Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen.
Part 4
»Mit weit größerem Rechte, mein verehrter Señor, könnte ich _=Sie=_ fragen, weshalb Sie auf ein paar Schiffe Ihres eigenen Landes, die einen Hafen ihres eigenen Territoriums besuchen, feuern lassen. -- Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. Wäre ich Ihnen wirklich feindlich gesinnt, was hinderte mich, furchtbare Rache für die Beleidigung zu nehmen, denn Sie werden mir zugeben, daß eine einzige in diese Bambushäuser gefeuerte Kanone entsetzliche Verwirrung anrichten und viele Menschenleben gefährden würde. Um aber kein Blut treuer Unterthanen unseres theueren Vaterlandes zu vergießen, um den Bürgerkrieg nicht auf dies friedliche Eiland zu tragen, komme ich noch einmal zu Ihnen, um Sie aufzufordern, das zu thun, was Sie doch nicht mehr ändern können: Sr. Excellenz den jetzigen Präsidenten der Republik, Señor Mosquera, anzuerkennen und ihm Treue zu schwören. Ich selber komme nur als der Feind derer, die den Huldigungseid verweigern -- im anderen Fall sind wir Freunde und Bundesgenossen, und ich stehe mit meiner Person dafür, daß Sie weder an Ihrer Stadt, noch irgend einem derselben angehörenden loyalen Bürger geschädigt werden sollen.«
»Aber bester Herr,« sagte der Alkalde, durch die freundliche und vernünftige Anrede schon halb gewonnen und nur noch in Verlegenheit, wie er vor den Umstehenden eine vielleicht etwas zu rasche Sinnesänderung beschönigen sollte, »wir -- wir wissen hier eigentlich noch gar nichts von Sr. Excellenz, dem neuen Präsidenten. Wir sind friedliebende Menschen, die mit keinem Lande einen Krieg wollen -- am allerwenigsten mit dem eigenen, aber wie -- wie bekommen wir denn eine Garantie, daß nicht -- ohne jedoch das Geringste gegen Ihre eigene Person andeuten zu wollen -- daß nicht irgend ein Schiff bei uns anlegen könnte, welches irgend einen neuen Namen als Präsident und Regierung aufstellt und Besitz von der Insel ergreift?«
»Darüber beruhigen Sie sich,« sagte der Seemann; »ich handele nicht nach eigener Machtvollkommenheit, sondern habe einen Regierungs-Commissair an Bord, der, von Buenaventura aus mit allen nöthigen Papieren und Schriftstücken beglaubigt, das Weitere mit Ihnen auf vollkommen gesetzlichem Wege in Ordnung bringen wird. Der Herr ist Ihnen auch, soweit ich erfahren habe, nicht einmal ein Fremder, sondern war früher selber, wie er mich versicherte, ein Einwohner oder wohl gar ein Beamter dieser Insel --«
»In der That? Und sein Name?«
»Señor Fosca.«
»Fosca? Alle Teufel!« platzte der Alkalde etwas erstaunt heraus; »Señor Fosca ist Regierungs-Commissair geworden?« Aber es blieb ihm keine Zeit mehr zum Ueberlegen, denn der Postmeister kam gerade mit einem _=Theil=_ seiner Leute wenigstens herbei, da ihm keineswegs alle folgten. Die Meisten, indem sie eine Beschießung der Stadt fürchteten, liefen nach ihren Häusern, um dort zu retten, was sie retten konnten. Der Alkalde war aber fest entschlossen, diesmal ohne den Postmeister zu handeln, und sagte deshalb rasch und bestimmt:
»Wenn Sie mir Ihr Wort geben, Señor, daß der Stadt kein Schaden geschehen soll, so glaube ich in Uebereinstimmung mit meinen Mitbürgern zu handeln, wenn ich Ihnen erkläre, daß wir den Präsidenten Mosquera anerkennen wollen.«
»Ja wohl! Gewiß! ~En verdad -- con gusto!~« tönte es von allen Seiten, denn das entschlossene Aufsegeln der Kriegsschiffe hatte seine Wirkung auf die Gemüther nicht verfehlt.
»Und das Versprechen gebe ich Ihnen,« sagte der Seemann, dem damit eine wahre Centnerlast von der Seele fiel, denn eine Weigerung hätte ihn in die größte Verlegenheit gebracht.
»Und wissen Sie, welche Verantwortung Sie da auf sich nehmen, Señor Alkalde?« schrie der Postmeister, der eben zur rechten Zeit erschien, um zu spät zu kommen. »Wir sind hier freie Bürger, und wenn irgend ein Präsident --«
»Fosca ist Regierungs-Commissair und an Bord,« flüsterte ihm der Alkalde zu, indem er seinen Arm faßte; »halten Sie das Maul.«
Der Postmeister sah ihn verdutzt an. Es war augenscheinlich, daß er den Sinn der Worte nicht so rasch begriff, aber der Alkalde warf ihm einen warnenden Blick zu, und sich auf dem Absatz herumdrehend nahm er den Hut ab, schwenkte ihn in der Luft und rief mit seiner weit hinaus dröhnenden Stimme:
»~Compañeros el viva! Viva Sa Excellencia el praesidente Señor Mosquera! -- El viva!~«
»~El viva! El viva!~« jubelten ihm die Leute nach, die ebenfalls ihre Hüte schwenkten, und wie ein Lauffeuer pflanzte sich der Schrei durch die Stadt fort. Galt er ja doch als Friedenszeichen und war den Leuten eine Bürgschaft, daß sie von den Schrecken und Gefahren des Krieges verschont bleiben sollten. Mit _=der=_ Gewißheit hätten sie irgend einen lebenden oder auch todten Menschen -- wer er immer gewesen -- leben lassen.
Es war in der That ein Jubel auf der Insel, als ob man diesem Augenblick schon seit Jahren mit der größten Spannung entgegengesehen hätte, und daß der Postmeister gerade, der noch vor wenigen Stunden da unten am Strande Sandschanzen aufgeworfen und selbst eine Kanone auf die nahenden Schiffe abgefeuert, in den Ruf mit einstimmte, fiel keiner Seele mehr auf.
Fünftes Capitel.
Baptista.
Der Capitän hatte seine Schuldigkeit gethan und sein Ziel viel rascher und vollkommener erreicht, als er je gehofft. Es drängte ihn deshalb wieder an Bord zurück. Aber so bald kam er noch nicht los, denn von allen Seiten strömten Menschen herbei, um ihm die Hand zu drücken und ihm zu erklären, daß sie gute Freunde bleiben und keinen Krieg miteinander haben wollten. Und nicht allein die Männer thaten das, sondern ganz besondere Energie entwickelten die Negerweiber, von denen die Insel ein außerordentlich starkes Contingent stellte, und wo solch eine alte würdige Dame einmal die Hand des Seemannes erwischte, ließ sie nicht sogleich wieder los. Sie versicherten ihm dabei stets mit ihrer gewöhnlich tiefen Baßstimme, daß sie sich unendlich glücklich schätzen würden, wenn er zu ihnen in das Haus kommen und eine Tasse Chocolade trinken wolle.
Er hatte Mühe sich ihrer zu erwehren, und sein Boot endlich wieder gewinnend, sprang er hinein und ließ sich an Bord zurückrudern.
Still vor sich hin mußte er freilich unterwegs lachen, wenn er sich überlegte, daß Tomaco eigentlich nur dadurch friedlich erobert und Mosquera eine neue Stadt gewonnen sei, daß sich beide Theile vor einander gefürchtet hätten, denn wie die Sachen standen, konnten sie sich gegenseitig keinen großen Schaden thun. Die List _=war=_ aber gelungen; die Bewohner von Tomaco hatten sich durch eine völlig unausführbare Drohung: die Beschießung der Stadt, einschüchtern lassen, und es lag jetzt an Señor Fosca, das Weitere in Frieden und Freundschaft zu arrangiren und sich mit den Behörden zu verständigen.
Als der Capitän sein kleines Fahrzeug erreicht und den Befehl gegeben hatte, Munition und Kugeln wieder fortzuräumen und die »Geschützstücke« auf's Neue zu befestigen -- ein sicheres Zeichen also, daß von einem Kampf nicht weiter die Rede war -- trat plötzlich der Franzose zu seinem Admiral heran, und seinen kleinen Wachshut abnehmend, wollte er ihn eben anreden, als Señor Fosca mit triumphirendem Blick auf diesen zukam und rief:
»Ich weiß Alles! Schon ehe Sie zurückkamen war ein Fruchtboot hier. -- Meine alten Freunde sind noch dieselben -- der nämliche Eifer, Einer dem Andern einen Verdienst vor der Nase wegzuschnappen. -- Aber ich habe auch Ihren Erfolg erfahren und -- daß Señor Ramos wirklich hier mit seiner ganzen Familie lebt. Er kann uns jetzt nicht mehr entgehen und ich bitte Sie also, Almirante, mir nachher sechs Mann von Ihren Leuten zur Verfügung zu stellen, um den Verräther zu verhaften.«
»Mein bester Señor,« sagte der Seemann, dem die Sache augenscheinlich fatal war, -- »ich habe den guten Leuten da drüben versprochen, sie nicht weiter zu schädigen.«
»Aber der Verräther war ausgenommen,« rief Fosca rasch, -- »gehört er doch auch gar nicht nach Tomaco und geht der Stadt nicht das Geringste an. Señor Almirante, ich habe den _=strengen=_ Auftrag von Sr. Excellenz, auf diesen gefährlichsten aller Staatsverräther zu fahnden und ihn nach Buenaventura zu liefern. Ich möchte nicht in des Mannes Haut stecken, der ihm Zeit und Gelegenheit ließe, zu entkommen.«
»Ach was!« brummte der Seemann verdrießlich vor sich hin, »so gefährlich wird die Sache nicht sein, Señor. Aber meinetwegen thun Sie, was Sie nicht lassen können und nehmen Sie sich von Leuten was Sie brauchen. Ich mache _=Sie=_ aber dafür auch für alle Folgen verantwortlich, wenn Sie die jetzt beruhigten Einwohner wieder aufreizen und unser Aller Sicherheit dadurch gefährden.«
»_=Die=_ Verantwortung übernehme ich,« sagte der Commissair, und ein boshaftes Lächeln zuckte über sein fahles Gesicht, als er sich umdrehte und wieder in die Cajüte hinunter stieg.
»Was wollen Sie?« wandte sich der Capitän nun, eben nicht in bester Laune, an den jungen Franzosen, der indessen zurückgetreten war, um sein Anliegen später vorzubringen.
»Señor Almirante,« sagte der Franzose, »wie ich zu meiner Freude sehe, ist kein Krieg mehr nöthig. Unter diesen Verhältnissen brauchen Sie aber auch keinen ~master at arms~ mehr, und da ich jetzt ein unnützes Möbel an Bord bin, so wollte ich Sie ersuchen, mir meine Entlassung zu geben. Ich möchte gern in mein eigenes Vaterland zurückkehren.«
»Thut mir leid,« sagte der Seemann barsch, »Ihre Zeit ist noch nicht um und außerdem brauche ich Sie nothwendig. Sie sind Schiffszimmermann, nicht wahr?«
»Ein sehr mittelmäßiger,« bestätigte achselzuckend der Gefragte.
»Thut nichts! Wahrscheinlich immer noch besser als unsere _=carpinteros=_ in Buenaventura. -- Sie müssen mit helfen, den Schooner wieder in Stand zu setzen, wenn wir zurückkommen.«
»Den Schooner?« lächelte der Franzose. -- »Ach ja, es geht, wenn er einen neuen Rumpf und andere Masten bekommt und nachher frisch aufgetakelt werden kann. An _=den=_ alten Kasten werden Sie aber doch keine Reparaturkosten mehr wegwerfen wollen?«
»Das ist Sache der Regierung,« brach der Capitain kurz ab. »Sie gehen jedenfalls mit zurück und dort findet sich das Weitere. Sehen Sie indessen zu, daß mir das Volk kein Unglück mit dem Pulver anrichtet -- daß sie besonders da unten nicht rauchen. Haben Sie mich verstanden?«
»Vollkommen gut, Señor,« sagte der Franzose mit einer Verbeugung, als der Seemann an ihm vorüberschritt und dem Commissair in die Cajüte folgte.
»Abgeblitzt!« lachte der Engländer, der, als er auf das Quarterdeck kam die Unterredung gehört hatte. -- »Hätte ich Euch auch vorher sagen wollen, Camerad, denn wenn der Alte uns paar Europäer von Bord ließe, wen behielt er denn da zurück als die Buschläufer, die ein Fallreep nicht von der Besanschote zu unterscheiden wissen. Nein, damit ist's nichts! Ich hätte selber Einsprache dagegen erhoben, also schlagt Euch die Phantasien aus dem Kopfe.«
»Wird wohl nicht anders werden, Mr. Culpepper,« stimmte der Franzose bei, indem er leise vor sich hinpfeifend, nach vorn ging.
Der Nachmittag war indessen schon ziemlich weit vorgerückt; die Sonne stand kaum noch eine halbe Stunde hoch am westlichen Himmel und die Wolken begannen schon die den Tropen eigene, violette Färbung anzunehmen, als Señor Fosca mit seinem Boot an Land fuhr. Statt der erbetenen sechs Mann Wache hatte er sich aber zwölf ausgesucht, die vollständig bewaffnet ihn begleiten sollten, und der Capitain that da auch keinen Einspruch. Er wollte augenscheinlich mit der ganzen Sache nichts zu thun haben.
Am Land wurde er von den Spitzen der Behörden empfangen, der Alkalde, der Postmeister und der Steuerbeamte -- dessen Posten er selber früher einmal auf Tomaco bekleidet hatte -- standen an der Landung und die Begrüßung -- wenn man überhaupt auf äußere Anzeichen schließen konnte -- war eine herzliche.
Am liebsten hätte Señor Fosca nun allerdings das vorgenommen, was ihm am meisten am Herzen zu liegen schien: die Verhaftung des Hochverräthers -- aber das ging doch nicht -- der wichtigere Act und zwar die Uebernahme der Insel und die Huldigung des neuen Präsidenten mußte vorausgehen, und die _=Spitzen=_ der Bevölkerung, von den meisten dort Ansässigen begleitet, begaben sich demnach in das »Regierungsgebäude« (ein Haus, das sich vor den übrigen nur durch einen etwas größeren Umfang auszeichnete), um den feierlichen Act dort vorzunehmen.
Vorher hatte der Postmeister, der jetzt die Geschmeidigkeit selber zu sein schien und gar nicht so that, als ob er je den geringsten Widerstand gegen Mosquera's Ansprüche geleistet, eine längere und geheime Unterredung mit Señor Fosca, und dann erfolgte in ziemlich summarischer Weise die Uebergabe der Stadt und Insel an den neuen Herrscher, mit der Bestätigung der jetzigen Beamten in ihrem Dienst.
Es war unterdessen vollkommen dunkel geworden und die beiden »Kriegsfahrzeuge« in dem Canal hatten jedes an ihrem Vormast eine rothe Laterne aufgezogen. Wachen brauchte es nicht an Deck, denn die ganze Mannschaft lag zerstreut darauf herum oder saß plaudernd vorn auf der Back oder auf den Railings. Hinten auf dem Quarterdeck ging der Franzose mit verschränkten Armen auf und ab; der englische Steuermann lag bequem auf einer Bank ausgestreckt und rauchte seine Cigarre.
Der Franzose hatte seine Jacke neben sich auf dem Steuerrad hängen, jetzt ging er hin und zog sie wieder an.
»Nun, Bill,« lachte Mr. Culpepper. »Ihr friert doch nicht in _=der=_ Temperatur?«
»Das nicht, Sir,« sagte der Mann gleichgiltig, »aber der Thau fängt an zu fallen, und da drüben zieht auch wieder ein Wetter herauf. Wir bekommen eine böse Nacht.«
»Ob es in dem verbrannten Lande nicht auch alle Tage vom Himmel herunterschüttet!« brummte der Engländer und rauchte ruhig weiter. -- Der Franzose beschäftigte sich damit, einen Theil der noch unordentlich umherliegenden Brassen aufzurollen. Eine davon aber, ohne daß es Mr. Culpepper sehen konnte, nahm er und hing sie über Bord, dann stieg er langsam und gleichmüthig über die Railing, ließ sich an dem Tau geräuschlos hinab und verschwand im nächsten Augenblick unter Wasser.
»Heh, Bill!« rief der Engländer nach einer Weile, ohne jedoch den Kopf zu wenden. -- »Wohin wolltet Ihr denn eigentlich, wenn Euch der Alte losgelassen hätte?«
Er bekam keine Antwort und sah sich jetzt erstaunt um. -- Das Deck war leer.
»Hm!« brummte Mr. Culpepper vor sich hin. »Habe ihn doch gar nicht fortgehen hören --«
»Du, Juan, da schwimmt ein Fisch!« sagte einer der Leute vorn an Bord. »Wetter! Das muß ein großer Kerl sein. Ich mache meine Angel zurecht, vielleicht fangen wir ihn.«
Es hatte sich für einen Moment ein dunkler Gegenstand über Wasser gezeigt, verschwand aber sogleich wieder und einige der Leute holten ihr Angelgeräth vor. Es gab wirklich viel Fische dort in der Nähe des Landes und das aufsteigende Gewitter begünstigte den Fang.
Bill, wie ihn Mr. Culpepper alter Gewohnheit wegen nannte, hieß eigentlich weder Bill, noch Guillaume, sondern Baptiste Lecomb, und hatte unterdeß seine Flucht so keck und rasch ausgeführt, daß er als ein ganz vortrefflicher Schwimmer das Land erreichte und längst zwischen den dunklen Häusern verschwunden war, ehe er an Bord vermißt wurde. Am Land zog er sich vor allen Dingen aus, und rang seine Kleider soweit als möglich trocken, daß er sich nirgends durch die übergroße Nässe verrieth -- eine Erkältung brauchte er in dem heißen Clima nicht zu besorgen -- und erkundigte sich dann bei dem ersten Eingeborenen, den er antraf, ob kein Europäer, besonders ob kein Franzose in dem Orte wohne. Er befand sich nicht weit von Renard's Haus und als er zu diesem hingewiesen war, machte er keine weitern Umstände einzutreten.
Monsieur Renard war eben nach Hause zurückgekommen und bei der Uebergabe der Stadt an Mosquera gegenwärtig gewesen. Er stand in seinem Laden und war gerade im Begriff, seine beiden Lampen anzuzünden, da er an diesem Abend unter den obwaltenden Verhältnissen nicht ohne Grund zahlreiche Gäste erwartete, und die jetzt aufflackernde einzelne Oelflamme nur ein sehr ungewisses Licht verbreitete. Wie in aller Welt hätte man auch eine _=solche=_ Festlichkeit in einem _=solchen=_ Ort anders feiern wollen als durch Trinken, und Renard wußte, daß er die besten Getränke in der Stadt hielt. -- Es waren wenigstens die theuersten.
Eben nicht angenehm überrascht wurde er da durch den etwas unerwarteten Besuch, der sich ihm ohne Weiteres als Deserteur von einem der neugranadiensischen Kriegsschiffe vorstellte.
Baptiste war in der That nicht der Mann, große Umstände zu machen, und nach seiner ersten Einführung setzte er nur hinzu, indem er sich im Laden umsah:
»Zuerst, Landsmann, sehe ich, Sie haben hier Getränke, also bitte ich, geben Sie mir einen tüchtigen Cognac, denn heißes Wasser zu einem Grog, der mir besser thun würde, ist gewiß nicht fertig -- es ist wenigstens nie fertig, wenn es am nöthigsten gebraucht wird, und dann verschaffen Sie mir ein Canoe, damit ich nach Ecuador entkommen kann.«
»Und brauchen Sie sonst Nichts?« fragte Renard, über diese Zwanglosigkeit erstaunt.
»Ein paar Dutzend Franken baar Geld wären allerdings erwünscht, denn das Einzige, was ich von landesüblicher Münze besitze,« fuhr der junge Franzose fort, »sind zwei schlechte ecuadorische Reale, sogenannte Dimesstücke, die ich Ihnen hier nicht einmal für Ihren Cognac anbieten mag. Ich darf doch einen Landsmann nicht beleidigen.«
»Alle Wetter!« lachte Renard, den diese ganz eigene Keckheit -- und er selber war sonst nicht gerade blöde -- zu amüsiren anfing, »Sie trotzen nicht schlecht auf unsere Landsmannschaft, Kamerad, denn wissen _=Sie=_ wohl, daß Sie mich hier -- mit dem neuen Regime im Lande -- durch Ihre Flucht in die furchtbarste Verlegenheit bringen können, sobald man erfährt, daß ich das Geringste damit zu thun hätte!«
»Bah!« sagte Baptiste gleichgültig. »Sie wissen recht gut, daß jeder Franzose, unter ähnlichen Umständen, das Nämliche für _=Sie=_ thun würde, also ist es nicht der Mühe werth, nur ein Wort weiter deshalb zu verlieren. Oder wollten Sie mich etwa an die Bestien wieder ausliefern?«
»Aber, bester Freund,« sagte Renard, wirklich in Verlegenheit, »was hilft Ihnen selbst ein Canoe? Der Weg von hier nach dem Pailon -- dem nächsten Platz in Ecuador -- ist gar nicht so leicht zu finden und Sie brauchen --«
»Machen Sie sich deshalb keine Sorgen,« lachte Baptiste. -- »Ich bin nicht zum ersten Male in Tomaco und kenne den Weg sowohl durch die Lagune wie um die Punta Manglares.«
»Dann, bester Freund,« sagte Renard rasch, indem er ihm ein tüchtiges Glas Cognac einschenkte, das Baptiste mit einem vergnügten »~à votre santé~! Apropos, haben Sie nicht ein paar Cigarren?« leerte -- »kann ich Ihnen keinen bessern Rath geben als -- und hier haben Sie auch einige vortreffliche Esmeralda-Cigarren -- als sich das erste beste Canoe von der Landung zu nehmen und zu machen, daß Sie fortkommen, denn wenn man Sie an Bord vermißt, werden Sie auch augenblicklich verfolgt werden, und wo soll man Sie an einem Ort verbergen der nicht einmal Wände, viel weniger heimliche Verstecke hat? Nur so viel Rücksicht bitte ich Sie auf einen Landsmann zu nehmen, daß Sie _=mein=_ Canoe liegen lassen. Es hat vorn am Bug einen kleinen Messingknopf mit einem Hufeisen darunter genagelt. Ein Ruder gebe ich Ihnen mit.«
»Sehr schön,« sagte Baptiste. »Ihr Canoe ist sicher, aber vorher beantworten Sie mir noch eine Frage. Lebt hier im Ort ein Señor Ramos? Apropos, haben Sie hier eine Hinterthüre, wenn Jemand vorn in den Laden kommen sollte?«
»Allerdings, aber je länger Sie zögern, desto schwieriger wird Ihre Flucht sein. Ein Señor Ramos lebt allerdings hier; kennen Sie ihn?«
»Ist er derselbe Ramos, der vor drei Jahren in Buenaventura wohnte?«
»Er zog glaube ich von dort nach Bogota.«
»Er hat Familie?«
»Eine sehr hübsche junge Frau und ein Kind, ein kleines Mädchen von etwa sechs oder sieben Jahren.«
»~Peste!~« rief Baptista, indem er mit dem Fuße aufstampfte, »dann kann ich noch nicht fort.«
»Und was haben Sie mit _=dem=_ zu thun?« fragte der Franzose. »Er hält mit keinem Menschen Verkehr, und von ihm dürfen Sie keine Hülfe erwarten.«
»Aber _=er=_ braucht sie!« rief Baptiste rasch. »Vor drei Jahren, als ich in Buenaventura todtkrank und verlassen lag, hat _=er=_ mich in sein Haus aufgenommen und wie ein eigenes Kind gepflegt. -- Seine Frau ist ein Engel und die kleine Adriana ein Cherub. Meine Hand soll verdorren, wenn ich die braven Leute im Stich lasse!«
»Das ist nicht übel!« rief Renard ärgerlich werdend. »Erstlich braucht Señor Ramos weder Ihre noch eines andern Menschen Hülfe, und verlangt sie auch wahrscheinlich gar nicht, und dann möchte ich wissen, was _=Sie=_ ihm nützen wollten, da Sie sich selber nicht einmal auf offener Straße dürfen blicken lassen.«
»So haben Sie nichts davon gehört?« fragte Baptiste, »daß ihn der neue Commissair -- diese schieläugige Canaille mit dem Körper einer Katze und der Seele eines Schakals -- gefangen nach Buenaventura schleppen will, ihn und die junge Frau und den Engel von einem Kind in jene Hölle von Gefängniß, das mich, einen starken, kräftigen Mann, fast zum Selbstmord trieb?«
»Alle Wetter!« sagte Monsieur Renard halblaut und erstaunt. -- »Also darauf liefen die Anfragen des Señor Fosca hinaus? -- Aber wie können Sie ihm helfen?« fuhr er dann laut und kopfschüttelnd fort. »In der Stadt hat Señor Ramos wenig oder gar keine Freunde, denn er hielt mit keinem Menschen Verkehr und war immer stolz und aufgeblasen. -- Gegen mich auch,« setzte er etwas gereizt hinzu, »denn ich kam ihm ganz freundlich entgegen und meine Frau hat den Leuten sogar einen Besuch gemacht, obgleich wir sie gar nicht kannten, aber nicht ein Fuß von ihnen ist über unsere Schwelle gekommen, außer den, welchen die Dienstleute darüber setzten, wenn sie Waaren holten, die sie aber schon hier holen _=mußten=_, weil sie sie sonst nirgends so gut und billig bekommen.«
»Hat er seinen Neger bei sich?« fragte Baptista rasch, und ohne auf das, was Renard sagte, zu hören, »einen flinken Mulattenjungen, der Antonio heißt?«
»Einer des Namens ist allerdings bei ihm, ein Bursche von vielleicht vierundzwanzig Jahren.«
»Wenn ich nur _=den=_ wenigstens sprechen könnte, daß man ihn warnte --«
»Alle Teufel!« rief Renard schnell. -- »Jetzt kommen Leute.«
»Wo ist das Ruder?« rief Baptista rasch.
»Da hier in der Ecke lehnen zehn oder zwölf.«
Der Franzose griff ohne Weiteres eins davon heraus.
»Dort hinaus! Da ist die Thüre in den Hof. -- Machen Sie, daß Sie hinüber nach Ecuador kommen.«
Baptista sprang der Thüre zu, als dort ebenfalls Stimmen laut wurden.
»Caramba!« murmelte er leise vor sich hin. -- »Das war zu spät.« Den Blick umherwerfend erspähte er ein leeres Brodfaß, das dicht neben der Ausgangsthüre und in einer Art von Gang stand, der aber nur durch Kisten, Nagelfässer und sonstige Waaren gebildet wurde. Ohne Renard ein Wort weiter zu sagen, oder ihn um Erlaubniß zu fragen, legte er die Hand auf den Rand desselben, stützte sich mit der Rechten auf das Ruder und sprang hinein. Das Ruder lehnte er dann daneben und hatte eben noch Zeit sich unterzuducken, als die Thüre auch schon aufging und ein paar Einwohner von Tomaco, unter ihnen der Postmeister, den Laden auf diesem ihrem Hause näher liegenden Wege betraten. Gleichzeitig kam auch, laut und leidenschaftlich mitsammen redend, ein Schwarm von Menschen von der anderen Seite und Renard, der, ehe er nur einen Entschluß fassen konnte, seinen verzweifelten Landsmann schon in seinem Versteck und dessen Flucht für jetzt wenigstens völlig abgeschnitten sah, warf nur rasch und fast unwillkürlich eine gerade dort liegende alte Matte über das Faß, und machte sich dann bereit, seine -- jedenfalls in _=diesem=_ Augenblick unwillkommenen -- Gäste zu empfangen.