Part 10
„Ich kann nicht lügen,“ entgegnete sie sanft nach einer kleinen Pause, „er hat mir einen Eindruck gemacht, den ich nicht fassen kann, unter dem ich selbst leide und zittere, einen Eindruck, wie ich ihn von Dichtern geschildert gefunden habe, wie ich ihn auf der Bühne sah, aber für ein Gebilde der Phantasie hielt. O! das ist ein Mann wie ein Löwe, stark und schön und stolz und doch weich, nicht roh wie unsere Männer im Norden. Mir tut es leid um dich, glaub’ mir, Severin; aber ich muß ihn besitzen, was sage ich? ich muß mich ihm hingeben, wenn er mich will.“
„Denk an deine Ehre, Wanda, die du bisher so makellos bewahrt hast,“ rief ich, „wenn ich dir schon nichts mehr bedeute.“
„Ich denke daran,“ erwiderte sie, „ich will stark sein, so lange ich kann, ich will --“ sie barg ihr Gesicht verschämt in den Polstern -- „ich will sein Weib werden -- wenn er mich will.“
„Wanda!“ schrie ich, wieder von jener Todesangst erfaßt, die mir jedesmal den Atem, die Besinnung raubte; „du willst sein Weib werden, du willst ihm gehören für immer, o! stoße mich nicht von dir! Er liebt dich nicht --“
„Wer sagt dir das!“ rief sie aufflammend.
„Er liebt dich nicht,“ fuhr ich leidenschaftlich fort, „ich aber liebe dich, ich bete dich an, ich bin dein Sklave, ich will mich treten lassen von dir, dich auf meinen Armen durch das Leben tragen.“
„Wer sagt dir, daß er mich nicht liebt!“ unterbrach sie mich heftig.
„O! sei mein,“ flehte ich, „sei mein! Ich kann ja nicht mehr sein, nicht leben ohne dich. Hab doch Erbarmen, Wanda, Erbarmen!“
Sie sah mich an, und jetzt war es wieder jener kalte, herzlose Blick, jenes böse Lächeln.
„Du sagst ja, daß er mich nicht liebt,“ sprach sie höhnisch; „nun gut, tröste dich also damit.“ Zugleich wendete sie sich auf die andere Seite und kehrte mir schnöd’ den Rücken.
„Mein Gott, bist du denn kein Weib aus Fleisch und Blut, hast du kein Herz wie ich!“ rief ich, während sich meine Brust wie im Krampfe hob.
„Du weißt es ja,“ entgegnete sie boshaft, „ich bin ein Weib aus Stein, ‚+Venus im Pelz+‘, dein Ideal, knie nur und bete mich an.“
„Wanda!“ flehte ich, „Erbarmen!“
Sie begann zu lachen. Ich drückte mein Gesicht in ihre Polster und ließ die Tränen, in denen sich mein Schmerz löste, herabströmen.
Lange Zeit war alles stille, dann richtete sich Wanda langsam auf.
„Du langweilst mich,“ begann sie.
„Wanda!“
„Ich bin schläfrig, laß mich schlafen.“
„Erbarmen,“ flehte ich, „stoß mich nicht von dir, es wird dich kein Mann, es wird dich keiner so lieben, wie ich.“
„Laß mich schlafen,“ -- sie kehrte mir den Rücken.
Ich sprang auf, riß den Dolch, der neben ihrem Bette hing, aus der Scheide und setzte ihn auf meine Brust.
„Ich töte mich hier vor deinen Augen,“ murmelte ich dumpf.
„Tu, was du willst,“ erwiderte Wanda mit vollkommener Gleichgültigkeit, „aber laß mich schlafen.“
Dann gähnte sie laut. „Ich bin sehr schläfrig.“
Einen Augenblick stand ich versteinert, dann begann ich zu lachen und wieder laut zu weinen, endlich steckte ich den Dolch in meinen Gürtel und warf mich wieder vor ihr auf die Knie.
„Wanda -- höre mich doch nur an, nur noch wenige Augenblicke,“ bat ich.
„Ich will schlafen! hörst du nicht,“ schrie sie zornig, sprang von ihrem Lager und stieß mich mit dem Fuße von sich, „vergißt du, daß ich deine Herrin bin?“ und als ich mich nicht von der Stelle rührte, ergriff sie die Peitsche und schlug mich. Ich erhob mich -- sie traf mich noch einmal -- und diesmal ins Gesicht.
„Mensch, Sklave!“
Mit geballter Faust gegen den Himmel deutend, verließ ich, plötzlich entschlossen, ihr Schlafgemach. Sie warf die Peitsche weg und brach in ein helles Gelächter aus -- und ich kann mir auch denken, daß ich in meiner theatralischen Attitude recht komisch war.
* * *
Entschlossen, mich von dem herzlosen Weibe loszureißen, das mich so grausam behandelt hat und nun im Begriffe ist, mich zum Lohne für meine sklavische Anbetung, für alles, was ich von ihr geduldet, noch treulos zu verraten, packe ich meine wenigen Habseligkeiten in ein Tuch, dann schreibe ich an sie:
„+Gnädige Frau+!“
„Ich habe Sie geliebt wie ein Wahnsinniger, ich habe mich Ihnen hingegeben, wie noch nie ein Mann einem Weibe, Sie aber haben meine heiligsten Gefühle mißbraucht und mit mir ein freches, frivoles Spiel getrieben. Solange Sie jedoch nur grausam und unbarmherzig waren, konnte ich Sie noch lieben, jetzt aber sind Sie im Begriffe, +gemein+ zu werden. Ich bin nicht mehr der Sklave, der sich von Ihnen treten und peitschen läßt. Sie selbst haben mich frei gemacht, und ich verlasse eine Frau, die ich nur noch hassen und +verachten+ kann.
+Severin Kusiemski+.“
Diese Zeilen übergebe ich der Mohrin und eile dann, so rasch ich nur kann, davon. Atemlos erreiche ich den Bahnhof, da fühle ich einen heftigen Stich im Herzen -- ich halte -- ich beginne zu weinen -- O! es ist schmachvoll -- ich will fliehen und kann nicht. Ich kehre um -- wohin? -- zu ihr -- die ich verabscheue und anbete zu gleicher Zeit.
Wieder besinne ich mich. Ich kann nicht zurück. Ich darf nicht zurück.
Wie soll ich aber Florenz verlassen? Mir fällt ein, daß ich ja kein Geld habe, keinen Groschen. Nun also zu Fuß, ehrlich betteln ist besser, als das Brot einer Kurtisane essen.
Aber ich kann ja nicht fort.
Sie hat mein Wort, mein Ehrenwort. Ich muß zurück. Vielleicht entbindet sie mich dessen.
Nach einigen raschen Schritten bleibe ich wieder stehen.
Sie hat mein Ehrenwort, meinen Schwur, daß ich ihr Sklave bin, solange sie es will, solange sie mir nicht selbst die Freiheit schenkt; aber ich kann mich ja töten.
Ich gehe durch die Cascine an den Arno hinab, ganz hinab, wo sein gelbes Wasser eintönig plätschernd ein paar verlorene Weiden bespült -- dort sitze ich und schließe meine Rechnung mit dem Dasein ab -- ich lasse mein ganzes Leben an mir vorüberziehen und finde es recht erbärmlich, einzelne Freuden, unendlich viel Gleichgültiges und Wertloses, dazwischen reich gesäte Schmerzen, Leiden, Beängstigungen, Enttäuschungen, gescheiterte Hoffnungen, Gram, Sorge und Trauer.
Ich dachte an meine Mutter, die ich so sehr geliebt und an entsetzlicher Krankheit dahinsiechen sah, an meinen Bruder, der voll Ansprüche auf Genuß und Glück in der Blüte seiner Jugend starb, ohne nur seine Lippen an den Becher des Lebens gesetzt zu haben -- ich dachte an meine tote Amme, die Spielgenossen meiner Kindheit, die Freunde, welche mit mir gestrebt und gelernt, sie alle, welche die kalte, tote, gleichgültige Erde deckt; ich dachte an meinen Turteltäuber, der nicht selten mir, statt seinem Weibchen, gurrend Verbeugungen machte -- alles Staub zum Staube zurückgekehrt.
Ich lachte laut auf und gleite in das Wasser -- im selben Augenblicke aber halte ich mich an einer Weidenrute fest, die über den gelben Wellen hängt -- und ich sehe das Weib, das mich elend gemacht hat, vor mir, sie schwebt über dem Wasserspiegel, von der Sonne durchleuchtet, als wäre sie durchsichtig, rote Flammen um Haupt und Nacken, und wendet mir ihr Antlitz zu und lächelt.
* * *
Da bin ich wieder, triefend, durchnäßt, glühend vor Scham und Fieber. Die Negerin hat meinen Brief übergeben, so bin ich gerichtet, verloren, in der Hand eines herzlosen, beleidigten Weibes.
Nun, sie soll mich töten, ich, ich kann es nicht, und doch will ich nicht länger leben.
Wie ich um das Haus herumgehe, steht sie in der Galerie, über die Brüstung gelehnt, das Gesicht im vollen Lichte der Sonne, mit den grünen Augen blinzelnd.
„Lebst du noch?“ fragt sie, ohne sich zu bewegen. Ich stehe stumm, das Haupt auf die Brust gesenkt.
„Gib mir meinen Dolch zurück,“ fährt sie fort, „dir nützt er so nichts. Du hast ja nicht einmal den Mut, dir das Leben zu nehmen.“
„Ich habe ihn nicht mehr,“ erwiderte ich, zitternd, vom Frost geschüttelt.
Sie überfliegt mich mit einem stolzen, höhnischen Blick.
„Du hast ihn wohl im Arno verloren?“ Sie zuckte die Achseln. „Meinetwegen. Nun und warum bist du nicht fort?“
Ich murmelte etwas, was weder sie noch ich selbst verstehen konnte.
„O! du hast kein Geld,“ rief sie, „da!“ und sie warf mir mit einer unsäglich geringschätzenden Bewegung ihre Börse zu.
Ich hob sie nicht auf.
Wir schwiegen beide geraume Zeit.
„Du willst also nicht fort?“
„Ich kann nicht.“
* * *
Wanda fährt ohne mich in die Cascine, sie ist im Theater ohne mich, sie empfängt Gesellschaft, die Negerin bedient sie. Niemand fragt nach mir. Ich irre unstät im Garten umher, wie ein Tier, das seinen Herrn verloren hat.
Im Gebüsch liegend, sehe ich ein paar Sperlingen zu, die um ein Samenkorn kämpfen.
Da rauscht ein Frauengewand.
Wanda nähert sich, in einem dunklen Seidenkleide, züchtig bis zum Halse geschlossen, mit ihr der Grieche. Sie sind im lebhaften Gespräche, doch kann ich kein Wort davon verstehen. Jetzt stampft er mit dem Fuße, daß der Kies ringsum auseinanderstäubt, und haut mit der Reitpeitsche in die Luft. Wanda schrickt zusammen.
Fürchtet sie, daß er sie schlägt?
Sind sie so weit?
* * *
Er hat sie verlassen, sie ruft ihn, er hört sie nicht, er will sie nicht hören.
Wanda nickt traurig mit dem Kopfe und setzt sich auf die nächste Steinbank; sie sitzt lange in Gedanken versunken. Ich sehe ihr mit einer Art boshafter Freude zu, endlich raffe ich mich gewaltsam auf und trete höhnisch vor sie hin. Sie fährt empor und zittert am ganzen Leibe.
„Ich komme, Ihnen nur Glück zu wünschen,“ sage ich, mich verneigend, „ich sehe, gnädige Frau, Sie haben Ihren Herrn gefunden.“
„Ja, Gott sei gedankt!“ ruft sie, „keinen neuen Sklaven, ich habe deren genug gehabt: einen Herrn. Das Weib braucht einen Herrn und betet ihn an.“
„Du betest ihn also an, Wanda!“ schrie ich auf, „diesen rohen Menschen --“
„Ich liebe ihn so, wie ich noch niemand geliebt habe.“
„Wanda!“ -- ich ballte die Fäuste, aber schon kamen mir die Tränen und der Taumel der Leidenschaft ergriff mich, ein süßer Wahnsinn. „Gut, so wähle ihn, nimm ihn zum Gatten, er soll dein Herr sein, ich aber will dein Sklave bleiben, solange ich lebe.“
„Du willst mein Sklave sein, auch dann?“ sprach sie, „das wäre pikant, ich fürchte aber, er wird es nicht dulden.“
„Er?“
„Ja, er ist jetzt schon eifersüchtig auf dich,“ rief sie, „er auf dich! er verlangte von mir, daß ich dich sofort entlasse, und als ich ihm sagte, wer du bist --“
„Du hast ihm gesagt --“ wiederholte ich starr.
„Alles habe ich ihm gesagt,“ erwiderte sie, „unsere ganze Geschichte erzählt, alle deine Seltsamkeiten, alles -- und er -- statt zu lachen -- wurde zornig und stampfte mit dem Fuße.“
„Und drohte, dich zu schlagen?“
Wanda sah zu Boden und schwieg.
„Ja, ja,“ sprach ich mit höhnischer Bitterkeit, „du fürchtest dich vor ihm, Wanda!“ -- ich warf mich ihr zu Füßen und umschlang erregt ihre Knie -- „ich will ja nichts von dir, nichts, als immer in deiner Nähe sein, dein Sklave! -- ich will dein Hund sein --“
„Weißt du, daß du mich langweilst?“ sprach Wanda apathisch.
Ich sprang auf. Alles kochte in mir.
„Jetzt bist du nicht mehr grausam, jetzt bist du gemein!“ sprach ich, jedes Wort scharf und herb betonend.
„Das steht bereits in Ihrem Briefe,“ entgegnete Wanda mit einem stolzen Achselzucken, „ein Mann von Geist soll sich nie wiederholen.“
„Wie handelst du an mir!“ brach ich los, „wie nennst du das?“
„Ich könnte dich züchtigen,“ entgegnete sie höhnisch, „aber ich ziehe vor, dir diesmal statt mit Peitschenhieben mit Gründen zu antworten. Du hast kein Recht, mich anzuklagen, war ich nicht jederzeit ehrlich gegen dich? Habe ich dich nicht mehr als einmal gewarnt? Habe ich dich nicht herzlich, ja leidenschaftlich geliebt und habe ich dir etwa verheimlicht, daß es gefährlich ist, sich mir hinzugeben, sich vor mir zu erniedrigen, daß ich beherrscht sein will? Du aber wolltest mein Spielzeug sein, mein Sklave! Du fandest den höchsten Genuß darin, den Fuß, die Peitsche eines übermütigen, grausamen Weibes zu fühlen. Was willst du also jetzt?
In mir haben gefährliche Anlagen geschlummert, aber du erst hast sie geweckt; wenn ich jetzt Vergnügen daran finde, dich zu quälen, zu mißhandeln, bist nur du schuld, du hast aus mir gemacht, was ich jetzt bin, und nun bist du noch unmännlich, schwach und elend genug, mich anzuklagen.“
„Ja, ich bin schuldig,“ sprach ich, „aber habe ich nicht gelitten dafür? Laß es jetzt genug sein, ende das grausame Spiel.“
„Das will ich auch,“ entgegnete sie mit einem seltsamen, falschen Blick!
„Wanda!“ rief ich heftig, „treibe mich nicht auf das Äußerste, du siehst, daß ich wieder Mann bin.“
„Strohfeuer,“ erwiderte sie, „das einen Augenblick Lärm macht und ebenso schnell verlöscht, wie es aufgeflammt ist. Du glaubst mich einzuschüchtern und bist mir nur lächerlich. Wärst du der Mann gewesen, für den ich dich anfangs hielt, ernst, gedankenvoll, streng, ich hätte dich treu geliebt und wäre dein Weib geworden. Das Weib verlangt nach einem Manne, zu dem es aufblicken kann, einen -- der so wie du -- freiwillig seinen Nacken darbietet, damit es seine Füße darauf setzen kann, braucht es als willkommenes Spielzeug und wirft ihn weg, wenn es seiner müde ist.“
„Versuch’ es nur, mich wegzuwerfen,“ sprach ich höhnisch, „es gibt Spielzeug, das gefährlich ist.“
„Fordere mich nicht heraus,“ rief Wanda, ihre Augen begannen zu funkeln, ihre Wangen röteten sich.
„Wenn ich dich nicht besitzen soll,“ fuhr ich mit von Wut erstickter Stimme fort, „so soll dich auch kein anderer besitzen.“
„Aus welchem Theaterstück ist diese Stelle?“ höhnte sie, dann faßte sie mich bei der Brust; sie war in diesem Augenblicke ganz bleich vor Zorn, „fordere mich nicht heraus,“ fuhr sie fort, „ich bin nicht grausam, aber ich weiß selbst nicht, wie weit ich noch kommen kann, und ob es dann noch eine Grenze gibt.“
„Was kannst du mir Ärgeres tun, als ihn zu deinem Geliebten, deinem Gatten machen?“ antwortete ich, immer mehr aufflammend.
„Ich kann dich zu seinem Sklaven machen,“ entgegnete sie rasch, „bist du nicht in meiner Hand? habe ich nicht den Vertrag? Aber freilich, für dich wird es nur ein Genuß sein, wenn ich dich binden lasse und zu ihm sage:
„Machen Sie jetzt mit ihm, was Sie wollen.“
„Weib, bist du toll!“ schrie ich auf.
„Ich bin sehr vernünftig,“ sagte sie ruhig, „ich warne dich zum letzten Male. Leiste mir jetzt keinen Widerstand, jetzt, wo ich so weit gegangen bin, kann ich leicht noch weiter gehen. Ich fühle eine Art Haß auf dich, ich würde dich mit wahrer Lust von ihm totpeitschen sehen, aber noch bezähme ich mich, noch --“
Meiner kaum mehr mächtig, faßte ich sie beim Handgelenke und riß sie zu Boden, so daß sie vor mir auf den Knien lag.
„Severin!“ rief sie, auf ihrem Gesichte malten sich Wut und Schrecken.
„Ich töte dich, wenn du sein Weib wirst,“ drohte ich, die Töne kamen heiser und dumpf aus meiner Brust, „du bist mein, ich lasse dich nicht, ich habe dich zu lieb,“ dabei umklammerte ich sie und drückte sie an mich und meine Rechte griff unwillkürlich nach dem Dolche, der noch in meinem Gürtel stak.
Wanda heftete einen großen, ruhigen, unbegreiflichen Blick auf mich.
„So gefällst du mir,“ sprach sie gelassen, „jetzt bist du Mann, und ich weiß in diesem Augenblicke, daß ich dich noch liebe.“
„Wanda“ -- mir kamen vor Entzücken die Tränen, ich beugte mich über sie und bedeckte ihr reizendes Gesichtchen mit Küssen und sie -- plötzlich in lautes, mutwilliges Lachen ausbrechend -- rief: „Hast du jetzt genug von deinem Ideal, bist du mit mir zufrieden?“
„Wie?“ -- stammelte ich -- „es ist nicht dein Ernst.“
„Es ist mein Ernst,“ fuhr sie heiter fort, „daß ich dich lieb habe, dich allein, und du -- du kleiner, guter Narr, hast nicht gemerkt, daß alles nur Scherz und Spiel war -- und wie schwer es mir wurde, dir oft einen Peitschenhieb zu geben, wo ich dich eben gerne beim Kopfe genommen und abgeküßt hätte. Aber jetzt ist es genug, nicht wahr? Ich habe meine grausame Rolle besser durchgeführt, als du erwartet hast, nun wirst du wohl zufrieden sein, dein kleines, gutes, kluges und auch ein wenig hübsches Weibchen zu haben -- nicht? -- Wir wollen recht vernünftig leben und --“
„Du wirst mein Weib!“ rief ich in überströmender Seligkeit.
„Ja -- dein Weib -- du lieber, teurer Mann,“ flüsterte Wanda, indem sie meine Hände küßte.
Ich zog sie an meine Brust empor.
„So, nun bist du nicht mehr Gregor, mein Sklave,“ sprach sie, „jetzt bist du wieder mein lieber Severin, mein Mann --“
„Und er? -- du liebst ihn nicht?“ fragte ich erregt.
„Wie konntest du nur glauben, daß ich den rohen Menschen liebe -- aber du warst ganz verblendet -- mir war bang um dich --“
„Ich hätte mir fast das Leben genommen um deinetwillen.“
„Wirklich?“ rief sie, „ach! ich zittere noch bei dem Gedanken, daß du schon im Arno warst --“
„Du aber hast mich errettet,“ entgegnete ich zärtlich, „du schwebtest über den Gewässern und lächeltest, und dein Lächeln rief mich zurück ins Leben.“
* * *
Es ist ein seltsames Gefühl, das ich habe, wie ich sie jetzt in meinen Armen halte, und sie ruht stumm an meiner Brust und läßt sich von mir küssen und lächelt; mir ist es, als wäre ich plötzlich aus Fieberphantasien erwacht, oder ein Schiffbrüchiger, der tagelang mit den Wogen gekämpft hat, die ihn jeden Augenblick zu verschlingen drohten, und endlich an das Land geworfen wurde.
* * *
„Ich hasse dieses Florenz, wo du so unglücklich warst,“ sprach sie, als ich ihr gute Nacht sagte, „ich will sofort abreisen, morgen schon, du wirst die Güte haben, einige Briefe für mich zu schreiben, und während du damit beschäftigt bist, fahre ich in die Stadt und mache meine Abschiedsbesuche. Ist’s dir so recht?“
„Gewiß, mein liebes, gutes, schönes Weib.“
* * *
Sie klopfte früh am Morgen an meine Türe und fragte, wie ich geschlafen. Ihre Liebenswürdigkeit ist wahrhaft entzückend, ich hätte nie gedacht, daß ihr die Sanftmut so gut läßt.
* * *
Nun ist sie mehr als vier Stunden fort, ich bin mit meinen Briefen längst fertig und sitze in der Galerie und blicke auf die Straße hinaus, ob ich nicht ihren Wagen in der Ferne entdecke. Mir wird ein wenig bange um sie, und doch habe ich weiß Gott keinen Anlaß mehr zu Zweifeln oder Befürchtungen; aber es liegt da auf meiner Brust und ich werde es nicht los. Vielleicht sind es die Leiden vergangener Tage, die noch ihren Schatten in meine Seele werfen.
* * *
Da ist sie, strahlend von Glück, von Zufriedenheit.
„Nun, ist alles nach Wunsch gegangen?“ fragte ich sie, zärtlich ihre Hand küssend.
„Ja, mein Herz,“ erwidert sie, „und wir reisen heute nacht, hilf mir meine Koffer packen.“
* * *
Gegen Abend bittet sie mich, selbst auf die Post zu fahren und ihre Briefe zu besorgen. Ich nehme ihren Wagen und bin in einer Stunde zurück.
„Die Herrin hat nach Ihnen gefragt,“ spricht die Negerin lächelnd, als ich die breite Marmortreppe hinaufsteige.
„War jemand da?“
„Niemand,“ erwiderte sie und kauert sich wie eine schwarze Katze auf den Stufen nieder.
Ich gehe langsam durch den Saal und stehe jetzt vor der Türe ihres Schlafgemaches.
Warum klopft mir das Herz? Ich bin doch so glücklich.
Leise öffnend, schlage ich die Portière zurück. Wanda liegt auf der Ottomane, sie scheint mich nicht zu bemerken. Wie schön sie ist in dem Kleide von silbergrauer Seide, das sich verräterisch an ihre herrlichen Formen anschließt und ihre wunderbare Büste und ihre Arme unverhüllt läßt. Ihr Haar ist mit einem schwarzen Sammetbande durchschlungen und aufgebunden. Im Kamin lodert ein mächtiges Feuer, die Ampel wirft ihr rotes Licht, das ganze Zimmer schwimmt im Blut.
„Wanda!“ sage ich endlich.
„O Severin!“ ruft sie freudig, „ich habe dich mit Ungeduld erwartet,“ sie springt auf und schließt mich in ihre Arme; dann setzt sie sich wieder in die üppigen Polster und will mich zu sich ziehen, ich gleite indes sanft zu ihren Füßen nieder und lege mein Haupt in ihren Schoß.
„Weißt du, daß ich heute sehr verliebt in dich bin?“ flüstert sie und streicht mir ein paar lose Härchen aus der Stirne und küßt mich auf die Augen.
„Wie schön deine Augen sind, sie haben mir immer am besten an dir gefallen, heute aber machen sie mich förmlich trunken. Ich vergehe“ -- sie dehnte ihre herrlichen Glieder und blinzelte mich durch die roten Wimpern zärtlich an.
„Und du -- du bist kalt -- du hältst mich wie ein Stück Holz; warte nur, ich will dich noch verliebt machen!“ rief sie und hing wieder schmeichelnd und kosend an meinen Lippen.
„Ich gefalle dir nicht mehr, ich muß wieder einmal grausam gegen dich sein, ich bin heute offenbar zu gut gegen dich; weißt du was, Närrchen, ich werde dich ein wenig peitschen --“
„Aber Kind --“
„Ich will es.“
„Wanda!“
„Komm, laß dich binden,“ fuhr sie fort und sprang mutwillig durch das Zimmer, „ich will dich recht verliebt sehen, verstehst du? Da sind die Stricke. Ob ich es noch kann?“
Sie begann damit, mir die Füße zu fesseln, dann band sie mir die Hände fest auf den Rücken und endlich schnürte sie mir die Arme wie einem Delinquenten zusammen.
„So,“ sprach sie in heiterem Eifer, „kannst du dich noch rühren?“
„Nein.“
„Gut --“
Sie machte hierauf aus einem starken Seile eine Schlinge, warf sie mir über den Kopf und ließ sie bis zu den Hüften hinabgleiten, dann zog sie sie fest zusammen und band mich an die Säule.
Mich faßte in diesem Augenblicke ein seltsamer Schauer.
„Ich habe das Gefühl, wie wenn ich hingerichtet würde,“ sagte ich leise.
„Du sollst auch heute einmal ordentlich gepeitscht werden!“ rief Wanda.
„Aber nimm die Pelzjacke dazu,“ sagte ich, „ich bitte dich.“
„Dies Vergnügen kann ich dir schon machen,“ antwortete sie, holte ihre Kazabaika und zog sie lächelnd an, dann stand sie, die Arme auf der Brust verschränkt, vor mir und betrachtete mich mit halbgeschlossenen Augen.
„Kennst du die Geschichte vom Ochsen des Dionys?“ fragte sie.
„Ich erinnere mich nur dunkel, was ist damit?“
„Ein Höfling ersann für den Tyrannen von Syrakus ein neues Marterwerkzeug, einen eisernen Ochsen, in welchen der zum Tode Verurteilte gesperrt und in ein mächtiges Feuer gesetzt wurde.
Sobald nun der eiserne Ochse zu glühen begann, und der Verurteilte in seinen Qualen aufschrie, klang sein Jammern wie das Gebrüll eines Ochsen.
Dionys lächelte dem Erfinder gnädig zu und ließ, um auf der Stelle einen Versuch mit seinem Werk zu machen, ihn selbst zuerst in den eisernen Ochsen sperren.
Die Geschichte ist sehr lehrreich.
So warst du es, der mir die Selbstsucht, den Übermut, die Grausamkeit eingeimpft hat, und +du sollst ihr erstes Opfer werden+. Ich finde jetzt in der Tat Vergnügen daran, einen Menschen, der denkt und fühlt und will, wie ich, einen Mann, der an Geist und Körper stärker ist, wie ich, in meiner Gewalt zu haben, zu mißhandeln, und ganz besonders einen Mann, der mich liebt.
Liebst du mich noch?“
„Bis zum Wahnsinn!“ rief ich.
„Um so besser,“ erwiderte sie, „um so mehr Genuß wirst du bei dem haben, was ich jetzt mit dir anfangen will.“
„Was hast du nur?“ fragte ich, „ich verstehe dich nicht, in deinen Augen blitzt es heute wirklich wie Grausamkeit und du bist so seltsam schön -- so ganz ‚Venus im Pelz‘.“
Wanda legte, ohne mir zu antworten, die Arme um meinen Nacken und küßte mich. Mich ergriff in diesem Augenblicke wieder der volle Fanatismus meiner Leidenschaft.
„Nun, wo ist die Peitsche?“ fragte ich.
Wanda lachte und trat zwei Schritte zurück.
„Du willst also durchaus gepeitscht werden?“ rief sie, indem sie den Kopf übermütig in den Nacken warf.
„Ja.“
Auf einmal war Wandas Gesicht vollkommen verändert, wie vom Zorne entstellt, sie schien mir einen Moment sogar häßlich.