Venus im Pelz

Part 6

Chapter 63,630 wordsPublic domain

Was hat sie vor? Was wird sie mit mir anfangen?

* * *

Sie scheint den Vertrag, scheint meine Sklaverei vollkommen vergessen zu haben, oder war es wirklich nur Eigensinn, und sie hat den ganzen Plan in demselben Augenblicke aufgegeben, wo ich ihr keinen Widerstand mehr entgegensetzte, wo ich mich ihrer souveränen Laune beugte?

Wie gut sie jetzt gegen mich ist, wie zärtlich, wie liebevoll. Wir verleben selige Tage.

* * *

Heute ließ sie mich die Szene zwischen Faust und Mephistopheles lesen, in welcher letzterer als fahrender Skolast erscheint; ihr Blick hing mit seltsamer Befriedigung an mir.

„Ich verstehe nicht,“ sprach sie, als ich geendet hatte, „wie ein Mann große und schöne Gedanken im Vortrage so wunderbar klar, so scharf, so vernünftig auseinandersetzen und dabei ein solcher Phantast, ein übersinnlicher Schlemihl sein kann.“

„Warst du zufrieden,“ sagte ich und küßte ihre Hand.

Sie strich mir freundlich über die Stirne. „Ich liebe dich, Severin,“ flüsterte sie, „ich glaube, ich könnte keinen anderen Mann mehr lieben. Wir wollen vernünftig sein, willst du?“

Statt zu antworten, schloß ich sie in meine Arme; ein tief inniges, wehmütiges Glück erfüllte meine Brust, meine Augen wurden naß, eine Träne fiel auf ihre Hand herab.

„Wie kannst du weinen!“ rief sie, „du bist ein Kind.“

* * *

Wir begegneten bei einer Spazierfahrt dem russischen Fürsten im Wagen. Er war offenbar unangenehm überrascht, mich an Wandas Seite zu sehen und schien sie mit seinen elektrischen, grauen Augen durchbohren zu wollen, sie aber -- ich hätte in diesem Augenblicke vor ihr niederknien und ihre Füße küssen mögen -- sie schien ihn nicht zu bemerken, sie ließ ihren Blick gleichgültig über ihn gleiten, wie über einen leblosen Gegenstand, einen Baum etwa, und wendete sich dann mit ihrem liebreizenden Lächeln zu mir.

* * *

Als ich ihr heute gute Nacht sagte, schien sie mir plötzlich ohne jeden Anlaß zerstreut und verstimmt. Was sie wohl beschäftigen mochte?

„Mir ist leid, daß du gehst,“ sagte sie, als ich schon auf der Schwelle stand.

„Es liegt ja nur bei dir, die schwere Zeit meiner Prüfung abzukürzen, gib es auf, mich zu quälen --“ flehte ich.

„Du nimmst also nicht an, daß dieser Zwang auch für mich eine Qual ist,“ warf Wanda ein.

„So ende sie,“ rief ich, sie umschlingend, „werde mein Weib.“

„+Nie, Severin+,“ sprach sie sanft, aber mit großer Festigkeit.

„Was ist das?“

Ich war bis an das Innerste meiner Seele erschrocken.

„+Du bist kein Mann für mich.+“

Ich sah sie an, zog meinen Arm, welcher noch immer um ihre Taille lag, langsam zurück und verließ das Gemach, und sie -- sie rief mich nicht zurück.

* * *

Eine schlaflose Nacht, ich habe so und so viel Entschlüsse gefaßt und wieder verworfen. Am Morgen schrieb ich einen Brief, worin ich unser Verhältnis für gelöst erklärte. Mir zitterte die Hand dabei, und wie ich ihn siegelte, verbrannte ich mir die Finger.

Als ich die Treppe emporstieg, um ihn dem Stubenmädchen zu übergeben, drohten mir die Knie zu brechen.

Da öffnete sich die Türe und Wanda steckte den Kopf voll Papilloten heraus.

„Ich bin noch nicht frisiert,“ sprach sie lächelnd. „Was haben Sie da?“

„Einen Brief --“

„An mich?“

Ich nickte.

„Ah! Sie wollen mit mir brechen,“ rief sie spöttisch.

„Haben Sie nicht gestern erklärt, daß ich kein Mann für Sie bin?“

„+Ich wiederhole es Ihnen+,“ sprach sie.

„Also,“ ich zitterte am ganzen Leibe, die Stimme versagte mir, ich reichte ihr den Brief.

„Behalten Sie ihn,“ sagte sie, mich kalt betrachtend, „Sie vergessen, daß ja gar nicht mehr davon die Rede ist, ob sie mir als +Mann+ genügen oder nicht, und zum +Sklaven+ sind Sie jedenfalls gut genug.“

„Gnädige Frau!“ rief ich empört.

„Ja, so haben Sie mich in Zukunft zu nennen,“ erwiderte Wanda, den Kopf mit unsäglicher Geringschätzung emporwerfend, „ordnen Sie Ihre Angelegenheiten binnen vierundzwanzig Stunden, ich reise übermorgen nach Italien, und Sie begleiten mich als mein Diener.“

„Wanda --“

„Ich verbitte mir jede Vertraulichkeit,“ sagte sie, mir scharf das Wort abschneidend, „ebenso, daß Sie, ohne daß ich rufe oder klingle, bei mir eintreten und zu mir sprechen, ohne von mir angeredet zu sein. Sie heißen von nun an nicht mehr Severin, sondern +Gregor+.“

Ich bebte vor Wut und doch -- ich kann es leider nicht leugnen -- auch vor Genuß und prickelnder Aufregung.

„Aber, Sie kennen doch meine Verhältnisse, gnädige Frau,“ begann ich verwirrt, „ich bin noch von meinem Vater abhängig und zweifle, daß er mir eine so große Summe als ich zu dieser Reise brauche --“

„Das heißt, du hast kein Geld, Gregor,“ bemerkte Wanda vergnügt, „um so besser, dann bist du vollkommen von mir abhängig und in der Tat mein Sklave.“

„Sie bedenken nicht,“ versuchte ich einzuwenden, „daß ich als Mann von Ehre unmöglich --“

„Ich habe wohl bedacht,“ erwiderte sie fast im Tone des Befehls, „daß Sie als Mann von Ehre vor allem Ihren Schwur, Ihr Wort einzulösen haben, mir als Sklave zu folgen, wohin ich es gebiete, und mir in allem zu gehorchen, was ich auch befehlen mag. Nun geh, Gregor!“

Ich wendete mich zur Türe.

„Noch nicht -- du darfst mir vorher die Hand küssen,“ damit reichte sie mir dieselbe mit einer gewissen stolzen Nachlässigkeit zum Kusse, und ich -- ich Dilettant -- ich Esel -- ich elender Sklave -- preßte sie mit heftiger Zärtlichkeit an meine von Hitze und Erregung trockenen Lippen.

Noch ein gnädiges Kopfnicken.

Dann war ich entlassen.

* * *

Ich brannte noch spät am Abend Licht und Feuer im großen, grünen Ofen, denn ich hatte noch manches an Briefen und Schriften zu ordnen, und der Herbst war, wie es gewöhnlich bei uns der Fall ist, auf einmal mit voller Gewalt hereingebrochen.

Plötzlich klopfte sie mit dem Stiel der Peitsche an mein Fenster.

Ich öffnete und sah sie draußen stehen in ihrer mit Hermelin besetzten Jacke und einer hohen, runden Kosakenmütze von Hermelin, in der Art, wie sie die große Katharina zu tragen liebte.

„Bist du bereit, Gregor?“ fragte sie finster.

„Noch nicht, Herrin,“ entgegnete ich.

„Das Wort gefällt mir,“ sagte sie hierauf, „du darfst mich immer Herrin nennen, verstehst du? Morgen früh um 9 Uhr fahren wir hier fort. Bis zur Kreisstadt bist du mein Begleiter, mein Freund, von dem Augenblicke, wo wir in den Waggon steigen, -- mein Sklave, mein Diener. Nun schließe das Fenster und öffne die Türe.“

Nachdem ich getan, wie sie geheißen, und sie hereingetreten war, fragte sie, die Brauen spöttisch zusammenziehend, „nun, wie gefall’ ich dir?“

„Du --“

„Wer hat dir das erlaubt,“ sie gab mir einen Hieb mit der Peitsche.

„Sie sind wunderbar schön, Herrin.“

Wanda lächelte und setzte sich in meinen Lehnstuhl. „Knie hier nieder -- hier neben meinem Sessel.“

Ich gehorchte.

„Küss’ mir die Hand.“

Ich faßte ihre kleine kalte Hand und küßte sie.

„Und den Mund --“

Ich schlang meine Arme in leidenschaftlicher Aufwallung um die schöne, grausame Frau und bedeckte ihr Antlitz, Mund und Büste mit glühenden Küssen, und sie gab sie mir mit gleichem Feuer zurück -- die Lider wie im Traum geschlossen -- bis nach Mitternacht.

* * *

Pünktlich um 9 Uhr morgens, wie sie es befohlen hatte, war alles zur Abreise bereit, und wir verließen in einer bequemen Kalesche das kleine Karpathenbad, in dem sich das interessanteste Drama meines Lebens zu einem Knoten geschürzt hatte, dessen Auflösung damals kaum von jemandem geahnt werden konnte.

Noch ging alles gut. Ich saß an Wandas Seite, und sie plauderte auf das Liebenswürdigste und Geistreichste mit mir, wie mit einem guten Freunde, über Italien, über Pisemskis neuen Roman und Wagnerische Musik. Sie trug auf der Reise eine Art Amazone, ein Kleid von schwarzem Tuche und eine kurze Jacke von gleichem Stoffe mit dunklem Pelzbesatz, welche sich knapp an ihre schlanken Formen schlossen und dieselben prächtig hoben, darüber einen dunklen Reisepelz. Das Haar, in einen antiken Knoten geschlungen, ruhte unter einer kleinen dunklen Pelzmütze, von welcher ein schwarzer Schleier ringsum herabfiel. Wanda war sehr gut aufgelegt, steckte mir Bonbons in den Mund, frisierte mich, löste mein Halstuch und schlang es in eine reizende, kleine Masche, deckte ihren Pelz über meine Knie, um dann verstohlen die Finger meiner Hand zusammenzupressen, und wenn unser jüdischer Kutscher einige Zeit konsequent vor sich hinnickte, gab sie mir sogar einen Kuß und ihre kalten Lippen hatten dabei jenen frischen, frostigen Duft einer jungen Rose, welche im Herbste einsam zwischen kahlen Stauden und gelben Blättern blüht, und deren Kelch der erste Reif mit kleinen, eisigen Diamanten behangen hat.

* * *

Das ist die Kreisstadt. Wir steigen vor dem Bahnhofe aus. Wanda wirft ihren Pelz ab und mir mit einem reizenden Lächeln über den Arm, dann geht sie die Karten lösen.

Wie sie zurückkehrt, ist sie vollkommen verändert.

„Hier ist dein Billett, Gregor,“ spricht sie in dem Tone, in welchem hochmütige Damen zu ihren Lakaien sprechen.

„Ein Billett dritter Klasse,“ erwidere ich mit komischem Entsetzen.

„Natürlich,“ fährt sie fort, „nun gib aber acht, du steigst erst dann ein, wenn ich im Coupé bin und deiner nicht mehr bedarf. Auf jeder Station hast du zu meinem Waggon zu eilen und nach meinen Befehlen zu fragen. Versäume dies ja nicht. Und nun gib mir meinen Pelz.“

Nachdem ich ihr demütig wie ein Sklave hineingeholfen, suchte sie, von mir gefolgt, ein leeres Coupé erster Klasse auf, sprang auf meine Schulter gestützt hinein und ließ sich von mir die Füße in Bärenfelle einhüllen und auf die Wärmflasche setzen.

Dann nickte sie mir zu und entließ mich. Ich stieg langsam in einen Waggon dritter Klasse, der mit dem niederträchtigsten Tabaksqualm, wie die Vorhölle mit dem Nebel des Acheron gefüllt war, und hatte nun Muße, über die Rätsel des menschlichen Daseins nachzudenken, und über das größte dieser Rätsel -- +das Weib+.

* * *

So oft der Zug hält, springe ich heraus, laufe zu ihrem Waggon und erwarte mit abgezogener Mütze ihre Befehle. Sie wünscht bald einen Kaffee, bald ein Glas Wasser, einmal ein kleines Souper, ein anderesmal ein Becken mit warmem Wasser, um sich die Hände zu waschen, so geht es fort, sie läßt sich von ein paar Kavalieren, die in ihr Coupé gestiegen sind, den Hof machen; ich sterbe vor Eifersucht und muß Sätze machen wie ein Springbock, um jedesmal das Verlangte rasch zur Stelle zu schaffen und den Zug nicht zu versäumen. So bricht die Nacht herein. Ich kann weder einen Bissen essen noch schlafen, atme dieselbe verzwiebelte Luft mit polnischen Bauern, Handelsjuden und gemeinen Soldaten, und sie liegt, wenn ich die Stufen ihres Coupé ersteige, in ihrem behaglichen Pelz auf den Polstern ausgestreckt, mit den Tierfellen bedeckt, eine orientalische Despotin, und die Herren sitzen gleich indischen Göttern aufrecht an der Wand und wagen kaum zu atmen.

* * *

In Wien, wo sie einen Tag bleibt, um Einkäufe zu machen, und vor allem eine Reihe luxuriöser Toiletten anzuschaffen, fährt sie fort, mich als ihren Bedienten zu behandeln. Ich gehe hinter ihr, respektvoll zehn Schritte entfernt, sie reicht mir, ohne mich nur eines freundlichen Blickes zu würdigen, die Pakete und läßt mich zuletzt wie einen Esel beladen nachkeuchen.

Vor der Abfahrt nimmt sie alle meine Kleider, um sie an die Kellner des Hotels zu verschenken, und befiehlt mir, ihre Livree anzuziehen, ein Krakusenkostüm in ihren Farben, hellblau mit rotem Aufschlag und viereckiger, roter Mütze, mit Pfauenfedern verziert, das mir gar nicht übel steht.

Die silbernen Knöpfe tragen ihr Wappen. Ich habe das Gefühl, als wäre ich verkauft oder hätte meine Seele dem Teufel verschrieben.

* * *

Mein schöner Teufel führte mich in einer Tour von Wien bis Florenz, statt der leinenen Masuren und fettlockigen Juden leisten mir jetzt krausköpfige Contadini, ein prächtiger Sergeant des ersten italienischen Grenadierregiments und ein armer deutscher Maler, Gesellschaft. Der Tabakdampf riecht jetzt nicht mehr nach Zwiebel, sondern nach Salami und Käse.

Es ist wieder Nacht geworden. Ich liege auf meinem hölzernen Ruhebette auf der Folter, Arme und Beine sind mir wie zerbrochen. Aber poetisch ist die Geschichte doch, die Sterne funkeln ringsum, der Sergeant hat ein Gesicht wie Apollo von Belvedere, und der deutsche Maler singt ein wunderbares deutsches Lied:

„Nun alle Schatten dunkeln Und Stern auf Stern erwacht, Welch Hauch der heißen Sehnsucht Flutet durch die Nacht!“

„Durch das Meer der Träume Steuert ohne Ruh’, Steuert meine Seele Deiner Seele zu.“

Und ich denke an die schöne Frau, die königlich ruhig in ihren weichen Pelzen schläft.

* * *

Florenz! Getümmel, Geschrei, zudringliche Fachini und Fiaker. Wanda wählt einen Wagen und weist die Träger ab.

„Wozu hätte ich denn einen Diener,“ spricht sie, „Gregor -- hier ist der Schein -- hole das Gepäck.“

Sie wickelt sich in ihren Pelz und sitzt ruhig im Wagen, während ich die schweren Koffer, einen nach dem anderen herbeitrage. Unter dem letzten breche ich einen Augenblick zusammen, ein freundlicher Carabiniere mit intelligentem Gesicht steht mir bei. Sie lacht.

„Der muß schwer sein,“ sagte sie, „denn in dem sind alle meine Pelze.“

Ich steige auf den Bock und wische mir die hellen Tropfen von der Stirne. Sie nennt das Hotel, der Fiaker treibt sein Pferd an. In wenigen Minuten halten wir vor der glänzend erleuchteten Einfahrt.

„Sind Zimmer da?“ fragt sie den Portier.

„Ja, Madame.“

„Zwei für mich, eines für meinen Diener, alle mit Öfen.“

„Zwei elegante, Madame, beide mit Kaminen für Sie,“ entgegnete der Garçon, der herbeigeeilt ist, „und eines ohne Heizung für den Bedienten.“

„Zeigen Sie mir die Zimmer.“

Sie besichtigt sie, dann sagt sie kurzweg: „Gut. Ich bin zufrieden, machen Sie nur rasch Feuer, der Diener kann im ungeheizten Zimmer schlafen.“

Ich sehe sie nur an.

„Bringe die Koffer herauf, Gregor,“ befiehlt sie, ohne meine Blicke zu beachten, „ich mache indes Toilette und gehe in den Speisesaal hinab. Du kannst dann auch etwas zu Nacht essen.“

Während sie in das Nebenzimmer geht, schleppe ich die Koffer herauf, helfe dem Garçon, der mich über meine „Herrschaft“ in schlechtem Französisch auszufragen versucht, in ihrem Schlafzimmer Feuer machen und sehe einen Augenblick mit stillem Neide den flackernden Kamin, das duftige, weiße Himmelbett, die Teppiche, mit denen der Boden belegt ist. Dann steige ich müde und hungrig eine Treppe hinab und verlange etwas zu essen. Ein gutmütiger Kellner, der österreichischer Soldat war und sich alle Mühe gibt, mich deutsch zu unterhalten, führt mich in den Speisesaal und bedient mich. Eben habe ich nach sechsunddreißig Stunden den ersten frischen Trunk getan, den ersten warmen Bissen auf der Gabel, als sie hereintritt.

Ich erhebe mich.

„Wie können Sie mich in ein Speisezimmer führen, in dem mein Bedienter ißt,“ fährt sie den Garçon an, vor Zorn flammend, dreht sich um und geht hinaus.

Ich danke indes dem Himmel, daß ich wenigstens ruhig weiteressen kann. Hierauf steige ich vier Treppen zu meinem Zimmer empor, in dem bereits mein kleiner Koffer steht und ein schmutziges Öllämpchen brennt, es ist ein schmales Zimmer ohne Kamin, ohne Fenster, mit einem kleinen Luftloch. Es würde mich -- wenn es nicht so hundekalt wäre -- an die venetianischen Bleikammern erinnern. Ich muß unwillkürlich laut lachen, so daß es widerhallt und ich über mein eigenes Gelächter erschrecke.

Plötzlich wird die Türe aufgerissen und der Garçon mit einer theatralischen Geste, echt italienisch, ruft: „Sie sollen zu Madame hinabkommen, augenblicklich!“ Ich nehme meine Mütze, stolpere einige Stufen hinab, komme endlich glücklich im ersten Stockwerke vor ihrer Türe an und klopfe.

„Herein!“

* * *

Ich trete ein, schließe und bleibe an der Türe stehen.

Wanda hat es sich bequem gemacht, sie sitzt im Negligé von weißer Mousseline und Spitzen auf einem kleinen, roten Samtdiwan, die Füße auf einem Polster von gleichem Stoffe und hat ihren Pelzmantel umgeworfen, denselben, in dem sie mir zuerst als Göttin der Liebe erschien.

Die gelben Lichter der Armleuchter, die auf dem Trumeau stehen, ihre Reflexe in dem großen Spiegel und die roten Flammen des Kaminfeuers spielen herrlich auf dem grünen Samt, dem dunkelbraunen Zobel des Mantels, auf der weißen, glatt gespannten Haut und in dem roten, flammenden Haare der schönen Frau, welche mir ihr helles, aber kaltes Antlitz zukehrt und ihre kalten, grünen Augen auf mir ruhen läßt.

„Ich bin mit dir zufrieden, Gregor,“ begann sie.

Ich verneigte mich.

„Komm näher.“

Ich gehorchte.

„Noch näher,“ sie blickte hinab und strich mit der Hand über den Zobel. „Venus im Pelz empfängt ihren Sklaven. Ich sehe, daß Sie doch mehr sind als ein gewöhnlicher Phantast, Sie bleiben mindestens hinter Ihren Träumen nicht zurück, Sie sind der Mann, was Sie sich auch einbilden mögen, und wäre es das Tollste, auszuführen; ich gestehe, das gefällt mir, das imponiert mir. Es liegt Stärke darin, und nur die Stärke achtet man. Ich glaube sogar, Sie würden in ungewöhnlichen Verhältnissen, in einer großen Zeit, das was Ihre Schwäche scheint, als eine wunderbare Kraft offenbaren. Unter den ersten Kaisern wären Sie ein Märtyrer, zur Zeit der Reformation ein Anabaptist, in der französischen Revolution einer jener begeisterten Girondisten geworden, die mit der Marseillaise auf den Lippen die Guillotine bestiegen. So aber sind Sie mein Sklave, mein --“

Sie sprang plötzlich auf, so daß der Pelz herabsank, und schlang die Arme mit sanfter Gewalt um meinen Hals.

„Mein geliebter Sklave, Severin, o! wie ich dich liebe, wie ich dich anbete, wie schmuck du in dem Krakauerkostüme aussiehst, aber du wirst heute Nacht frieren in dem elenden Zimmer da oben ohne Kamin, soll ich dir meinen Pelz geben, mein Herzchen, den großen da --“

Sie hob ihn rasch auf, warf ihn mir auf die Schultern und hatte mich, ehe ich mich versah, vollkommen darin eingewickelt.

„Ah! wie gut das Pelzwerk dir zu Gesichte steht, deine noblen Züge treten erst recht hervor. Sobald du nicht mehr mein Sklave bist, wirst du einen Samtrock tragen mit Zobel, verstehst du, sonst ziehe ich nie mehr eine Pelzjacke an --“

Und wieder begann sie mich zu streicheln, zu küssen und zog mich endlich auf den kleinen Samtdiwan nieder.

„Du gefällst dir, glaube ich, in dem Pelze,“ sagte sie, „gib ihn mir, rasch, rasch, sonst verliere ich ganz das Gefühl meiner Würde.“

Ich legte den Pelz um sie, und Wanda schlüpfte mit dem rechten Arme in den Ärmel.

„So ist es auf dem Bilde von Titian. Nun aber genug des Scherzes. Sieh doch nicht immer so unglücklich drein, das macht mich traurig, du bist ja vorläufig nur für die Welt mein Diener, mein Sklave bist du noch nicht, du hast den Vertrag noch nicht unterzeichnet, du bist noch frei, kannst mich jeden Augenblick verlassen; du hast deine Rolle herrlich gespielt. Ich war entzückt, aber hast du es nicht schon satt, findest du mich nicht abscheulich? Nun, so sprich doch -- ich befehle es dir.“

„Muß ich es dir gestehen, Wanda?“ begann ich.

„Ja, du mußt.“

„Und wenn du es dann auch mißbrauchst,“ fuhr ich fort, „ich bin verliebter als je in dich, und ich werde dich immer mehr, immer fanatischer verehren, anbeten, je mehr du mich mißhandelst, so wie du jetzt gegen mich warst, entzündest du mein Blut, berauschest du alle meine Sinne“ -- ich preßte sie an mich und hing einige Augenblicke an ihren feuchten Lippen -- „du schönes Weib,“ rief ich dann, sie betrachtend, und riß in meinem Enthusiasmus den Zobelpelz von ihren Schultern und preßte meinen Mund auf ihren Nacken.

„Du liebst mich also, wenn ich grausam bin,“ sprach Wanda, „geh jetzt! -- du langweilst mich -- hörst du nicht --“

Sie gab mir eine Ohrfeige, daß es mir in dem Auge blitzte und im Ohr läutete.

„Hilf mir in meinen Pelz, Sklave.“

Ich half, so gut ich konnte.

„Wie ungeschickt,“ rief sie, und kaum hatte sie ihn an, schlug sie mich wieder ins Gesicht. Ich fühlte es, wie ich mich entfärbte.

„Habe ich dir weh getan?“ fragte sie und legte die Hand sanft auf mich.

„Nein, nein,“ rief ich.

„Du darfst dich allerdings nicht beklagen, du willst es ja so; nun, gib mir noch einen Kuß.“

Ich schlang die Arme um sie, und ihre Lippen sogen sich an den meinen fest, und wie sie in dem großen, schweren Pelze an meiner Brust lag, hatte ich ein seltsames, beklemmendes Gefühl, wie wenn mich ein wildes Tier, eine Bärin umarmen würde, und mir war es, als müßte ich jetzt ihre Krallen in meinem Fleische fühlen. Aber für diesmal entließ mich die Bärin gnädig.

Die Brust von lachenden Hoffnungen erfüllt, stieg ich in mein elendes Bedientenzimmer und warf mich auf mein hartes Bett.

„Das Leben ist doch eigentlich urkomisch,“ dachte ich mir, „vor kurzem hat noch das schönste Weib, Venus selbst, an deiner Brust geruht, und jetzt hast du Gelegenheit, die Hölle der Chinesen zu studieren, welche die Verdammten nicht, gleich uns, in die Flammen werfen, sondern durch die Teufel auf Eisfelder treiben lassen.

Wahrscheinlich haben ihre Religionsstifter auch in ungeheizten Zimmern geschlafen.“

* * *

Ich bin heute Nacht mit einem Schrei aus dem Schlafe aufgeschreckt, ich habe von einem Eisfelde geträumt, auf dem ich mich verirrt hatte und vergebens den Ausweg suchte. Plötzlich kam ein Eskimo in einem mit Renntier bespannten Schlitten und hatte das Gesicht des Garçons, der mir das ungeheizte Zimmer angewiesen.

„Was suchen Sie hier, Monsieur?“ rief er, „hier ist der Nordpol.“

Im nächsten Augenblicke war er verschwunden, und Wanda flog auf kleinen Schlittschuhen über die Eisfläche heran, ihr weißer Atlasrock flatterte und knisterte, der Hermelin ihrer Jacke und Mütze, vor allem aber ihr Antlitz schimmerte weißer als der weiße Schnee, sie schoß auf mich zu, schloß mich in ihre Arme und begann mich zu küssen, plötzlich fühlte ich mein Blut warm an mir herabrieseln.

„Was tust du?“ fragte ich entsetzt.

Sie lachte, und wie ich sie jetzt ansah, war es nicht mehr Wanda, sondern eine große, weiße Bärin, welche ihre Tatzen in meinen Leib bohrte.

Ich schrie verzweifelt auf und hörte ihr teuflisches Gelächter noch, als ich erwacht war und erstaunt im Zimmer herumsah.

* * *

Früh am Morgen stand ich bereits an Wandas Türe, und als der Garçon den Kaffee brachte, nahm ich ihm denselben und servierte ihn meiner schönen Herrin. Sie hatte bereits Toilette gemacht und sah prächtig aus, frisch und rosig, lächelte mir freundlich zu und rief mich zurück, als ich mich respektvoll entfernen wollte.

„Nimm auch rasch dein Frühstück, Gregor,“ sprach sie, „wir gehen dann sofort Wohnungen suchen, ich will so kurz als möglich im Hotel bleiben, hier sind wir furchtbar geniert, und wenn ich etwas länger mit dir plaudre, heißt es gleich: die Russin hat mit ihrem Bedienten ein Liebesverhältnis, man sieht, die Rasse der Katharina stirbt nicht aus.“