Unterm Rad

Part 14

Chapter 141,324 wordsPublic domain

Von da an ließ seine ausgelassene Fröhlichkeit mehr und mehr nach. Er wußte, daß er einen Rausch habe, und die ganze Trinkerei kam ihm nimmer lustig vor. Und wie in einer weiten Ferne sah er allerlei Unheil ihn erwarten: Den Heimweg, einen bösen Auftritt mit dem Vater und morgen früh wieder die Werkstatt. Allmählich schmerzte ihm auch der Kopf.

Auch die andern hatten des Guten genug geleistet. In einem klaren Augenblick begehrte August zu zahlen und bekam auf seinen Taler wenig heraus. Schwatzend und lachend ging man auf die Straße, vom hellen Abendlicht geblendet. Hans konnte sich kaum mehr aufrecht halten, er lehnte sich schwankend an August und ließ sich von ihm mitziehen.

Der fremde Schlosser war sentimental geworden. Er sang »Morgen muß ich fort von hier« und hatte Tränen in den Augen.

Eigentlich wollte man heimgehen, aber als man am »Schwanen« vorüberkam, bestand der Geselle drauf, noch hineinzugehen. Unter der Türe machte Hans sich los.

»Ich muß heim.«

»Du kannst ja nimmer allein laufen«, lachte der Geselle.

»Doch, doch. Ich -- muß -- heim.«

»So nimm wenigstens noch einen Schnaps, Kleiner! Der hilft dir auf die Beine und bringt den Magen in Ordnung. Jawohl, du wirst sehen.«

Hans spürte ein kleines Glas in seiner Hand. Er verschüttete viel davon, den Rest schluckte er und fühlte ihn wie Feuer im Schlunde brennen. Ein heftiger Ekel schüttelte ihn. Allein taumelte er die Vortreppe hinab und kam, er wußte nicht wie, zum Dorf hinaus. Häuser, Zäune und Gärten drehten sich schief und wirr an ihm vorüber.

Unter einem Apfelbaum legte er sich in die feuchte Wiese. Eine Menge von widerlichen Gefühlen, quälenden Befürchtungen und halbfertigen Gedanken hinderte ihn am Einschlafen. Er kam sich beschmutzt und geschändet vor. Wie sollte er nach Haus kommen? Was sollte er dem Vater sagen? Und was sollte morgen aus ihm werden? Er kam sich so gebrochen und elend vor, als müsse er nun eine Ewigkeit ruhen, schlafen, sich schämen. Kopf und Augen taten ihm weh und er fühlte nicht einmal soviel Kraft in sich, um aufzustehen und weiterzugehen.

Plötzlich kam wie eine verspätete, flüchtige Welle ein Anflug der vorigen Lustigkeit zurück; er schnitt eine Grimasse und sang vor sich hin:

O du lieber Augustin, Augustin, Augustin, O du lieber Augustin, Alles ist hin.

Und kaum hatte er ausgesungen, so tat ihm etwas im Innersten weh und stürmte eine trübe Flut von unklaren Vorstellungen und Erinnerungen, von Scham und Selbstvorwürfen auf ihn ein. Er stöhnte laut und sank schluchzend ins Gras.

Nach einer Stunde, es dunkelte schon, erhob er sich und schritt unsicher und mühsam bergabwärts.

Herr Giebenrath hatte ausgiebig geschimpft, als sein Bub zum Nachtessen ausgeblieben war. Als es neun Uhr wurde und Hans noch immer nicht da war, legte er ein lang nicht mehr gebrauchtes, starkes Meerrohr bereit. Der Kerl meinte wohl, er sei der väterlichen Rute bereits entwachsen? Der konnte sich gratulieren, wenn er heimkam!

Um zehn Uhr verschloß er die Haustüre. Wenn der Herr Sohn nachtschwärmen wollte, konnte er ja sehen, wo er bliebe.

Trotzdem schlief er nicht, sondern wartete mit wachsendem Grimm von Stunde zu Stunde darauf, daß eine Hand die Klinke probiere und schüchtern an der Glocke ziehe. Er stellte sich die Szene vor -- der Herumtreiber konnte ja was erleben! Wahrscheinlich würde der Lausbub besoffen sein, aber er würde dann schon nüchtern werden, der Bengel, der Heimtücker, der elendige! Und wenn er ihm alle Knochen abeinander hauen mußte.

Endlich bezwang ihn und seine Wut der Schlaf.

Zu derselben Zeit trieb der so bedrohte Hans schon kühl und still und langsam im dunklen Flusse talabwärts. Ekel, Scham und Leid waren von ihm genommen, auf seinen dunkel dahintreibenden, schmächtigen Körper schaute die kalte, bläuliche Herbstnacht herab, mit seinen Händen und Haaren und erblaßten Lippen spielte das schwarze Wasser. Niemand sah ihn, wenn nicht etwa der vor Tagesanbruch auf Jagd ziehende scheue Fischotter, der ihn listig beäugte und lautlos an ihm vorüberglitt. Niemand wußte auch, wie er ins Wasser geraten sei. Er war vielleicht verirrt und an einer abschüssigen Stelle ausgeglitten; er hatte vielleicht trinken wollen und das Gleichgewicht verloren. Vielleicht hatte der Anblick des schönen Wassers ihn gelockt, daß er sich darüber beugte und da ihm Nacht und Mondblässe so voll Frieden und tiefer Rast entgegenblickten, trieb ihn Müdigkeit und Angst mit stillem Zwang in die Schatten des Todes.

Am Tage fand man ihn und trug ihn heim. Der erschrockene Vater mußte seinen Stock beiseite tun und seinen angesammelten Grimm fahren lassen. Zwar weinte er nicht und ließ sich wenig merken, aber in der folgenden Nacht blieb er wieder wach und blickte zuweilen durch den Türspalt zu seinem stillgewordenen Kinde hinüber, das auf einem reinen Bette lag und noch immer mit der feinen Stirn und dem bleichen, klugen Gesicht so aussah, als wäre es etwas Besonderes und habe das eingeborne Recht, ein anderes Schicksal als andere zu haben. An Stirn und Händen war die Haut ein wenig bläulichrot abgeschürft, die hübschen Züge schlummerten, über den Augen lagen die weißen Lider und der nicht ganz geschlossene Mund sah zufrieden und beinahe heiter aus. Es hatte das Ansehen, der Junge sei plötzlich in der Blüte gebrochen und aus einer freudigen Bahn gerissen, und auch der Vater erlag in seiner Müdigkeit und einsamen Trauer dieser lächelnden Täuschung.

Die Beerdigung zog eine große Zahl von Mitgängern und Neugierigen an. Wieder war Hans Giebenrath eine Berühmtheit geworden, für die sich jeder interessierte, und wieder nahmen die Lehrer, der Rektor und der Stadtpfarrer an seinem Schicksal teil. Sie erschienen sämtlich in Gehröcken und feierlichen Zylindern, begleiteten den Leichenzug und blieben am Grabe einen Augenblick stehen, untereinander flüsternd. Der Lateinlehrer sah besonders melancholisch aus und der Rektor sagte leise zu ihm: »Ja, Herr Professor, aus dem hätte etwas werden können. Ist es nicht ein Elend, daß man gerade mit den Besten fast immer Pech hat?«

Beim Vater und der alten Anna, die ununterbrochen heulte, blieb der Meister Flaig am Grabe zurück.

»Ja, so was ist herb, Herr Giebenrath«, sagte er teilnehmend. »Ich habe den Buben auch lieb gehabt.«

»Man begreift's nicht«, seufzte Giebenrath. »Er ist so begabt gewesen, und alles ist ja auch gut gegangen, Schule, Examen -- und dann auf einmal ein Unglück übers andere!«

Der Schuhmacher deutete den durchs Kirchhoftor abziehenden Gehröcken nach.

»Dort laufen ein paar Herren,« sagte er leise, »die haben auch mitgeholfen, ihn so weit zu bringen.«

»Was?« fuhr der andere auf und starrte den Schuster zweifelnd und erschrocken an. »Ja, Sackerlot, wieso denn?«

»Seien Sie ruhig, Herr Nachbar. Ich hab' bloß die Schulmeister gemeint.«

»Wieso? Wie denn?«

»Ach, nichts weiter. Und Sie und ich, wir haben vielleicht auch mancherlei an dem Buben versäumt, meinen Sie nicht?«

Über dem Städtchen war ein fröhlich blauer Himmel ausgespannt, im Tale glitzerte der Fluß, die Tannenberge blauten weich und sehnlich in die Weite. Der Schuhmacher lächelte fein und traurig und nahm des Mannes Arm, der aus der Stille und seltsam schmerzlichen Gedankenfülle dieser Stunde zögernd und verlegen den Niederungen seines gewohnten Daseins entgegenschritt.

Ende

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren, wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt, teilweise unter Verwendung späterer Ausgaben (vorher/nachher):

[S. 15]: ... sich vorzustellen, der Floß sei unterwegs, fahre bald ... ... sich vorzustellen, das Floß sei unterwegs, fahre bald ...

[S. 40]: ... Schon am frühen Vormittag stand Hans im Ohrn des ... ... Schon am frühen Vormittag stand Hans im Öhrn des ...

[S. 58]: ... »Wenn du Heimweh hast,« hieß es anderwo, »dann schreib ... ... »Wenn du Heimweh hast,« hieß es anderswo, »dann schreib ...

[S. 70]: ... hiebei zum erstenmal die keimende Bildung einer Persönlichkeit ... ... hierbei zum erstenmal die keimende Bildung einer Persönlichkeit ...

[S. 119]: ... bedauernden abzuändern, was ihm leicht viel und gut stand. ... ... bedauernden abzuändern, was ihm leicht fiel und gut stand. ...

[S. 146]: ... Presse gegenüber gestanden war, wie sie ihn aus ihren Becher ... ... Presse gegenüber gestanden war, wie sie ihn aus ihrem Becher ...

[S. 163]: ... August den neuen Lehrbuben. Er redete ihn aufmunternd zu ... ... August den neuen Lehrbuben. Er redete ihm aufmunternd zu ...