Part 4
»Ich bins,« antwortete Paul und öffnete die Türe. Fenitschka sprang mit dem Kind auf den Armen vom Stuhl auf; schnell gab sie dieses einer Frau, die damit hinausging; sie selbst brachte eilends ihr Brusttuch in Ordnung.
»Verzeihen Sie, wenn ich gestört habe,« sagte Paul, ohne sie anzusehen; »ich wollte nur fragen ... Man schickt -- glaube ich, heute in die Stadt ... Lassen Sie mir doch grünen Tee mitbringen.«
»Wieviel wünschen Sie?« fragte Fenitschka.
»Ein halbes Pfund wird genügen. -- Sie haben ja hier, wenn ich nicht irre, eine Änderung vorgenommen,« fügte er hinzu und warf einen raschen Blick um sich, der Fenitschka streifte; »ich spreche von den Vorhängen,« bemerkte er, da er sah, daß sie ihn nicht verstand.
»Ja. Nikolaus Petrowitsch war so gut, mir ein Geschenk damit zu machen; sie sind aber schon lange da.«
»Es ist aber auch schon lange her, daß ich nicht zu Ihnen gekommen bin. Jetzt sind Sie gut logiert.«
»Dank Nikolaus Petrowitsch,« sagte Fenitschka leise.
»Sind Sie hier besser untergebracht als in Ihrer vorigen Wohnung hinten im Hof?« fragte Paul artig, aber ohne seinem Ernst etwas zu vergeben.
»Gewiß, viel besser.«
»Wer bewohnt jetzt die Zimmer, die Sie im Seitenbau innehatten?«
»Die Wäscherinnen.«
»Oh!«
Paul schwieg. »Jetzt wird er gehen,« dachte Fenitschka; aber er ging nicht, blieb unbeweglich stehen und spielte leicht mit den Fingern.
»Warum haben Sie den Kleinen forttragen lassen?« sagte Paul endlich. »Ich habe die Kinder gern, zeigen Sie ihn mir.«
Fenitschka errötete vor Verlegenheit und Freude. Sie fürchtete Paul; er sprach nur sehr selten mit ihr.
»Duniascha!« rief sie, »bringen Sie Mitia herein (Fenitschka duzte keinen der Dienstboten), aber, nein, warten Sie, man muß ihn erst umkleiden.« Damit wandte sie sich dem Nebenzimmer zu.
»Das ist nicht nötig,« rief ihr Paul nach.
»Es dauert nicht lang,« erwiderte Fenitschka und ging eilends hinaus.
Paul, nun allein, sah sich aufmerksam um. Das kleine Zimmer, in dem er sich befand, war sehr reinlich gehalten. Es roch darin nach Kamille, Melisse und Pfefferminze, vermischt mit einem Geruch von Firnis, denn der Fußboden war neu angestrichen. Die Wände entlang standen Stühle mit lyraförmigen Rücklehnen, die der verstorbene General von seinem letzten Feldzuge in Polen mitgebracht hatte. Hinten im Zimmer stand ein Bett mit Kattunvorhängen; daneben befand sich ein mit eisernen Reifen beschlagener Koffer mit gewölbtem Deckel. In der entgegengesetzten Ecke brannte eine kupferne Lampe vor einem großen und düstern Bild des heiligen Nikolaus; ein kleines porzellanenes Ei hing an einem durch den Heiligenschein geschlungenen roten Bande auf der Brust des Heiligen; auf den Fenstersimsen waren wohlverschlossene Töpfe mit Eingemachtem vom vorigen Jahr aufgestellt. Fenitschka hatte eigenhändig mit großen Buchstaben auf die Papierdecken geschrieben: »Schwarze Johannisbeeren«. Kirsanoff zog diese Konfitüre jeder andern vor. Von der Decke hing an einer langen Schnur ein Vogelkäfig herab; ein grüner Zeisig mit gestutztem Schwanz sang und sprang unaufhörlich darin herum, so daß der Käfig immer hin und her schwankte und Hanfsamenkörner mit leichtem Geräusch auf den Boden niederfielen. An der Wand zwischen den beiden Fenstern hingen über einer Kommode mehrere Photographien von Kirsanoff in verschiedenen Stellungen; ein herumziehender Künstler hatte sie angefertigt. Auch eine Photographie von Fenitschka selbst hing daneben; ein Gesicht ohne Augen, mit gezwungenem Lächeln, hob sich von einem schwarzen Grund ab; mehr konnte man nicht unterscheiden. Über dem letzten Porträt runzelte der General Yermoloff[15] im Tscherkessenmantel die Augenbrauen, nach den Bergen am fernen Horizont hinüberblickend; ein kleiner an demselben Nagel aufgehängter Strang Seide beschattete seine Stirn.
Fast fünf Minuten lang ließ sich aus der benachbarten Kammer ein Geräusch von Tritten und Geflüster hören. Paul nahm einstweilen ein abgenutztes Buch von der Kommode; es war ein einzelner Band von Massalskis Roman »Die Strelitzen«. Er blätterte darin, da ging die Tür auf und Fenitschka, Mitia auf dem Arm, trat ein. Das Kind trug ein rotes, am Kragen galoniertes Hemdchen; seine Mutter hatte ihn gewaschen und gekämmt; er atmete laut, strampelte mit Händen und Füßen, wie gesunde Kinder zu tun pflegen; so klein er war, so wirkte doch die Eleganz seines Anzuges auf ihn, sein vollbackiges Gesichtchen drückte seine Befriedigung aus. Fenitschka hatte ihren eigenen Haarputz nicht vergessen und ein neues Krägelchen angelegt; sie hätte sich übrigens die Mühe sparen können.
Gibt es denn in der Tat etwas Reizenderes in der Welt, als eine junge, schöne Mutter mit ihrem Kind auf dem Arm?
»Welch ein Bursche!« sagte Paul freundlich und streichelte Mitias doppeltes Kinn mit der äußersten Nagelspitze seines Zeigefingers; das Kind betrachtete den Zeisig und fing an zu lachen.
»Das ist dein Onkel,« sagte Fenitschka, neigte den Kopf zum Knaben und schüttelte ihn leicht, während Duniascha eilends ein wohlriechendes Räucherkerzchen auf eine Kupfermünze unter das Fenster stellte.
»Wie alt ist er?« fragte Paul.
»Sechs Monate; seinen siebenten tritt er am elften dieses an.«
»Ist es nicht sein achter, Fedosia Nikolajewna?« wagte Duniascha einzuwenden.
»Nein, sein siebenter, ganz gewiß.«
Das Kind sah den Koffer an, lachte und packte plötzlich mit der ganzen Hand Nase und Lippen seiner Mutter.
»Kleiner Schelm!« sagte Fenitschka und ließ ihn gewähren.
»Er ähnelt meinem Bruder,« sagte Paul.
»Wem als ihm sollte er denn sonst ähnlich sehen?« dachte Fenitschka.
»Ja,« fuhr Paul fort, wie wenn er mit sich selbst gesprochen hätte, »die Ähnlichkeit ist zweifellos.«
Aufmerksam, fast traurig, fing er an, Fenitschka zu betrachten.
»Das ist dein Onkel,« wiederholte sie, diesmal mit kaum hörbarer Stimme.
»Ei, sieh da, Paul, dich suche ich,« rief plötzlich Kirsanoff.
Paul wandte sich rasch um; sein Gesicht zog sich in Falten; allein in dem Antlitz seines Bruders sprach sich so viel Glück und Dankbarkeit aus, daß es ihm unmöglich war, nicht mit einem Lächeln darauf zu antworten.
»Dein Kind ist prächtig,« sagte er und sah auf seine Uhr. »Ich war hereingekommen, um eine Bestellung auf Tee zu machen ...«
Paul nahm wieder sein gewöhnliches, gleichgültiges Wesen an und verließ unverzüglich das Zimmer.
»Ist er von selbst gekommen?« fragte Kirsanoff Fenitschka.
»Ja, er hat geklopft und kam dann herein.«
»Und Arkascha? Ist er seitdem nicht mehr bei dir gewesen?«
»Nein. Wäre es nicht vielleicht besser, ich bezöge mein altes Logis wieder, Nikolaus Petrowitsch?«
»Warum das?«
»Ich glaube, für einige Zeit wäre es gut.«
»Aber ... nein,« gab Kirsanoff stotternd zur Antwort. »Jedenfalls ist es jetzt zu spät ... Guten Morgen, Dicker,« fuhr er mit plötzlicher Lebhaftigkeit fort und küßte das Kind auf die Wange, dann neigte er sich tiefer und drückte seine Lippen auf die Hand, mit der Fenitschka Mitia hielt, und die sich milchweiß von dem roten Hemdchen des Kindes abhob.
»Was machen Sie, Nikolaus Petrowitsch?« flüsterte die junge Frau und schlug die Augen nieder, hob sie jedoch langsam wieder ... Der Ausdruck ihrer Augen war bezaubernd, wenn sie so von unten herauf mit naivem und zärtlichem Lächeln jemand ansah.
Kirsanoff hatte die Bekanntschaft Fenitschkas folgendermaßen gemacht: Drei Jahre zuvor war er genötigt, eine Nacht im Wirtshaus eines kleinen Landstädtchens, ziemlich entfernt von seinem Gut, zuzubringen. Die Reinlichkeit des Zimmers und die blendende Weiße des Leinenzeugs überraschten ihn aufs angenehmste. »Ist die Wirtin vielleicht eine Deutsche?« fragte er sich, allein er täuschte sich. Sie war eine Russin im Alter von etwa 50 Jahren, sorgfältig gekleidet, mit intelligentem, sanftem Gesicht und ernstem Wesen. Er unterhielt sich mit ihr bei seinem Tee, und sie gefiel ihm sehr. Damals hatte er sich eben in seinem neuen Hause eingerichtet, und da er keine Leibeigenen mehr in seinem Dienste haben wollte, so sah er sich nach freien Dienern um. Die Wirtin ihrerseits klagte über die Seltenheit der Reisenden, über die schlechten Zeiten; er schlug ihr vor, die Wirtschaftsführung in seinem Hause zu übernehmen; sie willigte ein. Ihr Mann war schon lange tot, nur _eine_ Tochter war geblieben, Fenitschka. Zwei oder drei Wochen nach der Zurückkunft Kirsanoffs kam Arina Sawichna (so hieß die neue Haushälterin) mit ihrer Tochter in Marino an und richtete sich im Seitenbau des Hauses ein. Das Glück war Kirsanoff günstig gewesen. Arina führte die Haushaltung vortrefflich. Niemand bekümmerte sich damals um Fenitschka, die schon volle 17 Jahre zählte; sie lebte ruhig wie ein Mäuschen im Loch, nur am Sonntag konnte Kirsanoff in einer Ecke der Dorfkirche das feine Profil eines zarten Mädchengesichts wahrnehmen. So verging mehr als ein Jahr.
Da trat eines Morgens Arina in Kirsanoffs Kabinett, und nachdem sie ihn, ihrer Gewohnheit gemäß, mit tiefer Verbeugung begrüßt hatte, fragte sie ihn, ob er kein Mittel wisse, um ihrer Tochter zu helfen, der ein Funken aus dem Ofen ins Auge gesprungen sei. Kirsanoff machte, wie alle Gutsbesitzer auf dem Lande, den Hausdoktor und hatte sich sogar eine homöopathische Apotheke angeschafft. Er ließ Fenitschka sogleich zu sich holen. Als diese hörte, daß der Herr sie zu sich befohlen habe, war sie sehr erschrocken, doch folgte sie ihrer Mutter. Kirsanoff führte sie an ein Fenster und faßte ihren Kopf mit beiden Händen. Nachdem er ihr rotes, entzündetes Auge genau untersucht hatte, verordnete er Umschläge mit einem Wasser, das er selbst bereitete. Dann riß er ein Stück von seinem Taschentuche ab und zeigte, wie es gemacht werden müsse. Als er damit fertig war, wollte sich Fenitschka zurückziehen, Arina aber rief: »Küß doch dem Herrn die Hand, du Dummköpfchen.« Kirsanoff ließ dies nicht zu, sondern küßte sie, selber ganz verwirrt, auf die Stirne, während sie sich zu ihm überbog. Fenitschkas Auge war bald geheilt, allein der Eindruck, den sie auf Kirsanoff gemacht hatte, erlosch nicht so bald. Er glaubte noch immer diese feinen weichen Haare zwischen den Fingern zu halten, glaubte immer das weiße, reine, schüchtern erhobene Antlitz und die halbgeöffneten Lippen zu sehen, zwischen welchen die Zähne wie kleine Perlen in der Sonne funkelten. Von da an betrachtete er sie Sonntags in der Kirche viel aufmerksamer und suchte Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Anfänglich beantwortete sie dies freundliche Entgegenkommen mit spröder Scheu, und als sie ihm einmal gegen Abend auf einem engen Fußweg, der durch ein Roggenfeld lief, begegnete, warf sie sich, um ihm zu entgehen, mitten in das wogende, mit Zyanen und Wermut untermischte Kornfeld. Er gewahrte ihren Kopf durch das Goldnetz der Ähren, hinter welchem sie ihn wie ein wildes Tierchen belauschte, und rief ihr freundlich zu:
»Guten Abend, Fenitschka, ich beiße nicht.«
»Guten Abend,« murmelte sie, ohne ihren Zufluchtsort zu verlassen.
Allmählich aber gewöhnte sie sich an ihn. Da starb plötzlich ihre Mutter an der Cholera. Was sollte nun aus ihr werden? Sie hatte schon den Ordnungssinn und den Verstand, der ihre Mutter auszeichnete; aber sie war so allein, und Kirsanoff schien so gütig, so rücksichtsvoll ... Wir brauchen das Weitere nicht zu erzählen.
»Also ist mein Bruder nur so mir nichts dir nichts zu dir gekommen? Er hat angeklopft und ist hereingetreten?«
»Ja.«
»Nun, das gefällt mir. Laß mich Mitia ein wenig schaukeln.«
Und Kirsanoff schwang seinen Sohn bis an die Decke empor, zur großen Freude des Kleinen und zur großen Unruhe seiner Mutter, die, sooft sie ihn so hoch oben sah, ihre Arme nach seinen nackten Füßchen ausstreckte.
Paul hatte sich wieder in sein elegantes Kabinett zurückgezogen, einem schön tapezierten Raum mit einer Waffentrophäe über einem persischen Teppich, dunkelgrün gepolsterten Nußbaummöbeln, einem in Eichenholz geschnitzten Bücherschrank im Renaissancestil, Bronzestatuetten auf einem prächtigen Schreibtisch und einem Marmorkamin. Dort warf er sich auf seinen Diwan, legte die Hände unter den Kopf und blieb so unbeweglich, fast mit einer Miene der Verzweiflung zur Decke aufblickend. Plötzlich, sei's um den Ausdruck seines Gesichts in der Dunkelheit zu bergen, sei's aus welch anderem Grunde, erhob er sich wieder, ließ die schweren Vorhänge an den Fenstern herab und warf sich aufs neue auf den Diwan.
Neuntes Kapitel
An demselben Tage machte auch Bazaroff die Bekanntschaft Fenitschkas. Er ging mit Arkad im Garten spazieren und erklärte ihm, warum gewisse Bäume und besonders gewisse junge Eichen nicht fortkommen wollten.
»Ihr solltet hier mehr Pappeln und Tannen pflanzen, auch meinetwegen Linden, vorausgesetzt, daß ihr mehr Erde anfahren laßt. Das Boskett da kommt gut fort, denn Akazien und Flieder sind gutmütige Teufel, die verlangen keine Pflege. Halt! da ist jemand im Boskett.«
Es war Fenitschka, die sich dort mit Duniascha und Mitia befand. Bazaroff blieb stehen, und Arkad nickte Fenitschka wie einer alten Bekannten zu.
»Wer ist das?« fragte Bazaroff, nachdem sie sich ein wenig entfernt hatten; »die ist hübsch!«
»Von wem sprichst du?«
»Sonderbare Frage, da ist doch nur eine hübsch!«
Arkad setzte ihm nun mit wenigen Worten und nicht ohne Verlegenheit Fenitschkas Stellung im Hause auseinander.
»Ei,« erwiderte Bazaroff, »es scheint, dein Vater liebt die guten Bissen. Er gefällt mir, dein Vater. Wahrhaftig ein munterer Bursch. Aber«, setzte er hinzu, »wir müssen Bekanntschaft machen,« und damit wandte er sich wieder dem Boskett zu.
»Eugen,« rief ihm Arkad erschrocken nach, »sei klug, ich bitte dich!«
»Beruhige dich,« antwortete Bazaroff, »ich habe die Hörner abgestoßen, ich kenne die Welt.« Damit näherte er sich Fenitschka und zog die Mütze.
»Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen selbst vorstelle,« sagte er höflich grüßend. »Ich bin ein Freund Arkad Nikolajewitschs und ein friedlicher Mensch.«
Fenitschka stand auf und betrachtete ihn, ohne ihm zu antworten.
»Was für ein schönes Kind!« fuhr Bazaroff fort. »Seien Sie unbesorgt, ich habe noch niemandem Unglück gebracht[16]. Warum hat das Kind so rote Wangen? Zahnt es?«
»Ja,« sagte Fenitschka; »er hat schon vier Zähne, und sein Zahnfleisch ist wieder aufgelaufen.«
»Lassen Sie michs sehen, und haben Sie keine Angst, ich bin Mediziner.«
Bazaroff nahm den Knaben auf den Arm, was dieser zum großen Erstaunen Fenitschkas und Duniaschas ohne Widerstand und Erschrecken geschehen ließ.
»Ich sehe schon -- das wird nichts; er bekommt famose Kinnbacken. Stößt dem Kinde etwas zu, so lassen Sie mich rufen. Und Sie selbst befinden sich wohl?«
»Ja, Gott sei Dank!«
»Da darf man immerhin Gott danken; die Gesundheit ist das höchste Gut. Und Sie?« sagte Bazaroff, indem er sich an Duniascha wandte.
Duniascha, zu Hause ein sehr zurückhaltendes Mädchen, draußen sehr ausgelassen, brach statt aller Antwort in ein schallendes Gelächter aus.
»So ists recht. Da, nehmen Sie Ihren dicken Buben wieder.«
Fenitschka nahm ihm das Kind wieder ab.
»Wie ruhig war er auf Ihrem Arm!« sagte sie leise.
»Alle Kinder sinds, wenn ich sie nehme,« antwortete Bazaroff; »ich habe ein Geheimnis dafür.«
»Die Kinder fühlen gleich, wer sie gerne hat,« meinte Duniascha.
»Jawohl,« bestätigte Fenitschka. »Mitia geht nicht zu jedermann.«
»Ginge er auch gerne zu mir?« fragte Arkad, der einige Schritte davonstand, und trat in die Laube.
Als er Mitia jedoch auf den Arm nehmen wollte, warf dieser den Kopf zurück und fing zur größten Verlegenheit Fenitschkas zu schreien an.
»Er ist noch nicht an mich gewöhnt, später wird er auch zu mir gehen,« sagte Arkad gutmütig, und die beiden Freunde gingen weiter.
»Wie sagst du, daß sie heißt?« fragte Bazaroff.
»Fenitschka -- Fedosia,« erwiderte Arkad.
»Und mit ihrem Vatersnamen? Es ist immer gut, den auch zu wissen.«
»Nikolajewna.«
»~Bene.~ Was mir an ihr gefällt, ist, daß sie nicht allzu verlegen ist. Das mißfällt vielleicht dem einen oder dem andern. Abgeschmackt. Warum sollte sie verlegen sein? Sie ist Mutter, also hat sie recht.«
»Gewiß,« erwiderte Arkad, »allein mein Vater?«
»Auch er ist in seinem Rechte.«
»Da bin ich doch nicht ganz deiner Meinung.«
»Es ist dir, scheints, nicht darum zu tun, die Erbschaft zu teilen?«
»Schämst du dich nicht, mir einen solchen Gedanken zuzutrauen?« rief Arkad entrüstet. »Wahrhaftig nicht von _dem_ Gesichtspunkte aus tadle ich meinen Vater. Ich meine, er hätte sie heiraten müssen.«
»Ei, ei,« erwiderte Bazaroff ruhig, »welche Seelengröße! Du legst der Heirat noch eine Bedeutung bei, das hätte ich nicht von dir geglaubt.«
Das Gespräch stockte, und die Freunde gingen einige Schritte weiter.
»Ich habe jetzt eure Güter sorgfältig in Augenschein genommen,« fuhr Bazaroff fort. »Das Zugvieh ist in schlechtem Stand und die Pferde sind nicht besser. Ebenso steht es auch um die Baulichkeiten, und die Tagelöhner scheinen mir reine Faulenzer zu sein. Euer Verwalter ist entweder ein Dummkopf oder ein Spitzbube. Ich bin mir über ihn noch nicht ganz klar.«
»Du bist heute sehr streng, Eugen.«
»Und eure braven Bauern werden deinen Vater hübsch anführen; ich sehe das kommen. Du kennst das Sprüchlein. ›Der russische Bauer ist dumm, aber er verschlingt den lieben Gott auf einmal‹.«
»Ich fange an zu glauben, daß mein Onkel recht hat; du hast entschieden eine schlechte Meinung von den Russen.«
»Und warum nicht? Das einzige Verdienst des Russen besteht eben darin, daß er eine abscheuliche Meinung von sich selbst hat; übrigens liegt auch nichts daran. Woran was liegt, ist, zu wissen, daß zweimal zwei vier ist; alles übrige will absolut nichts sagen.«
»Wie? Auch die Natur selbst will absolut nichts sagen?« erwiderte Arkad und warf einen Blick auf die buntfarbigen Felder, über die das Licht der untergehenden Sonne einen sanften Schein ergoß.
»Auch die Natur will in dem Sinne, den du ihr augenblicklich beilegst, absolut nichts sagen. Die Natur ist kein Tempel, sondern eine Werkstätte, und der Mensch ist ein Arbeiter drin.«
Plötzlich trafen die getragenen Tonschwingungen eines Violoncells das Ohr der Spaziergänger. Die Töne kamen aus dem Hause. Der Musiker spielte mit Gefühl, aber mit ungeübter Hand Schuberts »Erwartung«, und diese süße Melodie durchdrang die Luft wie Honiggeruch.
»Was hör ich?« rief Bazaroff erstaunt.
»Das ist mein Vater.«
»Dein Vater spielt Violoncell?«
»Ja.«
»Wie alt ist er denn?«
»Vierundvierzig Jahre.«
Bazaroff brach in ein schallendes Gelächter aus.
»Worüber lachst du?«
»Wie? ein Mann von 44 Jahren, ein ~pater familias~, spielt im Gouvernement X... Violoncell?«
Bazaroff lachte noch stärker; allein Arkad, so groß auch sein Respekt vor seinem Lehrmeister war, fühlte nicht die mindeste Lust, ihm diesmal nachzuahmen.
Zehntes Kapitel
So vergingen beinahe zwei Wochen. Das Leben der Bewohner von Marino verlief sehr einförmig. Arkad machte den Sybariten und Bazaroff arbeitete. Man hatte sich an seine Verachtung der Formen, an seine kurze, barsche Redeweise gewöhnt. Fenitschka zumal war mit ihm so vertraut geworden, daß sie ihn einmal in der Nacht wecken ließ, als Mitia einen Anfall von Krämpfen bekam. Bazaroff kam, blieb fast zwei Stunden, bald lachend, bald gähnend, und half dem Kinde. Wer aber Bazaroff andrerseits von Grund seiner Seele verabscheute, das war Paul: in seinen Augen war er ein anmaßender, unverschämter, zynischer Mensch, ein wahrer Plebejer, der ihm, ihm Paul Kirsanoff, wenig Achtung erwies und sich vielleicht gar erfrechte, ihn zu verachten. Sein Bruder Nikolaus fürchtete zwar den jungen Nihilisten ein wenig und bezweifelte sehr, daß er auf Arkad günstig einwirke; allein er hörte ihm doch mit Vergnügen zu und wohnte gerne seinen physikalischen und chemischen Versuchen bei. Bazaroff hatte ein Mikroskop mitgebracht und beschäftigte sich stundenlang mit dem Instrument. Auch die Domestiken hatten sich an Bazaroff gewöhnt, obwohl er sie von oben herab behandelte; sie sahen in ihm mehr einen ihresgleichen als einen Herrn. Duniascha kicherte gerne mit ihm und warf ihm heimlich bedeutungsvolle Blicke zu, wenn sie trippelnd wie ein Wächtelchen an ihm vorüberkam. Peter, ein beschränkter, von Eigenliebe ganz erfüllter Mensch mit immer sorgenvoller Stirn, dessen Verdienst darin bestand, daß er immer einen höflichen Gesichtsausdruck zeigte, buchstabieren konnte und seinen Rock fleißig bürstete, entrunzelte sein Gesicht und lächelte sogar, wenn ihm Bazaroff die geringste Aufmerksamkeit schenkte. Die jungen Domestiken endlich folgten dem Doktor wie junge Hunde. Der alte Prokofitsch war der einzige, der ihn nicht liebte; er bediente ihn bei Tisch mit sichtlichem Widerwillen, nannte ihn Abdecker, Lump, und sagte, daß er mit seinem langen Backenbarte einem Schwein im Busch gleiche. Prokofitsch war in seiner Art nicht weniger Aristokrat als Paul Petrowitsch selbst.
Es war im Anfang des Monats Juni, des schönsten im Jahr. Das Wetter war herrlich; die Cholera war zwar im Anzuge, aber die Bewohner des Gouvernements X... fürchteten sie nicht besonders. Bazaroff stand morgens sehr früh auf und streifte zwei oder drei Werst vom Hause umher, nicht um spazierenzugehen (er konnte das Spazierengehen nicht leiden), sondern um Pflanzen und Insekten zu sammeln. Manchmal begleitete ihn Arkad. Hie und da kamen die beiden Freunde auf dem Heimweg ins Streiten, und gewöhnlich war Arkad der Besiegte, obgleich er viel mehr sprach als sein Gefährte. Eines Tages, als sie lange ausblieben, ging ihnen Kirsanoff entgegen in den Garten; bei dem Boskett angekommen, hörte er rasche Schritte und die Stimmen der jungen Leute. Sie traten von der andern Seite in das Boskett und konnten ihn nicht sehen.
»Du kennst meinen Vater nicht,« sagte Arkad. Kirsanoff rührte sich nicht.
»Dein Vater ist ein guter Kerl,« antwortete Bazaroff; »allein er ist reif für die Rumpelkammer, er hat abgedankt, sein Lied ist zu Ende.«
Kirsanoff lauschte ... Arkad schwieg.
Der »abgedankte« Mann blieb noch einige Augenblicke in seinem Versteck; dann schlich er vorsichtig weg und ins Haus zurück.
»Dieser Tage beobachtete ich, was er wohl treibt; er las Puschkin,« fuhr Bazaroff fort. »Mach ihm begreiflich, ich bitte dich, daß das abgeschmackt ist. Er ist kein Jüngling mehr und sollte all den Plunder ins Feuer werfen. Wer interessiert sich in unsern Tagen noch für Romantik und Poesie? Gib ihm irgendein gutes Buch zu lesen.«
»Was könnte man ihm denn geben?« fragte Arkad.
»Man könnte zum Beispiel mit ›Kraft und Stoff‹ von Büchner[17] beginnen.«
»Daran dachte ich auch schon,« erwiderte Arkad; »das Buch ist leichtverständlich.«
»So wären wir denn gerichtet,« sagte Kirsanoff an diesem Abend zu seinem Bruder; »wir sind reif für die Rumpelkammer, unser Lied ist zu Ende. Bazaroff hat vielleicht nicht so unrecht. Was mir bei alledem nur leid tut, ist, daß ich eben jetzt hoffte, mich eng und freundschaftlich an Arkad anzuschließen, und jetzt seh ich, daß ich zurückgeblieben bin, er hat mich überholt und wir können uns nicht mehr verstehen.«
»Inwiefern hat er dich überholt, und was unterscheidet ihn denn so sehr von uns andern?« rief Paul ungeduldig; »das ist dieser Herr, dieser Nihilist, der ihm alles das in den Kopf gesetzt hat. Dieser Knochenflicker ist mir unerträglich; es ist ein wahrer Scharlatan; ich bin überzeugt, er versteht trotz seiner Frösche selbst von der Physik nicht viel.«
»Nein, lieber Bruder, da irrst du dich doch wohl,« antwortete Kirsanoff, »intelligent und unterrichtet ist er.«
»Und dieses Selbstgefühl! es ist wahrhaft empörend!« fuhr Paul fort.