Väter und Söhne

Part 12

Chapter 123,759 wordsPublic domain

»Aber ... Akazien, ich denke ...«

Bazaroff gähnte.

»Ich glaube, daß unsere Reisenden gut daran täten, in Morpheus' Arme zu sinken,« sagte Wassili Iwanowitsch.

»Das heißt, daß es Zeit ist, ins Bett zu gehen,« nahm Bazaroff das Wort. »Ich billige den Vorschlag. Kommt!«

Und damit sagte er seiner Mutter »Gute Nacht!« und küßte sie auf die Stirn; sie aber machte, während sie ihn umarmte, dreimal das Zeichen des Kreuzes hinter seinem Rücken. Wassili Iwanowitsch geleitete Arkad auf sein Zimmer und verließ ihn, nachdem er ihm »die süße Ruhe, deren er selbst in diesem glücklichen Alter genossen«, gewünscht hatte. In der Tat schlief Arkad sehr gut in seinem kleinen Stübchen; es roch nach frischen Hobelspänen, und zwei hinter dem Ofen versteckte Grillen machten eine einschläfernde Musik. Wassili Iwanowitsch ging von Arkads Zimmer in sein eigenes Kabinett, setzte sich unten aufs Bett seines Sohnes, d. h. auf das Sofa, und schickte sich an, ein wenig zu plaudern; aber Bazaroff hieß ihn sofort wieder gehen, weil er schläfrig sei; gleichwohl schloß er die ganze Nacht kein Auge. Er ließ seinen mürrischen Blick durch die Finsternis schweifen; die Jugenderinnerungen hatten keine Macht über ihn, und die traurigen Eindrücke vom Tag zuvor erregten noch immer seinen Geist. Arina Vlassiewna betete andächtig vor ihren Heiligenbildern; dann blieb sie noch lange bei Anfisuschka, welche gleich einer Bildsäule vor ihrer Herrin stand und sie mit ihrem einen Auge anstarrte, während sie ihr geheimnisvoll und leise eine Menge Bemerkungen und Vermutungen über Eugen Wassiliewitsch mitteilte. Freude, Wein und Tabaksrauch hatten das Hirn Arinas so erschüttert, daß ihr der Kopf schwindelte; ihr Gatte wollte noch mit ihr plaudern, bald aber verzichtete er darauf und ging mit einer resignierten Handbewegung ab.

Arina Vlassiewna war ein wahrer Typus des kleinen russischen Adels der alten Zeit; sie hätte zwei Jahrhunderte früher, zur Zeit der Großfürsten von Moskau, auf die Welt kommen sollen. Leicht erregbar und von großer Frömmigkeit, glaubte sie an alle Vorbedeutungen, Ahnungen, Zaubereien und Träume; sie glaubte an die »Jurodivi«[30], an Haus- und Waldgeister, an Unglück bringende Begegnungen, an das böse Auge, an Hausmittel, an die Kraft des am Gründonnerstag auf den Altar gelegten Salzes und an den baldigen Untergang der Welt; sie glaubte, daß es eine gute Buchweizenernte bedeute, wenn die Kerzen in der Ostermitternachtsmesse nicht erlöschen, daß die Champignons nicht mehr wachsen, sobald sie vom Blick des Menschen getroffen werden, daß der Teufel sich gern an wasserreichen Orten aufhalte und daß alle Juden einen Blutflecken auf der Brust haben; sie fürchtete die Mäuse, die Nattern, die Frösche, die Sperlinge, die Blutegel, den Donner, das kalte Wasser, die Zugluft, die Pferde, die Böcke, die rothaarigen Menschen und die schwarzen Katzen, und hielt die Grillen und Hunde für unreine Geschöpfe; sie aß weder Kalbfleisch, noch Tauben, noch Krebse, noch Käse, noch Spargel, noch Topinambur, noch Hasen, noch Wassermelonen (weil eine angeschnittene Melone an das abgeschlagene Haupt Johannes des Täufers erinnert), und der bloße Gedanke an Austern, die sie nicht einmal vom Sehen kannte, machte sie schaudern; sie aß gern viel und gut und fastete streng; sie schlief zehn Stunden täglich und legte sich gar nicht zu Bett, wenn Wassili Iwanowitsch über Kopfweh klagte. Das einzige Buch, das sie gelesen hatte, führte den Titel: »Alexis oder die Hütte im Walde«; sie schrieb einen, allerhöchstens zwei Briefe des Jahres, und verstand sich vortrefflich auf eingemachte Früchte und Gemüse, obgleich sie nirgends selbst Hand anlegte und sich überhaupt nicht gern von der Stelle rührte.

Arina Vlassiewna war übrigens sehr gut und gar nicht ohne einen gewissen gesunden Menschenverstand. Sie wußte, daß es in der Welt Herren gebe zum Befehlen und Volk zum Gehorchen; deshalb hatte sie auch nichts gegen die Unterwürfigkeit der Untergebenen und ihre Verneigungen bis zur Erde einzuwenden; aber sie behandelte sie mit großer Milde, ließ keinen Bettler ohne Almosen gehen und kritisierte niemand, ohne darum dem Klatsch abhold zu sein. Sie hatte in ihrer Jugend ein angenehmes Gesicht gehabt, spielte Klavier und sprach etwas Französisch. Aber während der langen Reisen ihres Mannes, den sie wider Willen geheiratet hatte, war sie dick geworden und hatte Musik und Französisch verlernt. Ihren Sohn betete sie an, fürchtete ihn aber gewaltig; ihr Gut verwaltete Wassili Iwanowitsch, und sie ließ ihm in dieser Beziehung vollkommene Freiheit; sie seufzte, fächelte sich mit ihrem Taschentuch Luft zu und zog die Augenbrauen in die Höhe vor lauter Angst, wenn ihr alter Mann von den in der Ausführung begriffenen Reformen und von seinen eigenen Plänen zu sprechen anfing. Sie war mißtrauisch, erwartete beständig irgendein großes Unglück und fing gleich zu weinen an, sobald sie sich an etwas Trauriges erinnerte ... Frauen dieser Art fangen an, selten zu werden; Gott weiß, ob man sich darüber freuen soll.

Sobald Arkad aufgestanden war, öffnete er das Fenster, und sein erster Blick fiel auf Wassili Iwanowitsch, der, in einem tatarischen Schlafrock und mit einem Taschentuch umgürtet, im Küchengarten arbeitete. Als er seinen jungen Gast erblickte, stützte er sich auf seinen Spaten und rief ihm zu:

»Guten Morgen! wie haben Sie geschlafen?«

»Sehr gut,« antwortete Arkad.

»Sie sehen eine Art Cincinnatus vor sich,« fuhr der Alte fort; »ich richte ein Beet für Herbstrüben her. Wir leben in einer Zeit (und ich bin weit entfernt, mich darüber zu beklagen), wo sich jeder durch seiner Hände Arbeit erhalten muß; man darf sich nicht auf andere verlassen; man muß selber angreifen. Mag man immerhin das Gegenteil behaupten, Jean Jacques Rousseau hatte recht. Vor einer halben Stunde, mein lieber Herr, hätten Sie mich bei einer ganz anderen Beschäftigung getroffen, als bei der Sie mich jetzt sehen. Eine Bäuerin war da, um mich wegen eines Ruhranfalls zu konsultieren; ich habe ihr ... wie soll ich sagen? ... ich habe ihr eine Dosis Opium ›eingeführt‹; einer anderen hab ich einen Zahn ausgezogen. Ich hatte der letzteren vorgeschlagen, sich chloroformieren zu lassen, aber sie wollte nicht. Selbstverständlich tue ich das alles umsonst -- ›~an amater~‹. Übrigens brauch ich mich dessen nicht zu schämen; ich bin ein Plebejer, ~homo novus~; ich habe kein Wappenschild wie meine vielgeliebte Gattin ... Aber wärs Ihnen nicht gefällig, hier im Schatten vor dem Frühstück die Frische des Morgens zu atmen?«

Arkad ging zu ihm hinaus.

»Seien Sie mir willkommen,« fuhr Wassili Iwanowitsch fort, indem er militärisch grüßend die Hand an das fettige Käppchen legte, das seinen Kopf bedeckte; -- »ich weiß, Sie sind an jeden ausgesuchtesten Luxus gewöhnt, aber selbst die Großen dieser Erde verschmähen es nicht, einige Zeit unter dem Dache einer Hütte zu leben.«

»Wie können Sie mich einen Großen dieser Erde nennen!« rief Arkad aus; »und dann bitte ich Sie zu glauben, daß ich durchaus nicht an Luxus gewöhnt bin.«

»Erlauben Sie, erlauben Sie,« erwiderte Wassili Iwanowitsch mit lächelnder Miene, »obgleich ich jetzt zum alten Eisen gehöre, hab ich mich doch einst in der Welt umgetan, und ich kenne den Vogel am Fluge. Auch bin ich ein wenig Psycholog und Physiognomiker. Ohne diese Gabe, wie ichs nennen möchte, wäre ich längst verloren; man hätte mich zertreten, mich armes Erdenwürmchen, das ich bin. Ich sags Ihnen ohne Kompliment: Die Freundschaft, die, soviel ich sehe, zwischen Ihnen und meinem Sohn besteht, erfreut mich außerordentlich. Ich komme eben erst von ihm her; er ist nach seiner Gewohnheit, die Sie kennen, sehr früh aufgestanden und durchstreift die Umgegend. Erlauben Sie mir eine Frage: Ist es lange her, daß Sie meinem Sohne nahestehn?«

»Wir lernten uns vergangenen Winter kennen.«

»Wahrhaftig? Erlauben Sie mir noch eine Frage ... Aber wir könnten uns setzen? Erlauben Sie mir, Sie mit der Offenherzigkeit eines Vaters zu fragen, was Sie von meinem Eugen halten?«

»Ihr Sohn ist einer der hervorragendsten Männer, die mir je vorgekommen sind,« antwortete Arkad lebhaft.

Die Augen Wassili Iwanowitschs öffneten sich plötzlich weit, und eine leichte Röte färbte seine Wangen. Er ließ den Spaten fallen, den er in der Hand hatte.

»Also Sie glauben ...« nahm er wieder das Wort.

»Ich bin gewiß,« fuhr Arkad fort, »daß Ihr Sohn eine große Zukunft vor sich hat; er wird Ihren Namen berühmt machen. Davon war ich gleich bei unserer ersten Begegnung überzeugt.«

»Wie ... Wie das? ...« brachte Wassili Iwanowitsch mühsam heraus. Ein verzücktes Lächeln legte sich auf seine breiten Lippen und verließ sie nicht mehr.

»Sie wollen wissen, wie wir Bekanntschaft gemacht haben?«

»Ja ... und überhaupt ...«

Arkad fing an, noch begeisterter von Bazaroff zu sprechen, als an dem Abend, wo er mit Frau Odinzoff eine Mazurka tanzte.

Wassili Iwanowitsch hörte ihm zu, schneuzte sich, ballte sein Taschentuch mit beiden Händen zusammen, hustete, fuhr sich durchs Haar, endlich aber konnte er sich nicht länger halten, neigte sich gegen Arkad und küßte ihn auf die Schulter.

»Sie haben mich zum Glücklichsten der Menschen gemacht,« sagte er, immerfort lächelnd; »ich muß Ihnen gestehen, daß ich ... daß ich meinen Sohn vergöttere. Ich spreche nicht von meiner armen Frau, sie ist Mutter und fühlt als solche. Aber ich, ich wags nicht, meinem Sohn auszudrücken, wie sehr ich ihn liebe, das würde ihm unangenehm sein. Er kann derartige Herzensergießungen nicht leiden; viele tadeln ihn sogar wegen dieser Charakterfestigkeit und schreiben sie dem Stolz und der Gefühllosigkeit zu; aber Männer wie er dürfen nicht mit derselben Elle gemessen werden wie gemeine Sterbliche, nicht wahr? Ein anderer z. B. hätte an seiner Stelle des Vaters Geldbeutel fortwährend zur Ader gelassen. Er aber hat nie eine Kopeke zuviel von uns verlangt, das kann ich Sie versichern.«

»Er ist ein uneigennütziger, makelloser Mensch,« sagte Arkad.

»Wie Sie sagen, ein Muster von Uneigennützigkeit. Was mich betrifft, Arkad Nikolaitsch, ich bet ihn nicht bloß an, ich bin stolz auf ihn, und was meinem Stolz am meisten schmeichelt, ist der Gedanke, daß man einst in seiner Lebensbeschreibung folgende Zeilen lesen wird: ›Sohn eines einfachen Regimentsarztes, der jedoch frühzeitig sein Talent erkannte und für seine Ausbildung alles tat ...‹« die Stimme des Greises erlosch.

Arkad drückte ihm die Hand.

»Was meinen Sie?« fragte Wassili Iwanowitsch nach kurzem Schweigen; »in der medizinischen Karriere wird er sich wohl nicht den Ruhm holen, den Sie ihm prophezeien?«

»Ohne Zweifel nicht, obgleich er auch in diesem Fach bestimmt ist, zu den Gelehrtesten zu gehören.«

»Welches ist dann die Karriere, in der ...«

»Das kann ich Ihnen jetzt gleich nicht sagen, aber er wird ein berühmter Mann sein.«

»Ein berühmter Mann!« wiederholte der Greis und versank in tiefe Träumerei.

»Arina Vlassiewna läßt Sie bitten, zum Tee zu kommen,« sagte Anfisuschka, die mit einer ungeheuren Platte Himbeeren vorüberging.

Wassili Iwanowitsch fuhr zusammen, richtete sich aber wieder auf.

»Gibt es Rahm zu den Himbeeren?« fragte er.

»Ja, das gibts.«

»Daß er nur ja recht kalt ist, hörst du! Machen Sie keine Umstände, Arkad Nikolaitsch, nehmen Sie mehr. Wo bleibt Eugen so lange?«

»Ich bin hier,« antwortete Bazaroff aus Arkads Zimmer.

Wassili Iwanowitsch wandte sich rasch um.

»Ah! Du wolltest unsern Gast überraschen; aber du kommst zu spät, ~amice~, denn wir plaudern schon seit einer Stunde zusammen. Nun komm zum Tee, deine Mutter erwartet uns. Apropos! ich muß dich etwas fragen.«

»Was?«

»Es ist hier ein Bauer, der an einem ~icterus~ leidet.«

»Das heißt, er hat die Gelbsucht.«

»Ja, er hat einen Anfall von chronischem und hartnäckigem ~icterus~. Ich habe ihm Tausendgüldenkraut und Quecken verschrieben; auch hieß ich ihn gelbe Rüben essen und Sodawasser trinken. Aber das sind lauter ›Polliative‹; man sollte ihm etwas Kräftigeres verabreichen. Obgleich du dich über die Medizin lustig machst, kannst du mir doch gewiß einen guten Rat geben.«

»Wir wollen später darüber reden. Kommt zum Tee.«

Wassili Iwanowitsch sprang leicht von der Bank auf und stimmte das Lied aus »Robert der Teufel« an:

Der Wein, der Wein, das Spiel, die Schönen, Sie lieb, sie lieb, sie lieb ich nur allein.

»Welche Lebenskraft!« sagte Bazaroff, während er vom Fenster trat.

Es war um die Mittagszeit. Trotz des feinen Vorhangs weißlicher Wolken, die den Himmel bedeckten, war es erstickend heiß. Ringsum herrschte Stille, nur die Hähne im Dorfe krähten, und die langgezogenen Töne verursachten allen, die sie hörten, ein sonderbares Gefühl von Faulheit und Langerweile. Von Zeit zu Zeit erhob sich aus dem Gipfel eines Baumes wie ein Klageruf der durchdringende Schrei eines jungen Sperbers. Arkad und Bazaroff lagen im Schatten eines kleinen Heuschobers auf einem Haufen Gras, welches bei der geringsten Bewegung raschelte, obgleich es noch grün und duftig war.

»Diese Espe da«, sagte Bazaroff, »ruft mir meine Kindheit zurück; sie steht am Rand eines Grabens, der sich auf dem Platz einer ehemaligen Ziegelei gebildet hat. Ich war damals überzeugt, daß dieser Baum und dieser Graben die Kraft eines Talismans haben: ich langweilte mich nie in ihrer Nähe. Ich begriff damals noch nicht, daß ich mich nur darum nicht langweilte, weil ich ein Kind war. Jetzt, da ich groß geworden bin, hat der Talisman seine Kraft verloren.«

»Wie viele Jahre hast du im ganzen hier verbracht?« fragte Arkad.

»Zwei Jahre hintereinander; später kamen wir von Zeit zu Zeit hierher. Wir führten ein Nomadenleben und zogen fast immer von einer Stadt zur andern.«

»Ist das Haus schon lange gebaut?«

»Ja ... Mein Großvater hat es gebaut, der Vater meiner Mutter.«

»Was war er, dein Großvater?«

»Der Teufel soll mich holen, wenn ichs weiß! Ich glaube Major zweiter Klasse. Er hat unter Suworow gedient und erzählte beständig von ihrem Übergang über die Alpen, wahrscheinlich schnitt er gehörig auf.«

»Deshalb hängt in eurem Wohnzimmer das Bildnis Suworows? Ich liebe solche alte warme Häuschen wie das eure sehr; sie haben auch einen ganz eigentümlichen Geruch.«

»Ja, nach Öl[31] und Wäsche,« erwiderte Bazaroff. »Und die Menge Mücken in diesen niedlichen Wohnungen! Pah!«

»In deiner Kindheit«, fuhr Arkad nach kurzem Schweigen fort, »hat man dich nicht streng gehalten?«

»Du kennst meine Eltern, sie sind keine Menschenfresser.«

»Du liebst sie sehr, Eugen?«

»O ja, Arkad!«

»Sie hängen sehr an dir!«

Bazaroff antwortete nichts.

»Weißt du, an was ich denke?« sagte er endlich, indem er die Hand unter den Kopf schob.

»Nein, sprich!«

»Ich denke, daß das Leben für meine Eltern sehr süß ist! Mein Vater interessiert sich für alles, obgleich er seine sechzig Jahre hinter sich hat; er spricht von ›Polliativ‹mitteln, behandelt Kranke, spielt den Großmütigen bei den Bauern und ist dabei seelenvergnügt. Meine Mutter kann sich auch nicht beklagen; ihr Tag ist von so vielerlei Geschäften, ›Ohs!‹ und ›Ahs!‹ ausgefüllt, daß sie gar keine Zeit hat, zu sich selber zu kommen; und ich ...«

»Und du?«

»Und ich, ich sage mir: Da lieg ich neben diesem Schober ... Der Platz, den ich einnehme, ist so unendlich klein im Vergleich zu dem übrigen Raum, wo ich nicht bin und wo man sich aus mir nichts macht, und die Zeit, die mir zu leben vergönnt sein wird, ist so kurz neben der Ewigkeit, in der ich nicht war und in der ich nie sein werde ... und doch in diesem Atom, in diesem mathematischen Punkt kreist das Blut, arbeitet das Gehirn und will auch etwas ... Welcher Unsinn! Welche Albernheit!«

»Erlaub mir, dir eine Bemerkung zu machen: was du da sagst, paßt im ganzen für alle Menschen ...«

»Das ist richtig,« erwiderte Bazaroff, »ich wollte sagen, daß diese braven Leute, ich meine nämlich meine Eltern, sich beschäftigen und nicht an ihr Nichts denken; es ekelt und stinkt sie nicht an, während ich nur Langeweile und Haß zu empfinden vermag.«

»Haß? warum das?«

»Warum? welche Frage! Hast du denn vergessen?«

»Ich erinnere mich an alles, aber ich glaube nicht, daß es dir ein Recht gibt, zu hassen ... Du bist unglücklich, ich gebe es zu, aber ...«

»Ei! ei! Arkad Nikolaitsch, ich sehe, du verstehst die Liebe, wie alle jungen Leute von heut; du lockst die Henne put, put, put! und sobald die Henne kommt, nimmt man Reißaus! Das ist die Art nicht, wie ich es mache. Doch lassen wir das. Wenn einer Sache nicht zu helfen ist, so ist es eine Schande, sich mit ihr abzugeben.« -- Er legte sich auf die Seite und fuhr fort: »Ah, da ist eine Ameise, welche lustig eine halbtote Mücke schleift. Immerzu, Alte, immerzu! Mach dir nichts aus ihrem Sträuben. Du kannst in deiner Eigenschaft als Tier jedes Gefühl von Erbarmen verschmähen. Das ist nicht wie unsereiner, die wir uns freiwillig vernichtet und zerbrochen haben.«

»Du solltest nicht so sprechen, Eugen! wann hast du dich zerbrochen, wie du sagst?«

Bazaroff richtete den Kopf auf.

»Ich glaube das Recht zu haben, stolz darauf zu sein. Ich habe mich nicht selbst zerbrochen, und einem Weib wird das sicher nie gelingen. Amen! es ist aus! Du wirst kein einziges Wort mehr über diesen Gegenstand von mir hören.«

Die beiden Freunde lagen einige Augenblicke da, ohne zu sprechen.

»Ja,« nahm Bazaroff wieder das Wort, »der Mensch ist ein sonderbares Wesen. Wenn man so von der Seite und von weitem das dunkle Leben betrachtet, welches hier die ›Väter‹ führen, so scheint es, als ob alles vollkommen sei. Iß, trinke und lebe deiner Meinung nach so weise und regelmäßig als möglich. Es ist doch nichts; die Langeweile packt dich bald. Man empfindet das Verlangen, unter andere Menschen zu gehen, wärs auch nur, um mit ihnen zu streiten -- gleichviel, man muß eben unter sie gehen.«

»Man müßte das Leben so einrichten, daß jeder Augenblick eine Bedeutung hätte,« sagte Arkad nachdenklich.

»Gewiß! es ist immer angenehm, etwas zu bedeuten, selbst wenn es mit Unrecht geschähe. Man würde sich zur Not sogar die unbedeutenden Dinge gefallen lassen ... Aber die Kleinigkeiten, die Erbärmlichkeiten ... das ist das Übel!«

»Es gibt keine Kleinigkeiten für den, der keine anerkennen will.«

»Hm! Du hast da einen umgekehrten Gemeinplatz ausgesprochen.«

»Wie? Was meinst du damit?«

»Die Versicherung zum Beispiel, daß die Zivilisation nützlich sei, ist ein Gemeinplatz, die Behauptung aber, daß die Zivilisation schädlich sei, ist ein umgekehrter Gemeinplatz. Das lautet ein wenig vornehmer, aber im Grund ist es absolut ein Ding.«

»Aber die Wahrheit, wo muß man sie denn suchen?«

»Wo? Ich antworte dir wie das Echo; wo?«

»Du bist heute zur Schwermut aufgelegt, Eugen!«

»Wahrhaftig? es scheint, die Sonne hat mir auf den Kopf gebrannt, und dann, wir haben zuviel Himbeeren gegessen.«

»Da wärs gut, einen Schlaf zu tun,« sagte Arkad.

»Sei's, nur schau mich nicht an ... man sieht immer dumm aus, wenn man schläft.«

»Es ist dir also nicht gleichgültig, was man von dir denkt?«

»Ich weiß nicht recht, was man darauf antworten soll. Ein Mann, der dieses Namens wahrhaftig würdig ist, dürfte sich um das, was man von ihm denkt, nicht kümmern; der wahre Mann ist der, der andern nichts zu denken gibt, sondern sie zwingt, ihm zu gehorchen oder ihn zu verabscheuen.«

»Das ist sonderbar! ich verabscheue niemand,« sagte Arkad nach kurzem Besinnen.

»Und ich verabscheue viele Leute! Du hast eine milde Seele, ein wahres Pflaumenkompott, wie könntest du verabscheuen? ... Du bist furchtsam, hast kein Selbstvertrauen ...«

»Und du,« erwiderte Arkad, »du hast noch viel Selbstvertrauen? Du schätzst dich sehr hoch?«

Bazaroff antwortete ihm nicht sogleich.

»Wenn ich einmal einem Menschen begegne, der in meiner Gegenwart nicht die Ohren hängen läßt,« versetzte Bazaroff langsam, »dann werde ich meine Meinung über mich selber ändern. -- Verabscheuen?« fuhr er fort ... »aber halt einmal, du hast vor kurzem gesagt, als wir an der großen und saubern Isba eures Starosten Philipp vorübergingen: Rußland werde so lange nicht auf seiner Höhe angekommen sein, bis der letzte Bauer eine solche Wohnung habe, und jeder von uns müsse dazu beitragen ... Nun wohlan, ich habe sofort diesen Bauer verabscheut, heiß er Philipp oder Jakob, für dessen Wohl ich schanzen soll, ohne daß er mirs im mindesten Dank wüßte. Und doch, was sollt ich mit seiner Dankbarkeit tun? Wenn er in seiner guten Isba wohnt, dann werde ich die Nesseln auf dem Kirchhof düngen. Und was dann?«

»Schweig, Eugen, wenn man dich heute hört, ist man fast versucht, denen recht zu geben, die uns vorwerfen, daß wir keine Grundsätze haben.«

»Du sprichst wie dein würdiger Onkel. Es gibt keine Grundsätze. Hast du das bisher noch nicht gewußt? Es gibt nur Sensationen. Alles hängt von Sensationen ab.«

»Wieso?«

»Jawohl. Nimm mich zum Beispiel: Wenn ich vom Geist der Verneinung und des Widerspruchs beherrscht bin, so hängt das von meinen Sensationen ab. Es ist mir angenehm, zu verneinen, mein Hirn ist so gebaut und damit Punktum! Warum habe ich Gefallen an der Chemie? Warum ißt du gerne Äpfel? Alles kraft der Sensationen. Da liegt die Wahrheit, und nie werden die Menschen tiefer dringen. Man gesteht sichs nicht gerne, und selbst ich werde dirs nicht mehr wiederholen.«

»Aber von diesem Standpunkte aus wäre die Tugend selber nichts als eine Sensation?«

»Ohne allen Zweifel!«

»Eugen!« erwiderte Arkad in betrübtem Ton.

»Ah! Wahrhaftig? Der Bissen ist nicht nach deinem Geschmack,« sagte Bazaroff. »Nein, mein Lieber, wenn man entschlossen ist, alles abzumähen, muß man seine eigenen Beine nicht schonen. Aber wir haben nun in dieser Weise genug philosophiert. Die Natur ladet uns zur Ruh des Schlummers ein, sagt Puschkin.«

»Er hat nie etwas Ähnliches gesagt,« erwiderte Arkad.

»Wenn ers nicht gesagt hat, hätte ers in seiner Eigenschaft als Dichter sagen können oder sollen. Apropos, er war doch Soldat?«

»Puschkin war nie Soldat.«

»Geh doch! auf jeder Seite ruft er aus: ›Zu den Waffen! zu den Waffen! für die Ehre Rußlands!‹«

»Woher nimmst du alle diese Erfindungen? ich nenne das verleumden.«

»Verleumden? wie hübsch! Glaubst du mich mit diesem Worte zu erschrecken? Welche Verleumdungen man immer über einen Menschen verbreitet, er verdient noch zwanzigmal mehr.«

»Suchen wir lieber zu schlafen,« sagte Arkad verletzt.

»Mit dem größten Vergnügen,« antwortete Bazaroff.

Aber sie konnten beide nicht einschlafen, ein Gefühl von Feindseligkeit hatte sich in ihr Herz geschlichen. Nach wenigen Minuten öffneten sie die Augen und blickten sich schweigend an.

»Sieh,« sagte plötzlich Arkad, »sieh dies verdorrte Blatt, welches sich eben von einer Platane löste und zur Erde fällt, es flattert in der Luft, ganz wie ein Schmetterling. Ist das nicht sonderbar? Das Traurigste und Toteste was es gibt, gleicht dem Heitersten und Lebendigsten!«

»Mein teurer Arkad Nikolajewitsch,« rief Bazaroff aus, »ich bitte dich um Gottes willen, sprich nicht poetisch.«

»Ich spreche, wie ichs verstehe ... Aber wahrhaftig, das streift an Tyrannei. Wenn mir ein Gedanke kommt, warum soll ich ihn nicht ausdrücken?«

»Das ist richtig; aber warum soll ich nicht gleichfalls sagen, was ich denke? Ich finde es unanständig, poetisch zu sprechen.«

»Es ist deiner Meinung nach ohne Zweifel anständiger, Grobheiten zu sagen?«

»Heh! heh! ich seh, du bist entschlossen, in die Fußstapfen deines Onkels zu treten. Wie glücklich wär dieser Idiot, wenn er dich hören könnte!«

»Wie hast du Paul Petrowitsch genannt?«

»Wie er es verdient: einen Idioten.«

»Das wird unerträglich!« rief Arkad aus.

»Ah! der Familiensinn ist erwacht,« sagte Bazaroff ruhig. »Ich habe bemerkt, daß er bei allen Menschen tief eingewurzelt ist. Sie sind fähig, auf alles zu verzichten, alle Vorurteile abzulegen; aber anzuerkennen zum Beispiel: daß ein Bruder, der Taschentücher gestohlen hat, ein Dieb ist, das geht über ihre Kräfte. In der Tat, eine Person, die mir so nahe steht, ›mein‹ Bruder, könnte er nicht ein Genie sein?«