Verfall und Triumph, Erster Teil: Gedichte

Part 3

Chapter 33,610 wordsPublic domain

Was soll mir da der helle Tag noch? Oh, so sagt mir. Ich lausche ja hier einem Lied, So himmlisch entrückt. Dem kommt so leicht nicht mehr eins meiner Erde gleich. Kein Rauschen der Ströme. Kein Klang der Glocken. Kein Lerchenschlag . . . Mein Gemüt Erblickt ein unnennbar süßes Himmelreich.

VI

Wir wandern heimwärts durch die eisige Nacht Wir Saufkumpane. Unser Schritt hallt schwer. Versprengte wir wie nach verlorener Schlacht. Gaslicht schwimmt gelb im weißen Flockenmeer.

Wir Schar. Zerschlagen und zermalmt. Gehirn zersetzt schon Wahn. Wir haben Zum Letzten wohl geludert. Pest und Qualm Und Dirnenpack und Luis und Straßengraben.

Unmerklich rinnt auch diese Nacht zum Tag. So schwarz in Grau. Von unerhörter Qual Brecht ihr empor: rote Glorie und Glockenschlag. Verstörte, Tote wir im Morgenstrahl . . .

VII

Rasche Jugend, du sinkst und fällst, Rasche Jugend verblühend! Die du all Licht, o all Licht enthältst, Stark und über die Maßen so kühn.

Und wenn du jetzt auch scheiden mußt, -- du harrst ja schon im weißen Kleid Des Todes wehen Abschieds -- Oh, wer hat so wie ich gewußt Um allen Schmerz, von deiner Freude Und blutiger Nacht und dumpfem Tag! Wer bot so frei die offene Brust Den Stürmen wilden Lebens dar, So fromm und ohne Klage?

Wer hat so wie ich getan Alles, was du nur wolltest? Wer stieg so kühn die steile Bahn! Oh, nun leuchte du mir stolz voran So glühend, warm umgoldet Und wie in diesem letzten Strahl Die sinkende Abendsonne! O deiner Kämpfe tiefster Sinn! Jetzt weiß ich erst, daß ich gesegnet bin Und daß ich segnen kann.

Und wenn du jetzt auch scheiden mußt, -- du harrst ja schon im weißen Kleid Des Todes wehen Abschieds -- Leb wohl, dein seliges Licht vereint Uns doch für alle, alle Zeit. Reiß mich empor zur Ewigkeit, O stürmisches Brausen deines trunkenen Liedes!

Rasche Jugend, du sinkst und fällst, Rasche Jugend verblühend! Die du all Licht, o all Licht enthältst, Stark und über die Maßen so kühn.

VIII

Ich, der Gottes Angesicht Nacht für Nacht geschaut: Ich dünke mir ein festlich grelles Flackerlicht Dem abendlichen Tage anvertraut. Ich bin ein Rausch verklungener Zeit, Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.

Es rauschen Bäume schwer im Wind, Mein Wald, du wirst entlaubt. Wir die aus dunkler Erde sind, Wir neigen schwer das Haupt. Wir sind ein Rausch verklungener Zeit, Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.

Wo lacht dem Leid der heilige Stern? Erwachst du große Güte? Ich hab dich liebe Welt so gern, Ich hab dich lieben Herrn so gern, Dich Jesu, Schmerzensblüte. Auch du ein Rausch verklungener Zeit, Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.

Und hab ich alles recht bedacht, Den Schmerz und auch die Freude, Den hellen Tag, die dunkle Nacht Und Lust und Liebe, beide -- Ich bin ein Rausch verklungener Zeit, Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.

IX

Die trunkenen Nächte! Die trunkenen Nächte! -- Oh, meine Jugend du, blutende du! Empor, empor und Aufstehn, o auferstehn! Die schlaffen Muskeln wieder strecken! Die matten Flügel wieder spreiten! Die müden Schwingen wieder entfalten Der Sonne zu! O wieder Morgenröte-Umarmungen!

Ja empor und aufstehn! Wenn es nicht anders geht, Dich aufreißen, dein wimmerndes Herz ausreißen, Dich aufreißen aus Traumdämmerungen, Abendruhen Mit der kalten höhnischen Gelassenheit und Grausamkeit der Starken über die Vergewaltigten.

Dann Mit gebreiteten Armen springen ins Morgenrot, Fliegen im Strahl der Sonne über die großen Städte hin, Über namenlose Finsternisse hin, Donnergründe, brausende Geheimnisse hin, Höher empor Über alle Not, alle Armut, alle Schmerzen hin, Höher, höher empor Dem Aufgang zu!

Ja empor und auferstehn! Empor aus Qualmigen Verbrecherhöhlen, empor aus fettigen Dirnenspelunken Mit dem roten gedämpften Ampellicht, mit dem geputzten Schielen Weißhaariger Kupplerinnen, all der plumpen bäuerischen, Jämmerlichen Koketterie der Fleischschau. Empor aus Spielhöllen, dem stieren Blick, dem Münzengeklirr, Empor aus Zuhälterkneipen, Ställen voll Absinthgerüchen, Schmierigen Aborten, Samengestank und Eitergeträufel, Dem Geklimper all der Tamburins, Klaviers und Musikautomaten. Empor aus Freudenhäusern, den Kneiplokalen der Homosexuellen, Empor aus Asylen, Krankenhäusern, Zuchthäusern. Empor aus Irrenanstalten, Pestbaracken, all den Gehegen Tobender Alkoholiker, Ächzender Tuberkulöser, Demaskierter Syphilitiker . . .

O du mein Schrei auch Schrei der Zeit! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt zu! Brecht auf!

X

Die Wünsche, die ich Tags gedacht, Sehnsüchte, die ich Tags nicht stillen konnte, Werden die Ängste meiner Nacht. Ich rings in Feuern steh, In der Geliebten meine Mutter seh, Meinen Vater wie einen Fraß der Hunde.

Aus den Wänden trete ich, Geschändet am Geschlecht, Der weiße Leib Beglüht und fein gehüftet, So ganz und echt: Ich Weib.

Ich hebe meine furchtbar spitzen Hände, im innern Mark Längst leer und schlimm vergiftet, Will um meine Sehnsucht zu übertören Allen, o allen gehören, Geb mich jedem Bettler hin, Nur kummervoll besorgt, daß ich Gefallen fände, Und kühn, Daß ich sie alle niederkrallen könnte.

Schon höre ich die Dämmerung fallen. Klänge wiegen mich in die Welt. O Tag! Jetzt bin ich allen Träumen fremd . . .

Sei gütig! Dein Toben Will sich erlösen. Was du gewesen Im träumenden Bösen Befreit sich nach oben.

XI

Wie mag noch lieben, wer dich klar gesehn? Was kann vor deinem Bild bestehn? Was hat noch Anmut, was noch Sinn, Du gute Himmelskönigin!

Oh, all das Gute, Das du mir getan, Wo faß ich es an?

Du trugst auf deinen wunden Lenden Mich, der dich bittend traf. Du sprengeltest mit Zitterhänden Weichen Traum durch meinen Schlaf.

Oh, all das Gute, Das du mir getan, Wo faß ich es an?

Oh, all das Gute, Das du mir getan, Ich verblute, Ich sterbe dran.

XII

Oh, einmal dich umarmen Noch, an dir niedersinken! Einmal noch das warme Gold des Abends trinken!

Wieviel haben wir geweint Um uns! Nun soll das Schwerste erst kommen . . . Wirst du mir einst entführt, Muß ich wohl sterbend hinfallen.

XIII

Gottes gute Sonne ist erloschen Und die böse Nacht drückt schwer. Meines Blutes Verlangen Weiß von keinem Frieden mehr.

In der Ferne ruht ein Glühen Über dem entschlafenen Land. _Was mich bitter traf, wird blühen_ _Einst._ Darum lächle ich so unverwandt.

Darum hat ein großes Hoffen Meinem Herzen sich auf ewig eingeprägt. Alles Irdische, das mich so schwer betroffen, Ist von jenem Schmerz, der einst das Wunder wirkt.

Es entgleitet meinen müden Armen Jetzt der Leib, den nicht mehr Wärme hält. Sieh, mein Tod ist ein entzückt ekstatisch und erbarmend Niedersinken, wie die Abendsonne niederfällt.

Übertu du heimatliches Leuchten Der Natur mit mild versöhnendem Glanz Alle Qualen meines Herzens, Daß, gleich sprühenden Sternenreigen, Himmlische Wonnen mich umfahen, blühend ganz.

XIV

Aufgepeitscht, von roten Flammenschlünden Irr umtobt, glüh ich in nächtiger Haft. Weh zerfetzt, selig verblutend Schau ich stier in ein entzücktes Land.

Brausend kreisen unermeßliche Ströme Blutes, Unerschöpfliche Kelche spenden dunklen Wein, Daß wir ganz trunken und sinnlos werden, Daß unser Leib im wirbelnden Strudel der Lust verbraust. Mond und Sterne, der leuchtende Glanz im nächtlichen Blau, Erster Lichtschimmer vom kommenden Tag, Zerstieben in Purpurglut. Aber hoch, hoch über allem, über allem noch Begreifbaren Der Welt, in letzter, höchster, traurigster Nachteinsamkeit Spannt sich, spannt sich ein Schoß, spreizt sich zur Gruft, Flammend enthüllen sich tiefste, nie erschaute Röten, Scharlachen aufgetan, nie geahnt, Deren brennende Reize kein irdisches Aug erfaßt . . .

XV

Wir ringen. Wir ringen. Doch wir wissen, wir werden die dunklen Gewalten Einst noch bezwingen Und unsere Kämpfe werden uns nicht dumpf behalten, Sie werden nur unsere Kräfte entfalten Und uns beschwingen Und uns den Triumph bringen.

Durch alle Erdenkämpfe werden wir zuletzt Das Herz unberührt Doch noch heimwärtstragen Und durch alles, was uns jetzt Noch mit Schmerz verführt Und zu Boden drückt. Wenn auch jetzt noch dämonisch die Flammen über uns zusammenschlagen Und unsere Augen rot das Leid benetzt, Einst werden wir sagen: Es ist uns schön geglückt.

O daß ein jeder auf seine herrliche Jugendzeit Stolz sei und sich derer freut! Wo wir den Wert der Dinge erforschen, Das Alte vergessen, Das Neue ermessen, Fanatisch den alten hergebrachten Rechten Entgegenwirken und aus den morschen, Zerfallenen Reichen neue Reiche aufrichten Und die Grenzen der neuen mit Ekstase verfechten.

Was wir dabei entheiligen, Was zerstörerische Glut zerreißt, Wird sich einst wunderbar an jedem Aufstieg beteiligen, So daß sich am Ende doch alles als gut erweist. So laßt uns glühen Und ernst bestehen nach heißem Bemühen!

XVI

Du enteilst mir, schwere Nacht. Schon bist halb du, heller Tag erwacht. Kalt sinkt Stern um Stern. Glocken läuten fern. Goldenes Feuer! Blauer Morgenschein! Herz! Bald sollst du geborgen sein! . . .

XVII

Trink! Es ist ja nur Wein! Trink ihn zur Neige. Mehr als Wein: es ist mein einsamstes Leid Nicht in mir, nicht in dir zur Erlösung Meiner irdischen Qualen gelangt. Trink! Es ist ja nur Wein, trink ihn, mein Leben! Trink ihn, Geliebte, es ist ja nur Wein! Doch tiefer denn alles. In ihm funkelt die Sonne, Spiegel der Sterne, des Monds, Abglanz des Alls, Traumschein des Ewigen, Lippen Gottes . . . Trink, es ist ja nur Wein, oh, wär es mein Blut, Wäre es mein Herz, o wären es jubelnde Ströme! Schlösse den Mund auf ewig ein einziger Kuß, Der von den blühenden Lippen Gottes käme! --

Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen! Schattenumrissen droht der glühende Schlund, Letzten Verhängnisses voll, im Antlitz des Todes. Nur im Bann des strahlenden Leibes, Nur in der Kraft des Sehnsuchtgedankens Kehrt das Heimweh über die Stätte der Erde Zu den Gefilden der Heimat, selig und klar . . .

Sieh: eine Seele verblutet, eine Seele entfacht Blutige Leuchten in den Stürmen der Nacht! Gellende Jubel, so schreien geängstigt die Glocken, Wo nur Verderben die menschliche Hoffnung birgt.

Heilige Himmelfahrt du! Im Brausen des Feuers Tiefste Ergriffenheit und wie ein Segen von Gott Kindliche Trauer im flackernden Taumel des Herzens. Heilige Himmelfahrt du, die Toten erwachen, Ihre Macht, die lebendiger ist als menschlichen Sinnen Je nur verständlich. Die gnadlos walten! Heilige Himmelfahrt du! Einer der Reinsten, die je Auf dem Wege zu Gott die Hände erhoben: Sende die Engel des Friedens gütig herab, Daß die Marter der Zeit und unsere Leiden Golden verklärt an deinem Herzen entruhn! Sieh, wie diese glühenden Flammenschwerter Schlägt unsere Inbrunst zu dir, Gott, Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen! Sende die Engel des Friedens gütig herab! -- Wenn unser Leib zu Asche -- sende die Engel herab! Vater! Sende die Engel herab!

XVIII

Hoch, bekränzt von aller Traurigkeiten Goldenem Schein umsternt, weit über diesem Erdenland, Sah ich, wie ein armer Leib in allen Herrlichkeiten Gottes jubeltönend aufschlug und erstand.

XIX

Ich bin ein Namenrufer über weites Land, Selbst namenlos, und Namenlose sind es, Die ich rufe. Im warmen Hauch des goldenen Morgenwindes Schmerzlich Erweckte aus uralt schattigem Bezirk zu neuem Leben. Um ihre grabzerfetzten Lippen ein gelindes, Letztes, doch starres Lächeln der Verwesung, Manche in der Anmut eines holden Kindes, Träumerisch, im Frieden endlicher Genesung, Manche in den dunklen Trauertrachten Verstorbenster Ahnen, manche in den funkelndsten Schauerprachten Stolzester verdorbenster Frauen. Über marmorglänzende Fluren hin, in samtenen Prunkgemächern oder in der blassen Helligkeit Der Abendlichter. Immer ists, als Hörte ich Orgeln brausen, Große dumpfe Orgeln irgendwo, So im Aufgang von den Himmelshöhen, So im dunklen Wehn Des Abendwindes. Oder hellen Silberklang geschwungener Gefäße Oder lallendes Hinträumen junger sterbender Seelen, Weinen oder die Andacht blasser Frauen, Zwischen offenen gespreizten Schößen Wunden und entzückte Dolche, funkelnden Berückenden Schimmer heiliger Geräte, Kinderstimmen tönend durch die seltsam hohen Feierlichen spitzgewölbten Hallen. Alles Ferne, Trübe, Grausam-Schöne irgendwo . . .

Was ich litt, Blinkt auf darin in tausend Narben Und stöhnt nach Reinigung. Und was ich lebte, um was ich stritt, Durchspringt in tausend Farben Grell kreischend den Weltenraum, Vereinigung Im Höchsten heischend und Entfaltung, Gigantische Kräfte zur Vollendung dauernder Gebärden In mystischer Verzücktheit und Gestaltung. --

O Friedensstätten siegverklärte! Nach irdischer Not und Tod und schwerem Krieg! O ihr Begehrten! Ihr Vielgeliebten! Ihr von leuchtenden Sonnenstürmen Und ewigen Sternglorien Beglückten! Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder, Reiche der Seligen ihr, ewiger Träume bleiche Heimatstätten Und der Schwermut müde schweigende Gewässer, Wenn der silberne Mond zuhöchst zur Neige kommt. Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder, Euch noch ungesehene, euch nur geahnte, euch Einst herrlich leuchtende Gestade Im Morgenlicht!

Euch, euch grüße ich In stürmischer Nacht von hohem Wanderschiffe, dessen Mürber Kiel zersplittert, dessen Stolze Masten jählings berstend übersinken, dessen Rumpf mit dumpfer Donnerstimme in ewige Vergessenheit zerkracht. Durch Tod und durch Gewittersturm Ist mein hohes Heimwehlied der einzige Gesang der Nacht.

O blutiger Aufruhr! Flammenstöße! O ihr meines irdischen verbrauchten Leibs Zerschellende Mächte! O Stimme Gottes, Die durchs Dunkel dringt, Die Firmamente leuchten macht, Die Sterne aus bewährten Bahnen reißt, Mit einem Hauch Frühlinge aus Trümmern weckt, Gräber sprengt, Tote Herzen wieder schlagen macht. O Stimme Gottes, die die Brust beengt Uns Menschen, daß der Rasende den Leib sich aufreißt Und zerfleischt, den Körper peitscht, sich bis aufs Blut Zerbeißt und steinigt. Entstellt, zermartert und gepeinigt Zum Tod sich hinschleppt, bis auf Flügeln der Ohnmacht er entschwebt, Bis ganz das Tönen deiner reinen Stimme ihn durchdringt, Bis ganz das stille Leuchten deiner Harmonie ihn süß durchdringt, Bis ganz dein milder Glanz ihn sanft umhüllt Und den Erlösten Blaue Nächte und die Sterne trösten.

Du Freudensturm des Lichts! Du Wort, du Tat! Du Sonnengold und Traum der Nacht! Du Tag der Erde! Du Wonne! Jubelglanz! Du All, du Nichts, versteinende Gebärde! Du Sammelruf! Bezirk des ewigen Heils! Umworbene Stadt! Engel der Morgenröte du und heißer Kampf! Gefährte Und Hilfe der Schlacht! Zärtlich Leuchten, Siegesklang und Harmonie, Du goldener Schnitt, du Schwerkraft, Mittelpunkt Und Sinn der Welt! Ausatmen und Ertrinken! Natur! Du Frucht im Schoß, du Nein und Amen, Du Ewig-Wacher, Nie-Vergessender, du Heiß-Erträumter! Du grausam Unbarmherziger, du, du -- nein Nie-Beirrter! Sieh unsere Hände hält ein Fluch gebunden, Doch unsere Kämpfe führen deinen Namen. O Volk Verlaufener! O Volk Verirrter! O Volk Geschändeter! Zu Wut und Haß Emporgeschäumter! O Volk Geächteter! O Volk Verblendeter! Mit Wunden Gleich Frühlingssaaten überströmt. Blutüberströmt . . .

Du Unbeirrter! O segne mich, den Trunkenen, Begeisterten, von dir zu dir Entflammten, Dein Kind, dir Held zugleich und Priester, o Meister! Der Seine tiefsten Träume nicht erfüllte noch gestaltete, der nie zur hellen Tat entbrannte, der sie nun unberührt An dein Herz wieder niederlegt, o Meister und Verwalter. Woher Sie erdwärts niederstiegen und entstammten . . . Ich, auch einer der Versunkenen, Verführten und Verdammten. O daß deine reine Gnade unverhüllt und licht Sich mir zuneige und erwäge, doch daß dein Gericht Mein Leid unwägbar und ganz unvergleichbar finde . . . (Ach Worten gliche keins. Und Worte wären Winde und Sünde für dies!) . . . Bis deine unnennbare Güte den so weh Entflammten Aus grauen Mitternächten Im dröhnenden Aufstrom sprühender Gewitternächte Zu blühenden Lichtwelten schön entführt. --

Daß ich aus allen meinen glühendsten Ekstasen, Die mich hinschleudern und zerknirschen, drosseln, Mich kalt umpacken, den Nacken brechen, Gleich wirbelnden, aufpeitschenden Orkanen, die blühende Gelände mit einem Hauch verwehn, Daß ich aus allen Orgien, die meine kranken, getäuschten Sinne feiern, Und stolzen, ungebärdigen Gewalttaten, Entblößenden Räuschen und allen Trunkenheiten, Willküren, rohen Anmaßungen, Aufrührerischem Trotz und Mord, Aus allem Wühlen, Sehnen, Branden, Ringen, Aus allen Stürzen in Abgründe und Zusammenbrüchen, Aus allen Anfechtungen und Verzweiflungen, Aus allen Ängsten, Lastern und Versuchungen Und allen Verirrungen und Halluzinationen Und allen Peinigungen des herrischen Geschlechts, das Alles überwächst und sich ins Unermessene erdehnt:

Daß ich mich einst aufhebe, Den Staub abschüttle, der an zerschrundenen Flügeln haftet, Traurige Augen öffnend und das Herz erschließend, Daß ich mich einst aufhebe, Schwingen spanne, In jenes Land hinfindend, Mit einem letzten Anflug gläubigen Muts und frommer Kraft:

Wo du in Reinheit der azurenen Höhe, Im schimmernden Chaos, wo goldene Sonnen schwanken, Und alle Gestirne tönende Lichtreigen inbrünstig um deine Majestäten ranken, Wo jauchzende Chore ihn umgeben und reiner Himmelswonnen brausende Melodien, Wo harte Engel ihn umschweben mit Blitzen und sausendem Speergewimmel, die ihn Zu Bronnen des Lebens schön geleiten, zum Herzen Gottes, die der Einsamkeit Gewandung von ihm abtun, Seiner schmerzhaften Erdenzeiten Verhärmte Schatten. O gleißende zitternde Lichtblitze, ewige Gnadenwonnen! O du inmitten kreisender Sonnen stürmische Erhöhung: Bis die Adern von tanzendem Blut und die Brüste von schimmernden Gluten geschwellt, Und die Augen von himmlischen Feuern entbrannt und erhellt: Sein Geist als Geist Gottes durchstürmt die brechende Welt. --

O Herrlicher du, senke der Flammen schlagende Fahnen auf uns mit glühendem Bewenden! Du Ewiger, lenke den Marsch der Verdammten gnädig aus finsteren Bahnen zu blühenden Enden! Du Ewiger, sprenge die irdischen Bande! Mache uns frei! O Herrlicher du, erfülle die Länder mit großem Triumphgeschrei!

Kür uns zu Helden, gekrönt mit leidlosem Kranz! Daß über unsere schmerzentstellten Stirnen hinströme der Glanz Endloser Güte unendlicher Macht! Schimmernder Frieden du! Segen du unserer Nacht!

Daß wir an deinem Herzen ausruhn! Daß unseren Schmerzen sich Himmel auftun!

Krankenhaus

I

Gott brauset mächtig in den Werken, Die rings umwandeln sich, vergehend und geschehend. Im donnernden Flug der weißen Wolkensärge, In Wetterzorn und klirrendem Geträn.

Da wir des Abends wurden eingeliefert, An hoher Decke klebte Perlenlicht. Wir wollen uns behalten, nie verlassen, Uns wenden zu das schreckliche Gesicht.

Es steigen kühl zu uns herein Wälder, Wiesen und der Berge Flor, Auch die Stadt will gegenwärtig sein Mit Brutplätzen und der Menschen Chor.

Die sich zwängten durch die Gitterstangen, Streuend Träume durchs Gezell --: Klagemeer und Schrei hat sie empfangen, Flackern böser Augen, fieberhell . . .

Ja, Bitternis ward in die Brunnen eingelassen. Nicht herzet Goldluft mehr uns innig-lieb. Gott, den wir in uns faulen lassen, Verfärbt die Ströme unseres Blutes trüb.

Mit Mondes Sichel, jäh gekrümmt, Pflügt auf er den verpönten Leib. Wir haben Gott in Jammer eingenommen, Berauschet uns an seinem giftigen Leib.

Gott schreit in uns nach blauer Heimat Frieden. Gott gräbt empor sich in Erschütterungsstößen. Der Schlafe Ruh sei ihm wie uns beschieden! Daß wir in ihm, daß er in uns sich löse!

II

Erwachend aus dem Taumel der Narkosen Wir fanden uns zerrissen und geschnürt. Die Mauern stieben auf wie Blätter lose, Doch lindert Spritze Schnitte und Geschwür.

Wir blicken traurig auf den runden Hof, Wo kreisen mummelnd blaue Kittelrupfen. Wir schlagen jauchzend Purzelbäume oft. Die Wärter uns mit eisernen Pinseln tupfen.

O flögen immer wir durchs Luftgeglänze, Wo Strahlentürme aus den Wolken blitzen! O segelten wir mit den ewigen Lenzen! Ein Heiland war bereit, uns zu beschützen! . . .

So sind wir jung durch jede Nacht gewallt, Das Dunkel aber fraß sich in die Hirne. Es schuppet sich das fleckige Antlitz alt. Empor wir schwanken zwischen den Gestirnen.

Oft, wenn wir drehn uns nach den Brüdern hin, Dünkt endlos uns gestreckt der Betten Reihe. Im Flammenhorizont der Priester kniet, Der Sonne bricht als Todesarzeneie.

In Wartezimmern hocken wir gebückt. In Magenhöhlen rinselt Eiter frisch. Im Mutterleibe wird ein Mensch zerstückt. Wir liegen lang auf weißem Marmortisch.

_Wir weinen uns durch Haft und Äthersaal_ _Einander zu_, erlebend süße Nähe, Wenn man uns reicht das letzte Abendmahl, Uns salbet ein mit Öles weichem Schnee.

III

Der Marter Gott hat liebend uns umarmet, Als Sehnsucht Not uns in die Fieber warf. Auf Dächergletscher wandelten wir Arme, Gepeitschet von den freien Winden scharf.

Erhebet euch, ihr teuflischen Matratzen! Euch Siechetücher Hauch der Himmel schwelle! Der heiße Kopf wie eine Bombe platze! Der Leiber Grab bestürz der Hitze Welle!

Wir Elenden zergehn, in Krämpfen weinend, Gestäubet aus. Uns packen an Visionen. Das heilige Tier im Dämmertraum erscheinet. Wir schlürfen ein karbolische Ozone.

Nicht Frieden mehr die düstere Stirn umheitert. Es raschelt schnell der Schläfer Atemtakt. Wir Wachenden noch Bittgebete leiern. Wir kuschen uns in grauer Kissen Sack.

O Qualen letzte Schlacht im Lazarette, Trostloser rot umzirkter Höllenstadt! Mit argem Fleische fahren fort die Betten. Schon brennen Kerzen in den Gängen matt.

Ihr Mädchen mit den weißen Spitzenhauben! Du Arzt im Mantel, der wie Frühjahr weht! Wir liegen in Verbänden naß umlaubet. Ein Licht beträuft kühl unserer Wunden Beet.

Tag! Endetest mit Tobsucht und Gebrülle Uns Irrer aus den Dauerbädern bang! O Trauer deck uns zu mit Tränenhülle, Aus der Station mit Schwesternachtgesang!

Im Garten aber hinter schwarzem Gitter Der Engel steht bei alten Bäumen schwank. Er schüttelt sein Gefieder voll Geflitter. Ein Stern zersprüht in seines Haars Gerank.

Er flieget auf zu Mondes grüner Klippe, Die bald das Meer des Morgens übergraut. Es fährt sein Schwert uns zwischendurch die Rippen. Wir sterben, rufend seinen Namen laut.

Toten-Messe

Dem Gedächtnis der Fanny Fuß

I

Die schwarze Flur, sie gleicht des Meeres Fläche, Wo rote Flecken irren tief am Grund. Es brechen durch Korallen grüne Bäche.

Wo Züge rollen schwimmen Lichter bunt Und braune Wälder in den Lüften bangen, Die wälzen Schatten über Aug und Mund . . .

Und warest du nicht schon von mir gegangen, Da wölbte sich ein ungewisser Mond? Und habest jenen Fremden nicht empfangen

Und habest nie zur Nacht mit ihm gewohnt? Und jenes Leib im Traum voraus genossen, Der dich mit Lilienküssen süß belohnt?

Schau ich bin arm und oftmals ausgegossen In viele Näpfe, ein Gefäß bald leer. Auch jener Rest ist nun zerflossen.

Es füllet nichts die hohen Krüge mehr.

II

Bald sprenget Tag die grauen Läden auf, Der mich umbraust mit Lärm und Stimmen Schall, Die Straße blitzet und der Schienen Lauf.

_Ich bin Triumphzug, blühend aus Verfall._ Du Bitternis zerrinnst in diesen Stunden, Da Häuser wanken bei der Pauken Schwall.

Schon tropfet Purpur aus des Himmels Wunde. Das ward mir längst zu fröhlicher Gewähr: Gefesselt wohl, doch so dem Blut verbunden.

Es jaget Morgen mildere Lüfte her, Ein Bad auf heiteren Mittag mir bereitend, Da purzelt Clown und knallet Schießgewehr

Und ich spaziere friedlich, neugekleidet, Auch tönt ein Horn, wo man die Fahne hißt, Auf dem Kamel ein roter Affe reitet.

Doch jenen Tag, fast wunschlos, ihn vergißt Nicht weicher Schlaf, der weißen Dämmer lischet. Ich darf wohl sagen, daß getröstet ist,

Wer sich mit solcher Dunkelheit vermischet.

III

Es schwingen Sternenvölker ihre Arme, Die Hacken, wirbelnd an den Sonnemond Und Lavastrom sich wälzet, der mit warmem

Strahl bohret durch papierenen Horizont Und schartige Flut die blonden Felder mähet, Der flammenden Straßenbäume starre Front . . .

Du wieder leuchtend in den Abend spähest, Du über allen Räumen weit und groß, Ersehnter Hauch, der letzte Segel blähet.

Du bist das Lächeln spitz wie Schwerter Stoß Und, Sonnenlanzen, wehen deine Haare. Du brichst als Sturm in finsteren Städten los.