Unterricht in der Beredsamkeit

Part 6

Chapter 63,607 wordsPublic domain

Deshalb ist bei dieser ganzen Art der Übung so zu verfahren, daß wir leicht den Entwurf verlassen und ihn wiederfinden können. Denn wie es das erste ist, von Hause eine stets in Bereitschaft gehaltene und sichere Fülle des Wortschatzes mitzubringen, so wäre es andererseits die größte Torheit, die Gaben des Augenblicks zurückzuweisen. Daher soll der in Gedanken ausgearbeitete Entwurf in der Weise beschaffen sein, daß uns der Zufall nicht außer Fassung bringen, wohl aber zustatten kommen kann. Durch ein starkes Gedächtnis aber wird erreicht, daß das von uns im Geiste Zusammengefaßte mühelos unseren Lippen entströmt, und daß uns die Sorge, das Zurückschauen und Anklammern an das Gelernte den Blick auf das Folgende nicht trübt, sonst würde ich selbst eine übermütige Improvisation einer übel zusammenhängenden Vorbereitung vorziehen. Denn es ist schlimm, wenn man nach rückwärts suchen muß, weil wir, während wir so suchen, von anderem uns abwenden müssen und die Gedanken aus dem Gedächtnis schöpfen, anstatt aus dem Stoff. Wenn man aber beides suchen muß, so ist dessen mehr, was noch gefunden werden kann, als dessen, was schon gefunden worden ist.

≈SIEBENTES KAPITEL≈

Wie die Fertigkeit, aus dem Stegreif zu reden, erworben und erhalten wird

Der größte Gewinn aber des Studiums und gleichsam der reichste Lohn für ein langes Arbeiten ist die Fähigkeit, aus dem Stegreif zu reden. Wer diese nicht erlangt hat, sollte meiner Ansicht nach wenigstens auf den Beruf des gerichtlichen Anwalts verzichten und seine einseitige Fertigkeit der schriftlichen Darstellung lieber an anderen Stoffen ausüben. Denn einem Manne von wirklicher Gewissenhaftigkeit steht es nicht wohl an, eine Hilfeleistung zum allgemeinen Nutzen zu versprechen, welche in den Momenten augenblicklicher Gefahr versagt, einem Hafen vergleichbar, in welchen ein Schiff nur bei leichtem Winde einlaufen kann. Wird doch in unzähligen Fällen ein plötzliches Eingreifen nötig, sei es der Staatsgewalt gegenüber oder bei plötzlich angestelltem Gerichtsverfahren. Wenn ein solcher Fall nun – ich will nicht sagen irgendeinem unschuldigen Bürger – aber einem seiner Freunde und Verwandten passiert, soll er dann stumm dastehen und in Gegenwart derer, die seine Verteidigung verlangen und dem Untergang preisgegeben sind, wenn ihnen nicht Hilfe zuteil wird, Aufschub, Abgeschiedenheit und Stille suchen, bis die rettende Rede geschmiedet und dem Gedächtnis eingeprägt und Stimme und Lunge wohlvorbereitet sind? Und wie könnte man wohl vernünftigerweise auf die Forderung verzichten, daß der Redner jeden Zwischenfall benutzt? Wie soll es denn werden, wenn er seinem Gegner antworten muß? Denn häufig bleibt das, was wir vermutet hatten und wogegen wir geschrieben hatten, aus, und der ganze Prozeß nimmt plötzlich eine andere Wendung, und wie der Steuermann dem Andringen der Stürme gegenüber, so muß der Redner bei einer plötzlich veränderten Wendung des Prozesses sein Verfahren ändern. Was erreicht man denn schließlich mit den vielen schriftlichen Übungen, mit anhaltender Lektüre und mit langandauerndem Studium, wenn man dieselbe Schwerfälligkeit wie ein Anfänger behält? Die Vergeblichkeit der vorangegangenen Arbeit muß der wahrhaftig zugeben, der auf dem gleichen Gebiete immer derselben Anstrengung bedarf. Mit diesen Worten will ich nicht gesagt haben, daß der Redner der Improvisation den Vorzug geben soll, sondern daß er sie zu leisten vermag. Dies werden wir aber am besten auf folgende Weise erreichen.

Zunächst soll der Weg, den die Rede einzuschlagen hat, bekannt sein; denn der Wettlauf kann nicht glücken, bevor wir wissen, welche Richtung und welchen Weg wir einschlagen müssen. Dabei genügt es nicht, die einzelnen Teile einer Gerichtsrede genau zu kennen oder den einzelnen Streitpunkt richtig zu disponieren, obwohl das die Hauptsache ist, sondern man muß auch wissen, was in jedem dieser Teile zuerst vorzubringen ist, was an zweiter Stelle und was nachher; ferner was seiner Beschaffenheit nach so eng zusammenhängt, daß es weder seinen Platz vertauschen kann noch eine Trennung verträgt, ohne daß Verwirrung entsteht. Wer aber planmäßig redet, der läßt sich vor allem durch die Reihenfolge der Ereignisse selbst führen, daher kommt es hauptsächlich, daß auch weniger geübte Leute am leichtesten in der Erzählung den Faden behalten. Dann muß man jeden Augenblick gegenwärtig haben, worauf sich die Untersuchung bezieht, und nicht umhergaffen oder durch das, was sich von anderer Seite den Blicken darbietet, in Verwirrung geraten und nicht aus Unzusammengehörigem die Rede zusammenschweißen wie Seiltänzer, welche bald hier, bald dort sind und an keinem Orte verharren. Außerdem soll man Maß und Ziel einhalten, was ohne Disposition nicht möglich ist. Nachdem das Thema nach Kräften erschöpft ist, sei man sich bewußt, daß man fertig ist.

Das bisher Ausgeführte ist Sache der Theorie, das Weitere ist eine Frucht praktischer Übung. Damit wir uns eine Fülle der besten Ausdrücke der bereits gegebenen Vorschrift entsprechend aneignen, muß die Redefertigkeit durch viele und gewissenhafte Stilübung eine so sichere geworden sein, daß auch das vom Augenblick erzeugte Wort dieselbe Färbung wie etwas Geschriebenes erhält. Wir werden daher, nachdem wir viele schriftliche Aufsätze gefertigt haben, auch viele Übungen im mündlichen Vortrag anstellen. Denn Gewöhnung und Übung bringt hauptsächlich Fertigkeit hervor, und wenn man hierin Pausen eintreten läßt, wird nicht allein jene Lebhaftigkeit matter, sondern die Zunge selbst wird stumpf und müde. Denn obwohl es einer gewissen natürlichen Beweglichkeit dazu bedarf, daß wir im Sprechen weiterbauen können, und daß der im voraus gebildete Gedanke an das eben Gesprochene anknüpft, so kann doch kaum natürliche Anlage oder künstliche Berechnung uns zu einer so vielseitigen Tätigkeit führen, daß wir gleichzeitig Erfindung, Disposition, Ausdruck und die Reihenfolge des Inhalts in genügender Weise beachten, und daß wir dabei noch den eben gesprochenen Worten, den darauffolgenden und denen, welche im weiteren Verlaufe folgen sollen, Beachtung schenken, indem wir zugleich unsere Stimme und Sprache und die äußeren Bewegungen kontrollieren. Denn die Aufmerksamkeit muß weit vorauseilen und sich mit dem Folgenden beschäftigen: so viel man im Reden aufbraucht, so viel muß aus dem noch Ausstehenden zur Ergänzung herangezogen werden, so daß äußerer und innerer Fortgang gleichen Schritt halten müssen, wenn wir nicht stehenbleiben und stutzen und schließlich kurze und abgerissene Sätze nach Art der Schluchzenden ausstoßen wollen.

Es gibt nun eine gewisse prinziplose Fertigkeit, welche die Griechen ἄλογοϛ τριβή („eine der Vernunft nicht bedürftige Beschäftigung”) nennen; sie läßt uns die Hand beim Schreiben bewegen, die Augen beim Lesen über die Zeile, ihr Ende und den Anfang der neuen gleiten und das Folgende bereits aufnehmen, ehe man das Vorhergehende ausgesprochen hat. Diese mechanische Fertigkeit bringt auf der Bühne jene Wunder der Gaukler und Taschenspieler zustande, welche darin bestehen, daß sie das in die Hände anderer scheinbar von selbst kommen lassen, was sie dahinein getan haben, und daß es auf ihren Befehl wieder zurückkehrt. Aber diese mechanische Fertigkeit wird nur dann von Nutzen sein, wenn zuvor die Kunst, von welcher wir schon sprachen, vorhanden ist, durch welche das an sich Unvernünftige zu einem vernünftigen Zwecke verwendet wird. Denn wer ohne Ordnung, Schmuck und Fülle redet, der scheint mir nicht zu reden, sondern zu toben. Und das zusammenhängende Reden ohne Vorbereitung werde ich an sich nie bewundern, da ich es auch bei schimpfenden Weibern reichlich gesehen habe; wenn es aber von Feuer und Geist getragen wird, dann trifft es sich häufig, daß die sorgfältigste Vorbereitung an die Wirkung einer Improvisation nicht heranreicht. In einem solchen Falle pflegten dann die alten Redner, wie Cicero sagt[1], zu sagen, ein Gott habe mitgewirkt. Die Ursache hiervon liegt auf der Hand. Tiefgreifende Erregungen und lebhafte Vorstellungen lassen in vollem Zuge die Rede ausströmen, während die Lebhaftigkeit derselben durch den Aufenthalt des Schreibens verringert wird, die, wenn einmal etwas verlorengegangen ist, nicht wieder gewonnen werden kann. Auf jeden Fall kann jene schwungvolle Kraft der Rede sich nicht äußern, wenn der Redner jene unglückselige Wortklauberei anwendet, und bei jedem Ausdruck einen Anstoß findet, sondern die Rede wird, wenn auch jeder Ausdruck peinlich korrekt ist, nicht sowohl aus einem Guß, als Stückwerk sein.

Daher muß man die zuvor bezeichneten lebhaften Vorstellungen, welche, wie ich gesagt habe[2], von den Griechen als Bilder der Phantasie bezeichnet werden, in sich aufnehmen, und es muß alles, was der Gegenstand unserer Rede werden soll, Personen, Tatsachen und die damit verbundenen Gefühle von Furcht und Hoffnung ins Auge gefaßt und in die Glut des Affekts getaucht werden: denn das Herz ist es, was beredt macht, und die Kraft der Vorstellung.

Daher fehlen auch den Ungebildeten die Worte nicht, wenn sie nur von einem lebhaften Gefühle erregt sind. -- Ferner ist der Geist nicht auf einen einzigen Gegenstand, sondern auf mehrere zugleich zu richten, so wie wir bei einer geraden Straße, wenn wir sie mit den Augen durchmessen, nicht allein das Ende sehen, sondern alles in ihr und an ihren Seiten Befindliche bis zum Ende. Einen Anreiz zum Reden trägt auch ein berechtigter Ehrgeiz in sich; während man sich daher beim Schreiben an der Einsamkeit erfreut und jede Gesellschaft ängstlich meidet, wird der improvisierende Redner durch die Zahl der Zuhörer wie der Soldat durch das Blasen der Trompeten angefeuert. Denn auch einen schwierigen Gedanken läßt die Nötigung des Redens zum Ausdruck gelangen, und einen glücklichen Schwung erhöht der Wunsch zu gefallen. So sehr geht alles auf Belohnung aus, daß auch die Beredsamkeit, wieviel Vergnügen sie auch in sich selbst trägt, sich hauptsächlich durch den augenblicklichen Gewinn von Ruhm und Anerkennung leiten läßt. Nur möge keiner zu seinem Talente eine so große Zuversicht haben, daß er hoffe, es könne ihm dies sofort beim ersten Anlauf glücken, vielmehr muß man, wie bei dem Entwurf im Kopfe, die Gewandtheit im Extemporieren von kleinen Anfängen allmählich zur Vollendung führen, welche nur durch Übung erreicht und behauptet werden kann. Man muß es aber hierin so weit bringen, daß der im Kopf zuvor überlegte Entwurf nicht unter allen Umständen besser wie die Improvisation ist, wohl aber sicherer, eine Fertigkeit, welche sich viele nicht nur in Prosa, sondern auch in Versen angeeignet haben, wie Antipater[3] aus Sidon und Licinius Archias[4], wenn man Cicero Glauben schenken darf; damit will ich aber nicht gesagt haben, daß nicht auch manche in unserer Zeit es so weit gebracht haben und es noch bringen. Obwohl ich es nun nicht für etwas so außerordentlich Billigenswertes halte (denn es ist weder besonders nützlich noch notwendig), so meine ich doch, daß es denen, welche sich zur Tätigkeit auf dem Forum vorbereiten, ein vortreffliches Vorbild gibt, wenn man in ihnen so große Hoffnungen erweckt. Gleichwohl soll das Zutrauen zu dieser Gewandtheit nie ein so großes sein, daß wir nicht wenigstens einen kurzen Augenblick – der fast nie fehlen wird – erübrigen, um das, was wir sagen wollen, mit unserm geistigen Auge zu überblicken, wozu wenigstens bei Gerichtsverhandlungen und auf dem Forum immer Gelegenheit sein wird; denn niemand tritt als Gerichtsredner auf, ohne sich über den schwebenden Rechtsfall zu unterrichten. Manche Kunstredner verleitet ein verkehrter Ehrgeiz, daß sie sich sofort zu reden erbieten, sobald eine Streitfrage aufgeworfen ist, ja daß sie um ein Wort bitten, mit dem sie anfangen wollen, was besonders abgeschmackt und schauspielermäßig ist. Freilich verlacht ihrerseits wieder die Beredsamkeit ihre Anhänger, die sie so herabwürdigen, und sie, welche Törichten gebildet erscheinen wollen, erscheinen Gebildeten töricht. Wenn jedoch irgendein Zufall eine so plötzliche Ausübung der Beredsamkeit verlangt, so wird man einer besonderen Regsamkeit des Geistes bedürfen; man muß dann alle geistige Kraft auf den Gegenstand lenken und vorderhand auf stilistische Sorgfalt verzichten, wenn Inhalt und Form gleich sorgfältig zu behandeln nicht möglich ist. Dann gewinnen wir auch Zeit durch ein langsameres Sprechen und eine zurückhaltende und gleichsam zögernde Redeweise, die jedoch so anzuwenden ist, daß wir zu überlegen, nicht aber steckenzubleiben scheinen. So werden wir verfahren, während wir noch im Begriff sind, den Hafen zu verlassen, und solange uns noch der Wind treibt, ohne daß die Segel vollständig klar sind. Bald aber werden wir auf der Fahrt die Segel in Ordnung bringen, die Taue zurechtmachen und uns in volle Fahrt begeben. Dies würde ich mehr befürworten, als daß man sich einem nichtigen Strudel von Worten überläßt, eine Beute für die Stürme, welche einen, wohin sie wollen, tragen werden.

Es bedarf aber eines ebenso großen Fleißes, um diese Fertigkeit zu erhalten, wie um sie zu erwerben. Das theoretische Wissen verliert sich nicht, wenn es einmal recht erfaßt worden ist; auch die schriftliche Übung büßt durch Unterbrechung nur wenig von der Raschheit ein; diese Fertigkeit dagegen, immer zum Reden gefaßt und in Bereitschaft zu sein, wird lediglich durch Übung erhalten. Dies erwerben wir uns dann am besten, wenn wir täglich vor einer Anzahl von Zuhörern zu reden haben, deren Urteil und Gutachten wir mit ernstlicher Sorge entgegensehen; denn daß man die eigene Kritik fürchtet, kommt selten vor. Immerhin ist es besser, wenn wir uns allein im Reden üben, als wenn wir uns überhaupt nicht üben. Eine andere Übung, welche an jedem Orte und zu jeder Zeit, wenn wir nicht etwas anderes tun, stattfinden kann, besteht im bloßen Denken und der Behandlung umfangreicherer Stoffe ganz still (indem wir jedoch gleichsam im Innern mit uns reden), und sie ist zum Teil nützlicher als die zuletzt genannte; denn man wird bei dieser eine sorgfältigere Anordnung treffen als bei jener, wo wir den Zusammenhang der Rede zu unterbrechen fürchten. In anderer Beziehung ist wieder die vorhergenannte Übung von größerem Nutzen, so zur Erlangung einer kräftigen Stimme, einer geläufigen Aussprache und guter körperlicher Bewegungen, welche, wie gesagt, auch ihrerseits den Redner in Erregung bringen, wie denn auch das Bewegen der Hände und das Stampfen mit dem Fuße ihn belebt, gleichwie es die Löwen mit dem Schweif machen. Man muß sich aber mit Eifer dem Studium hingeben immer und überall. Ist doch auch fast nie ein Tag so mit Geschäften belastet, daß nicht ein kurzer Augenblick für eine gewinnbringende Tätigkeit, wie Cicero den Brutus sagen läßt[5], sei es für Schreiben, Lesen oder Redeübungen erübrigt werden könnte, wie denn auch C. Carbo[6] selbst im Felde solche Redeübungen anzustellen pflegte. Auch das darf ich nicht übergehen, was Cicero gleichfalls empfiehlt[7], daß unser Sprechen niemals nachlässig sein möge; gleichviel, was wir zu reden haben und wo wir es tun, immer besitze es eine relative Vollkommenheit. Und schreiben soll man zu keiner Zeit mehr als dann, wenn wir viel aus dem Stegreif reden. Denn so bewahren wir uns die Gediegenheit, denn Leichtigkeit gehört zu den folgenden Gedanken, und die Leichtigkeit des Ausdrucks, welche sonst in Oberflächlichkeit ausarten würde, erhält frische Nahrung aus der Tiefe, sowie die Landleute die zu oberst liegenden starken Wurzeln eines Weinstockes, welche ihn nur auf der Erdoberfläche befestigen, abschneiden, damit die schwächeren weiter in die Tiefe wachsen und so erstarken. Und vielleicht fördert beides, mit Sorgfalt und Fleiß ausgeführt, einander in der Weise, daß wir durch das Schreiben sorgfältiger reden und durch das Reden mit größerer Leichtigkeit schreiben lernen. Man muß deshalb, so oft es irgend geht, schreiben, und falls keine Gelegenheit vorhanden ist, sich durch Überdenken des Stoffes bemächtigen; ist beides versagt, so soll man doch darauf hinwirken, daß weder der Redner in Verlegenheit gesetzt, noch sein Klient verlassen scheint.

Vielbeschäftigte Anwälte pflegen es aber meist so zu halten, daß sie das Notwendigste und auf jeden Fall den Anfang aufschreiben und das übrige, was sie im Gedächtnis haben, in Gedanken disponieren, plötzlichen Einwürfen aber aus dem Stegreif entgegentreten. Daß M. Tullius so verfahren ist, geht aus seinen Aufzeichnungen hervor. Es sind aber solche auch von anderen in Umlauf, welche aufgefunden in der Gestalt, in der sie ein Redner niedergeschrieben hatte, später in Bücher eingeteilt worden sind, wie die Notizen über die Prozesse, welche Servius Sulpicius geführt hat, von welchem noch drei Reden vorhanden sind; aber gerade diese ebengenannten Aufzeichnungen sind von einer peinlichen Genauigkeit, daß ich glauben möchte, sie seien von ihm selbst für die Nachwelt bestimmt gewesen. Ciceros Notizen dagegen, welche nur für den Augenblick berechnet waren, hat sein Freigelassener Tiro gesammelt; eine Tatsache, welche ich nicht anführe, damit sie denselben zur Entschuldigung diene, und als ob ich ihnen meinen Beifall versagte, sondern um die Bewunderung für dieselben zu erhöhen. Bei dem freien Sprechen billige ich es vollständig, wenn man sich kurze Notizen in eine Rolle macht, welche man auch in der Hand behalten und ab und zu einsehen darf. Hingegen mißfällt mir die Vorschrift des Länas[8], sogar bei dem, was wir geschrieben haben, den Hauptinhalt in ein Gedenkbuch und einzelne Hauptabschnitte einzutragen[9]. Denn das Vertrauen auf dieses Gedenkbuch läßt uns im Memorieren nachlässig sein und macht unser Reden stockend und formlos. Möchte ich doch nicht einmal, daß man das aufschreibt, was man vollständig auswendig lernen will; denn hier kommt es auch vor, daß unsere Gedanken an ebendiesem Aufgeschriebenen haften bleiben, und daß wir auf das, was ein glücklicher Augenblick uns eingibt, verzichten. Unsicher und schwankend werden wir dann, da wir das Aufgeschriebene verloren und Neues zu suchen nicht den Mut haben.

Über das Gedächtnis werde ich in dem nächsten Buche sprechen und darf dies hier nicht schon anfügen, weil ich anderes vorausschicken muß.

Anmerkungen

Erstes Kapitel

[1] Dieselben sind in den beiden vorhergehenden Büchern enthalten.

[2] Genauer: „Die Arbeit wird wie ein Schiff ohne Steuermann hin und her schwanken.” Der Sinn ist demnach, daß, wie das Schiff den Steuermann nötig hat, so bedarf der Lernende des durch die Lektüre dargebotenen Vorbildes guter Schriftsteller.

[3] Eigentlich „wird wie über verschlossenen Schätzen brüten”. Ähnlich heißt es bei Vergil, Äneide VI, 610:

Oder welche für sich auf erworbenen Schätzen gebrütet; Horaz, Satiren I, 1, 70:

Du liegst voll Gier auf den Säcken, Die du zusammengerafft.

[4] Nicht eigentlich der Redner, sondern derjenige, welcher ein Redner werden will.

[5] S. VIII, Vorwort 24; 5, 9; VII, Vorwort 1.

[6] Das sind Verfasser von Spottgedichten; der berühmteste, Archilochus, wird weiter unten charakterisiert.

[7] Aristophanes, Eupolis, Kratinus.

[8] Dies bezieht sich wohl mit einigen Abweichungen auf die zuerst von Herodot (II, 2) mitgeteilte Überlieferung, auf welche Weise der ägyptische König Psammetich zu erfahren versucht habe, welches Volk das älteste sei.

[9] Oder „Käse”, wie Vergil, Eklogen 1, 81.

[10] Im Gegensatz zu dem toten Buchstaben.

[11] Die Reden um den Kranz.

[12] Servius Sulpicius Rufus war der berühmteste Rechtsgelehrte zur Zeit Ciceros. Er wird als Verfasser von drei Reden genannt. In dem nicht weiter bekannten Prozesse der Aufidia wird er IV, 2, 106 als Verteidiger derselben bezeichnet; Messalla ist dann also der Ankläger. Doch ist nichts Näheres über den Fall bekannt. Über Messalla, Pollio und Cassius s. weiter unten.

[13] Cajus Nonius Asprenas, ein Freund des Augustus, wurde von Cassius angeklagt, weil bei einem von ihm gegebenen Gastmahl 130 Personen vergiftet worden waren. Der Prozeß endigte mit seiner Freisprechung.

[14] Die entsprechenden Reden Ciceros sind die für Ligarius und gegen Verres. Ligarius, der nach der Schlacht bei Thapsus in die Gewalt Cäsars gekommen und in die Verbannung geschickt war, wurde, als seine Brüder seine Begnadigung und Zurückberufung betrieben, von Tubero wegen seines Verhaltens in Afrika angeklagt.

[15] Freund und Zeitgenosse Ciceros.

[16] Cornelius Celsus, zur Zeit des Tiberius, ein Mann von umfassender Gelehrsamkeit, hatte über Rhetorik, Jurisprudenz, Landwirtschaft, Medizin, Kriegskunst und Philosophie geschrieben; erhalten ist nur seine Schrift ≈de medicina≈.

[17] Er war aus Nemausus in Gallien.

[18] Crispus Passienus der Jüngere, Stiefvater des Kaisers Nero, gestorben 49 n. Chr.

[19] Vielleicht Lälius Balbus unter Tiberius.

[20] Der Fall ist nicht näher bekannt.

[21] Wo Cicero dies gesagt hat, ist unbekannt; die Stelle des Horaz steht ≈ars poetica≈ 359.

[22] In seinem Buche über die Rhetorik.

[23] Rede für den Dichter Archias 12.

[24] Das ist die antike Auffassung der Geschichtschreibung, welche sich von der modernen wesentlich unterscheidet.

[25] IV, 2, 45.

[26] Der Redner 39; 62.

[27] Hiermit sind offenbar die auch uns zum Teil erhaltenen Schriften des Plato, Xenophon und Äschines Socraticus gemeint.

[28] Brutus 248.

[29] In einer nicht auf uns gekommenen rhetorischen Anweisung.

[30] Aratus lebte um 270 v. Chr. am Hofe des Königs Antigonus Gonatas von Mazedonien. Seine Phänomena beginnen mit den Worten: Ἑκ Διὸϛ ἀρχώμεσθα (mit Zeus wollen wir anfangen). Dieses Werk bespricht Quintilian weiter unten.

[31] Ilias XXI, 196.

[32] Antilochus, Ilias XVIII, 18 ff.

[33] Phönix, Ilias IX, 529 ff.

[34] Ilias XXIV, 486 ff.

[35] Um 800 v. Chr., Verfasser des didaktischen Gedichtes „Werke und Tage”, einer „Theogonie” und eines Gedichtes „Der Schild des Herakles”.

[36] Der Stil, welcher in der Mitte steht zwischen dem schlichten attischen und dem überladenen asiatischen.

[37] Epischer Dichter aus Kolophon, lebte gegen das Ende des Peloponnesischen Krieges. Sein Hauptwerk war das Epos Thebaïs.

[38] Aus Halikarnaß, um 480 v. Chr., Oheim Herodots, Verfasser eines epischen Gedichtes Herakleia in 14 Büchern.

[39] Geboren zu Alexandria, aber als rhodischer Bürger gewöhnlich „der Rhodier” genannt, Vorsteher der Bibliothek in Alexandria um 190 v. Chr., Verfasser des noch erhaltenen Gedichtes „Argonautika”.

[40] Die alexandrinischen Kritiker, besonders Aristophanes aus Byzanz und sein Schüler Aristarch, veranstalteten im 2. Jahrhundert v. Chr. ein Verzeichnis der mustergültigen Dichter und Schriftsteller, das auch in späterer Zeit gewöhnlich als maßgebend anerkannt wurde.

[41] S. Anm. 30.

[42] Der berühmte Idyllendichter aus Syrakus, um 275 v. Chr.

[43] Aus Kamirus auf Rhodos, um 640 v. Chr., Verfasser einer „Herakleia”.

[44] Nikander, wahrscheinlich aus Kolophon, lebte um 450 v. Chr. zum Teil am Hofe des Königs Attalus III. von Pergamus und schrieb außer vielen didaktischen Werken „Alexipharmaka” und „Theriaka” über Bisse giftiger Tiere.

[45] Ämilius Macer aus Verona, gestorben 16 v. Chr., schrieb „Ornithogonia” und „Theriaka”.

[46] Quintilian scheint, durch die Gleichheit des Titels veranlaßt, an die Georgika Vergils gedacht zu haben. Doch läßt sich nicht nachweisen, daß bei Abfassung dieses Gedichtes die Georgika des Nikander als Vorbild gedient haben. Des letzteren Lehrgedicht über die Bienen (Melissurgika) kann vielleicht Vergil benutzt haben.

[47] Euphorion aus Chalkis auf Euböa, geb. um 276 v. Chr., lebte in Athen, dann seit 220 in Antiochia als Vorsteher der Bibliothek. Seine epischen Gedichte und Elegien wurden wegen ihres mythologischen und antiquarischen Stoffes fleißig gelesen und von Cornelius Gallus nachgebildet.

[48] Eklogen 10, 50.

[49] In der ≈ars poetica≈ 401.

[50] Tyrtäus, um 685-668 v. Chr., aus Aphideä in Attika, berühmt durch seine Marsch– und Schlachtlieder, durch die er im Zweiten Messenischen Kriege die Spartaner zum Kampfe begeistert haben sollte.