Untersuchungen über Goethes Faust in seiner ältesten Gestalt
Chapter 7
[85] Hier ist die Grundlage des M. zu suchen, nicht wie Graffunder meint, in den alchemistischen Werken; (a.a.O. S. 704 f.) ihre Vorstellungen verbinden sich mit denen Goethes dann weiterhin um so besser, da sie ja auch dieselbe Quelle hatten.
[86] D.j.G. 3. 695.
[87] A.a.O. 3. 290 f.
[88] Sehr bezeichnend ist für V. 438 die spätere Einschaltung: rings um mich her, während Faust ursprünglich so wenig wie Werther sich auf die rings umgebende Natur beschränkte, sondern ihr Blick von da aus weiterschweifte über das All der Schöpfung.
[89] D.j.G. 3. 291.
[90] Von deutscher Baukunst. D.j.G. 2. 209 f. Man vergl. auch in Künstlers Erdewallen den Künstler vor dem Bild der Venus Urania:
Meine Göttin, deiner Gegenwart Blick Überdrängt mich wie erstes Jugendglück, Die ich in Seel und Sinn, himmlische Gestalt, Dich umfasse mit Bräutigams Gewalt.
Bewerkenswert ist auch hier eine Stelle aus Jacobis Allwill, (Br. Nr. 16. vom 30. März. S. 147 f.) die offenbar nach Herderisch-Goethischer Vorlage geschaffen ist. Allwill begeistert sich hier am Anblick einer Linde:
Erquickendes Grün, die lieblichste Farbe im schönsten Wechsel, tanzend und spielend mit dem Lichte.--Das ist es--ja das, und weiter nichts, was deinen Blick an diese leise wehende Lindenkrone heftet; was mit sanftem Entzücken deinen Busen füllt; in dir alle Regungen der Liebe weckt, und dich begeistert! Das und weiter nichts?... Jener Leben und Liebe erweckende Schein, eine Schrift ohne Sinn und Sprache? Davon klopfte mir so das Herz, drängte mich so mein Geist, heiterte sich mein ganzes Wesen, daß ich leere Züge ohne Bedeutung anschaute?------du winkest mir aus deiner Herrlichkeit auf jene Blätter im Erstreben ihres höchsten Daseins, wie sie längs den saftvollen Ästen in jugendlicher, kraftvollster Gestalt sich brüsten--du winkest... O, höher schlägt mir das Herz, fröhlicher schwingt mein Geist seine Flügel. Ich sehe!--die ganze Fülle, die ganze Kraft des Wesens da; das war es, was mich ergriff, mich durchdrang, sich mir darstellte, als ich erkannte und nicht wußte vor Entzücken! Wohl uns! So bringt die Natur ihren gesamten Inhalt dem Menschen ans Herz und unterrichtet ihn auf die lieblichste Weise unmittelbar u.s.w.
[91] Aber nicht: Weg mit dem Buche! wie Kuno Fischer, Goethes Faust u.s.w. S. 427 meint; denn Fausts Unwille gilt nicht ihm, sondern seiner Unfähigkeit, das Weltall zu umfassen.
[92] Diese Beschwörung übersieht wieder Fischer a.a.O. S. 427 und 429 völlig und nimmt nur die erstere, die natürliche Magie des Geistes an. »Die Beschwörung geschieht nach keiner Vorschrift aus einem Buche der Magie, nach keiner kabbalistischen Formel, sie enthält nichts von Zauberkram;« damit ist jedoch die scenarische Zwischenbemerkung nach V. 129 = 481 völlig außer Acht gelassen. Allzu großen Wert legt Fischer ferner darauf, daß F. nicht die Hölle und ihre Geister, sondern die Erde anrufe. Allein damit macht der moderne Dichter nur vorübergehend seiner Empfindungsart ein Zugeständnis. Schließlich beschwört Faust doch den Teufel. Hierin liegt auch der Grund für Fischers verkehrte Ansicht. Mephistopheles sei ursprünglich nicht als Teufel gedacht.--Einen ähnlichen Fehler macht auch Gwinner a.a.O. S. 201, wenn er behauptet, F. bringe den E. durch die anhaltend gesteuerte Energie zur Erscheinung.
[93] Betrachtungen über F. a.a.O. S. 322.
[94] V. 136 = 488; 138 = 490.
[95] D.j.G. 3. 450.
[96] A.a.O. 3. 236.
[97] D.W.T. 3. B. 12. W. 28. S. 149.
[98] A.a.O. S. 322.
[99] Paralip. 1. W. 14. S. 287.--Der Erdgeist wirkt also nicht etwa auf Fausts Wissensdrang ein; sondern ruft in ihm den Lebensdrang hervor. Mit jenes Erscheinen wird grade der Übergang zum eigentlichen Thema des F. gemacht: durch Lebenskenntnis zur schöpferischen That. Vergl. Vischer, Goethes Faust, Neue Beiträge zur Kritik des Gedichts S. 15.
[100] Graffunder a.a.O. S. 706 f.
[101] G. I. 7. (1886) S. 242.
[102] F.G.A. N. 88. vom 3. Nov. 1772. (S. 582.)
[103] Man vergl. Herders Recension über Kants Träume eines Geistersehers. (W. 1. S 125 f.)
[104] D.j.G. 2. 10.
[105] F.G.A. N. 70 vom 1. Sept. 1772.--S. 463.
[106] D.j.G. 2. 7. ff.--vergl. auch W. Tischbeins Idyllen. W. 3. S. 122 N. 1.
[107] F.G.A. N. 101. v. 1772. S. 666.
[108] D.W. 1. Teil. B. 1. W. 26. S. 43.
[109] Loepers Anmerkg. N. 36 zu dieser Stelle; S. 257.
[110] D.W. a.a.O. S. 63.--vergl. auch den Schluß des 4. B. S. 255.
[111] F.G.A. a.a.O. S. 667.
[112] D.j.G. 3. 469 f.
[113] D.j.G. 3. 292.
[114] W. 26. s. 255.
[115] de occulta philosophia, s. Graffunder a.a.O. S. 707.
[116] Vergl. auch den Aufsatz »Die Natur« von 1782: Leben ist ihre schönste Erfindung, und der Tod ist ihr Kunstgriff viel Leben zu haben. (Im Journal von Tiefurt; Schriften der Goethe-Gesellschaft Bd. 7. S. 260.)----Darüber auch Gwinner a.a.O. S. 128.
[117] Auch das spätere Schema (Paralip. 1. W. 14. S. 287.) macht diesen Unterschied zwischen Lebensgenuß und dem Thatengenuß, dem bewußten wie dem unbewußten. Denn das »von außen gesehen« oder »nach außen« bezeichnet dort eben den unbewußten G. im Zustand der Dumpfheit, indem der Mensch noch nicht zu klaren Ideen durchgedrungen ist.--Falsch verstanden von Pniower, Vj. f. Littgesch. V. S. 409.
[118] W. 27. S. 12.
[119] Meine Göttin (W. 2. S. 59 f.).
[120] D.W. T. 3. B. 12. W. 28. 108.
[121] Br. 2, N. 88, Mitte Juli 1772 an Herder; S. 16.
[122] D.j.G. 2. 101.
[123] A.a.O. 2. 84.
[124] A.a.O. 2. 103.
[125] A.a.O. 3. 346.
[126] A.a.O. 2. 26.
[127] In diesem Sinne erhält später der Schatzgräber die Mahnung: Trinke Mut des reinen Lebens!----Darauf baut sich ein thätiges und fröhliches Leben auf: Tagesarbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!--W. 1. 182.--Ein dreifaches Leben nimmt G. auch in den Sprüchen an: Das Höchste, was wir von Gott empfangen haben, ist das Leben, die rotierende Bewegung der Monas um sich selbst, welche weder Rast noch Ruhe kennt; der Trieb, das Leben zu hegen und zu pflegen, ist einem jedem unverwüstlich eingeboren, die Eigentümlichkeit desselben jedoch bleibt uns und anderen ein Geheimnis. Die zweite Gunst der von oben wirkenden Wesen ist das Erlebte, das Gewahrwerden, das Eingreifen der lebendig bewegten Monas in die Umgebungen der Außenwelt, wodurch sie sich selbst erst als innerlich Grenzenloses, als äußerlich Begrenztes gewahr wird... Als drittes entwickelt sich nun dasjenige, was wir als Handlung und That, als Wort und Schrift gegen die Außenwelt richten. (N. 1028-30.)--Danach wäre also der Erdgeist der Geist des Lebens an sich, des bewußten Lebens und des thätigen Lebens. Zu einseitig faßt ihn darum z.B. F.A. Mayer Ztschr. f. östr. Gymnas. XL. S. 298, als Geist der That, ebenso H. Schmidt als den der Geschichte (Preuß. Jahrb. 39. S. 375)--völlig verkehrt aber Rieger (G. Faust nach s. religiösen Gehalte), wenn er gar behauptet, er habe keinen Teil, an dem, was wirklich Leben heißt!
[128] v. d. Hellen. S. 199 ff.
[129] A.a.O. S. 186.
[130] A.a.O. S. 201.
[131] Br. 2. N. 148 vom 7. Mai 1773. S. 85.
[132] Ethik. II. Zusatz zum 13. Lehrsatze.
[133] Br. 2. N. 249, vom 15. September 1774. S. 196.
[134] Br. 2. N. 88 aus Mitte Juli 1772. S. 16 mit Beziehung auf Herders Worte in seiner Recension über Denina vom 7. Juli 1772 in den F.G.A. S. 355. Z. 10. G. hatte also die Rec. schon gelesen, da er den Brief schrieb. Vergl. den Schluß des Briefes. S. 19. Dies hat Steig, Vj.-schr. V. S. 232. übersehen.
[135] Br. 2. N. 88. S. 16.
[136] A.a.O. S. 17.
[137] Diese Pindarstelle ist aus Teilen zweier Oden zusammengesetzt. Olymp. 2. 94 ff. u. besonders Nem. 3. 41. ff. Vor allem in der letzteren ist das Schweifende in den verschiedensten Wendungen seinen Symptomen entsprechend ausgedrückt:----[Griechisch: psephennos anaer allot' alla pneon oupot' atreke kateba podi, myrian d'aretan atelei noo geuetai] (ein dunkler Mann, wandelt er dahin dorthin keuchend, unsicheren Schrittes, kostet von tausenderlei Gutem halben Sinnes).
[138] Br. 2. N. 231 an Schönborn vom 8. Juni 1774. S. 174.
[139] Br. 2. Nr. 843. v. 3. Aug. 1775 an G. Stolberg. S. 275.
[140] D.W. Teil 3. B. 14. W. 28. S. 250.
[141] D.j.G. 2. 184.
[142] v.d.H. S. 199.
[143] Man vergleiche für diese Auffassung Goethes spätere Äußerung in dem Aufsatze Shakespeare u. kein Ende: Shakespeare gesellt sich zum Weltgeist, er durchdringt die Welt wie jener (H. 28. S. 731).
[144] Auch K. Fischer a.a.O. S. 431 hat nicht richtig erkannt, weshalb der Erdgeist Faust verschmähe, wenn er bemerkt: »Der Erdgeist sieht nur die Ohnmacht des Phantasierausches, der das Leben und dessen Mächte nicht kennt; u.s.w.------«
[145] Briefe Goethes an S. v. La Roche u.s.w. herausgegeben von Loeper S. 56 (geschr. am 18. Juli 1774).
[146] D.j.G. 3. 501 N. 7; vergl. auch 3. 489:
O Freund, der Mensch ist nur ein Thor, Stellt er sich Gott als seinesgleichen vor.
[147] Br. 2. Nr. 363 v. 26. Oktober 1775. (S. 303.)
[148] Vergl. Gespr. 2. S. 180 mit Riemer am 2. August 1807: »Alle Philosophie über die Natur bleibt doch nur Anthropomorphismus, d.h. der Mensch, eins mit sich selbst, teilt allem, was er nicht ist, diese Einheit mit, zieht es in die seinige herein, macht es mit sich selbst eins. Um die Natur zu erkennen, müßte er sie selbst sein. Was er von der Natur ausspricht, das ist etwas, d.h. es ist etwas Reales, es ist ein Wirkliches, nämlich in Bezug auf ihn. Aber was er ausspricht, das ist nicht alles, es ist nicht die ganze Natur, er spricht nicht die Totalität derselben aus.« So auch Faust nicht die Totalität des Erdgeistes. Er ist ihm also nicht wesensgleich, wie z.B. Vischer, Goethes Faust, Neue Beiträge zur Kritik des Gedichts S. 263, glaubt, sondern nur ein Teil von jenes Kraft; er hält sich auch keineswegs für gleich groß, worin Vischer die Ursache seiner Verschmähung sucht, sondern grade für wesensgleich oder doch wesensähnlich.
[149] D.W. T. 2. B. G. W. 27. S. 276. Unsere Wünsche sind Vorgefühle der Fähigkeiten, die in uns liegen, Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden, u.s.w.; vergl. a.a.O. T. 3. B. 11. W. 28. S. 50.--
[150] W. 3. S. 24.
[151] D.W. T. 4. Bd. 20. S. 173.
[152] D.j.G. 2. 3 ff.
[153] Vergl. dazu Elisabets Ansicht über das Gebet in dem ältesten Götz; (D.j.G. 2. 99.) über Goethes Pelagianismus D.W. T. 3. B. 15. W. 28. S. 305.
[154] D.j.G. 2. 28.
[155] a.a.O. 2. 30.
[156] a.a.O. 3. 181.--Auf diese Ode bezieht sich wohl die Stelle in dem Briefe an die Fahlmer vom 9. April 1773. (Br. 2. N. 74.)------konnt ich Ihnen----länger nicht vorenthalten, warmer Jugend gute Frühlingsempfindungen, daran Sie sich denn erbauen werden, an dem heiligen Leben mehr als am heiligen Grabe, hoff ich.
[157] D.W. T. 1. B. 5. W. 26. S. 320.
[158] Über Goethe u. Spinoza vergl. z.B. Rößler, die Entstehung des F. Grenzboten. 1883. IV. S. 494.
[159] Eins u. Alles. W. 3. 81. Vergl. auch, was er über das Gedicht »Weltseele« am 20. Mai 1826 an Zelter schrieb: »Das Gedicht stammt aus der Zeit her, wo ein reicher jugendlicher Mut sich noch mit dem Universum identificierte, es auszufüllen, ja, es in seinen Teilen wieder hervorzubringen glaubte.« Es gehört der Zeit der zweiten Jugend, der dritten Beschäftigung mit Faust an.
[160] Die wahre Bedeutung der Erdgeistscene liegt also darin, daß der im Dunkeln wandelnde F. auf das Leben hingewiesen wird, nicht etwa in dem, worin sie Gwinner sucht S. 215, in der Veranschaulichung der mit der falschen Richtung und mit dem Mißbrauche des Erkenntnistriebes verbundenen Hochgefahr!! Die Scene steht also mit der Idee des F. in keiner Incongruenz (S. 214).--Die Mission des Erdgeists ist mit jenem Hinweis erfüllt; daher ist auch nicht mit Fischer S. 431 an eine nochmalige Erscheinung zu denken. Eine absteigende Linie ist es, die vom Makrokosmus zum Erdgeist zum Teufel führt, um aus der Hölle durch die Welt zum Himmel wieder aufzusteigen.
[161] D. j. G. 2. 213 f.
[162] A.a.O. 2. 241.
[163] A.a.O. 3. 481 f.
[164] A.a.O. 3. 159.
[165] W. 2. S. 94 ff. (Hempel.)
[166] W. 2. 83.
[167] W. 2. 81 f.
[168] W. 2. 86.
[169] W. 14. V. 1660 ff.
[170] W. 15. V. 11442 ff.
[171] Maskenzug von 1818. Der junge Dichter hat bekanntlich vor dem Teufels-Bündnis Halt gemacht; erst später ist die die angedeutete Verknüpfung gelungen. Die älteste Dichtung führt uns bezeichnender Weise nur Faust vor und nach dem Bunde vor; und gerade dieser erste Teil, der uns Faust auf einer Höhe zeigt, die fast der gleichkommt, auf der sein Dichter stand, ist mit besonderer Liebe ausgemalt.
Faust und die Natur, der Makrokosmus, der Erdgeist, und endlich auch Faust und Wagner, lauter glänzende Bilder; aber nun Faust und der Teufel! Dazu konnte sich der junge Goethe noch nicht verstehen, obwohl er ja jene hellen Bilder gemalt hatte, um seinem eigenen Empfinden ein Zugeständnis zu machen und nicht sofort mit dem Dunkel beginnen zu müssen.
[172] W. 15. 2. S. 199. Ankündigung des Zwischenspiels zu Faust
[173] Bemerkenswerth für die Entstehung des Faust ist, wie G. sich die des Hamlet dachte: So kam Shakespearen der erste Gedanke zu seinem H., wo sich ihm der Geist des Ganzen als unerwarteter Eindruck vor die Seele stellte, und er die einzelnen Situationen, Charaktere und Ausgang des Ganzen in erhöhter Stimmung übersah, als ein reines Geschenk von oben, worauf er keinen unmittelbaren Einfluß gehabt hatte, obgleich die Möglichkeit, ein solches Aperçu zu haben, immer einen Geist wie den seinigen voraussetzte u.s.w. Gespr. 6. S. 283.
[174] D.W. T. 2. B. 6. W. 27. S. 14.
[175] A.a.O. T. 2. B. 9. W. 27. S. 258.
[176] D.j.G. 3. 236.
[177] Werke, Leipzig bei G. Fleischer 1819. IV. B. Beilage 3. S. 67 ff.
[178] Vergl. in der zusammenfassenden und rückblickenden Stelle der ausgefüllten großen Lücke V. 612 f. u. 627.
[179] Herder W. Bd. 6. S. 353 u. Schillers bekanntes Gedicht: Das verschleierte Bild zu Sais.
[180] W. (Hempel) 3. 136.--Interessant zur Vergleichung mit der Erdgeistscene ist eine Stelle aus einem Gedicht Gisekes, das die Spinozistische Gottheit schildert:
»Die dem Bernis in seiner einsamen Grotte Schrecklich erschien, als sie schnell ein blasses Feuer erfüllte Und vor seinem bestürzten Auge die Welt zu vergehen schien.
* * *
»Gott, Du schenktest ihm Mut, die schreckliche Nacht zu ertragen! Plötzlich gab ihm den Tag ein Donnerschlag wieder und mit ihm Stieg aus den Trümmern der Erd' ein unermeßlicher Riese, Eine Welt an Größe, hervor; an Gestalt ein Kolossus, Schrecklich dem Aug und doch nach Ebenmaßen gebauet. Sein gewaltiges Haupt war ein Gebirge, die Haare Wälder, sein schreckendes Aug' ein entzündeter Feuerofen Oder ein flammender Abgrund. In einen Körper verwandelt Stand vor dem Dichter die Welt. In seinen kleinsten Gefäßen Flossen die Bäche gemächlich, und durch die schwellenden Adern Brauste das Weltmeer dahin. Sein Kleid war der Schleier der Lüfte. Also träumte Spinoza sich Gott.«
(bei Herder in einer Rec. über G.--W. 4. S. 275 f.)
[181] D.W. T. 2. B. 9. W. 27. S. 270.
[182] Zum Sprachgebrauch von widerlich vergl. Herder erstes kritisches Wäldchen: (W. Bd. 3. S. 181.) »Nun gibts eine andere Widrigkeit, das Gefühl einer heterogenen Nervenanschauung, durch das zu Heftige, zu Gewaltsame«. (Vergl. auch S. 183, wo widrig und widerlich als gleichbedeutend gebraucht werden.)
[183] Zu der Wendung: »O Tod« vergl. D.j.G. 1. 185, damit man nicht so törichte Schlüsse daraus ziehe, wie das Marbach in seiner Erklärung des Faust S. 49 thut.
[184] Vergl. auch gegen Scherers Einwand Weltrich im Magazin für die Litt. des In- und Auslandes S. 219.
[185] Vergl. V. 1577 f.
O war ich vor des hohen Geistes Kraft Entzückt, entseelt dahin gesunken!
[186] Zu bemerken ist auch die Änderung des trockenen Schwärmers in den trockenen Schleicher. (V. 169 = 521.) Der Grund liegt wohl darin, daß das Wort in dem hier gebrauchten Sinne dem Dichter selbst nicht mehr geläufig war. Aufschluß gibt Herders im Novemberheft 1776 des Merkur erschienener Aufsatz Philosophei und Schwärmerei. Danach ist der Schwärmer der geistig unselbständige Mensch, der sich für Dinge und Ideen, die grade Mode sind, in eine Art kalter Begeisterung versetzen läßt. »Ein Mensch, der von gesundem Verstande ohne gesunden Verstand, von richtigen Begriffen ohne richtigen Begriff, von ewiger Toleranz mit möglichster Intoleranz spricht, welchen gelinderen Namen kann er sich versprechen als--Schwärmer?« (W. Hempel Bd. 17 S. 302.--)----Vor einigen Jahren redete man von Winckelmanns, Hagedorns, Lipperts Ideen, von Sachen, die man nie gesehen, von Abstractionen des Gefühls, die man nie empfunden;--(S. 103.)--In ähnlicher Weise beginnt nun auch Wagner zu reden.--
[187] Gespr. 2. 71. mit Luden am 19. August 1806.--Vergl. auch E. Schmidt Aufgaben und Wege der Faustphilologie. (Beil. zur allgem. Zeitg. 1891. 119. 2.)
[188] Gespr. 7. 218.
[189] 2. N. 243. S. 157.
[190] Vergl. Rößler, die Entstehung des F. Grenzboten 1883. IV. S. 439.
[191] Br. 2. N. 167. vom 15. Sept. 1773.--S. 106.--N. 208 Mitte Febr. 1774.--S. 147.
[192] Br. 2. N. 162. vom Juli 1773. S. 97.
[193] Schönborn an Gerstenberg am 12. Oktober 1773 berichtet über die Vorlesung der zwei ersten Akte; vergl. G.J. 1, 290 ff.
[194] Br. 2. N. 180. Herbst 1773. S. 120.
[195] A.a.O. 2. 261. v. 20. Nov. 1774. S. 205.
[196] Br. 2. N. 228 u. 231. S. 172 ff.--Wagner 3. S. 110.
[197] Aus Goethes Frühzeit S. 75.
[198] Gespräche 1. N. 15. S. 25 ff; über die Satyrosfrage bei anderer Gelegenheit mehr; vergl. Scherer, aus Goethes Frühzeit S. 43 ff; eine Deutung auf Bahrdt von Spengler in der Zeitschr. f. östr. Gymnas. XII. S. 393.--Biedermann in seinen Goetheforschungen S. 9 f. 456 N.F. S. 13 ff.
[199] D.W. T. 4. B. 18. W. 29. S. 84.
[200] W. Bd. 28. S. 370. Taedium vitae. Wertherianism. Düstre Lebenslast. Periodisch wiederkehrend.
[201] Br. 2. N. 238. S. 182.
[202] Br. 2. N. 243. S. 188.
[203] Br. 2. N. 244. S. 189.
[204] Br. 2. N. 247. S. 194
[205] N. 250. S. 197.
[206] N. 252. S. 198.
[207] N. 256. S. 201.
[208] Ist keine Kraft in meiner Seele Tiefen? W. 10. V 1885.
[209] Br. 2. N. 258 an S. La Roche vom 21. Oktober 1774. S. 212
[210] in eigentlicher: D.j.G. 3. 584.
[211] a.a.O. 1. 186.--auch 2. 36.--vergl. W. Bd. 9. S. 482.
* * * * *
UNTERSUCHUNGEN ÜBER GOETHES FAUST IN SEINER ÄLTESTEN GESTALT.
II. DIE SATIRISCHEN SCENEN.
1. DIE WAGNERSCENE. 2. DIE SCHÜLERSCENE. 3. DIE SCENE IN AUERBACHS KELLER.
HABILITATIONSSCHRIFT DER PHILOSOPHISCHEN FAKULTÄT DER GROSSH. LUDEWIGS-UNIVERSITÄT GIESSEN ZUR ERLANGUNG DER VENIA LEGENDI
VORGELEGT VON Dr. J. COLLIN.
GIESSEN, 1893.
II. DIE SATIRISCHEN SCENEN.[212]
Die akademisch-satirischen Scenen des ältesten Faust folgen unmittelbar auf einander und bilden, drei an der Zahl, eine deutlich von der ersten wie der dritten unterschiedene Hauptmasse.[213] Sie stehen keineswegs unter sich in unmittelbarem Zusammenhang, aber sie haben gemeinsam, daß sie deutsches Universitätsleben und -treiben des 18. Jahrhunderts in seinen verschiedenen Beziehungen darstellen. Die beiden ersten von ihnen stehen sich nach Form und Inhalt näher, die dritte, in ihrem größeren Teil in Prosa geschrieben, gehört in einen anderen Zusammenhang; sie ist die erste Station auf Fausts Weltreise. Alle drei aber geben uns ein Bild der Welt, in der sich Faust bis dahin bewegt oder mit der er sich berührt hatte. Sie bilden den Hintergrund, von dem sich Faust mit seinem hohen Streben scharf und deutlich abhebt, von dem er sich dann auch mehr und mehr entfernt. Auch in der Sage steht Faust auf diesem Boden; sein hauptsächlicher Verkehr ist dort mit Studenten. Ganz in dieser studentischen Sphäre hat z.B. der Maler Müller seinen Faust belassen.
1. Die Wagner-Scene.
(V. 169-248 = 522-605 mit Ausschluß der V. 598-601.)
Die Wagnerscene ist bereits im ältesten Faust unmittelbar an die erste Hauptmasse angeschlossen. Der Erdgeist ist verschwunden. Faust will sich seinen Empfindungen über die Erscheinung überlassen, da wird er durch Wagners Klopfen unterbrochen. Er tritt herein in höchst burleskem Gegensatz zu der ungeheueren Erscheinung des Erdgeists. Damit ist von vornherein der Ton dieser ganzen zweiten Scenenreihe angegeben; wir befinden uns besonders bei den beiden ersten auf dem Boden der kecken Fastnachtspiele von 1773/74; der Kampf, den der junge Goethe im Jahre 1772 in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen begonnen hatte, ward in ihnen weiter fortgesetzt. Hans Sachsischer Rythmus bot sich dafür willig dar, und es gilt besonders für jene beide Faustscenen, was der Dichter später in seiner Lebensgeschichte bemerkt, bedeutende Werke, die eine jahrelange, ja eine lebenslängliche Aufmerksamkeit und Arbeit erforderten, seien auf so verwegenem Grunde bei leichtsinnigen Anlässen mehr oder weniger aufgebaut worden[214].--Die Verbindung zwischen der ersten und zweiten Scenenreihe ist nur wenig eng; sie beruht auf dem Motiv der Störung. Aus der Fülle der Empfindungen gerissen und an das Unbedeutende und Kleinliche seiner Umgebung erinnert zu werden, mochte dem jungen Dichter oft genug begegnet sein. So erzählt er in Dichtung und Wahrheit[215], wie er in den Tagen, da ihm seine erste Liebe entrissen worden war, in Wäldern sich ergangen und sich in ihm im Wechselgespräch mit der Natur das Gefühl des Erhabenen erzeugt habe. »Die kurzen Augenblicke solcher Genüsse verkürzte mir noch mein denkender Freund; aber ganz umsonst versuchte ich, wenn ich heraus an die Welt trat in der lichten und mageren Umgebung ein solches Gefühl bei mir wieder zu erregen; ja kaum die Erinnerung davon vermochte ich zu erhalten.« So unterbricht hier Wagner Faust in dem Wechselgespräch, das er mit dem Erdgeist in seinem Busen begonnen hatte. Dies Motiv findet sich, wie man richtig gesehen hat[216], noch öfter bei dem jungen Goethe; in dem Mahometfragment wird ähnlich Mahomet in seiner Erhebung zum Göttlichen durch seine Pflegemutter gestört;[217] im Prometheus wird durch Merkur Prometheus aus der Gesellschaft seiner Geschöpfe gerissen[218]; in Werthers Leiden heißt es einmal: »Ein unerträglicher Mensch hat mich unterbrochen. Meine Thränen sind getrocknet. Ich bin zerstreut«[219].