Unter Wilden am Amazonas

Part 19

Chapter 193,423 wordsPublic domain

Das Chunchosdorf bestand aus sechs langen und halbwegs gut gebauten Hütten aus Chontaholz, in denen fast hundert Männer, Weiber und Kinder lebten. Die Wohnungen lagen auf einem steilen Hügel, der gegen den mittleren Perené zu abfiel, und waren jenen der Kaschibos und Konibos am Ucayali turmhoch überlegen. An manchen zeigten sich vorspringende, durch Baumstämme gestützte Dächer, und einige waren sogar mit roh zubehauenen Brettern teilweise verkleidet. Auf der Seite des Hügels befanden sich kleine Anpflanzungen von Mais, Yukka und Bananen. Merkwürdig war das völlige Fehlen von Kanus. Augenscheinlich benützt dieser Stamm als Beförderungsmittel ausschließlich die Balsa. Keiner der Stämme des äquatorialen Amerika züchtet Maultiere, Pferde oder Vieh, wenn sie nicht von ihren weißen Herren dazu angehalten werden. Die Chunchos wandern meilenweit durchs Dickicht und über die steilen Hügelhänge, um Wild aufzuspüren. Auf ihren Balsas unternehmen sie weite Flußreisen oft über mehr als 150 Kilometer. Aber sie sind sehr abergläubisch.

Eine merkwürdige Gewohnheit dieser Indianer, deren Zeuge ich in der ersten Nacht in ihrem Dorf wurde, war, sich in ihren Hütten oder auch im Freien zusammenzudrängen, sobald die kurze Dämmerung vorbei war. In mondlosen oder sehr dunkeln Nächten sind sie nicht dazuzubringen, das Lager zu verlassen. Zuerst war mir das ein Rätsel, und ich dachte, es wäre einfach ihrer Faulheit zuzuschreiben. Aber eine nähere Untersuchung zeigte, daß alle Indianer dieser wichtigen Gruppe sich davor fürchten, in völliger Finsternis allein zu sein. Sie glauben, daß in jedem Schatten sich böse Geister umhertreiben, und selbst in mondhellen Nächten weichen sie jedem dunkeln Fleck aus, wenn sie im Dorf umhergehen oder durch die Wälder wandern. Der einzige Stamm, bei dem ich ähnliche Formen des Aberglaubens beobachtet hatte, war der der Apiacás am obern Tapajóz, die, wie man sich erinnern wird, die Schatten mit ihren Speeren bei den Mondtänzen durchbohrten.

Je länger ich bei den Chunchos verweilte, desto klarer stellte sich heraus, daß sie keine wirkliche Religion haben außer einer Reihe von abergläubischen Vorstellungen, die mit den Mächten des Lichts und der Finsternis zusammenhängen. Die Toten begraben sie unter dem Lehmboden ihrer Hütten ohne Rücksicht weder auf die darin lebenden Anverwandten der Verstorbenen noch auf die andern Familien. Zufällig war ich dabei, wie ein Grab für einen alten Mann ausgeschaufelt wurde, der damals noch so sehr am Leben war, daß er, sein Schicksal erratend, aus dem Bett aufstand, in den Dschungel lief und verschwand. Das leere Grab war nur wenig über ein Meter tief.

Die Chunchos schienen mir damals ein stilles, harmloses Völkchen zu sein. Kürzlich traf ich aber im Amazonengebiet Mr. Miles Moß, den bekannten Naturforscher, der vor einigen Jahren unter ihnen gelebt hat und mir manches erzählte, was meine damalige Ansicht wankend gemacht hat. Er führte aus, daß er die Chunchos für eine sanfte, friedliche und intelligente Rasse halte, obwohl ihre Geschichte in Dunkel gehüllt sei. Sie seien sehr geschickt und gewandt in dem, was man Heimarbeiten nennen könnte, so begrenzt die auch in ihrer Art sein möchten. Sie wären von eher kleiner Gestalt, aber glänzend gewachsen, oft ganz hübsch und ausgezeichnete Schützen mit Bogen und Pfeil. Das Wasser liebten sie und wären viel reinlicher in ihren Gewohnheiten und Gepflogenheiten als die halbblütigen Serranos oder Bergindianer. Diese persönlichen Beobachtungen, die mit meinen eigenen Ansichten übereinstimmten, ergänzte er dann durch das Folgende, was ihm von einem Mr. Furlong brieflich mitgeteilt worden war, dessen Zeugnis sich auf einen dreizehnjährigen Aufenthalt in diesen Gegenden stützte. Neben ihren guten Eigenschaften haben diese Chunchos auch schlimme Charakterzüge, für die sie allerdings kaum verantwortlich gemacht werden können, wenn man ihre Unwissenheit in Betracht zieht und das völlige Fehlen einer Religion, die über eine bloße abergläubische Furcht vor dem Unbekannten nicht hinausgehe. Elternliebe zählt nicht zu ihren tieferliegenden Instinkten, das menschliche Leben wird wenig geachtet, und so kommt es, daß ein Mord so gut wie gar nichts gilt. Verheiratet sich eine Witwe mit kleinen Kindern wieder, so beseitigt nach allgemeinem Brauch der zweite Gatte die Kinder auf solche Weise. Mr. Furlong hat nicht selten derartigen Unglücklichen eine Zuflucht in seinem Lager gegeben. Auf seinen Reisen im entlegenen Innern machte er einmal die Bekanntschaft eines alten deutschen Ehepaares, das nach und nach zu Pflegeeltern von nicht weniger als 24 Chunchosmädchen und -jungen geworden war. Sonst wären alle diese Kinder umgebracht worden.

Es ist ganz allgemein Sitte, daß der Sohn seine Eltern in den Fluß wirft, wenn das Leben infolge der Gebrechlichkeit des Alters zu einer Last für sie wird oder für die, welche für sie zu sorgen haben. Bei einer Gelegenheit hatte Mr. Furlong die größten Schwierigkeiten, einen Chuncho zurückzuhalten, einen Mann, der an einem schlimmen Abszeß litt, in den Perené zu werfen, und es scheint, daß alle Fälle vermeintlich unheilbarer Krankheiten auf ähnliche Weise behandelt werden.

Die Geschichte der Chunchos ist ein verschlossenes Buch. Außer einigen merkwürdigen und noch unentzifferten Inschriften auf einem riesigen Felsblock im Bett des Paucartamboflusses und einer Anzahl von Stein- und Kupferäxten, die am Hügel von San Juan gefunden wurden, ist wenig oder nichts über den Ursprung dieses großen Indianervolkes bekannt.

Am fünften Tag meines Aufenthalts in dem Chunchosdorf begleitete ich den Huary oder Häuptling auf einem Besuch, den er auf der Balsa zu einem abgelegeneren Dorf desselben Stammes weiter flußabwärts am Perené machte. An diesem Ort waren die Hütten sehr ärmlich und bestanden lediglich aus einem Palmstrohdach auf vier Stützen ohne Seitenwände. Die Leute kamen dem Weißen mit größerem Argwohn entgegen, und ich hatte große Schwierigkeiten, einige Halsketten aus merkwürdigen grünen Steinen mit Affenzähnen dazwischen auch nur zu beaugenscheinigen.

Die Eingeborenen trugen auch hier Kopfbänder aus Papageienfedern, und ihre Gesichter waren durch Streifen von Vermillon entstellt, eine Farbe, die aus den Samen des Achiote gewonnen wird. Der Busch wächst wild in den Dschungeln und bringt hübsche Blüten und kastanienbraungrüne Samenkapseln hervor, aus denen man die Farbe bereitet, die von allen wilden Stämmen des Amazonengebiets viel gebraucht wird.

Der Unterhäuptling dieses Dorfes mit Frau, Sohn und Tochter verwahrte sich aufs energischste dagegen, daß er auf irgendeiner Photographie nicht „drauf“ wäre, die in seinem Hoheitsbereich aufgenommen wurde. Das war der erste Fall, daß ich unter den unzivilisierten Indianern des Amazonengebiets ungestraft mit der Kamera arbeiten durfte, die Caripunas am Madeira und die Ocainas am Rio Putumayo vielleicht ausgenommen.

Ich blieb die Nacht über in diesem zweiten Chunchosdorf, um meine Lagerausrüstung auf einer Balsa holen zu lassen, und es glückte mir, zwei Chunchos und ein Floß zu bekommen, das mich zu der Vereinigung der Flüsse Perené und Ené mit dem Rio Tambo bringen sollte. In den tieferliegenden und dichteren tropischen Waldgebieten leben mehrere Stämme der großen Kampasfamilie, bekannt unter dem Namen „Ungoninos“. Sie sind den Weißen feindlich gesinnt wegen der schlechten Behandlung, die sie von halbblütigen Kautschuksammlern erfahren haben.

Der Serrano, der mich vom Tambo an der Via Centrale hierher begleitet hatte, weigerte sich, in das Gebiet der Ungoninos mitzukommen, und das zwang mich zu sehr kostspieligen und umständlichen Verhandlungen mit den Chunchos, bis sie versprachen, ihn gesund und heil bei seiner ungewaschenen Familie wieder abzuliefern, von der er jetzt 78 Kilometer entfernt war.

Das unangenehmste bei dieser Reise in die wenig bekannte untere Montaña war, daß ich niemanden hatte, der auch nur den leisesten Schimmer vom Kochen in europäischem Sinn besaß. Der eine zivilisierte und die zwei unzivilisierten Chunchos, die auf der morschen Balsa bei mir waren, verstanden weder das Lager aufzuschlagen noch irgendeine Sprache außer ein paar Worten Spanisch. So schienen mir die beiden Tage und Nächte endlos, bis wir uns zur Vereinigung der drei Flüsse hinabgestakt hatten. Stunden vergingen ohne ein Wort oder einen andern Laut als das Glucksen des Flusses oder den Schrei eines Vogels. Am Abend des dritten Tags lagerten wir etwa 16 Kilometer oberhalb der Mündung des Rio Tambo, und von da an hatte ich zu all meinen andern Obliegenheiten auch noch die Nachtwache zu halten. Ich nahm mir vor, tagsüber soviel als möglich zu schlafen, während wir auf der Balsa mitten im Fluß in verhältnismäßiger Sicherheit waren.

20. Im verbotenen Land der Ungoninos.

Während wir um eine Flußwindung bogen, sahen wir uns plötzlich den Ungoninos gegenüber. Ein Kanu und ein großes Floß, beide voll von Menschen, sowie mehrere Gruppen am rechten Ufer versperrten uns den Weiterweg. Ein paar Minuten lang sah die Sache nichts weniger als gemütlich aus, da die Balsa keinen Schutz vor Pfeilen gewährt hätte. Diesmal war die Friedensvermittlung nicht mir überlassen. Die Chunchos, die augenscheinlich die gleiche oder eine ähnliche Sprache sprechen, führten die Unterhandlungen, während die Flöße einander immer näher kamen. Schließlich erklärte der Boy, den ich vom Tambo an der Via Centrale mitgebracht hatte, durch Zeichen und die paar spanischen Worte, die uns beiden verständlich waren, daß die „großen“ Ungoninos mir gestatten wollten, sie auf dem Ufer zu besuchen, da sich meine Freundschaft in den Chunchosdörfern erprobt habe; daß ich aber sicherlich umgebracht würde, falls ich auf einer Weiterfahrt den verbotenen Fluß hinauf bestände. Ich wußte von andern Reisenden, daß der Wasserweg nach Iquitos durch den kriegerischen Stamm gesperrt und daß es daher nur die Wahrheit war, die der Chunchosboy mir aufs eindrücklichste klarzumachen versuchte. Deshalb beeilte ich mich zu antworten, ich hätte keinerlei Absichten, durch das Gebiet der Ungoninos zu reisen, sondern möchte sie nur als Freund besuchen.

Nachdem also diese Frage befriedigend gelöst war, fuhren beide Kanus und Balsas gemeinschaftlich einen kleinen Bach zwischen hochstämmigem dunkeln Wald hinauf. Etwa zwei Kilometer hatten wir auf dem braunen, öligen Wasser im grünen Zwielicht zurückgelegt, als auf dem hohen Ufer einige sehr primitive Strohhütten in Sicht kamen. Vor ihnen stand eine buntscheckige Gesellschaft nackter und halbnackter gelber, zwergartiger menschlicher Geschöpfe umher. Die Landung war nicht einfach und ging mir ein wenig auf die Nerven. Alle die kleingewachsenen Wilden trugen mit Widerhaken versehene Speere, außer einigen, die mit Bogen oder fast 3 Meter langen Blasrohren bewaffnet waren, zu deren Pfeilen sie das Gift in Kürbissen bei sich führten. Weder die Männer noch die Weiber und nicht einmal die Kinder versuchten ihren wilden Haß gegen den Weißen zu verbergen, als ich ans Land stieg.

Nur die Unerschrockenheit der unzivilisierten Chunchos rettete mich vor sofortigem Tod. Sie standen offenbar auf gutem Fuß mit diesen Nachbarn, da sie wohl für die Ungoninos die Handelsgeschäfte in den Ansiedlungen besorgen. Niemals früher hatte ich einen derartigen Haß gefunden wie in diesem Dorf an einem Nebenfluß des Tambo. Auf Mißtrauen, Argwohn und selbst Widerwillen kann man ja gefaßt sein, die gewöhnlich von Neugier und Verwunderung ein wenig zurückgedrängt werden. Hier aber fand ich unverhüllten Haß in jedem Blick und jeder Gebärde. Der Wunsch zu töten ward weder durch Neugierde noch die Hoffnung auf Geschenke gehemmt. Ich hielt ihnen als Friedensgabe mehrere Schnüre farbiger Perlen hin, aber niemand machte eine Bewegung, sie zu nehmen. Nachdem ich eine oder zwei peinliche Minuten gewartet hatte, gab ich sie den beiden Chunchos zur Verteilung, aber auch sie hatten keinen Erfolg, da keiner der Ungoninos das Geschenk annehmen wollte.

In diesem Dilemma war ich im Begriff, wieder in die Balsa zu steigen und abzuwarten, ob man mich in Güte abziehen lassen würde, als ein halbnackter Wilder mit einem Federkopfschmuck und einem mörderisch aussehenden Widerhakenspeer sich dicht vor mir aufpflanzte. Haß blitzte aus seinen gelblich schwarzen Augen.

„~Kittamorori schambari ni kahmetta!~“ zischte er in einem seltsam gutturalen Ton. Ich verstand ihn jedoch nicht, und so standen wir uns auf etwa 3 Meter mehrere Sekunden lang gegenüber. Der Chunchosboy vom Tambo kam mir zu Hilfe und erklärte in schlechtem Spanisch, der Häuptling habe gesagt: „Weißer Mann nicht gut!“

Auf den Chacras (Pflanzungen) längs der Via Centrale war es allgemein bekannt, daß die Ungoninos furchtbar unter den gewissenlosen und morallosen Mischlingen gelitten hatten, bis die peruanische Regierung den Greueln Einhalt geboten hatte, die in allen abgelegenen Gebieten dieses Wunderlandes ungestraft verübt worden waren. Man hatte den Wilden ihre Mädchen geraubt und die Männer, Weiber und sogar Kinder gefoltert, wenn sie sich weigerten, den kostbaren Kautschuksaft zu sammeln. In jenen Zeiten, die unter dem Zeichen des ersten Kautschukfiebers standen, galt es für nichts, ein paar Indianer niederzuknallen. Es war eine kurzsichtige und unmenschliche Politik, durch die die Arbeitskräfte im Amazonengebiet um ungezählte Tausende vermindert wurden und die die Arbeit der Forscher, der Offiziere des Indianeramts und der Kolonisten mit ihren weitausschauenden Plänen außerordentlich schwierig und gefährlich machte.

Da ich das alles wußte, konnte ich nichts tun als zu erklären versuchen, daß ich lediglich gekommen war, um die Ungoninos zu sehen und mit ihnen zu reden, und nicht um Kautschuk einzuhandeln. Nachdem ich das durch Zeichen und mit Hilfe des Chunchosboys zu verstehen gegeben hatte, schienen sie sich etwas zu beruhigen, und der Haß in den Gesichtszügen des Häuptlings wandelte sich zu einem mürrischen Ausdruck von Mißtrauen.

Ich ging nun im Dorf herum, um es mir anzuschauen, aber zwei Krieger mit lanzenähnlichen Speeren folgten jedem meiner Schritte. Zu den Kampas oder Antis, wie sie zuweilen genannt werden, gehört eine sehr große Anzahl von Stämmen, die die Wälder am Fuß der peruanischen Anden bewohnen. Ihre Hautfarbe ist gelblich und ihr Aussehen entschieden asiatisch. Einige junge Mädchen waren keineswegs häßlich. Die Männer zeichnen sich als Jäger und Schiffer aus. Viele trugen ein Kopfband (Nahmatteri) aus Blumen um ihr langes, schwarzes Haar. Dieser Kopfschmuck wird bei der Verehrung des Sonnengottes „Pahua“ stets getragen. Jede atmosphärische Störung wie Donner, Blitz, Regen, Wind und Tau wird dem ewigen Krieg zwischen Gut und Böse zugeschrieben. Die langen Hosen, die den Europäerjungen, wenigstens in seiner eigenen Wertschätzung, zu einem jungen Mann machen, sind hier dadurch ersetzt, daß ein wirklich wildes Tier mit dem eigenen Bogen oder Speer erledigt wird oder gewisse körperliche Martern schweigend ertragen werden.

An den beiden ersten Tagen ereignete sich nichts Bemerkenswertes. Am dritten Tag aber bemerkte ich, daß sich der ganze Stamm auf der kleinen Lichtung zwischen den Hütten versammelt hatte. Einige jüngere Männer suchten mich durch Drohungen vom Näherkommen abzuhalten, aber vernünftige Vorstellungen beim Häuptling, von einem Pfund Tabak begleitet, verschafften mir einen Sperrsitz zunächst der Königsloge. Die Zeremonie, die nun folgte, war eine der grausamsten, der ich je beigewohnt habe, und zeitweise mußte ich mir alle Mühe geben, mein Temperament im Zaum zu halten.

Erreicht ein Mädchen das Pubertätsalter, so wird sie bei den Ungoninos sofort allein in eine der seltsam gestalteten Hütten eingesperrt, wo sie täglich nur ein wenig Kassawa und Wasser erhält. Mittlerweile werden alle heiratsfähigen jungen Männer des Stammes zusammengerufen, und das Mädchen wird dem zugesprochen, der dem Häuptling und den Eltern die wertvollsten Geschenke an Wild, Fischen, Gift, Hängematten oder andern Waren macht. Ist der Bräutigam endgültig gewählt, so wird das Mädchen aus ihrem Gefängnis herausgeführt, in Gegenwart des ganzen Stammes nackt an einen Baum gebunden und mit Geißeln aus Grasschnüren gepeitscht, in die scharfe Steine eingeflochten sind.

Dies barbarische Verfahren wird vom Blasen auf Muscheln und dem Schlagen auf hohle Bäume mit Stöcken begleitet. Dann befiehlt der Zauberdoktor dem vermeintlichen bösen Geist, das Mädchen zu verlassen und in den Baumstumpf einzufahren, an den sie gebunden ist, während er gleichzeitig die Riemen durchschneidet, die den blutenden Körper aufrecht halten. Die Indianer brechen in ein wildes Geschrei aus, wenn das Mädchen ohnmächtig umfällt, was als gutes Zeichen betrachtet wird. Denn nachdem der Dämon durch die Geißelung ausgetrieben wurde, braucht der neue Geist der Fügsamkeit einige Zeit, ehe er in sein Heim, nun für Lebenszeit, eingeht.

Das unglückliche Opferlamm wird weggetragen, ihre Wunden werden ausgewaschen, und man teilt dem Bräutigam mit, daß seine Braut jetzt vom Bösen geläutert ist. Die Weiber tanzen um den Marterpfahl, um den Zweige aufgehäuft werden, bis der Bräutigam, etwa eine Stunde später, mit einer brennenden Fackel wieder erscheint. Nachdem er eine Ansprache an den Dämon gehalten hat, der seiner Erwählten hatte Übles zufügen wollen, legt er Feuer an die trockenen Zweige und verbrennt so Dämon und Marterpfahl unter Begleitung wilder Tänze, Muschelgeblase, dem Rasseln einer Art von Tamtam und gelegentlichem leisen Schmerzgestöhn des gemarterten Mädchens.

Auf diese grausame Zeremonie folgte ein mehrere Stunden langes Schmausen und Trinken und dann eine richtige Tanzvorstellung, bei der sich die jungen Krieger den Körper mit Messern zerfetzten. Gegen Abend wurden die Mädchen, die sich dem Heiratsalter nähern, auf den Boden gelegt und ihrer Augenbrauen mit einem Stück gespaltenen Rohrs beraubt, worauf man ihnen blauschwarze Linien über die Augen malte. Die ganze Nacht ging das Essen und Trinken weiter. Bei Männern und Weibern ist es üblich, ein starkes Brechmittel einzunehmen und dann zum Mahl zurückzukehren.

Im Charakter der Ungoninos finden sich, im Gegensatz zu den Ocainas und Itogapuks, keinerlei liebenswürdige Züge. Sie sind wild, grausam, verräterisch und in beständigem Streit mit ihren Nachbarn. Ihr Gebiet erstreckt sich vom Tambo und oberen Ucayali zum Madre-de-Dios-Fluß.

Ihre Hütten ähneln den Wohnungen der Chunchos, die auch zu der Kampasfamilie zu gehören scheinen. Sie nähren sich alle hauptsächlich von Fischen, Yukka und Früchten, wozu noch Wild aller Art kommt, das sie in den Wäldern erlegen. Bei der Jagd liegen sie flach auf den Balsas, die in das hohe Ufergras hineingestoßen werden. So schießen sie bequem mit vergifteten Pfeilen das Großwild, das an den Fluß zur Tränke zieht, und mit an dünnen Leinen angebrachten Harpunenpfeilen die großen Fische, die wie der „Paiche“ an die Oberfläche kommen oder ihre Gegenwart durch Luftblasen verraten.

Die Leinen, die aus Därmen gedreht werden, sind an der abnehmbaren Pfeilspitze befestigt. Dringt der Pfeil ein, so löst sich die mit Widerhaken versehene Spitze und bleibt im Fleisch stecken, während der Schaft abfällt und davonschwimmt. Der Bogen, von dem solche Pfeile abgeschossen werden, wird mit den Füßen bedient. Der Fang wird mit der Leine dicht ans Ufer gezogen, aber oft ist der Fischer genötigt, ins Wasser zu steigen, um die großen, haiähnlichen Fische endgültig zu überwältigen, die in diesen Flüssen leben. Dabei kommt es nicht selten vor, daß Fischfänger von den Kaimans gefressen werden, die sich in der Sonne rösten oder wie halbuntergegangene Baumstämme faul von der Strömung treiben lassen.

Die Alten und Gebrechlichen werden bei diesem Stamm auf ihre eigene Bitte lebendig begraben. Ein tiefes Loch wird in die Erde gegraben, und nach einem letzten Mahl, an dem der ganze Stamm teilnimmt, hilft man dem Opfer in die Grube. Der Unglückliche bleibt, mit dem Gesicht gegen das Dorf zu, stehen, während die Erde langsam aufgefüllt wird. Die Tiefe ist so bemessen, daß die Augen noch über dem gewachsenen Boden bleiben. Nach dem Tod wird dann der Kopf mit einem kleinen Erdhügel überdeckt.

Die Ungoninos kauen Koka, rauchen Tabak, den sie in die Außendecken von Blättern wie Zigaretten einrollen, und trinken große Mengen eines höchst berauschenden Getränks aus gegorenem Fruchtsaft. Viele ihrer grausamen Zeremonien vollziehen sich, während sie unter dessen Einfluß stehen. Die jungen Mädchen werden so vor der barbarischen Heiratszeremonie gewöhnlich in einen fast besinnungslosen Zustand gebracht. Anscheinend vergessen die guten Leute, daß die lähmenden Wirkungen ihres Gebräus unter solchen Qualen bald wieder verfliegen.

Bei andern Kampasstämmen tragen die Männer lange Kusmas, aber die Ungoninos gehen fast völlig nackt und schmücken sich nur mit Halsketten aus den Zähnen des Alligators, Jaguars, menschlicher Geschöpfe und kleiner Nagetiere. In mancher Hinsicht haben sie mehr Ähnlichkeit mit den Kaschibos als mit der großen Kampasfamilie. Zweifellos sind sie ein recht gemischter Stamm.

Die untere peruanische Montaña könnte man auch das Land der Morgennebel nennen. Weiße Nebelballen ziehen durch die düstern Baumwölbungen und hängen bis lange nach Sonnenaufgang um die Uferbänke. Fast das ganze Jahr hindurch treten furchtbare tropische Gewitter auf, aber das Klima ist nicht so ungesund wie das vieler anderer amazonischer Flußtäler. Weiter östlich jedoch, in den dichten tropischen Dschungeln an den Flüssen Madre-de-Dios und Beni, gibt es buchstäblich Täler des Todes, wie das Tal Mapiri, wo seltsame malariaähnliche Fieber dermaßen herrschen, daß kein Europäer hinkommen kann, ohne ihnen fast augenblicklich zu verfallen. Die Ursache ist noch ebenso unbekannt wie die Art der Fieber selbst.

Velasco nimmt an, daß die Kampasstämme Nachkommen der Inkas der andinen Hochebenen sind. Mit dieser Ansicht bin ich jedoch keineswegs einverstanden. Ich bin unter den Aymaras (Inkas) und Cholos (Mischlinge) der großen andinen Hochebenen gereist und kann keine Übereinstimmung zwischen den Bergbewohnern und den Waldindianern finden. Einige Stämme am Fuß der Anden stehen wohl auf einer etwas höheren Kulturstufe als jene im Herzen der großen Urwälder des Amazonengebiets. Aber das kommt daher, daß sie sich näher der Zivilisation der spanischen Verwaltung befanden; und andere Stämme gehören zu den wildesten des ganzen Kontinents, was man nicht vergessen darf. Man hat den Umstand zu ihren Gunsten ins Treffen geführt, daß sie im allgemeinen irgendeine Kleidung tragen. Aber auch das ist sehr irreführend, denn viele, die das Kusma tragen, solange sie mit der Zivilisation in Berührung stehen, legen es wieder ab, wenn sie in ihre Waldheimat zurückkehren. Diejenigen aber, die dieses Kleidungsstück auch in ihren Dörfern tragen, wie die Chunchos, tun es hauptsächlich, weil sie nahe den Bergen wohnen, von woher nach Anbruch der Nacht kühle Winde wehen.