Unter Wilden am Amazonas

Part 5

Chapter 53,365 wordsPublic domain

Als wir endlich am Abend des 28. Mai die Gewässer des Tapajóz verließen, um unter 8° 6′ südlicher Breite in den kleinen Martinhofluß einzubiegen, kamen wir schneller vorwärts, da hier die Strömung schwächer ist. Aber nun erhob sich eine neue Schwierigkeit. Alle paar Kilometer war das enge und seichte Flußbett von den Stämmen und Ästen umgefallener Bäume gesperrt. Eines dieser Hindernisse kostete uns 6 Stunden harte Arbeit, um den Weg für das Kanu freizumachen. Entladen und über Land tragen konnten wir es nicht, da die Ufer sumpfig und mit dichtem Unterholz bestanden waren. Nach zwei Tagen war es uns klar, daß eine Durchfahrt in die Hauptverkehrsstraße des Madeiraflusses, 500 Kilometer nach Westsüdwest, unmöglich zu bewerkstelligen war, nicht nur im Hinblick auf die bedenklich rasch abnehmenden Lebensmittelvorräte, trotzdem wir sie täglich aus Fluß und Wald ergänzten, sondern auch wegen einer niedern Hügelkette, die offensichtlich dem Weiterlauf des Flusses vorgelagert war. Die Strömung nahm wieder zu, und der Fluß wurde so schmal, daß die Baumkronen an manchen Stellen ihn überwölbten. Das Fortstoßen mit Stangen bot die einzige Möglichkeit, um weiterzukommen.

Am 31. Mai hatten wir unser Lager auf einer kleinen Lichtung aufgeschlagen, die den Sonnenstrahlen kaum Zugang gewährte. An diesem Tag entschlossen wir uns zur Umkehr, wenn auch sehr widerwillig, da wir ein Vordringen in den Madeira für ausgeschlossen hielten. Der Martinho kommt offenbar aus jenen niedern Hügeln, die seinen Lauf in einer Entfernung von etwa 30 Kilometer schneiden und sich durch das Fernrohr als eine unregelmäßige Kette von ungefähr 300 Meter Höhe darstellen. Wir hatten gehofft, daß er in den Gy-Paraná (oder Machado), einen Nebenfluß des Madeira, führen würde, der in diesen Fluß bei der Niederlassung von Humaitá mündet. Die Entdeckung, daß dem nicht so war, erfüllte uns mit großer Sorge. Denn die Lebensmittel gingen auf die Neige, und noch hatten wir 500 Kilometer zurückzulegen, in einem wilden Land, den Tapajóz hinab, bis Itaituba.

Unsere Lage besserte sich jedoch auf unvorhergesehene Weise. Die harte Arbeit beim Fortstoßen des Kanus sowie das Wegräumen von Baumstämmen und anderen Hindernissen hatte uns alle drei erschöpft. Da es von wesentlicher Bedeutung war, die Rückfahrt, glücklicherweise mit der Strömung, so bald als möglich anzutreten, war eine ausreichende Nachtruhe äußerst wünschenswert. Aber während der Dunkelheit mußte trotzdem beim Kanu und Lager Wache gehalten werden, und da meine mittelmäßigen Fähigkeiten in der Behandlung des Fahrzeugs bei der Talfahrt doch von wenig Nutzen waren, erbot ich mich, die Wache zu übernehmen. Ich konnte ja dann am nächsten Tag im Kanu während der Fahrt ausruhen.

An diesem Abend ging die Sonne in einem besonders prächtigen Strahlenglanz unter, dessen Farbenspiel jedoch nur im Widerschein der Flußmitte sichtbar wurde. Eine halbe Stunde später war es finster, und über den Urwald in unserm Rücken legte sich eine lastende Stille. Während der Tagesstunden ist die Natur der Wildnis weniger fühlbar. Das Schnattern der Affen, das Kreischen der kleinen Papageien, das Pfeifen der sehr häufigen Abart eines kleinen roten Vogels, das Heulen des Jaguars, die mörderischen Schwanzschläge eines gereizten Alligators und das Summen der Insekten bilden ebenso viele Ablenkungen. Selbst ein Schimmer des gestirnten Himmels oder ein Strahl des Mondes dient dazu, das nächtliche Düster des tropischen Waldes zu mildern. In den früheren Lagern am Tapajóz war uns denn auch immer, dank der Breite des Flusses, die eine oder andere dieser freundlichen Erscheinungen beschieden gewesen.

Hier stiegen die Stämme der Bäume wie mächtige Säulen empor bis zu einer Höhe von 20 Meter. Gegen den Boden zu, wo sie in grotesk gebildete Strebepfeiler auswuchteten, mochten sie wohl einen Durchmesser von über drei Meter haben. Unter einer riesenhaften Itauba (~Acrodiclidium itauba~) hatten wir das Lager aufgeschlagen. Sie besitzt ein sehr hartes, schwer faulendes Holz, das den Tausenden von Insekten Widerstand leistet, die sonst einen schlecht gewählten Lagerplatz zu überfallen pflegen. Von dem dämmrigen Gewölbe senkten sich die Wedel der Miritypalmen herab. Lianen schlangen sich wie Drahtseile um die Stämme und hingen in Schleifen und Knoten von den Ästen, unter ihnen die Cipórebe oder Mordliane, die die Bäume in ihre erstickende Umklammerung zieht. Jenseits der winzigen Lichtung lag ein grauer, vermoderter, von Ameisen ausgehöhlter Baumstamm, ein Zeuge ihrer zerstörenden Kräfte, über dem zersplitterten Unterholz. Die Luft war schwül und drückend, von einer feuchten Kühle nach der großen Hitze des Tages. Als das Düster zunahm, glich die Umgebung dem nächtlichen Kirchenschiff einer Kathedrale, mit zahllosen Pfeilern, die aus der dunklen Tiefe emporwuchsen und sich oben in der Dunkelheit verloren.

Die völlige Finsternis wurde nur durch einen schmalen Strich des Mondlichts in der Mitte des schnell strömenden Flusses unterbrochen. Nur einmal während der langen Nacht drang ein Laut durch die unirdische Stille dieser tropischen Waldwildnis. Sein Klang war so unheimlich, daß mich ein Schauder erfaßte. Ein scharfer und durchdringender Schrei, wie von einem Menschen, kam von einer Lichtung in der Nähe. Untersuchen war unmöglich. Auch nur einige Schritte in den verfilzten Urwald hinein zu machen, hätte sichern Tod bedeutet. So blieb die Herkunft des Schreis ein Geheimnis. Wahrscheinlich war ein Bewohner des Dschungels in die Umschlingung einer Anakonda oder zwischen die Kinnladen eines aufgestörten Alligators geraten.

Es mag seltsam erscheinen, daß ich keinen Versuch machte, das Rätsel des Schreis aus den Tiefen des Waldes zu lösen. Aber es war unmöglich, während der Nacht im dichten Dschungeldickicht auf die Suche zu gehen, und außerdem wußte ich auch, daß verschiedene Affenarten, besonders die ~Simia mycetes~ oder Brüllaffen, unheimliche, fast menschliche, auf weite Entfernungen vernehmliche Laute hervorbringen. Auf späteren Reisen gewöhnte ich mich mehr oder weniger an plötzliche und unirdische Laute während der nächtlichen Stille, da auch eine gewisse Vogelart ein halbmenschliches Geschrei ausstößt.

Als sich die ersten helleren Streifen des neuen Tages zeigten, machten wir uns an ein dürftiges Mahl und trafen eiligst unsere Vorbereitungen zur Abfahrt. Während wir noch damit beschäftigt waren, ließ sich von flußaufwärts der rhythmische Schlag von Rudern hören, begleitet von gutturalen Rufen. Meine Flinte war in einer leeren Biskuitbüchse verstaut, um sie bei etwaigem Kentern des Boots mitten im Wasser zu sichern. Ehe es mir noch gelungen war, sie herauszunehmen, schoß ein Kanu, voll von nackten Wilden, um die nächste Flußbiegung.

5. Im Land der Apiacásindianer.

Die Überraschung der Indianer war offenbar noch weit größer als unsere, und ihr roh ausgehöhlter Baumstamm, der keinerlei Ansprüche an Form oder Stabilität stellte, kenterte beinahe. Da sie nicht imstande waren, in der schnellen Strömung das Fahrzeug anzuhalten, trieb es flußabwärts und würde an unserm Lagerplatz vorbeigefahren sein, wäre es nicht durch die Hindernisse aufgehalten worden, die unsere Reise am vorhergehenden Tag zu einem Ende gebracht hatten. Die krampfhaften Anstrengungen der Indianer, einem Zusammenstoß und gleichzeitig einer Landung mitten unter uns zu entgehen, entbehrten nicht der Komik, wenn uns auch zunächst die Alligatoren Sorge machten. Wie es kommen mußte, kam es. Das unhandliche Fahrzeug legte sich mit der Seite gegen das Flußhindernis und erst, nachdem wir zum Zeichen der Freundschaft unsere Waffen ostentativ weggeworfen hatten, landete der Indianer mit seinen drei Weibern und seinen Kindern auf dem einzigen trockenen Platz in der ganzen Gegend.

Neugierde auf Seite der Weiber überwand bald die natürliche Scheu der Wilden. In einer halben Stunde hatten sie alles im Lager untersucht und wandten nun unglücklicherweise ihre Aufmerksamkeit mir zu. Es begann, als ich meine Hemdärmel umstülpte. Zuerst blickten sie zweifelnd auf mein Gesicht und deuteten mir durch Zeichen an, es im Fluß zu waschen; dann kniffen sie mich in die Arme und würden, ganz gegen meine Absicht, ihre unheilige Neugier nach der Beschaffenheit meines ganzen Körpers auf verschiedene Weise noch weitergetrieben haben, hätte ich nicht versucht, ihre Aufmerksamkeit durch Geschenke abzulenken. Dadurch versetzte ich sie in einen wahren Freudentaumel. Der Vater der Familie hatte bisher abseits gestanden. Wahrscheinlich hatte er schon öfters Weiße gesehen und nur sein Weibervolk in der Abgeschiedenheit der Urwälder gehalten. Jetzt grinste er begierig. Sie sprangen ohne Rücksicht auf etwa vorhandene Alligatoren in den schmutzigen Fluß, lachten, schrien und rollten sich im Schlamm. Dann begannen sie, ohne sich zu reinigen, ein Lager aufzuschlagen, während wir ihren Herrn und Gebieter über den Stand unserer Speisekammer unterrichteten.

Diese Apiacásweiber hatten bald aus Palmwedeln und mit Schlamm bedeckten Zweigen einen rohen Unterschlupf fertig. Küchengerätschaften schienen sie nicht zu besitzen, außer einem irdenen Tiegel. Nachdem der Indianer, der allein bekleidet war, versprochen hatte, durch eine Jagdbeute an Wild und Fischen unsern Vorräten aufzuhelfen, entschlossen wir uns, noch mehrere Tage im Lager zu bleiben, ehe wir uns den Tapajóz hinab auf die Fahrt nach Itaituba und was sonst am Amazonenstrom an Zivilisation zu finden ist, machten.

Es zeigte sich, daß die Weiber nur selten Weiße gesehen hatten, obwohl sie offenbar schon mit Kautschuksammlern zusammengetroffen waren, die aber weder schwarz noch weiß sind, sondern sowohl im Gesicht wie am Körper von einem matten Gelbbraun. Sie versuchten, durch Zeichen zu erfahren, zu welchem Zweck wir in diese abgelegene Gegend gekommen wären, indem sie an die riesigen Kautschukbäume klopften, wie sie in diesen Wäldern in Massen vorkommen. Als ich den Kopf schüttelte, schienen sie beunruhigt. Natürlich war ich nicht imstande, sie durch Zeichen über meine Reiseabsichten aufzuklären und hatte auch nicht den Wunsch, dies in Hinsicht auf meine Begleiter zu tun. So begnügte ich mich mit einigen beruhigenden Gebärden. Wenigstens waren sie so gemeint. Ich wußte, daß die Ängstlichkeit aller Waldbewohner im Amazonengebiet, wo immer Kautschukbäume wachsen, von der barbarischen Behandlung herrührt, die sie früher von gewissenlosen Kautschuksammlern erfahren haben. Man zwang sie nicht nur, bei Strafe der Auspeitschung, den kostbaren Saft zu sammeln, sondern auch unsagbare Schändlichkeiten wurden an ihren Weibern verübt.

Nachdem die Freundschaft hergestellt war, folgte das Austauschen vertraulicher Mitteilungen. Die Indianer gehörten zu einem Dorf, das einige Kilometer vom Flußufer entfernt und noch nie von Sklavenzügen der Kautschukpflanzer berührt worden war. Ehe die brasilianische Regierung das Indianer-Schutzamt einsetzte, von dem noch zu sprechen sein wird, waren solche Raubzüge an der Tagesordnung.

Die Apiacás bewohnen ein Waldgebiet von etwa 350 Geviertkilometer an beiden Ufern des Tapajóz und auch am Unterlauf des Rio Manoel. Sie sprechen die Tupisprache und haben viel Gemeinsames mit Stämmen, die ich später in den Tälern des Madeira und Aripuanan antraf. Ihr Charakter ist nicht ganz zuverlässig, und sie setzen allen Eingriffen der Weißen Widerstand entgegen, haben aber der Regierung lange nicht so viel Verlegenheiten bereitet wie die Parintintinsindianer am Gy-Paraná und Maicy. Keiner dieser Indianer trägt Lippenschmuck, in die Lippen eingesetzte Verzierungen aus Muschelschalen oder Bein. Die Weiber waren bis auf einen dünnen Grasschurz völlig unbekleidet. Sie trugen Fußringe, vermutlich als Zeichen, daß sie entweder verheiratet oder heiratsfähig waren. Eine Witwe, die zu alt ist, um noch einen Mann zu bekommen, schneidet beide Fußringe ab, um anzudeuten, daß sie sich mit ihrem Los abgefunden hat. Legt sie nur einen Fußring ab, so heißt das, daß sie bereit ist, wieder zu heiraten. Trägt aber eine verheiratete Frau gar keinen Fußring, so bedeutet es Untreue oder daß sie gegen die Wünsche ihres Stammes geheiratet hat. Ich glaube wenigstens, das so verstanden zu haben, soweit eben Zeichen, Zeichnungen und nachahmende Gebärden eine vollständige Verständigungsmöglichkeit ersetzen können.

Die Apiacás tragen ihr glänzend schwarzes Haar vorn auf der Stirn in Fransen geschnitten und über den Rücken lang herabhängend, wie viele andere Stämme des Amazonengebiets. Männer, Weiber und Kinder haben die gleiche Haartracht. Die Amulette, die beide Arme zieren, sind aus Bein oder Fasern und dienen als Schutzmittel gegen die Gefahren der Wildnis. Die Kinder gingen völlig nackt und sahen recht gesund und handfest aus. Der Junge, den ich auf ungefähr zwölf Jahre schätzte, trug den dünnen Körperriemen und die Fasernhose, die beim Schlüpfen durch das Dschungeldickicht Verletzungen verhüten sollen. Der Vater dieser Bronzefamilie war mit Rock und Hosen aus grobem, einheimischen Stoff bekleidet und mit einer alten Schrotflinte bewaffnet, die er aber nicht zur Jagd gebrauchte. Er zog einen schöngeschnitzten Speer vor, der schließlich im Tausch gegen ein gutes schwedisches Taschenmesser in meine Sammlung überging. Weiße hatte er bereits auf den Ufern gesehen und schien ihnen viel mehr zu mißtrauen als seine Weiber, die in ihrer Unwissenheit glücklich waren.

Erst am zweiten Tag ihres Aufenthalts im Lager bemerkte ich, wie eins der Weiber ein Trinkgefäß aus dem Kanu holte, um es mit Wasser aus dem Fluß zu füllen. Nach einigen Minuten gelang es mir, das Gefäß genauer zu betrachten, und ich muß gestehen, daß mich ein leiser Schauder des Ekels beschlich. Es war ein menschlicher Schädel, dessen Augen-, Nasen- und Ohröffnungen mit schmutzigem roten Lehm verstopft waren.

Die Unterhaltung ging nicht sehr rasch vonstatten, da sie durch Zeichen geführt werden mußte. Als ich versuchte, etwas über die Herkunft dieser greulichen Reliquie herauszubekommen, war das Ergebnis ein wenig überraschend. Augenscheinlich handelte es sich um eine hochgehaltene Kriegstrophäe, deren Besitz eine Quelle des Stolzes bildete. Auf meine Fragen begann das Weib, mir mimisch einen Kampf vorzuführen. Schließlich ergriff sie ein nacktes Kind, das uns zusah, und tat, als ob sie seinen Kopf mit einem scharfen Messer aus Fischknochen abschnitte. Das Geschrei des Kindes brachte den Vater herbei. Er erschien mit einem mörderlich aussehenden Speer, der mit Büscheln aus Vogelfedern verziert war. Aber offenbar sind die Apiacás nicht ohne Sinn für Humor, denn er grinste, als ihm die Ursache des Geschreis klargemacht wurde.

Nachts sollte auf einer Reihe von Sandbänken flußaufwärts auf die Schildkrötenjagd gegangen werden. Es war eine merkwürdige Unternehmung, an der auch die Weiber teilnahmen. Fackeln aus harzreichem Holz wurden angezündet und die Kanus an die seichten Schlammstellen hingebracht. Die Flammen warfen ein düsteres Licht auf die Mauern des Waldes und die schweigende, rasch dahinströmende, schwarze Flut. Es war nicht die Zeit des Eierlegens, daher befanden sich die Schildkröten an den Untiefen der Sandbänke, wo sie vor den gefräßigen Alligatoren und den beutegierigen Jaguaren in Sicherheit waren. So geschickt handhabte der Indianer seinen langen, dünnen Speer, daß er in weniger als einer halben Stunde drei Stück der kleineren Art aufgespießt hatte, die Tracajaas genannt wird. Später sah ich in andern Gewässern des Amazonas, wie man diese Geschöpfe harpunierte, mit dem Lasso oder in Fallen fing und ihrer Eier beraubte.

In dieser Nacht schien der Urwald nicht so verlassen wie sonst. Ich saß neben dem Feuer, obwohl die Nacht warm war, und versuchte von einem sehr schläfrigen Apiacásindianer Auskünfte zu erhalten über die Sitten und den Glauben dieses „wilden“ Stammes. Alles, was ich erfuhr, war, daß die Köpfe der im Kampf getöteten Feinde als Kriegstrophäen abgeschnitten würden. Doch war dieser Brauch kürzlich vom Administrator in Bocca S. Manoel verboten worden. Die Apiacás glauben, daß die Seelen der Abgeschiedenen in Vögeln oder Tieren wiedergeboren werden, und zwar in jenen Arten, die sie selbst während ihres Lebens am charakteristischsten zur Darstellung bringen. Den Mond halten sie für einen bösen Geist, dessen Diener in den dunklen Gewässern der Flüsse hausen. Sie ziehen den waghalsigen Indianer in die Tiefe, der allein in seinem kalten, weißen Licht badet. Merkwürdigerweise spielen die Alligatoren keine Rolle in dieser überirdischen Tragödie. Daß Baden in Gesellschaft sicherer ist, erklärt sich durch das Herumplätschern im Wasser. Ich versuchte das dem Indianer auseinanderzusetzen, aber seine Antwort war verblüffend. Diese niedrigstehenden Menschenwesen glauben, daß der Alligator den Mond ebenso fürchtet und vorzieht, seine Mahlzeiten bei Tageslicht zu verzehren! Die Apiacás sind nicht tatauiert, ungleich den Mundurucus, und scheinen nur sehr wenig seltsame Zeremonien zu haben. Darin unterscheiden sie sich von den Uaupés des brasilianischen Guyana, die den blutigen Juriparidienst ausüben.

Es machte mir viel Verdruß, daß ich das Dorf der Apiacás im dichten Wald nicht besuchen konnte, aber der Mangel an Lebensmitteln ließ die Rückkehr zur Zivilisation gebieterisch erscheinen. In diesem Zusammenhang dürfte die Erfahrung interessieren, daß der Weiße nicht sehr lange von den Naturprodukten des Waldes zu leben vermag, ohne der Beri-Beri-Krankheit zu verfallen. Sogar die Eingeborenen leiden schrecklich unter dieser und andern verheerenden Seuchen. Die Schwindsucht fordert alljährlich zahlreiche Opfer. Die an diesem und andern Leiden Erkrankten werden bei den Halbzivilisierten in eigenen Dörfern untergebracht, wo sie eine Zeitlang von alten Weibern gepflegt werden. Die Unheilbaren begräbt man auf ihren eigenen Wunsch lebendig.

Ich fertigte eine rohe Kartenskizze des Flußlaufs an und erfuhr, daß zwischen dem kleinen Martinho und den Zuflüssen des großen Madeiraflusses keine Verbindung besteht. Nach den Angaben des Indianers dehnten sich die niedrigen Hügel vor uns „drei Sonnen“, drei Tagereisen weit aus. In den Wäldern jenseits der Hügel sollte ein Stamm sehr kleiner Menschen von blasser Farbe leben. Eine Angehörige dieses Stammes traf ich später an einem Nebenflusse des Aripuanan. Es war ein Mädchen andern Stammes, das offenbar in Gefangenschaft geraten war. Sie war ganz wild und maß nur vier Fuß. Dem Anschein nach gehörte sie zu einem Nebenzweig der großen Nambiquarasfamilie von Matto Grosso, obwohl ich mir darüber nicht sicher bin. In einem spätern Kapitel werde ich darauf noch zurückkommen.

Am nächsten Tag beluden wir das Kanu mit Fisch, Schildkrötenfleisch, Früchten, einer Art wilder Pfeilwurz und unsern sehr spärlichen Resten an „zivilisierten“ Nahrungsmitteln. Dann rüsteten wir uns zur Abfahrt. Ich tauschte einige Handelswaren gegen ein paar rohe Sammelgegenstände, und nachdem wir noch einige Geschenke verteilt hatten, paddelten wir den Fluß hinab und entgingen knapp einem ernstlichen Unfall beim Wegräumen des Hindernisses, das den Einbaum des Indianers zum Anhalten gezwungen hatte.

Auf der Rückfahrt legten wir an einem Regierungsposten nahe Bocca S. Manoel an. In Pará war mir von dem Vorhandensein dieser Station nichts gesagt worden. Auch meine beiden Caboclos wußten nichts von ihr, noch war sie auf irgendeiner meiner Karten eingezeichnet. Der Administrator befand sich irgendwo flußabwärts, aber sein Assistent hatte die Güte, uns nicht nur mit einem kleinen, für ein bis zwei Tage ausreichenden Vorrat an Nahrungsmitteln zu versehen, sondern mir auch den ersten Einblick in die Aufgaben des Indianeramtes der Vereinigten Staaten von Brasilien zu verschaffen.

Ein großer Teil der Arbeit an den Zuflüssen des Amazonenstroms wird von den Beamten des Indianeramtes bei Nacht an den weiten Grenzen des Unbekannten ausgeführt. Die ungeheure Fläche der kartographisch nicht aufgenommenen Waldgebiete ist in rohe Abschnitte geteilt, und jedem wird ein Offizier zugewiesen, mehrere bewaffnete Wächter und ein oder zwei Dolmetscher. Während des Tages ist der tropische Dschungel erfüllt von den Lauten des wimmelnden Tier- und Insektenlebens. Nachts aber, wenn nichts zu hören ist, als zuweilen das Gebrüll eines Jaguars, nehmen diese Leute ihren Posten ein auf einer hoch oben in den Baumwipfeln erbauten Plattform. Dann senden sie mittels eines Lautsprechers Botschaften von Freundschaft und Frieden weit über die dunkeln, schweigenden Wälder.

Die Eingeborenen in ihren Maloccas werden durch die seltsamen Töne geweckt und lauschen zitternd den Erzählungen von der Ankunft ihrer blaßgesichtigen Brüder, die allen Geschenke bringen werden. Das Merkwürdigste ist für sie, daß die Stimme aus den Wipfeln der Bäume kommt und in ihrer eigenen Sprache redet.

Auf andern Außenstationen im Innern Brasiliens, unter den wilden Javahés, die geschickt mit dem Blasrohr und vergifteten Pfeilen umzugehen wissen, wurde Musik mit Erfolg zum Zweck einer „friedlichen Durchdringung“ angewendet. Wenn das tausendfältige Lärmen der Affen, Papageien, Jaguare, Pumas und Insekten verklungen ist und der tropische Riesenmond seine Strahlen über den düstern Urwald sendet, schwimmen die Töne einer Violine durch den Säulenwald. Die Wilden in ihren versteckten Dörfern in den Tiefen der dunkeln Wälder werden von dem Gesang eines neuen, wundervollen Vogels geweckt. Ihre Neugier erwacht, und sie folgen den Klängen. Ohne Scheu umstehen sie im hellen Mondlicht den Baum, der den Spieler verbirgt. Dann schweigt der Gesang und an seine Stelle tritt eine Stimme, die in ihrer Sprache zu ihnen redet und von all den schönen Dingen erzählt, die Abgesandte der Weißen ihnen bringen werden. Die erschrockenen Wilden gleiten wie Schlangen in den Schutz des dunkeln Waldes zurück, aber die Friedensbotschaft ist ergangen und gehört worden.

Ein anderer Kunstgriff, „Anlockungsposten“ genannt, dient dazu, das Werk der Versöhnung zu vollenden. Gassen werden durch das Dickicht geschlagen, die von dem Lager in den Urwald hinausführen. Alle Kilometer etwa entlang diesen bezeichneten Pfaden werden Geschenke an die Bäume gehängt zusammen mit kurzen Botschaften in indianischen Schriftzeichen, die die friedliche Gesinnung der Weißen klarmachen und von noch begehrenswerteren Geschenken näher dem Lager erzählen. Oft vergehen Monate, ehe einer der furchtsamen, aber sehr wilden Eingeborenen im Bereich der Station erscheint. In den Stunden der Finsternis werden die Geschenke so und so oft von den Bäumen genommen, aber nichts geschieht dagegen. Nur wird in den Botschaften, die jedem neuen Geschenk beigelegt sind, betont, daß Heimlichkeit bei der Annäherung an die Bäume und das Lager unnötig ist und daß die Weißen die Gegend verlassen werden, wenn die Indianer nicht kommen, um ihnen für die bereits empfangenen Gaben zu danken.