Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen.

Part 6

Chapter 63,809 wordsPublic domain

»Komm, mein Bursche! So lange Leben da ist, so lange ist Hoffnung, und wenn wir nicht zu helfen vermögen, so können wir dem schurkischen Fosca wenigstens ein Messer in den Giftbalg rennen. Ich bin heute Abend gerade bei Laune. Hast Du ein Canoe?«

»Ein gutes, großes Canoe -- läuft wie der Wind.«

»Können wir damit in See gehen?«

»In See? -- Ich weiß nicht -- große Wellen in See.«

»Bah! Besser ersoffen als nach Buenaventura,« sagte Baptiste. -- »Wo liegt Dein Canoe?«

»Gleich dort drüben an dem Sandbluff.«

»Wenn wir nur Jemanden hätten, der bereit stände.«

»Teresa!« sagte der Mulatte rasch.

»Gut -- und noch ein Ruder soll sie mitnehmen. Fort mit Dir! Ich bleibe hier so lange unter dem Hause, bis Du zurückkommst.«

Der Mulatte flog mehr als er ging die Straße hinab und Baptiste drückte sich in den Schatten des nächsten Ueberbaues, wo er auch eine Entdeckung nicht zu fürchten hatte, denn um alle _=die=_ Plätze abzusuchen, würden die Soldaten eine ganze Nacht gebraucht haben. Antonio blieb aber auch nur wenige Minuten.

»Was nun, Master? -- Was können wir zwei gegen alle die Soldaten ausrichten? -- Sie werden _=uns=_ todtschießen und die arme Señora doch mit fortschleppen.«

»_=Was=_ wir machen können, Camerad, weiß ich selber noch nicht,« lachte Baptiste in tollem Uebermuth. »Das muß der Augenblick geben. Ich fühle mich aber aufgelegt, mit einer ganzen Rotte der feigen Schufte anzubinden, und kann ich die Unglücklichen nicht befreien, so liefere ich mich selber wieder an den Schooner aus, denn sie sollen _=die=_ Reise nicht ohne einen Freund an Bord machen.«

»_=Sie=_ sind von dem Schiffe entflohen?«

»Bst, Camerad! Jetzt ist keine Zeit zum Geschichten erzählen. Wo ist des Alkalden Haus?«

»Gleich dort drüben. Sowie wir um diese Ecke biegen, liegt es vor uns.«

»So komm!« flüsterte Baptiste. -- »Wenn ich erkannt werden sollte und fliehen müßte, findest Du mich gleich nachher unter dem nämlichen Hause wieder, wo ich eben auf Dich gewartet habe. Die Schufte werden auch das ganze Haus geplündert haben.«

»Das Beste hat die Señora gerettet,« rief Antonio rasch, »ein Kästchen, das sie mir zum Aufheben gegeben.«

»Und wo ist das?«

»Teresa nimmt es mit zum Canoe.«

»Bravo, mein Junge! Das war gescheit und nun vorwärts.«

In der Straße, in welche sie einbogen, war Alles todtenstill und Baptiste blieb zögernd stehen. -- Die Gefangenen mußten schon fortgebracht sein, denn sie hätten sonst wenigstens Soldaten sehen müssen. Antonio ergriff seinen Arm und drückte ihn leise.

»Bleibt hier einen Augenblick,« flüsterte er, »ich bin gleich zurück!« und wie ein Pfeil glitt er über die dunkle Straße hinüber und dann dicht an der anderen Seite hin, bis zu des Alkalden Haus. Aber schon nach wenigen Secunden kehrte er zurück. Kein Mensch war mehr dort zu sehen, die Gefangenen mußten schon an Bord geschafft sein.

»Dann sei Gott uns gnädig!« flüsterte Baptiste zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. »Ich habe mein Wort gegeben, und beim Himmel, ich will es halten.«

»Was wollt Ihr thun, Señor?«

»Ich kehre an Bord zurück. Allein und freudlos sollen die armen Menschen ihren Feinden nicht überantwortet werden. Wo liegt Dein Canoe?«

»Gleich dort drüben, Señor, etwas oberhalb der Schiffe. O meine arme, arme Señora!«

»Wo stand ihr Haus früher?«

»Wenn wir durch diese Gasse gehen, kommen wir daran vorbei. -- O so schön war es dort! So lieb und freundlich, bis die bösen, bösen Menschen kamen.«

»Fort! fort! Wir dürfen hier nicht länger zögern. -- Komm dort vorbei, vielleicht hören wir noch etwas von ihnen. Was liegt auch daran, ob ich der Patrouille begegne.« Und mit raschen Schritten, fast in einem halben Lauf, rannte er die Gasse hinab, mit Antonio an seiner Seite.

»Dort liegt das Haus.«

»Da ist noch Licht darin,« rief Baptiste überrascht.

»Sie werden es völlig plündern. Señor Fosca läßt nichts zurück, denn seit ihn mein Herr in Bogota wegen Unterschlagung und Betrug in's Gefängniß werfen ließ, hat er eine furchtbare Wuth auf ihn bekommen.«

»Also deshalb? Wahrhaftig, sie tragen Sachen herunter. Komm, Antonio, wir wollen ihnen helfen.« Und rasch entschlossen, wie er immer war, schritt er, von dem Mulattenburschen aber nur scheu gefolgt, gerade über die Straße hinüber, wo er einen Soldaten mit einem Pack traf, während der andere gerade wieder die Leiter hinaufstieg.

»Aber Muchachos,« redete er den Burschen wie ärgerlich an, -- »was vertrödelt Ihr die Zeit hier auf eine so nichtswürdige Weise? Wißt Ihr nicht, daß sie an Bord auf Euch warten?«

»Pero Señor!« sagte der Bursche ganz erstaunt seinen Offizier ansehend. -- »Sind Sie denn nicht fortgelaufen? Caracho! Sie werden doch in der ganzen Stadt gesucht!«

»Du faselst wohl?« rief Baptiste. »Marsch mit Euch! Der Commissair wird wüthend werden.«

»Aber der Commissair hat uns ja eben erst noch einmal heraufgeschickt. Er will Alles mitnehmen, ehe er die Gefangenen an Bord schafft.«

»Hat er die _=noch=_ nicht drüben?« rief der Franzose wie ärgerlich, »das ist ja rein zum rasend werden mit der Langweiligkeit. Wer ist noch bei ihm?«

»Weiter Niemand als sechs von unseren Leuten, zum Rudern und zur Bewachung.«

»Aber ein Boot hat er doch?«

»Ja, von der Galeotte ist eins herübergeschickt. Das ist eben die Mannschaft, denn die Anderen sind den Fluß hinauf, weil sie glaubten, daß _=Sie=_ nach Ecuador hinüber wollten.«

»Ich nach Ecuador? Unsinn!« rief Baptiste, mit wenigen Schritten die Stufen hinauffliegend. Dort überraschte er den zweiten nicht minder als seinen Cameraden, durch sein Erscheinen, aber er ließ ihn gar nicht zu Worte kommen.

»Fort mit Dir, Bursche!« rief er. »Die Zeit vergeht! Wir müssen zum Boot!« Ohne Weiteres das Bettzeug von einem der Gestelle nehmend, trug er es an die Treppe und warf es hinunter. -- »Hier, Antonio, trage das!« -- Dann griff er das andere auf, hob es sich auf den Kopf, und folgte damit ebenfalls.

Der Soldat wagte natürlich keinen Einspruch. Wie konnte er auch? Daß sein Vorgesetzter den Befehl in die Hand nahm, verstand sich von selbst, und daß es geheißen hatte, er sei desertirt -- lieber Gott! an Bord der Schiffe herrschte überhaupt so viel Confusion, daß ein solcher kleiner Mißgriff nicht einmal zu den Unwahrscheinlichkeiten gehörte. Daß aber der Offizier solche Eile hatte, beunruhigte ihn, denn die Soldaten trauten noch immer dem Frieden nicht in der Stadt. War etwas vorgefallen? Wenn sie hier abgeschnitten und beim Plündern eines Hauses gefaßt wurden, konnte es ihnen schlecht gehen. In aller Hast griff er auf, was ihm gerade unter die Hände kam, und folgte den Vorangegangenen, die schon unterwegs nach dem Boote waren.

Siebentes Capitel.

Der Commissair in der Falle.

In einer entsetzlichen Lage waren indessen die unglücklichen Gefangenen, die, ganz der Willkür ihres Henkers anheim gegeben, den rohen Scherzen und dem Spott der Soldaten zur Zielscheibe dienen mußten, damit diese sich die müßige Zeit am Ufer vertreiben konnten. Fosca hinderte sie auch nicht daran und Señor Ramos knirschte machtlos seine Zähne zusammen. Er konnte nichts dagegen thun. Mit auf den Rücken gebundenen Händen lag er hinten im Boot, während neben ihm im Heck, die Steuerreeps in der Hand, der Commissair Platz genommen hatte. Die Frau kauerte mit dem Kinde in der Mitte des Bootes, neben ihren dort aufgehäuften Habseligkeiten, und ihre stillen Thränen netzten die Wangen der Kleinen, während sie ihr liebe Worte gab, sie zu beruhigen suchte und ihr Trost zusprach -- Trost, der ihr selber fehlte.

Der Commissair war schon fast ungeduldig geworden, denn wenn auch seine eigene Habgier die Leute noch einmal hinauf geschickt hatte, um so viel als möglich mit fortzuführen, fing die Zeit ihm doch an lang zu werden.

Die Soldaten schlenderten indessen am Ufer auf und ab, als einer von ihnen die Ankunft der Erwarteten meldete.

»Nun endlich!« rief ihnen Fosca schon von weitem entgegen. »Das hat lange gedauert. Macht, daß Ihr herein kommt. Aber wozu schleppt Ihr den ganzen Plunder mit herunter? Wer hat Euch gesagt, daß Ihr die Betten mitnehmen sollt? Wir haben ja nicht einmal im Boote Platz. Werft die Lumpen dort auf den Sand und legt nur das Andere herein.«

»Bitte um Entschuldigung, Señor Comisario,« lachte Baptiste, indem er seine Ladung, _=gegen=_ den Befehl, in das Boot warf und dann Antonio's ebenfalls abnahm und den ersten folgen ließ; »es ist eine alte Regel, beim Ausräumen nichts zurückzulassen, und da die Gefangenen doch unterwegs wahrscheinlich auch schlafen wollen, brachte ich mit, was mir unter die Hände kam.«

»Caramba!« rief der Commissair erstaunt. »Señor Batista? Ich meinte, die ganze Mannschaft sei hinter Ihnen her, um Sie wieder einzufangen!«

»Das ist prächtig,« lachte der Franzose. »Dasselbe haben mir schon die Burschen gesagt. Wenn ich also auf speciellen Befehl des Admirals in der Stadt herumlaufe, um einige Aufträge auszuführen, hetzt der Steuermann die Soldaten hinter mir drein, um mich wieder einzufangen. Kostbare Idee das! -- Aber rasch, Jungens, das Wasser fällt schnell, die Ebbe muß bald ausgelaufen sein und wir bleiben auf trockenem Sande sitzen. Holzköpfe, Ihr, seht Ihr nicht daß das Boot schon aufsitzt? Angefaßt da! Rasch, damit wir es wieder flott bekommen!«

Die Thatsache ließ sich nicht leugnen und die Soldaten, völlig beruhigt darüber, daß ihr Officier _=nicht=_ hatte weglaufen wollen -- er wäre sonst doch wahrhaftig nicht freiwillig wieder gekommen -- sprangen in das Wasser und schoben das Boot zurück, bis es wieder flott wurde.

»Wir haben hier nicht alle Platz!« rief der Commissair.

»Das ist richtig. Dann bleiben die Soldaten zurück, bis wir das Boot wieder herüber schicken können.«

»Das geht nicht,« beharrte Fosca. »Ich muß Wache bei dem Gefangenen haben.«

»Dann wird doch wohl noch ein Canoe aufzutreiben sein,« sagte Baptiste. -- »He, Bursche, hast Du kein Canoe in der Nähe?«

»Gleich hier oben, Señor,« rief Antonio, an den die Frage gerichtet war.

»Dann hole es, schnell!«

Der Mulatte verschwand wie ein Schatten in der Nacht.

»Wer war der?« fragte der Commissair.

»Ein Bursche, der uns heute Abend noch frisches Fleisch herüber liefern soll. Er muß mit an Bord, um den Auftrag zu erhalten.«

Ein eigener wilder Plan zuckte durch des Franzosen Hirn. Noch war es vielleicht möglich die Unglücklichen zu retten, wenn er den größten Theil der Soldaten beseitigen konnte. Aber wie? Gewohnt jedoch, Alles dem Augenblick zu überlassen, sprang er jetzt ebenfalls in das Boot, angeblich um das Gepäck zu ordnen, in Wirklichkeit, um es so zu vertheilen, daß so wenig als möglich Menschen darin sitzen konnten.

Die Gefangenen hatten ihn gar nicht beachtet und noch viel weniger in der Dunkelheit erkannt. Waren doch auch Jahre verflossen, daß sie seine Stimme gehört, die damals, von Krankheit geschwächt, auch matt und hohl genug geklungen hatte. Und wie konnten sie ihn an Bord hier und unter denen vermuthen, die im Begriff waren, ihr ganzes Lebensglück zu zerstören!?

Von oben den Canal herunter kam jetzt das Canoe gerudert und lief im nächsten Augenblick etwa zehn Schritt von dem anderen auf den Sand.

»Hallo! Was ist das für ein Frauenzimmer da drin?« rief der Commissair.

»Die Wäscherin, Señor, die an Bord soll und die ich dort oben fand,« erwiderte Antonio rasch gefaßt, und Ramos zuckte unwillkürlich zusammen, denn _=jetzt=_ hatte er seines treuen Burschen Stimme erkannt. Aber Baptiste rief, auf die Idee eingehend:

»Zum Henker und wegen der bin ich eine volle Stunde in dem dunklen Nest und drüben an der Punta herumgehetzt! Ich glaubte schon, der Admiral würde mir alle Wetter auf den Hals fluchen, wenn ich sie nicht mitbrächte. Aber hinein hier mit ihr in das Boot! Die darf ich nicht drüben bei den Soldaten lassen.«

»Hier in das Boot geht sie nicht mehr,« rief der Commissair dazwischen. »Caramba! Mann, wen und was wollt Ihr denn nicht _=noch=_ hereinpacken?«

Baptiste war nicht gesonnen, seinen einmal gewonnenen Vortheil aufzugeben. _=Jetzt=_ mußte er mit dem _=Boote=_ fliehen -- das war die letzte Möglichkeit eines Erfolges, und da er mit dem Canoe nie hätte wagen dürfen, schwer geladen in die offene See hinauszusteuern, so bot das Boot, so mittelmäßig es auch sonst sein mochte, doch unendlich mehr Sicherheit. Ohne deshalb auch weiter den Befehl des Commissairs zu beachten und das Mulattenmädchen, das schnell an Land gesprungen war, selber in den Bug des Bootes hebend, sagte er:

»Ueberlassen Sie das Alles mir, verehrter Herr! _=Ich=_ bringe Sie sicher hinüber, denn mir liegt selbst daran, von der Sache abzukommen. Auf einem Kriegsschiff macht man nicht gern den Polizeidiener und Büttel. -- He, kannst Du rudern, Bursche?«

»Gewiß, Señor,« erwiderte Antonio.

»Dann marsch hinein mit Dir und stoß ab! Halt, für das Canoe sind zu viel Leute! Zwei können noch mit hier herein.«

»Wenn Sie nicht den ganzen Platz verpackt hätten,« rief der Commissair unwillig. »Werft doch den Plunder über Bord.«

»Gut, dann legt Eure Gewehre hier herein. Gebt sie her! Herr Commissair, bitte um ein wenig Raum.« Und die Gewehre der Leute nehmend, trug er sie selber, das Wasser nicht achtend, hinter nach den Steuerreeps.

»Und wie soll ich jetzt steuern?« fragte Fosca ärgerlich.

»Das besorge ich selber. Jetzt vorwärts! Einer von Euch noch herein. Du hier, Pedro!« sagte er, einen kleinen schwächlichen Burschen aus dem Trupp ergreifend. »Setze Dich da vorn hin und rudere aus Leibeskräften. Nun ab! Kommt mit dem Canoe nach, so rasch Ihr könnt.«

Die Soldaten waren ganz verdutzt. Wenn ihnen aber das hastige, fremdartige Benehmen ihres Officiers auch auffiel, konnten sie doch nichts dagegen thun, denn er war einmal ihr Vorgesetzter, und so lange es sich der Commissair gefallen ließ, durfte es _=ihnen=_ auch recht sein.

»Caracho, Señor!« lachte der Eine. »Die Señorita hätten Sie uns ebensogut im Canoe lassen können. -- Sie haben ja schon eine an Bord.«

»Nichts für uns Beide, Camerad!« rief ihm der Franzose zu, während er, von Antonio kräftig unterstützt, das Boot mit dem Ruder hinaus in tiefes Wasser stieß. Dort wirkte schon die Strömung und sie mußten zu den Rudern greifen.

»Bitte, Señor,« sagte dann Baptiste, indem er ziemlich rücksichtslos über die Gefangenen hin nach hinten stieg und sich zu dem gebundenen Ramos niederbog, »der Señor hier liegt mir im Wege. Steuern _=Sie=_ einmal einen Augenblick.«

»Ja steuern!« brummte der Commissair. »Alle Gewehre liegen auf den Reepen.«

»Fassen Sie nur das Ruder mit der Hand an. Sie wissen sich doch sonst immer so vortrefflich zu helfen, Señor.«

Der Ton, mit dem dieses gesagt wurde, frappirte den Neu-Granadienser, aber er mußte in der That das Steuer etwas aufdrehen, wenn das Boot nicht mit der Strömung zu weit hinabgetrieben werden sollte. Er erhob sich zu dem Zweck, kniete auf den Sitzbord und richtete das Ruder.

»Muth!« flüsterte in demselben Moment Baptiste dem Gefangenen zu und Ramos fühlte, wie ein scharfes Messer seine Bande durchschnitt. Seine Arme wurden frei.

»Und nun legt Euch in die Ruder, Burschen!« rief der Franzose, sich wieder aufrichtend, den beiden Leuten zu, indem er selber zum Steuerruder ging und die Gewehre so zurückschob, daß er zwischen sie und den Commissair zu sitzen kam.

»~Guarda se, Señor~,« sagte der Soldat, »sie sind alle geladen.«

»Ich weiß es. Nehmt Euch nur beim Aussteigen damit in Acht, daß Keiner an dem Hahn hängen bleibt. So, Señor Comisario, jetzt werde ich Sie ablösen. Haben Sie die Güte und rücken Sie noch ein klein wenig hinüber.«

»Halten Sie nicht zu tief! Die Strömung ist hier sehr stark und wir treiben sonst vorbei,« sagte Fosca, als er sah, daß der Franzose den Bug mehr abfallen ließ.

»Nur keine Angst, Señor,« lachte dieser in der Erregung des Augenblickes und das Herz klopfte ihm, als ob es ihm die Brust zersprengen wollte. »Ich verfehle mein Ziel nicht, und passen Sie auf, was für eine angenehme Fahrt wir haben.«

»Sie treiben wahrhaftig zu weit nach unten! Caracho, Señor! Können Sie nicht steuern? Sehen Sie doch, wie das Canoe hält.«

»Ja, mein bester Señor,« lachte Baptiste -- sie waren dem Canoe wenigstens hundert Schritte voraus. »Die Leute da drüben wollen auch an _=Bord=_, wir aber sind im Begriff, eine kleine _=Seefahrt=_ zu machen.«

»Eine Seefahrt?« rief der Commissair, erschreckt von seinem Sitze aufspringend. -- »Verrath!«

Er hatte das Wort noch nicht ganz heraus, als ihm Baptiste's Finger den Hals wie in einem Schraubstock zusammenpreßten.

»Señor Ramos,« rief er dabei, »auf und an Ihr Ruder! Du, Pedro, nach vorn! Die geringste Bewegung die Du machst, und ich jage Dir eine von den Kugeln durch den Leib -- oder halt! Willst Du rudern, so rudere, was Du rudern kannst, und es soll nachher Dein Schade nicht sein, aber bei dem geringsten Zeichen von Verrath bist Du eine Leiche!«

»Ja, Señor, gewiß -- wenn ich muß.«

»Du mußt! Antonio, bei der ersten falschen Bewegung, die er macht, rennst Du ihm Dein Messer in den Leib und wirfst ihn über Bord. Rudere jetzt! Stärker! Caramba, es ist für Dein Leben, Patron, denn wenn wir eingeholt werden, massakrire ich Dich selber.«

»Hallo!« schrien jetzt die im Canoe befindlichen Soldaten hinter ihnen her. »Weiter hinauf! Ihr verfehlt das Schiff.«

»Bube!« zischte der gefangene Commissair unter dem furchtbaren Griff seines Nachbars durch die Zähne, und sich dann mit äußerster Kraftanstrengung frei machend, schrie er in einem wahren Aufkreisch um Hülfe. Aber es war nur ein einziger Ruf, den er ausstoßen konnte, denn Baptiste, der das Steuer nicht loslassen konnte, hatte nur einen Moment in seinem Griffe nachgelassen. _=Der=_ Gefahr durften sie sich nicht aussetzen und ehe der Ueberlistete einen zweiten Schrei ausstoßen konnte, traf ihn die geballte Faust des kräftigen Franzosen so eisenstark gegen die Schläfe, daß er, wie von einer Kugel getroffen, zusammenknickte.

»Jetzt binden und knebeln Sie ihn, Señor!« rief er Ramos zu. »Rasch! Um unser aller Leben, denn wirkliche Gefahr erwartet uns erst, wenn sie auf den Schiffen mißtrauisch werden.«

Es bedurfte keiner Worte weiter. Ramos begriff ihre Lage besser als irgend ein Anderer, wenn er sich auch noch nicht denken konnte, wer sein Befreier sei. Es war auch keine Zeit zu fragen, und mit einem Stück des Seils, mit dem er selber gebunden gewesen, schnürte er dem noch Bewußtlosen die Glieder zusammen und zwang ihm dann das Halstuch seines Kindes zwischen die Zähne in den Mund.

Sie trieben jetzt, ungefähr noch 120 Schritte von dem nächsten Schiff entfernt, an diesem vorbei.

»~Ahoy the boat!~« schrie Mr. Culpepper's Stimme von dort herüber. -- »Was für ein Boot ist das? Wohin wollt Ihr?«

Keine Antwort erfolgte. Baptiste wußte nicht gleich, was er erwidern sollte, oder fürchtete, sich durch seine Stimme zu verrathen.

»Boot hinab! Rasch! Hinunter mit Euch, Ihr Jungen! Die besten Ruderer hinein und vier Mann mit Gewehren, hinter dem Boot dort her! Gebt Feuer, wenn sie nicht halten und dann rasch wieder geladen!«

Die Worte hallten deutlich von dort herüber.

»~Diable!~« murmelte Baptiste vor sich hin. -- »Mit zwei Rudern kommen wir nicht aus der Stelle. Señor, Sie müssen mit helfen. Rasch, greifen Sie ein Ruder auf, um Ihr Leben. Oder können Sie steuern? Ich habe mehr Kraft.«

»_=Ich=_ kann steuern,« sagte da die junge Frau, die vor Aufregung zitternd die letzten Vorgänge beobachtet, aber noch nicht gewagt hatte, eine Frage zu thun, ein Wort laut werden zu lassen. Wie ein Traum kam ihr das Ganze vor, und der Uebergang von dem furchtbarsten erdenkbaren Elend und Jammer zu Freiheit und Leben war ihr so überraschend schnell, so unerwartet, nie mehr gehofft gekommen, daß sie noch immer nicht daran glauben mochte. Jetzt aber, wo ihre eigene Kraft und Geschicklichkeit ihnen nützlich werden konnte, brach sie das Schweigen.

»Brav, Señora, brav!« rief Baptiste jubelnd aus. »Das giebt uns ein Ruder mehr. Und jetzt, Teresa, hierher! Weiter zurück, mein Schatz! Der Bug drückt vorn zu viel nieder und wir gehen deshalb zu schwer. Du kannst das Kind nehmen.«

»Teresa?« fragte die Frau erstaunt, aber Freudenthränen weinend und doch in zitternder Angst kroch das arme Mädchen über die aufgethürmten Betten hinweg zu ihrer Herrin, vor der sie niederfiel und ihre Knie umfaßte.

»Weg mit den Thränen, Schatz! Weg mit den Thränen!« rief Baptiste lachend. »Dazu ist nachher Zeit. Wir werden da draußen Salzwasser genug in's Boot kriegen. -- So recht, Pedro, lege Dich tüchtig hinein! Es soll Dein Schaden nicht sein und wir wollen doch sehen, ob wir in Ecuador nicht noch etwas Besseres aus Dir machen können als einen lumpigen Soldaten. _=Wir=_ sind jetzt Kameraden, und ich lasse Dich nicht im Stich.«

Dadurch, daß das Mädchen zurückkommen mußte, hatte das Boot viel an leichterer Fahrt gewonnen, denn der Bug hob sich. Des Seemanns scharfes Ohr hatte aber auch bereits das Einsetzen der Ruder vom Schiffe her gehört, wenn sie den Schooner selber auch schon nicht mehr auf dem dunklen Hintergrunde des Manglarenwaldes erkennen konnten. Nur die rothen Lichter leuchteten noch herüber.

»Nun für unser Leben!« rief er, sein eigenes Ruder aufgreifend, während die Señora das Steuer genommen und nicht zu viel versprochen hatte, als sie versicherte, sie könne es regieren. »Halten Sie den Bug jetzt noch immer auf jenen hellleuchtenden Stern zu -- es ist die Venus, und mag er uns Glück bedeuten heute Abend.«

Von jetzt an wurde kein Wort mehr gesprochen. Die vier Männer ruderten schweigend, aber aus Leibeskräften, denn sie wußten, daß nur größere Schnelligkeit sie retten konnte.

Da fielen rasch hinter einander drei Schüsse von dem verfolgenden Boot.

»Großer Gott, sie schießen!« rief die Frau. »Lege das Kind auf den Boden des Bootes, Teresa.«

»Nicht hierher,« beruhigte sie Baptiste, da er, mit dem Rücken nach vorn im Boot sitzend, das Abblitzen der Gewehre hatte sehen können. »Es ist unmöglich, daß sie uns hier schon erkennen, wenn nicht die hellen Betten zu sehr leuchten.«

»Werft sie über Bord!« bat Ramos.

»Bewahre!« lachte der Franzose, »lieber den Comisario. Erst müssen wir finden, daß sie uns zu schwer sind. Decke jenen dunklen Poncho darüber, der auf dem Sitzbrett liegt, Teresa. Er gehört freilich dem Herrn Commissair, aber zu dem Zweck wird er ihn uns wohl leihen.«

»Aber was bedeuten die Schüsse?«

»Nichts Gutes,« sagte Baptiste finster. »Es sind Signale für das Boot an der anderen Seite der Insel, um dasselbe herbeizurufen, und wenn es wirklich in der Nähe ist, kann es uns den Weg abschneiden. Aber caramba!« setzte er mit fest zusammengebissenen Zähnen hinzu. -- »Wir haben auch Gewehre im Boot und im schlimmsten Falle können wir ihnen einen wärmeren Empfang bereiten als sie jetzt wohl denken.«

»Aber keine Munition.«

»Pedro hat doch gewiß seine Patronentasche mit. Wie viel Patronen sind darin?«

»Zwanzig, Señor.«

»Bravo, und sechs geladene Gewehre, die Festung ist armirt.«

»Und mit dem Boot hinter uns?«

»Ah bah!« sagte Baptiste, sich in sein Ruder legend. -- »Die Sache ist allerdings fast zu interessant, um angenehm zu sein, aber hol's der Teufel! -- Entschuldigen Sie, Señora, auf See lernt man ein rohes Sprechen, ohne manchmal etwas dabei zu denken -- ich hoffe doch noch, daß wir die hohe See gewinnen sollen und wenn sie uns da hinaus folgen, nun, dann formiren wir mit den Matratzen eine kleine Festung um den schwachen Theil der Besatzung und wehren uns eben unserer Haut. Vorwärts jetzt! -- Mit dem Reden geht Kraft verloren.«

Wieder wurden hinter ihnen drei Schüsse abgefeuert und Baptiste sah zu seinem Schrecken, daß sie diesmal nicht in die Luft schossen, sondern hinter ihnen her. Aber die Entfernung war noch zu groß, nur wenn sie hoch gehalten hätten, wäre vielleicht eine oder die andere Kugel bis zu ihnen geschlagen. So fielen sie alle zu kurz und er hütete sich wohl ein Wort darüber zu sagen, um die Frauen nicht unnützer Weise zu beunruhigen.