Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1926 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.
Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:
gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua : ~Tilden~
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Unter Wilden am Amazonas
~CHARLES W. DOMVILLE-FIFE~
Unter Wilden am Amazonas
Forschungen und Abenteuer bei Kopfjägern und Menschenfressern
*
Mit 36 Abbildungen und 6 Karten
~LEIPZIG / F. A. BROCKHAUS / 1926~
+Einband und Schutzumschlag nach Entwürfen von Hanns Langenberg+
Inhalt.
Seite
1. Die Entdeckung des Amazonenstroms 9
2. Aufbruch ins Innere 21
3. Von der Jaguarinsel nach dem Tapajózfluß 32
4. Die Mundurucusindianer des Waldplateaus 48
5. Im Land der Apiacásindianer 63
6. Auf dem sichtbaren Äquator 75
7. Auf dem großen Madeira in das Land der Caripunasindianer 85
8. Ins Herz des tropischen Urwalds 107
9. Unter den Parintintinsindianern am Gy-Paraná 117
10. Das erste Zusammentreffen zwischen Weißen und Wilden 136
11. Die Entdeckung eines unbekannten Indianerstammes 147
12. Der Fluß der Itogapukindianer 159
13. Ein geheimnisvoller Felsentempel 170
14. Den Chimbiri-Yacu flußaufwärts 187
15. Die Kopfjäger der Huambisa 200
16. Unheimliche Bräuche im Land der Uitotosindianer 209
17. Die Konibosindianer am Ucayali 223
18. Unter den Vampirindianern der Pampas Sacramento 232
19. Die Chunchosindianer der Peruanischen Montaña 244
20. Im verbotenen Land der Ungoninos 254
Register 264
Abbildungen.
Seite
Eine schauerliche Trophäe Titelbild
Eingeborenenboot auf dem unteren Amazonas 16
Eingeborenenhausboot 16
Ein Gummisammler im Urwald des Amazonas 17
Halbzivilisierte Indianerweiber bei der Bereitung der „Farinha“ 48
Moiré auf dem Amazonas 49
Eingeborenenboote an dem Boothdampfer bei der Abfahrt von Santarem 64
Caripunasindianer in einem „Einbaum“ auf dem Mutum-Paraná 65
Krieger mit Bogen 80
Indianerhäuptling mit Bogen und Pfeilen 81
Caripunasindianer beim Bogenspannen 96
Wilde Caripunasindianer 97
Itogapukmädchen 112
Die drei Unterhäuptlinge der Itogapuks 113
Itogapukweib und Kind 128
Die Frau des Itogapukhäuptlings 128
Drei g’schamige Damen 129
Ein Itogapukmädchen, zum Tanz geschmückt 144
Itogapukindianer vor ihrem Gemeinschaftshaus 145
Stärlingsnester 160
Der geheimnisvolle „Felsen der Inschriften“ am oberen Parimé 161
Mandaño-Indianer vom obern Napo 176
Ihr „Gesellschaftskleid“ 177
Zeichnungen am „Felsen der Inschriften“ (Textabbildung) 179
Schmuckbemalung der Ocainasweiber 192
Der Schluß des großen Tanzes 193
Carijonasindianer mit schweren Ohrpflöcken 208
Konibosindianer im Kusma 208
Landungsstelle am oberen Madeira 209
Zwergindianer von Matto Grosso mit einem hellfarbigen Caripunasmädchen 224
Gruppe von Riesen-Kaschibos oder Vampirindianern 225
Häuptling der Kampasindianer 240
Zwergindianer der Pampas Sacramento 240
Chunchosindianer am Perené 241
Chunchosmädchen 256
Eingeborenenfloß auf dem oberen Amazonenstrom 257
Karten nach Skizzen des Verfassers.
1. Skizze des Gebiets des Tapajóz und des Madeira 149
2. Skizze der Steppen des Rio Branco 171
3. Skizze des Chimbiri-Yacu-Gebiets 197
4. Skizze des Gebiets des Igara-Paraná 211
5. Skizze der Peruanischen Montaña 235
6. Übersichtskarte, etwa 1 : 6500000, am Schluß des Bandes.
1. Die Entdeckung des Amazonenstroms.
Fernab von aller Zivilisation lebt in den Urwäldern am Rio Napo ein wilder Stamm, Yáhuas genannt. Noch heutigestags tragen sie das Haar lang herabfallend; aus Binsen geflochtene Umhänge bedecken ihre Schultern, ebensolche Röckchen ihre Lenden, so daß sie Weibern gleichen. Diesem Stamm verdankt das größte Stromsystem der Welt seinen Namen: „Amazonas“, die Amazonen. Als die kleine Schar Weißer unter dem Befehl des Francisco de Orellana in den Jahren 1539-41 von Ecuador aus ihre berühmte Fahrt auf dem Rio Napo in den Amazonenstrom und auf diesem bis in den Ozean hinab unternahm, hatte sie unter den beständigen Angriffen dieser Wilden viel zu leiden.
Die Geschichten, die dann Orellana und die andern, die nach ihm dort waren, erzählten, gaben den Anlaß, daß Herodots altes Märchen über ein Volk streitbarer Weiber, Amazonen genannt, auf die Bewohner des äquatorialen Amerika und in der Folge auf das ganze Gebiet und das Flußsystem angewandt wurde. Merkwürdigerweise war aber die Mündung des Amazonenstroms schon 39 Jahre vorher von Vincente Yañez Pinzon und Pedro Cabral, dem großen portugiesischen Seefahrer, entdeckt worden; am 26. Januar des Jahres 1500 fuhren ihre Galeeren in die größte Strommündung der Welt ein.
Diese Abenteurer benannten sie „Mar Dulce“ oder „Süßwassermeer“, wahrscheinlich der Marajó-Bai wegen, wo das Wasser außerordentlich rein ist. Es wird noch jetzt von den Schiffen benutzt, die die untern Strecken dieses gewaltigen Stromsystems durchfahren.
So hatte sich also das Dunkel über dem untern Amazonenstrom zum erstenmal aufgehellt, aber noch viele Jahre brannte das Licht der Erkenntnis nur trübe, wenn auch in Europa Flotten ausgerüstet wurden, das neuentdeckte Land zu erforschen, „das von einem gelbfarbigen Meer durchschnitten“ würde. Es wurde bald zum Dorado des Jahrhunderts. Kolumbus, der ein geheimnisvolles Land „jenseits des äthiopischen Meeres“ suchte, entdeckte Südamerika. Andere fuhren mit ihren Galeeren in das große Ästuar ein oder an den anstoßenden Küsten entlang. In den Erzählungen der Zurückkehrenden war die Wahrheit stark mit Dichtung durchsetzt. Der sandige, von gelben Fluten bespülte Strand wurde zum goldenen Uferrand eines Silbermeers, aus den „Maloccas“ zauberkundiger Eingeborener wurden die Paläste von Manoa, wo der Dorado, der „Goldene Mann“, wohnte, dessen Körper mit glitzernden Zechinen bedeckt war, die Sonne, Mond und Sterne überstrahlten.
Blühende Bilder einer erregten Phantasie waren also die Triebkraft, die Körper und Geist der europäischen Abenteurer zu ungeahnter Leistungsfähigkeit anspornte. Auch Gonzalo Pizarro, ein Bruder des Eroberers von Peru, stand ganz im Bann der Mythen und Fabeln seines Zeitalters. Im Jahr 1539 sammelte er im Hoheitsgebiet seines Bruders eine Schar von Abenteurern um sich, machte sich von Peru landeinwärts auf den Weg, überstieg die Anden und durchquerte Ecuador in dem Bestreben, das „Süßwassermeer“ aufzufinden, das man damals jenseits des Festlands vermutete. Er hatte übrigens geschworen, dem Dorado in Manoa die Rüstung von goldenen Zechinen zu entreißen. Wie viele andere, die während der nächsten Jahrhunderte seinen Fußtapfen folgten, scheiterte er an den Millionen Geviertmeilen der äquatorialen Wälder, Flüsse und Sümpfe.
Trotzdem war sein monatelanges Umherwandern in den Bergen von Ecuador nicht ergebnislos, wenn er auch von seiner wichtigsten Entdeckung erst erfuhr, als ein anderer den Erfolg eingeheimst hatte. Im Laufe seiner Forschungen hatte er seine kleine Schar nahe an die Quelle des Napo gebracht, eines mehr oder weniger schiffbaren Nebenflusses des „Süßwassermeers“. Von den Eingeborenen hatte er eine Menge reines Gold eingehandelt, das, zweifellos irrtümlich, auf 45 Tonnen geschätzt wurde. Diesen Schatz vertraute er seinem Leutnant Francisco de Orellana an, der ein rohes Boot baute, das Gold daraufbrachte, die Überreste der abenteuerlichen Schar verließ und sich auf dem Rio Napo einschiffte, mit der Absicht, Lebensmittel für die Mitglieder der Hauptexpedition zu beschaffen, die dem Verhungern nahe waren. Die starke Strömung des Flusses verhinderte ihn jedoch an der Rückkehr, um so mehr, als sich nirgends Gelegenheit bot, Lebensmittel zu bekommen.
Ob Orellana die Möglichkeit gehabt hätte, sich gegen die Strömung zurückzuarbeiten und wieder mit dem Rest der Expedition zu vereinigen, ist fraglich. Prescott und andere behaupten, es sei möglich gewesen. Dieses Urteil wurde offenbar auch von dem Gerichtshof geteilt, vor dem sich Orellana nach seiner Rückkehr nach Spanien wegen Verrats zu verantworten hatte. Außerdem wird diese Meinung vom Pater Carvajal verfochten, der die Geschichte von Pizarros Unternehmung schrieb.
Die verlassenen Konquistadoren schlugen sich unter Pizarros Führung nach Nordosten durch, gelangten auf dem Cassiquare in den Orinoko und kehrten schließlich von der Küste Venezuelas nach Spanien zurück. War es auch diesem Teil der Expedition nicht gelungen, den Amazonenstrom zu entdecken, so hatte er doch, wie ein Blick auf die Karte zeigt, eine der wundervollsten Taten in der Forschungsgeschichte vollbracht.
Über dem Oberlauf des Amazonenstroms lichtete sich nun das Dunkel. Orellana gelang die fast unglaubliche, aber geschichtlich bezeugte Fahrt den 2000 Kilometer langen Napo hinab und 3500 Kilometer auf dem Amazonenstrom bis ins offene Meer! Er brachte den ihm von Pizarro anvertrauten Schatz nach Spanien und berichtete über seine Abenteuer auf der berühmten Reise: während der ganzen Fahrt napoabwärts sei er ständig von kriegerischen Weibern angegriffen worden, sie hätten eine mattbronzene Hautfarbe, lange blonde Haare und seien mit Pfeilen, Schilden und Speeren bewaffnet. Ob er die Yáhua-Indianer des Napogebiets mit ihrem langen Haar und ihren Schulterumhängen und kurzen Röckchen aus Gras wirklich für ein Volk streitbarer Weiber hielt, die die Männerherrschaft abgeschüttelt hatten, muß dahingestellt bleiben. Sicher jedenfalls ist, daß solche und ähnliche Geschichten diesem riesigen Strom und dem noch heute großenteils unbekannten angrenzenden Gebiet den Namen „Amazonas“ verschafft haben. Einer dieser Berichte betrifft einen Indianerstamm, der jetzt die Serra de Parentins, an der Grenze der brasilianischen Staaten Pará und Amazonas, bewohnt, bei dem früher die Weiber mit den Männern in den Kampf zogen, um verschossene Pfeile und Speere zu sammeln.
Von Englands Küsten sind im goldenen Zeitalter der Abenteurerfahrten -- unter der Regierung der Königin Elisabeth -- zum erstenmal Schiffe nach Westindien abgesegelt. Auf der Suche nach dem geheimnisvollen Dorado, dessen Schätze den abenteuerlustigen Kaufleuten Spaniens zuflossen, fuhren einige in die Mündung des Amazonenstroms ein. Der bedeutendste unter den Anführern jener Tage war Sir Walter Raleigh, der Günstling der Königin. Am 5. Februar 1595 trat er die Fahrt nach der Insel Trinidad an, und es gelang ihm, sie den Spaniern zu entreißen. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit dem Festland zu, querte den schmalen Arm des Karibischen Meers und fuhr den Orinoko hinauf. Ehe ihn Krankheiten und Todesfälle unter der Mannschaft zum Rückzug zwangen, glückte es ihm, in freundschaftliche Beziehungen mit einigen der wilden Volksstämme zu treten, die das Waldgebiet des Orinoko und des Amazonenstroms bewohnen. Von ihnen wollte er von einer goldenen Stadt weit im Innern gehört haben. In Raleighs Reiseberichten war Phantasie und Wirklichkeit so verwoben, daß sich nur wenig oder nichts mit ihnen anfangen ließ. Aber sie reizten doch die Begierde der Abenteurer, über das spanische Gebiet hinaus in jenes Dorado einzudringen, das von kriegerischen Weibern verteidigt wurde.
Alle die schwächlichen Versuche anzuführen, die gemacht wurden, um den Schleier des Geheimnisses über der verwirrend ungeheuern Weite des unbekannten Amazonengebiets etwas mehr zu lüften, wäre ein ermüdendes, ja fast aussichtsloses Unternehmen. Nur einige Namen berühmter Erforscher mögen genannt werden, die das ihrige beigetragen haben zu unserer auch heute noch dürftigen Kenntnis von jenen düsteren Dschungeln, ausgebreiteten Graswüsten, Bergketten, verschlungenen tropischen Flüssen, von Reptilien wimmelnden Sümpfen, sonderbaren Menschenrassen und wilden Tieren. Viele, deren Namen und Taten völlig verschollen sind, haben zwischen den schweigenden Mauern jener Millionen von Meilen bedeckenden Urwälder so außerordentliche Taten von Forscherkühnheit, Ausdauer und Opfermut geleistet, daß ihre Berichte -- lägen sie der zivilisierten Welt im Druck vor -- als Heldengedichte des Abenteuers auch noch in einer abgestumpften und ausschließlich dem Wirtschaftlichen zugewandten Zeit wie der unsern gefeiert würden, die jedes Interesse am Heroismus des Forschens so gut wie verloren hat.
Von den bekannteren Erforschern jenes wilden Gebiets seien angeführt: Orellana, der Entdecker des Oberlaufs des Amazonenstroms; der Jesuitenmissionar Acunas, der die Niederlassungen der Eingeborenen längs dem Hauptstrom 1698 besuchte; Fritz 1717; Bourdonnais 1733 und der große Reisende des 18. Jahrhunderts, Humboldt, 1799. Dann Alamada 1787; Montravel 1843; Selfridge 1882; Rodrigues 1875; Shaw 1883 und Caudeau 1892. Ferner die Vertreter bedeutender gelehrter Gesellschaften wie Martius und von Spix 1819; der Naturforscher Wallace 1848; der Entomologe Bates 1849; der Botaniker Spruce 1860; Agassiz, der sein Augenmerk hauptsächlich auf die Fische richtete, 1866; Chandleß 1880 und Stradelli 1889.
Andere wurden ein Opfer des Fiebers, des Giftes, der verheerenden Beri-Beri-Krankheit, der Malaria, des Bisses giftiger Schlangen oder der Grausamkeit menschenfressender Stämme; so Emile Robuchon, von dem niemals eine Spur gefunden wurde, wenn auch allgemein angenommen wird, daß er von den Carijonas-Indianern umgebracht und aufgefressen wurde; du Murez, der an einer durch einen vergifteten Pfeil verursachten Wunde im Urwald des obern Madeiragebiets starb; Pinzon und Cabral, die am Fieber zugrunde gingen; die Teilnehmer der ersten unglücklichen amerikanischen Madeira-Mamoré-Expedition, die unter dem gemeinsamen Ansturm des Hungers, mordlustiger Indianer und des gelben Fiebers im Zwielicht der Urwälder ein tragisches Ende fanden; die Prospektoren von Iquitos, die von den Huambisastämmen am Santiagofluß getötet wurden, und Kroehle, der an den Wunden starb, die Kaschibosindianer der Pampas Sacramento ihm geschlagen hatten.
Dann sind jene zu nennen, die den ungeheuern Wäldern lebend entrannen, und durch die die Welt all das erfuhr, was sie jetzt über jene geheimnisvollen Gebiete weiß: an erster Stelle Baron Sant’ Anna Nery, der berühmte brasilianische Schriftsteller, der einen großen Teil seines Lebens im unbekannten Amazonengebiet zubrachte; dann Henry Savage-Landor, der 1911 mit Unterstützung der brasilianischen Regierung eine große Strecke des 11. Breitengrades zwischen den Flüssen Araguay und Mamoré durchquerte; J. F. Woodroffe, der zwischen 1905 und 1913, fast acht Jahre lang, die Flüsse des Amazonenstrombeckens durchforschte; Theodore Roosevelt wegen seiner Reise zum Aripuanan und dem „River of Doubt“; Oberst Fawcett, dessen Werk über die Grenze rühmlich bekannt ist; der verstorbene Oberst Saurez, für den die Gebiete von Beni und Acre in Bolivia und Brasilien ein offenes Buch waren; Wickham, der das Tapajóz-Madeira-Plateau durchforschte und Samen des Kautschukbaums mitbrachte, aus denen später die Gummipflanzungen in Asien entstanden; Earle Church, der amerikanische Ingenieur und Erbauer der Mamoré-Eisenbahn; dann für Forschungen im Gebiet des Beni und des Madre de Dios Leutnant Maury und M. d’Orbigney, in Guyana Sir Everard im Thurn, auf dem untern und dem obern Amazonenstrom Algot Lange, im nordöstlichen Peru G. M. Dyott und in jüngster Zeit viele andere, von denen der Verfasser innerhalb und außerhalb der Grenzen der Zivilisation manche traf und deren Namen auf den folgenden Blättern noch erscheinen werden.
Keinesfalls unerwähnt dürfen die tapferen Offiziere und Beamten des brasilianischen Indianeramtes und des Überland-Telegraphendienstes bleiben, wie General Rondon, Bento Lemos und andere, deren Leistungen unter den wilden Indianerstämmen außerhalb Südamerikas viel zu wenig bekannt sind.
Alle, die in den großen tropischen Urwäldern gelebt oder sie durchzogen haben, dürften darin übereinstimmen, daß eine Armee von Forschungsreisenden, zehnmal so groß als die Zahl der Männer, die bisher das Amazonengebiet durchwandert haben, nicht ausgereicht hätte, um alle Geheimnisse dieser düstern, barbarischen, undurchdringlichen und unvorstellbar ausgedehnten äquatorialen Wald-, Fluß- und Sumpfwildnis aufzuhellen. Sobald man die Wasserwege verläßt und in den Dschungel eintritt, ganz gleich unter welchem Breiten- und Längengrad, steht man auf der Schwelle zum Unbekannten, vor dem Fragezeichen des „und weiter?“. Und nach monatelangem Wandern und Sichdurchhacken durch ein jungfräuliches Pflanzengewirr, das den Gesichtskreis auf Mauern und Decke aus Grün einschränkt, dasselbe Bild: immer liegt darüber hinaus das Unbekannte und Unerreichbare.
Dies Wenige aus der Erforschungsgeschichte des Amazonengebiets möge genügen, um darzutun, daß viel seltener und weniger systematisch Anstrengungen gemacht wurden, diese ungeheure Wildnis tropischen Urwalds zu erobern, als etwa in Ost-, West- oder Innerafrika. Auf der Karte Asiens finden sich manche weiße Stellen, aber sie sind verhältnismäßig nicht umfangreich. Die Pole sind erreicht, man hat fast alle Meere aufgenommen und vermessen. Afrika ist nicht länger mehr der dunkle Erdteil; von Kapstadt bis Kairo und vom Kap Guardafui zum Kap Verde ist es durchforscht und unterworfen. Trotzdem ist die oft wiederholte Behauptung, daß es nichts mehr zu erforschen gebe, gänzlich unwahr. Im Herzen Südamerikas, vom 5. Breitengrad nördlich bis zum 25. Breitengrad südlich vom Äquator, erstreckt sich ein unbekanntes oder wenig bekanntes Gebiet von über fünf Millionen Geviertkilometer mit Hunderten von unentdeckten Volksstämmen.
Da der Wettstreit der Nationen hier nicht mitsprach, fehlte es an Initiative, so daß dieser gewaltige Teil der Erdoberfläche unbeachtet und unerforscht blieb. Diese Montaña Grande beginnt an der Baumgrenze des Ostabfalls der Anden und erstreckt sich über etwa 5000 Kilometer des weiten nördlichen oder tropischen Teiles des verlorenen Erdteils bis zu dem schmalen, zivilisierten Küstenstreifen Brasiliens und von den Urwäldern Guyanas bis zum Gran Chaco, nach Norden und Süden eine Entfernung von 3500 Kilometer. Hier und da liegt in diesem weiten, einsamen Gebiet eine winzige Insel der Zivilisation mitten im Meer der Barbarei; hier und da trifft man die Spur eines vereinzelten Kulturpioniers, der fiebergeschüttelt, vom Düster des Dickichts verwirrt, aus den Urwäldern auftaucht -- und dennoch ist es immer noch ~Terra incognita~ und die Wohnstätte unbekannter Menschenrassen.
Die Forscher, Händler und Mischlinge, die vom Labyrinth der schiffbaren Flüsse aus als Kautschuksammler in die Urwälder eindrangen, haben alle irgend etwas für die Welt draußen Wertvolles entdeckt: Gold, Silber, kostbare Steine, Hölzer, neue medizinische Essenzen und Drogen, einzigartige Sammelgegenstände, Überbleibsel ausgestorbener Rassen und Tiere, offene „Campos“ und zur Viehzucht geeignete Grassteppen, Kautschukarten und Harze, Inlandseen, merkwürdige Eingeborene und einen Boden von wunderbarer Fruchtbarkeit, dessen Vegetationsüppigkeit nicht zu überbieten ist. Es ist daher leicht zu verstehen, daß die Länder, innerhalb deren ungefähr festgelegten Grenzen dieses ungeheure Gebiet sich dem Namen nach befindet, von Zeit zu Zeit den Forschern der zivilisierten Welt in weitgehendstem Maß Unterstützung versprachen und alles mögliche taten, sie zur Erforschung und Erschließung zu veranlassen. Von 1843 bis 1910 setzte die Regierung von Bolivia Geldbeträge bis zur Höhe von 500000 Dollars für den aus, der als erster auf einem Dampfboot vom Atlantischen Ozean aus Bolivia auf gewissen unerforschten Nebenflüssen des Amazonenstroms erreichen würde. 1911 gewährte die brasilianische Regierung Henry Savage-Landor eine beträchtliche Unterstützung, um ihm die Ausführung seiner Expedition in das unbekannte Waldgebiet von Matto Grosso zu ermöglichen. In einer oder der andern Form haben sich derartige Anregungen seitdem des öftern und in weitgehendem Maße wiederholt.
Der erfolgreiche Bau der Madeira-Mamoré-Eisenbahn, der wunderbarsten und gleichzeitig isoliertesten Urwaldbahn der Welt, hat die Aufmerksamkeit auf die Möglichkeit gelenkt, durch Kleinbahnen die ungeheuern Entfernungen und undurchdringlichen Urwälder dieses toten Gebiets zu überwinden. Zur selben Zeit erhob sich die Frage nach der Schiffbarkeit gewisser unerforschter oder nur teilweise erforschter Flüsse, damit sie unter Umständen als Verkehrswege nutzbar gemacht werden könnten. Diese Erwägungen gebaren eine wahre Flut neuer Fragen: nach dem Vorhandensein und der Feindseligkeit indianischer Stämme an den verschiedenen Orten; in welchem Maß das Klima in den verschiedenen Gebieten gesundheitsschädlich sei; nach den Wirkungen von Sümpfen und periodischen Überschwemmungen; nach den Wachstumsbedingungen des Urwalds, dazwischenliegenden Bergketten und Seen; nach der Möglichkeit, Pflanzungen und Auswanderersiedlungen an den Flüssen und Wegen anzulegen. Keine dieser lebenswichtigen Fragen konnte mit der erforderlichen Genauigkeit befriedigend beantwortet werden, da ein großer Teil des Gebiets niemals durchforscht worden war und seine Eigentümlichkeiten wie auch die der dort hausenden Eingeborenen daher unbekannt geblieben waren.