Part 11
„Also peitschen Sie ihn!“ rief sie laut.
In demselben Augenblicke steckte der schöne Grieche seinen schwarzen Lockenkopf durch die Gardinen ihres Himmelbettes. Ich war anfangs sprachlos, starr. Die Situation war entsetzlich komisch, ich hätte selbst laut aufgelacht, wenn sie nicht zugleich so verzweifelt traurig, so schmachvoll für mich gewesen wäre.
Das übertraf meine Phantasie. Es lief mir kalt über den Rücken, als mein Nebenbuhler heraustrat in seinen Reitstiefeln, seinem engen, weißen Beinkleid, seinem knappen Samtrock, und mein Blick auf seine athletischen Glieder fiel.
„Sie sind in der Tat grausam,“ sprach er, zu Wanda gekehrt.
„Nur genußsüchtig,“ entgegnete sie mit wildem Humor, „der Genuß macht allein das Dasein wertvoll, wer genießt, der scheidet schwer vom Leben, wer leidet oder darbt, grüßt den Tod wie einen Freund; wer aber genießen will, muß das Leben heiter nehmen, im Sinne der Antike, er muß sich nicht scheuen, auf Kosten anderer zu schwelgen, er darf nie Erbarmen haben, er muß andere vor seinen Wagen, vor seinen Pflug spannen, wie Tiere; Menschen, die fühlen, die genießen möchten, wie er, zu seinen Sklaven machen, sie ausnützen in seinem Dienste, zu seinen Freuden, ohne Reue; nicht fragen, ob ihnen auch wohl dabei geschieht, ob sie zugrunde gehen. Er muß immer vor Augen haben: wenn sie mich so in der Hand hätten, wie ich sie, täten sie mir dasselbe, und ich müßte mit meinem Schweiße, meinem Blute, meiner Seele ihre Genüsse bezahlen. So war die Welt der Alten, Genuß und Grausamkeit, Freiheit und Sklaverei gingen von jeher Hand in Hand; Menschen, welche gleich olympischen Göttern leben wollen, müssen Sklaven haben, welche sie in ihre Fischteiche werfen, und Gladiatoren, die sie während ihres üppigen Gastmahls kämpfen lassen und sich nichts daraus machen, wenn dabei etwas Blut auf sie spritzt.“
Ihre Worte brachten mich vollends zu mir.
„Binde mich los!“ rief ich zornig.
„Sind Sie nicht mein Sklave, mein Eigentum?“ erwiderte Wanda, „soll ich Ihnen den Vertrag zeigen?“
„Binde mich los!“ drohte ich laut, „sonst --“ ich riß an den Stricken.
„Kann er sich losreißen?“ fragte sie, „denn er hat gedroht, mich zu töten.“
„Seien Sie ruhig,“ sprach der Grieche, meine Fesseln prüfend.
„Ich rufe um Hilfe,“ begann ich wieder.
„Es hört Sie niemand,“ entgegnete Wanda, „und niemand wird mich hindern, Ihre heiligsten Gefühle wieder zu mißbrauchen und mit Ihnen ein frivoles Spiel zu treiben,“ fuhr sie fort, mit satanischem Hohne die Phrasen meines Briefes an sie wiederholend.
„Finden Sie mich in diesem Augenblicke bloß grausam und unbarmherzig, oder bin ich im Begriffe, +gemein+ zu werden? Was? Lieben Sie mich noch oder hassen und verachten Sie mich bereits? Hier ist die Peitsche“ -- sie reichte sie dem Griechen, der sich mir rasch näherte.
„Wagen Sie es nicht!“ rief ich, vor Entrüstung bebend, „von Ihnen dulde ich nichts --“
„Das glauben Sie nur, weil ich keinen Pelz habe,“ erwiderte der Grieche mit einem frivolen Lächeln, und nahm seinen kurzen Zobelpelz vom Bette.
„Sie sind köstlich!“ rief Wanda, gab ihm einen Kuß und half ihm in den Pelz hinein.
„Darf ich ihn wirklich peitschen?“ fragte er.
„Machen Sie mit ihm, was Sie wollen,“ entgegnete Wanda.
„Bestie!“ stieß ich empört hervor.
Der Grieche heftete seinen kalten Tigerblick auf mich und versuchte die Peitsche, seine Muskeln schwollen, während er ausholte und sie durch die Luft pfeifen ließ, und ich war gebunden wie Marsyas und mußte sehen, wie sich Apollo anschickte, mich zu schinden.
Mein Blick irrte im Zimmer umher und blieb auf der Decke haften, wo Simson zu Delilas Füßen von den Philistern geblendet wird. Das Bild erschien mir in diesem Augenblicke wie ein Symbol, ein ewiges Gleichnis der Leidenschaft, der Wollust, der Liebe des Mannes zum Weibe. „Ein jeder von uns ist am Ende ein Simson,“ dachte ich, „und wird zuletzt wohl oder übel von dem Weibe, das er liebt, verraten, sie mag ein Tuchmieder tragen oder einen Zobelpelz.“
„Nun sehen Sie zu,“ rief der Grieche, „wie ich ihn dressieren werde.“ Er zeigte die Zähne und sein Gesicht bekam jenen blutgierigen Ausdruck, der mich gleich das erste Mal an ihm erschreckt hatte.
Und er begann mich zu peitschen -- so unbarmherzig, so furchtbar, daß ich unter jedem Hiebe zusammenzuckte und vor Schmerz am ganzen Leibe zu zittern begann, ja die Tränen liefen mir über die Wangen, während Wanda in ihrer Pelzjacke auf der Ottomane lag, auf den Arm gestützt, mit grausamer Neugier zusah und sich vor Lachen wälzte.
Das Gefühl, vor einem angebeteten Weibe von dem glücklichen Nebenbuhler mißhandelt zu werden, ist nicht zu beschreiben, ich verging vor Scham und Verzweiflung.
Und das Schmachvollste war, daß ich in meiner jämmerlichen Lage, unter Apollos Peitsche und bei meiner Venus grausamem Lachen anfangs eine Art phantastischen, übersinnlichen Reiz empfand, aber Apollo peitschte mir die Poesie heraus, Hieb für Hieb, bis ich endlich in ohnmächtiger Wut die Zähne zusammenbiß und mich, meine wollüstige Phantasie, Weib und Liebe verfluchte.
Ich sah jetzt auf einmal mit entsetzlicher Klarheit, wohin die blinde Leidenschaft, die Wollust, seit Holofernes und Agamemnon den Mann geführt hat, in den Sack, in das Netz des verräterischen Weibes, in Elend, Sklaverei und Tod.
Mir war es, wie das Erwachen aus einem Traum.
Schon floß mein Blut unter seiner Peitsche, ich krümmte mich wie ein Wurm, den man zertritt, aber er peitschte fort ohne Erbarmen und sie lachte fort ohne Erbarmen, während sie die gepackten Koffer schloß, in ihren Reisepelz schlüpfte, und lachte noch, als sie an seinem Arme die Treppe hinab, in den Wagen stieg.
Dann war es einen Augenblick stille.
Ich lauschte atemlos.
Jetzt fiel der Schlag zu, die Pferde zogen an -- noch einige Zeit das Rollen des Wagens -- dann war alles vorbei.
* * *
Einen Augenblick dachte ich daran, Rache zu nehmen, ihn zu töten, aber ich war ja durch den elenden Vertrag gebunden, mir blieb also nichts übrig, als mein Wort zu halten und meine Zähne zusammenzubeißen.
* * *
Die erste Empfindung nach der grausamen Katastrophe meines Lebens war die Sehnsucht nach Mühen, Gefahren und Entbehrungen. Ich wollte Soldat werden und nach Asien gehen oder Algier, aber mein Vater, der alt und krank war, verlangte nach mir.
So kehrte ich still in die Heimat zurück und half ihm zwei Jahre seine Sorgen tragen und die Wirtschaft führen und lernte, was ich bisher nicht gekannt, und mich jetzt gleich einem Trunk frischen Wassers labte, +arbeiten+ und +Pflichten erfüllen+. Dann starb mein Vater, und ich wurde Gutsherr, ohne daß sich dadurch etwas geändert hätte. Ich habe mir selbst die spanischen Stiefel angelegt und lebe hübsch vernünftig weiter, wie wenn der Alte hinter mir stünde und mit seinen großen, klugen Augen über meine Schulter blicken würde.
Eines Tages kam eine Kiste an, von einem Briefe begleitet. Ich erkannte Wandas Schrift.
Seltsam bewegt öffnete ich ihn und las.
„+Mein Herr!+
Jetzt, wo mehr als drei Jahre seit jener Nacht in Florenz verflossen sind, darf ich Ihnen noch einmal gestehen, daß ich Sie sehr geliebt habe, Sie selbst aber haben mein Gefühl erstickt durch Ihre phantastische Hingebung, durch Ihre wahnsinnige Leidenschaft. Von dem Augenblicke an, wo Sie mein Sklave waren, fühlte ich, daß Sie nicht mehr mein Mann werden konnten, aber ich fand es pikant, Ihnen Ihr Ideal zu verwirklichen und Sie vielleicht -- während ich mich köstlich amüsierte -- zu heilen.
Ich habe den starken Mann gefunden, dessen ich bedurfte und mit dem ich so glücklich war, wie man es nur auf dieser komischen Lehmkugel sein kann.
Aber mein Glück war, wie jedes menschliche, nur von kurzer Dauer. Er ist, vor einem Jahre etwa, im Duell gefallen und ich lebe seitdem in Paris, wie eine Aspasia.
Und Sie? -- Ihrem Leben wird es gewiß nicht an Sonnenschein fehlen, wenn Ihre Phantasie die Herrschaft über Sie verloren hat und jene Eigenschaften bei Ihnen hervorgetreten sind, welche mich anfangs so sehr anzogen, die Klarheit des Gedankens, die Güte des Herzens und vor allem -- +der sittliche Ernst+.
Ich hoffe, Sie sind unter meiner Peitsche gesund geworden, die Kur war grausam aber radikal. Zur Erinnerung an jene Zeit und eine Frau, welche Sie leidenschaftlich geliebt hat, sende ich Ihnen das Bild des armen Deutschen.
+Venus im Pelz.+“
Ich mußte lächeln, und wie ich in Gedanken versank, stand plötzlich das schöne Weib in der hermelinbesetzten Samtjacke, die Peitsche in der Hand, vor mir und ich lächelte weiter über das Weib, das ich so wahnsinnig geliebt, die Pelzjacke, die mich einst so sehr entzückt, über die Peitsche, und lächelte endlich über meine Schmerzen und sagte mir: die Kur war grausam, aber radikal, und die Hauptsache ist: ich bin gesund geworden.
* * *
„Nun, und die Moral von der Geschichte?“ sagte ich zu Severin, indem ich das Manuskript auf den Tisch legte.
„Daß ich ein Esel war,“ rief er, ohne sich zu mir zu wenden, er schien sich zu genieren. „Hätte ich sie nur gepeitscht!“
„Ein kurioses Mittel,“ erwiderte ich, „das mag bei deinen Bäuerinnen --“
„O! die sind daran gewöhnt,“ antwortete er lebhaft, „aber denke dir die Wirkung bei unsern feinen, nervösen, hysterischen Damen --“
„Aber die Moral?“
„Daß das Weib, wie es die Natur geschaffen und wie es der Mann gegenwärtig heranzieht, sein Feind ist und nur seine Sklavin oder seine Despotin sein kann, +nie aber seine Gefährtin+. Dies wird sie erst dann sein können, wenn sie ihm gleich steht an Rechten, wenn sie ihm ebenbürtig ist durch Bildung und Arbeit.
Jetzt haben wir nur die Wahl, Hammer oder Ambos zu sein, und ich war der Esel, aus mir den Sklaven eines Weibes zu machen, verstehst du?
Daher die Moral der Geschichte: Wer sich peitschen läßt, verdient, gepeitscht zu werden.
Mir sind die Hiebe, wie du siehst, sehr gut bekommen, der rosige, übersinnliche Nebel ist zerronnen und mir wird niemand mehr die heiligen Affen von Benares[5] oder den Hahn des Plato[6] für ein Ebenbild Gottes ausgeben.“
Anmerkungen zu „Venus im Pelz“.
[1] Lange Peitsche am kurzen Stiel.
[2] Lemberg.
[3] Frauenjacke.
[4] Judengasse in Lemberg.
[5] So nennt Arthur Schopenhauer die Frauen.
[6] Diogenes warf einen gerupften Hahn in die Schule des Plato und rief: „Da habt Ihr den Menschen des Plato“.
Druck: Otto Wigand’sche Buchdruckerei G. m. b. H., Leipzig.
Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in Leipzig
Novellen von Leopold Ritter von Sacher-Masoch
Grausame Frauen
Mit farbigem Künstlerumschlag von
A. Scheiner
Preis brosch. M. 7.-- gebunden M. 11.--
Das Rätsel Weib
Mit farbigem Künstlerumschlag von
A. Scheiner
Preis brosch. M. 7.-- gebunden M. 11.--
Dämonen und Sirenen
Mit farbigem Künstlerumschlag von
A. Scheiner
Preis brosch. M. 7.--, gebund. M. 11.--
In diesen fein pointierten kleinen Erzählungen zeigt sich des genialen Erzählers Kunst im schönsten Lichte. Von jeher wurden sie von seinen Verehrern ganz besonders geschätzt, und in den vorliegenden, besonders sorgfältigen Ausgaben dürften sie noch mehr Freunde finden als zuvor.
Keiner, der Sacher-Masochs Werke sammelt, darf an diesen Bänden vorübergehen, in denen sich manches aus der allerletzten Zeit des Dichters befindet.
Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung in Leipzig
Die Starken
Ein Ringkämpferroman von Dolorosa
Mit farbigem Künstlerumschlag von =R. Kirchner=
Preis brosch. M. 8.--, gebunden M. 12.--
Ein Hauch derb-frischer Männlichkeit weht durch dieses eigenartige Buch, das uns in die Welt der Helden der Arena einführt. Dieser modernen Gladiatoren, die die Bewunderung der Männer erregen, und denen die Herzen der Frauen in ungestümer Leidenschaft entgegenschlagen.
Das überaus eigenartige Buch ist ein interessanter Beitrag zur Sittengeschichte unserer Zeit.
Unfruchtbarkeit
Roman von Dolorosa
Mit einem Titelbilde von =Fritz Buchholz= und mit farbigem Künstlerumschlag von =Raphael Kirchner=
Preis brosch. M. 8.--, gebunden M. 12.--
Die Verfasserin rollt hier die Frage auf, ob Unfruchtbarkeit ein Segen oder ein Fluch sei, und tut es mit einer Kühnheit, die fast beispiellos genannt werden muß. Als das Buch erschien, machte es ungeheures Aufsehen. Mehr als ein berufener Beurteiler nannte Dolorosa seinetwegen einen weiblichen Zola und ihr Werk ein Gegenstück zu des großen Franzosen „Fruchtbarkeit“.
End of Project Gutenberg's Venus im Pelz, by Leopold von Sacher-Masoch