Verfall und Triumph, Erster Teil: Gedichte
Part 2
Deine Vogelaugen kränzet Lilaflor. Ach, wir fallen nieder unter jedem Tor, Auf den nassen Bänken. Steil wächst goldenes Licht. Fliederschleier wallen um dein Schmerzgesicht.
In den großen Kirchen sind wir gern zuhaus. Selig uns durchströmet flammender Orgel Braus. Blasse Jungfrau, hast du die Verkommenen lieb? Überstreich mit Salbe kranken Leibes Sieb! . . .
Fremde Stadt mit der Paläste gradem Bau! Krümme mich zerpeitscht von spitzen Regen grau. Daß vielleicht ich Näh und Linderung fühl, Eilt ich spät ans Ufer düsteren Flusses kühl.
Von Pistolen, unter Messern hingestreckt Springende Wunden deiner Hände Schale deckt, Schleppe mich, auf dich gestützt, in dein Gemach, Wo ich etwas noch, verblutend, bleibe wach . . .
Krankenhaus und Haft und Hungers Pein, Kavaliere, Schlägerei, gebrochener Wein . . . Flattere ängstlich durch die Nächte, schäbiger Fetzen, Den der Winterstürme kläffende Meute hetzet.
Der Kasernen Mauern wanke alt entlang! Kauere Bettelweib in Wirtschaft schmalem Gang! Würg aus trockener Kehle dein »A la Villette«! Dreh dich schlaflos in Hotels verdrecktem Bette!
Schluchz bei sanften Schwestern, wächsernes Mädchenkind! Spucke Lungenblut! Langer Eiter rinn! Löse die Verbände fiebernd! Mach dich frei! Bäum empor dich! Reiß dich los mit brennendem Schrei! . . .
II
Deines Atems heller Wind Schwellet Segel leicht Und enthüllet Goldene Abendländer über Wolken weiß.
Über Glutgebirgen Blutet Sonne schwer, Zu den himmlischen Bezirken Wogt entrücktes Meer.
Was mag noch gelingen? Man wird nichts mehr tun. Kühle Lüfte, Tote bringen Heiligen Schlaf. Komm, laßt uns ruhn!
Hirt mit Flöte. Sanftes Tier. Zerrissener Ufer bunter Klang. Eng umschlungen sinken wir: Seliger, süßer Untergang.
III
Nun, da längstens hörten auf zu rollen Wilder Städte Donner von den Hängebrücken, Schrille Laute, die vom Platz erschollen Ruhen starr in tränenden Mondes Blicken:
Treiben wir dahin, wo die Blätter fielen, Die ein weißer Sturm des Tags herabgejagt, Die Allee entlang im laubichten Gewühle, Das jetzt eines Turmes silbernes Horn durchragt.
Und wir schlafen ein im großen Bette, Das, ein Schiff, uns von der Erde trägt. Unserer heißen Küsse dichte Kette Sich, als Traum süß, über Müde legt.
Lasset uns auch beten für die Armen, Die wir sahn an windiger Ecke stehn, Lasset uns auch wünschen Frierenden Tücher warme, Linderung der Mütter Wehn!
Wir jetzt liegen wie in Zuchthaushallen, Nackte Büßer auf verfaultem Stroh. Draußen heulend schwarze Regen fallen Unter Blitze zackichtem Geloh.
Die erfüllen mit verworrener Helle Unser niedriges Gemach. Züge flattern durch mit Hundgebelle, Pferdewiehern und mit Schüssekrach . . .
O, so fasse meine zitternden Hände, Daß ich in empörte Gründe stürze nicht! Da in weiße Wälder wandeln schon sich kalkige Wände, Heiliger Morgen frischet dunsenes Gesicht.
Fette Kräuter aus dem Boden sprießen. Werden wir mit Sommer schön beschenkt? Die Gebirge schaukeln hinter Wiesen, Ein Gewitter grau am Himmel hängt . . .
IV
Klagende du aus ächzender Bäume Zweigen, Die bald leuchtend fallende Nacht begräbt, Bald entrückt in jenen flimmernden Reigen, Der um Mondes silbernes Denkmal schwebt:
Noch tönt Stimme dein aus knieenden Wäldern. Lege um die Brust ein wollenes Tuch! Ruf im Schlafe an die toten Eltern! Lös dich auf im herbstlichen Geruch!
Tauch in öligen Strom hinein! Laß dich tragen von den heißen Winden! Steige auf im Abendschein, Daß du hin in Wolken schwindest!
Winke vom brennenden Turme den heulenden Völkern zu! Dröhne wild als Paukenschlag im glühenden Orchester! Strahle kühn in unerhörtem Clou! _Schlinge, schlinge deine Arme fester!!_
V
Du bists, Quartier mit den verhängten Fenstern Und bunten Mädchen über nassem Strich! In allen, die vorüberschlenkern Und denen an den Ecken seh ich dich.
Es ist nicht schön zu hungern Und zu spazieren durch die Stadt, Um früh in einem Beisel sich zu treffen, Sich essen an den Brocken aus den verdreckten Töpfen satt.
Wie arm wir sind! Wir zucken beim Berühren. Ganz aufgeschwollen bist du und dein Leib ist wund. Nur manchmal wir wie einstmals uns verführen, Ich liebe deinen großen Mund!
So alle Tage wir verschlafen. Du hast noch eine Stunde Zeit -- Wir liegen berstend in den Betten Und lesen Kriminalromane.
VI
Komm ins warme Haus! Nein, du willst mich nicht. Du bleibst lieber draus. Blauen Schneees Licht
Flimmert, blondes Haar Glänzt so eisig naß, Antlitz wunderbar Zerret Lieb und Haß.
Schlottern meine Kniee, Denn ich wart auf dich. Wilden Tag ich fliehe, Der sich stellt vor mich.
Einmal in der Nacht Wirds schon wieder klopfen: Weinend Regentropfen Bist du aufgewacht.
Ach, ich wieder fühl Dich an meiner Seite. Auf der Strahlen Brücke stiegst Du herab in schwarzem Kleid.
VII
Wir aus des Stalles Stank und Feuchtigkeit Dein ekles Vieh, Herrgott, Du tränke uns noch einmal vor Morgen! Aus roten quadratischen Gebäuden Wir wittern Abfluß unseres Bluts. Doch, Auf dem wir heute noch flacken, Stroh, Rauschet wie Korn und duftet wie Heu und ist Sommer. Herrgott, unser Gebrüll töst Gebet. Unsere stachlichten Zungen, Herrgott, belecken dich, Deines Fußes und Gewandes Marmor. Tränke uns! Ach, und _Streu etwas Frühsonne in unser letztes Geschwank!_
Der Idiot
Er schwirrte durch der großen Städte Flucht. Das traf ihn schwer. Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste. Staubwirbel bliesen ihn durch grüner Abendhimmel flaches Meer. Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste.
Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand, Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte, Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich niederwand.
Er schlug, die Augen grün, Schaum dick ums Maul Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei. Ganz leise sang ein Droschkengaul Und weiße Schleier wehten dicht vorbei.
Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen. Auf allen Dächern tosten Flammen laut. Die Dome knieten nieder. Berge schwammen Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut.
Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn. Es gellte. Mövenschwärme schreckten auf. Blütenwälder weiß begruben ihn.
Geburt
Die Alte streckt sich weiß mit prallem Bauch. Sie hat Katarrh. Sie hängt voll Blut und Rotz. Im kleinen Raum der eiserne Ofen raucht. Ihr kleiner Kopf von gelben Haaren strotzt.
Mit glänzenden Augen sie zum Kreuze glotzt, Das in die bittere Umwelt goldig taucht, Und während rings die kühle Dämmerung haucht Hat sie den Klumpen brüllend ausgekotzt.
Deutschland
Ein Gymnasialdirektor stelzt im Grunewalde. Ein Weib spaziert im Dunkel, grünlich und zernagt. Ein kleiner Fürst kommt an, ganz Wichs und Bügelfalte. Der Reichstag ward zum fünften Male heut vertagt. Es steigen weiße Straßen, jubelnd im Geglänze Erwachten Frühjahrs. Finster streift Napoleons Schatten. Starr im Schein der fahlen Flammenkränze Bewachen Batterien einen Hügelthron.
Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen, Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
Ein Kritiker hat einen Dichter totgeschwiegen. Kleists Dämon höhnisch aus verworrenem Schilfrohr grinst. In wüsten Knäueln kotzend die Betrunkenen liegen, Derweil ein grüner Mond in schwarze Lachen blinzt. Auf vollem Platze sich die dumpfen Trommeln rühren. Es ziehen bunte Haufen johlend zur Bastille. Die Priester hetzen auf die Schar zu blutigen Schwüren. Die weiße Dame reicht mit spitzen Fingern Pillen.
Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen, Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
Mit Richard Wagner heult ein arges Pack besessen. Die plumpen Autobusse zeigen wenig Eile. Die Schildwache entschläft. Das Volk hat nichts zu fressen. Ein blonder Staatsminister starb an Langerweile. Die Fahne aber flattert stolz der Republik. Paris beschließt der heiligen Städte ewigen Bund. Ihr fabelhafter Ruhm erschallt von Mund zu Mund. Paris springt auf, ein Tier, ertötend mit dem Blick.
Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, Nicht nach den Schönheiten Frankreichs zu brennen, Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
Rückzug
Was soll dies unter klatschendem Regen Tönen, Der ich voll Trauer bin und klage um Verlust? Was soll der halbverfallenen Gebäude Stöhnen Bei rasselnder Stürme Sägen und Gehust?
Ich will mich mit dem Alltag jetzt versöhnen, Wild schuften in der Berge glühendem Bruch, Gern unter Hämmerdonner und der Karren Dröhnen Gedrückter Untertan sein harten Fluchs.
Dämonen sich im Traume um mich scharen, Zerwirkt bin ich vom Sturm und aufgebraucht, Doch werd ich manchmal mit den Zügen fahren,
Die gegen Abend gehn, bei steilem Rauch Mit hohem Pfiff nach schönen Ländern wimmern, Wo über menschlichem Gestrüpp noch Sterne flimmern.
Ahnung
Franz Jung gewidmet
Triumph wird über uns schreiten. Es soll Triumph über uns leuchten. Triumph über uns.
Aufbruch ruft. Wir aber werden am Boden liegen, schlafend, Berauscht, kotzend oder greinend. An uns vorüberrauschen, über uns rauschen wird Tag und Getümmel. Wenn des Ewigen Hand die goldenen Vorhänge löst . . . Trompeten stoßen, Pauken donnern. Wir müssen Schläfer sein.
Triumph wird über uns schreiten, Es soll Triumph über uns leuchten. Triumph über uns.
Beengung
Die Welt wird zu enge. Die Städte langweilig. So schmal alle Länder. Die Meere zu klein. Die Körper, in giftigen Räuschen entheiligt, Sie welken und stürzen zu Schutthaufen ein.
Da ahnen wir Himmel wohl gischtenden Blutes. Ekstasen trommeln wach Hölle und Grab. Wir stöhnen verkommend in kalkfeuchter Bude, Daß uns der Zusammenbruch rette und lab!
Was sollen wir noch? Die Welt wird zu enge. Der Polizei gelingen unglaubliche Fänge Und humpeln verzweifelt wir über den Strich: Die Mädchen ausgepreßt, fade und trocken. In Cafés und Cinémas Spießbürger hocken Und Goethe glänzt, aufrecht und widerlich.
Verflucht sei der Straßen einförmige Strenge, Die strecken sich grinsend in endlose Länge. Oh, daß doch ein Brand unsere Haupte bewölb! Es rascheln gewitternd Horizonte fahlgelb.
Daß auf der Galeere wir duldsam bald schwitzten, Daß wälzten wir uns auf der Ruderer Bank! So aber wir faulen an hohen Pultsitzen Und bröckeln zu Mehlstaub in Wartsälen bang.
Wir horchen auf wilder Trompetdonner Stöße Und wünschten herbei einen großen Weltkrieg. In unseren Ohren der Waffen Lärm töset, Kanonen und Stürme in buntem Gewieg.
Erreget Skandale! Die Welt wird zu enge. Es johlt vor Palästen die ärmliche Menge. Es trümmern die Tore. Es klirren die Fenster. Die Mauern, sie wanken, die schüssedurchsiebten. Vergessen wir unsere schmerzlich Geliebten! Wir bleiben am besten zurück als Gespenster.
Wie funkelt das Dunkel! Der Abend voll Gräuel. Die Wagen und Nachtmenschen waten in Schmutz. Kinder, aber Kinder in flammender Bläue Flehen zur ewigen Mutter um Schutz.
Nicht ehren wir Gott mehr. Er hat uns geraubt Die Kräfte. Verwarf uns zu Fetzen und Scherben. Er hat uns mit Wolken des Zornes belaubt. Erpresser mit Krankenhaus, Hunger und Sterben.
Die Nerven gepeitschet! Die Welt wird zu enge. Laßt schlagen uns durchs Gestrüpp und Gedrängel! Es wackeln Soldaten mit schiefen Hüten. Die Welt wird zu enge. Wir zittern und frieren In Domen und modrigen Schauerrevieren . . . Und poltern und würgen und drohen und wüten . . .
De Profundis
Päan des Aufruhrs
I
Inmitten der Getümmel, knochig und robust, Steh ich, befeuernd den Tumult mit Schrei. Es schneiden Messer durch die steile Brust, Den Acker, hackend Fleisch zu Mampf und Brei.
Ich euerer Länder preisgekrönter Akrobat! Mit Muskeln straff, drauf spitze Schwerter tanzen. Aus Winkeln aufgeschrien zu großer Tat, Aus Kneipen und Bordellen, Gräuel und Wanzen.
Als unterm Tor ich einst mein erstes Mädchen küßte, Die Arme heftig um die eckigen Hüften schlang, Wie saftige Frucht zerpressend runde Brüste . . . O erster Rausch, der Geist und Blut beschwang!
Durch fernste Träume irrend, brauner Weiber Schöße, Die sich gebärdeten, Verrückte toll, Bis daß ich niedersank, entblößet, Ermattet schwer, da Tag und Stadt verscholl . . .
Hah! Rasselnd atmen schon die Lungen Der Sonne, die zerreißet euch zu Fetzen. Die Himmel brechen, plötzlich aufgesprungen, Auf euch herein mit Wassersturz und Schloßenklötzen.
Ihr Hurenvölker, Metzen, aller Länder Schlampen! Die euch zermalmt, steinerne Flut, sie naht. Es schaukeln düsterer jener Monde Lampen. Ihr kochet aus in heißem Würgebad.
Verrecket! Aus Gestank und dumpfem Bette Zerrt schon der Sturm euch, schmeißt euch in die Helle, Wo ihr erstarret. Rettet Euch auf die Speicher, flüchtet in die Keller!
Auch dort, auch dort faßt es euch an und schleppet Euch an den Ort, wo spritzen Körperstümpfe. Verlaustes Pack! Verhuret und verneppet, Bis tief ins Blut verdorben, in den Sümpfen
Der Unzucht fett wie Kröten aufgequollen Mit triefenden Augen, Mäulern voll Gequak! Es faßt euch an! Mit einem wundervollen Bravourschwung schleudernd in den kalten Tag!
Hah! Schon erblindet! Aus den schwarzen Löchern Quillt gelber Schleim . . . »Gewährt uns doch den Stoß!« . . . Ihr zappelt, hänget Lumpen von den Dächern, Ihr treibet, Klumpen Haut, in Flüssen groß. --
Zerstampfet ist des Reiches fade Herrlichkeit. Wir Bären heben unsere blanken Eisentatzen. An unseren Zähnen kleben Haar und Därme. Speit Aus den Fraß! Fast unsere Bäuche platzen.
II
Ich wecke dich, verdrängte Kraft! O Anarchie! Die Schienen steigen, Harfen, aufgerissen. Die Länder überschwemmet weit der Sümpfe Vieh, Versoffene Himmel auf die Erde pissen.
Verdammet ewig! Kraftlos, ausgegoren . . . Hah! Ihr verröchelnd in verstopften Rinnen, Versauten Kübeln. Gitterspitzen bohren Euch durch die Schädel. Spinnen
Ihr, die ihr tastend steile Schächte ziehet Und mischet euch in Stürze, die sich trüben. Die Augen Glas und maßlos vorgetrieben, Verbrannt ihr über Dächer gen den Himmel fliehet.
Verdammet ewig! Schwerterblitze schwingen, Es brechet auf aussätzige Kastenbrust. Da schreien Trommeln, alle Türme klingen. Hah! Ungestört in nie erträumter Lust!
Verdammet ewig! Ordnet euch zum Zug! Schon wallen Fahnen. Schwarze Chore klopfen. Ihr ausgehöhlt von spitzer Hagel Tropfen, Hinwegrasiert von steilgestellter Winde Flug . . .
Verdammet ewig! Eng das Himmelreich, Nieder die Tore, wo ihr tretet ein, Der Weg verschottert . . . regenaufgeweicht. Hah! Vorwärts marsch in euer Qualdasein!
Hah! Zögert nicht! Verfault in grünen Ecken. Da einer wahrte noch die Kerze gelb. Wo Arme steif an Schimmelleichen stecken, Wie Kreuze . . . Heiliges Nachtgewölb,
Das nicht mehr Mond durchfurchet, nicht die Schar Der Feuersterne mehr, da es zu spät Geworden. Netzehaar, Das, finsterer Wald, traurig herniederweht.
III
Stellet wie Schirme Hände vor euere Lichter, Daß nicht der Sturm sie verlösche, der aufsprang zur Nacht! Schließet die Reihen! Scharet euch dichter! Daß wir werden, Brüder, heil an den Morgen gebracht!
Brücken bäumet euch! . . . Teiche voll stinkender Fische Rasend sich drehen, eitriger Wolken Säcke, Schalen auf grüner Wälder wehenden Tischen. Vulkane schwälend vergrabene Himmel belecken.
In die Arme euch fallet . . . Ein Irrer, wo glotzet An einsamer Straße, der bös prophezeit: »Fraß und Trank, ihr Räuber und Mörder, auskotzet! Euer Morgen, der schöne, ist weit, ist weit . . .
Auf den Hügel euch schwinget, ob ihr erspähet Der Sonne Ball. Landschaft, die schwebt. Nicht die Mauer der Nebel zerfallet. Die bläulichten Seeen Erwachen. Voll Glanz ein Gebirg sich erhebt . . .
Erstarrend am Wege ihr, schlaget die Mäntel um! Hüllet euch ein, erwartend, was nie erscheinet! Beweget nur Arme, die Hände, die Beine stumm! Uhren nie schlagend, Schlagwerk, das weinet.
Vergesset den Takt nicht! Rennet nicht, jaget nicht durch! Lauschet! . . . Ists nichts?! . . . Kommt da nicht wer gegangen?! -- -- Die Augen hinfließen, schallender Winde Gefurch. Bäume hoch greifen, knackender Äste Zangen.
Einmal noch singet! . . . Auf eueren Köpfen Hocken der Wetter Bäuche. Ach, ihr so maßlos gewachsen. Oder treiben jene so tief?! . . . Einst dreckige Töpfe Ihr, trauriger Tollheiten jetzt brennende Achsen.
War es nicht Rausch, nicht Wahn? Wie ward es erfunden? Einer träumte. Der schrie es herum. Rausch und Wahn . . . Einst mit Gärten umwunden Die Stirnen, jetzt Öden, verwelket und plump . . .
Keiner schrickt auf mehr. Nirgends ertönet mehr Klage. Waldung mit Körper sich mischet, Haare mit Meer und Grün, Aber im Finstern pfeifend ein Knochenturm raget, Trotzend den Völkern der Stürme und Hagel kühn . . .«
Familie
Sie sitzen warm am Tische. In der Fiebel Die Kinder blättern. Rings behaglich-stumm. Es trägt die Mutter auf den Suppenkübel. Der Vater bringt jetzt eine Henne um.
Die Uhr, sie hinkt mit furchtbarem Gedröhn Durch Tag und Nacht. Da rauscht ein Sturm vorbei. Der Unterricht beginnt um viertel zwei. Ein Telegramm verheißt den Sonntag schön.
De Profundis
I
Es rauschen die Flammen. Ich leide. Ich leide. Das schuf der Sehnsucht gefährlicher Drang. Einst liebten wir heiß uns und innig beide, Doch unser Leben im Blut, im Blut versank.
O ihr Engel Gottes mit den blassen Händen Über den Sterbenden schwebend in den leuchtenden Höhen! Wer kann das Unabwendbare wenden? Wer macht das Geschehene ungeschehn?!
Vielleicht ist's nicht viel. Nur matt und gewöhnlich. Höchst albern, nur von Zeit zu Zeit Ein Aufbrüllen wie ein Tier. Ganz unversöhnlich. Ein schwirrender Tumult trunkenster Zerrissenheit.
II
O alle die Nächte, o alle die Nächte, Die ich durchirrte und die ich durchsuchte und die ich durchlitt: Waren unendliche brausende Schächte, In die ich, sausender Ball, mit Sturmgewalt Dem sicheren Halt Einer allmächtigen Hand entglitt.
Nun winzele ich furchtbar durch die windige Nacht, In der der sündige Geist der großen Toten haust. Ich bin ein Hund verlaust, Aussätzig und voll ekler Niedertracht.
III
Singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte. Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht! Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette. Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!
Schwer schallt aus ewig dröhnendem Dunkel euerer ziehenden Kolonnen und Scharen Marschtritt, gedämpfter Waffen- und Trommelklang. Feuerschein. Rasende Automobile an schimmernden Palästen vorfahren. Auf glänzenden Treppen der Damen und Kavaliere flimmernder Gang.
Liebende. Einsam und weinend am düsteren Gestade Schmutzigen Stroms, der träg durch die Vorstadt hinzieht. Höret die alte, die ewige Bitte um die lichte, die himmlische Gnade Verhallen im Strudel der Wasser als Schlummer- und Todeslied!
Rote Laternen blinken und winken aus finsteren Gassen. Schwarze Schatten gebückt hinschleichen, die Böses tun. Fabriken, Lagerräume, Baracken, die öd, die verlassen Im falben Scheine des Mondes gleich großen schlafenden Heerlagern ruhn.
Aus verfeuchteten Kellern gebärender Weiber schallende Schreie. Schwarzer Zug. Geheul. Begräbnis. Glockenton. Horchet begeistert, wie sich erleuchteten Saals eine neue Meinung durchsetzt in stürmischer Diskussion!
Volk. Fahnen. Ernst. Eiserne Fäuste. Rußig. Ruhig. Mann, Weib und Kind. Geruch der Fäulnis steigt auf aus den blutverschweißten Hemden, doch die, wie ich glaube, _einst leuchtend gleich purpurenen Rosen sind!_ --
Blühen dann wieder des Sonntags die himmlischen Feste, Flattern Bänder weit, wehen Wimpel bunt über dem ländlichen Grün. Man tanzt. Ist fröhlich. Unterhält sich so am besten. Hoch am blauen Himmel wieder die weißen Wolken ziehn.
Aber schon brausen und sausen über Brücken und Viadukte Die Züge. Durchs Abendgold Heimführend die Fröhlichen, die Vergnügten. Dumpf der Zug in der dämonischen Bahnhofshalle einrollt.
Niederströmt die Masse. Die Ketten Klirren. Der irdische Dämon Hölle und Feuer schürt . . . Und doch --: singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte! Von euch verdorben. In euch verirrt. Von euch verführt. Doch sterbend vom Schein himmlischen Lichtes berührt . . .
Denn plötzlich schrillen empor Sturmglocken und Pfeifen. Ekstatisch schwillt ein unendlicher Brand. Wasser stürzen. Rote Flammenfangarme in die schwarze Nacht hineingreifen. Millionen versinken. Tief glüht das Land . . .
Singe mein trunkenstes Loblied auf euch, ihr großen, ihr rauschenden Städte, Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht. Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette. Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!
IV
Da ich überwand Im steten Aufwärtssteigen selig mich mühend Glühende Gipfel: sei mir gegrüßt Ebene, weites blühendes Land!
Du Sinn der Erde! Wie oft hat mich dein Blühen Aufgeweckt und der herbe Duft deiner Saaten. Wie oft hat mir der Geruch deiner Fluren verliehen Hoffnung und Mut zu neuen Taten.
Ach, deiner verschwenderischen Fruchtbarkeit Goldener Segen War oft als stille Hoffnung über meinem tiefen Leid, Als ein heller Himmelstrost über meiner argen Schmach gelegen.
O, und wie liebte ich deiner Wälder Brausen, Das Sausen des Sturms über die Heide. Das Rauschen deiner großen Ströme. O Wandermusik! Welch fröhlich Geleite!
Ihr fliehenden, ziehenden Wolken hoch dort oben! Ihr purpurglühenden in dunkel wehenden, bewegten Lüften! Ihr Feuerwolken, Feuerrosen! Glut über meinem Menschenhaupt! O Frühling du! Himmlischer Heros du! Verschwender du in Blut und Düften! Ich nenn mich deinen besten Held. Ich habe dir geglaubt . . .
Sieh, alle Menschenherrlichkeiten und Verworfenheiten, Wenn auch seltsamst verworren noch, trag ich in meinem irdischen Menschenblut. Aus tiefstem Niederfall hast du erbarmend dich mich jäh erhoben. Dereinst, das weiß ich, herrsch ich königlich. Du gabst mir Kraft dazu und Mut.
Goldene Schätze sind in mir enthalten. Einst werde ich die Arme ausbreiten, Einst werde ich Schwingen entfalten Zum Flug in die sternenen Unendlichkeiten.
So träume ich oft, und mein himmlisches Schweben Geht verzückt von hinnen zu silbernen Wolken hin. Die großen Städte im Abendrot heben Ihre blinkenden Zinnen. Brücken, Wälder, Ströme vorüberfliehn. So wird alles Traurige, dein irdisches Leben, O Mensch einst unter dir vorüberziehn
Überwunden, klein und doch so bedeutend Und das alles in einem großen kosmischen Zusammenhang Und du wirst kaum mehr unterscheiden Können, wo ist von diesem Ding das Ende und wo von jenem der Anfang . . . Du wirst staunen nur. Über alles dich tief verwundern. Jahrhunderte brechen auf. Deine blaue Glocke, Himmel, wird herrlich läuten. Deiner Engel Posaunen schmettern den Triumphgesang.
V
Ich komme spät nachts noch betrunken ins Bierlokal: Ganz am Ende der Stadt gelegen. Verrufen. Wild Lärmt man der versunkenen Nacht nach. Dem Sonntag entgegen. Im Saal Das Gedröhn und Getön der erhitzten Stimmen zunimmt und furchtbar anschwillt.
Vier Weiber. Sehr schmutzig. Verschwitzt. Fett. Höchst gemein. Musizierend. Klavier. Zwei Geigen. Die Älteste schmetternd mit tropfendem Mund singt. Man säuft. Füllt sich den ausgetrockneten Schlund mit Schnaps, mit Branntwein. Rülpst. Stopft sich hinein, Während draußen vielleicht die schöne Welt schon im erwachenden Morgen aufklingt.
Ich sitz in der Mitte. Umbrandet. Da entlockt zärtlich der verwirrte Tumult Dem müden Gehirn phantasievoll ein rührend Bild. Das tilgt, o Mensch, das überdeckt einst reichlich all deine Schuld. Du kniest hin wie ein Kind. Du neigst deine Stirn. Du Ärger wirst weich und mild.
Dort oben, o sieh: sie spielen auf jenem Podium -- O, wer dies nur einmal sah, es sicherlich nie mehr vergißt! -- Die Engel, die Engel, die lichten, blondgelockt, die weißen. Ringsum, ringsum Die muffige Luft vom goldenen Klingen ihrer heiligen Gesänge duftend angefüllt ist!