Venus im Pelz

Part 1

Chapter 13,562 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1920 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert; ungewöhnliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt; hiervon abweichende Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

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Venus im Pelz

Novelle von Sacher-Masoch

Mit Illustrationen von Fritz Buchholz

Leipzig Georg H. Wigand’sche Verlagsbuchhandlung

Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.

Vorwort

Vorliegende Erzählung ist ein Teil eines großen, aber niemals von dem Dichter vollendeten Novellenzyklus, „Das Vermächtnis Kains“, der nach Sacher-Masochs eigenem Ausspruche „eine bilderreiche Naturgeschichte des Menschen sein sollte“. Das Ganze sollte in sechs Unterabteilungen zu je sechs Novellen zerfallen, für welche die Obertitel „Die Liebe“, „Das Eigentum“, „Das Geld“, „Der Staat“, „Der Krieg“ und „Der Tod“ vorgesehen waren. Sacher-Masoch hatte sich somit ein sehr hohes Ziel gesteckt, er wollte in diesen geplanten Erzählungen alles Menschenleid und -schicksal in seinen verschiedensten Möglichkeiten und Ausdrucksformen schildern und zugleich in der Schlußnovelle eines jeden Teiles die Antwort auf die behandelte Frage und deren Lösung geben.

Von dem gesamten Werke liegen nur die beiden ersten Teile „Die Liebe“ und „Das Eigentum“ abgeschlossen vor. Von den andern existieren nur Bruchstücke. Die „Venus im Pelz“ gehört als fünfte der Novellen zu dem Zyklus „Die Liebe“.

Der Dichter schildert hierin die Erlebnisse eines Idealisten und Phantasten zugleich, den sein Unstern in den Bannkreis eines herzlosen und brutalen Weibes treibt.

Zur Zeit, als Sacher-Masoch diese seine berühmteste Novelle verfaßte, stand er ganz im Banne eines Schopenhauerschen Pessimismus. Was seine Lebensumstände anbetrifft, so ist zu bemerken, daß er damals als Privatdozent an der Universität Graz habilitiert war.

Sofort beim Erscheinen der „Venus im Pelz“ spalteten sich die Leser in zwei Parteien. Die einen verwarfen sie wegen der bis dahin unerhörten Kühnheit der Schilderungen und fühlten sich zugleich durch das Motiv abgestoßen. Die anderen dagegen, und gerade die besten Männer deutscher Wissenschaft und Literatur, säumten nicht, anzuerkennen, hier liege ein einzigartiges ~document humain~ vor, und es zeuge zudem von ungewöhnlicher Genialität des Verfassers.

In rascher Folge entstanden weitere Schöpfungen, und eine wie die andere waren vollwertiges Gold.

Um so peinlicher überrascht fühlten sich daher alle Freunde des Dichters, als plötzlich höchst oberflächliche und zum Teil direkt minderwertige Produkte seiner Feder auf dem Markt erschienen. Verwundert und verstimmt fragte man sich, wie es möglich sei, daß ein Poet, der die Klassizität gestreift, sein eigenes Renommee in solcher Weise verderben könne. Nach Sacher-Masochs Tode ist dies Rätsel gelöst. Die Not, die bitterste äußere Not zwang ihn dazu, dem Gott in sich selbst Gewalt anzutun, um Brot für sich und die Seinen um jeden Preis zu schaffen. In jener Zeit entstanden die vielberufenen „Messalinen Wiens“, „Falscher Hermelin“ usw. Aber seltsam, gerade diese seichten Arbeiten hatten bei dem Publikum ungeahnten Erfolg. Es brauchte dabei nicht zu denken, wohl aber fühlte es sich seltsam erregt durch das eigenartige, ihnen entströmende Gemisch von Stall- und Boudoirparfüm.

So wurde Sacher-Masoch in den Augen vieler zu einem oberflächlichen und frivolen Skribenten erniedrigt, und es konnte leider nicht anders sein, denn die Welt urteilt stets nach den Resultaten, aber nicht nach den Motiven.

Selbst in der Spätzeit, als der Dichter sich wieder großen und bedeutenden Aufgaben zuwandte, vermochte er die alten peinlichen Erinnerungen nicht wieder zu verwischen. Und -- es ist traurig zu sagen -- auch das große Publikum wollte nichts Gehaltvolles mehr von ihm, sondern verlangte von ihm geradezu Mindergut.

Nur eine verhältnismäßig kleine Gemeinde wirklicher Verehrer blieb ihm dauernd treu, jener, die das Unvergängliche, was er geschaffen, seinem vollen Werte nach zu schätzen wußten und trotz seiner späteren Mängel niemals an dem genialen Meister irre wurden.

Den Wünschen dieser zu entsprechen -- da die älteren Ausgaben vollständig vergriffen sind --, entschlossen wir uns, einige seiner besten Arbeiten in Neudrucken auf den Markt zu bringen. Darunter auch die Novellen „Die Liebe des Plato“ und die „Venus im Pelz“.

Obwohl diese beiden Werke seit über 50 Jahren der Literatur angehören und in allen Literaturgeschichten gewürdigt sind, ist es ihnen -- und namentlich der „Venus im Pelz“ -- nicht erspart geblieben, neuerdings seitens der Polizeibehörden und Staatsanwaltschaften verschiedensten Titels beanstandet zu werden.

Es sei allerdings gern anerkannt, daß Kenntnis der Literatur und Phantasie von Polizeiorganen und solchen der öffentlichen Anklagebehörde nicht erwartet werden darf. Beides gehört nicht zu ihrem Ressort.

Die Folgen dieser Beanstandungen blieben nicht aus. In der Regel wurden „Plato“ und die „Venus im Pelz“ seitens der Polizeibehörden und der Staatsanwaltschaften ohne weiteres als nicht zu beanstandende Dichtungen und Kunstwerke dem öffentlichen Verkehr zurückgegeben. Gleichwohl kam es gelegentlich vor, daß die „Venus“ Gegenstand einer Gerichtsverhandlung wurde. Von den Resultaten dieser ist zu sagen, daß sie allemal mit einer Niederlage der Staatsanwaltschaft endeten.

Die Welt der deutschen Schriftsteller hatte das nicht anders erwartet. Als es bekannt wurde, daß ein Einschreiten gegen die „Venus im Pelz“ im Gange sei, erhob sich überall befremdetes Kopfschütteln. In geschlossener Phalanx traten die Koryphäen deutschen Schrifttums regelmäßig für Erhaltung des Werkes ein und mit ihnen zugleich die Männer der Wissenschaft.

So erklärte z. B. anläßlich eines solchen Prozesses der Geheime Medizinalrat Professor Dr. Albert Eulenberger in Berlin: Die „Venus im Pelz“ besitze unschätzbaren Wert und sei ein Unikum in der deutschen Literatur. So wenig sie in dieser zu vermissen sei, ebensowenig vermöge die Wissenschaft ihrer zu entbehren.

Als der Geheime Hofrat Professor ~Dr.~ Koester in Leipzig gelegentlich seitens der Dresdener Staatsanwaltschaften aufgefordert wurde, ein Gutachten über die „Venus im Pelz“ abzugeben, kam er ebenfalls zu dem Resultat, das Werk gehöre der Literatur an, und es sei nicht angängig, es aus der Reihe der Lebenden zu streichen.

Wir glauben, daß die gemachten Mitteilungen mehr als einem Leser und in mehr als einer Hinsicht interessant sein dürften.

+Der Verlag+

Ich hatte liebenswürdige Gesellschaft.

Mir gegenüber an dem massiven Renaissancekamin saß Venus, aber nicht etwa eine Dame der Halbwelt, die unter diesem Namen Krieg führte gegen das feindliche Geschlecht, gleich Mademoiselle Cleopatra, sondern die wahrhafte Liebesgöttin.

Sie saß im Fauteuil und hatte ein prasselndes Feuer angefacht, dessen Widerschein in roten Flammen ihr bleiches Antlitz mit den weißen Augen leckte und von Zeit zu Zeit ihre Füße, wenn sie dieselben zu wärmen suchte.

Ihr Kopf war wunderbar trotz der toten Steinaugen, aber das war auch alles, was ich von ihr sah. Die Hehre hatte ihren Marmorleib in einen großen Pelz gewickelt und sich zitternd wie eine Katze zusammengerollt.

„Ich begreife nicht, gnädige Frau,“ rief ich, „es ist doch wahrhaftig nicht mehr kalt, wir haben seit zwei Wochen das herrlichste Frühjahr. Sie sind offenbar nervös.“

„Ich danke für euer Frühjahr,“ sprach sie mit tiefer steinerner Stimme und nieste gleich darnach himmlisch und zwar zweimal rasch nacheinander; „da kann ich es wahrhaftig nicht aushalten, und ich fange an zu verstehen --“

„Was, meine Gnädige?“

„Ich fange an das Unglaubliche zu glauben, das Unbegreifliche zu begreifen. Ich verstehe auf einmal die germanische Frauentugend und die deutsche Philosophie, und ich erstaune auch nicht mehr, daß ihr im Norden nicht lieben könnt, ja nicht einmal eine Ahnung davon habt, was Liebe ist.“

„Erlauben Sie, Madame,“ erwiderte ich aufbrausend, „ich habe Ihnen wahrhaftig keine Ursache gegeben.“

„Nun, Sie --“ die Göttliche nieste zum dritten Male und zuckte mit unnachahmlicher Grazie die Achseln, „dafür bin ich auch immer gnädig gegen Sie gewesen und besuche Sie sogar von Zeit zu Zeit, obwohl ich mich jedesmal trotz meines vielen Pelzwerks rasch erkälte. Erinnern Sie sich noch, wie wir uns das erste Mal trafen?“

„Wie könnte ich es vergessen,“ sagte ich, „Sie hatten damals reiche braune Locken und braune Augen und einen roten Mund, aber ich erkannte Sie doch sogleich an dem Schnitt Ihres Gesichtes und an dieser Marmorblässe -- Sie trugen stets eine veilchenblaue Samtjacke mit Fehpelz besetzt.“

„Ja, Sie waren ganz verliebt in diese Toilette, und wie gelehrig Sie waren.“

„Sie haben mich gelehrt, was Liebe ist, Ihr heiterer Gottesdienst ließ mich zwei Jahrtausende vergessen.“

„Und wie beispiellos treu ich Ihnen war!“

„Nun, was die Treue betrifft --“

„Undankbarer!“

„Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen. Sie sind zwar ein göttliches Weib, aber doch ein Weib, und in der Liebe grausam wie jedes Weib.“

„Sie nennen grausam,“ entgegnete die Liebesgöttin lebhaft, „was eben das Element der Sinnlichkeit, der heiteren Liebe, die Natur des Weibes ist, sich hinzugeben, wo es liebt und alles zu lieben, was ihm gefällt.“

„Gibt es für den Liebenden etwa eine größere Grausamkeit als die Treulosigkeit der Geliebten?“

„Ach!“ -- entgegnete sie -- „wir sind treu, solange wir lieben, ihr aber verlangt vom Weibe Treue ohne Liebe, und Hingebung ohne Genuß, wer ist da grausam, das Weib oder der Mann? -- Ihr nehmt im Norden die Liebe überhaupt zu wichtig und zu ernst. Ihr sprecht von Pflichten, wo nur vom Vergnügen die Rede sein sollte.“

„Ja, Madame, wir haben dafür auch sehr achtbare und tugendhafte Gefühle und dauerhafte Verhältnisse.“

„Und doch diese ewig rege, ewig ungesättigte Sehnsucht nach dem nackten Heidentum,“ fiel Madame ein, „aber jene Liebe, welche die höchste Freude, die göttliche Heiterkeit selbst ist, taugt nicht für euch Modernen, euch Kinder der Reflexion. Sie bringt euch Unheil. +Sobald ihr natürlich sein wollt, werdet ihr gemein.+ Euch erscheint die Natur als etwas Feindseliges, ihr habt aus uns lachenden Göttern Griechenlands Dämonen, aus mir eine Teufelin gemacht. Ihr könnt mich nur bannen und verfluchen oder euch selbst in bacchantischem Wahnsinn vor meinem Altar als Opfer schlachten, und hat einmal einer von euch den Mut gehabt, meinen roten Mund zu küssen, so pilgert er dafür barfuß im Büßerhemd nach Rom und erwartet Blüten von dem dürren Stock, während unter meinem Fuße zu jeder Stunde Rosen, Veilchen und Myrten emporschießen, aber euch bekömmt ihr Duft nicht; bleibt nur in eurem nordischen Nebel und christlichem Weihrauch; laßt uns Heiden unter dem Schutt, unter der Lava ruhen, grabt uns nicht aus, für euch wurde Pompeji, für euch wurden unsere Villen, unsere Bäder, unsere Tempel nicht gebaut. Ihr braucht keine Götter! Uns friert in eurer Welt!“ Die schöne Marmordame hustete und zog die dunkeln Zobelfelle um ihre Schultern noch fester zusammen.

„Wir danken für die klassische Lektion,“ erwiderte ich, „aber Sie können doch nicht leugnen, daß Mann und Weib, in Ihrer heiteren sonnigen Welt ebenso gut wie in unserer nebligen, von Natur Feinde sind, daß die Liebe für die kurze Zeit zu einem einzigen Wesen vereint, das nur eines Gedankens, einer Empfindung, eines Willens fähig ist, um sie dann noch mehr zu entzweien, und -- nun Sie wissen es besser als ich -- wer dann nicht zu unterjochen versteht, wird nur zu rasch den Fuß des anderen auf seinem Nacken fühlen --“

„Und zwar in der Regel der Mann den Fuß des Weibes,“ rief Frau Venus mit übermütigem Hohne, „was Sie wieder besser wissen als ich.“

„Gewiß, und eben deshalb mache ich mir keine Illusionen.“

„Das heißt, Sie sind jetzt mein Sklave ohne Illusionen, und ich werde Sie dafür auch ohne Erbarmen treten.“

„Madame!“

„Kennen Sie mich noch nicht? Ja, ich bin +grausam+ -- weil Sie denn schon an dem Worte so viel Vergnügen finden -- und habe ich nicht recht, es zu sein? Der Mann ist der Begehrende, das Weib das Begehrte, dies ist des Weibes ganzer, aber entscheidender Vorteil, die Natur hat ihm den Mann durch seine Leidenschaft preisgegeben, und das Weib, das aus ihm nicht seinen Untertan, seinen Sklaven, ja sein Spielzeug zu machen und ihn zuletzt lachend zu verraten versteht, ist nicht klug.“

„Ihre Grundsätze, meine Gnädige,“ warf ich entrüstet ein.

„Beruhen auf tausendjähriger Erfahrung,“ entgegnete Madame spöttisch, während ihre weißen Finger in dem dunkeln Pelz spielten, „je hingebender das Weib sich zeigt, um so schneller wird der Mann nüchtern und herrisch werden; je grausamer und treuloser es aber ist, je mehr es ihn mißhandelt, je frevelhafter es mit ihm spielt, je weniger Erbarmen es zeigt, um so mehr wird es die Wollust des Mannes erregen, von ihm geliebt, angebetet werden. So war es zu allen Zeiten, seit Helena und Delila, bis zur zweiten Katharina und Lola Montez herauf.“

„Ich kann es nicht leugnen,“ sagte ich, „es gibt für den Mann nichts, das ihn mehr reizen könnte, als das Bild einer schönen, wollüstigen und grausamen Despotin, welche ihre Günstlinge übermütig und rücksichtslos nach Laune wechselt --“

„Und noch dazu einen Pelz trägt,“ rief die Göttin.

„Wie kommen Sie darauf?“

„Ich kenne ja Ihre Vorliebe.“

„Aber wissen Sie,“ fiel ich ein, „daß Sie, seitdem wir uns nicht gesehen haben, sehr kokett geworden sind.“

„Inwiefern, wenn ich bitten darf?“

„Insofern es keine herrlichere Folie für Ihren weißen Leib geben könnte, als diese dunklen Felle und es Ihnen --“

Die Göttin lachte.

„Sie träumen,“ rief sie, „wachen Sie auf!“ und sie faßte mich mit ihrer Marmorhand beim Arme, „wachen Sie doch auf!“ dröhnte ihre Stimme nochmals im tiefsten Brustton. Ich schlug mühsam die Augen auf.

Ich sah die Hand, die mich rüttelte, aber diese Hand war auf einmal braun wie Bronze, und die Stimme war die schwere Schnapsstimme meines Kosaken, der in seiner vollen Größe von nahe sechs Fuß vor mir stand.

„Stehen Sie doch auf,“ fuhr der Wackere fort, „es ist eine wahrhafte Schande.“

„Und weshalb eine Schande?“

„Eine Schande in Kleidern einzuschlafen und noch dazu bei einem Buche,“ er putzte die heruntergebrannten Kerzen und hob den Band auf, der meiner Hand entsunken war, „bei einem Buche von -- er schlug den Deckel auf, von Hegel -- dabei ist es die höchste Zeit zu Herrn Severin zu fahren, der uns zum Tee erwartet.“

* * *

„Ein seltsamer Traum,“ sprach Severin, als ich zu Ende war, stützte die Arme auf die Knie, das Gesicht in die feinen zartgeäderten Hände und versank in Nachdenken.

Ich wußte, daß er sich nun lange Zeit nicht regen, ja kaum atmen würde, und so war es in der Tat, für mich hatte indes sein Benehmen nichts Auffallendes, denn ich verkehrte seit beinahe drei Jahren in guter Freundschaft mit ihm und hatte mich an alle seine Sonderbarkeiten gewöhnt. Denn sonderbar war er, das ließ sich nicht leugnen, wenn auch lange nicht der gefährliche Narr, für den ihn nicht allein seine Nachbarschaft, sondern der ganze Kreis von Kolomea hielt. Mir war sein Wesen nicht bloß interessant, sondern -- und deshalb passierte ich auch bei vielen als ein wenig vernarrt -- in hohem Grade sympathisch.

Er zeigte für einen galizischen Edelmann und Gutsbesitzer wie für sein Alter -- er war kaum über dreißig -- eine auffallende Nüchternheit des Wesens, einen gewissen Ernst, ja sogar Pedanterie. Er lebte nach einem minutiös ausgeführten, halb philosophischen, halb praktischen Systeme, gleichsam nach der Uhr, und nicht das allein, zu gleicher Zeit nach dem Thermometer, Barometer, Aerometer, Hydrometer, Hippokrates, Hufeland, Plato, Kant, Knigge und Lord Chesterfield; dabei bekam er aber zu Zeiten heftige Anfälle von Leidenschaftlichkeit, wo er Miene machte, mit dem Kopfe durch die Wand zu gehen, und ihm ein jeder gerne aus dem Wege ging.

Während er also stumm blieb, sang dafür das Feuer im Kamin, sang der große ehrwürdige Samowar, und der Ahnherrnstuhl, in dem ich, mich schaukelnd, meine Zigarre rauchte, und das Heimchen im alten Gemäuer sang auch, und ich ließ meinen Blick über das absonderliche Geräte, die Tiergerippe, ausgestopften Vögel, Globen, Gypsabgüsse schweifen, welche in seinem Zimmer angehäuft waren, bis er zufällig auf einem Bilde haften blieb, das ich oft genug gesehen hatte, das mir aber gerade heute im roten Widerschein des Kaminfeuers einen unbeschreiblichen Eindruck machte.

Es war ein großes Ölgemälde in der kräftigen farbensatten Manier der belgischen Schule gemalt, sein Gegenstand seltsam genug.

Ein schönes Weib, ein sonniges Lachen auf dem feinen Antlitz, mit reichem, in einen antiken Knoten geschlungenem Haare, auf dem der weiße Puder wie leichter Reif lag, ruhte, auf den linken Arm gestützt, nackt in einem dunkeln Pelz auf einer Ottomane; ihre rechte Hand spielte mit einer Peitsche, während ihr bloßer Fuß sich nachlässig auf den Mann stützte, der vor ihr lag wie ein Sklave, wie ein Hund, und dieser Mann, mit den scharfen, aber wohlgebildeten Zügen, auf denen brütende Schwermut und hingebende Leidenschaft lag, welcher mit dem schwärmerischen brennenden Auge eines Märtyrers zu ihr emporsah, dieser Mann, der den Schemel ihrer Füße bildete, war Severin, aber ohne Bart, wie es schien um zehn Jahre jünger.

„+Venus im Pelz!+“ rief ich, auf das Bild deutend, „so habe ich sie im Traume gesehen.“ „Ich auch,“ sagte Severin, „nur habe ich meinen Traum mit offenen Augen geträumt.“

„Wie?“

„Ach! das ist eine dumme Geschichte.“

„Dein Bild hat offenbar Anlaß zu meinem Traum gegeben,“ fuhr ich fort, „aber sage mir endlich einmal, was damit ist, daß es eine Rolle gespielt hat in deinem Leben, und vielleicht eine sehr entscheidende, kann ich mir denken, aber das weitere erwarte ich von dir.“

„Sieh dir einmal das Gegenstück an,“ entgegnete mein seltsamer Freund, ohne auf meine Frage einzugehen.

Das Gegenstück bildete eine treffliche Kopie der bekannten „Venus mit dem Spiegel“ von Titian in der Dresdener Galerie.

„Nun, was willst du damit?“

Severin stand auf und wies mit dem Finger auf den Pelz, mit dem Titian seine Liebesgöttin bekleidet hat.

„Auch hier ‚Venus im Pelz‘,“ sprach er fein lächelnd, „ich glaube nicht, daß der alte Venetianer damit eine Absicht verbunden hat. Er hat einfach das Portrait irgendeiner vornehmen Messaline gemacht und die Artigkeit gehabt, ihr den Spiegel, in welchem sie ihre majestätischen Reize mit kaltem Behagen prüft, durch Amor halten zu lassen, dem die Arbeit sauer genug zu werden scheint. Das Bild ist eine gemalte Schmeichelei. Später hat irgendein ‚Kenner‘ der Rokokozeit die Dame auf den Namen Venus getauft, und der Pelz der Despotin, in den sich Titians schönes Modell wohl mehr aus Furcht vor dem Schnupfen als Keuschheit gehüllt hat, ist zu einem Symbol der Tyrannei und Grausamkeit geworden, welche im Weibe und seiner Schönheit liegt.

Aber genug, so wie das Bild jetzt ist, erscheint es uns als die pikanteste Satire auf unsere Liebe. Venus, die im abstrakten Norden, in der eisigen christlichen Welt in einen großen schweren Pelz schlüpfen muß, um sich nicht zu erkälten. --“

Severin lachte und zündete eine neue Zigarette an.

Eben ging die Türe auf und eine hübsche volle Blondine mit klugen freundlichen Augen, in einer schwarzen Seidenrobe, kam herein und brachte uns kaltes Fleisch und Eier zum Tee. Severin nahm eines der letzteren und schlug es mit dem Messer auf. „Habe ich dir nicht gesagt, daß ich sie weich gekocht haben will?“ rief er mit einer Heftigkeit, welche die junge Frau zittern machte.

„Aber lieber Sewtschu --“ sprach sie ängstlich.

„Was Sewtschu,“ schrie er, „gehorchen sollst du, gehorchen, verstehst du,“ und er riß den Kantschuk[1], welcher neben seinen Waffen hing, vom Nagel.

Die hübsche Frau floh wie ein Reh rasch und furchtsam aus dem Gemache.

„Warte nur, ich erwische dich noch,“ rief er ihr nach.

„Aber Severin,“ sagte ich, meine Hand auf seinen Arm legend, „wie kannst du die hübsche kleine Frau so traktieren!“

„Sieh dir das Weib nur an,“ erwiderte er, indem er humoristisch mit den Augen zwinkerte, „hätte ich ihr geschmeichelt, so hätte sie mir die Schlinge um den Hals geworfen, so aber, weil ich sie mit dem Kantschuk erziehe, betet sie mich an.“

„Geh mir!“

„Geh du mir, so muß man die Weiber dressieren.“

„Leb’ meinetwegen wie ein Pascha in deinem Harem, aber stelle mir nicht Theorien auf --“

„Warum nicht,“ rief er lebhaft, „nirgends paßt Goethes ‚Du mußt Hammer oder Ambos sein‘ so vortrefflich hin wie auf das Verhältnis von Mann und Weib, das hat dir beiläufig Frau Venus im Traume auch eingeräumt. In der Leidenschaft des Mannes ruht die Macht des Weibes, und es versteht sie zu benützen, wenn der Mann sich nicht vorsieht. Er hat nur die Wahl, der Tyrann oder der Sklave des Weibes zu sein. Wie er sich hingibt, hat er auch schon den Kopf im Joche und wird die Peitsche fühlen.“

„Seltsame Maximen!“

„Keine Maximen, sondern Erfahrungen,“ entgegnete er mit dem Kopfe nickend, „+ich bin im Ernste gepeitscht worden+, ich bin kuriert, willst du lesen wie?“

Er erhob sich und holte aus seinem massiven Schreibtisch eine kleine Handschrift, welche er vor mich auf den Tisch legte.

„Du hast früher nach jenem Bilde gefragt. Ich bin dir lange schon eine Erklärung schuldig. Da -- lies!“

Severin setzte sich zum Kamin, den Rücken gegen mich, und schien mit offenen Augen zu träumen. Wieder war es still geworden, und wieder sang das Feuer im Kamin und der Samowar und das Heimchen im alten Gemäuer und ich schlug die Handschrift auf und las:

„+Bekenntnisse eines Übersinnlichen+,“ an dem Rande des Manuskriptes standen als Motto die bekannten Verse aus dem Faust variiert:

„Du übersinnlicher sinnlicher Freier, Ein Weib nasführet dich!“

Mephistopheles.

Ich schlug das Titelblatt um und las: „Das Folgende habe ich aus meinem damaligen Tagebuche zusammengestellt, weil man seine Vergangenheit nie unbefangen darstellen kann, so aber hat alles seine frischen Farben, die Farben der Gegenwart.“

* * *

Gogol, der russische Molière, sagt -- ja wo? -- nun irgendwo -- „die echte komische Muse ist jene, welcher unter der lachenden Larve die Tränen herabrinnen.“

Ein wunderbarer Ausspruch!

So ist es mir recht seltsam zumute, während ich dies niederschreibe. Die Luft scheint mir mit einem aufregenden Blumenduft gefüllt, der mich betäubt und mir Kopfweh macht, der Rauch des Kamines kräuselt und ballt sich mir zu Gestalten, kleinen graubärtigen Kobolden zusammen, die spöttisch mit dem Finger auf mich deuten, pausbackige Amoretten reiten auf den Lehnen meines Stuhles und auf meinen Knien, und ich muß unwillkürlich lächeln, ja laut lachen, indem ich meine Abenteuer niederschreibe, und doch schreibe ich nicht mit gewöhnlicher Tinte, sondern mit dem roten Blute, das aus meinem Herzen träufelt, denn alle seine längst vernarbten Wunden haben sich geöffnet und es zuckt und schmerzt, und hie und da fällt eine Träne auf das Papier.

* * *