Part 9
Frau Odinzoff war ein wunderbares Wesen. Ohne Vorurteil, ja sogar ohne festen Glauben, wich sie vor nichts zurück, und doch schritt sie nicht viel vorwärts. In vielem sah sie scharf, interessierte sich für vieles und nichts konnte sie befriedigen; ich weiß nicht einmal, ob sie eine volle Befriedigung wünschte. Ihr Geist war wißbegierig und gleichgültig zugleich; nie verschwanden ihre Zweifel, ohne eine Spur zu hinterlassen, und nie wurden sie stark genug, um sie zu beunruhigen. Wäre sie nicht reich und unabhängig gewesen, so hätte sie sich vielleicht ins Getümmel gewagt und die Leidenschaften kennen gelernt ... Aber so hatte sie ein ungetrübtes Dasein, obgleich sie manchmal ein Gefühl von Langeweile überkam, und sie fuhr fort, ohne sich je zu beeilen und nur selten erregt von Tag zu Tag zu leben. Manchmal traten nur allzu verführerische Bilder vor ihre Augen, aber wenn das Bild verschwunden war, sank sie in ihre Seelenruhe zurück und bedauerte nichts. Ihre Einbildungskraft überschritt oft die Grenzen des nach den gewöhnlichen Regeln der Moral Erlaubten; aber selbst dann floß das Blut in ihrem schönen, immer frischen und friedlichen Körper so ruhig wie gewöhnlich. Oft wenn sie morgens warm und schmachtend aus ihrem duftigen Bade stieg, konnte sie anfangen zu träumen über die Eitelkeit des Lebens, über seine Freudlosigkeit und seine Müh und Arbeit ... Ein plötzlicher Aufschwung erfaßte sie; sie fühlte ein edles Streben in ihrem Innern erwachen; da drang ein Zug durch ein halboffenes Fenster, und Frau Odinzoff schauerte, beklagte sich, sie bezwang sogar nur mühsam eine Zornesregung und verlangte für den Augenblick nur das eine, daß der garstige Wind aufhöre. Wie alle Frauen, denen es nicht gegeben ist, zu lieben, wünschte sie beständig etwas, ohne selbst recht zu wissen was. In der Tat wünschte sie nichts, obgleich es ihr vorkam, als ob sie alles in der Welt wünsche. Kaum hatte sie ihren Gatten ertragen mögen. Sie hatte sich aus Berechnung vermählt; sie hätte wahrscheinlich nicht eingewilligt, Herrn Odinzoff zu heiraten, wenn sie ihn nicht für einen galanten Mann gehalten hätte; aber sie hatte sich getäuscht, und es war ihr ein geheimer Widerwille gegen die Männer überhaupt geblieben, die sie sich alle unreinlich, plump, träg, beständig gelangweilt und energielos vorstellte. Doch war sie auf ihrer Reise einem jungen, schönen Schweden begegnet, einem Mann von ritterlichem Aussehen, mit blauen, ehrlichen Augen und hoher, freier Stirne; er hatte einen tiefen Eindruck auf sie gemacht, aber das hatte sie nicht abgehalten, nach Rußland zurückzukehren.
»Dieser Doktor ist ein sonderbarer Mensch!« sagte sie, in ihrem prächtigen Bett auf Spitzenkissen unter einer leichten seidenen Decke liegend. Anna Sergejewna hatte etwas von ihres Vaters Liebe für den Luxus geerbt. Sie hatte ihren Vater sehr lieb gehabt, so lasterhaft er war, und er betete seine Tochter an, scherzte mit ihr wie mit einem Freund, bewies ihr ein grenzenloses Vertrauen und zog sie oft zu Rat. Von ihrer Mutter war ihr bloß eine dunkle Erinnerung geblieben.
»Dieser Doktor ist ein sonderbarer Mensch!« sagte sie sich wiederholt im Gedanken an ihn. Sie streckte sich in ihrem Bette, lächelte, legte den Arm unter den Kopf; dann, nachdem sie zwei oder drei Seiten eines schlechten französischen Romans überflogen hatte, ließ sie das Buch fallen und schlief, weiß, rein und kalt, in ihrem duftenden Bette ein.
Am andern Morgen nach dem Frühstück ging Frau Odinzoff mit Bazaroff botanisieren und kam erst zum Mittagessen wieder; Arkad, der nicht ausgegangen war, hatte fast eine Stunde mit Katia verbracht. Er hatte sich nicht gelangweilt, sie hatte sich erboten, ihm die Sonate vom Tag zuvor zu spielen; als aber endlich Frau Odinzoff zurückkehrte, als er sie wiedersah, zog sich sein Herz unwillkürlich zusammen. Sie kam sichtlich etwas müde den Garten herauf; ihre Wangen waren gerötet und ihre Augen glänzten mehr als gewöhnlich unter ihrem runden Strohhut. Sie drehte den zarten Stiel einer Feldblume zwischen den Fingern; ihre leichte Mantille war von den Schultern auf die Arme geglitten, und die langen Bänder ihres Huts schmiegten sich an ihre Brust. Bazaroff ging festen Schritts, unbefangen wie immer, hinter ihr. Aber der Ausdruck ihres Gesichts, obgleich er heiter und sogar herzlich war, gefiel Arkad nicht.
Bazaroff warf ihm einen »Guten Morgen« zu und ging auf sein Zimmer. Frau Odinzoff drückte ihm zerstreut die Hand und schritt ebenfalls an ihm vorüber.
»Guten Morgen?« dachte Arkad ... »haben wir uns denn heute nicht schon gesehen?«
Siebzehntes Kapitel
Die Zeit, die oft fliegt wie ein Vogel, schleicht ein andermal dahin wie eine Schildkröte; aber sie scheint nie angenehmer, als wenn man nicht weiß, ob sie schnell oder langsam geht. Und gerade so verbrachten Bazaroff und Arkad fast vierzehn Tage bei Frau Odinzoff. Die Ordnung, die sie in ihrem Hause und in ihrer Lebensweise eingeführt hatte, trug ohne Zweifel viel hierzu bei. Sie ihresteils beobachtete dieselbe streng, und wenn es galt, die andern dazu zu bringen, griff sie nötigenfalls zum Despotismus. Alles im Hause hatte seine festgesetzte Stunde. Morgens Punkt acht Uhr versammelte sich die ganze Gesellschaft zum Tee, nachher mochte jedes bis zum Frühstück tun, was ihm beliebte; die Herrin des Hauses erledigte während der Zeit die Geschäfte mit dem Verwalter, Haushofmeister und dem Oberschaffner. Vor Tisch versammelte man sich wieder zum Plaudern und Lesen; der Abend war den Spaziergängen, dem Spiel und der Musik gewidmet; Frau Odinzoff zog sich um zehneinhalb Uhr zurück, gab ihre Befehle für den folgenden Tag und legte sich schlafen. Dies regelmäßige und einigermaßen feierliche Leben behagte Bazaroff nicht sonderlich; er sagte, man meine auf Eisenbahnschienen dahinzurollen. Die Livreebedienten, die majestätischen Haushofmeister verletzten sein demokratisches Bewußtsein. Er war der Ansicht, daß man konsequenterweise auch nach englischer Sitte in Frack und weißer Halsbinde bei Tisch erscheinen müßte. Er erklärte sich eines Tages darüber gegen Anna Sergejewna, die jedem gestattete, seine Meinung offen auszusprechen. Sie ließ ihn ausreden und sagte: »Von Ihrem Standpunkte aus ist es wahr, daß ich ein wenig die Schloßherrin spiele. Allein auf dem Lande ist es unmöglich, ohne Ordnung zu leben; man würde rettungslos der Langeweile verfallen«. Sie fuhr nach ihrer Art fort; Bazaroff brummte, aber gerade deshalb, weil das Leben »wie auf Eisenbahnschienen« rollte, schien es ihm und Arkad so angenehm. Übrigens war seit ihrer Ankunft eine bemerkenswerte Änderung mit ihnen vorgegangen. Bazaroff, den Frau Odinzoff sichtlich bevorzugte, obgleich sie selten seiner Meinung war, zeigte nachgerade eine an ihm ungewohnte Aufregung; er brauste leicht auf, sprach ungern, sah oft verdrießlich aus und konnte nirgends ruhig bleiben, als ob ihn fortwährend etwas umhertrieb. Arkad seinerseits, der sich sofort gesagt hatte, daß er in Frau Odinzoff verliebt sei, überließ sich ohne weiteres einer stillen Schwermut, die ihn durchaus nicht hinderte, sich Katia zu nähern, sondern ihn einigermaßen mit dazu bestimmte. »Sie schätzt mich nicht! Nun wohl! ... aber hier ist ein gutes Geschöpf, das mich nicht von sich stößt,« sagte er zu sich, und sein Herz genoß aufs neue das süße Glück, sich edelmütig zu fühlen, wie er es gegen seinen Vater gewesen war. Katia ahnte dunkel, daß er einigen Trost in ihrem Umgang suchte; sie versagte ihm die wohltuende Befriedigung nicht, welche eine schüchterne und doch vertrauende Freundschaft gewährt, und gab sich selber diesem Gefühl hin. Sie sprachen in Gegenwart der Frau Odinzoff nicht miteinander. Katia wich dem hellsehenden Blick ihrer Schwester gewissermaßen aus, und Arkad konnte, wie's einem Liebenden wohl ansteht, in Gegenwart seiner Flamme für irgend etwas anderes auch nicht die mindeste Aufmerksamkeit haben; behaglich fühlte er sich aber nur in Katias Gesellschaft. Er war so bescheiden, sich nicht für würdig zu halten, Frau Odinzoff zu beschäftigen; er kam aus der Fassung, wenn er mit ihr allein war, und wußte ihr nichts zu sagen; Arkad war zu jung für sie. Bei Katia dagegen fühlte er sich ganz behaglich; er behandelte sie mit Nachsicht, wehrte ihr nicht, ihm die Eindrücke mitzuteilen, welche Musik, Romane, Gedichte und andere »Albernheiten« auf sie machten, ohne zu bemerken oder sich gestehen zu wollen, daß diese »Albernheiten« ihn selber auch beschäftigten. Katia ihrerseits wehrte ihm nicht, den Melancholischen zu spielen. Arkad war es in Katias, Frau Odinzoff in Bazaroffs Gesellschaft wohl ... und deshalb trennten sich, wenn alle vier zusammentrafen, die beiden Paare gewöhnlich nach wenigen Augenblicken wieder, und jedes ging, besonders auf den Spaziergängen, seiner Wege. Katia betete die Natur an, und Arkad liebte sie auch, obgleich ers nicht zu gestehen wagte; Frau Odinzoff war ziemlich gleichgültig dagegen, ganz so wie Bazaroff. Dies fast beständige Getrenntsein der beiden Freunde hatte zur Folge, daß ihr Verhältnis etwas von der früheren Innigkeit verlor. Bazaroff sprach mit Arkad nicht mehr von Frau Odinzoff und kritisierte sogar ihre »aristokratischen Manieren« nicht mehr; er fuhr fort, Katia zu loben, und riet Arkad nur, die sentimentale Richtung, die er an ihr bemerkte, etwas zu mäßigen; aber sein Lob war kurz, sein Rat etwas trocken; er unterhielt sich mit Arkad viel seltener als ehedem ... er vermied ihn sogar; es schien fast, als schäme er sich vor ihm ... Arkad bemerkte das alles ganz wohl; er vertraute es aber niemand.
Der wahre Grund dieser ganzen Veränderung war das Gefühl, welches Frau Odinzoff Bazaroff eingeflößt hatte, ein Gefühl, das ihn quälte und rasend machte, wogegen er sich aber mit verächtlichem Lächeln und zynischen Schimpfworten verwahrt haben würde, wenn sichs jemand hätte beikommen lassen, auch nur von ferne darauf anzuspielen. Bazaroff liebte die Weiber und wußte die Schönheit zu schätzen, aber er erklärte die ideale oder, wie ers hieß, romantische Liebe für eine unverzeihliche Narrheit, für eine Dummheit, und stellte die ritterlichen Gefühle mit physischen Krankheiten und Mißbildungen so ziemlich auf eine Stufe. Oft drückte er sein Erstaunen darüber aus, daß man den Ritter Toggenburg samt allen Minnesängern und Troubadours nicht ins Narrenhaus gesperrt habe ... »Behagt euch ein Weib,« sagte er, »so sucht zu eurem Zweck zu kommen; weist sie euch ab, so lasset sie in Frieden und wendet euch woanders hin; die Erde ist groß genug.« Frau Odinzoff gefiel ihm; die Gerüchte, die über sie umliefen, ihr freies und unabhängiges Wesen, das Wohlwollen, das sie ihm bezeigte, alles schien wie gemacht, ihn zu ermutigen; aber er merkte bald, daß er mit ihr _nicht_ zum Ziele komme, und doch fühlte er zu seinem großen Erstaunen nicht den Mut, sich woanders hinzuwenden. Sobald er an sie dachte, wallte sein Blut; er wäre leicht mit seinem Blut fertig geworden, aber er empfand noch etwas anderes, was er nie zugegeben, etwas, worüber er sich stets lustig gemacht hatte und was seinen Stolz empörte. In seinen Unterhaltungen mit Frau Odinzoff legte er stärker als je seine Verachtung und Geringschätzung für jede Art von Romantik an den Tag, und wenn er mit sich allein war, erkannte er mit finsterm Unmut, daß sich die Romantik seiner selbst bemächtigt hatte. Er floh in die Wälder, durchlief sie im Sturmschritt, brach die Zweige, die ihm in den Weg kamen, und murmelte Verwünschungen über sich und über sie; ein andermal legte er sich in einen Heuschober, schloß die Augen mit Gewalt und versuchte, sich zum Schlafen zu zwingen, was ihm natürlich nicht immer gelang. Er durfte sich nur vorstellen, daß diese keuschen Arme eines Tages seinen Hals umschlingen, diese stolzen Lippen seine Küsse erwidern, diese intelligenten Augen mit Zärtlichkeit, ja mit Zärtlichkeit auf den seinen ruhen würden ... so fühlte er sich vom Schwindel ergriffen, und er vergaß sich einen Augenblick, bis der Unmut von neuem in seinem ganzen Wesen ausbrach.
Er ertappte sich selbst über weibischen Gedanken, als ob der Böse ihn versuchen wollte. Bisweilen schien es ihm, daß mit Frau Odinzoff eine Veränderung vorgegangen sei, daß ihr Gesicht einen andern Ausdruck habe, daß vielleicht ... Aber dann stampfte er plötzlich mit dem Fuß auf den Boden oder bedrohte sich zähneknirschend mit der eigenen Faust.
Dennoch war Bazaroff nicht ganz im Irrtum. Er hatte auf Frau Odinzoffs Phantasie Eindruck gemacht; er beschäftigte sie sehr. Nicht bloß, daß sie sich fern von ihm langweilte oder ihn mit Ungeduld erwartete, sondern seine Ankunft belebte sie plötzlich, sie war gern mit ihm allein und hatte Gefallen an seiner Unterhaltung, selbst wenn er ihr widersprach oder gegen ihre eleganten Gewohnheiten und Neigungen verstieß. Sie schien sich selber dadurch kennen lernen zu wollen, daß sie ihn auf die Probe stellte.
Eines Tages, als er im Garten mit ihr spazierenging, kündigte er ihr kurz und barsch seine nah bevorstehende Abreise auf das Landgut seines Vaters an ... Sie erbleichte, als ob sie einen Stich ins Herz erhalten hätte, und ihre Aufregung war so lebhaft, daß sie selbst darüber erstaunt war; sie verlor sich in Gedanken darüber, was das bedeuten könne. Bazaroff hatte ihr von seiner Abreise durchaus nicht deshalb gesprochen, um sie auf die Probe zu stellen und zu sehen, wie sie sich dabei benähme; er war nicht der Mann, um jemals zu solchen Mitteln, zu Lügen, seine Zuflucht zu nehmen. Der Verwalter seines Vaters, sein ehemaliger Gouverneur Timofeitsch, hatte ihn frühmorgens besucht. Dieser Timofeitsch, ein gewandter, schlauer Alter, mit gelbschimmernden Haaren, luftgerötetem Gesicht und kleinen tränenden Augen, war unerwartet zu ihm gekommen, in einer Jacke von grobem blauem Tuch mit Ledergürtel und geschmierten Stiefeln.
»Ah! guten Morgen, Alter!« rief Bazaroff.
»Guten Morgen, Väterchen Eugen Wassilitsch,« sagte der Greis mit freundlichem Lächeln, das sein ganzes Gesicht mit kleinen Runzeln durchzog.
»Was führt dich her? Suchst du mich?«
»Wie könnt Ihr das glauben?« stammelte Timofeitsch (Bazaroffs Vater hatte ihm ausdrücklich befohlen, nicht merken zu lassen, daß er ihn schickte). »Ich hatte für den Herrn Kommissionen in der Stadt zu besorgen, und da ich hörte, daß Ihr da seid, machte ich den kleinen Umweg, um Euer Ehren zu sehen. Ich wäre Euch sonst nicht lästig gefallen!«
»Geh, lüg nicht!« antwortete Bazaroff. »Das Dorf liegt durchaus nicht auf deinem Weg.« -- Timofeitsch wandte sich etwas zur Seite, ohne zu antworten.
»Ist mein Vater wohl?«
»Gott Lob und Dank, es geht ihm gut.«
»Und meine Mutter?«
»Arina Vlassiewna ebenfalls, Gott sei gelobt.«
»Sie erwarten mich, nicht wahr?«
Der Alte neigte seinen Kopf auf die Seite.
»Ach, Eugen Wassilitsch, wie sollten sie Euch nicht erwarten? Glaubt mir, das Herz blutet einem, wenn man Eure Eltern ansieht ...«
»'s ist, 's ist gut, keine Schilderungen! sag ihnen, daß ich bald komme!«
»Ich werde nicht ermangeln,« antwortete Timofeitsch mit einem Seufzer. Vor dem Hause zog er seine Mütze mit beiden Händen über die Ohren, stieg auf ein kleines Fuhrwerk, das er vor dem Tore gelassen hatte, und fuhr in kurzem Trab davon, aber nicht in der Richtung der Stadt.
Am Abend desselben Tages saß Frau Odinzoff mit Bazaroff im Salon, während Arkad auf und ab ging und Katia zuhörte, die Klavier spielte. Die Fürstin war auf ihr Zimmer gegangen; sie konnte die Besuche nicht leiden, und namentlich nicht diese hergelaufenen Burschen neuesten Datums, wie sie sie nannte. Solange sie sich im Salon befand, war ihre Laune noch erträglich; aber vor ihrer Kammerfrau überließ sie sich solchen Zornausbrüchen, daß ihre Haube und ihre Haartour auf dem Kopfe tanzten. Frau Odinzoff wußte es.
»Wie können Sie daran denken, abzureisen?« sagte sie zu Bazaroff; »und Ihr Versprechen?«
Bazaroff zitterte ...
»Welches Versprechen?«
»Haben Sie's vergessen? Sie wollten mich ein wenig in der Chemie unterrichten.«
»Unglücklicherweise erwartet mich mein Vater. Ich kann unmöglich länger zögern. Übrigens brauchen Sie ja nur Pelouse und Fremys ›Anfangsgründe der Chemie‹ zu lesen, das ist ein gutes Buch und leicht zu verstehen. Sie werden dort alles finden, was Sie wissen wollen.«
»Sie haben mir aber doch vor wenigen Tagen selbst gesagt, daß ein Buch nie an die Stelle ... ich erinnere mich nicht mehr des Ausdrucks, dessen Sie sich bedient haben, aber Sie wissen schon, was ich sagen will ...; nicht wahr?«
»Wie soll ichs machen?« antwortete Bazaroff.
»Warum abreisen?« fragte Frau Odinzoff mit gedämpfter Stimme.
Er sah sie an, sie lag zurückgelehnt in ihrem Sessel, die bis zum Ellenbogen bloßen Arme über die Brust gekreuzt. Das Licht der mit einem Schirm von ausgeschnittenem Papier bedeckten Lampe machte sie noch bleicher. Ein langes weißes Kleid umhüllte sie mit kleinen weichen Falten; kaum sah man die Spitzen ihrer Füße, welche sie ebenfalls übereinandergeschlagen hatte.
»Und warum soll ich bleiben?« antwortete Bazaroff.
Frau Odinzoff wandte ein wenig den Kopf.
»Wie, warum? Gefällt es Ihnen hier nicht? Denken Sie, daß man Sie hier nicht vermissen wird?«
»Ich zweifle.«
»Sie haben unrecht, so zu denken,« antwortete Frau Odinzoff nach kurzem Schweigen. »Übrigens glaube ich Ihnen nicht. Sie können das unmöglich im Ernste meinen.« -- Bazaroff blieb immer unbeweglich. -- »Eugen Wassilitsch, warum antworten Sie nicht?«
»Was soll ich Ihnen sagen? Niemand ist wert, daß man ihn vermißt, und ich noch weniger als ein anderer.«
»Warum das?«
»Ich bin ein nüchterner, uninteressanter Mensch, ich verstehe nicht, liebenswürdig zu sein.«
»Sie wollen Komplimente haben?«
»Das ist nicht meine Art; wissen Sie nicht selber, daß die elegante Seite des Lebens, gerade die, auf welche Sie so großen Wert legen, mir fremd ist?«
Frau Odinzoff biß in ihr Taschentuch.
»Denken Sie, was Sie wollen, aber ich werde mich langweilen, wenn Sie fort sind.«
»Arkad bleibt,« sagte Bazaroff. Frau Odinzoff zuckte ein wenig die Achseln.
»Ich werde mich langweilen,« wiederholte sie.
»Wahrhaftig? Nun, Sie werden sich nur kurze Zeit langweilen.«
»Woraus schließen Sie das?«
»Sie haben mir selbst gesagt, daß, um sich gelangweilt zu fühlen, Sie in Ihren Gewohnheiten gestört werden müßten. Ihr Leben ist so vollkommen geregelt, daß es weder der Langeweile, noch dem Kummer, noch sonst einem schmerzlichen Gefühl Raum gibt.«
»Sie finden, daß ich ganz ... oder wenigstens, daß mein Leben sehr geregelt und geordnet ist?«
»Gewiß! Da wird es z. B. in wenig Minuten zehn Uhr schlagen, und ich weiß zum voraus, daß Sie mich dann wegschicken.«
»Nein, ich werde Sie nicht wegschicken, Sie können bleiben. Öffnen Sie das Fenster, es scheint mir zum Ersticken heiß.«
Bazaroff stand auf und öffnete das Fenster. Es ging plötzlich und mit Geräusch auf. Er hatte nicht gedacht, daß es sich so leicht öffnen würde, denn seine Hände zitterten. Die weiche, laue Nacht mit ihrem dunkeln Himmel wurde sichtbar, und das leise Rauschen der Bäume mischte sich mit dem stärkenden Hauch einer frischen, reinen Luft.
»Lassen Sie den Vorhang herab und setzen Sie sich,« fuhr Frau Odinzoff fort, »ich möchte vor Ihrer Abreise mit Ihnen plaudern. Erzählen Sie mir etwas aus Ihrem Leben; Sie sprechen nie von sich selbst.«
»Ich versuche, von nützlichen Dingen mit Ihnen zu sprechen.«
»Sie sind bescheiden ... indessen möchte ich gerne etwas von Ihnen, Ihrer Familie und Ihrem Vater hören, dem zulieb Sie uns verlassen wollen.«
»Warum sagt sie mir dies alles?« fragte sich Bazaroff. »Das alles«, setzte er laut hinzu, »würde Sie sehr wenig interessieren. Gerade Sie; wir sind kleine Leute.«
»Ich bin also Ihrer Ansicht nach eine Aristokratin?«
Bazaroff blickte Frau Odinzoff an.
»Ja,« sagte er mit starkem Nachdruck.
Sie lächelte.
»Ich sehe, Sie kennen mich schlecht,« erwiderte sie; »obgleich Sie behaupten, daß alle Naturen gleich sind, und daß man sich nicht die Mühe zu geben brauche, sie einzeln zu studieren. Ich erzähle Ihnen vielleicht einmal mein Leben ... aber zuerst müssen Sie mir das Ihrige erzählen.«
»Sie sagen, ich kenne Sie schlecht,« antwortete Bazaroff. »Das ist möglich; vielleicht ist jeder Mensch wirklich ein Rätsel. Um z. B. von Ihnen zu sprechen, so fliehen Sie die Gesellschaft, sie ermüdet Sie; und doch laden Sie sich zwei Studenten ein. Warum wohnen Sie, schön und gescheit wie Sie sind, auf dem Lande?«
»Wie, was haben Sie da gesagt?« erwiderte Frau Odinzoff lebhaft, »ich bin ... schön ...«
Bazaroff zog die Brauen zusammen.
»Das tut nichts zur Sache,« antwortete er nicht ohne Verwirrung, »ich wollte sagen, ich begreife nicht, warum Sie Ihren Wohnsitz auf dem Lande aufgeschlagen haben.«
»Sie begreifen es nicht, und doch erklären Sie sichs auf die eine oder andere Art?«
»Ja, ich nehme an, daß Sie auf der Stelle bleiben, weil Sie verwöhnt sind, weil Sie den Komfort lieben und weil Ihnen alles übrige höchst gleichgültig ist.«
Frau Odinzoff lächelte von neuem.
»Sie wollen also durchaus nicht zugeben, daß ich fähig sei, mich von meiner Einbildungskraft leiten zu lassen?«
»Aus Neugierde vielleicht,« antwortete Bazaroff, indem er sie von unten herauf anblickte, »aber anders nicht.«
»Wahrhaftig, nun begreife ich, warum wir uns so gut verstehen. Sie sind mir in dieser Beziehung ganz und gar ähnlich.«
»Wir uns verstehen? ...« wiederholte Bazaroff dumpf.
»Im Grunde, ja! Ich hatte vergessen, daß Sie abreisen wollen.«
Bazaroff erhob sich, die Lampe brannte schwach inmitten des halbdunkeln, von Wohlgeruch erfüllten Zimmers. Der Vorhang hob sich von Zeit zu Zeit und ließ die wollüstige Frische und die geheimnisvollen Laute der Nacht ins Zimmer dringen. Frau Odinzoff saß vollkommen unbeweglich; aber nach und nach bemächtigte sich ihrer eine geheime Aufregung, die auch Bazaroff ergriff. Es kam ihm plötzlich zum Bewußtsein, daß er sich mit einer schönen und jungen Frau allein befand ...
»Wohin?« fragte sie gedehnt.
Er antwortete nicht und sank auf seinen Sessel zurück.
»Also halten Sie mich für glücklich, verwöhnt vom Schicksal,« fuhr sie im selben Tone fort, die Augen auf das Fenster gerichtet. »Und ich weiß im Gegenteil, daß ich das Recht habe, mich für sehr unglücklich zu halten.«
»Sie unglücklich? Wieso? Wärs möglich, daß Sie gegen dummen Klatsch empfindlich wären?«
Über Frau Odinzoffs Gesicht zog eine Wolke des Mißvergnügens. Es verdroß sie, so schlecht verstanden worden zu sein.
»Dieser Klatsch kann mich nicht einmal lachen machen, Eugen Wassilitsch, und ich bin zu stolz, um davon verwundet zu sein. Ich bin unglücklich, weil das Leben ... nichts hat, was mich reizt, was mich anzieht. Sie sehen mich zweifelnd an, Sie sagen sich: ›Da sitzt eine mit Spitzen bedeckte Aristokratin in ihrem Samtsessel und spricht so?‹ Ich leugne es nicht, ich liebe das, was Sie Komfort nennen, und doch liegt mir nichts am Leben. Vereinigen Sie diese Widersprüche, wie Sie wollen; übrigens müssen Sie all das für Romantik halten.«
»Sie sind gesund, unabhängig, reich,« erwiderte Bazaroff mit Kopfschütteln, »was wollen Sie mehr?«
»Was ich will?« sagte Frau Odinzoff seufzend; »ich fühle mich sehr müde, ich bin alt; es scheint mir, daß ich schon seit langer, langer Zeit lebe. Ja, ich bin alt,« wiederholte sie und zog langsam die Enden ihrer Mantille über die bloßen Arme. Ihre Augen begegneten denen Bazaroffs, und sie errötete ein wenig.
»Ich habe schon so viele Erinnerungen hinter mir; ein glänzendes Leben in Petersburg; dann die Armut, dann den Tod meines Vaters, meine Ehe, meine Reise durch Deutschland ... und all das, was danach kam ... wieviel Erinnerungen, und keine, bei der man verweilen möchte! und vor mir ein langer Weg, und kein Ziel und Zweck ... auch habe ich keine Lust, weiterzugehen.«
»Das Leben hat keinen Reiz mehr für Sie?« fragte Bazaroff.
»Das nicht,« antwortete Frau Odinzoff nach kurzem Besinnen, »aber es hat mir keine Befriedigung gewährt. Es scheint mir, daß, wenn ich mich mit Macht an etwas anklammern könnte ...«
»Sie möchten lieben,« antwortete Bazaroff ... »und Sie könnens nicht. Das ist Ihr ganzes Unglück!«