Venusmärchen: Geschichten aus einer andern Welt

Part 2

Chapter 23,717 wordsPublic domain

»Das ist die Wolke -- das ist die große Angst, die schwer auf der Welt liegt, die Angst der Völker vor etwas Entsetzlichem, etwas Furchtbarem, das über sie kommen wird, wie der Blitz durch die Wolken fährt. -- Wird es sie vernichten? Wird es die Welt zerschmettern, zu nichts zertrümmern -- oder wird aus dem Chaos ein Neues entstehen, ein Herrliches, wie der Vogel Phönix aus der Asche! Sie wissen's nicht und beben vor Furcht und wagen kaum, tief Atem zu holen.«

»Gibt es denn gar kein Mittel, um die Welt von dieser wahnsinnigen Angst zu befreien, auf daß sie ihr kühn entgegenblicke und ihre ganzen Kräfte anstrenge, dem Schrecklichen mit Vernunft entgegen zu arbeiten?« fragt das Sonntagskind schüchtern.

»Ach, liebes Sonntagskind,« lächelt der Geselle und schüttelt seine Glöckchen, »das Mittel ist schon da und die Menschen kennen's auch, nur haben sie es vergessen. -- -- All die große, schwere Angst der Völker würde sich in nichts verflüchtigen, wenn sie nur ein klein wenig mehr an -- den kleinen Finger der Venus von Medici denken wollten.«

»An den kleinen Finger der Venus von Medici?« fragt das Sonntagskind mit großen, verwunderten Augen.

»Komm,« sagt der närrische Geselle, und schweigend wandern sie durch die Nacht tief in den Garten hinein. Da stehen sie vor einem dichten Gebüsch, von lauter seltsamen Sträuchern gebildet; Pinien wiegen ihre schlanken Wipfel und dunkler Lorbeer schmiegt seine Zweige ineinander. Aber des Mondes Strahl dringt doch hindurch -- oder ist es das schöne Weib dort, das den wundersamen Glanz ausstrahlt? Da steht sie in ihrer schimmernden, weißen Nacktheit inmitten all dem Grünen -- zierlich treten ihre schlanken Füße den Boden, die linke Hand deckt schamhaft den Schoß, die rechte den schneeigen Busen, und der wunderbare kleine Finger dieser rechten Hand spreizt sich ein wenig von den andern ab, zur Seite geneigt hält sie das schöne Haupt -- lauscht sie? --

Betäubt von all ihrer Schönheit sinkt das Sonntagskind in die Knie. Der Geselle aber tritt bescheiden hin vor das wonnevolle Weib, schleudert seine Narrenkappe zur Seite und faltet bittend die Hände:

»Hehre Göttin, süße Königin, Dein Knecht, dem Du stets Dich huldvoll geneigt hast, dem Du so manchesmal aus der Not geholfen, in die ihn sein Uebermut gestürzt hat -- Dein dankbarer Liebling naht sich Dir mit einer demütigen Bitte: Gib diesem Menschenkinde, das zu uns in seinem Kummer geflüchtet ist, einen Trost auf seinen Weg, den es der Welt verkünden kann. Laß es die Macht Deines vornehmen kleinen Fingers ahnen -- zeig' ihm, warum Du ihn so entzückend neckisch gespreizt hältst.«

Da lächelt Venus: »Nun, wozu sollte er denn sonst wohl gut sein,« sagt sie schelmisch, erhebt die rechte Hand, läßt sanft den kleinen gespreizten Finger in die zierliche Ohrmuschel gleiten und schüttelt ihn ein wenig -- dann lauscht sie lächelnd freudig in die Ferne.

»Ich höre wieder die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens -- himmlisch wohllautend dringen sie in mein Ohr!«

»Sieh', kleines Sonntagskind,« sagt der ernsthafte Geselle, »wie die Venus mit ihrem kleinen Finger die Spinnenweben der Lüge und Heuchelei und Hartherzigkeit aus ihrem Ohr hinaus schüttelt, so sollten es auch die Völker thun, dann würde die große, schwere Angst von ihnen weichen und die bebenden Laute der Liebe und des Erbarmens auch an ihr Ohr dringen.

»Pah,« lacht er dann, nimmt seine Schellenkappe auf und wirft sie in die Luft, daß die silbernen Glöckchen klingeln, »armes Sonntagskind -- die Welt wird Dich steinigen, wirst Du ihnen das verkünden. Lache über sie, so wie ich, das ist das Einzige, was sie fürchtet.«

Und mit immer länger werdenden Schritten, riesengroß anwachsend, ist er im Mondenlicht verschwunden.

Dem Sonntagskinde aber hat die Venus gelächelt -- tiefer Friede deckt seine schweren Augenlider.

Hell scheint die Sonne ihm ins Angesicht, es steht auf, schaut verwundert um sich -- dann erhebt es seine rechte Hand und schüttelt mit dem kleinen Finger ein wenig im Ohr -- es lauscht -- eine Lerche steigt jubelnd gen Himmel -- und in ganz weiter, weiter Ferne hängt ein dunkles Wölkchen am Horizont.

Der gefesselte Cupido.

Eines Tages saß Cupido -- ich meine nicht den patentierten, konzessionierten Heiratsvermittler und Rechenmeister des neunzehnten Jahrhunderts, sondern das liebe, mutwillige Bübchen, von dem Anacreon erzählt und Goethe in seiner »Brautnacht« --, der saß eines Tages im Olymp und langweilte sich. Er hatte zwar eben erst allerlei Schabernack verübt, hatte sogar dem Vater Zeus einen Brand-Pfeil ins Herz gesandt, so daß er nicht wußte, nach welcher hübschen Erdentochter er zuerst schmachten sollte, hatte versucht, die lange Artemis anzuschießen, aber vergebens, ebenso die Athene; und aus Rache dafür, daß sie ihm ihren kolossalen Minervaschild vorhielt, zupfte er ihre Eulen, die sie just fütterte, am Schwanz, so daß sie entrüstet »Huhu« sagten. Tante Juno hatte ihm sehr energisch auf die Finger geklopft, als er den Nymphen allerlei süße Dummheiten ins Ohr flüsterte und schließlich sogar den Dienerinnen der Vesta nachstellte; da war er zu seiner holdseligen Mutter Aphrodite geflüchtet, und sie breitete ihm sehnsüchtig die Arme entgegen, und schwirr, da flog der Pfeil und stak ihr im Herzen. Der böse, liebe Junge -- aber Aphrodite lächelte -- sie war's ja gewohnt! -- Nun saß Cupido auf einer Wolke und bammelte mit den Beinchen und guckte zur Erde hinab und langweilte sich. Da kam Hermes daher geflogen, der hatte irgend einer Schönen im Auftrage des Vaters Zeus eine Düte Ambrosia gebracht und dafür ein Stelldichein verabredet. Er mochte den Cupido gut leiden und hockte sich ein wenig zum Ausruhen neben ihn.

»Du -- weißt Du, was sie da unten mit Dir gemacht haben?« fragte er ihn.

»Nee -- was denn?«

»Erst 'mal haben sie Dich riesig elegant angezogen, im schwarzen Frack und Cylinder, und sie sagen, Du hießest gar nicht Amor, sondern Puck; und außerdem wäre es unanständig, wenn man nackt ginge. Und dann haben sie Dir eine große Brille aufgesetzt, weil Du blind wärest, sagten sie und haben Dir Deinen Köcher mit Goldstücken statt mit Pfeilen gefüllt, das zöge besser, sagten sie, und haben Dir statt eines Bogens ein Tintenfaß in die Hand gegeben und Dir eine Feder hinters Ohr gesteckt, damit Du gleich die Ehekontrakte ausschreiben könntest, sagten sie, und wenn Du doch 'mal ganz splitterfadennackt, ganz natürlich, ohne alle Zuthaten zu ihnen kommen wolltest -- sie möchten Dich eigentlich ganz gern so, sagten sie -- dann müßtest Du aber durchs Hinterthürchen schlüpfen, damit dich ja auch keiner sähe, denn sonst genierten sie sich, sagten sie.«

»Beim heiligen Kriegsungewitter!« fluchte Cupido -- »das ist ja eine ganz urweltliche Bande!«

»Hör' nur weiter -- es kommt noch besser. Da hat sich einer -- so'n ganz vertrocknetes Kerlchen mit einer Brille auf der Nase, auf einen hohen Stuhl gesetzt, und hat mit dem Finger -- weißt Du, mit so einem langen knöcherigen -- auf den Tisch geklopft und hat gesagt: Es gäbe Dich gar nicht, Du wärest eine Mythe, und die Liebe, das wäre eine Nervenaufregung, die leicht in Irrsinn übergehen könnte, und deshalb hätten die weisen Männer Gesetze gemacht, nach denen die Gefühle geregelt würden.«

Da sprang aber Cupido in die Höhe:

»Heilige Mutter Aphrodite! Gesetze? Für mich? -- Na -- das möchte ich mal sehen. -- Liebster, bester Hermes, geh' -- sattle mir schnell den blanken Stern da, ich will hinunterreiten, das muß ich mir aus nächster Nähe betrachten!«

Und da saß er schon auf seinem glänzenden Stern und fuhr hinab, und auf der Erde sagten sie: Da fällt eine Sternschnuppe.

Es kam aber dem Cupido furchtbar kalt vor im neunzehnten Jahrhundert, obwohl es im August war, wo die meisten Sternschnuppen fallen, und bei Sonnenaufgang fror es ihn ganz erbärmlich, trotz des Umschlagetuches, das ihm das alte Hökerweib geschenkt hatte. Die saß schon am ganz frühen Morgen mit ihren Körben auf dem Markte, und wie sie den nackten, kleinen Gesellen daherkommen sah, da wurde es ihr so weich und sehnsüchtig ums Herz, sie meinte, es wäre Mitleid -- es war aber die Erinnerung: sie sah sich wieder jung und hübsch, sie war beim Tanz unter der Linde, der schönste Bursche schwang sie im Reigen -- heißa! -- hoch in die Luft, daß die Röcke flogen, und dann küßte er sie. Und da machte sie die Augen auf, und vor ihr stand wieder der drollige kleine Junge. Der nahm das Höckerweib frischweg beim Kopf und gab ihr einen Kuß für das Umschlagetüchelchen, das sie ihm gegen die Kälte geschenkt, und die Alte faltete die Hände und träumte von ihrer Jugend. -- -- Den Cupido fror es aber doch an den nackten Beinchen, und er dachte: »Ich will doch sehen, ob ich nicht irgendwo hineinschlüpfen kann und mich wärmen.«

Doch da kam er schön an.

»Was willst Du hier?« fuhren sie ihn im ersten Hause an -- »Du bist so unbequem -- mach', daß Du fortkommst!« Im zweiten öffneten ihm zwei alte Jungfern die Thür, liefen kreischend davon und schrieen:

»Hülfe -- ein Sansculotte -- er hat nichts an!« Und der dicke Mops saß auf dem Sofa und bellte ihm nach. Im dritten Hause fragten sie höflich verwundert: »Was wollen Sie hier? Wir sind ja verheiratet.«

Im vierten hielten sie ihm einen Ehekontrakt unter die Nase, und im fünften sprachen sie von Gesetzen und -- da wurde Cupido böse und sagte:

»Wartet, ich will Euch! Ihr wollt mich hier verleugnen? Bei unserer lieben Frau von Milo -- Ihr sollt es büßen!« Er schwang sich in die Lüfte, spannte den Bogen, und -- huidi! -- da schwirrten die Pfeile! Er schoß blindlings drauf los, ganz einerlei, ob nach Grundsatz oder Gesetz -- aber sie trafen. Und nun gab es eine heillose Verwirrung unter den Menschen; sie hatten geglaubt, den Liebesgott hinwegspotten und -klügeln zu können, und da war er plötzlich mitten unter ihnen und sie duckten sich, bange, wehklagend und nach Hülfe wimmernd. -- Da ist ein Mägdlein gekommen. Wie Cupido das erblickte, verschwand der Zorn aus seinem Angesicht, lächelnd sah er es an -- und wählte seinen allerschönsten Pfeil, mit dem er schon einmal seine holde Mutter geritzt hatte. -- Es war aber ein trotzig Mägdelein. Keck schauten die Augen in die Welt hinein und sein roter Mund sagte:

»Was frag' ich nach Liebe? Mir liegt's nicht im Sinn! Wohl hab' ich ein Herzel -- Doch pocht es nicht drinn! Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt: Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!

Zwar hab' ich ein Mündlein Und seht nur -- wie rot! Und ach -- wie kann's lachen -- Das macht Euch viel Not! Doch daß Ihr's nur wißt, doch daß Ihr's nur wißt: Es hat mich noch keiner, noch keiner geküßt!«

Horch! -- da schwirrt es und singt und klingt! Und sieh' -- da steckt der Pfeil in der schönen, weißen Mädchenbrust --

Das trotzige Mägdelein hat mit der Hand ans Herze gegriffen, ist glührot geworden, ist scheu davon geschlichen. Aus der Ferne tönt es:

»Nun frag' ich nach Liebe -- Nun trag' ich's im Sinn! Nun fühl' ich mein Herze! -- Es pocht so darin!«

Und Cupido lauscht, biegt sich vor und lächelt, blinkt mit den Schelmenaugen, hebt deutend das weiße Fingerchen, und spitzbübisch singt er ihr nach:

»Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt: Just hat sie der Liebste, der Liebste geküßt!« --

* * * * *

Gerade da kam ein Mann des Weges gegangen, der war ein Sonntagskind, der konnte schauen, was andern verborgen war -- der hat den kleinen, herzigen Schlingel stehen sehen, wie er dem trotzigen Mägdelein nachgehöhnt hat. »So sollst du ewig sein!« sagte er.

Cupido aber ist ihm entgegengehüpft, denn der Mann war ein Künstler, und die Künstler stehen auf gar vertrautem Fuße mit all dem lustigen, alten Göttergesindel -- er ist geduldig mit ihm gegangen und hat sich in marmorne Fesseln schlagen lassen. Und so steht er da in der ganzen Pracht seiner Schönheit, ein wenig nach vorn geneigt, das süße Schelmengesicht voll Sonnenschein, das Fingerchen erhoben und deutet auf euch, die er euch eben mitten ins Herz getroffen hat -- und lachend klingt's von seinen Schelmenlippen:

»Und daß Ihr's nur wißt, und daß Ihr's nur wißt: Nun wird die Liebste vom Liebsten geküßt!«

Psyche.

»~Ich saz ûf eime steine, und dahte bein mit beine: dar ûf sazt ich den ellenbogen: ich hete in mîne hant gesmogen daz kinne und ein mîn wange~,«

sagt Walter von der Vogelweide. So sitze ich im Gips-Museum und träume vor mich hin und lasse mir von Antinous verliebte Blicke zuwerfen.

O, Du Abbild erster, toller, süßer Liebe!

Erste Liebe -- wo man liebt, ich möchte sagen, um zu lieben, um sein eigen Herz einmal pochen zu hören, um voll Seligkeit zu verzweifeln, und weinend zu jubeln -- wo ein liebes Auge, eine schöne Gestalt, ein lustig-gutes Lachen, einem vollauf Grund genug zum Lieben scheint.

Später freilich, dann, meine ich, wenn die wahre, einzige, ewige Liebe über einen kommt, wenn man mit vollem Verstande, mit ganzer Ueberlegung, mit festem Willen liebt, dann -- ja, dann verlangt man freilich mehr, wie Du, schöner Antinous, bieten kannst.

Sieh', der letzte, warme Sonnenstrahl hängt aufleuchtend, zögernd an seinem holden Antlitze.

Er lächelt. -- --

Der Faun da hinter ihm guckt schelmisch um die Ecke: »Reizender Bengel! Nicht wahr?« grinst er vergnügt, und die zwölf Apostel am Sarge des heiligen Sebald schüttelten vorwurfsvoll ihre bärtigen Häupter. Warum, o meine hochverehrten Herren, begaben Sie sich auch in diese heidnisch-vergnügte Gesellschaft? Wird es Ihnen nicht ganz sonderbar zu Mute?

Es geht ein wunderlich Flüstern durch den Saal und ein Beben durch die nackten, weißen Götter-Menschenleiber. Mir schwimmt es vor den Augen und mein Herz klopft. Soll ich fliehen? Schnell zur Türe!

Ah, die ist geschlossen! Sie haben mich vergessen in meiner Ecke hinter den zwölf Aposteln, und ich bin allein im ganzen Haus -- allein, und doch in der allerbesten Gesellschaft. Mir ahnt, jetzt wird sich etwas begeben, etwas wunderlich Liebliches, himmlisch Schönes. Ein seltsames Leben und Weben zittert in der ganzen Luft, und ich verstecke mich still und neugierig und warte -- worauf? Ich weiß es selber nicht.

Doch -- was ist das? Träume ich? Wache ich? Ein zitternder Laut, halb Seufzer, halb Jubel. -- Woher kommt er? Aus den Herzen der toten Gestalten? -- Sieh' -- sie leben! Sie heben die Arme, sie bewegen sich -- das Blut rinnt durch die Adern, sie atmen, und doch sind's keine Menschen. Denn durchsichtig werden die Glieder von Gips, sie schimmern und glänzen, geisterhaft, geheimnisvoll -- das ist Ewigkeit, die von den weißen Stirnen leuchtet, und sieghaft strahlen die klaren Augen. -- Ach, und demütig beuge ich mein Knie.

Lautlose Stille. -- Da ertönt mächtig, wie Donnerrollen, gewaltig, wie Schlachtenruf, eine Stimme, die schallt durch den ganzen Saal: »Ist es fort, das elende Gesindel, das sich Menschen nennt, und sich so unendlich viel dünkt, daß es sich herausnimmt, uns stundenlang anzustarren und unsere Götterleiber zu kritisieren? -- Sind wir allein? -- Gebt Antwort!«

Apollo ist's, von Belvedere, er tritt hervor in Herrlichkeit und Majestät, und zu ihm gesellt sich Mars, der da mit aller Arroganz auftritt, deren nur ein Kürassier-Lieutenant fähig ist, sei es auch ein olympischer; und er gähnt herzhaft und schüttelt die prächtigen Glieder, und die Venus von Milo sieht ihn holdselig an. Er aber fährt sich mit der Hand durch die krausen Locken, die Erinnerung an selige Stunden überkommt ihn, und schmunzelnd nickt er ihr herablassend liebevoll zu:

»Venuschen, kleiner Schatz, bist Du immer noch in meiner Nähe? Geh', frage doch einmal Deinen niedlichen Schlingel von Jungen, ob die Luft ganz rein ist, ob wir uns endlich ein bischen gehen lassen können, nachdem wir den ganzen Tag so ehrbar dagesessen haben! Der kleine neugierige Bengel hockt natürlich da, wo es am meisten zu gucken gibt.«

Und wunderbar! Die hochmütige, vornehme Dame von Milo nimmt diese etwas familiäre Anrede gar nicht übel, ja, ein Lächeln spielt sogar um den stolzen Mund, der so oft verächtlich auf die Besucher des Museums herunterblicken kann.

»Mamachen, Mamachen,« ruft eine piepsige Stimme, und der pauspackige, kleine Gesell, das Kind Amor, springt von seiner Marmorsäule herunter, stellt sich dicht vor mich hin und nickt mir zu.

»Mamachen, hier sitzt noch eine in der Ecke; aber sie sagt nichts. Ein ganz kleines Mädchen ist es, und sie macht große, verwunderte Augen, und ihre Stirn leuchtet eben so weiß, wie Deine!«

»Hinaus mit ihr! Hier werden keine Sterblichen geduldet! Wir wollen keine Lauscher,« sagt die lange Diana von Versailles mit ihrer scharfen Stimme, »hetzt die Hunde auf die Unberufene.«

»Willst Du hier das große Wort führen?« lächelt unsere liebe Frau von Milo etwas höhnisch, »alte Jungfern sind freilich flink mit der Zunge, aber ich denke, wir, die wir unsere Aufgabe im Leben -- Lieben und Geliebtwerden -- erfüllt haben, wir gelten mehr hier im Reich der Freude!«

Diana zuckt die schlanken Schultern und hüllt sich keusch in vornehmes Schweigen.

»Geh', Amorchen,« schmeichelt die tanzende Bacchantin -- war sie nicht eben noch kopflos? Jetzt trägt sie ein lieblich-übermütiges Haupt auf dem zierlichen Hälschen. --

»Frag' sie einmal: Hast Du Jemanden lieb? Recht von Herzen, recht freudig? Und wenn sie ›Ja‹ sagt, dann laßt sie nur immer hier. Denkt wohl, ich sei ein dummes, kleines Ding, aber Amorchen, Du weißt, ich verstehe mich auf solche Sachen!«

Und sie dreht sich im Tanz und schüttelt die anmutigen Glieder, daß der musikalische Faun neben ihr schnell ein lustiges »Klingkling« hören läßt. -- Da erhebt sich eine Stimme, sanft, wie Windessäuseln, stark, wie Sturmeswehen und ernst, wie das Grab: Hermes spricht. Majestätisch ragt sein wunderbares Haupt über die andern hinweg, und seine armen zertrümmerten Glieder umgibt Würde und Hoheit.

Götterbote! Glück und Freude, Schmerz und Tod trugst Du hin über alle Welt! Ich möchte niederknieen vor Dir und Deine ewige Schönheit anbeten und über Deine verstümmelten Glieder meine armseligen Thränen weinen!

»Laßt sie gewähren, Ihr Götter,« sprichst Du, und Deine Augen sehen mich an, milde, verheißend -- »denn ich kenne sie. An ihrer Wiege stand ich und brachte ihr das Geschenk des himmlischen Vaters, beugte mich über sie, hauchte es in ihre Stirn, legte die Hand ihr auf's Herz, und da zog es ein -- und küßte ihren Mund, und da lernte sie lächeln und -- lieben.« Leise nickt er, und ich möchte weinen. --

Horch! Das seltsame Geräusch! Rollend, rasselnd, im Takt sich wiederholend -- dazwischen ein melodisches Pfeifen, ein kunstvoller Schnörkel am Ausgang des tiefen, rollenden Tones, behaglich einschläfernd klingt's in seinem rhythmischen Taktfall, seiner ruhigen Gleichmäßigkeit.

Alle stehen und lauschen -- --

Da balanciert der alte, bärtige Silen das Bacchuskindlein geschickt auf dem einen Arm und deutet mit dem andern lächelnd über die Schulter auf den Faun hinter ihm, welcher, trunken von Wein und Freude, seine kolossalen Glieder im tiefen Schlafe dehnt. -- Die kleine Bacchantin bricht in ein schallendes Gelächter aus: »Der Faun schnarcht! Denkt Euch, er schnarcht! Zuviel des feurigen Griechenweines hast Du getrunken, Du liederlicher, großer Gesell Du!« schilt sie und kitzelt ihm neckisch die Fußsohlen. Der Faun murmelt unverständliche Worte und bewegt die mächtigen Glieder und versucht den Arm zu erheben. Aber schwer sinkt die Hand auf den Felsen zurück, auf dem er ruht, und bald tönt wieder sein musikalisches Schnarchen mit dem lustigen Endschnörkel durch den Saal. --

»Heraus aus den Schluchten, aus Klüften und Thälern, kommt hervor aus den Quellen, huscht flink aus den Bäumen, ihr Nymphen, Dryaden, ihr schelmischen Mädchen, ihr lustiges Volk! Tanzt, lacht und singt, und hüpfet und springt! Weckt den faulen Schläfer dort und bittet Bacchos, den süßen Wein Euch zu reichen!«

Eine klangvolle, frische Stimme schallt von der Thür her. Diana ist es, aber nicht die lange Versaillerin: eine liebliche, mädchenhafte Diana, mit kurzem Röckchen, noch nicht ganz fertig mit der Toilette -- und sie klatscht in die schlanken Hände, und unsere liebe Frau von Milo lächelt ihr holdselig zu.

Nun wird es lebendig um mich her; allüberall aus den Winkeln und Ecken, die Treppen hinauf, hinunter kommt's gehuscht, geflogen, gekichert. Nackte, liebliche Mädchengestalten, üppige Weiber, bockshörnige Faune, tapfere Krieger, die vor Troja gefochten, ernstblickende Römer -- alles wirbelt lustig durcheinander und sie umtanzen den schlafenden Faun, sie kitzeln ihm die Seiten und zausen ihm die Haare, sie halten ihm den würzigen Griechenwein unter die Nase und lachen ihm ein lustig Lachen in die Ohren, bis er die sehnigen Glieder reckt und streckt -- da steht er mitten unter ihnen und dreht sich im wilden Reigen. Wie der Jubel sie alle begeistert, wie die tolle Lust sie hinzieht in ihr Freudenreich! Sieh' den alten Sokrates -- mühsam kriecht er aus der Verzierung des römischen Sarkophags heraus, umgeben von den lieblichen Musen; Terpsichore tanzt Ballett, und da stehen Seneca und Demosthenes und Pindar und Cäsar und viele alte Kahlköpfe und sehen zu. Mit mächtigem Satz springt der borghesische Fechter in die Tanzenden hinein, eine weichhäutige Nymphe hoch in die Lüfte schwingend, die Ringkämpfer lassen ihren Zorn und stimmen in das fröhliche Gelächter ein; die beiden schlanken Discus-Werfer schleudern ihre Metallscheibe geschickt über die Köpfe der neun Musen hinweg, daß die alten Herren entsetzt von ihnen zurückweichen, und mein schwermütiger, holder Antinous küßt die schwellenden Lippen der liebetrunkenen, kleinen Bacchantin.

Majestätisch ernst sehen die drei Parzen vom Parthenon in das Getümmel und Helios lächelt siegreich von seinem Sonnenwagen hernieder. Frau Venus steht als Sonnenkönigin mitten unter den Jubelnden in aller Pracht und lächelt ihrem Volke voll Huld.

Und die Dichterin Sappho öffnet ihren liederreichen, holdseligen Mund und flüstert schmachtend:

»Die Du thronst auf Blumen, o Schaumgeborene, Tochter Zeus, listsinnende, höre mich rufen!«

Und da, ach, siehe da -- die kokett verhüllte Göttin der Schamhaftigkeit sinkt sehnsuchtsvoll in die geöffneten Arme eines kräftigen, schöngestalteten Fauns. -- Dacht' ich's doch! --

Ja, sogar die Tiere stimmen ein in die allgemeine Fröhlichkeit: die Schlangen des Laokoon lassen ab von ihren Opfern -- des Vaters Stirn blickt heiter nun, und die sanften Knaben fürchten sich nicht mehr -- und unterhalten sich mit der Eidechse des schönen Appollo, des Eidechsentöters, dessen Körper etwas von der Geschmeidigkeit der Lacerte an sich hat -- und der Panter des Bacchos (der Riesenkater) lauscht grimmig-herablassend dem Gespräch.

Doch, was ist das? Fürwahr, eine seltsame Prozession: langsam ziehen sie einher, im ehrbaren Reigen sich schwingend, gravitätisch-lüstern die Blicke um sich werfend, und jeder am Arme ein sittsam Dämchen mit unendlich vielen Kleidern -- zimperlich geschürzt mit geübter Rechten.

Wahrhaftig, die zwölf Apostel sind's an der St. Sebalds-Kirche und irgend welche heilige Damen, die hoch oben im Christenhimmel thronen, haben sie sich zum Heidentanz engagiert.

So ist's recht! Hebt die Füße, streckt die Arme, hierhin, dorthin, auf und ab!

Tanzt lustig den Reigen und dreht Euch im Kreise. --

Mitten im zierlichen Tanz stehen die heiligen Weiblein bewundernd vor dem schönen, nackten Leib des Antinous, dem offenbarenden Mund des heiligen Johannes entströmen Worte der Begeisterung über die Wunder der Weibesschönheit, der heilige Paulus seufzt: »Hieße ich doch noch Saulus!«, und der heilige Petrus rasselt mit den Himmelsschlüssel-Castagnetten dazu. Und sie schwingen sich im Kreise, daß die heiligen Gewänder fliegen, die heiligen Bärte wehen und der heilige Schweiß von den heiligen Stirnen rieselt. --

Bim, bim -- bim, bim! Horch! Ein Glöcklein! Das Vesperglöcklein der St. Sebalds-Kirche.