Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen.
Part 7
Das Boot flog rasch durch das Wasser und eine Zeit lang wurde kein Wort weiter gewechselt. Der Commissair war wieder zur Besinnung gekommen und wand sich krampfhaft am Boden des Bootes, aber er konnte keinen Schaden thun und Baptiste, neben dem er lag, behielt ihn auch scharf im Auge.
»Wenn wir uns ein klein wenig mehr rechts hielten,« sagte Ramos endlich, -- »die Gefahr wäre dort geringer, einem der anderen Boote zu begegnen.«
»Wir dürfen nicht,« erwiderte Baptiste, -- »wenn sie uns nachher den Paß zwischen der Punta Manglares und der Insel verlegen, so treiben sie uns weit in See hinaus und dort steht jetzt ein tüchtiger Südwind, von dem wir hier nur noch nichts fühlen, weil wir durch das südliche Land gedeckt sind. Vorwärts! Hier ist die Spitze der Insel! In wenigen Minuten muß es sich entscheiden! Bis jetzt war Gott mit uns, er wird uns nun auch nicht verlassen.«
Das hinter ihnen folgende Boot hatte jedenfalls etwas an sie gewonnen, man konnte die Ruderschläge desselben deutlicher hören, aber _=ihre=_ Ruder knarrten und machten dadurch zu viel Geräusch.
»Teresa,« sagte Baptiste, »nimm Lappen oder Tücher, was Du gerade hast, Schatz, tauche sie in's Wasser und lege sie uns unter die Ruder, verstehst Du? So! Ich habe mir schon geholfen,« fuhr er fort, indem er sein Taschentuch in die Ruderdolle brachte, -- »nur für die Anderen.«
Das war bald geschehen und sie hatten nun den Vortheil, wenigstens geräuschlos zu fliehen.
Auf Baptiste's Wunsch ließ die junge Frau das Boot jetzt noch ein wenig dem Land zu abfallen. So nahe befanden sie sich jetzt am Ufer, daß die auf der Backbord-Seite Rudernden mit ihren Riemen schon den Sand fühlen konnten. Sie durften nicht wagen, näher hinan zu halten. Da hörten sie plötzlich laute Stimmen und Fluchen, dicht an ihrer Linken.
Fast unwillkürlich hielten Alle mit Rudern ein und wie ein dunkler Schatten glitt das Boot, von der Ebbe und Strömung des Mira begünstigt, über die Oberfläche.
»Seco!« sagte da eine deutliche Stimme. »Caracho, Basilio! Ich sagte Dir es gleich, daß wir hier auf den Grund rennen würden. Nun sitzen wir fest. Hinaus mit Euch, daß wir den faulen Kasten wieder flott bekommen.«
»Sie sitzen fest! Vorwärts!« jubelte Baptiste mit vorsichtig gedämpfter Stimme -- und wieder trafen die Ruder in's Wasser, immer noch die vorherige Richtung haltend, um wenigstens aus dem Bereich der Schußwaffen zu kommen. Die in dem anderen Boot hatten wirklich in dem Augenblick zu viel mit ihrer eigenen Lage zu thun, um nach etwas Anderem auszuschauen. Sie waren jedenfalls über Bord gesprungen, um das dadurch erleichterte Boot vom Sand abzuheben und wieder in tieferes Wasser zu schieben. Deutlich konnten die Flüchtigen das Plätschern und Fluchen der Leute hören. Aber so dicht mit den Köpfen über dem Wasserspiegel mochte doch wohl einer oder der andere der Leute das vorbeigleitende Boot bemerkt haben. Plötzlich war Alles ruhig und eine Stimme rief gleich nachher:
»He da! Ist das nicht ein Boot?«
Keine Antwort folgte.
»Caracho! Warum antwortet Ihr nicht? -- Schieß, Pablo!«
»Vorwärts um der heiligen Jungfrau willen!« drängte Baptiste. -- »Sie sind noch nicht flott. Jeder Ruderschlag bringt uns weiter aus dem Bereich ihrer verdammten Flinten.«
Es dauerte wohl zwei Minuten, bis sie den scharfen Blitz eines abgefeuerten Gewehres sahen, aber gute Schützen sind diese spanischen Abkömmlinge nicht, schlechte Gewehre hatten sie ebenfalls und im Dunkeln auf den Schatten eines Bootes zu halten ist ein schwieriges Ding. Die Kugel schlug wenigstens vier oder fünf Ellen rechts von den Fliehenden auf das Wasser. Und kein zweiter Schuß folgte. Die Mannschaft wollte sich wahrscheinlich nicht auf das unsichere Feuern verlassen und lieber ihr Boot rasch wieder flott bekommen.
Dann antworteten wieder einige Schüsse von dem verfolgenden Boot, und die Burschen des gestrandeten schrien als Antwort so laut sie konnten.
»Jetzt links hinüber, Señora!« rief da Baptiste. -- »Immer an den Manglaren hin! Dort ist tiefes Wasser, bis wir an die nächste Punta kommen. Sie ist nicht mehr weit, und haben wir erst die zweite Mündung des Mira hinter uns, dann sind wir gerettet.«
Die Leute arbeiteten mit Anspannung aller ihrer Kräfte und selbst Pedro leistete Außerordentliches, denn es schien ihm selber nicht viel daran zu liegen, in den eben erst verlassenen Kriegsdienst zurückzukehren.
Deutlich konnten sie jetzt noch einmal die Zurufe von den verschiedenen Booten unterscheiden; auch die Ruder hörten sie wieder knarren, aber die Verfolger, mit dem Terrain kaum genau bekannt, schienen unsicher geworden zu sein, welche Richtung das flüchtige Boot genommen habe. Vielleicht fürchteten sie auch mit der Ebbe hinaus in See genommen zu werden.
Eine Viertelstunde später herrschte Todtenstille auf dem Wasser, die nur durch das leise Plätschern der Ruder unterbrochen wurde. Sie waren gerettet.
Letztes Capitel.
Im Pailon.
Sie waren gerettet, immer aber noch arbeiteten die Ruderer wacker vorwärts, und das Boot glitt an dem dunklen Ufer rasch dahin. Jetzt hatten sie die Mündung des Mira erreicht, und in der Dunkelheit war es fast, als ob es das offene Meer sei. Don José hielt auch wirklich mit Rudern inne und frug, ob sie sich nicht jetzt links am Lande halten müßten.
»Wenn wir Fluth hätten, oder in einem Canoe säßen, ja, Señor,« sagte Baptiste, immer noch mit unterdrückter Stimme, obgleich schon lange mehr kein Laut der Verfolger zu ihnen gedrungen war. »Mit dem Boote hier dürfen wir aber getrost wagen um die Punta Manglares zu fahren, denn gegen den Mira hätten wir sonst ein tüchtiges und schweres Stück anzurudern. Vorwärts, Señorita! Gerade hindurch, bis wir den Wald wieder erreichen, den Sie dort wie einen dunklen Streifen vor sich sehen. Nur ein kleines Stück dann noch weiter, und wir kommen in die offene See.«
»Und kennen Sie den Weg?«
»Wie meine Tasche.« --
Wieder ruderten sie schweigend weiter, denn unter dem Schatten der Manglaren wollte sie Alle noch nicht das unruhige Gefühl verlassen, als ob an jeder Ecke ein anderes Boot der Verfolger auftauchen, und ihnen den Weg zur Rettung abschneiden könnte. Aber sie hatten Nichts mehr zu fürchten, und kaum eine halbe Stunde später trug sie die rasch abströmende Ebbe zwischen einer mit Manglaren bewachsenen langen Insel und der dort vorspringenden Landzunge hindurch, und wenige Minuten noch und ihr Boot schaukelte auf den langen getragenen Wogen des stillen Oceans.
Glücklicher Weise trafen sie hier nicht mehr den scharfen Süder, den Baptiste gefürchtet, und der sie gezwungen hätte die Fluth abzuwarten und wieder zurück in den letzten Mira-Arm einzulaufen, um von dort aus den Canal zu suchen. Der Wind hatte sich vollständig gelegt, und nur die See wogte noch und hob sich und sank mit dem darüber hingleitenden Boot.
Zur Linken öffnete sich ihnen ein wunderbarer Anblick, so daß Aller Blicke unwillkürlich dorthin flogen, denn dort schäumte bei fast niedrigstem Wasserstand die Brandung über und gegen die freigelegten Sandbänke an, und warf ihre phosphorglühenden Wogen, deren weiße Kämme wie flüssiges Gold schimmerten und leuchteten, donnernd gegen den Strand. -- Und immer und immer erneute sich das Bild! sowie die eine Sturzsee in tausend blitzende Funken zerfloß, bildete sich weiter zu ihnen eine neue, die mehr und mehr anschwoll und von glitzernden Gluthenstreifen durchzogen zu sein schien, bis sie sich hob und brach und dann einen wahren Feuerregen umhersprühte.
»Wie furchtbar schön ist das!« hauchte die Frau, das großartige Schauspiel aber doch mit scheuen Blicken betrachtend, denn wenn sich eine neue Woge hob, war es, als ob sie näher und näher zu ihnen kam, und sie unmerklich aber sicher, wie in einer gewaltigen Strömung dort hinüber reißen müßte. »Werden wir dort nicht hinein treiben?«
»Nein, Señora,« sagte Baptiste freundlich. »Haben Sie keine Angst! Die Elemente sind gnädiger mit uns als die Menschen. Ich fürchtete einen scharfen Süder, bei dem wir allerdings Schwierigkeiten gehabt haben würden hier vorbei zu laufen, aber statt dessen erhebt sich, wie ich eben fühle eine leichte Seebrise, und mit der können wir es uns bequemer machen, als wir es bis jetzt gehabt haben. Bitte führen Sie nur noch kurze Zeit das Steuer -- nur nicht weiter in die See hinaus, nur immer in der nämlichen Entfernung von den Brandungswellen, wie wir uns bis jetzt gehalten, ich werde jetzt das Boot ein wenig behaglicher herrichten.« Er legte sein Ruder nieder, stieg über die Sachen hinweg, die er in der Mitte so eng als möglich zusammenpackte, und eine der Matratzen vorn im Boote ausbreitete, daß sie eine Art von Mulde bildete.
»So Señora,« sagte er dann freundlich, indem er zurück stieg und ihr die Hand reichte, »jetzt klettern Sie hier vorn herüber. -- Haben Sie keine Angst, ich halte Sie. Das Kind gebe ich Ihnen dann nach, und legen Sie sich da vorn ganz unbesorgt zum Schlafen nieder. Sie bedürfen der Ruhe und die arme kleine Adriana auch.«
»Aber wer sind Sie,« sagte die Frau jetzt, indem sie seinen Anordnungen folgte, »daß Sie Ihr Leben für uns wagten und jetzt auch noch so freundlich Sorge tragen?«
»Wenn wir Tageslicht bekommen, erkennen Sie mich vielleicht wieder,« lächelte Baptiste. »Jetzt überlassen Sie uns nur die Sorge um das Boot.«
Aus seinem Ruder richtete er nun einen kleinen Mast her, aus einem der Betttücher machte er ein Segel, ein anderes Ruder gebrauchte er zum Ausholer, und als er die Schote befestigt hatte und anzog, fühlten sie bald, daß der Wind in die Leinwand schlug und anzog. Ziemlich so rasch wie vorher mit den Rudern, aber völlig geräuschlos, und sanft wie von einer Schaukel gehoben und fortgeführt, glitt das Boot über die Fluth und die junge Frau, ihr schlummerndes Kind im Arm, war, von den Aufregungen der letzten Nacht zum Aeußersten erschöpft, bald in einen sanften Schlaf gefallen.
Pedro, der arme Teufel, der für sein Leben gerudert hatte, fühlte sich ebenfalls so todesmatt, daß er, als ihm Baptiste den Befehl gab sein Ruder einzunehmen, zurück mit dem Kopf gegen die Matratze sank und augenblicklich einschlief.
Und immer weiter, jetzt gerade nach Süden, dann ein wenig zum Osten zurückhaltend, steuerte Baptiste das Boot. Neben ihm wand sich aber der unglückselige Commissair in solchen augenscheinlichen Schmerzen, daß Ramos endlich selber Mitleiden mit dem Verräther fühlte und leise sagte:
»Dürfen wir ihm nicht jetzt wenigstens den Knebel aus dem Munde nehmen? ich fürchte, er erstickt.« --
»Schade wär's nicht um ihn,« sagte Baptiste trocken, »aber meinetwegen. Er wird ja ohnedieß klug sein und das Maul halten, oder wir machen kurzen Proceß mit ihm und werfen ihn über Bord. Es wäre überhaupt das Beste, ihn hier an einer oder der anderen Manglarenspitze auszusetzen, dort könnte er sich amüsiren und die zahllosen Mosquitos füttern.« Aber er bog sich doch, noch während er sprach, zu dem Gefangenen über und nahm ihm das Tuch aus dem Mund. Fosca athmete tief und schwer auf, aber er gab keinen Laut von sich. Die Drohung hatte gewirkt, denn ein Aussetzen in den Manglaren[A] wäre ein sicherer und furchtbarer Tod für ihn gewesen.
So fuhren sie langsam weiter. Die Brise blieb schwach, aber doch immer stark genug, um das Boot, das sie von der Seite fing, vorwärts zu treiben, bis endlich am östlichen Horizont, den der niedere Laubgürtel des flachen Landes bildete, die Wolken anfingen sich zu lichten. Der Tag brach an, aber die Atmosphäre ist in diesem Himmelsstrich fast nie rein und ungetrübt, wenigstens nur in sehr seltenen Fällen Morgens.
Ein leiser Duft ruhte auf dem Walde, durch die feuchten Schwaden erzeugt, die ihm unausgesetzt entstiegen. Aber vor ihnen lag die Mündung des Pailon, die erste und nördlichste Ansiedlung in Ecuador -- an der linken Landspitze (eigentlich einer Insel); bald konnten sie die einzelnen Häuser der dort wohnenden Fischer erkennen. Die Fluth stieg dabei wieder, und von ihr geführt liefen sie mit dem ersten Morgengrauen in den breiten herrlichen Canal ein, der an beiden Seiten von, ihre Zweige bis zum Wasser niederhängenden Manglaren dicht begrenzt, gerade nach Süden hinab dem kleinen Fischerdorf San Lorenzo zuführte.
Die Frau war erwacht und mit dem stillen Frieden um sich, mit dem Gefühle vollkommener Sicherheit hob sich ihr Herz zu Gott, und ihr Kind, ihre liebe Adriana an sich pressend, betete sie leise aber brünstig zu dem Allerbarmer --
Aber welch ein wunderbarer Ton um sie her? Wie ferner Orgelklang traf er ihr Ohr, leise summend in vollen melodischen Akkorden! Und als sie erstaunt den eigenthümlichen Klängen horchte, war es ihr fast, als ob sie aus der Meerestiefe zu ihr heraufdrangen. -- Es konnte keine Täuschung sein! Dicht unter dem Boot klang es vor, jetzt rechts ein wenig, jetzt links, und als sie sich über den Rand des Bootes bog, wurde der Laut voller und deutlicher. Da ging dort drüben, über dem grünen Laubmeer, die Sonne auf und goß ihr Licht über die funkelnde, spiegelglatte Bai.
»Hören Sie den Orgelklang, Señora?« frug Baptiste.
»Was, um Gottes Willen, ist das?«
»Das sind die singenden Fische des Pailon,« lachte der junge Franzose, »die gerade ihr Morgenconcert zu halten scheinen.«
Als er sich aufrichtete, fiel der Sonne Licht voll auf seine freundlichen edlen Züge, und der Blick der Frau heftete fragend an ihnen.
»Und kennen Sie mich _=noch=_ nicht, Señorita?« fragte der junge Mann herzlich. »Auch _=Sie=_ nicht, Señor Ramos? Hab ich mich so entsetzlich verändert, oder ist die Erinnerung an den armen kranken Matrosen, den Sie in Ihrem Haus in Buenaventura so treulich pflegten, ganz Ihrem Gedächtniß entschwunden?«
»Don Batista!« rief Ramos, seine Hand ergreifend und herzlich schüttelnd. »Wie sollen wir Ihnen das je danken?«
»Danken?« entgegnete der junge Mann. »Ich bin lange genug _=Ihr=_ Schuldner geblieben. Jetzt wollen wir vor allen Dingen dieses unglückselige Menschenkind losbinden,« fuhr er lachend fort, um den Dank von sich abzuwenden. -- »Allmächtiger Gott, wie sieht dieser Neu-Granadiensische Commissair aus! Hier ist seine Macht aber vorbei. Wir sind innerhalb der Grenzen von Ecuador, und der Platz, dem wir uns nähern, soviel ich gehört habe, in den Händen einer englischen Compagnie. Was fangen wir mit dem elenden Patron an?«
Noch während er sprach, hatte er die Leine gelöst, die des Gefangenen Hände und Arme zusammenschnürte und Fosca richtete sich mühsam empor. Er sah in der That entsetzlich aus. Sein Gesicht war, von dem Schlag der ihn betäubte, mit geronnenem Blut und dem Schmutz des Bootes bedeckt, sein Rock und Hemd zerrissen, und der boshafte Blick des Buben flog scheu und tückisch von Einem zum Andern.
»Beim Himmel,« lachte Baptiste, »ich weiß, was ich thue. Mir fehlt gerade ein Erwerbszweig und ich werde die Jammergestalt hier in San Lorenzo für Geld sehen lassen. Entrée ein halbes Pfund Cacaobohnen oder ein Dutzend Esmeraldas-Cigarren.«
»Ihr habt jetzt die Macht,« knirschte der Gefangene zwischen den Zähnen durch, »aber es wird eine Zeit kommen, wo Ihr mir Rechenschaft für diese Behandlung geben sollt. Ich bin Neu-Granadiensischer Beamter und Präsident Franco in Ecuador wird nicht dulden, daß ich so behandelt werde.«
»Präsident Franco wird in nächster Zeit noch viel mehr dulden müssen,« lachte Baptiste verächtlich, »wenn sie ihn nicht etwa jetzt schon aus dem Land hinausgejagt haben. Aber Frieden, Kamerad. Du hast uns an Bord genug geärgert, um diese Züchtigung zu verdienen, hättest Du nicht auch wie ein Verräther und Schuft an diesen braven Leuten gehandelt.... Von jetzt an -- und das ist die mildeste Strafe, die Dir werden konnte -- keine Gemeinschaft mehr zwischen uns! Hier setze ich Dich an das Land, und dann sorge dafür, mein Bursche, daß Du so rasch als möglich in Dein gesegnetes Neu-Granada hinüber kommst, denn erfahren sie _=hier=_ Deine Geschichte, so stehe ich Dir für Nichts. _=Dort=_ liegt San Lorenzo,« fuhr er fort, als sie eben eine Biegung der Bai erreichten, die sich nach Osten in das innere Land hineinzog. »Dort liegen die friedlichen Fischerwohnungen eines braven Volkes. Dort, Señor Ramos, können Sie, wenn Sie nicht in das Innere gehen wollen, die Entwickelung der Wirren Ihres Vaterlandes ruhig abwarten, denn unter diesen Leuten lebt kein Verräther.«
»Aber _=Sie=_ bleiben bei uns,« fiel die Señora rasch ein -- »Sie müssen uns Gelegenheit geben Ihnen zu beweisen, wie tief wir uns Ihnen verpflichtet fühlen.«
»Vorerst,« lachte Baptiste, »werde ich hier meine mitgebrachte Waffensammlung verkaufen, die wenigstens einen Theil des Lohns einbringen kann, den mir die Regierung des braven Mannes da für erzwungene Dienste schuldig ist und dann -- ~Quien sabe~ -- das Uebrige findet sich.«
Das Boot glitt, fast nur durch die Fluth vorwärts getragen, in eine kleine Bucht ein, die im Westen das Fischerdorf begrenzte; gleich an der äußersten Spitze, an einem dort vorspringenden Felsen landete Baptiste und sagte zu Fosca:
»So Señor, hinaus mit Ihnen und das zur Warnung: Haben wir die Sachen hier an Land geschafft und begegnet die Señora beim Aussteigen noch einmal Ihrer nichtswürdigen Physiognomie, dann seien Sie versichert, daß ich Sie eigenhändig anpacke und hier von dem Felsen hinunterwerfe. Ein Bad könnte Ihnen überhaupt Nichts schaden. Sie haben also etwa zehn Minuten Vorsprung. Marsch!«
Fosca ließ sich das nicht zweimal sagen. Mit Händen und Füßen kletterte er an dem rauhen Steinblock empor, und im nächsten Augenblick war er am Land verschwunden. Als die Señora das Ufer betrat, war keine Spur mehr von ihm zu sehen, und erst Nachmittags erfuhren sie, daß er ein Canoe gemiethet habe und mit der nächsten Ebbe nach Tomaco zurückgegangen sei.
FUSSNOTEN:
[A] Die Manglaren oder Mangrovebäume sind ein Seegewächs, denn sie stehen nur da am Land, wo die Fluth der See ihre Wurzeln bespühlen kann. Ihr Boden ist Schlamm und kein lebendes Wesen hält sich zwischen ihnen auf als Krabben und Mosquitos.
Am Cachavi.
Erstes Capitel.
In Concepcion.
An dem Santiago-Flusse in Ecuador, tief im Walde drinnen, von Palmen- und Bananenhainen umgeben, liegt das kleine Binnenstädtchen Concepcion so malerisch und freundlich, wie sich nur etwas denken läßt.
Dicht unter demselben mündet der, kurz vorher den Cachavi aufnehmende Bogota in den breiteren und tieferen Santiago, und vermittelt, wenn auch nur durch Canoes, die Verbindung mit der reichsten Provinz des Innern, mit Imbaburru und deren Hauptstadt Ibarra, während der Santiago durch die Tola-Mündung mit dem Meer in direkter Verbindung steht und nach Norden hinauf sogar, durch die Taja-Lagune, einen breiten und bequemen Wasserweg nach dem Pailon und der dort neu angelegten englischen Colonie und deren Hafen bildet. Den meisten und lebendigsten Verkehr unterhielt es aber doch mit dem fast nur von Negern bewohnten Cachavi und den dortigen Golddistrikten, und wenn auch der Handel mit dem Innern nur durch Lastträger betrieben werden konnte, da nicht einmal ein Maulthierpfad durch den Wald führte, war der Umsatz doch nicht unbedeutend und die Leute befanden sich wohl und in guten Umständen.
Der Santiago sowohl, wie der Bogota fließen aber auch durch ein reiches, unendlich fruchtbares Land, und breite ausgedehnte Baumwollen- und Zuckerrohrfelder mit weiten Cacao- und Bananenanpflanzungen (sogenannten Platanaren) geben Zeugniß, welch' reichen Ertrags der Boden dort fähig ist, und wie er die geringste Arbeit tausendfältig lohnt. Sie sind auch ziemlich dicht besiedelt, wenn auch nicht von den Ureinwohnern des Landes, die sich in den feuchten und heißen Niederungen dieser Gegend nicht so wohl zu fühlen scheinen, als weiter oben in den kühleren Bergen und an den rasch quellenden Gebirgswässern. Möglich aber auch, daß sie von den Negern, mit denen sie überhaupt nicht gern Gemeinschaft halten, zurückgedrängt wurden.
Als nämlich mit der Abschüttelung des spanischen Joches die Leibeigenen der spanischen Provinzen freigegeben und für ewige Zeiten frei erklärt wurden, da zerstreuten sie sich -- besonders in Ecuador und Neu-Granada -- vorzugsweise über dies Terrain und wurden _=Herren=_ des dortigen Bodens, dessen Sclaven sie bis jetzt gewesen waren. Ueberall am Santiago und Bogota legten sie Estancien an, rodeten den Wald aus, und pflanzten Bananen, Cacao, Kaffee und Zuckerrohr, und wenn sie jetzt auch nach ihrer Bequemlichkeit arbeiteten, und nicht mehr vom Tagesanbruch bis in die späte Nacht Hacke und Schaufel führen mußten, so dankte ihnen der Boden doch mit verschwenderischer Hand für die geringe Mühe, die sie auf seine Pflege verwandten, und wo sie nicht eben _=reich=_ wurden, hatten sie doch vollauf zu leben.
Welche Bedürfnisse kannten sie denn auch, die sie nicht hier mit Leichtigkeit beschaffen mochten. Ihre Wohnungen waren um weniges besser, als die, in denen sie früher von ihren Herren einquartirt worden, ihre Kleidung -- eine baumwollene Hose und ein eben solches Hemd mit einem selbst geflochtenen Strohhut blieb dieselbe, und was sie an Nahrung brauchten und wünschten, lieferte das Land.
So bildeten sie bald, in diesen Distrikten wenigstens, die große Majorität des Staates und es gab Dörfer, wo sie sich sogar ihren Alkalden aus eigener schwarzer Mitte wählten.
Nur die Stellen der Gobernadores und Friedensrichter besetzte die Regierung mit den ~Hijos del pais~ -- das heißt nicht etwa den eigentlichen »Söhnen des Landes,« den Indianern, sondern mit den Abkömmlingen der spanischen Raçe, die auch solche Plätze viel besser zu verwerthen und auszubeuten verstanden.
Ecuador war allerdings eine Republik, aber es wäre deshalb der obersten Staatsbehörde doch nicht im Traum eingefallen, dem Volk in seinen eigenen Richtern eine _=Majorität=_ zu gestatten.
Auch Concepcion war zu einem sehr großen Theil von Negern bewohnt. Nichts destoweniger blieben aber in dieser größeren Stadt die _=Weißen=_ in der Majorität, wo sie schon durch ihre Farbe den Stand der Honoratioren vertraten. Ueberhaupt hat der _=Neger=_ nur in sehr seltenen Fällen -- so geschickt er oft in mechanischen Arbeiten sein mag -- Talent zum _=Handel=_. Es fehlt ihm der Speculationsgeist, und die verschiedenen Läden befanden sich deshalb sämmtlich in der Hand von Weißen. Eben so waren -- wie sich das von selbst versteht -- der Geistliche, der Alkalde und der Schullehrer Abkömmlinge der spanischen Raçe, und selbst ein italienischer Schneider hatte sich dort etablirt; und sich -- wie das gewöhnlich diese Art von Professionisten thun -- zu einer der ersten politischen Größen und zu einer entschiedenen Opposition der bestehenden Regierung aufgeschwungen.
Señor Rigoli, wie der kleine, sehr lebendige Mann hieß, hing nämlich mit Leib und Seele an der Quitenischen Regierung, während der Alkalde und Geistliche besonders -- Beide von dem gegenwärtigen Usurpator des Südens, dem Mulattengeneral Franco eingesetzt -- für diesen nach allen Kräften zu wirken suchten.
Rigolis Feinde behaupteten allerdings, nur der Geist des Widerspruchs hätte den kleinen Italiener in diese politische Richtung geworfen, denn ohne Widerspruch konnte er nicht existiren: aber er leugnete dies vollkommen, und würde dadurch jedenfalls seine beste Kundschaft in den Honoratioren der Stadt verloren haben, wenn sie eben nicht gezwungen gewesen wären, bei ihm arbeiten zu lassen. Er hatte nämlich keinen Concurrenten im Ort, als einen Neger, der Alles verdarb, was er unter die Scheere bekam, aber dafür auch zu den leidenschaftlichsten Anhängern Francos gehörte und alle Augenblicke neue Gerüchte über die gewonnenen Siege des Mulattengenerals verbreitete.