Väter und Söhne

Part 16

Chapter 163,722 wordsPublic domain

Als Paul erfuhr, daß Bazaroff im Begriff sei, abzureisen, äußerte er den Wunsch, ihn zu sehen, und drückte ihm die Hand, Bazaroff aber zeigte sich nach seiner gewöhnlichen Art kalt wie Eis; er merkte sehr wohl, daß Paul den Großmütigen spielen wollte. Von Fenitschka konnte er nicht Abschied nehmen; er begnügte sich damit, ihr einen Blick zum Fenster hinauf zuzuwerfen. Sie kam ihm traurig vor. »Sie weiß sich vielleicht nicht zu helfen?« dachte er ... »Übrigens warum nicht?« Peter war derart gerührt, daß er, an die Schulter Bazaroffs gelehnt, so lange fort weinte, bis dieser ihn mit der Frage zur Ruhe brachte, »ob seine Augen vielleicht in feuchtem Boden stünden?« Duniascha mußte in das Gehölz laufen, um ihre Bewegung zu verbergen. Der Urheber all dieser Schmerzen bestieg eine Telege, steckte sich eine Zigarre an, und als er vier Werst weiter bei einer Wendung des Weges zum letztenmal das Haus Kirsanoffs mit seiner ganzen Umgebung erblickte, spie er aus, murmelte zwischen den Zähnen: »Verfluchte Krautjunker,« und hüllte sich in seinen Mantel.

Das Befinden Pauls besserte sich rasch; doch hütete er beinahe noch eine Woche lang das Bett. Er ertrug seine Gefangenschaft, wie ers hieß, ziemlich geduldig, verwandte aber einen großen Teil seiner Zeit auf seine Toilette und ließ beständig mit Kölnischem Wasser räuchern. Kirsanoff las ihm die Zeitung vor, und Fenitschka bediente ihn wie gewöhnlich, sie brachte ihm Fleischbrühe, Limonade, weiche Eier, Tee. Aber ein geheimer Schreck bemächtigte sich ihrer jedesmal, wenn sie in sein Zimmer trat.

Paul Petrowitschs jugendlicher Streich hatte alle Bewohner des Hauses, und namentlich Fenitschka, erschreckt; Prokofitsch war der einzige, der mit der größten Seelenruhe davon sprach; zu seiner Zeit, sagte er, hätten sich die Herren oft so geschlagen, »aber streng unter sich und nie mit solchen Lumpen, wie der da. Man ließ solche Leute im Stall aushauen, wenn sie unverschämt wurden«.

Das Gewissen machte Fenitschka keinen Vorwurf, sie fühlte sich aber doch sehr beunruhigt, sooft eine Ahnung von der wahren Ursache des Streites über sie kam; zudem sah sie Paul so sonderbar an ... daß sie, selbst wenn sie ihm den Rücken wandte, die Wirkung seines Blickes zu spüren glaubte. Infolge dieser beständigen Aufregung wurde sie mager, und dadurch, wie dies bei Frauen dieses Alters immer der Fall ist, nur noch hübscher.

Einmal (es war eines Morgens) hatte Paul, der sich viel besser fühlte, sein Bett verlassen und sich auf das Sofa gelegt; Kirsanoff kam, um zu fragen, wie er sich befinde, und ging dann, um nach den Dreschern zu sehen.

Fenitschka brachte eine Tasse Tee, stellte sie auf den Tisch und war im Begriff, sich wieder zu entfernen, als Paul sie zurückhielt.

»Warum wollen Sie mich so rasch verlassen, Fedosia Nikolajewna?« sagte er zu ihr, »haben Sie etwas zu tun?«

»Nein ... Ja ... Ich muß drunten den Tee einschenken.«

»Duniascha wird das in Ihrer Abwesenheit besorgen; bleiben Sie ein wenig bei einem armen Kranken. Zudem habe ich mit Ihnen zu reden.«

Fenitschka setzte sich schweigend auf den Rand eines Lehnsessels.

»Hören Sie,« fuhr Paul, seinen Schnurrbart zupfend, fort, »ich wollte Sie schon lange fragen, warum Sie, wie es scheint, Angst vor mir haben?«

»Wer? ich?«

»Ja, Sie ... Sie sehen mir nie gerade ins Gesicht; es scheint, daß Ihr Gewissen nicht ganz rein ist.«

Fenitschka errötete, sah Paul Petrowitsch aber an. Der Ausdruck seines Gesichtes schien ihr so unheimlich, daß sie im Grunde ihres Herzens erbebte.

»Ist Ihr Gewissen rein?« fragte er sie.

»Warum sollt es nicht?« sagte sie mit leiser Stimme.

»Was weiß ich? Übrigens, gegen wen könnten Sie sich etwas haben zuschulden kommen lassen? gegen mich unmöglich. Gegen irgend jemand anders im Hause? das scheint mir gleichfalls nicht annehmbar. Gegen meinen Bruder ... Nein, denn Sie lieben ihn.«

»Ja gewiß, ich liebe ihn!«

»Von ganzem Herzen? aus voller Seele?«

»Ich liebe Nikolaus Petrowitsch von ganzem Herzen!«

»Wahrhaftig? Sehen Sie mich ein wenig an, Fenitschka! (Es war zum erstenmal, daß er ihr diesen Namen gab.) Sie wissen ..., daß Lügen eine große Sünde ist.«

»Ich lüge nicht, Paul Petrowitsch. Wenn ich Nikolaus Petrowitsch nicht liebte, verdiente ich nicht zu leben.«

»Und Sie würden ihn für niemand hingeben?«

»Für wen sollte ich ihn denn hingeben?«

»Für wen? wer weiß! Da ist zum Beispiel der Herr, der uns vor kurzem verlassen hat.«

Fenitschka stand auf.

»Um des Himmels willen! Paul Petrowitsch, warum quälen Sie mich so? was hab ich Ihnen getan? wie kann man so etwas sagen?«

»Fenitschka,« erwiderte Paul Petrowitsch traurig, »ich habe alles gesehen ...«

»Was haben Sie gesehen?«

»Da unten ... in der Laube ...«

Fenitschka wurde plötzlich über und über rot.

»Ist das meine Schuld?« stotterte sie.

Paul richtete sich auf.

»Sie sind nicht schuldig? Nicht? In keiner Weise?«

»Es ist nur ein Mann auf Erden, den ich liebe und lieben werde, Nikolaus Petrowitsch,« erwiderte Fenitschka mit plötzlicher Energie, obgleich ihr die erstickten Seufzer fast die Kehle zuschnürten -- »und über das, was Sie gesehen haben, hab ich mir, das kann ich am Jüngsten Tag beschwören, keine Vorwürfe zu machen; lieber auf der Stelle sterben, wenns sein muß, als in dem abscheulichen Verdacht stehen, daß ich mich gegen meinen Wohltäter Nikolaus Petrowitsch vergangen habe ...«

Ihre Stimme erlosch, und sie fühlte im selben Augenblick, daß Paul ihre Hand ergriff und mit Kraft drückte ... Sie sah ihn an und stand wie versteinert. Er war noch bleicher als zuvor, seine Augen funkelten, und was noch überraschender war, eine einzige schwere Träne rollte langsam über seine Wange.

»Fenitschka,« sagte er mit dumpfer und erstickter Stimme, »lieben Sie, lieben Sie meinen Bruder! Er ist so gut, und so wert, geliebt zu werden! Geben Sie ihn für niemand in der Welt hin, und hören Sie auf niemandes Einflüsterungen. Nichts ist schrecklicher, glauben Sie mir, als unerwiderte Liebe! Bleiben Sie meinem armen Nikolaus treu!«

Fenitschka hörte auf zu weinen; sie war so verwundert, daß sich ihre Angst verlor. Wie wurde ihr aber erst zumute, als Paul ihre Hand ergriff und sie an seine Augen drückte, sie wieder ergriff und, ohne sie zu küssen, unter krampfhaftem Schluchzen zum Munde führte ...

»Großer Gott!« dachte sie, »er bekommt am Ende einen Anfall!«

Sie ahnte nicht, daß in diesem Augenblick die ganze Vergangenheit in Paul Petrowitschs Herzen schmerzlich wieder auflebte. Die Stufen der Treppe knarrten unter raschen Schritten ... Er stieß Fenitschka weit von sich und legte den Kopf aufs Sofakissen. Die Tür ging auf, und Kirsanoff trat ein, freudestrahlend, mit frischem und belebtem Antlitz. Mitia, ebenso frisch und blühend rot wie er, hüpfte im Hemdchen auf seinem Arm und stemmte die nackten Füßchen gegen die großen Rockknöpfe seines Vaters.

Fenitschka stürzte sich Kirsanoff entgegen, und ihn und ihren Sohn heftig in ihre Arme schließend, lehnte sie das Haupt an seine Schulter. Kirsanoff schien überrascht; Fenitschka, scheu und zurückhaltend, wie sie war, erlaubte sich sonst in Gegenwart eines Dritten nicht die mindeste Liebkosung.

»Was hast du?« fragte er sie und übergab, nachdem er seinen Bruder angesehen, das Kind seiner Mutter. -- »Du fühlst dich doch nicht schlechter?« setzte er hinzu, näher zu Paul tretend.

Dieser verbarg das Gesicht in seinem Batisttuch.

»Nein, gar nicht ... im Gegenteil ... ich befinde mich viel besser.«

»Du hättest dein Bett nicht verlassen sollen,« sagte Kirsanoff. »Wo gehst du hin?« fuhr er, gegen Fenitschka gewendet, fort; diese aber hatte die Tür bereits hinter sich zugezogen.

»Ich kam, um dir meinen kleinen Schlingel zu zeigen, er war es müde, seinen Onkel nicht zu sehen. Warum hat sie ihn fortgenommen? Aber was hast du denn? Ist etwas zwischen euch vorgefallen?«

»Bruder!« sagte Paul Petrowitsch in feierlichem Ton.

Kirsanoff zitterte. Er empfand ein Gefühl von Furcht, worüber er sich nicht Rechenschaft zu geben vermochte.

»Bruder!« wiederholte Paul, »versprich mir, die Bitte zu erfüllen, die ich an dich richten werde!«

»Was willst du, Paul?«

»Etwas sehr Wichtiges; dein ganzes Lebensglück hängt davon ab. Ich habe seit einiger Zeit oft über das nachgedacht, was ich dir zu sagen im Begriff bin ... Bruder, erfülle deine Pflicht, die Pflicht des Ehrenmannes, mach dem unordentlichen, anstößigen Verhältnis, in dem du lebst, ein Ende, du, der beste der Männer!«

»Was soll das heißen, Paul?«

»Heirate Fenitschka ... Sie liebt dich, sie ist die Mutter deines Sohnes.« Kirsanoff fuhr einen Schritt zurück und schlug die Hände zusammen.

»Du gibst mir diesen Rat, Paul! Du, den ich für den unversöhnlichsten Feind solcher Heiraten ansah! Du gibst mir diesen Rat! Aber wenn ich bis jetzt nicht erfüllt habe, was du mit Recht die heiligste der Pflichten nennst, so geschah es einzig mit Rücksicht auf dich!«

»Ich bedaure, daß du die Rücksicht auf mich so weit getrieben hast,« antwortete Paul mit traurigem Lächeln. -- »Ich fange an zu glauben, daß Bazaroff recht hatte, mich einen Aristokraten zu heißen. Ja, mein lieber Bruder, es ist Zeit, daß wir aufhören, immer nur im Hinblick auf die Welt zu handeln; wir sind schon alt, und das Leben hat uns bescheiden gemacht; laß uns all den eiteln Firlefanz beiseitewerfen. Laß uns, wie du ganz richtig gesagt, unsere Pflicht erfüllen, und es ist höchst wahrscheinlich, daß wir das Glück noch obendrein in den Kauf bekommen.«

Kirsanoff umarmte seinen Bruder stürmisch.

»Du hast mir die Augen vollends geöffnet!« rief er aus. »Ich habe dich immer für den besten und einsichtigsten der Männer gehalten; ich sehe jetzt, daß du zudem ebenso weise als großherzig bist.«

»Sachte! sachte!« erwiderte Paul Petrowitsch. »Schone das Bein deines großherzigen Bruders, der sich mit seinen fünfundvierzig Jahren eben noch duelliert hat wie ein Unterleutnant. Also abgemacht, Fenitschka wird ~ma belle-sœur~.«

»Mein lieber Paul! ... aber was wird Arkad sagen?«

»Arkad? er wird hoch erfreut sein, verlaß dich darauf! Die Ehe ist zwar gegen seine Grundsätze, aber es wird seiner Liebe für die Gleichheit schmeicheln. In der Tat, was bedeuten alle diese Unterschiede, diese Kasten im neunzehnten Jahrhundert!«

»Ach Paul, Paul, laß dich noch einmal umarmen, fürchte nichts, ich werde deinem Bein nicht wehe tun.«

Die beiden Brüder umarmten sich.

»Was meinst du, sollte man ihr deinen Entschluß nicht sofort anzeigen?« fragte Paul Petrowitsch.

»Warum so eilen?« antwortete Kirsanoff; »habt ihr davon gesprochen?«

»Davon gesprochen? wir? ~Quelle idée!~«

»Um so besser! werde nur erst gesund; die Geschichte läuft uns nicht davon, man muß reiflich erwägen ...«

»Du bist aber doch fest entschlossen?«

»Gewiß, und ich danke dir aufrichtig, daß du mich dazu gebracht hast; ich laß dich jetzt allein, du mußt dich wieder legen, Aufregungen sind dir nicht zuträglich, wir kommen noch darauf zurück. Versuch ein wenig zu schlafen, und Gott schenk dir baldigst die Gesundheit wieder.«

»Warum dieser überschwengliche Dank?« fragte sich Paul, als er allein war, »als ob die Sache nicht von ihm abhinge! Und ich, sobald er verheiratet ist, werde mich irgendwo weit von hier, in Dresden oder Florenz, niederlassen und dort leben, bis ich krepiere.«

Paul befeuchtete seine Stirn mit Kölnischem Wasser und schloß die Augen. Im Licht des Tages, das voll ins Zimmer fiel, glich sein schöner, abgemagerter Kopf auf dem weißen Kissen einem Totenantlitz ... Es war in der Tat ein Toter.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Wenige Tage später saßen Katia und Arkad im Garten von Nikolskoi auf einer Bank im Schatten einer alten Esche; Fifi lag neben ihnen auf dem Boden, in jener graziösen Biegung des schlanken Leibes, welche von den russischen Jägern wegen der Ähnlichkeit mit der des großen Steppenhasen »Rußkalage« getauft ist. Arkad und Katia schwiegen beide; er hielt ein halbgeöffnetes Buch in der Hand, sie sammelte Brotkrümchen auf dem Boden ihres Korbes und warf sie einer kleinen Spatzenfamilie hin, welche mit der für sie bezeichnenden furchtsamen Frechheit zwitschernd bis an ihren Fuß herangehüpft war. Ein leichter Wind, der in den Blättern des Baumes spielte, trieb abwechselnd über die Allee und über den gelben Rücken Fifis Flecken goldenen Lichtes hin, während Arkad und Katia sich in eintönigem Schatten befanden; nur in seltenen Zwischenräumen erschien ein leuchtender Punkt, lebhaft wie eine Flamme, auf den Haaren des jungen Mädchens. Beide schwiegen, aber die Art, wie sie schwiegen, eines neben dem anderen sitzend, zeugte von vollkommener Harmonie; keins von beiden schien das andere zu beachten, während es sich doch glücklich fühlte, an seiner Seite zu sitzen. Ihre Züge sogar hatten sich verändert, seit wir sie verlassen haben; Arkad schien ruhiger, Katia belebter und kühner.

»Finden Sie nicht, daß die Esche[38] auf russisch einen bezeichnenden Namen hat; ich kenne keinen Baum, dessen Laubwerk so leicht und durchsichtig ist.«

Katia blickte langsam auf und erwiderte:

»Ja.«

Und Arkad dachte: die tadelt mich wenigstens nicht, wenn ich mich poetisch ausdrücke.

»Heine,« sagte Katia mit einem Blick auf das Buch, das Arkad auf den Knien hatte, »Heine lieb ich nicht, weder wenn er lacht, noch wenn er weint. Ich lieb ihn, wenn er traurig und träumerisch ist.«

»Und ich, ich lieb ihn, wenn er lacht,« antwortete Arkad.

»Das ist ein alter Rest der satirischen Richtung Ihres Geistes.«

»Ein alter Rest!« dachte Arkad, »wenn Bazaroff das hörte.«

»Warten Sie nur, wir werden Sie schon ändern.«

»Wer das? Sie?«

»Wer? meine Schwester; Porphyr Platonitsch, mit dem Sie bereits nicht mehr streiten; meine Tante, die Sie vorgestern zur Kirche begleitet haben.«

»Ich konnte das nicht abschlagen! und Anna Sergejewna -- von der wissen Sie, daß sie in vielen Punkten mit Eugen übereinstimmte.«

»Meine Schwester stand damals unter seinem Einfluß, so gut wie Sie.«

»So gut wie ich? haben Sie denn bemerkt, daß ich mich diesem Einfluß schon entzogen habe?«

Katia antwortete nichts.

»Ich weiß,« fuhr Arkad fort, »daß er Ihnen immer mißfallen hat.«

»Ich habe kein Urteil über ihn.«

»Wissen Sie was, Katharina Sergejewna? jedesmal wenn ich diese Antwort höre, glaube ich nicht daran. Meines Erachtens ist niemand zu hoch für unser Urteil. Das ist ganz einfach eine Ausrede.«

»Nun wohl! Ich will Ihnen sagen, daß er mir nicht geradezu mißfällt, aber ich fühle, daß wir zwei verschiedenen Welten angehören, und daß auch Sie im Grund ihm völlig fremd sind.«

»Warum das?«

»Wie soll ich sagen ... er ist ein Raubvogel; er ist wild, und Sie und ich, wir sind gezähmt.«

»Auch ich, ich wäre gezähmt?«

Katia nickte bejahend.

Arkad kraute sich hinter dem Ohr.

»Wissen Sie, Katharina Sergejewna, daß das, was Sie mir da sagen, ein wenig beleidigend ist?«

»Möchten Sie lieber ein Raubvogel sein?«

»Nein, aber ich möchte stark und energisch sein.«

»Das hängt nicht von uns ab; Ihr Freund wills nicht sein, und doch ist ers.«

»Hm! also meinen Sie, daß er einen großen Einfluß auf Anna Sergejewna habe?«

»Ja! aber niemand kann sie lange beherrschen,« fügte Katia leise hinzu.

»Woraus schließen Sie das?«

»Sie ist sehr stolz ... oder nein, das wollte ich nicht sagen, sie hält viel darauf, unabhängig zu sein.«

»Darauf hält jeder von uns,« antwortete Arkad, fragte sich aber gleich darauf: »Wozu nützt es?« Katia hatte denselben Gedanken. Wenn sich junge Leute oft sehen, kommen ihnen die gleichen Gedanken im gleichen Augenblick.

Arkad lächelte, und, zu Katia geneigt, sagte er:

»Gestehen Sie, daß Sie sie ein wenig fürchten.«

»Wen?«

»Nun -- sie,« erwiderte Arkad mit bedeutungsvollem Ausdruck.

»Und Sie?« sagte dagegen Katia.

»Und ich auch; merken Sie, was ich sage: und ich auch.«

Katia erhob drohend den Finger.

»Das überrascht mich,« sagte sie; »nie war meine Schwester Ihnen so zugetan, wie gegenwärtig; sie wars viel weniger bei Ihrem ersten Besuch.«

»Wahrhaftig?«

»Haben Sie's nicht bemerkt? Das ist Ihnen nicht angenehm?«

Arkad wurde nachdenklich.

»Wodurch habe ich mir die Gewogenheit Anna Sergejewnas erworben? Vielleicht weil ich ihr Briefe von Ihrer Mutter gebracht?«

»Ja; aber noch aus anderen Gründen, die ich Ihnen nicht sagen werde.«

»Warum?«

»Ich werde sie Ihnen nicht sagen.«

»Oh, ich zweifle keineswegs daran, Sie sind sehr eigensinnig.«

»Eigensinnig? das ist wahr.«

»Und Sie beobachten sehr scharf.«

Katia blickte Arkad von der Seite an.

»Hat Sie vielleicht etwas verstimmt? An was denken Sie?«

»Ich frage mich, woher Sie Ihr Beobachtungstalent haben. Sie sind so furchtsam, so mißtrauisch; Sie vermeiden jedermann ...«

»Ich habe viel allein gelebt, das lehrt uns nachdenken wider Willen. Aber Sie sagen, daß ich jedermann fliehe; haben Sie das Recht, dies zu sagen?«

Arkad warf Katia einen dankbaren Blick zu.

»Sie haben recht,« erwiderte er; »aber Leute in Ihrer Lage, das heißt reiche Leute, haben selten Beobachtungstalent; gleich den gekrönten Häuptern kommt ihnen die Wahrheit nur durch Zufall.«

»Aber ich bin nicht reich.«

Arkad blieb ganz erstaunt und verstand sie zuerst nicht.

»In der Tat, das ganze Vermögen gehört ihrer Schwester,« dachte er endlich, und dieser Gedanke war ihm durchaus nicht unangenehm. -- »Wie gut Sie das gesagt haben,« setzte er laut hinzu.

»Wie meinen Sie das?«

»Sie haben es gut gesagt: ohne gemachte Einfachheit, ohne falsche Scham und ohne Ziererei. Ich denke mir nämlich, daß jeder, der weiß und sagt, daß er arm ist, etwas wie Stolz empfinden muß.«

»Ich habe nichts dergleichen empfunden, dank meiner Schwester; ich weiß nicht, wie es kam, daß ich mit Ihnen von meiner Lage gesprochen habe.«

»Sei's; aber gestehen Sie, daß das fragliche Gefühl, ich wollte sagen, der Stolz, Ihnen nicht ganz und gar fremd ist.«

»Wie das?«

»Zum Beispiel, und ich hoffe, daß meine Frage Sie nicht beleidigt, könnten Sie sich entschließen, einen reichen Mann zu heiraten?«

»Wenn ich ihn sehr liebte ... aber nein, ich glaube, daß ich ihn selbst in dem Falle nicht heiraten würde.«

»Ah! sehen Sie,« rief Arkad, »und warum könnten Sie sich nicht dazu entschließen?«

»Weil selbst die Lieder von einer ungleichen Heirat abraten.«

»Sie lieben vielleicht zu herrschen, oder ...«

»O nein, wozu taugt es? Im Gegenteil, ich wäre gern bereit, mich zu unterwerfen, aber die Ungleichheit scheint mir etwas Unerträgliches. Sich selbst achten und sich unterwerfen, ich begreif es, das ist das Glück; aber die Ungleichheit, ein Leben voll Unterordnung ... nein, das hab ich satt.«

»Sie haben es satt,« wiederholte Arkad, »ja so! Sie haben nicht umsonst dasselbe Blut in den Adern, wie Anna Sergejewna. Sie haben denselben Unabhängigkeitssinn, wissen sich aber besser zu verstellen. Ich bin überzeugt, daß Sie nie zuerst eine Neigung eingestehen würden, wie heilig und mächtig sie auch wäre ...«

»Aber das scheint mir doch ganz natürlich,« sagte Katia.

»Sie sind beide klug; Sie haben ebensoviel und vielleicht mehr Charakter als jene.«

»Vergleichen Sie mich nicht mit meiner Schwester, ich bitte Sie,« versetzte Katia hastig, »da bin ich zu sehr im Nachteil. Sie scheinen vergessen zu haben, daß meine Schwester alles für sich hat, Schönheit, Geist und ... Sie besonders, Arkad Nikolaitsch, Sie sollten so was gar nicht sagen, und dazu noch in so ernstem Ton.«

»Was verstehen Sie unter dem ›Sie besonders‹, und weshalb setzen Sie voraus, daß ich scherze?«

»Gewiß scherzen Sie.«

»Glauben Sie? und wenn ich meiner Sache gewiß wäre, wenn ich sogar glaubte, noch viel mehr sagen zu können?«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»In der Tat? Nun ich sehe, daß ich Ihr Beobachtungstalent zu hoch gerühmt habe.«

»Wieso?«

Arkad antwortete nichts und wandte sich ab; Katia fand noch einige Krümchen in ihrem Korb und wollte sie den Sperlingen zuwerfen. Aber der Schwung, den sie ihrer Hand gab, war zu stark, und die Vögel flogen davon, ohne etwas aufzupicken.

»Katharina Sergejewna,« nahm Arkad plötzlich das Wort, »es ist Ihnen ohne Zweifel gleichgültig, aber ich muß Ihnen sagen, daß ich Sie nicht allein Ihrer Schwester, sondern jedem, wer es auch sei auf der Welt, vorziehe ...«

Damit stand er plötzlich auf und entfernte sich mit raschen Schritten, als ob er über die Worte erschrocken wäre, die er ausgesprochen hatte.

Katia ließ ihre beiden Hände und das Körbchen auf ihre Knie sinken, neigte den Kopf und blickte Arkad lange nach. Eine leichte Röte färbte allmählich ihre Wangen, aber ihr Mund lächelte nicht, und ihre Augen drückten ein gewisses Erstaunen aus; man sah, daß sie zum erstenmal ein Gefühl empfand, dessen Name ihr noch unbekannt war.

»Du bist allein?« fragte neben ihr Frau Odinzoff, »ich glaubte, Arkad hätte dich begleitet.«

Katia schlug die Augen zu ihrer Schwester auf, welche, mit Geschmack, selbst mit Eleganz gekleidet, grad aufrecht in der Allee stand und mit der Spitze ihres Sonnenschirms die Ohren Fifis berührte.

»Ganz allein,« sagte Katia.

»Ich seh es wohl,« erwiderte ihre Schwester lachend; »er ist also auf sein Zimmer gegangen?«

»Ja!«

»Ihr habt zusammen gelesen?«

»Ja!«

Frau Odinzoff nahm Katia am Kinn und hob ihr den Kopf in die Höhe.

»Ich hoffe nicht, daß ihr in Streit geraten seid?«

»Nein,« erwiderte Katia, indem sie die Hand ihrer Schwester sanft entfernte.

»Wie ernst du mir antwortest! Ich glaubte ihn hier zu finden und wollte ihm einen Spaziergang vorschlagen. Er hat mich schon lange darum gebeten. Man hat deine Stiefeletten aus der Stadt gebracht, geh und probiere sie an. Ich habe gestern bemerkt, daß du sie nötig hast; die, welche du trägst, sind abgebraucht. Ich finde, daß du dich in dieser Beziehung sehr vernachlässigst, und doch hast du einen reizenden Fuß! Deine Hand ist auch schön ... aber sie ist ein wenig groß, deshalb müßtest du mehr Aufmerksamkeit auf deine Füße wenden, aber du bist nicht kokett.«

Frau Odinzoff entfernte sich, indem sie ihr elegantes Kleid leicht dahinrauschen ließ. Katia stand von der Bank auf, nahm den Band Heine und ging ins Haus zurück; sie probierte jedoch die Stiefeletten nicht an.

»Ein reizender Fuß,« dachte sie, während sie leicht und langsam die Terrasse hinaufging, deren Stufen die Sonne erwärmt hatte. -- »Nun, er wird bald zu meinen reizenden Füßen liegen.«

Fast sogleich aber überkam sie ein Gefühl von Scham, und sie lief rasch ins Haus hinein.

Arkad ging den Korridor entlang nach seinem Zimmer; der Haushofmeister kam ihm nach und meldete ihm, daß ihn Bazaroff erwarte.

»Eugen!« rief er fast erschrocken, »ist er schon lange angekommen?«

»In dieser Minute; aber er hat befohlen, Anna Sergejewna seine Ankunft nicht zu melden, und er hat sich sofort auf Ihr Zimmer führen lassen.«

»Sollte es zu Hause ein Unglück gegeben haben?« dachte Arkad, stieg eiligst die Treppe hinan und riß die Tür weit auf.

Kaum hatte er Bazaroff erblickt, als er sich beruhigte, obgleich einem geübteren Auge ohne Zweifel der Ausdruck innerer Aufregung in den immer energischen, aber etwas abgemagerten Zügen seines Freundes nicht entgangen wäre. Er saß auf dem Fenstersims, den staubbedeckten Mantel um die Schultern und die Mütze auf dem Kopfe; er rührte sich nicht, sogar als sich ihm Arkad um den Hals warf und einen Freudenschrei ausstieß.

»Das ist einmal eine Überraschung! durch welchen Zufall?« wiederholte dieser, im Zimmer auf und ab gehend wie einer, der sich einbildet, entzückt zu sein, und es zu verstehen geben will. -- »Wie stehts zu Hause? hoffentlich befinden sich alle wohl und ist alles in Ordnung?«

»In Ordnung ist alles, aber nicht alle befinden sich wohl,« antwortete Bazaroff. »Nun sei nur ruhig, laß mir ein Glas Kwaß bringen, setz dich und höre, was ich dir in wenig Worten, aber hoffentlich hinreichend klar und deutlich sagen werde.«