Väter und Söhne

Part 8

Chapter 83,408 wordsPublic domain

In einen Lehnstuhl hingestreckt, die Hände übereinandergelegt, hörte Madame Odinzoff Bazaroff zu. Gegen seine Gewohnheit war dieser ziemlich redselig und sichtlich bestrebt, Anna Sergejewna zu interessieren. Dies war Arkad sehr auffallend; aber es wäre ihm unmöglich gewesen, zu entscheiden, ob es Bazaroff gelungen war oder nicht. Was Frau Odinzoff auch empfinden mochte, ihre Gefühle malten sich nicht deutlich in ihrem Gesicht; sie bewahrte stets denselben liebenswürdigen und feinen Ausdruck. Ihre schönen, klugen Augen waren immer aufmerksam; aber diese Aufmerksamkeit steigerte sich nie bis zur Lebhaftigkeit. Das ungewöhnliche Wesen Bazaroffs hatte ihr im Beginn der Unterhaltung einen unangenehmen Eindruck gemacht, etwa wie ein übler Geruch oder ein schriller Ton; aber sie merkte bald, daß er befangen war, und diese Entdeckung schmeichelte ihr. Nur Trivialität war ihr unerträglich, und trivial war an Bazaroff sicher nichts. Es stand geschrieben, daß Arkad heute von einem Erstaunen ins andere geraten sollte. Er dachte, Bazaroff werde mit einem so intelligenten und geistreichen Weibe wie Frau Odinzoff von seinen Überzeugungen und Ansichten reden; sie hatte zum voraus den Wunsch ausgesprochen, mit einem Manne zu plaudern, »der nichts zu glauben wage«; statt dessen unterhielt sie Bazaroff von Medizin, Homöopathie und Botanik. Frau Odinzoff hatte die freien Stunden der Einsamkeit benützt, sie hatte manch gutes Buch gelesen und sprach ein sehr reines Russisch. Als sie mit einigen Worten die Musik berührte, bemerkte sie, daß Bazaroff kein Verehrer der Künste war, und so kam sie allmählich wieder auf die Botanik zurück, obschon sich Arkad zu einer Abhandlung über die Nationalmelodien verstiegen hatte. Madame Odinzoff fuhr fort, ihn wie einen jungen Bruder zu behandeln; sie schien an ihm die Güte und den Freimut der Jugend zu schätzen, weiter nichts.

Dieses ruhige, wechselnde und lebhafte Geplauder dauerte fast drei Stunden lang.

Die beiden Freunde erhoben sich endlich und machten Anstalt zu gehen. Madame Odinzoff bot dem einen wie dem andern auf das anmutigste ihre schöne weiße Hand und sagte ihnen nach kurzem Besinnen mit einem unentschiedenen, aber wohlwollenden Lächeln: »Wenn Sie, meine Herren, die Langeweile nicht fürchten, so besuchen Sie mich in Nikolskoi.«

»Können Sie glauben,« rief Arkad, »daß ich mich nicht überglücklich fühlen würde ...«

»Und Sie, Herr Bazaroff?«

Bazaroff beschränkte sich darauf, sich zu verneigen, und Arkad hatte noch einmal Gelegenheit zu einer letzten, ihn höchlich überraschenden Wahrnehmung: er bemerkte, daß sein Freund rot wurde.

»Nun,« fragte er ihn auf der Straße, »denkst du immer noch, sie sei ... hm, hm?«

»Wer weiß! Sie hält sich so zugeknöpft,« erwiderte Bazaroff, hielt einen Augenblick inne und setzte dann hinzu: »Eine wahre Herzogin, eine Fürstin! Es fehlt ihr nur eine Krone auf dem Kopf und eine Schleppe am Kleid.«

»Unsere Herzoginnen sprechen das Russische nicht so wie sie,« sagte Arkad.

»Sie hat eine schwere Schule durchgemacht, mein Lieber, sie hat dasselbe Brot gegessen wie wir.«

»Darum ist sie aber nicht weniger entzückend,« fügte Arkad hinzu.

»Ein herrlicher Körper!« erwiderte Bazaroff, »welch Prachtexemplar für einen Sektionstisch!«

»Schweig ums Himmels willen, Eugen! Du bist ein abscheulicher Mensch!«

»Sei nicht böse, zarte Seele! Ich geb ja zu, daß sie Primaqualität ist. Wir müssen sie besuchen.«

»Wann?«

»Übermorgen, wenn du willst. Was haben wir denn hier zu tun? Champagner trinken mit der Kukschin? Die Beredsamkeit deines Vetters, des liberalen Würdenträgers, bewundern? Machen wir uns übermorgen auf den Weg. Um so mehr, als das Nest meines Vaters ganz nahe dabei ist. Nikolskoi ist doch auf dem Weg nach D...?«

»Ja.«

»~Optime!~ Man muß keine Zeit verlieren. Nur Schwachköpfe verlieren ihre Zeit ... Das ist ein herrlicher Körper! Den Bissen laß ich nicht fahren.«

Drei Tage später fuhren die beiden Freunde auf der Hauptstraße nach Nikolskoi dahin. Der Tag war schön, die Hitze mäßig, und die Pferde, von dem Kutscher, der sie führte, gut gefüttert, wedelten mit den kurzen geflochtenen und aufgebundenen Schweifen. Arkad blickte auf den Weg und lächelte, ohne zu wissen warum.

»Gratuliere mir,« rief plötzlich Bazaroff, »es ist heute der 22. Juni, der Tag meines Schutzheiligen. Wir wollen sehen, ob er sich für mich interessiert. Man erwartet mich heute daheim,« setzte er mit leiserer Stimme hinzu ... »Um so schlimmer, sie werden vergeblich warten! Das ist kein großes Malheur!«

Sechzehntes Kapitel

Das Haus, welches Frau Odinzoff bewohnte, lag auf einem offenen kleinen Hügel in der Nähe einer steinernen Kirche mit grünem Dach und weißen Säulen, in deren Giebel ein Freskogemälde in italienischem Stil, eine Auferstehung, prangte. Ein dicker, sonnverbrannter Kriegsknecht, der, mit einem Panzerhemde angetan, im Vordergrund lag, erregte die Bewunderung der Bauern am meisten. Hinter der Kirche dehnten sich zwei Reihen Bauernhäuser aus, deren Schornsteine da und dort über die Strohdächer emporragten. Das Herrschaftshaus war im gleichen Stil wie die Kirche gebaut, in dem bei uns unter dem Namen des alexandrinischen bekannten; es war auch gelb angestrichen, hatte ebenfalls ein grünes Dach, weiße Säulen und einen mit einem Wappen bemalten Giebel. Der Gouvernementsbaumeister hatte die beiden klassischen Gebäude zur großen Zufriedenheit des Herrn Odinzoff gebaut, der die nichtsnutzigen, willkürlich ersonnenen Neuerungen, wie er zu sagen pflegte, nicht leiden konnte. Das Haus war von den Bäumen des alten Gartens umgeben; eine Allee von steifgeschnittenen Tannen führte nach dem Haupttor.

Die jungen Leute fanden im Vorzimmer zwei große Livreebediente, deren einer sofort den Hausmeister rufen ging. Dieser, ein dicker Mann in schwarzem Frack, erschien auf der Stelle und führte die Gäste über eine mit Teppichen belegte Treppe in ein geräumiges Zimmer, wo sich bereits zwei Betten und die nötigen Toilettengegenstände befanden. Das Haus war sichtlich gut gehalten; überall herrschte Reinlichkeit, und man atmete etwas wie den offiziellen Duft in den Empfangssalons der Ministerien.

»Anna Sergejewna läßt Sie bitten, in einer halben Stunde herunterzukommen,« sagte der Haushofmeister; »haben Sie für den Augenblick noch etwas zu befehlen?«

»Gar nichts, würdiger Diener!« antwortete Bazaroff, »es wäre denn, daß sie geruhten, uns ein Gläschen Schnaps bringen zu lassen.«

»Sehr wohl,« sagte der Haushofmeister etwas erstaunt und entfernte sich mit knarrenden Stiefeln.

»Das hat Genre!« sagte Bazaroff, »so nennt mans ja doch wohl bei euch Adeligen? Sie ist eine Großherzogin, ich muß es immer wieder sagen.«

»Eine famose Großherzogin!« sagte Arkad, »die nur so ohne weiteres zwei Aristokraten unseres Schlags zu sich einladet.«

»Einen Aristokraten wie mich besonders, einen künftigen Doktor, Sohn eines Doktors und Enkel eines Küsters! Denn, ich weiß nicht, ob ich dirs jemals gesagt habe, ich bin der Enkel eines Küsters ... wie Speranski[24],« fügte Bazaroff nach kurzem Schweigen halblaut hinzu. »Immerhin ist die werte Dame ein verwöhntes Glückskind; ja und wie verwöhnt! Müssen wir nicht gar den Frack anziehen?«

Arkad begnügte sich mit einem Achselzucken ... aber im Grunde fühlte er sich ebenfalls ein wenig eingeschüchtert. Eine halbe Stunde nachher gingen Bazaroff und er in den Salon hinab. Es war ein weites, hohes Zimmer, ziemlich reich verziert, aber ohne viel Geschmack. Die schweren, kostbaren Möbel, die mit herkömmlicher Regelmäßigkeit an den Wänden entlang standen, waren mit braunem, goldgesticktem Stoff überzogen. Herr Odinzoff hatte sie durch Vermittlung eines seiner Freunde, eines französischen Weinhändlers, von Moskau kommen lassen. Über dem Mittelsofa hing das Porträt eines blonden Mannes mit aufgedunsenem Gesicht, der die Besucher ziemlich bös anzublicken schien ... »Das muß der Selige sein,« flüsterte Bazaroff seinem Freund ins Ohr und fügte mit Nasenrümpfen hinzu: »Wie wärs, wenn wir wieder aufpackten.« In diesem Augenblicke aber trat die Herrin des Hauses ein. Sie trug ein leichtes Baregekleid; ihre Haare waren glatt hinters Ohr gestrichen, eine Art Coiffüre, die im Verein mit der Frische und Reinheit des Gesichts ihr das Aussehen eines jungen Mädchens gab.

»Ich danke Ihnen, daß Sie mir Wort halten,« sagte sie; »ich hoffe, Sie werden nicht so bald wieder fortgehen. Sie werden sehen, es lebt sich hier nicht schlecht. Ich werde Sie mit meiner Schwester bekannt machen, sie spielt sehr gut Klavier. Das wird Ihnen nicht sehr gefallen, Herr Bazaroff; aber Sie, Herr Kirsanoff, ich glaube Sie lieben die Musik. Außer meiner Schwester haben wir noch eine alte Tante hier, und einer unserer Nachbarn kommt manchmal zu einer kleinen Spielpartie; wir sind unserer nicht viele, wie Sie sehen. Nun, setzen wir uns, wenns gefällig ist.«

Dieser kleine »~Speech~« wurde mit vollendeter Leichtigkeit vorgetragen. Frau Odinzoff schien ihn auswendig gelernt zu haben. Sie fing sofort eine Unterhaltung mit Arkad an. Es ergab sich, daß ihre Mutter eine genaue Bekannte von Arkads Mutter gewesen war, und daß diese noch als junges Mädchen sie zur Vertrauten ihrer Liebe zu Nikolaus Petrowitsch gemacht hatte. Arkad sprach mit Begeisterung von seiner Mutter; während er so plauderte, blätterte Bazaroff in einem Album.

»Wie ich zahm geworden bin!« sagte er zu sich selbst.

Ein hübsches Windspiel mit hellblauem Halsband lief in das Zimmer, seine Klauen klappten auf dem Fußboden; gleich darauf erschien ein junges Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren, braun, mit dunkeln Augen und schwarzen Haaren; ihr nicht sehr regelmäßiges Gesicht hatte doch etwas Angenehmes, sie hielt ein mit Blumen gefülltes Körbchen in der Hand.

»Das ist meine Katia,« sagte Frau Odinzoff, mit dem Kopf nach ihrer Schwester hinwinkend.

Das junge Mädchen setzte sich leicht an ihre Seite und fing an, die Blumen zu ordnen. Das Windspiel, das Fifi hieß, näherte sich den beiden Gästen nacheinander, wedelte mit dem Schwanz und drückte seine kalte Nase an ihre Hand an.

»Hast du das alles selbst gepflückt?« fragte Frau Odinzoff.

»Ja,« sagte Katia.

»Wird die Tante zum Tee kommen?«

»Sie wird sogleich erscheinen.«

Im Sprechen lächelte Katia mit einem schüchternen, aber offenen Ausdruck des Gesichts, wobei sie mit einer Art anmutiger Herbheit von unten nach oben blickte. Alles an ihr atmete die Frische der Jugend: die Stimme, der leichte Flaum ihres Gesichts, die rosigen Hände, deren innere Fläche mit weißlichen Ringen bedeckt war, und ihre etwas schmalen Schultern. Sie errötete beständig und atmete tief und rasch.

Frau Odinzoff wandte sich zu Bazaroff:

»Es geschieht aus lauter Artigkeit,« sagte sie zu ihm, »wenn Sie das Album ansehen, Eugen Wassilitsch! Das kann Sie nicht interessieren. Setzen Sie sich doch zu uns und lassen Sie uns über irgend etwas streiten.«

Bazaroff trat hinzu.

»Sehr gerne, aber worüber wollen Sie streiten?«

»Das gilt mir gleich. Ich sage Ihnen vorher, daß ich den Widerspruch liebe.«

»Sie?«

»Ja. Das scheint Sie zu wundern? Warum das?«

»Weil Sie, soweit ich es beurteilen kann, von kaltem und ruhigem Charakter sind; zum Streiten gehört die Eigenschaft, sich hinreißen zu lassen.«

»Wie haben Sie's gemacht, mich in so kurzer Zeit kennen zu lernen? Sie müssen vor allem wissen, daß ich ungeduldig und hartnäckig bin; fragen Sie nur Katia. Und dann lasse ich mich sehr leicht hinreißen.«

Bazaroff blickte Frau Odinzoff schweigend an.

»Es kann sein,« antwortete er, »Sie müssen es besser wissen als ich. Sie wollen also durchaus streiten? Wohlan. Jetzt eben hab ich in Ihrem Album die Ansichten der Sächsischen Schweiz betrachtet, und Sie haben mir gesagt, daß mich das nicht interessieren könne. Sie sagten dies, weil Sie voraussetzen, daß ich keinen Kunstsinn habe, und Sie täuschen sich nicht; aber diese Ansichten können mich recht gut von einem geologischen Standpunkt aus, vom Standpunkt der Bergformation zum Beispiel, interessieren.«

»Das gebe ich nicht zu; als Geolog müßten Sie eher zu einem Buche Ihre Zuflucht nehmen, zu einem fachwissenschaftlichen Werk, nicht zu Zeichnungen.«

»Eine Zeichnung stellt mir das mit einmal vor die Augen, was zehn Seiten Beschreibung in einem Buche erfordert.«

Frau Odinzoff antwortete nichts.

»Sie haben also keinen Kunstsinn,« hob sie wieder an und lehnte den Arm auf den Tisch, so daß sich ihr Gesicht dem Bazaroffs näherte. »Wie machen Sie's, um denselben missen zu können?«

»Wozu ist er gut, wenn ich fragen darf?«

»Wärs auch nur, um die Menschen studieren zu lernen.«

Bazaroff lächelte.

»Erstens«, fuhr er fort, »erreicht man das durch die Lebenserfahrung, und zweitens muß ich Ihnen sagen, daß ichs durchaus nicht für notwendig halte, jedes Individuum besonders kennen zu lernen. Alle Menschen gleichen sich, ebenso dem Leib als der Seele nach; jeder von uns hat ein Gehirn, ein Herz, eine Milz, Lungen, alles gleich gebaut. Die Eigenschaften, welche man »moralische« nennt, sind ebenfalls identisch bei allen Menschen; sie zeigen nur unbedeutende Unterschiede. Ein einziges Menschenexemplar genügt, um alle andern zu beurteilen. Die Menschen sind wie die Birken des Waldes; keinem Botaniker wird es einfallen, jedes Muster besonders zu studieren.«

Katia, welche ihre Blumen langsam eine nach der andern ordnete, richtete die Augen erstaunt auf Bazaroff, wurde aber, als sie seinem unbefangenen, kühnen Blick begegnete, rot bis über die Ohren. Frau Odinzoff schüttelte den Kopf.

»Die Birken des Waldes!« wiederholte sie; »so ist also Ihrer Ansicht nach kein Unterschied zwischen einem dummen und einem geistreichen Menschen, zwischen Guten und Bösen?«

»O ja! wie zwischen einem gesunden und einem kranken Menschen. Die Lungen eines Schwindsüchtigen sind nicht in dem gleichen Zustande wie bei Ihnen oder bei mir, obgleich ihr Bau der gleiche ist. Die Gründe gewisser physischer Krankheiten kennen wir annähernd; was die moralischen Krankheiten betrifft, so kommen sie von schlechter Erziehung, von all den verschiedenen Dummheiten her, womit man uns die Köpfe vollpfropft, mit einem Wort, von dem unvernünftigen Zustand unseres sozialen Rechts. Reformieren Sie die Gesellschaft, und es gibt keine Krankheiten mehr!«

Bazaroff sprach diese Worte mit einem Ausdruck, als wollte er sagen: glauben Sie mir oder nicht, das ist mir vollkommen gleichgültig. Er fuhr sich mit seinen langen Fingern langsam durch den Bart, und seine Blicke schweiften von einer Seite des Zimmers auf die andere.

»Und Sie glauben,« nahm Frau Odinzoff das Wort, »daß, wenn die Gesellschaft reformiert ist, es weder Dumme noch Böse mehr geben wird?«

»Das ist jedenfalls sicher, daß es, wenn die Gesellschaft einmal vernünftig organisiert ist, vollkommen gleich sein wird, ob ein Mensch dumm oder gescheit, gut oder böse ist.«

»Ja, ich verstehe; sie werden alle die gleiche Milz haben.«

»Ganz richtig, Madame.«

Frau Odinzoff kehrte sich zu Arkad herum.

»Was denken Sie davon?« fragte sie ihn.

»Ich teile Eugens Meinung,« erwiderte dieser.

Katia sah ihn von unten herauf an.

»Sie setzen mich in Erstaunen, meine Herren,« sagte Frau Odinzoff; »aber wir werden auf all das zurückkommen. Ich erwarte meine Tante, die zum Tee kommt, man muß die alten Leute schonen.«

Anna Sergejewnas Tante, die Fürstin N..., eine kleine, hagere Alte mit ganz vertrocknetem Gesicht und strengen, starren Augen, trat ins Zimmer, grüßte die beiden jungen Männer kaum und ließ sich in einem weiten Samtfauteuil nieder, der ausschließlich für sie bestimmt war. Katia setzte ihr eine Fußbank unter die Füße; die Alte dankte nicht einmal mit dem Blick; sie bewegte ein wenig die Hände unter dem gelben Schal, der ihren dürren Leib beinahe ganz bedeckte. Die Fürstin liebte das Gelb; sie hatte auch goldgelbe Bänder auf der Haube.

»Wie hast du geschlafen, Tante?« fragte Frau Odinzoff mit erzwungener Freundlichkeit.

»Der Hund ist noch da,« antwortete die Alte mürrisch; und als sie bemerkte, daß Fifi ängstlich ein paar Schritte auf sie zu tat, schrie sie: »Geh fort, geh fort!«

Katia rief Fifi und öffnete die Tür. Der Hund sprang auf ihren Ruf lustig herbei, da er glaubte, es handle sich um einen Spaziergang; als er sich aber vor der Tür draußen allein sah, fing er an zu scharren und zu kläffen. Die Fürstin runzelte die Stirn; Katia stand im Begriff, hinauszugehen ...

»Der Tee wird fertig sein,« sagte Frau Odinzoff; »kommen Sie, meine Herren! Tante, willst du zum Tee kommen?«

Die Fürstin erhob sich schweigend und trat zuerst in den Speisesaal. Ein kleiner Bedienter in Kosakentracht schob mit Geräusch einen mit Kissen belegten Lehnstuhl an die Tafel, und die Fürstin nahm darin Platz; Katia, deren Amt es war, den Tee einzuschenken, bediente sie zuerst in einer mit ihrem Wappen geschmückten Tasse. Die Alte versüßte ihren Tee mit Honig (sie hätte geglaubt, eine Sünde zu begehen, wenn sie Zucker[25] dazu genommen hätte, und zudem war ihrer Ansicht nach der Zucker zu teuer: doch kostete sie ihr Unterhalt keine Kopeke). Gleich darauf fragte sie mit heiserer Stimme:

»Was sagt der Fürst Iwan in seinem Briefe?«

Niemand antwortete ihr, und die jungen Männer merkten bald, daß man sich trotz all der Ehrenbezeigungen nicht viel um sie kümmerte. »Man hält sie als Schaustück hier ... Eine Fürstin ... das macht sich gut in einem Salon,« dachte Bazaroff. Nach dem Tee schlug Frau Odinzoff einen Spaziergang vor; es fing jedoch ein wenig zu regnen an, und die ganze Gesellschaft, die Fürstin ausgenommen, begab sich in den Salon zurück. Der Nachbar, der eine Partie Karten liebte, kam; er hieß Porphyr Platonitsch; ein kleiner Mann mit dickem Bauch und kahlem Kopf, dessen kurze Beine wie auf der Drehbank gemacht aussahen, im übrigen ein liebenswürdiger, heiterer Mann. Anna Sergejewna, welche fast beständig mit Bazaroff sprach, fragte ihn, ob er sich nicht mit ihnen in dem alten Kartenspiel »Preference« messen wollte. Bazaroff willigte mit der Bemerkung ein, daß er sich auf die Funktionen eines Landdoktors einüben müsse.

»Nehmen Sie sich in acht,« sagte Frau Odinzoff, »wir werden Ihnen Ihren Meister zeigen. Du, Katia,« setzte sie hinzu, »spiele Arkad Nikolajewitsch etwas vor. Er liebt die Musik, und wir hören dich auch.«

Katia beeilte sich eben nicht sehr, sich ans Klavier zu setzen, und Arkad, obgleich er die Musik wirklich liebte, folgte ihr widerwillig. Er sagte sich, daß Frau Odinzoff ihn offenbar loszuwerden suchte, und wie alle jungen Leute seines Alters, fühlte er sich von jenem unklaren und fast peinlichen Gefühl erfaßt, welches der Liebe vorausgeht. Katia öffnete das Klavier und fragte Arkad, ohne ihn anzusehen:

»Was soll ich Ihnen spielen?«

»Was Sie wollen,« antwortete Arkad in gleichgültigem Ton.

»Welcher Musik geben sie den Vorzug?« versetzte Katia, ohne sich umzuwenden.

»Der klassischen,« antwortete Arkad im selben Tone.

»Lieben Sie Mozart?«

»Ja.«

Katia nahm jenes Meisters C-Moll-Fantasie mit der Sonate. Sie spielte sehr gut, obgleich ihr Vortrag gemessen und sogar ein wenig trocken war. Sie hielt sich unbeweglich, starr auf die Noten sehend und mit gepreßten Lippen; doch gegen das Ende des Stückes belebte sich ihr Gesicht, und eine kleine Haarflechte, die sich gelöst hatte, fiel auf ihre schwarzen Augenbrauen nieder.

Arkad hörte mit Vergnügen den letzten Teil der Sonate, den, wo mitten in der reizenden Heiterkeit einer glücklichen Melodie plötzlich die Ergüsse eines herben, beinahe tragischen Schmerzes sich vernehmen lassen ...

Aber die Gedanken, welche Mozarts Musik in ihm weckte, bezogen sich keineswegs auf Katia. Bei ihrem Anblick kam ihm nur das eine in den Sinn: »Das junge Mädchen spielt gut und ist nicht übel.«

Als die Sonate zu Ende war, fragte ihn Katia, ohne die Hand von den Tasten zurückzuziehen:

»Ists genug?«

Arkad erwiderte, daß er ihre Güte nicht mißbrauchen wolle, und fing an, von Mozart zu sprechen; er fragte sie, ob sie diese Sonate selbst ausgewählt oder ob sie ihr jemand empfohlen habe. Allein Katia antwortete nur sehr einsilbig; sie hatte sich versteckt, sich sozusagen wieder in ihr Schneckenhaus zurückgezogen. Wenn sie diese Stimmung überfiel, währte es lange, ehe sie die Augen zu heben wagte, und ihre Züge nahmen den Ausdruck von Trotz an; man konnte sie dann für ein kleines, unbedeutendes Mädchen halten. Nicht als ob sie schüchtern gewesen wäre; sie war vielmehr ein wenig scheu gemacht durch ihre Schwester, die, wie wir gesehen, ihre Erziehung überwachte und doch keine Ahnung davon hatte, was in ihr vorging.

Arkad blieb nichts übrig, um seine Haltung zu bewahren, als Fifi, der wieder hereingekommen war, herbeizulocken, dem er gutmütig lächelnd den Kopf streichelte. Katia kehrte zu ihren Blumen zurück.

Bazaroff seinerseits machte Bete auf Bete. Madame Odinzoff spielte ausgezeichnet und auch Porphyr Platonitsch sehr gut. Bazaroff verlor, und obgleich der Verlust klein war, berührte er ihn doch unangenehm. Beim Nachtessen brachte Frau Odinzoff das Gespräch wieder auf Botanik.

»Lassen Sie uns morgen früh spazierengehen!« sagte sie zu ihm; »ich möchte Sie bitten, mir die lateinischen Namen der Feldblumen und ihre Eigenschaften zu nennen.«

»Wozu wollen Sie lateinische Namen lernen?« fragte Bazaroff.

»Es muß in allem Ordnung sein,« antwortete sie.

»Welch bewundernswürdiges Weib, diese Odinzoff!« rief Arkad aus, als er mit seinem Freund auf dem ihnen angewiesenen Zimmer allein war.

»Ja,« antwortete Bazaroff, »es fehlt der Gevatterin nicht an Gehirn, und sie weiß sich auch zu helfen.«

»Wie verstehst du das?«

»Das läßt sich auf zweierlei Art verstehen, mein Bester! Ich bin gewiß, daß sie ihr Vermögen charmant verwaltet. Wenn hier jemand bewundernswürdig ist, so ists ihre Schwester.«

»Wie? Die kleine schwarze Hexe?«

»Ja, die kleine schwarze Hexe; die ist frisch und unberührt und schüchtern und schweigsam; die verdiente, daß man sich mit ihr beschäftigt. Aus dieser Natur könnte man noch machen, was man wollte, während die andere ...«

Arkad gab Bazaroff keine Antwort, und jeder von ihnen legte sich mit seinen eigenen Gedanken schlafen.

Frau Odinzoff dachte diesen Abend auch an ihre Gäste, Bazaroff gefiel ihr durch seine völlige Anspruchslosigkeit und selbst durch sein schneidendes Urteil. Er war für sie noch etwas ganz Neues, und sie war neugierig.