Väter und Söhne

Part 13

Chapter 133,339 wordsPublic domain

»Ich habe einzig dem Sinn für Gerechtigkeit und keineswegs dem für die Familie gehorcht,« antwortete Arkad lebhaft. »Aber da du für diesen Sinn kein Verständnis hast, da diese ›Sensation‹ dir fehlt, solltest du gar nicht davon sprechen.«

»Das kommt darauf hinaus: Arkad Kirsanoff ist mir zu hoch, als daß ich ihn verstehen könnte; ich beuge mich und verurteile mich zum Stillschweigen.«

»Hör doch auf, Eugen! ich bitte dich; wir bekommen schließlich noch Händel.«

»Ach, ich beschwöre dich, Arkad, wir wollen Händel anfangen, wir wollen uns tüchtig prügeln, bis zur Vertilgung der tierischen Wärme.«

»Das führt am Ende in Wirklichkeit zu ...«

»Zu Faustschlägen?« fiel Bazaroff ein, »warum nicht? hier auf diesem Heuhaufen, in dieser ganzen idyllischen Umgebung, entfernt von der Welt und den Blicken der Menschen, es könnte gar nicht schöner sein. Aber du bist nicht imstande, dich mit mir zu messen. Ich werde dich bei der Kehle packen ...«

Bazaroff streckte seine knochigen Finger aus ... Arkad wandte sich lachend um und schickte sich zur Verteidigung an ... Aber das Gesicht seines Freundes, das Grinsen, welches seine Lippen verzog, und das düstere Feuer, das in seinen Augen glühte, schien ihm eine solch ernste Drohung auszudrücken, daß ihn unwillkürlich ein Gefühl von Furcht überkam ...

»Ah! find ich euch endlich!« rief in diesem Augenblick Wassili Iwanowitsch, welcher in einem Wams von zu Hause gewebter Leinwand und mit einem Strohhut aus derselben Fabrik auf dem Kopf vor den jungen Leuten erschien. »Ich habe euch gesucht und gesucht ... Aber ihr habt einen prächtigen Platz gewählt und überlaßt euch einem süßen Zeitvertreib. ›Auf der Erde liegend den Himmel betrachten‹ ... wißt ihr, daß diese Lage eine ganz eigentümliche Bedeutung hat?«

»Ich betrachte den Himmel nur, wenn ich niesen will,« sagte Bazaroff mürrisch, und zu Arkad tretend, fügte er leise hinzu: »Es tut mir leid, daß er uns verhindert hat.«

»Geh! es ist genug!« sagte Arkad und drückte ihm verstohlen die Hand.

»Ich schau euch an, meine jungen Freunde,« fuhr Wassili Iwanowitsch kopfschüttelnd fort, wobei er seine gefalteten Hände auf einen Stock stützte, den er selbst kunstvoll spiralförmig gewunden und oben mit einem Türkenkopf verziert hatte, »ich schau euch an und kann es nicht satt bekommen. Wieviel Kraft, Jugend, Fähigkeit, Talent steckt in euch ... Kastor und Pollux!«

»Gut!« rief Bazaroff aus, »jetzt stürzt er sich in die Mythologie! Man sieht sofort, daß er seinerzeit im Latein stark war. Hast du nicht eine silberne Medaille für deine Schularbeiten erhalten?«

»Dioskuren! Dioskuren!« wiederholte Wassili Iwanowitsch.

»Geh, Vater! sei vernünftig, etwas weniger Zärtlichkeit.«

»Einmal von Zeit zu Zeit macht noch keine Gewohnheit,« stotterte der Greis. »Übrigens bin ich nicht gekommen, meine Herren, um euch Komplimente zu machen, sondern erstens, um euch anzukündigen, daß wir bald essen werden, und zweitens, um dich zu benachrichtigen, Eugen ... Du bist ein Bursche von Geist, du kennst die Männer und die Frauen, wirst also verzeihen ... deiner Mutter lag sehr daran, Dankgebete für deine Ankunft lesen zu lassen. Bilde dir nicht ein, daß ich dich auffordern will, denselben anzuwohnen, die Zeremonie ist schon vorüber. Aber der Pater Alexis ...«

»Der Pope?«

»Ja! der Priester ist drinnen ... und wird zum Essen bleiben ... Ich hab es selber nicht vermutet und riet ihm sogar ab ... aber ich weiß nicht, wie es kam ... er hat mich nicht verstanden ... zudem, Arina Vlassiewna ... immerhin aber ist er ein sehr gescheiter und in jeder Hinsicht angenehmer Mann.«

»Ich hoffe, er wird mir meine Portion bei Tische nicht wegessen?« fragte Bazaroff.

Wassili Iwanowitsch lachte.

»Nein! gewiß nicht!« erwiderte er.

»Mehr verlange ich nicht, meinethalben kannst du zu uns an den Tisch setzen, wen du willst.«

»Ich wußte ja wohl, daß du über alle Vorurteile erhaben bist. Es wär auch etwas stark. Hab doch ich, der ich bereits mein dreiundsechzigstes angetreten, gleichfalls keine. (Wassili Iwanowitsch wagte nicht zu gestehen, daß es ihm um die Gebete nicht minder zu tun war als seiner Frau, denn er war so religiös wie sie.) Aber der Pater Alexis wünschte sehr, deine Bekanntschaft zu machen. Ich bin überzeugt, daß er dir gefallen wird. Er macht sehr gern ein Spielchen und ... doch das bleibt unter uns ... raucht sogar seine Pfeife wie ein anderer.«

»Nun, wir werden nach Tisch eine Partie Jeralasch[32] machen, und ich werd euch das Geld abnehmen.«

»He! he! he! Das wollen wir sehen.«

»Wie! willst du von gewissen Talenten Gebrauch machen?« fragte Bazaroff mit ganz besonderer Betonung.

Eine leichte Röte überzog die bronzefarbenen Wangen Wassili Iwanowitschs.

»Schämst du dich nicht, Eugen ... was vorbei ist, ist vorbei. Nun ja, ich wills vor unserem jungen Freund bekennen, daß ich in meiner Jugend diese Leidenschaft hatte, aber ich habs teuer bezahlt! Wie heiß es heute ist! Erlaubt mir, neben euch Platz zu nehmen, wenn ich euch nicht störe?«

»Keineswegs!« antwortete Arkad.

Wassili Iwanowitsch setzte sich auf das Heu und hob mit weinerlicher Stimme an:

»Dies Lager da, meine teuern Herren, erinnert mich an mein Soldatenleben, an Biwak und Ambulanzen; das spielte auch so neben einem Schober, wenn noch einer da war!« -- er tat einen Seufzer -- »ach, ich hab gräßliche Szenen gesehen in meinem Leben! ich will euch, wenn ihrs erlaubt, eine Episode von der Pest erzählen, die uns in Bessarabien dezimiert hat.«

»Und die dir den St. Wladimirorden eingetragen hat,« sagte Bazaroff, »ich kenns! ich kenns! ... Apropos, warum trägst du ihn nicht?«

»Ich sagte dir ja eben, daß ich keine Vorurteile habe,« antwortete Wassili Iwanowitsch verlegen (er hatte das rote Band erst tags zuvor aus dem Knopfloch trennen lassen). Und er fing an, die fragliche Episode zu erzählen.

»Sehen Sie den! er ist eingeschlafen,« flüsterte er plötzlich Arkad ins Ohr, indem er auf Bazaroff zeigte und vertraulich mit den Augen blinzte.

»Eugen, auf!« setzte er laut hinzu, »wir wollen zum Essen gehen!«

Pater Alexis, ein kräftiger, hochgewachsener Mann mit dichtem, sorgfältig gekämmtem Haar und breitem gesticktem Gürtel über dem lilaseidenen Rock, benahm sich mit viel Verstand und Takt. Er schüttelte den jungen Leuten zuerst die Hand, als ob er zum voraus gewußt hätte, daß ihnen keineswegs etwas daran gelegen sei, seinen Segen zu empfangen, und ohne seinem Stand etwas zu vergeben, verstand er es sehr gut, niemanden zu verletzen. Er scheute sich nicht, gelegentlich über das Latein, das man in den Seminarien lehrt, einige Scherze zu machen, und nahm sich gleich darauf wieder seines Erzbischofs an; nachdem er zwei Glas Wein getrunken hatte, schlug er das dritte aus; er nahm die Zigarre an, die ihm Arkad gab, rauchte sie aber nicht, sondern sagte, daß er sie mitnehmen wolle. Doch hatte er die weniger angenehme Gewohnheit, jeden Augenblick die Hand langsam und vorsichtig dem Gesicht zu nähern, um die Mücken zu fangen, die sich daraufgesetzt hatten, wobei es ihm manchmal widerfuhr, daß er sie zerquetschte. Er setzte sich an den Spieltisch, ohne besonderes Vergnügen dabei zu verraten, und gewann Bazaroff schließlich zwei Rubel fünfzig Kopeken Papier ab (von »Rubel Silber« hatte man in dem Hause der Arina Vlassiewna keine Vorstellung). Arina, die nie spielte, saß neben ihrem Sohn, das Kinn nach ihrer Gewohnheit auf die Hand gestützt, und stand nur auf, um weitere Erfrischungen zu bestellen. Sie fürchtete, zuviel Aufmerksamkeit für Bazaroff zu haben, und er ermunterte sie keineswegs dazu; überdies hatte ihr Wassili Iwanowitsch eingeschärft, ihn nicht zu quälen. »Die jungen Leute lieben das nicht,« sagte er ihr wiederholt. (Wir dürfen nicht vergessen, zu bemerken, daß für das Mittagessen nichts gespart war. Timofeitsch hatte sich mit Tagesanbruch in Person nach der Stadt begeben, um dort Fleisch erster Qualität zu kaufen; der Starost verfügte sich anderswohin, um Nalimes[33], Barsche und Krebse aufzutreiben; den Bauernweibern bezahlte man bis vierzig Kopeken für die Champignons.) Die Augen Arinas, beständig auf Bazaroff geheftet, drückten jedoch nicht bloß Hingebung und Zärtlichkeit aus; man las darin auch eine mit Neugier und Furcht und selbst mit einer Art stillen Vorwurfs gemischte Traurigkeit. Übrigens bekümmerte sich Bazaroff sehr wenig um das, was die Augen seiner Mutter ausdrücken mochten, er sprach fast nichts mit ihr und beschränkte sich darauf, ganz kurze Fragen an sie zu richten, doch bat er sie um ihre Hand, in der Hoffnung, daß ihm das Glück bringen werde. Arina Vlassiewna legte ihr zartes, weiches Händchen in die breite, rauhe Hand des Sohnes.

»Nun,« fragte sie ihn einen Augenblick darauf, »hilft es?«

»Es geht noch schlechter,« antwortete er mit sorglosem Lächeln.

»Der Herr spielt viel zu verwegen,« sagte Pater Alexis in bedauerndem Ton und streichelte seinen schönen Bart.

»So machte es Napoleon,« versetzte Wassili Iwanowitsch und spielte ein As aus.

»Und so muß Napoleon auf der Insel St. Helena gestorben sein,« erwiderte der Pater Alexis und stach das As mit einem Trumpf.

»Eniuchenka! willst du ein Glas Johannisbeerwein?« fragte Arina Vlassiewna ihren Sohn.

Bazaroff zuckte bloß die Achseln.

»Nein!« sagte Bazaroff am andern Morgen zu Arkad, »ich muß wieder fort von hier. Ich langweile mich hier, ich möchte arbeiten, und doch ist mirs unmöglich, etwas zu tun. Ich will zu euch zurückkehren, wo ich all mein Material gelassen habe. In eurem Hause kann man doch wenigstens allein sein, wenn man will. Aber hier wiederholt mir mein Vater beständig: Du kannst über mein Studierzimmer verfügen; da stört dich kein Mensch; und er selbst verläßt mich nicht mit einem Schritt. Auch würde ich mir doch einigermaßen ein Gewissen daraus machen, ihm meine Tür zu verschließen. Meine Mutter stört mich kaum weniger; ich höre sie beständig in ihrem Zimmer seufzen, und wenn ich zu ihr hineingehe, weiß ich ihr nichts zu sagen.«

»Deine Abreise wird sie sehr betrüben, und deinen Vater auch,« antwortete Arkad.

»Ich komme wieder.«

»Wann?«

»Auf der Rückreise nach Petersburg.«

»Deine Mutter besonders dauert mich.«

»Warum das? Etwa weil sie dir so gute Früchte zu essen gegeben hat?«

Arkad schlug die Augen nieder.

»Du kennst deine Mutter nicht,« sagte er zu Bazaroff, »sie hat nicht nur ein vortreffliches Herz, sie ist auch sehr gescheit. Wir haben diesen Morgen mehr als eine halbe Stunde zusammen geplaudert, und ihre Unterhaltung ist höchst verständig und interessant.«

»Ohne Zweifel war ich der Gegenstand derselben?«

»Wir haben auch von anderen Dingen gesprochen.«

»Es ist möglich, daß du recht hast, man sieht so etwas als Zuschauer oft besser; wie beim Billard. Wenn eine Frau imstande ist, eine halbe Stunde die Kosten der Unterhaltung zu tragen, so ist das schon ein gutes Zeichen. All das kann mich aber nicht abhalten, abzureisen.«

»Ich weiß nicht, wie du's angreifen willst, ihnen diese Nachricht beizubringen? Sie scheinen zu glauben, daß wir wenigstens noch vierzehn Tage hierbleiben.«

»Das kommt mir sehr ungelegen. Zudem hatte ich heute den dummen Einfall, meinen Vater zu necken, weil er neulich einen Bauern hat peitschen lassen, und zwar mit Recht. Ja ja, mit Recht, sieh mich nicht mit so großen Augen an; er hat sehr wohl daran getan, ihn zu strafen, weils ein unverbesserlicher Dieb und Trunkenbold ist; nur glaubte mein Vater nicht, daß ich in dieser Sache so gut unterrichtet sei, wie man zu sagen pflegt. Er ist darüber ganz betroffen gewesen; und gerade jetzt muß ich ihm den Kummer verursachen ... Doch was liegt daran! Das heilt bis zur Hochzeit[34].«

Obgleich Bazaroff diese letzteren Worte in ziemlich entschiedenem Tone gesprochen hatte, konnte er sich doch nicht entschließen, die Abreise seinem Vater früher anzukündigen, als im Augenblick, wo er ihm in seinem Studierzimmer gute Nacht wünschte. Mit gezwungenem Gähnen sagte er:

»Noch eins ... Fast hätte ich vergessen, dirs mitzuteilen ... Man wird morgen unsere Pferde zu Fedote vorausschicken müssen.«

Wassili Iwanowitsch blieb wie betäubt.

»Will uns Herr Kirsanoff verlassen?« fragte er endlich.

»Ja, und ich reise mit ihm.«

Wassili Iwanowitsch fuhr betroffen zurück.

»Du willst uns verlassen?«

»Ja ... ich habe zu arbeiten. Habe die Güte, die Pferde vorauszuschicken.«

»'s ist gut,« stammelte der Greis, »zum Relais ... ganz gut, recht ... nur ... nur ... ists möglich?«

»Ich muß auf einige Tage zu Kirsanoff. Ich komme dann wieder.«

»So? auf einige Tage ... es ist gut.«

Wassili Iwanowitsch nahm sein Taschentuch und schneuzte sich, indem er sich fast bis auf den Boden bückte.

»Gut! nun ja ... es soll besorgt werden. Aber ich dachte, daß du ... länger ... drei Tage ... nach drei Jahren Abwesenheit, das ist nicht ... das ist nicht viel, Eugen!«

»Ich sagte dir ja eben, daß ich bald wiederkomme, es ist unumgänglich notwendig ...«

»Unumgänglich ... Nun ja! Seine Pflicht muß man vor allem erfüllen ... Du willst, daß ich die Pferde vorausschicke? Es ist gut, aber wir waren nicht darauf gefaßt, Arina und ich! sie hat jetzt eben bei einer Nachbarin Blumen geholt, um dein Zimmer damit zu schmücken.«

Wassili Iwanowitsch sagte nicht, daß er jeden Morgen mit Tagesanbruch barfuß und in Pantoffeln Timofeitsch aufsuchte und ihm eine ganz zerrissene Banknote einhändigte, die er mit zitternden Händen aus dem untersten Säckel hervorholte; diese Banknote war zum Einkauf verschiedener Vorräte bestimmt, hauptsächlich von Eßwaren und rotem Wein, dem die jungen Leute stark zusprachen.

»Es gibt nichts Köstlicheres als die Freiheit; das ist mein Grundsatz ... man muß den Leuten keinen Zwang antun ... man muß ...«

Wassili Iwanowitsch verstummte plötzlich und ging nach der Türe.

»Wir sehen uns bald wieder, Vater, ich verspreche dirs.«

Aber Wassili Iwanowitsch wandte sich nicht um, er verließ das Zimmer mit einer Handbewegung. Beim Eintritt ins Schlafzimmer fand er seine Frau schon eingeschlafen; er betete leise, um sie nicht zu stören, dennoch wachte sie auf.

»Bist du's, Wassili Iwanowitsch?« fragte sie.

»Ja, Mutter!«

»Du kommst gerade von Eniucha? Ich fürchte, daß er auf seinem Sofa nicht gut liegt. Ich habe übrigens Anfisuschka gesagt, daß sie ihm deine Feldmatratze und die neuen Kissen gibt; ich hätt ihm gern unser Federbett abgetreten, aber ich glaube mich zu erinnern, daß er nicht gern weich liegt.«

»Das tut nichts, Mutter, beruhige dich. Er hat über nichts zu klagen. ›Herr, vergib uns unsere Sünden!‹« fuhr er in seinem Gebet fort. Mehr sagte Wassili Iwanowitsch nicht; er wollte seiner armen Frau die Nachricht nicht mitteilen, welche ihre Ruhe gestört hätte.

Am anderen Morgen reisten die beiden jungen Leute ab. Alles im Hause hatte von früh an ein trauriges Ansehen gewonnen; Anfisuschka ließ die Platten fallen, die sie trug; Fedka sogar kam aus der Fassung und fuhr schließlich aus seinen Stiefeln. Wassili Iwanowitsch machte sich noch mehr zu schaffen als sonst; er zwang sich, seinen Kummer zu verbergen, sprach sehr laut und trat mit Geräusch auf; aber sein Gesicht war eingefallen, und seine Augen suchten dem Sohn immer auszuweichen. Arina Vlassiewna weinte still; sie hätte den Kopf ganz verloren, wenn ihr der Mann nicht in aller Frühe eine lange Vorlesung gehalten hätte. Als Bazaroff sich endlich mit der wiederholten Versicherung, daß er vor Ablauf eines Monats wiederkommen werde, den Armen, die ihn zurückhielten, entwunden hatte und in dem Tarantaß saß, als die Pferde anzogen und der Ton der Glocke sich mit dem Rollen der Räder mischte, als es vergeblich war, dem Wagen länger nachzublicken, als der Staub sich gänzlich gelegt hatte und Timofeitsch wankend und ganz gebrochen sein Lager wieder suchte, als endlich die beiden Alten sich wieder allein in ihrem Hause befanden, das ihnen noch enger und älter vorkam ... warf sich Wassili Iwanowitsch, der wenige Minuten zuvor von der Treppe herab so stolz mit dem Tuch gewinkt hatte, in einen Sessel und ließ das Haupt auf die Brust sinken. »Er hat uns verlassen!« sagte er mit zitternder Stimme. »Verlassen! er langweilte sich bei uns. Da bin ich nun wieder allein, allein!« sagte er wiederholt und streckte jedesmal den Zeigefinger der rechten Hand aus[35]. Arina Vlassiewna trat zu ihm, legte ihr weißes Haupt auf das weiße Haupt des Greises und sagte: »Was ist da zu machen, Wassili! Ein Sohn ist wie ein Lappen, der sich losreißt; er gleicht dem jungen Falken; es beliebt ihm zu kommen, und er kommt; es beliebt ihm zu gehen, und er fliegt davon; wir zwei aber, du und ich, wir sind wie zwei kleine Schwämme in einem hohlen Baume; eins neben dem andern, bleiben wir da für alle Zeit. Ich allein, ich werde nicht von dir lassen, wie du von deiner alten Frau nicht lassen wirst!«

Wassili Iwanowitsch erhob das Gesicht, welches er mit beiden Händen bedeckt hatte, und drückte seine Frau, seine Lebensgefährtin, inniger an sich, als ers je, selbst in seiner Jugend, getan; sie hatte ihm Trost gegeben in seinem Leid.

Einundzwanzigstes Kapitel

Die beiden Freunde wechselten beinahe kein Wort, bis sie an Fedotes Haus angekommen waren. Bazaroff war mit sich selber nicht zufrieden, und Arkad war ärgerlich auf seinen Freund. Er fühlte überdies jene unbestimmte Traurigkeit, welche nur jungen Leuten beim ersten Eintritt in das Leben bekannt ist. Als umgespannt war und der Kutscher wieder auf dem Bock saß, fragte er, ob er rechts oder links fahren solle.

Arkad erbebte. Der Weg zur Rechten führte nach der Stadt und von da auf das Gut seines Vaters, der zur Linken führte zu Frau Odinzoff.

Er sah Bazaroff an.

»Links, Eugen?« sagte er.

Bazaroff wandte sich ab.

»Welche Dummheit!« murmelte er zwischen den Zähnen.

»Ich weiß wohl, daß es eine Dummheit ist,« antwortete Arkad. »Aber was tuts, 's ist nicht die erste, die wir begehen.«

Bazaroff schlug den Schirm seiner Mütze herunter.

»Tu wie du willst!« sagte er zuletzt.

»Fahr links!« rief Arkad dem Kutscher zu.

Der Tarantaß rollte in der Richtung von Nikolskoi dahin. Die beiden Freunde aber, nachdem sie jetzt entschlossen waren, eine Dummheit zu machen, beobachteten ein noch hartnäckigeres Schweigen als zuvor: sie schienen beinahe ergrimmt.

Aus der Art, wie der Haushofmeister der Frau Odinzoff sie auf der Treppe des Hauses empfing, merkten unsere jungen Reisenden gleich, daß es unbesonnen gewesen war, ihrem Einfall Folge zu leisten. Es war leicht zu bemerken, daß man sie durchaus nicht erwartete. Eingeladen, in den Salon zu treten, mußten sie längere Zeit warten und spielten da eine traurige Figur. Frau Odinzoff erschien endlich; sie redete sie mit ihrer gewöhnlichen Liebenswürdigkeit an, schien aber über ihre schnelle Wiederkehr erstaunt; sie war nicht besonders entzückt, sie wiederzusehen, soviel sich nach ihren gemessenen Worten und Bewegungen urteilen ließ. Sie beeilten sich, ihr mitzuteilen, daß sie nur im Vorbeikommen angesprochen hätten, und daß sie in zwei oder drei Stunden nach der Stadt zurückzukehren gedächten. Ihre ganze Antwort war ein schwacher Ausruf der Überraschung; sie bat Arkad, seinen Vater von ihr zu grüßen, und schickte nach ihrer Tante; die Fürstin kam ganz verschlafen an, was den gewöhnlich bösen Ausdruck ihres gelben und welken Gesichts noch erhöhte. Katia war unwohl und verließ ihr Zimmer nicht. Arkad empfand in diesem Augenblick, daß er Katia ebensosehr wie die Herrin des Hauses zu sehen gewünscht hätte.

So vergingen vier Stunden in gleichgültigem Gespräch; Frau Odinzoff sprach und hörte zu, ohne zu lächeln. Nur im Augenblick der Abreise schien ihre alte Freundlichkeit wieder aufzuleben.

»Sie müssen mich recht mürrisch finden,« sagte sie, »aber bekümmern Sie sich nicht darum, und besuchen Sie mich beide bald wieder; hören Sie?«

Bazaroff und Arkad antworteten nur mit einer Verbeugung, stiegen wieder in den Wagen und ließen sich direkt nach Marino zurückfahren, wo sie ohne Aufenthalt am Abend des anderen Tages ankamen. Während der Fahrt sprach weder der eine noch der andere den Namen der Frau Odinzoff aus; Bazaroff beobachtete sogar ein beständiges Schweigen und starrte hartnäckig ins Weite.

In Marino wurden sie mit offenen Armen empfangen. Die lange Abwesenheit seines Sohnes fing an, Kirsanoff zu beunruhigen; er stieß einen Schrei aus, sprang auf das Sofa und stampfte mit den Füßen, als Fenitschka mit freudestrahlenden Augen ins Zimmer trat und ihm die »jungen Herren« meldete. Selbst Paul empfand eine angenehme Überraschung und lächelte mit Gönnermiene, als er den Neuangekommenen die Hand drückte. Man plauderte von der Reise; Arkad war der, welcher am meisten sprach, besonders beim Abendessen, und das Mahl zog sich weit über Mitternacht hinaus. Kirsanoff hatte mehrere Flaschen Porter auftragen lassen, der von Moskau kam, und er mundete ihm so vortrefflich, daß seine Wangen purpurrot wurden und er aus einem kindlichen und zugleich nervösen Lachen nicht herauskam. Diese allgemeine gute Laune ergriff sogar die Dienerschaft. Duniascha tat nichts, als wie närrisch hin und her laufen und die Türen hinter sich zuschlagen, und Peter versuchte es noch morgens zwei Uhr vergeblich, einen Kosakenwalzer auf der Gitarre zu spielen. Die Saiten des Instruments ließen in der ländlichen Stille wehmütig-liebliche Töne durch die Nacht erklingen. Aber der gebildete Kammerdiener kam nie über die ersten Läufe hinaus. Die Natur hatte ihm das musikalische Talent versagt, wie überhaupt jedes Talent.