Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen.
Part 5
Señor Ramos hatte sich an diesem bewegten Tage, wie immer, streng abgeschlossen in der Räumlichkeit seines eigenen Hauses und inmitten seiner kleinen Familie gehalten, denn er suchte absichtlich Alles zu vermeiden, was ihn mit dem politischen Treiben Tomacos hätte in Berührung bringen können. Was half es auch, welche politische Richtung diese äußerste, vollkommen abgeschiedene Ecke des Staates verfolgte? Sie stand mit dem übrigen Lande in gar keiner Verbindung, und hatte sich dem zu fügen, was an den Hauptplätzen und im Herzen der Republik erkämpft und ausgefochten wurde.
Welchen Theil er früher an diesen Kämpfen genommen hatte -- Niemand wußte es in Tomaco; Niemand kümmerte sich darum. Hier schien er nur darauf bedacht, seine Häuslichkeit so freundlich als möglich herzurichten, was ihm denn auch mit den wenigen ihm hier zu Gebote stehenden Mitteln sicher gelungen war.
Das Haus zeichnete sich vor den übrigen, wie schon früher erwähnt, allerdings nur durch seine etwas größere Sauberkeit, und die zierlich gearbeiteten Bambusjalousien, vielleicht auch dadurch aus, daß es vollkommen _=geschlossen=_ stand, und nur dann einen Einblick in das Innere gewährte, sobald die Fenster in der Abendkühle weit geöffnet wurden. Im Innern aber konnte es mit keinem der übrigen verglichen werden, denn Señor Ramos hatte keine Kosten gescheut, ein kleines neu-granadiensisches Paradies daraus zu schaffen.
Den Boden deckte vollständig eine chinesische roth- und gelbgestreifte Strohmatte, ein Luxus, der sich in keinem einzigen der andern Häuser fand. Die Betten, die in einem kleinen Bambusverschlag standen, waren reinlich _=überzogen=_ und mit schneeweißen Mosquitonetzen versehen, und selbst die Wände waren nicht leer und ein Spiegel hing über einem kleinen sauber polirten Tisch von inländischem Mahagoniholz, während zwei Oelgemälde in vortrefflicher Ausführung Ansichten des wunderbar schönen Innern von Neu-Granada darstellten.
Der Tisch war gerade zum Abendbrod gedeckt und die Chocolade dampfte in Tassen von feinem Porcellan, während auf den Schüsseln gebratene Bananen und Fische, frische Eier, feiner Schiffszwieback und eine dampfende Schüssel mit Reis und gekochten Austern verriethen, daß es sich die Bewohner auch in leiblichen Genüssen an nichts fehlen ließen. Auf dem Tische brannten zwei Stearinlichter in Porcellanleuchtern. Dazu standen in einem besonderen silbernen Gestell zwei junge angeschnittene Cocosnüsse auf dem Tisch, deren süßes Wasser oder Milch als kühlendes Getränk dienen sollte, und die Frau, eine reizende liebe Gestalt, mit rabenschwarzen Locken und feurigen Augen, hatte gerade der Kleinen die Serviette umgebunden und sie auf ihrem Stühlchen näher zum Tisch gerückt, als unten vor dem Hause Stimmen laut wurden, ohne daß sie jedoch Geschrei oder Toben gehört hätten. Es war als ob eine Menge von Leuten mit einander flüstere oder leise spreche.
»Was ist das?« sagte die Frau, erschreckt aufhorchend. »Hörst Du nichts, José?«
»Was wird es sein, mein Kind!« erwiderte freundlich der Mann. »Müßiges Volk, das sich noch in der Straße herumtummelt, bis es von dem Gewitter in die Häuser getrieben wird. Setz' Dich, Schatz! Die Chocolade wird sonst kalt.«
»Sie kommen die Leiter herauf!« rief die Frau ängstlich. »Was können sie in _=der=_ Zeit noch von uns wollen? Es ist so viel fremdes Volk im Ort.«
»Gott weiß es!« erwiderte der Mann, jetzt ebenfalls aufstehend, denn die Frau hatte Recht. »Bleib' sitzen, Adriana, mein Kind. Laß _=Du=_ Dich wenigstens nicht stören. Bleibe Du auch hier, mein Herz, ich werde selber nachsehen.«
»Ave Maria!« sagte plötzlich eine Stimme draußen an der kleinen Bambusthür, die ebenfalls nur dieses eine Haus verschloß -- denn Niemand wird in einem der südamerikanischen Länder ein fremdes Haus ohne diese fromme Anrede betreten, wenn auch der Sinn derselben oft nicht mehr bedeutet als der profane Anruf bei uns, ob Jemand daheim sei.
»Purisima!« erwiderte Don Jose und öffnete die Thür, aber ein kaltes, eisiges Gefühl durchzuckte sein Herz als der Lichter Schein auf das bleiche tückische Gesicht des Commissairs fiel, der mit einem spöttischen Lächeln das kleine freundliche Gemach rasch mit den Augen überflog und dann höhnisch sagte:
»Ungemein erfreut, Don José, Euch nach _=langem=_ Suchen _=endlich=_ in Euerm stillen Asyl aufgefunden zu haben. Die Señorita doch wohl, hoffe ich? Bedauere, wenn ich vielleicht stören sollte, aber Geschäfte, wie Ihr wißt, Don José, dulden nun einmal keinen Aufschub.«
»Señor Fosca!« sagte Ramos fast tonlos -- und er mußte sich zusammen nehmen, um seine Fassung zu bewahren. »Ich hatte nicht erwartet, _=Euch=_ hier zu sehen, denn ich glaubte, daß --«
»Ich noch ruhig hinter den eisernen Gittern säße, hinter die _=Ihr=_ die Güte gehabt, mich zu setzen, wie?« lächelte der Mann und eine fast teuflische Bosheit zuckte über sein außerdem nicht schönes Gesicht.
»Ich that nur meine Pflicht, Señor,« erwiderte Ramos.
»Natürlich, Don José, natürlich! -- _=Mehr=_ thun wir Alle nicht. Aber wollen Sie mich wirklich heute Abend hier an der Thüre stehen lassen? Señorita, bitte, setzen Sie sich, Sie zittern ja, als ob Sie einen Geist gesehen hätten.«
Ohne ein Wort zu erwidern schob ihm Don José einen Stuhl hin, auf den er aber, mit einer höflich dankenden Verbeugung, nur zuschritt und mit der Hand dessen Lehne ergriff, sich aber nicht niedersetzte.
»Es wird mir nicht so viel Zeit bleiben,« sagte er endlich, während er mit tückischer Schadenfreude das Entsetzen beobachtete, das sein Erscheinen unter den glücklichen Menschen angerichtet, »denn ich muß heute Abend noch an Bord zurückkehren, aber die _=Pflicht=_ wird eine angenehme, da ich die Fahrt in so liebenswürdiger Gesellschaft mache. Señorita, ich möchte Sie bitten, etwas Wäsche zusammen zu packen, denn Sie werden uns begleiten.«
»Ich!« rief die Frau erbebend, und ihre Wangen überzog Todenblässe. -- »Was, um der Jungfrau Willen, haben Sie vor?«
»Señor,« sagte aber Ramos, der sich die größte Gewalt anthun mußte, um ruhig zu bleiben, -- »führt Sie eine Botschaft hierher, die Sie für _=mich=_ haben, so bitte ich, sich direct an _=mich=_ deshalb zu wenden -- einen unpassenden Scherz, den Sie sich mit meiner Frau erlauben, dürfte ich nicht in der Stimmung sein, ruhig zu ertragen. Sie wissen doch, daß Sie hier in _=meinem=_ Hause sind?«
»Señor Ramos,« erwiderte der Commissair mit seiner ewig lächelnden Ruhe, die dem Gegner das Blut wie Feuer durch die Adern strömen machte, »behalten Sie Ihr kaltes Blut! -- Uebrigenes kann ich Ihnen die Versicherung geben, daß ich in diesem Augenblick zu nichts weniger als zum Scherzen aufgelegt bin. Als ich Ihrer Frau Gemahlin sagte, sie würde uns begleiten, sprach ich im vollen Ernst, denn ich bin hierhergekommen, Señor Ramos, um Sie und Ihre Familie im Namen Sr. Excellenz unseres hohen und berühmten Präsidenten Mosquera als _=Hochverräther=_ zu verhaften und nach Buenaventura hinüber zu führen.«
»Meine Familie?« schrie Don José fast außer sich. -- »Und wenn ich wirklich ein Hochverräther wäre, was hätte mein Weib -- mein Kind dabei zu thun?«
»Das Kind allerdings nichts,« lächelte der Commissair, »aber die Anklage lautet gegen Sie und Ihre Frau Gemahlin, und so leid es mir thut --«
»Hund, verruchter!« stöhnte da Ramos, der seine Wuth nicht länger mäßigen konnte, indem er eins der auf dem Tisch liegenden Messer aufgriff und damit auf den Buben lossprang. Fosca aber, der mit der entschiedenen Absicht hierher gekommen war, seinen Todfeind bis zum Aeußersten zu reizen und dann erst zu vernichten, war darauf vollkommen vorbereitet und hatte nichts versäumt.
Bei der ersten Bewegung, die der Wüthende machte, stieß er die Thüre auf und in dem Moment sprangen die indessen heraufgeschlichenen Soldaten -- Gesindel, das er sich selber zu dem Zweck an Bord ausgesucht -- über die Schwelle und legten ihre Gewehre an. Die Frau fuhr in jähem Entsetzen nach ihrem Kind, das schreiend die Aermchen nach ihr ausstreckte, aber ihre Kräfte vermochten nicht sie länger aufrecht zu halten; sie brach ohnmächtig zusammen und ihr Mann, alles Uebrige in der Angst um die Gattin vergessend, ließ das Messer fallen und sprang zu, um sie zu unterstützen.
»Bindet den Verräther!« sagte Fosca ruhig, und ehe Ramos, mit der Ohnmächtigen beschäftigt, nur den Sinn der Worte begriff, hatten sich ein Paar der halbwilden Burschen schon auf ihn geworfen. Während ihn der Eine mit dem Kolben vor die Stirn stieß, daß er zur Seite stürzte, faßten die Andern seine Arme, zwangen sie zurück und schnürten sie fest.
Für einen Augenblick herrschte jetzt eine Scene der gräßlichsten Verwirrung in dem kleinen Gemach. Der Gefangene, der nur für einen Augenblick betäubt gewesen war, fuhr empor und suchte sich von seinen Banden zu befreien. In dem Ringen stürzte der Tisch um und das Kind kreischte so laut, daß es die Mutter damit wieder zum Leben zurückrief. -- Aber auf der Straße unten sammelten sich ebenfalls Leute, und zwar Bewohner der Stadt, die den Señor Ramos immer nur als einen braven, ruhigen Mann gekannt, und jetzt nicht halb zufrieden waren, ihn so behandelt zu sehen, aber auch keinen entscheidenden Schritt gegen das bewaffnete wilde Gesindel wagen wollten.
»Nichtswürdiger Bube!« rief da Ramos, sobald er nur wieder Athem und Besinnung erlangte, das ganze Furchtbare seiner jetzigen Lage zu übersehen. -- »Diebische, schuftige Canaille, aus dem Gefängniß entsprungen, um hier Deine boshafte Rache an Unschuldigen zu üben....!«
Ein Soldat kam heraufgesprungen und flüsterte Fosca einige Worte zu. -- Die Stimmung unten wurde eine immer drohendere, und so gern sich der Commissair vielleicht noch eine Weile länger an den Qualen der Unglücklichen geweidet hätte, durfte er es doch nicht wagen. Er wußte genau, wie weit er gehen konnte und daß er in der Furcht der Bevölkerung vor einem Conflict seine beste Stütze hatte, war aber einmal der Damm durchbrochen, so ließen sich die Folgen nicht absehn. So lag ihm denn nur daran, der Scene so rasch als möglich ein Ende zu machen.
»Knebelt den Burschen!« sagte er finster. »Wir dürfen uns nicht länger mit ihm aufhalten -- und dann an Bord.«
Den Soldaten selber war das ein erwünschter Befehl, denn sie fürchteten nicht mit Unrecht, daß er ihnen das Volk über den Hals schreien könne. Im Nu war das Knebeln geschehen, denn darin besaßen sie eine anerkennungswerthe Fertigkeit.
Ramos befand sich wenige Secunden später machtlos in der Gewalt seiner Feinde.
»Señor, um der heiligen Jungfrau Willen, was habt Ihr mit uns vor?« rief die Frau. -- »Was ist geschehen, daß so Entsetzliches nöthig wurde?«
»Señorita,« sagte Fosca, dem jetzt nur daran lag, fort und an Bord zu kommen, und der deshalb vor allen Dingen die Frau beruhigen mußte, »wenn Ihr Herr Gemahl nicht nach einer Waffe gegriffen hätte, wäre das Alles unnöthig gewesen. Ertragen Sie für jetzt, was sich nicht ändern läßt, mit Geduld. Die Anklage ist allerdings erhoben und da die Regierung den Befehl zu Ihrer Verhaftung erließ, so muß derselbe auch ausgeführt werden. An Ort und Stelle finden Sie aber vielleicht Mittel und Wege, sich wirksam zu vertheidigen und Ihrer Rückreise -- wenn Sie freigesprochen werden -- steht dann nicht das Mindeste im Wege; jetzt fort mit ihm, Ihr Leute! -- Macht rasch! Das Boot wartet. Señorita, wenn Sie noch etwas von Ihren Sachen mitzunehmen wünschen, was Sie auf der _=Reise=_ brauchen, so habe ich nicht das Geringste dawider. -- Alles Andere ist Staatseigenthum und wird Ihnen erst bei Ihrer Freisprechung in Buenaventura wieder eingehändigt.«
»Staatseigenthum?«
»Bitte, beeilen Sie sich ein wenig, denn so leid es mir thut, kann ich Ihnen doch nur noch fünf Minuten Zeit geben.«
So völlig machtlos die Frau bei dem ersten Begreifen dessen, was sie bedrohte, in sich zusammen gebrochen war, so vollkommen klar stand jetzt Alles vor ihrer Seele, und das Entsetzliche, anstatt sie zu beugen, hielt sie aufrecht. Sie sah den Gatten widerstandslos in der Gewalt der Feinde, sah sich und ihr Kind von einem gleichen Schicksal bedroht und fühlte, daß sie für Alle denken mußte. Mit zitternder Hand strich sie sich die herabgefallenen Locken aus der Stirn, aber ihr Blick schweifte fest und suchend in dem kleinen Gemach umher und haftete im nächsten Augenblick auf der angstvollen Gestalt Antonio's, der neben dem furchtsam zusammengekauerten Mulattenmädchen in der kleinen Hinterthüre stand.
»Ah, Teresa,« rief sie diese an, »mach ein wenig rasch! Muchacha, wir haben Eile. Gieb mir etwas Kinderwäsche für meine Adriana heraus -- und für mich auch. -- Wir gehen auf Reisen. Das Mädchen darf mich doch begleiten, Señor?«
»Bedaure sehr, Ihnen das abschlagen zu müssen, Señorita,« sagte Fosca kalt. -- »Es ist nicht Sitte, daß Gefangene Dienerschaft mitnehmen, und der Raum auf dem Schooner ist ohnedieß außerordentlich beschränkt.«
»Die Reise wird nicht lange dauern?«
»Höchstens zwei Tage. Wir laufen vor dem Wind nach Buenaventura hinauf.«
»Gut denn! Wie Gott will! Hier, Teresa -- still, mein Herz, weine nicht -- die Mama bleibt bei Dir -- hier, Teresa, diese Sachen packe in die kleine chinesische Kiste -- dies auch noch -- hier ist noch ein Kleidchen für Adriana --«
Sie war an den Schreibtisch ihres Mannes getreten und hatte dort aus einer der Schiebladen ein kleines Kästchen genommen, das sie mit ihrem Körper so verdeckte, um es vor den Blicken des Commissairs zu verbergen. Ihr Auge suchte dabei Antonio und der schlaue Schwarze begriff augenblicklich, was sie wollte. Als sie an ihm vorüberging, hatte sie es ihm gereicht und er es auch schon mit einer raschen Bewegung hinter sich und hinaus in das Dunkle geschafft.
»Madame erlauben mir vielleicht, daß ich Ihnen behülflich bin,« sagte da vortretend Fosca, -- »es versteht sich von selbst, daß Sie alle _=Werthsachen=_ ausliefern, um den _=Staat=_ für etwaige entstehende Unkosten zu decken.«
»Ich verstehe,« sagte die Señora kalt. -- »Sie haben volle Freiheit hier, Señor --«
»Wo ist der Mulatte, der da noch eben in der Thüre stand?«
»Haben Sie Auftrag, auch _=ihn=_ wegen Hochverrathes zu verhaften?« fragte die junge Frau mit einem bitteren Lächeln.
Fosca schritt rasch der kleinen Hinterthüre zu, aber der Mulatte war verschwunden und über die schwanken Bambusstäbe, die da draußen die Brücke zu dem Hintergebäude bildeten, wagte er nicht, ihm zu folgen. Ohne Weiteres machte er sich dagegen über die wenigen Schränke her. Von dem Bette riß er ein Tuch herunter und breitete es auf den Boden, dann warf er darauf, was ihn des Mitnehmens werth dünkte, band es zusammen und gab es einem der Soldaten zum Tragen. Aber er schien noch nicht befriedigt, denn er hatte bis jetzt kein baares Geld gefunden und wandte sich deshalb an die Frau.
»Nehmen Sie, was Sie finden,« sagte diese verächtlich, »und verlangen Sie nur nicht, daß ich Ihnen suchen helfe. -- Ich wüßte übrigens nicht, daß der Staat seine Beamten zum _=Plündern=_ in die Häuser schickt.«
Fosca durchwühlte noch eine Zeitlang alle Fächer, aber die Zeit mochte ihm selber dabei zu lang währen. Vor Allem mußte er seine Gefangenen an Bord und in Sicherheit schaffen -- nachher konnte er ja noch immer hierher zurückkehren. Indessen beorderte er zwei von den Soldaten, auf Wacht zu bleiben und Niemanden hinauf zu lassen. Zwei Andere trugen indessen den Gefangenen zur Treppe, wo andere standen, sie zu unterstützen. Aber Ramos richtete sich hier auf und stieg selber die Stufen hinab. Widersetzlichkeit hätte auch nichts geholfen und ihn selber nur den Mißhandlungen der Buben ausgesetzt.
Vor dem Hause hatten sich indeß eine Menge von Menschen versammelt, und untereinander flüsterten die Leute und bedauerten die arme Frau und das Kind, aber Niemand wagte ihnen thätlich beizustehen. Wer konnte auch wissen, welches furchtbare Verbrechen die Beiden begangen hatten!
Sechstes Capitel.
Der Succurs.
»Hallo, Renard! Noch dunkel hier?« riefen die erst Eintretenden den Franzosen an. -- »Was, zum Teufel! treibt Ihr? Ist das Oel ausgegangen?«
»Einen Augenblick, Señores, einen Moment nur!« rief Renard, geschäftig um seinen Ladentisch herumeilend, um Licht zu machen, denn die eine düster brennende Lampe erhellte den Raum nicht zum dritten Theil. »Bin ja selber erst jetzt nach Hause gekommen. Alle Wetter! An solchen Tagen kann man doch nicht daheim sitzen und die Welt eben treiben lassen was sie will.«
»Unseren Alkalden begreife ich nicht, daß er diesen -- Señor hier nach Herzenslust wirthschaften läßt,« riefen die Vordersten, als sie von der Frontthüre aus das Haus betraten. -- »Es ist schändlich, die arme Frau so zu behandeln. _=Die=_ hat doch wahrhaftig keinen Hochverrath begangen.«
»~Quien sabe, compañero~« sagte ein Anderer. »Es passiren wunderliche Dinge in der Welt, und was hätten wir machen wollen? Uns der neuen Regierung widersetzen? -- Eine hübsche Bande von Soldaten haben sie mitgebracht und was für ein Gewissen hätten sich _=die=_ Kerle daraus gemacht, unter uns hinein zu schießen. Renard, ein Glas von Eurem besten Cognac. Mir ist die Geschichte in den Magen gefahren, und ich muß sie hinunterspühlen.«
»Was ist denn vorgefallen, Señores?« fragte Renard neugierig gemacht, indem er die beiden Oellampen rasch angezündet hatte und die Cognacflasche mit Gläsern auf den Ladentisch stellte.
»Ach was? Nichts!« sagte der Postmeister, der von der andern Seite kam. -- »Mir auch die Flasche! Nichts, als daß sie diesen Señor Ramos endlich abgefaßt haben und ihn nun mit nach Buenaventura nehmen. Ich habe dem Burschen nie getraut, denn er that immer viel zu geheimnißvoll und wollte mit Keinem von uns Umgang haben.«
»Aber was hat die Frau damit zu thun, Don Gaspar?« redete ein anderer den Postmeister an. »Die und das arme Kind auf ihren schmierigen Schooner und zwischen all' das Gesindel zu schleppen, ist doch mehr als grausam und der Präsident weiß sicher nichts davon.«
»Was geht's uns an? Das ist _=ihre=_ Sache!« brummte der noch vor wenigen Stunden so wüthende Nationalitätsvertheidiger. -- »_=Wir=_ haben genug mit unseren eigenen Angelegenheiten zu thun.«
»Hülfe, Señores! Hülfe um des Himmels Erbarmen Willen!« rief ein junger Mulattenbursche, der in die Thüre gestürzt kam und sich verstört in dem Raume umsah. -- »Meinen armen Herrn, meine arme Señora und das kleine liebe Kind haben sie fortgeschleppt und wollen sie in's Gefängniß stecken! O, helfen Sie, helfen Sie! Señor Ramos so ein guter, braver Mann -- so eine gute, brave und schöne Dame! Es ist ja schrecklich!«
»Ach was! Mache daß Du fortkommst, Braunfell!« schrie ihn der Postmeister an, der übrigens nicht _=viel=_ lichter war wie Jener selber. »Wenn Deine Herrschaft nichts verbrochen hat, wird ihr auch nichts geschehen, und _=hat=_ sie sich etwas eingebrockt, nun gut, dann bekommt sie jetzt Gelegenheit es auszuessen.«
»Es ist eigentlich eine wunderbare Geschichte, Don Gaspar,« sagte ein Mann, der einen kleinen Schooner hatte und mit diesem gewöhnlich Fahrten zwischen der Insel und den übrigen Küstenstrichen machte, »daß man den Ramos einsteckt, der beim Ansegeln der Fahrzeuge ruhig in seinem Hause saß, und _=Euch=_ frei laufen ließ, der Ihr die Mannschaft nicht allein gegen den Usurpator -- wie Ihr ihn nanntet -- aufgeboten, nein, sogar Eure furchtbare Kanone auf die _=Feinde=_ abgefeuert habt und jetzt seid Ihr auf einmal ein Herz und eine Seele mit der Gesellschaft --«
»Kümmert Euch um Euch selber!« rief Don Gaspar, dem das Gespräch nicht angenehm zu sein schien. -- »So lange wir noch nicht wußten, daß wir es mit einer rechtmäßigen Regierung zu thun hatten, waren es unsere Feinde, und ich glaube, ich habe bewiesen, daß ich mein Leben und Blut für mein Vaterland wagen kann. Wie aber die Sache jetzt steht, mit einem wirklichen Regierungs-Commissair an Bord, der ordentliche Vollmacht vom Präsidenten hat --«
»Die aber noch Keiner von uns zu sehen bekommen,« unterbrach ihn der Andere wieder.
»Er braucht sie auch nicht _=Jedem=_ unter die Nase zu reiben!« rief der kleine Mann ärgerlich, »und wir sollten froh sein, daß wir endlich geregelte Verhältnisse bekommen, denn diese ewigen Revolutionen bringen uns nur hier Gefahr und können uns nie etwas nützen.«
»Schöne geregelte Verhältnisse das,« sagte der Erste wieder, »wenn man friedliche Familien Nachts aus ihren Häusern holt und auf das erste beste Schiff schleppt!«
»Verbrecher müssen auch wie Verbrecher behandelt werden,« rief Don Gaspar, sein ausgetrunkenes Glas auf den Tisch stoßend. »Ehrliche Leute haben sich weder davor zu fürchten, noch sich darum zu kümmern.« Und seinen Hut auf das eine Ohr schiebend verließ er rasch das Haus.
»_=Ehrliche=_ Leute!« lachte der Schoonermann hinter ihm her. -- »Prachtvolle ehrliche Leute, die, alle Beide! -- Weil der eine Lump Steuerdefraudationen begangen hat, mußte er bei Nacht und Nebel fort von hier, und weil er den Anderen nicht verrathen, muß der jetzt durch Dick und Dünn mit ihm, wenn er sich nicht selber an den Pranger stellen will.«
»~Oh por amor de Dios~, helft meiner armen Herrschaft!« bat der Mulatte noch einmal. -- »Hat mein armer Herr jemals einen Menschen gekränkt? -- Hat die gute liebe Dame nicht vielen, vielen Armen Wohlthaten erzeigt, und war sie nicht immer _=lieb=_ und freundlich gegen Jeden, Jeden?«
»Ja, mein braver Bursche,« sagte der Schoonermann, »das ist Alles recht schön und gut, aber so viel ich weiß, haben sie sie schon an Bord des Schiffes und was können _=wir=_ da machen?«
»Ach nein, Señor,« rief der Mulatte rasch, -- »das Boot war abgefahren -- Señor Fosca konnte nicht fort -- er war sehr böse und hat sie jetzt so lange unter das Haus des Alkalden gethan -- einen Platz, wo sich sonst die Kühe und Schweine aufhalten. -- Meine arme, arme Señora!«
Stimmen wurden laut draußen und sechs oder acht der Schiffssoldaten drangen in den Raum.
»Hallo, Señores!« sagte Monsieur Renard. -- »Was wünschen Sie? Auf der Jagd nach Hochverräthern, wie?«
»Ein Officier ist von unserem Schiff entflohen,« sagte der Eine der Leute barsch, »ein Franzose, einer von Euren Landsleuten und wir sollen hier nachsuchen, ob er sich nicht in Eurer Wohnung aufhält. Ist er da, so gebt ihn heraus, denn er kann nicht fort. Unsere beiden Boote kreuzen an der anderen Seite und wir müssen ihn wieder haben. Almirante hat 50 Dollar geboten, wer ihn wiederbringt.«
»~Peste!~« murmelte Monsieur Renard leise zwischen den Zähnen, während die übrigen Gäste den Laden verließen, um mit dem braunen wilden Volk in keine Berührung zu kommen. -- »Aber, Señores, hier ist er nicht, so viel sehen Sie, er müßte sich denn während meiner Abwesenheit _=oben=_ versteckt haben. Bitte, gehen Sie hinauf und durchsuchen Sie das ganze Haus. Ich würde nie einen Deserteur beherbergen.«
»O du lieber Himmel!« stöhnte der arme Mulatte und stützte sich mit dem Ellenbogen an das nämliche Faß, in dem Baptiste versteckt lag, »wer wird meiner armen Herrschaft helfen?«
»Kommen Sie nur, Señores,« sagte Renard, dem jetzt nur daran lag, die Leute aus dem Laden zu bringen, weil er sich ziemlich sicher wußte, daß sein Landsmann die ihm vergönnte Zeit zur Flucht benutzen würde. Die Soldaten, in der Hoffnung, den Entsprungenen zu finden, folgten ihm auch rasch; kaum hatten sie aber den unteren Raum verlassen, als Antonio, wie von einer Schlange gestochen, zurückschrak, denn aus dem Fasse heraus ergriff eine Hand seinen Arm -- aber eine Stimme flüsterte gleich darauf:
»_=Ich=_ helfe Dir, Camerad! Komm!« Mit _=einem=_ Satze war der Franzose aus seinem Verstecke heraus, ergriff das Ruder, nahm, ohne besonders wählerisch zu sein, noch ein anderes von den dort lehnenden, das er dem Mulatten in die Hand drückte und zog den armen Teufel, der gar nicht wußte, was er von dem Allem denken sollte, mit sich und durch die Hinterthüre in's Freie hinaus.
Er bedurfte keiner langen Zeit, um sich mit dem Mulatten zu verständigen.
»Kennst Du mich nicht mehr, Tonio?«
»No, Señor! -- Es ist dunkel --«
»Hast Du Baptiste vergessen?«
»O Señor Batista -- unsere arme Señora --«