Part 9
Am vierten Tag erschienen höhergelegene Stellen, und wir landeten, um dort ein Lager an einer Stelle aufzuschlagen, die eine riesige Insel zu sein schien. Um mich von der langen Kanufahrt ein wenig zu erholen, machte ich mich auf die Beine, nahm die Winchesterbüchse aus ihrem behelfsmäßigen, wasserdichten Gehäuse und wanderte gegen die lichteren Stellen des Waldes zu, wobei ich nicht verfehlte, etwa alle hundert Meter ein Stück Rinde als Merkzeichen von den Bäumen abzuhauen. Es ist merkwürdig, wie leicht man sich im tropischen Dschungel verirrt. Noch kürzlich verlor eine Gesellschaft englischer Reisenden den bekannten Dschungelpfad zu den Tarumáfällen am Rio Negro, obwohl sie von Caboclo-Führern begleitet war. Sie feuerten Flintenschüsse ab, um mit einer vorangegangenen Gesellschaft in Verbindung zu kommen, aber trotzdem glückte es nicht, den Weg wieder aufzufinden, und die ganze Gesellschaft mußte nach zweistündigem vergeblichen Umhersuchen zu ihren Barkassen zurückkehren, ohne die Fälle erreicht zu haben.
Ich sah nichts, was wert gewesen wäre, eine wertvolle Patrone zu verschwenden. Munition ist selbst in den Niederlassungen äußerst schwer zu beschaffen, und es ist fast unmöglich, eine ausreichende Menge mitzuführen, da es so schwer ist, Kanuleute und Träger zu mieten. So kehrte ich wieder zum Lager zurück, gerade als die letzten blutroten Strahlen der Sonne hinter den überschwemmten Wäldern erloschen, durch die wir gekommen waren. Die unbeschreibliche Stille, die der kurzen Dämmerung voraufgeht und allen Reisenden in tropischen Wäldern bekannt ist, breitete sich über die Erde. In diese Lautlosigkeit hinein klang das gewisse Geräusch, das entsteht, wenn eine Bogensehne zurückschnellt. Darauf folgte ein seltsam erstickter Schrei und plötzlich schnatterten ganze Kolonien von Affen, die bisher geschlafen hatten.
Als ich das Lager erreichte, das nur wenig Schritte entfernt war, deutete einer der Boys auf eine Stelle unter einem Baum, und im Zwielicht konnte ich gerade noch den zusammengezogenen, vom Pfeil durchbohrten Körper eines haarigen Guaribas oder Brüllaffen (Simia mycetes) erkennen. Sie heißen so, weil sie mit ihrem zu einer knöchernen Schallblase erweiterten Zungenbeinkörper ein unheimlich durchdringendes Geschrei auszustoßen vermögen. Er war reichlich ein halbes Meter lang, hatte einen großen Kopf, fünf Finger an jeder Hand und einen buschigen Greifschwanz. Die Farbe des Fells war rötlichbraun. Ich ärgerte mich über die unnütze Grausamkeit, bedachte dann aber wieder, daß unsere jagdlichen Gesichtspunkte doch wohl verschieden waren. Währenddem erzählte der Schütze stolz und eifrig, wie schwierig diese Affen ihrer Schlauheit wegen mit Pfeil und Bogen zu erlegen wären und daß sie geröstet oder als Ragout bei seinem Stamm als Leckerbissen betrachtet würden.
Nun wurde ein großes Feuer angezündet und einer der Kochtöpfe herangeschafft. In dieser Nacht kostete ich zum ersten- und letztenmal Affenfleisch. Sein Geschmack ist keineswegs unangenehm, aber irgendwie widerstand mir die Mahlzeit, und dann war ich im tiefsten froh darüber, als einer der Indianer die Hand des Affen aus dem Kochtopf fischte. Sie sah nun nicht mehr braun aus, sondern blaßrosa und glich der Hand eines Kindes. Dieser Anblick und die Gier, mit der der Indianer sich ans Verzehren machte, verursachte mir ein solches Gefühl von Übelkeit, daß ich ein großes Glas Whisky aus der kostbaren Flasche zu mir nehmen mußte. Hätte ich damals geahnt, was mich bei andern Stämmen noch erwartete, wäre es klüger gewesen, mich gleich gegen den würgenden Ekel zu stählen, den ich schon beim Zusehen einer Affenmahlzeit empfand, wie sie bei allen Eingeborenen des Amazonengebiets häufig genug ist. Der Festschmaus zog sich durch die ganze Nacht hin, so daß schlafen unmöglich war. Ich war daher froh, als wir endlich im hellen Sonnenschein des tropischen Morgens das Lager abbrachen.
Um Mittag kamen wir an einem schmalen Fluß vorüber, der von Südwesten her in den Gy-Paraná mündet. Da ich bis heute auf keiner Karte seinen Namen finden konnte, habe ich ihn auf der Kartenskizze (S. 149) als „Monkey River“ (Affenfluß) eingetragen, weil ein ganzer Trupp Spinnenaffen auf den niedern Ästen der nächsten Bäume umherturnte. Einige Kilometer weiter flußaufwärts wurde das Wasser so seicht, daß die beiden Indianer über Bord springen mußten, um das Batalõe über eine Reihe neugebildeter Schlammbänke zu ziehen. Ermüdet von dieser Arbeit schlugen wir das Lager schon vor Sonnenuntergang auf. Meine Absicht war, am nächsten Tag die Umgebung des Flußufers nach Indianerpfaden oder irgendwelchen Spuren abzusuchen, die etwa das Vorhandensein von Stämmen in der Nähe verraten könnten. Trotzdem ich selbst und einer der Boys abwechselnd aufmerksam Wache hielten, wurden uns während der Nacht aus dem Kanu einige Lebensmittel und ein Jagdmesser gestohlen. Dies, obwohl bisher irgendeine Spur freundlich oder feindlich gesinnter Indianer nicht zu entdecken gewesen war.
Dieses Lager gelangte zu ungewöhnlicher Wichtigkeit und verdient deshalb eine genauere Beschreibung. Während der letzten Kilometer hatten die Baumkronen das schmale Bett des Flusses beinahe überwölbt, auf der von uns gewählten Lagerstelle aber wich das hohe Schilfgras und das Buschdickicht ein wenig zurück und ließ einen rotbraunen Platz frei, den der anscheinend undurchdringliche dunkel drohende Dschungel umstand. Hier konnte das Licht der Sonne eindringen, ungehemmt vom üppigen Vegetationswachstum, und kaum hatte ich einen Blick darauf geworfen, war ich entschlossen, nicht daran vorüberzufahren.
Bald war das kleine wasserdichte Zelt aufgeschlagen, ein Feuer von den trockenen Kernspänen umgefallener Bäume angezündet und das schwelgerische Mahl bereitet, bestehend aus gesalzenem Konservenfleisch, Früchten, Biskuits und schwarzem Kaffee. Nachdem ich ihm alle Ehre angetan hatte, legte ich mich auf die wasserdichte Decke, um zu rauchen, auszuruhen und nachzudenken, ehe ich die üblichen Eintragungen über das am letzten Tag Geleistete in mein Notizbuch machte. Die Sonne strahlte in tiefem Rot und Gelb und verlieh der Landschaft etwas vom Geist des tropischen Waldes. Als ich noch ein Knabe war, hatte ich einmal in einem Wanderpanorama ein treues Bild vom ersten Lager Sir H. M. Stanleys am Ufer der innerafrikanischen Seen (mit allerlei Gepäck) gesehen, und das stieg nun ungerufen aus den Tiefen des aufgespeicherten Unterbewußten vor meinem Geist empor. Sah man vom See ab, so fand sich hier in der amazonischen Wildnis eine merkwürdige Ähnlichkeit mit den Vorstellungen des Künstlers von Innerafrika.
In diesem Lager war es, wo meine Pläne einen völligen Schiffbruch erlitten. Als ich die Schulden der beiden Turas zahlte und sie damit in meinen Dienst nahm, hatten sie sich bereit erklärt, in den Wäldern umherzukundschaften, um mit den in der Umgebung lebenden oder jagenden Wilden in Verbindung zu kommen. Nun weigerten sie sich glatt, diesen Teil des Programms auszuführen, indem sie erklärten, sie würden dabei umgebracht und aufgefressen, da die betreffenden Stämme ihrem eigenen Stamm ebenso wie allen Weißen feindlich gesinnt wären. Dies zusammen mit dem Verlust von Lebensmitteln schien die Expedition zu einem plötzlichen und unheilvollen Abschluß zu bringen. Die beiden durch Drohungen oder mit Gewalt in die Wälder zu treiben, wäre natürlich schlimmer als nutzlos gewesen, und das Versprechen einer Belohnung hatte nur Mißtrauen und Widerspenstigkeit zur Folge.
Unter solchen Verhältnissen schien es unangebracht, noch weiter flußaufwärts zu fahren. Das Lager zu verlassen und mich selbst in dem umliegenden Wald auf die Suche zu machen, hätte bedeutet, das Unheil geradezu herauszufordern. Ließ ich die beiden Indianer allein, so mochten sie Verrat planen oder sich, was weit wahrscheinlicher war, in ihrer Furcht flußabwärts davonmachen. Dann hätte ich mich allein, vielleicht ohne Lebensmittel, einer Reise von 250 Kilometer einen schwierig zu befahrenden Fluß hinab gegenübergesehen, mit weit überschwemmten Flächen oder Seen und feindlichen Indianern in den Wäldern auf der ganzen Rückzugslinie. Später stellte sich heraus, daß meine Boys alte Kriegspfade anderer Stämme wiedererkannt hatten.
Es liegt viel Wahrheit in dem Spruch, daß Notwendigkeit die Mutter der Erfindung ist. Während ich auf dem Rand des Kanus saß, um mich zu einem würdelosen Rückzug zu entschließen, kam mir ein Einfall, der das Problem schließlich löste. Ich bewaffnete mich mit der Flinte und der elektrischen Taschenlampe, legte einige Kleinigkeiten, darunter mein letztes Taschenmesser, in das Kanu und wartete die Nacht hindurch auf die Rückkehr der Indianerdiebe. Mehrere Male kamen Geräusche aus dem dichten Busch, der das Lager umgab, und die Versuchung war groß, die Taschenlampe anzuknipsen. Wer einmal eine Nacht unter ähnlichen Umständen durchwacht hat, weiß, wie lang die Stunden scheinen und wie unerträglich die Spannung allmählich wird.
Als der Mond aufstieg und sein Licht über die Landschaft warf, schien die Gelegenheit vorüber, aber ich setzte doch die Wache fort, wenn ich auch Augen und Gehör nicht mehr so anzustrengen brauchte. Stunde um Stunde verrann langsam, und im feuchten Dunst überfiel mich ein unangenehmes und Unheil kündendes Frösteln. Dann zeigten sich die ersten helleren Streifen der Dämmerung; der ungesunde Nebel verschwand von den Uferbänken, hielt sich aber noch in den üppigen Buschdickichten. Der Wald erwachte zum Leben. Durch und durch entmutigt und erschöpft kroch ich auf die wasserdichte Decke und vergaß bald die Suche nach neuen Menschenrassen.
9. Unter den Parintintinsindianern am Gy-Paraná.
Etwa zwei Stunden später erwachte ich durch ein Zerren an der Decke zu vollem Bewußtsein. Der Indianer, der seiner dünnen Glieder wegen „Moskito“ hieß, plapperte und deutete aufgeregt nach der Zeltöffnung. Ich sprang schnell auf die Füße und schüttelte ein Gefühl ab, das dem glich, wenn man es verschlafen hat. Groß war meine Überraschung, als ich den andern Boy „Unani Assu“ (großer Mann) sich hinter einem Baumstumpf verbergen sah. Meine Augen suchten die Ursache und entdeckten sie in weniger als 25 Meter Entfernung. Auf der gegenüberliegenden Uferbank stand ein kleiner, untersetzter, bronzefarbiger und gänzlich nackter Wilder, den Bogen in der Hand. Ich ergriff meinen Rasierspiegel als Friedensgabe, verließ das Zelt, rief laut und hielt die Hände hoch als Zeichen, daß ich unbewaffnet war.
Fast im gleichen Augenblick zischte ein Pfeil von irgendwoher aus dem Dickicht des Ufers gegenüber, war jedoch zu kurz gezielt und fiel vor dem Lager in den Fluß. Da ich die Gefahr unserer Lage erkannte, falls ein Angriff von mehreren Seiten aus erfolgte, beschloß ich, alle Feindseligkeiten zu vermeiden. Ich ging vielmehr ins Zelt zurück, raffte hastig zusammen, was den Indianern begehrenswert erscheinen mochte, und hielt es in die Höhe, damit sie es sehen konnten. Diesmal antwortete kein Pfeil. So legte ich die Sachen an den Rand des Ufers und zog mich auf das höher gelegene Lager zurück.
Lange Zeit machten die Indianer keinen Versuch, sich in den Besitz der Geschenke zu setzen. Ich benützte die Zwischenzeit, um Flinte und Revolver zu laden und das Gepäck am Ufer des kleinen Igarapés aufzustapeln. Dann erschien plötzlich der gleiche Wilde, den ich auf dem Ufer gegenüber gesehen hatte, auf der Lagerlichtung. Es war ein spannender Augenblick. Irgendwie war ich mir bewußt, daß aus dem dunkeln Dickicht des Waldes unsichtbare Augen jede meiner Bewegungen überwachten. Wieder winkte ich mit erhobener Hand und deutete auf die Geschenke am Uferrand, etwa 12 Meter entfernt.
Offenbar hatte der Indianer den Fluß durchschwommen oder durchwatet, denn sein Haar war naß. Meine beiden Boys hatten sich in ihrem Entsetzen versteckt, und ich selbst sprach unglücklicherweise kein Wort Guarani, das von den Stämmen in diesen Wäldern gewöhnlich verstanden wird. Der Indianer näherte sich vorsichtig den Geschenken, riß sie, in Reichweite angekommen, an sich und zog sich wieder an den Saum des Dschungels zurück. Inzwischen hatte ich „Moskito“ hinter einem Baum in der Nähe entdeckt und zog ihn auf die Lichtung heraus. Ich setzte ihm auseinander, daß wir alle zweifellos umgebracht würden, wenn er nicht versuchte, sich mit dem Indianer freundschaftlich zu stellen, und befahl ihm, auf Guarani zu rufen, daß wir Freunde seien und Lebensmittel brauchten.
Der Indianer hielt plötzlich im Schatten der Bäume still, und mein Herz begann unruhig zu schlagen. Dann versuchte ich, durch Zeichen eine Unterhaltung anzubahnen und brachte den Wilden allmählich näher, indem ich ihm ein Stück wohlriechender Seife anbot. Offenbar plagte ihn die Neugierde mächtig, aber die Vorsicht verbot ihm, die Seife aus meiner Hand zu nehmen, und ich mußte sie erst auf den Boden legen. Nachdem so eine Art Freundschaft hergestellt war, bedurfte es nur kurzer Zeit, um ihn aufzuklären, daß er uns mit Lebensmitteln versorgen solle, was am leichtesten auszudrücken und zu verstehen war. Der Indianer schien einzuwilligen und verschwand wieder im Dickicht.
Einige Sekunden darauf trafen drei Pfeile mit bemerkenswerter Genauigkeit den Boden ein wenig links vom Zelt. Sie waren augenscheinlich in hohem Bogen abgeschossen worden, entweder wegen der Entfernung oder damit sie senkrecht in der Erde steckenblieben. Später brachte ich diese Trophäen in Sicherheit; sie waren schön geschnitzt und mit Federn verziert. Was zuerst wie Feindseligkeit, niedrige Undankbarkeit und Verräterei ausgesehen hatte, gewann plötzlich eine andere Bedeutung. Die Pfeile waren nacheinander abgeschossen worden, und jeder steckte links vom Zelt ein Meter vom nächsten im Boden. Hätten die Indianer mörderische Absichten gehabt, so würden sie entweder auf mich selbst gezielt oder ihre Geschosse über das ganze kleine Lager verteilt haben. Offenbar waren die Pfeile als Gegengeschenke gedacht, und ich fühlte mich nun wesentlich behaglicher als während der letzten halben Stunde.
Etwas später erschien der untersetzte Indianer wieder, nachdem er mehrere Male etwas gerufen hatte, was wie „Aemu“ klang. Als Antwort schrien wir zurück. Er brachte einen toten Spinnenaffen, von dessen Körper jedes Haar abgesengt war. In achtungsvoller Entfernung folgten ihm zwei andere Stammesangehörige. Einer von ihnen war mit einem Blasrohr bewaffnet.
Ich bedeutete ihnen, die Waffen abzulegen, was sie auch, bis auf den Mann mit dem Blasrohr, merkwürdigerweise ohne Zögern taten. Dann erhielten sie weitere Geschenke, die mich der letzten Gabel und des letzten Löffels beraubten. Das Vertrauen nahm allmählich zu, und nach kaum einer halben Stunde waren die drei wild blickenden Gestalten dabei, alles im Lager zu untersuchen.
Aus unserer beschränkten Unterhaltung, die meinerseits nur durch Zeichen geführt werden konnte, wozu „Moskito“ noch einige Worte in Guarani beisteuerte, schien hervorzugehen, daß sie zu einem Stamm namens „Taipehe“ gehörten und von einem „Tapiry“, d. h. einer Jagd- oder Fischerhütte, kamen, die etwas abseits ihres Dorfs lag. Später erfuhr ich, daß „Taipehe“ der einheimische Name der Parintintins ist. Um ihr Vergnügen beim Empfang auch der kleinsten Gabe auszudrücken, schlugen sie sich auf die Brust, stampften mit den Füßen und wiederholten das Wort „Aemu“, das, soweit ich ausmachen konnte, „Kamerad“ bedeutet. Ob sie schon früher Weiße gesehen hatten, schien mir zweifelhaft, jedenfalls noch nie in der Nähe. Am merkwürdigsten berührte mich, daß sie sich beharrlich weigerten, irgend etwas unmittelbar aus meiner Hand anzunehmen und sich beständig drei Meter von mir entfernt hielten.
Mein Wunsch, das Blasrohr zu untersuchen, das ein junger, höchstens 15 Jahre alter Krieger trug, begegnete keinem Widerstand. Es war aus dem Stamm einer Palme verfertigt und etwa drei Meter lang. Das Kernholz war entfernt und das innere Bohrloch gleichmäßig geglättet. Etwaige Krümmungen hatte man durch ein kleines Palmstämmchen im Innern ausgeglichen, das in das größere Rohr eingeschoben war. Die vergifteten Pfeile steckten in einer Art Köcher, der mit Verzierungen versehen war und an einer Schnur am Blasrohr hing.
Da ich gern gesehen hätte, wie weit die Freundschaft der Wilden ging, nahm ich einen der Pfeile heraus, dessen feine, fast nadelscharfe Spitze, wie ich wohl wußte, in Gift getaucht war, und machte, als ob ich seine Schärfe auf meinem Daumen prüfen wollte. Der junge Krieger verzog zunächst keine Miene, aber der alte Mann gestikulierte, worauf der Junge mir durch Zeichen andeutete, das Blasrohr und die Pfeile auf den Boden zu legen, damit er sie aufheben könne. Dies tat ich denn auch, und nach wiederholten „Ye Aemu“-Rufen, die nach meiner Meinung sagen sollten: „Wir sind Kameraden“, verschwanden sie im Wald.
In der Nacht ließen wir das Zelt stehen, legten uns aber zum Schlafen ins Kanu. Ich schlief die ganze Nacht nicht und hielt Wache. Am nächsten Morgen schlummerte ich dann ein paar Stunden und machte meine Eintragungen. Am folgenden Tag erschienen die Indianer wieder und verlangten weitere Geschenke. Da ich den eigens dafür mitgebrachten Vorrat bereits beinahe erschöpft hatte, gab ich jedem ein schmutziges Hemd, worüber sie sich außerordentlich zu freuen schienen, obwohl sie die Hemden nicht anzogen.
Obschon man diese Indianer nicht für Zwerge halten konnte, gehörten sie sicherlich zu einem wenig bekannten Stamm oder Unterstamm von außergewöhnlich kleinem Wuchs. Jeder Versuch, sie zu messen, schlug fehl, aber dem Augenmaß nach betrug ihre Länge 1,35 bis 1,40 Meter. Dabei waren sie außerordentlich stark und hatten ungewöhnlich breite Brustkasten. Die Gesichter hatten keinen platten oder mongolischen Typus, auch war die Augenstellung nicht schief wie bei den Asiaten.
Außer einem Strick um die Lenden und einer zylinderförmigen Röhre aus Palmblättern gingen sie völlig nackt. Nur Arme und Beine waren mit Strohbändern oder „Embira“ umwunden. Die Farbe ihrer Haut war eine matte Bronze, im Ton viel heller als die der Mundurucus am Tapajóz. Wahrscheinlich war die verhältnismäßig hellere Farbe und die Kleinheit des Körperbaus das Ergebnis des Aufenthalts im Düster der Wälder seit ungezählten Jahrhunderten, abgeschlossen vom Licht der Sonne. Nicht nur, daß sie die Augen in schrecklichster Weise verzerrten, so oft sie auf den Glanz des Flusses trafen, sondern sie kehrten den Rücken auch beharrlich den Stellen zu, wo die Sonne durch das Blättergewölbe schien.
Daß sie zu den wilden Parintintins gehörten, unterliegt nicht dem leisesten Zweifel, obwohl diese Indianerstämme nur dem Namen nach bekannt waren, als ich mit ihnen in den Dschungeln am Gy-Paraná zusammentraf, so daß ich keine Möglichkeit hatte, sie endgültig zu identifizieren. Hätte ich damals schon gewußt, was ich erst viel später erfuhr, so wären diese verräterischen und kriegerischen Indianer in ihren entlegenen Wäldern sicher von mir unbehelligt geblieben. Wie es aber nun einmal war, gab ich ihnen in mühseliger Zeichensprache meinen Wunsch zu erkennen, ihr Dorf aufzusuchen.
Auf meinen Vorschlag hin begannen sie lange miteinander zu reden, konnten sich aber offenbar nicht entscheiden. Das Gespräch wurde in merkwürdig hoher Tonlage geführt, aber fast ohne jede Klangfärbung. Ich sah wohl, daß die Unternehmung tatsächlich nicht ohne Gefahr sein würde. Denn in viel weniger entlegenen Waldgebieten waren Caboclos und Sammler von brasilianischen Nüssen häufig von den wilden Stämmen ermordet worden, die in ihren waldverborgenen Schlupfwinkeln hausen und zum Teil noch niemals von weißen Menschen gehört haben. Ein derartiger Fall hatte sich während meines Aufenthalts in Manáos ereignet. Am Ufer des Cauraflusses war von einem Seringuero eine halbverweste Leiche, der der Kopf und das rechte Bein fehlten, aufgefunden worden. Doch muß ich gestehen, daß mir damals die ganze Größe der Gefahr unbekannt war, was allerdings auf meine beiden moskitoähnlichen Boys keineswegs zutraf. Sie brachten die alten Gründe vor, um mich zurückzuhalten: zuerst, daß die Maloccas der Indianer viele „Sonnen“ entfernt wären, und als sie sahen, daß mich das nicht rührte, erklärten sie, wir würden alle aufgefressen werden wegen „der Stärke in uns“. Diese Behauptung suchten sie anschaulich zu machen, indem sie in ihre eigenen Arme hineinbissen.
Meine besondere Sorge war, alles zu vermeiden, was nach Zwang aussah. Denn ich wußte, daß wir im Dickicht der Wälder gänzlich von der Gnade der Wilden abhängig sein würden, die, wie alle Stämme im Amazonengebiet, zweifellos von verräterischem Charakter waren. Uns offen umzubringen mochte bei der Unterlegenheit ihrer Waffen seine Schwierigkeit haben, wenn sie auch für den Dschungelkrieg sehr gut geeignet waren. Aber nichts wäre ihnen leichter gewesen, als uns ins Herz der großen, düstern Wälder und zugleich in einen Hinterhalt zu führen. Die vorherrschenden Angriffsmethoden im Amazonengebiet sind jenen ähnlich, die früher bei den Aschantis und Eingeborenen am Kongo im Schwang waren. Gassen werden durch das Dickicht längs den Flüssen und natürlichen Dschungelpfaden geschlagen, und die vorrückende Expeditionskolonne wird plötzlich so lange mit einem Hagel vergifteter Pfeile überschüttet, bis ein wirksames Gewehrfeuer die Eingeborenen in den Schutz ihrer fast undurchdringlichen Wälder zurückgetrieben hat.
Später hörte ich jedoch, daß eine der Lieblingsmethoden dieses Stammes, sich seiner Feinde zu entledigen, darin besteht, zahllose Palmdornen in starkes Gift zu tauchen und mit den Spitzen nach oben auf den Boden der Dschungelpfade zu streuen, die ihre bloßfüßigen Opfer zu betreten pflegen. Sogar die halbblütigen Kautschuksammler wandern beständig mit nackten Füßen durch die Wälder, da sie sich durch jede Fußbekleidung behindert fühlen. Auch tritt auf Leder über Nacht Schimmelbildung auf, und die Termiten zerstören in wenigen Stunden ein Paar Reitstiefel, wenn Unvorsichtigkeit oder Sorglosigkeit ihnen dazu Gelegenheit gibt.
Schließlich entschied sich die Frage meines Dorfbesuchs nach einer aufregenden halben Stunde. Der Älteste von den drei, der auch der bei weitem am wildesten Aussehende und Häßlichste war, zeigte auf das Kanu und deutete zugleich an, daß sie uns begleiten würden. Wir paddelten den schmalen und von Hindernissen versperrten Fluß fast zwei Stunden lang hinauf, und ich begann mich zu fragen, ob das nicht nur eine List wäre, uns in die Irre zu führen, bis sie Gelegenheit fänden, während der nahenden Nacht zu entkommen. Etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang zeigte der ältere Mann, dessen Haar in Fransen auf die Stirn hing, auf das Ufer, und nachdem wir das Kanu durch das scharfblättrige Sumpfgras hindurchgestoßen hatten, landeten wir an einer besonders dunkeln Stelle des Waldes.
Zwei Stunden etwa lagen noch vor uns, ehe die Sonne hinter den endlosen Wäldern untergehen und die kurze tropische Dämmerung völliger Finsternis weichen würde. Unter diesen Umständen hatte ich keine Lust, an diesem Tag noch weiterzumarschieren und versuchte, das zu erklären. Aber die Verständigungsmöglichkeit durch Zeichen und Gebärden ist weit beschränkter, als jemand glauben mag, der noch nie einen ganzen Tag darauf angewiesen war, darin seine Meinungen klarzumachen. Jeder Reisende und Forscher sollte wirklich seiner Lehrzeit einen Kursus in einer Taubstummenschule anfügen, falls er beabsichtigt, abseits gelegene Gebiete aufzusuchen, wo Führer und Wörterbücher mit den „gebräuchlichsten Redensarten“ nicht die leiseste Hilfe bieten.