pfad gelanget? Und der es ruft, versinkt wie Stein in gröhlendem Sumpf. Auf öden Ackerfeldern wachsen Lanzenstangen, Durchschossene Tornister und Gamaschenstrumpf. --

»Wir sind die Untergänge vor ersehntem Ziele. Wir sind die Trauernden beim Tangorausch der Zeit. Wir sind die Fallenden in der Erfüllung Streit. Wir sind die Untersten im knäulichten Gewühle.

Wir brannten kreischend ab mit Sardes Königsfeste. Wir ließen murrend uns ins Land Ägypten schleppen. Wir litten den Erstickungstod im Burgenneste Und waren Flucht Napoleons aus Rußlands Steppe.

Wir schlangen innig-heiß den Todesblock der Guillotine Und taten gerne mit bei Metzel und Gegräuel. Wir wühlen uns durch Fleisches Gänge als Trichine. Wir offenbaren uns am Kopf als Eiterbeule . . .«

. . . Schon wirbeln Fackeln durch die kubischen Räume leer. Aus rissigen Spalten prasseln flammende Geschwader. Mit weißem Krach zerbirst der Finsternisse Krater. Aus rußigen Stollen stößt ein roter Höllenspeer.

In andern Welten wird die Erde fortgeboren, Geschleudert durch vergilbten Äther, glühender Samen. Sie spiegelt sich entflüchtend in der Meere Rahmen Und in der blendenden Gletscher Ebene, kahlgeschoren.

Es plaudern Stürme über dem entrückten Werk Mit nackten Einsamkeiten, die sich zitternd scharen. Aus blauen Schalen träufeln flimmernd Sonnenhaare, Die ballen drehend sich zu goldenem Klumpenberg.

Da jeder Name sank, in Dunkelheit vergessen, Da jeder Schall erstarb, in Dunkelheit getauchet. Ihr mögt der Dunkelheiten Reiche kaum ermessen, Die blähen, Moore, endlos sich mit schwangerem Bauche.

Die Dunkelheiten haben unseren Sinn verstöret. Die Dunkelheiten halten Weg und Platz verborgen. Die Dunkelheiten haben Raum und Ort verzehret. Die Dunkelheiten rückten donnernd vor den Morgen.

Wir werden eingelullet sein . . . In nassen Gräbern Der Nächte wie in Bettlersärge eingezwängt. In Marmorplatten sich die blasse Wölbung fängt. Des Winds Hyänen schnuppernd durch die Grüfte stöbern.

III

Es klingeln alle Türme. Lautlos auf Kanälen, Schwarzsilbergründig der Paläste Reih durchschneidend, Erdolchen Gondeln sich. Aus branddurchrasten Sälen Sich Lichtteppiche grell wie Treppen aufwärtsbreiten.

Da wiegen Stürme sich, im Meer zur Ruh gelegt, Und schreiten Regen, Tröster über trockener Flur. Des Mondes Sichel blitzet groß im Nachtgeheg Und ein Komet schleppt zischend seine Feuerschnur.

Melodisch atmen Bäume, Teiche und Gesträucher In Parkanlagen. Manchmal seufzet eine Bank. Das Tulpenbeet entbrennt, ein weitverzweigter Leuchter Und goldene Ströme poltern in der Klüfte Schrank. --

O Schlaf! Durchwalle zymbelnd unsere Gemächer Und wen du antriffst schmerzzerrückt, den lulle ein! Umzirke ihn! Traum, laß ihn weinend schwächer! Gestrengen Engel rühr zu Wehmut auf dies Leiblichsein!

O Stadt der Qual! Zu Marter Zwang erkoren! Da wanken wir an Humpelkrücken, welk-zerbrochen. Wir haben Halt und Spur im Labyrinth verloren. In Einsamkeit vereist, zerbarsten unsere Knochen.

Zertrümmert seufzt des Kirchendomes Pyramide. Der Himmel greint, verschlissen-grau, ein Aufwaschtuch. Auf offene Gräber träuft der Schneee bleicher Flieder. Verweilet nicht im Zug betäubenden Geruchs!

Steigt weiter, wo euch nicht zerwirkte Gassen hindern, Wo dichter Ölwald rauschend sich herniederneigt! In warmer Bucht die Schwanenschiffe überwintern, Bis einst ein Frühjahr guten Wind und Sonne zeugt.

. . . Es zuckte manchen diese Hoffnung um die Lippen Und hatten sterbend wohl dies Wort geformet, daß Wie Säulen gold aufleuchteten der Tode Klippen Und Marmorprunk . . . Da aus der flammenden Steppen Gras

Nahte im Schwarm von Vögeln geisterhaft der Hauch. Von Paradiesen, ob von Höllen er Bescheid uns brächte, Wir wußtens nicht. Vertrauten gläubig nur, daß auch, Wenns schlimm wär, wir uns wehrten nicht, nur dulden möchten.

Und wurden eingesargt in zorniger Mächte Kampf. Der Rache Gott war furchtbar vor uns hingetreten. Mit gelber Flüsse Schwert. Mit Augen, Feuerdampf. Mit Schultern bergebreit, von Brand und Blitz umwehten.

Die Brücken krachten, vor ihm auf die Kniee fallend. Die Häuser sich wie Hände ineinanderschoben. Die Eisenbahnen gröhlend durch die Straßen wallten, Die haben Schlangen züngelnd sich emporgehoben

Und sausten Geißeln durch die Lüfte mit Gesirre Und krümmten pfeifend sich wie Hydren in der Faust Des Ewigen. Wie Riesenbienen Plätze schwirrten. Es schnellten Geysirstrudel aus der Klüfte Bau.

So daß wir dumpf verwandt uns fühlten blutiger Gosse. Ach Brüder ihr, im Morgen Kreide und kaput! Ihr Schwestern hingeklatscht, mit breitem Mund verschlossen, Grau übertüncht von Puders Moderstaub und Schutt.

Vergeßt die Körper, quer zerhackt und aufgetrennt! Zerfetzte Därme, die wie Bündel Würmer schleifen. Der Leichen violetten Dunst! Das Instrument! Der Watten Flockenbausch! Der Klebepflaster Streifen!

Sie heulen schallend, grindig-blind ans Licht geworfen. Es grinsen Totgeburten. Wüst stinkt Fleisch an Fleisch. Die süße Milch gerinnt in Mütter Brust verdorben Und Lungen bröckeln unter ratterndem Geräusch.

Wir aber hören schon zerstampfte Länder schreiten Und Tiere kreischen aus der Meere schwarzem Sumpf. Die Sonne löst sich donnernd in Azurgebreiten Und viele blonde Engel kichern im Triumph.

Wir sind zerfasert mürber Seele und verhuret, Voll Flecken und zerschlissen wehet unser Kleid. Auf unser Antlitz ätzen Laster krumme Spuren Und Narben zucken im geschwollenen Schoße weit.

In den versunkenen Gewölben klappern wir Gerippe Und winden uns und flattern auf im herrlichen Zug. Verschnürte Häuteklumpen wir aus Särgen kippen. Schon heilige Jungfraun geußen Öl in ihren Krug.

So haben wir den Schmerz zu unserer Braut erwählet. Das Muskelfleisch aufscheuern die Gewänder hären. _Der Schmerz ist heilig._ Er wird Tat und Werk gebären. Verhaltene Kräfte zünden. Uns dem Tod vermählen.

Der Schmerz wird das Gehirn in harte Folter spannen, Daß kalte Feuer sprühend diesen Raum entfachen. Der Schmerz wird unsere armen Stunden streng bewachen Und rinnen tönend-silbern aus den Opferkannen.

Der Schmerz wird Ewigkeit bestürmen und ergründen Und Babel selig preisen und den Himmel spalten, Daß unsere Augen wohl in große Sterne münden, Daß unser armer Leib nicht spät zur Nacht erkalte . . .

Bordell

I

Wenn wir uns verlassen fühlen ganz und fremd In den Automaten und bei Anverwandten, Müssen wir berauscht, in argen Frack geklemmt, Zylinderschiffe an den kleinen Huren stranden.

An den kleinen Huren in der niederen Halle matt, Schläfrig hingesetzt auf jeden Stuhl ein Blatt, Und wir folgen ihnen in die oberen Räume. Abendrot dünkt uns der kurzen Röcke Säume.

Nein, wir legen nicht die nächtige Maske ab. Treppen steigen wir hernieder, mies und schlapp. Eine neue Nacht umstreicht uns mit Getön. Hoch in Lüften regt sich Heimat, klar und schön.

II

Meiner Jugend Nächte sind in euch verbrandet. Hingegeben ward ich langer Messer Stahl. Euerer trüben Augen Lid fleht rotumrandet, Euer Antlitz wild zerpflügt und aschenfahl.

Eine schleichet immer um, ein böses Tier, Stampfend auf und grinsend, würgend Fluch um Fluch. Zwischen umgeworfenen Stühlen tanzen wir. Lysoform ist da, und immer sauberes Tuch.

Leicht gedämpft erklingen unten Geigen. Drehen nicht die Wände mit im trunkenen Reigen. Da -- ein starres Auge schreckhaft uns zerreißt. Mond hängt schief, in hohem Meere grün vereist.

III

Jetzt zu großer Stadt seid furchtbar ihr vereint, Die erhebt ihr Marterangesicht versteint. Kreuz und quer zerhackt von schlimmer Krankheit Biß, Schräg zerfetzt von wüster Morde blutigem Riß.

Gott wird betteln demütig um euere Gnade, Doch ihr bleibet unerbittlich, grausam-stumm, Löset auf euch nicht in heißer Tränen Bade, Wendet euch nicht Lächeln schöner Engel um.

Herrisch steiget auf ihr, grauer Säulen Quader, Bohrt euch, starre Dolche, in des Ewigen Brust, Daß zerplatzet seines Herzens blaue Ader. Niederklatschet steil ein Purpur-Regenguß.

Begräbnis

Den Bleichgesichtern schlagen Fackeln Narben. Die Trommel in die weite Runde bellt. Ein Zuckerhut der Pyramide Zelt . . . Fern nur geahnte Ufer hellen Lampenfarben.

Ein Fremder bricht sich schreiend das Genick. Schief neigen schon der Segel weiße Bogen. Ein seltener Hauch kommt übers Land gezogen . . . Wir aber harren auf den Plätzen düsteren Geschicks!

Landschaften in den höheren Lüften wandeln Und Sterne baumeln zwischendurch an Fäden. Die Toten glotzen aus den Fensterläden. Glutwogen überspülen Heimatstrande.

Da hebt sich auf des Niles Silberband Und bäumt sich, fette Schlange, bös empor. Kamele bluten um der Brunnen Rand. Bei der Oase brüllt ein Löwenchor.

Die Mumien rütteln sich aus den Verbänden, Sie tasten sich hinaus zum Labyrinth Und graben Namen mit den Griffelhänden In Wüstensand, der heiß vom Himmel rinnt.

Stunde des Todes

Stunde des Todes, da Tag sich sein Kleid Borgte von Abends entlüfteter Weite. Stunde des Todes im Rosengeschmeide Und mit Kränzen zur Heimkehr bereit.

Stunde des Todes. Mit Liebe Gewalt Überflüsterst du uns, den bittern Kelch füllend mit Honig. Die Beine zittern. Ach, wir sind ja so gar nicht alt!

Stunde des Todes. In schweflichtem Schein Brennender Städte entmündend nach oben. Schweben, sorgfältigst aufgehoben, Wie Juwele aus finsterem Schrein.

Stunde des Todes. Die Bataillone Himmlischer Geister harren in Front. Graue Gesichter golden versonnt, Aber die Helmspitzen sprühen im Monde

Und die Panzer, Kürasse und Fahnen. Und die Armen stehn jubelnd im Tor, Strecken Lilienhände vor, Tiere mit Augen, die Frieden ahnen.

Stunde des Todes. Da geifert und keucht Schleimiger Schlund, nach Atem schnappend. Kinnbacken schauernd vor Kälte klappern. Wälzen sich Klumpen in Betten feucht

Und mit Lüften Weihrauch vermengt Und mit der Priester schalen Gebeten Muffige Stuben Schatten betreten Und die Fenster düster verhängt --

Stunde des Todes. Da hundsföttisch lacht Der Laster Grimasse, am Bettende hockend. Nebel, Züge, Glocken Schleppen sich durch die verweste Nacht.

Der Mörder

Noch schreit ich durch die Stube grimmig-bang. Jetzt wasch ich mich im neuen Wasserkrug. Wie sie die Augen innig um mich schlang Und schäumte stier, als ich sie niederschlug!

Fahr Weibsbild hin und hur in Hölle Grab, Mich laß, ein Vieh, in muffigem Stall verenden! Wohl möcht ich, daß ein langer Rausch mich lab, Doch kann ich nicht die Schritte abwärts wenden.

Sie tanzte kurzen Rocks in heller Runde Und Scheine Bluts benagten oft ihr Haar. Ja, ihr Gesang in dieser nächtigen Stunde Erschien mir immer fremd und wunderbar.

Und führte ich sie Sonntags aus am Arm, Wir eilten parkwärts mit der Straßenbahn. Ich steuerte behutsam durch den Schwarm Der Ausflügler zum Gartenrestaurant.

Im Dunkel flammt ein schönes Feuerwerk. Im Saal versammelt man sich froh zum Tanz. Ach, und zuhaus erwuchs ein Blumenberg, Postkarten flochten einen farbigen Kranz.

Schon enget mich die feuchte Gitterzelle. Was denk ich an das Hosenträgerseil? Ich trete eisiger Frühe auf die Schwelle. Der Block ist nicht zu fürchten, nicht das Beil!

Ein Priester spricht im Winde leis die Messe Und fleht, daß mir der Herr zur Seite bleib. Ein schwarzes Tuch. Breit grinst der Toten Fresse Und bietet sich voll Schwung der magere Leib.

Der irdische und der himmlische Gesang